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Heike Pohl

Begrabt mein Herz in Dresden

Vom richtigen Leben im falschen – die Geschichte von Edward Two-Two

(Diesen Text habe ich vor zwei Jahren für ein Magazin geschrieben. Die Geschichte des Lakota-Sioux Edward Two-Two hat mich sehr bewegt. Ihm ist der Beitrag – auch vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um Karl May und seinen Winnetou gewidmet.)

Durch karstiges Gebirge, das – wie man heute weiß – nicht in den USA sondern im ehemals jugoslawischen Kroatien als Film-Kulisse für das Karl-May-Epos diente, ritten einst Seite an Seite der edle „Wilde“ Winnetou und sein nicht minder charakterstarker Blutsbruder Old Shatterhand. Auch über die Film-Kulisse hinaus dürfte reichlich wenig authentisch gewesen sein in den Filmen, die für lange Zeit und sehr nachhaltig das Bild von den Indianern geprägt haben, das wir Deutschen hatten.

In getragenen Worten und stets in der dritten Person über sich selbst redend, schwadronierte sich der Häuptling der Apachen von einem Klischee zum nächsten, als gelte es, den Gegner in Grund und Boden zu reden und nicht zu reiten. Tempo und Musik, Mimik und Gestik und insbesondere auch die immer salbungsvoll gehaltenen Dialoge der „Guten“ in diesem Western sorgten für mehr Pathos, als dies jeder kaiserliche Sissi-Film ein paar Jahre zuvor je zustande gebracht hatte. Und auch hier weiß man inzwischen, wie groß die Kluft ist zwischen Realität und filmischer Umsetzung.
Pferde, deren Zäumung, Sattelzeug, die Kleidung von „Indianern“ und „Weißen“ – nahezu jede verwendete Requisite bediente Klischees und jeder leibliche „Indianer“ hätte sich vermutlich totgelacht über die Dialoge und Stereotype, mit denen eine ganze Nation von ihren Sofa-Garnituren entführt und hineingetragen wurde in die aufregende Welt des „Wilden Westen“, in der die Rollen von Gut und Böse klar verteilt waren und dabei munter und von allen Seiten geballert und gemordet wurde.

Im zweiten Teil der Trilogie „Satan und Ischariot II“, dem 1897 erschienen Band 21 aus Karl Mays „Gesammelten Reiseerzählungen“, besucht die Romanfigur Winnetou ihren Freund Old Shatterhand in Dresden. Beider Schöpfer dürfte zu diesem Zeitpunkt kaum geahnt haben, dass Jahre später genau dort ein wahrhaftiger „Häuptling der Indianer“ seine letzte Ruhestätte finden würde und dass dieser Mann seine Popularität unter anderem auch ihm – Karl May und seinen Indianer-Erzählungen – zu verdanken hatte.

Währenddessen die Romanfigur Winnetou lt. Karl May als Allegorie angelegt war, setzte ein wahrer, ein leibhaftiger, ein echter Indianer und noch dazu ein Häuptling seinen Fuß auf deutschen Boden. Sein Name: Edward Two-Two.
Und auch wenn der eine frei erfunden und der andere ganz real gewesen ist, so eint sie doch ein ähnliches Schicksal, denn beide bedienen Klischees, wecken und erfüllen Phantasien und Vorstellungswelt ihres Publikums in seiner Neugier und Lust auf Exotik.

Beide hatten in ihrem öffentlichen Auftreten, in der jeweiligen „Show“, deren Protagonisten sie waren, reichlich wenig mit den realen „Indianern“ gemein, denen die Siedler und Eroberer in Nordamerika einst bei ihrer Ankunft in der neuen Welt begegnet waren. Und noch viel weniger mit dem, was die neuen Herren im Land von den ehemals frei und ungebunden lebenden Menschen nach der Eroberung Nordamerikas übrig gelassen hatten:
In Reservate und zur Sesshaftigkeit gezwungene Menschen, denen man ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Rituale, ihre Identitäten, ihr Land, ihre Freiheit und ihr Selbstbestimmungsrecht genommen hatte.

Winnetou, erfunden, um ein Held zu werden, und Edward Two-Two, rekrutiert, um das Klischee vom „edlen Wilden“ nach Europa zu tragen – beide waren sie wenig sie selbst und mehr Projektionsfläche für das, was andere in ihnen sehen wollten.

Ein schmales Grab, ein schlichter Stein, ein kleine amerikanische Flagge, immer auch wieder geschmückt mit indianischen Insignien – so liegt sie da auf dem „Neuen katholischen Friedhof zu Dresden“, die letzte Ruhestätte von Edward Two-Two, einem Angehörigen vom Stamm der Lakota-Sioux, den die Scouts der großen Völkerschauen von Hagenbeck aus Hamburg dort rekrutierten, wohin ihn und die seinen die amerikanische Regierung gezwungen hatte: Im Pine-Ridge-Reservat in South Dakota.

Two-Two wurde 1851 geboren und gehörte zum Stamm der Lakota-Sioux, die ursprünglich gemeinsam mit den anderen Sioux-Stämmen westlich der Großen Seen im Norden der USA lebten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten die Sioux in großen kreisförmigen Lagern aus Tipis, Zelten, die mit den Häuten von Bisons bespannt waren. Die Sioux waren Nomaden, ihr Hab und Gut transportierten sie mit ihren Pferden und ihr Leben war untrennbar mit dem der riesigen Bisonherden verbunden. Fleisch, Innereien und Knochenmark der Tiere dienten der Ernährung, aus der Haut stellten die Sioux Kleidung, Schuhwerk und die Häute für ihre Tipis her. Die reißfesten, stabilen Sehnen dienten als Nähmaterial und zur Bespannung ihrer Bögen und sogar der Mist, den die riesigen Herden hinterließen, wurde verwendet: Mit ihm heizte man das Lagerfeuer an.

Sozialpsychologische Gutachten kamen zu dem Resultat, dass die Lakota-Sioux eine „nicht destruktive, nicht aggressive Gesellschaft bildeten, deren Kultur durch Gemeinschaftssinn, ausgeprägte Individualität, eine zielgerichtete Kindererziehung und reglementierte Umgangsformen“ gekennzeichnet waren.
Oder – um es verkürzt zusammenzufassen: Die sog. „Wilden“ waren nicht schlechter als die, die ihnen ihr Land und ihre Freiheit nahmen und sich eines Narratives bedienten, mit dem die Lakota kaum etwas zu tun hatten. Diese haben sich lediglich gewehrt dagegen, beraubt und verdrängt zu werden.
1805 schlossen die Lakota ihren ersten Vertrag mit der US-Regierung ab, doch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts drängten immer mehr Menschen in ihr Land und es kam zu Konflikten, die auf beiden Seiten tausende Menschenleben kosteten und schließlich andauern sollten bis zum für die Geschichte der USA wenig rühmlichen Massaker in der Nähe von Wounded Knee.

Am 29. Dezember 1890 tötete die US-Army dort über 300 Männer der Lakota-Sioux, die sich bereits ergeben hatten und entwaffnet worden waren, und begruben damit jegliche Hoffnung des Stammes auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Würde.

Zu diesem Zeitpunkt war Two-Two, der seinen Namen Edward katholischen Missionaren zu verdanken hatte, ein Mann von 39 Jahren. Ihm und den anderen Mitgliedern seines Stammes waren sechs Reservate zugeteilt, die lediglich einen Bruchteil der Größe ihres einstigen Territoriums darstellten. Unter fürchterlichen Lebensbedingungen, die Lebenserwartung lag bei gerade einmal 44 Jahren, wurden die Lakota in ein Leben gezwungen, gegen das sie sich jahrzehntelang und letztlich vergeblich zur Wehr gesetzt hatten.
Alkohol und Drogen, eine dreimal so hohe Kindersterblichkeit wie im Durchschnitt der restlichen USA, hohe Selbstmordraten unter Jugendlichen und eine mehr als bescheidene Gesundheitsvorsorge – das in etwa waren die Lebensumstände, die Edward Two-Two die Entscheidung leicht gemacht haben dürften, ein paar Jahre später, er diente inzwischen in der Reservatspolizei, einem verlockenden Ruf aus Europa zu folgen.

