Ärztlicher Bereitschaftsdienst in Bayern. Fahrdienst. Ich bin für ein riesiges Gebiet zuständig. Nachts. Alleine. Das Telefon piepst im Minutentakt, eine SMS nach der anderen trudelt ein. Alle mit Hausbesuchsaufträgen.
Der Grossteil davon lässt sich zum Glück telefonisch erledigen, aber die Nacht ist im Eimer. Morgens um drei Uhr schaffe ich es endlich mal, kurz im Tiefschlaf zu versinken. Prompt piepst es wieder. Hmpf. Ich sehe die Telefonnummer und rufe an. Die Adresse ist in einem Ort am anderen Ende des Dienstgebietes, etwa eine Stunde Fahrzeit.
Ich: „Guten Morgen, hier ist der Bereitschaftsdienst. Sie hatten um Rückmeldung gebeten. Was gibt es denn?“
Männliche Stimme: „Ja, ich brauche jetzt sofort dringend einen Hausbesuch.“
Ich: „Ja was ist denn los?“
Männliche Stimme: „Ja, ich kann so schlecht schlafen und bräuchte dringend ein Schlafmittel.“
Ich: „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder?“
Männliche Stimme (sehr fordernder Ton): „Ja doch, selbstverständlich ist das kein Scherz. Wie lange brauchen Sie, bis Sie bei mir sind?“
Ich: „Sorry, das ist jetzt morgens um drei definitiv kein Grund für eine ärztliche Konsultation und schon gar nicht für einen Hausbesuch. Wenden Sie sich bitte morgen an Ihren Hausarzt.“
Männliche Stimme (sehr empörter Ton): „Ich habe ein akutes medizinisches Problem und Sie sind dafür zuständig, also setzen Sie sich jetzt bitte sofort in Bewegung.“ (originaler Wortlaut)
Ich (kurz vorm Explodieren, aber noch sehr höflich): „Nein, das ist kein akutes Problem und dafür ist der Bereitschaftsdienst nicht da.“
Männliche Stimme (noch empörterer Ton): „Wenn ich den Pizzaboten bestelle, dann zickt der nicht so rum.“
Da hab ich aufgelegt. Irgendwann reicht es.
Der Herr mit der fordernden Stimme soll doch mal nachts um drei versuchen, einen Klempner oder einen Schlüsseldienst zu bestellen …
Die Flatrate-Mentalität in der ambulanten Versorgung ist im Praxisalltag schon schlimm genug, aber im Bereitschaftsdienst ist es teilweise unerträglich. Da braucht sich keiner wundern, wenn ärztliche Kunst nur noch als jederzeit frei verfügbare und kostenlose Dienstleistung eingeschätzt wird. Hausbesuche müssen Geld kosten, und wer krank ist, kann es sich von der Kasse erstatten lassen. Dann ist Schluß mit diesem Mißbrauch. Und der Beruf des Pizzaboten ist durchaus wichtig und ehrenwert. Aber so einen gewissen Unterschied würde ich da schon noch geltend machen.