Ich begegnete der Familie Chen erstmals in meiner Küche und war sofort fasziniert. Ehrlich gesagt, wenn sie mir woanders begegnet wären, hätte ich sie vermutlich nicht einmal am Rande wahrgenommen, aber in so einer Küche ist ziemlich wenig los, also greift man zu jeder Zerstreuung, die sich einem bietet, sogar zu so einer wie Mia, die Tochter der Familie, mit der grausigen Stimme sie einem bietet. Mia ist 24 Jahre alt, oder 28, oder vielleicht auch nur 19. Manchmal heißt sie auch Maria oder Mirjam, beinahe immer aber mit Nachnamen Chen, weshalb ich annehme, dass das der richtige Name ist. Die Familie Chen sind die Nachkommen einer alten norddeutschen Kaufmannsdynastie, wohnen in Hamburg an der Elbchaussee und haben Geld wie Heu. Also, alle außer Mia-Maria natürlich. Mia-Maria-Mirjam hat das Studium abgebrochen, um alle Energie in ein kleines, vielversprechendes Start Up zu stecken. Papa Chen war stinkesauer deswegen und weigerte sich, sie zu unterstützen oder auch nur weiterhin liebzuhaben. Macht aber nichts, er hat ja noch andere Kinder. Die Goldkinder der Familie, entweder Mia-Margaretes älteren Bruder Jonas, der in seinem ganzen Leben noch nicht einen Tag gearbeitet hat, aber von Vaddern als neuer CEO des Familienunternehmens geführt wird, oder aber Friederike-Elsa-Manou, die jüngere Tochter, die einen erfolgreichen TikTok-Kanal mit 17 Followern betreibt, weswegen sie von ihren Eltern als Wunderkind gefeiert wird. Mia-Mirjam dagegen muss sich nun von Ramen ernähren und einen alten Volvo fahren., während sie Nächte hindurch arbeitet.
Eines Tages wird Mia-Melanie-Hannelore zum Essen eingeladen. Sie freut sich, geht hin und wundert sich kein bisschen über die Essenszusammenstellung wie „Ente mit Kartoffelbrei“ oder „Sushi mit Erbsensuppe“. Ich schon, aber ich stamme auch nicht aus einer alteingesessenen Hamburger Kaufmannsfamilie, deshalb kann ich da wohl nicht mitreden. Jedenfalls, während des Essens teilt Vater Chen seiner ungeliebten Tochter mit, dass sie nunmehr a) enterbt, b) vom Familienurlaub ausgeladen und/oder c) einfach nur kacke ist. Mia-Sophie-Elena steht daraufhin auf, verlässt mit starrem Blick das Haus und setzt sich in ihren alten Volvo, während sie einen Anruf tätigt und alle Zahlungen stoppt. Minuten später explodiert ihr Handy.
Okay, das klingt nach einem ernsthaften Handydefekt, bestimmt ein Garantiefall, aber tatsächlich ergänzt Mia-Hannelore-Gudrun den Satz noch :“…34 verpasste Anrufe und 147 Sprachnachrichten…“. Es stellt sich heraus, dass Mia-Abraxas-Walburga schon seit 17 Jahren die Hypothekenzahlungen für die Villa an der Elbchaussee, das Gehalt ihres Bruders, die Mitgliedschaft der Mutter im Countryclub sowie die Kosten für Papis Lieblingsjoghurt gezahlt hat, ohne dass es jemals jemandem aufgefallen ist. In Wahrheit ist Mia-Pippilotta-Danones Start Up nämlich das erfolgreichste Unternehmen des Jahres, hat Papas Kaufmannsdynastie-Geschäft vor drei Jahren heimlich aufgekauft und nächste Woche ist Mia-Antoinette-Toilettes Bild auf dem Cover der Forbes. Als Unternehmerin des Jahres. Und den alten Volvo fährt sie nur, weil sie den mag. In ihrer Garage steht noch ein privater Hubschrauber.
Und während Brudi meckert, weil er kein Geld mehr hat, Mutti in Tränen ausbricht, weil der Countryclub sie nicht mehr haben will, Schwesti… keine Ahnung was aber sie meckert jedenfalls auch rum… und Papi erstens in eine Zwei Zimmer Sozialwohnung ziehen muss und sich zweitens fürchterlich schämt, fährt Mia-Krikitta-Frolica mit ihrem treuen Volvo ungerührt in den Sonnenuntergang.
Dann ist die KI-generierte Geschichte zu Ende und mein Handy schüttelt sich einmal angewidert und fragt höflich, ob ich nicht nun lieber die Börsenkurse oder die Lage zur Nation hören möchte, um ein wenig Stimmung, Authentizität und vor allem Stil in mein Leben zu bringen.
Will ich aber nicht.
Der Abwasch ist nämlich fertig.
Morgen beim Abwaschen höre ich mir dann mal an, wieso der Alpha-Werwolf sich so unsterblich in die arme, unscheinbare Omega-Dienerin verliebt, obwohl die ihren mächtigsten-aller-Werwölfe in der In-Farbe Silber doch so sorgfältig vor der Welt versteckt hat, weil ihre Eltern, die zufällig die Könige des Nachbarlandes waren (was natürlich keiner weiß) ihr vor ihrem Tod gesagt haben, dass so ein silberner Wolf nur Probleme bringt.
Wird sicher spannend.