Im Jahr 1910 rekrutierten Abgesandte des Hamburger Zoos Hagenbeck ihn und viele andere Indianer, um im Rahmen der sog. Völkerschauen den „Wilden Westen“ in deutsche Städte und Wohnstuben zu tragen.

In ihrer 2012 ausgestrahlten Dokumentation „Begrabt mein Herz in Dresden“ begibt sich die Filmemacherin Bettina Renner auf Spurensuche und dorthin, wo noch immer Familienangehörige von Edward Two-Two leben. Der Film porträtiert Lakota-Sioux, wie sie heute in den ihnen von den weißen Eroberern zugedachten Reservaten leben, von wo aus Edward Two-Two über 100 Jahre zuvor aufgebrochen war in sein neues Leben. Er sei, sagt seine Enkeltochter Mary in einem Interview, kein Häuptling im Stil der Westernfilm-Romantik gewesen, eher das respektierte und anerkannte Oberhaupt seiner Großfamilie.
Denn erst Hagenbeck und später dann der Zircus Sarrasani hatten ihm eine andere, hatten ihm die Rolle seines Lebens zugedacht: Sie machten Two-Two zum Häuptling, zum „Herrscher über die Krieger der Prärie“ – zur Sensation in der Manege.

Völkerschauen – von der Arktis bis Feuerland
„Was zuerst wie ein artiges Spiel und eine angenehme Abwechslung erschien, erwies sich als ein großes Glück. Der Tierhandel, weit davon entfernt, lukrativ zu sein, brachte in jenem Jahre große Verluste, und die Völkerschauen waren es nun, durch welche das Manko gedeckt wurde“, berichtet Carl Hagenbeck in seinem Werk „Von Tieren und Menschen“ über seine Gründe, Menschen aus der ganzen Welt „einzusammeln“ und sie dem deutschen Publikum zu präsentieren, sie auszustellen und vorzuführen.
Eine von Hagenbeck an anderer Stelle beschriebene Szene bringt die ganze Absurdität seiner Unternehmung, Menschen ihrer Kultur zu entreißen und sie zur Schau zu stellen, deutlich zum Ausdruck:
„Plötzlich schlug aus der Ferne der dumpfe Laut von Pferdegetrappel an sein Ohr. Im nächsten Augenblick tauchte aus der Dämmerung eine Schar wildaussehender Indianer auf und sprengte mit gellenden Rufen auf den Verirrten zu. Das Pferd, die Büchse, die er trug, und die blanken Knöpfe seiner Schiffsuniform genügten, um in ähnlichen Fällen die Begehrlichkeit der vor einem Totschlag nicht zurückschreckenden Indianer zu reizen. Der Deutsche (Anm.: Ein junger Offizier eines deutschen Kriegsschiffes) packte sein Gewehr und beschloß, sein Leben so teuer als möglich zu verkaufen – als sich etwas ganz Seltsames und schier Unglaubliches ereignete. Auf einen Schrei des heransprengenden Häuptlings zügelte die ganze Schar ihre struppigen Gäule. Der Häuptling ritt allein an den Fremden heran, starrte ihn an und rief mit freudig bewegter Stimme: »Du Capitano Vapore Hagenbeck?« – Dem Deutschen tönte dieses Wort wie eine Erlösung, war er doch ein geborener Altonaer, und blitzschnell kam ihm der Gedanke, daß der Indianer wohl zu einer der Völkerschauen gehört haben mochte, die er so häufig in meinem Tierpark gesehen hatte. Schnell faßte er sich und rief hocherfreut: »Ja, Hagenbeck Amburgo Capitano!« […] Das Geheimnis, welches dieser kleinen Episode zugrunde liegt, wird der Leser schon erraten haben. Der patagonische Häuptling hatte sich wirklich einst in einer meiner Völkerschauen befunden. Kapitän Schwers hatte ihn nebst Frau und einem zwölfjährigen Sohn auf einem Kosmosdampfer nach Hamburg gebracht. Die kleine Familie war aber nur wenige Wochen in meinem Tierpark, wo sie ihre Spiele mit Lasso und Bola dem Publikum vorführten. In Dresden, wohin ich die Indianer auf einige Wochen gesandt hatte, bekam Pitjotsche Heimweh und flehte mich an, ihn zu seiner Pampa zurückzusenden. Ich kam seiner Bitte nach und sandte ihn mit dem nächsten Kosmosdampfer nach Punta Arenas zurück.“

Über Edward Two-Two und seine Liebe zu Deutschland heißt es in Bettina Renners Film: „Sie behandelten ihn, wie einen Menschen. Er entkam der Trostlosigkeit des Reservats und blühte in seiner Rolle als großer Häuptling der Lakota-Sioux geradezu auf.“
Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen ihn im März 1913 in stolzer Haltung auf einem weißen Pferd, geschmückt mit Federn und indianischer „Tracht“ inmitten einer riesigen Parade durch die Straßen Dresdens ziehen, links und rechts bejubelt vom deutschen Publikum, das zu dieser Zeit ganz Karl-May und den Legenden rund um den Wilden Westen verfallen war. Die Kinder hatten schulfrei und alle befanden sich im Winnetou-Fieber.

Ein Jahr zuvor erst war Karl May im benachbarten Radebeul verstorben. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Two-Two zum Ensemble des Zirkus Sarrasani. Sarrasani hatte ihn für seine Wildwestshows verpflichtet und zum Häuptling „gekrönt“ und tourte mit ihm durch Deutschland.
Immer wieder kehrte Edward Two-Two in seine Heimat, in die Staaten zurück, und immer wieder auch verlängerte er seine Verträge. In ihnen war festgelegt, dass Indianer auf und abseits der Bühne sich selbst zu spielen und in Tipis zu wohnen hatten. Die Schau war eine Sensation. „Nach seiner Rückkehr wollte er deshalb schnellstens wieder nach Deutschland“, resümiert Bettina Renner. Die Chance hierzu ergab sich, als der Dresdner Zirkus Sarrasani nach dem Vorbild des Amerikaners William Frederick Cody, genannt Buffalo Bill, Wild-West-Shows ins Programm nahm – rasante Aufführungen und eine Art Vorläufer der späteren Westernfilme.

Als Two-Two 1914 ein drittes Mal in Deutschland ist, wieder bei Sarrasani, erkrankt er schwer und verstirbt Ende Juli während der Tournee in Essen.

Die Todesanzeige in den „Dresdner Neuesten Nachrichten“ erscheint am gleichen Tag wie der Aufruf zur Mobilmachung. Seine Frau Helena und seine Tochter fliehen nach England und von dort in die USA. Tote Indianer müssen laut Vertrag der Showveranstalter ebenfalls nach Amerika überführt werden, doch der Zinksarg mit Two-Twos Leichnam wird drei Tage später mit der Eisenbahn nach Dresden überstellt und dort beigesetzt.

„Begrabt mein Herz in Dresden“, so lautete Two-Twos letzter Wille, an dem Ort seine letzte Ruhe finden zu können, an dem er die für ihn vermutlich schönste Zeit seines Lebens verbracht hatte und den er mit angenehmsten Erinnerungen in Verbindung gebracht haben dürfte. Hagenbeck und Sarrasani hatten ihn aus seiner Heimat weggelockt. „Für Edward Two-Two war das trotz aller Inszenierung fernab seiner Heimat die Chance, der zu sein, der er war: ein Lakota-Sioux“, hält Bettina Renner fest.
In Dresden begraben zu werden, war Edward Two-Twos ausdrücklicher Wunsch, obwohl die Lakota eine sehr enge Bindung zum Land ihrer Vorfahren haben. Im National-Archiv in Washington D.C. fand Renner das Original-Dokument mit seinem letzten Willen, beglaubigt von Frau und Tochter gegenüber einem amerikanischen Konsul in Essen.

Der Grabstein wurde erst 1926 aufgestellt, vermutlich von Sarrasani, der von jenem Jahr an mit Verweis auf die Ruhestätte des berühmten „Häuptlings“ für eine Neuauflage seiner Indianershows warb. Seine Show lief noch bis 1937 und anfangs nahmen die Witwe und die Tochter Two-Twos daran teil.
Später geriet das Grab allerdings in Vergessenheit. Im Jahr 2000 übernahm seine Pflege der Dresdner Hartmut Rietschel und bewahrte es so vor der Einebnung – ebenso ein weiteres Grab in Emden, wo ein weiterer „Sarrasani-Indianer“, der 1932 starb, begraben liegt.

Die Inschrift auf Two-Twos Grab, das bis heute existiert und in von einem Indianistik-Club in Ehren gehalten wird, lautet:

„Zum Paradies mögen Engel dich geleiten.“

Bild: Edward Two-Two, Filmverband Sachsen

ps.: Ich habe bewusst den alten und längst korrigierten Begriff des „Indianers“ verwendet, um den geschichtlichen Zusammenhang darzustellen und es meinen Lesern zu überlassen, eigene Rückschlüsse zu ziehen. Korrekt müsste es heißen: Indigenas, Native Americans oder First Nations.

家常紅燒肉 – Soulfood aus China

Ich hab ja neuerdings einen echten Koch-Tic und muss – mindestens! – einmal die Woche Sushi machen. Ich muss einfach, weil dabei das Handwerkliche so wunderbar mit der unnachahmlichen Frische der Produkte und der appetitlichen Optik uuuuuuuund dem unglaublich leckeren Geschmack aufeinandertrifft. Und über Japan, frischen Fisch, Algen und unglaublich scharfen Wasabi bin ich in China gelandet, wo man aus schlichtem Schweinebauch, den man hierzulande eher von der Schlachtplatte oder vom Grill kennt, ein so aromatisches und feines Gericht zaubert, dass ich restlos begeistert bin.

家常紅燒肉 oder auch Hong Shao Rou heißt diese asiatische Köstlichkeit. Und im Netz gibts dazu unzählige Rezepte. Jede chinesische Familie, so wird berichtet, bereitet das Gericht anders zu. Und wer das nachkochen will, tut gut daran, sich mehrere Versionen anzusehen, um sich diejenige auszusuchen, die einem am meisten zusagt. Zusammengefasst wird der Schweinebauch mit vielen Aromaten erst gekocht, dann angebraten und schließlich lange im Ofen geschmort. Am Ende ist das Fleisch butterweich, appetitlich rötlich-braun, glasiert und im Geschmack süsslich-scharf. Es hat wirklich kaum mehr etwas zu tun mit dem tranig-fetten Bauch, den man meint, zu kennen.

Was mir bei allen Rezepten, die ich mir angesehen habe, fehlt – das ist ein knackiger, frischer Gegenspieler zum weichen Fleisch. Ein Gemüse mit Biss oder vielleicht sogar ein Krautsalat, dessen Säure im Kontrast zur Süße steht. Aber das kann ja tatsächlich jeder machen, wie er mag. Ich halte mich beim Kochen ohnehin niemals streng ans Rezept (deshalb kann ich auch absolut nicht backen), sondern variiere und entwickle eine eigene Machart.

Was auf jeden Fall in Hong Shao Rou reingehört:

Sternanis, Zimt, Muskatnuss, Lorbeer, chin. Kochwein, helle und dunkle Sojasauce, Ingwer, Knoblauch, rote Chilli, brauner Kandiszucker, karamellisiert, Frühlingszwiebeln satt und Schweinebauch, der in diesen wunderbaren Aromata so lange geschmurgelt wird, dass das Gericht auch „Melt in your Mouth Porky Belly That Makes you go mhhhhhhh“ genannt wird.

Am Ende all der Mühe bleibt butterweiches Fleisch, eine Geschmacksexplosion und eine seidig-glänzende, super leckere Sauce.

Soulfood deshalb, weil im Augenblick die Küche, das Kochen etwas ablenken mag von der fürchterlichen Weltenlage und der Enge und Eintönigkeit im Home-Office. Wenn es dann am Abend plötzlich asiatisch oder provenzalisch oder italienisch oder arabisch oder griechisch oder türkisch im Haus duftet, dann ist das immer ein bisschen wie ein kleiner Kurzurlaub.

(Foto: Handy)

Hier wird das prima vorgekocht.

请您用餐 - Qǐng nín yòngcān - Guten Appetit!

Martin Langer

Ich bin ihm zum ersten Mal vor vielen Jahren in einem seiner berühmtesten Fotos „begegnet“ und dann – viel später – bei Facebook auch persönlich. So oft habe ich mich über seine engagierten, ziemlich direkten und kompromisslosen Kommentare zu Themen wie Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus diebisch gefreut. Wo ich viele Worte brauchte, landeten seine knappen Sätze Treffer für Treffer. „Ich fand Ihre Anmerkungen zu dem Lackaffen gut“, schrieb er mir zu Anfang. Wer damit gemeint war, weiß ich nicht mehr, aber worum es ging schon: Nämlich genau um dieses große und mich mit ihm verbindende Thema Rassismus/Rechtsextremismus.

Und später dann, als sich unsere Kommentare wieder einmal gekreuzt und ich mich wieder einmal über seine verbalen Volltreffer gefreut habe, erwiderte er in gewohnter wortkarger Manier:
„Ich bin zu alt für Nettigkeiten“.

In einem Gespräch hat mir Martin Langer erzählt, wie sehr und wie lange ihn die eine Woche im August 1992 – die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen – verfolgt haben. Er hat von der Atmosphäre der Angst gesprochen, in der ebendieses eine Foto entstanden ist, das auch heute noch sinnbildlich für den tumben, dumpfen und billigen Hass auf „Ausländer“ steht. „Den hab ich mal fotografiert, vielleicht kennen Sie das schon. Er tat es, während vor seinen Augen pogromartig versucht wurde, 100 Menschen zu verbrennen. Rostock 1992“, schrieb er mir. Und meinte damit den arbeitslosen Maschinisten Harald Ewert, der – in Sandalen, in im Schritt nassen Jogginghosen und im Trikot der Nationalmannschaft – seinen rechten Arm zum Hitlergruß reckt, während in unmittelbarer Nähe eine entfesselte Jagd auf Menschen stattfindet.
Siehe auch DER Spiegel

Martin Langer ist dieses eine und wirkmächtige Foto, aber eben noch so viel mehr. Ich habe ihn bewundert für seinen so ganz besonderen Blick auf die Menschen, die er fotografiert hat. Und gemocht für seinen feinen Humor, für seinen Blick für Skurriles, für das Besondere im Alltäglichen. Für die Geschichten, die er in seinen Fotos erzählt. Und mich zuletzt über seinen Bildband „Das Land des Lächelns gefreut“, den ich auch für ein kleineres Publikum besprochen habe.

Heute habe ich die traurige Nachricht erfahren: Martin Langer ist tot.
In ein paar Tagen wäre er 66 Jahre alt geworden.
Er starb viel zu früh, um zu alt für das Leben zu sein.

Ich möchte, auch mit Blick auf seine Kinder, die Martin Langer hinterlässt, diesen feinen Fotoband ans Herz legen.

Lieber Martin, ich bin von Herzen traurig, du „Flaneur im öffentlichen Raum“.
Mein Mitgefühl gilt deinen Kindern und allen, die dich lieben.

Eine Liebeserklärung an ein Buch über die Liebe

„Liebe in Zeiten des Hasses“ von Florian Illies. Eine #Liebeserklärung an ein #Buch über die #Liebe

Ich lese abends vor dem Einschlafen und im Bett und knicke in Ermangelung eines Bleistifts gern die Seiten sachte ein, wo mir eine Passage besonders wichtig erscheint, besonders gefällt, sprachlich im positiven Sinne auffällt oder ich eventuell später noch einmal nachschlagen will, was mich über die Lektüre hinaus interessiert.

Das Buch, das vor mir liegt, ist voller solcher Eselsecken.

Alfred Döblin, Bertolt Brecht, Erich Mühsam, Leni Riefenstahl, Marlene Dietrich, Pablo Picasso, Dali, die Familie Mann, Hannah Arendt, Erich Maria Remarque, Lee Miller, Man Ray, Gustav Gründgens, Coco Chanel, Einstein, Josephine Baker, Adorno, Dietrich Bonhoeffer, Truman Capote, Charlie Chaplin, Hermann Hesse, Hans Fallada, die Fitzgeralds, Greta Garbo, Kandinsky, Nabokov, Lola Montez, Kleist, Klee und Klemperer, Rowohlt, Sartre, Simone de Beauvoir, August Sander, Suhrkamp, Georg Trakl, Tucholsky, Billy Wilder, Kurt Weill, Carl Zuckmayer, Stefan Zweig und unzählige andere Frauen und Männer – Florian Illies‘ Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“ ist ein Meisterwerk der Recherche und ein Who-is-Who der 20er- und 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dieses 400 Seiten starke, wirklich starke Buch ist zudem eine wortgewordene Liebeserklärung an die Liebe in all ihren Facetten, ihren Nuancen, ihren Ungereimtheiten, Abwegen, Irrungen und Wirrungen, in all ihrer Vielschichtigkeit – vom Platonischen über das Leidenschaftliche hin zur Obsession.

Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, das meine Stimmung mit jeder gelesenen Seite in einem solchem Maße hat heller und freundlicher werden lassen und das selbst dann noch, als Illies über das Jahr 1933 hinaus deutsche Schriftsteller, Philosophen, Wissenschaftler, Verleger, Redakteure, Journalisten, Maler, Bildhauer, Poeten, Theaterleute und Film-Schauspieler, Intendanten, Fotografen und Tänzer – ja sämtlich prominente Persönlichkeiten jener Zeit – auf ihrer Flucht ins Exil in die Schweiz, nach Frankreich, Italien oder die USA begleitet, wo sie, verfemt und verfolgt von Hitler-Deutschland und dem Stigma der sog. „Entartung“, oftmals höchst verzweifelt oder gar vergeblich versuchten, anzukommen und heimisch zu werden. Tragisch und auf merkwürdige Weise dann doch auch wieder tröstlich nachzulesen, wie von Talent, Begabung und Können verwöhnte Leben mit einmal zurückgeworfen sind aufs Zwischenmenschliche, auf diejenigen, die ihnen geblieben, von denen sie umgeben sind: Auf die wenigen, die (noch) zu ihnen halten und ihren Untergang in Mutlosigkeit und Verzweiflung zu verhindern wissen. Doch Illies schafft es, dass selbst in dieser stockfinsteren und von Hass erfüllten Zeit das Licht der Hoffnung nie ganz erlischt und am Ende und auf der letzten Seite des Buches sogar dessen Titel fragwürdig erscheint: Denn bei all der Liebe, der Leidenschaft, dem Verlangen, den größeren und kleinen Sünden, den seelischen Offenbarungen bleibt dem Hass beim Lesen kaum noch Raum, sich in den Vordergrund zu spielen. Wobei keinerlei Zweifel daran bleiben, dass so viele Existenzen, so viele Leben, so viel Lachen und schöpferische Kraft dem Hass und der nationalsozialistischen Ideologie zum Opfer gefallen sind.

Wunderbar auch die Details, all das Wissen, die erlesene Kenntnis, mit welcher das Buch aufwartet. Köstlich zu lesen, all die Anekdoten, die Bonmots aus den Leben der Stars jener Zeit, von denen es nicht wenige zu Unsterblichkeit gebracht haben, mindestens aber dazu, dass man sich auch heute und nach bald 100 Jahren noch immer für sie und ihr Werk interessiert.

Ich hätte beispielsweise nie vermutet, dass sich Erich Kästner als Muttersöhnchen entpuppen und seinen Frauen Namen wie „Pony“ geben würde, und sie – wie Illies es beschreibt – verwertet, aber nicht liebt. Seltsam berührt auch die Tatsache, wonach Kästner über sein (merkwürdiges?) Liebesleben regelmäßig sein „liebes Muttchen“ brühwarm informiert. „Sie kam sich nützlich vor und freute sich“, schrieb er über „Pony“ Margot, die er gebeten hatte, ihm in Berlin eine neue Wohnung zu suchen. „Pony wird ein bisschen zu rennen haben, aber die tut es ja gerne …“, lässt Kästner das liebe Muttchen wissen.

„So viel zur Lage der Liebe um 1930“, hält Illies an dieser Stelle lakonisch fest und zitiert Kästners Gedicht „Ein Mann gibt Auskunft“:

„Ich riet dir manchmal, dich von mir zu trennen,
und danke dir, dass du bis heute bliebst.
Du kanntest mich und lerntest mich nicht kennen.
Ich hatte Angst vor dir, weil du mich liebst.“

Doch es sind nicht nur jene Sätze – Zitate und Auszüge aus persönlichen Briefen der Protagonisten –, die mein Leserherz zum Schmelzen bringen, es sind auch seine eigenen Wortbilder, die erheitern, die weich in Herz und Seele stimmen. So schreibt Florian Illies beispielsweise über Yolla Niclas, die Geliebte Alfred Döblins: „Schon am ersten Abend ist ihr, als hätte ein Engel ihre Hand genommen. Sie fliegt mit ihm durch die zwanziger Jahre, versteckt auf seinem Rücken.“

Wunderbar auch, wenn er resümiert über Jaques-Henri Lartiques „Bilder der Vergötterung“ es geht um dessen Modell Reneé Perle: „Nie sehen die frühen dreißiger Jahre sinnlicher und nobler aus als auf diesen Schwarz-Weiß-Fotografien“, um gleich darauf trocken nachzusetzen: „Wenig später beginnt Renée Perle, sich selbst anzubeten. Sie mietet sich ein in ein Pariser Atelier – und malt sich selbst. Jeden Tag. Es sind Gemälde von fürchterlichem Kitsch. Immer dieselben Lippen, die auf ihrem hellen Gesicht liegen wie zwei schmale Kähne auf einem mondbeschienenen See.“

Neben all den Skandälchen und Skandalen, den amourösen und pikanten Details, den Liebes- und Leidensgeschichten, den Seitensprüngen, nach all den Über-Dreieck-Geschichten, den Ménages-à-trois, den teils verstörenden Abhängigkeiten, den Schwärmereien, den bi- und homosexuellen Amouren, den Geschichten von Musen und Meistern, von Diven und Genies, den Lebensentwürfen der Kunstschaffenden, der Parvenüs und der „Pop-Stars“ jener Zeit, hat mich u.a. die Geschichte der Fitzgeralds besonders berührt.

„Scott Fitzgerald ist wütend, dass seine Frau es gewagt hat, über ihre Jahre in Europa und die Nervenkliniken zu schreiben, damit hat sie eine Grenze überschritten“, schreibt Illies.

»Du bist eine drittklassige Schriftstellerin. Ich bin der bestbezahlte Story-Schreiber der Welt«, putzt Fitzgerald seine gemütskranke Frau Zelda herab. Illies beschreibt weiter: „Im Mittelpunkt steht immer wieder Fitzgeralds Macho-Haltung, wonach er allein berechtigt sei, über die gemeinsame Vergangenheit und die Klinikaufenthalte Zeldas zu schreiben. […] In „Zärtlich ist die die Nacht“, das 1934 erscheint, beutet er ihre Geschichte schamlos und ohne Rücksicht auf Verluste aus. Aber es ist Weltliteratur.“

Florian Illies gelingt überdies das Recherche-Kunststück aufzuschlüsseln, wer, wann, wem und wo begegnete und so von teilweise überraschenden Schnittmengen und Begegnungen zu berichten. Das Buch ist ein brillanter Reigen menschlicher Stärken und Schwächen, allein das Personenregister umfasst 9, die Auflistung relevanter Bibliografien 17 Seiten. Und ich habe mir beim Lesen notiert, wessen Geschichte ich mir noch einmal selbst genauer ansehen will.

»Ich gehe durch diese Zeit wie durch eine Gegenwart und versuche nicht schon zu wissen wie alles enden wird«, erläutert Illies im Gespräch mit der ZEIT. Vielleicht liegt auch genau darin der große Zauber seines Werks? Folgt man ihm nämlich auf diesem Weg, so scheint mitunter möglich, wovon man doch längst weiß, dass es sich am Ende als unmöglich erwiesen haben würde.

Ja, am Ende dieses lebens- und liebesbejahenden Buches habe ich mich unweigerlich gefragt: Liebe In Zeiten des Hasses – als solche könnte man auch jede Liebe dieser Tage bezeichnen. Und über welche Menschen unserer Zeit würde wohl in 100 Jahren so oder ähnlich geschrieben, wie hier? Ich hoffe sehr, die Leser aus dem Jahr 2122 dürfen sich u.a an den Hintergründen des (Liebes-)Lebens eines Florian Illies erfreuen. Für mich gehört er spätestens nach der Lektüre dieses Buches zu den Größen unserer Zeit.

Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses

S. Fischer Verlage, 432 Seiten

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Löwenstark – mein Filmhighlight

Vor mehr als 16 Jahren habe ich meinen Umzug von Berlin hinaus auf’s platte Land zum Anlass genommen, mein TV-Gerät zu verschenken. Und das bislang keinen Tag bereut.

Anfangs habe ich frei gewordene Zeit genutzt, um mehr zu lesen, mich im Zeichnen zu üben und – natürlich – mehr zu schreiben. Irgendwann dann, als es die Internetverbindung in der ländlichen „Diaspora“ zuließ, hab ich in den Mediatheken oder bei Youtube ab und an gezielt Sendungen und Filme geschaut. Und regelmässig zu Silvester haben mein Mann und ich uns Videos und später dann mal die eine oder andere DVD geliehen oder gekauft.

Er und ich haben eine so sehr unterschiedliche Auffassung davon, welche Filme und vor allem auch wie man sie schaut, dass der 31. DezemberSilvesterabend – tatsächlich der einzige Tag im Jahr ist, an dem wir gemeinsam auf einen Bildschirm blicken. (Ausgenommen den Jahresabschluss für die Einkommensteuer oder das eine oder andere Katzenvideo.)

Ich schaue Filme und Sendungen generell von Anfang bis Ende – wenn sie mir gefallen. Das entscheidet sich nach den ersten maximal 5 Minuten. Mag ich sie nicht, schalte ich aus bzw. suche weiter.
Mein Mann „spult“ sich hingegen egal in welchem Genre von Actionszene zu Actionszene im Schnelldurchlauf durch’s Programm, übrigens auch bei Liebesfilmen, wo er dann auch schnell weiterspult, wenn’s mal eben „heimelig“ wird, was letztlich bedeutet, dass wir mit 2 Filmstunden Romantik in 5 Minuten durch sind. (Die kriegt den eh / der kriegt die sowieso – das erzählt er mir immer schon dann, wenn der Vorspann läuft.) Tatsächlich richtig wohl fühlt er sich erst, wenn im Film die Handlung gen null tendiert, die Kulisse brennt, die Fetzen fliegen und das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt von Nationen wie Tuvalu, Kiribati oder den Marshallinseln am Set verballert wird, also bei Äktschn-Filmen der Blockbusterindustrie.
Außerdem schaut S. dann noch bevorzugt Dokumentarfilme, in denen man zum Beispiel lernt, wie man (stundenlang) kontemplativ Messer schärft, Fleisch über viele Tage hinweg auf geweihtem Buchenholz räuchert und gleichzeitig gart, Echtholzflächen leidenschaftlich ölt, oder in denen anschaulich gezeigt wird, wie man vor 325 Jahren Filme in schwarz/weiß entwickelt hat und wie man das heut „nachbauen“ kann, oder wie man Karosserien rostfest macht, über Jahre hinweg an Booten baut. Oder er begeistert sich für Videoaufzeichnungen von Überwachungskameras russischer Straßen (meist liegt fett Schnee), auf denen reihenweise Fahrzeuge miteinander kollidieren, Ersatzteile auf Windschutzscheiben krachen oder Schiffe havarieren oder gern auch Dokus, die anhand geologischer Strukturen im Paläzoikum, Mesozoikum oder sonstwann vor unserer Zeit Rückschlüsse auf Land und Leute zulassen. (Ich weiß inzwischen mehr über die Nordseeküste von vor 10 000 Jahren als, ich je live von ihr gesehen hab.)


Wohingegen ich zwischen Reality-Dokus über verurteilte Mörder:innen (gern auch Massenmörder:innen), die in US-Gefängnissen im Todestrakt sitzen, düstere Gesellschaftsbilder wie „Mississippi Burning“, die mich stinksauer und hilflos zurücklassen, Dystopien, die allerdings zwischenzeitlich von der Realität überrannt werden (ich meine, wen schaudert es noch vor den Hunger Games aus „Die Tribute von Panem“, wenn er an die europäischen Außengrenzen schaut?), oder wer ist nach 4 Jahren Drecksack-Trump und dem Sturm aufs Capitol noch zu schocken mit Filmen wie aktuell „Don’t look up“? (Manchmal schau ich auch was bis zum bitteren Ende, um mich dann über mich selbst aufzuregen, warum ich es bis zum bitteren Ende angesehen hab. So zum Beispiel „A Handmaid’s Tale“. (Schlimmer als jeder Psychoscheiß, weil die in ihrem Elend einfach nicht zum Ende kommen wollten.)
An emotional besonders beanspruchenden Tagen schaue ich zur Entspannung gerne ideenstarke, opulente Filme wie „Phantastische Tierwesen“, – natürlich – „Herr der Ringe“ (gerne auch zum 73sten Mal) oder gut gemachte Kinderbuchverfilmungen und dann auch schonmal gern ein gut gemachtes Märchen. Außerdem seh ich gern alles, worin es – jenseits von Tötungsdelikten – um menschliche Abgründe geht, also beispielsweise (auch) „American Real Housewives“ (das würd ich allerdings öffentlich niemals zugeben). Oder Skurriles aus Österreich – Hauptsache Georg Friedrich oder Murathan Muslu oder Simon Schwarz oder Sebastian Kurz (Scherz) oder die „Vorstadtweiber“ Adina Vetter, Martina Ebm, Maria Köstlinger, Gerti Drassl und Nina Proll spielen mit.
Und ich liebe Filme mit Johnny Depp, Christoph Waltz, Christian Bale oder Matthew McConaughey oder solche mit Johnny Depp, Christoph Waltz, Matthew McConaughey und Christian Bale. Und Filme mit Cate Blanchett, Tilda Swinton, Jodie Foster, Michelle Pfeiffer oder Jennifer Lawrence und solche OHNE Kate Winslet, Nicole Kidman oder Natalie Portman; aufseiten der männlichen Darsteller kann ich gern auf Tom Cruise, Will Smith oder Ben Affleck verzichten.

Diese so sehr unterschiedlichen Vorlieben münden dann in der Silvesternacht in bisweilen auf skurrile Weise die Stimmung beeinflussenden gemeinsamen Filmentscheidungen:
Nie waren wir deprimierter und das zur selben Zeit als nach „Black Hawk Down“ oder einer Doku über japanische Kriegsverbrechen an chinesischen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg.
Nie waren wir (zeitgleich) müder als nach dem DVD-Marathon mit „Jordskott – die Rache des Waldes“, wir gaben dann auf nach Teil 12 und wissen bis heute nicht, wer der Mörder war? (hurz)
Nie waren wir gemeinsam so melancholisch-heiter wie nach „Adams Äpfel“ oder „Ein Mann namens Ove“, nie irritierter als nach „Shutter Island“ und nie haben wir mehr über Mord und Totschlag gelacht als bei „Inglourious Basterds“, „Django Unchained“ und „No Country for old Men“.

Auf der Suche also nach dem – DEM – gemeinsamen Film für den morgigen Silvesterabend ist mir leider ein großes Malheur passiert. Ich habe gestern erst 2 Minuten, dann 5 und dann eine Stunde und 59 Minuten zu lang in „Lion – Der lange Weg nachhause“ reingeschaut. Regie führt Garth Davis, gespielt wird die Hauptfigur (erst als Junge) von Sunny Pawar (ein Hammer) und später dann als erwachsener Mensch von Dev Patel (wow). Erzählt wird die wahre Lebensgeschichte von Saroo Brierley, einem in Indien geboren, dort verloren gegangenen, nach Australien/Tasmanien adoptierten und 20 Jahre später wieder nachhause zurückgekehrten Jungen. Und das auf so eindrückliche, berührende, bewegende, das Herz ergreifende, brillant gespielte Weise, dass ich es vermutlich zum ersten Mal geschafft hätte, den Mann und mich gemeinsam zum Heulen zu bringen. (Mein Film des Jahres. Ach was – einer der schönsten Filme, die ich je gesehen habe.)

Tja. Unnu?
Bin ich auf eure Film-Tipps angewiesen für Silvester 2021.

ps.: Zum ersten und bislang einzigen Mal gemeinsam im Kino waren wir übrigens in Hamburg vor vielen Jahren. Da hatten wir uns gerade kennengelernt und mein Mann lud mich „ins Kino“ ein. Mit der von den Pet Shop Boys zum Filmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ komponierten und von den Dresdner Philharmonikern open air inszenierten Musik saßen wir auf der grünen Wiese und hatten uns furchtbar lieb. (Falls noch wer Fragen haben sollte.)

Foto: Screenshot aus „Lion – Der lange Weg nachhause“



Menschenskinder

Ich hab immer nur mit einem Ohr hingehört: Nach Syrien. Den Iran. Nach Afghanistan. Irak. Und ab und an hab ich mal was gespendet, um mein Gewissen zu beruhigen. Oder laut geseufzt, ein Ausdruck der schieren Hilflosigkeit. Klar ist die Welt scheiße, aber was soll ich da schon alleine gegen tun?
Und dann war da dieser Aufruf im Regionalblättchen: Die Gemeinde suchte Helferinnen und Helfer für „Flüchtlinge“ in der Region. Es folgten etliche Telefonate, dabei ging es um eine Frau aus Eritrea und um ihr kleines Kind. Und um meine innere Haltung, mich einerseits engagieren und mich andererseits am liebsten heraushalten zu wollen, ja, mich darum zu drücken, um es deutlich gesagt zu haben.

Für’s Erste hab ich es bei der Absicht, über das Thema einen Artikel zu schreiben, belassen. Und mich wieder auf das konzentriert, was am nächsten liegt: Mein eigenes Leben. Bis zu jenem Nachmittag im September 2015, als ich an meinem Arbeitsplatz saß, wie jetzt auch. Das Radio lief und in den Nachrichten wurde berichtet, auf der Autobahn A7 seien Menschen unterwegs in Richtung Dänemark. Flüchtlinge. Aus Afghanistan. Aus Syrien. Zu Fuß. Im Grunde vor meiner Haustür.
Ich hab rausgeschaut aus dem großen Fenster und sah sie da im Geiste den Feldweg längs laufen: Eine endlos scheinende Schlange gebeugter und sich unter der Last ihrer wenigen Habe krümmender Körper. Männer. Frauen. Kinder. Väter, die auf ihren Schultern ihre Kinder trugen. Mütter, an deren Händen Kleinkinder liefen.
Das Gefühl, das mich in diesem Moment heimgesucht hat, lässt sich schwer beschreiben: Es war etwas dabei von der Urangst vor dem Fremden, gleichzeitig Fassungslosigkeit über die unglaubliche Leistung der Menschen, es geschafft zu haben, von Kabul in Afghanistan nach Kiel in Schleswig-Holstein zu gelangen. Es sind 8.086 Kilometer zurückzulegen, wofür man – sofern der Verkehr mitspielt – allein 79 Stunden braucht, wenn man ein Auto benutzt. Und dann war da noch ein intensives Gefühl von Scham, Beklemmung und – ja – die plötzliche Gewissheit, dass sich von nun an etwas Maßgebliches ändern würde in meinem Leben. Denn mir war in diesem einen Augenblick klar: Von nun an gibt es keine Ausflüchte mehr! Und auch keine Chance, die Augen weiter zu verschließen.
Krieg und Vertreibung, Terror und Perspektivlosigkeit, Angst und Sorge um ihre Leben, hatten Tausende Menschen beflügelt, über sich hinauszuwachsen und sich aufzumachen, trotz aller Gefahr für Leib und Leben. Und jetzt waren sie hier. Mit alledem in ihrem Gepäck.

Es sollte dennoch eine kleine Weile dauern, bis ich die Ausländerbehörde in Itzehoe betrat.
Auf einem der Flure saßen vier Menschen, die mich anblickten. Erwartungsvoll. Neugierig. Aber auch bang und voller Sorge, was nun mit ihnen geschehen würde. Am 4. Dezember vor 5 Jahren wartete eine iranische Familie darauf, von mir abgeholt zu werden. Als „Ersthelferin“ sollte ich die Menschen bei ihren ersten eigenen Schritten im neuen Land unterstützen. Und das tat ich dann auch.

Auf Familie T. wartete eine kleine Wohnung, provisorisch eingerichtet von der Gemeinde. Wir gingen an diesem Nachmittag gemeinsam das Notwendige einkaufen, verständigten uns mit Händen und Füßen, ein paar Brocken Englisch und der Sprache, die für alle Menschen überall auf der Welt dieselbe ist: Wir lachten uns das Fremde, das Unangenehme, die Skepsis und das Unbehagen gemeinsam von der Seele.
Diese eine, diese erste Begegnung mit Menschen, die man sonst gern auch pauschal Flüchtlinge, Geflüchtete, Migranten oder Asylbewerber nennt, gab den Auftakt für so viele, die folgen sollten. Ich hatte sie an diesem Tag geöffnet: Die sprichwörtliche Tür, die den Weg freimacht für so viele andere Türen, die sich öffnen würden. Und noch am selben Tag schon brauchten Freunde „meiner“ iranischen Familie ebenfalls Hilfe und so erweiterte sich binnen relativ kurzer Zeit der Personenkreis fast Tag um Tag. Jeder kannte jemanden, der jemanden kannte, der ebenfalls um Hilfe bat.
Man kannte sich aus dem großen Flüchtlingscamp in der nahen Kreisstadt, wo zeitweise über 1.000 Menschen in einer ehemaligen Papierfabrik Zuflucht gefunden hatten. Oder aus dem Aufnahmelager in Neumünster. Oder man hatte sich auf der Flucht kennengelernt. Oder war schon in der Heimat befreundet gewesen.
Es galt Formulare auszufüllen, Anträge aufzusetzen, Anwälte zu organisieren, Wohnungen zu besichtigen, Mietverträge auszuhandeln, Papiere zu legitimieren, Bewerbungen zu formulieren, Jobs zu suchen und zu finden, Kinder einzuschulen, Möbel und Einrichtung zu beschaffen, Kleidung zu besorgen – die Liste ist lang und sie endet bis heute nicht.
Es kann sich jeder vorstellen, was notwendig wird, wenn man alles aufgibt, alles verliert und bei null ein anderes Leben beginnt. Zu aller Bürokratie, die man aus dem eigenen Leben kennt, kommt die hinzu, als „Flüchtling“ behördliche Akzeptanz und Legitimation zu erlangen. Fremde davon zu überzeugen, dass man verfolgt wird, dass man gequält, gefoltert oder misshandelt wurde. Dass es Gründe gibt, die eine Rückkehr in das Heimatland unmöglich machen.
In manchen der Fälle, die sich in meinem „Gesichtskreis“ abspielen, hat es drei und mehr Jahre gedauert, bis entschieden wurde. Ein Damoklesschwert – unter dessen ständiger Bedrohung Menschen Mut fassen mussten und Enormes zu leisten hatten, immer mit dem Gefühl im Nacken: Sie wollen uns nicht. Oder gar der Angst vor Abschiebung ins Herkunftsland.

Ich habe Geflüchtete kennengelernt aus dem Iran, aus Afghanistan und Syrien. Was mit der zum Christentum konvertierten Familie aus Iran seinen Anfang nahm, brachte mir – brachte auch meinem Mann und meiner Familie – viele neue Gesichter, viele neue Leben und ihre Geschichten in unser eigenes. Familie T. aus dem Iran war konvertiert, ihre Freunde auch. Sie sprachen von Verfolgung, von ständiger Überwachung, von Restriktionen, Bedrohung und – ja – auch von der Todesstrafe in ihrem Land.
Und nach ihnen kam viele mehr. Das junge Paar aus Iran, das heute in Berlin studiert. Der junge Mann, den man an der deutsch-österreichischen Grenze verhaftet, im Schnellverfahren verurteilt und in einem Knast am Chiemsee eingesperrt hat, weil er – illegal, wie man es gerne erzählt – unser Land betreten hat. Oder O., ein junger Syrer, der heute zu meiner Familie gehört. Sein kleiner Bruder M., der Jahre später zu Fuß aus dem Krieg quer durch Europa und nach Holland floh. Der junge S., ein im Iran geborener Afghane, der Narben auf der Seele und in seinem Gesicht zu ertragen hat. Ein iranische Familie aus Dubai, die mit ihrem schwerbehinderten Kind aus jedem Raster fällt. Die alte Frau aus Iran, die vor Trauer und Angst und Martyrium nicht mehr aufrecht gehen kann. Das afghanische Ehepaar, das heute geschieden ist, nachdem der Vater seinen kleinen Jungen auf den Schultern quer durch Europa trug. A., ein junger Architekt aus Syrien, der 5 Jahre lang weder Frau noch Kind sehen durfte, weil ihnen die Deutsche Botschaft ein Visum verweigerte. Der junge Mann aus Afghanistan, der nicht mehr leben will, weil ihm alles so schwer und so sinnlos geworden ist. Oder A., die als Witwe mit ihren kleinen Kindern in Griechenland von unseren „Almosen“ lebt und am Grab ihres Mannes in Athen die Welt nicht mehr begreift. Oder Menschen wie mein Freund Nael, zusammengeschossen von Assad-Soldaten im Syrienkrieg, oder Azadeh und Saeid und ihre Kinder, die uns zu guten Freunden geworden sind.
Die „Liste“ ist lang und sie wird – vermutlich – auch nie zu Ende sein. Denn auch heute und nach über 5 Jahren kennt noch immer jemand jemanden, der in dieser oder jener Sache dringend Hilfe braucht. Seit über 5 Jahren schenken mir Menschen ihr Vertrauen, gewähren sie mir ein Einblick in ihr Leben, in ihre Herzen, in ihre Seelen. In all dieser Zeit ist meine eigene Welt sehr viel größer geworden.
Ich habe immer einen Blick auf die Türkei und auf Griechenland, wo Tausende gestrandet sind zwischen allen Welten. Wo sie mehr gelitten als willkommen sind. Wo sie keine Chance erhalten auf einen Aufenthaltstitel, auf eine mögliche Staatsbürgerschaft oder den Neustart, den sie sich so sehr wünschen. In der Türkei werden sie als billige Arbeitskräfte missbraucht, sie haben kaum Rechte und die Stimmung ihnen gegenüber wird immer schlechter. In Griechenland werden sie nach wie vor in Elendslager gepfercht, weitgehend abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Und wer es dort raus schaffen kann, bleibt sich selbst überlassen im Kampf um einen Schlafplatz und ein Stückchen Brot.

Ich schaue auf die Grenze zwischen Polen und Belarus und sehe Menschen irgendwo im Nirgendwo überleben und sterben auch. Geredet wird darüber viel, geholfen so gut wie nicht.

Ich folge auf Facebook Geflüchteten, die täglich live aus der Flüchtlingshölle berichten, gestrandet in Frankreich, in England oder sonst irgendwo, wo sie ihren Alltag damit bestreiten, nicht erwischt zu werden, nicht zu verhungern und nicht zu erfrieren. Rechtssicherheit – Fehlanzeige. Ebenso wie Schutz und Obhut eines Staates.

Ich schaue nach Syrien, wo Familienangehörige meiner neuen Freunde und Bekannten noch immer im Krieg ausharren und auf die Unterstützung und Solidarität ihrer geflohenen Landsleute setzen, weil der Rest dieser Welt sie im Stich gelassen hat.

Ich blicke nach Afghanistan, das man sich in Berlin bis zuletzt „sicher“ geredet hat und wo im Augenblick kleine Kinder vor Hunger sterben.

Kaum ein Tag vergeht, an dem mir das Leben nicht versichert, mit Glück gepriesen zu sein, weil ich hier und in Deutschland geboren bin. Kaum ein Tag vergeht ohne eine neue Sorge, ohne ein neues Problem ohne einen neuen Namen, ein neues Gesicht, ohne eine Begegnung mit einem Menschen, der sein Leben meistern will. Oder auch einfach nur bewahren.
Meine Welt ist auch sehr viel größer geworden, weil darin Menschen in anderen Sprachen reden, denken und träumen. Weil sie andere Lieder singen, über andere Dinge lachen, anderes essen und trinken, weil sie vieles aus ihrer alten Welt in ihre neue hier bei uns bringen. Ich erlebe ausgesuchte Höflichkeit, ich erlebe Respekt und Freundlichkeit, Gastfreundschaft und Großzügigkeit, den leidenschaftlichen Wunsch nach Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit, ich erlebe aber auch tiefste Trauer, Sehnsucht, Angst und ja, machmal auch Mutlosigkeit, Verzagen, Erschöpfung und seelische Müdigkeit. In ihrem Tun spiegeln diese Menschen auch uns. Sie zeigen uns auf, wer wir sind und wer wir sein könnten. Sie spiegeln unseren Überfluss, unsere Selbstverständlichkeit, in einem demokratischen Land und in Frieden zu leben. Sie decken uns auf, ohne das zu wollen, und machen uns deutlich, wo unsere Schwächen und unsere Stärken liegen. Sie arrangieren sich mit uns, wie wir uns mit ihnen. Und sie sind zu einem Teil unserer Gesellschaft geworden.

Mit „meiner“ Familie von vor 5 Jahren habe ich keinen Kontakt mehr. Helfende und Hilfesuchende – das kann auch eine Beziehung von vorübergehender Dauer sein. Wer hilft und daran Erwartungen knüpft oder gar Forderungen, der hat das Wesen von Hilfe falsch verstanden und tut sich und anderen keinen Gefallen. Aber ich weiß, dass sie es geschafft haben. Wie alle nahezu alle anderen auch, die ich kenne. Sie haben Sprachkurse und Führerscheine bestanden. Schulen abgeschlossen. Ausbildungen absolviert. Berufe ergriffen, sich in Jobs etabliert. Wohnungen gefunden, sind umgezogen, haben Freunde gefunden, Ehen geschlossen, Kinder bekommen – kurz: Sie sind angekommen in diesem Land und in „unserer Welt“. All das habe ich jedes Mal vor Augen, wenn ich wieder irgendwo was von „Flüchtlingen“ lese und davon, was sie sind und was nicht. Denn es gibt nur eine Antwort auf diese Frage: Sie sind Menschen. Wie du. Und wie ich. Mit Lebensgeschichten, um die niemand sie beneiden muss. Und sie lesen mit – wenn wir über sie befinden, über sie richten und uns einbilden, wir seien mehr wert, als sie.

Die kleinen Spatzen auf dem Foto kamen aus Griechenland zu mir, wo Lida und Shukran auf eine Zukunft hoffen. Das Künstlerpaar lebte in Moria, bis das große Feuer ihnen ihre Kunst und fast auch ihre letzte Hoffnung nahm. Mit ihrem Zelt verbrannten unzählige ihrer Bilder, die sie dort unter unglaublichen Bedingungen geschaffen hatten. Die kleinen Piepmätze, die es von Griechenland nach Norddeutschland geschafft haben, stehen für ein ganzes initiatives Netzwerk an Menschen, dessen Teil ich sein darf und wofür ich dankbar glücklich dankbar bin.

#Asyl#Geflüchtete#Menschenrechte#Bundesregierung#politik#Migration#Migrationspolitik#flucht#proasyl#Menschen#menschenhelfenmenschen

Kalenderwerk 2022

Gleich zwei Kalender hab ich in diesem Jahr auf die Reise gebracht.
Einmal das LandGlück mit 13 Motiven rund um alles, was mich umgibt: Garten, das schöne Schleswig-Holstein, Tiere (eigene und wilde) und die Natur, die mir so am Herzen liegt.

Und die Historischen Rosen – DAS große Web-Projekt aus diesem Jahr: Webseite und Shop für die Baumschule Schütt, über 640 Sorten alte Rosen und mehr als 3000 Aufnahmen. 13 Motive, repräsentativ für die Schönheiten dieser alten Sorten.

Bestellen kann man die Kalender über den Button und das hinterlegte Bestellformular.
Kalenderformat DIN A3 quer, 13 Blatt, Spiralbindung silbern
4-Farbdruck, matt, 250g-Papier
24,99 Euro zzgl. 5 Euro Verpackung und Versand

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Nüschtjanüscht.

Ischamannso. Nüschtjanüscht.
Es ist nunmal so. Es nützt ja nichts.

Ich hab ihm oft dabei zugesehen, wie er in einer Mischung aus Akribie und Selbstvergessenheit die Zweige seines Apfelbaumes beschnitten hat. Wie ein Bonsai sah das so bearbeitete Bäumchen schließlich aus, nur eben deutlich größer.
Er stand dann hoch oben auf seiner Leiter, zuletzt mit seinen 80 Lebensjahren, und ich hab ihn beobachtet dabei, denn sein Baum steht im Garten vor dem Fenster meines Arbeitszimmers.
Immer wieder hab ich dann gedacht: Uwe, das wird einmal dein Ende werden. Von der Leiter, unter den Apfelbaum, direkt unter die Erde.

Alles war schoin schier – schön sauber und ordentlich – im Garten von Uwe. Der Rasen akkurat frisiert, der Apfelbaum ein Kunstwerk im Beschnitt und das Gemüse mustergültig in Reih und Glied. Manchmal saß Uwe schon in aller Früh auf der Lauer, bis sein Erzfeind, der Maulwurf aufgetaucht ist. Uwe hatte zu keinem Zeitpunkt eine Chance gegen das wühlende Tier, aber er hat sie immer wieder genutzt. Die aufgeworfene, dunkle Erde – sie war ihm ein Dorn im Auge, ein Stachel im Fleisch, ein steter Angriff auf seine Seele.

Und immer war Zeit für einen Schnack mit Uwe über den sprichwörtlichen Zaun.
Und „Nüschtjanüscht. Ischamannso“ seine lakonische Antwort auf alle Fragen des Lebens.
Ob Politik, die Nachbarn, das Wetter, Gesundheit, das Alter, die Kinder oder seine Frau – worüber auch immer ich mit ihm sprach, am Ende zuckte er mit den Schultern, lächelte verschmitzt, schob seinen Unterkiefer vor und hielt – mal mehr und mal weniger – nuschelnd fest:
„Ischamannso. Nüschtjanüscht!“

Seine Nachbarn sucht man sich einerseits aus und andererseits auch wieder nicht. Als ich vor 16 Jahren in mein Wolfsnest zog, wurde ich jedenfalls von Uwe und seiner Frau skeptisch aber wohlwollend beäugt. In unserem 360-Seelen-Dörfchen kennt zwar längst nicht Jeder Jeden, aber jede(r) Neue fällt erstmal auf.
Verstanden, was Uwe sagt, hab ich zu dieser Zeit kaum. Uwe schnackt plattestes Platt und ich war nicht immer sicher, ob auch alle Zähne an Bord waren, wenn er mit mir sprach. Wie oft haben wir vermutlich fröhlich aneinander vorbei gelacht, weil keiner wusste, was der andere will.

Uwe wusste immer über alle Bescheid. Wer kam und wer ging und warum und wohin. Wann der schwarze Müll dran war, wann der Gelbe Sack oder die Papiertonne. Wer in Urlaub war und wie lang. Wer gestorben war und woran. Und vor allem auch, wer bei uns zuhause ein- und ausgegangen ist. Wann bei uns welcher Baum gepflanzt worden war. Wo die Leitungen längs gingen. Wie man Grübben grübbt. Wo früher die Eingangstür bei uns im Haus gewesen ist. Und wer, wann und wo mal im Dorf gelebt hat.
Dann haben die Dörfler für Uwe un sien Edith einen Kranz geflochten: Für 50 Jahre Ecklak und länger – haben er und seine Edith am Rande, fast am Kanal, im kleinen Haus mit dem Apfelbaum im Garten gelebt.

In den letzten Jahren wurde es mühsam für das Ehepaar. Edith sah immer schlechter. Und Uwe war nicht mehr so gut auf den Beinen. Ich hab’s zuerst am Gemüsebeet bemerkt, das er aufgegeben hat, dann an den Maulwurfhügeln, die bleiben durften, am Rasen, der immer öfter die 5-mm-Millimeter-Marke überschritt und zuletzt daran, dass er einfach nicht mehr oft in seinem Garten zu sehen war. Dann haben die Kinder das Haus schließlich verkauft. Und Uwe und Edith sind plötzlich ausgezogen. Ins nächst größere Dorf, wo sie eine kleine Wohnung bezogen und Betreuung bekamen, falls gewünscht.

Sie haben uns nicht tschüss gesagt. Sie waren am einen Tag noch da und am nächsten weg.

Ab und an hab ich Uwe in seinem Auto vorbeirollen sehen, wohl um aus der Ferne einen Blick auf sein Häuschen werfen.

Uwes Apfelbaum wächst seither in den Himmel. Und er wächst und wächst. Der alte Baum trägt mehr Früchte, als in jedem Sommer zuvor. Und jeder einzelne Apfel davon ist Uwes Werk.

Als ich Montag früh zum Briefkasten ging, lag darin ein schwarz umrandetes Kuvert.

Ich hab schwer geschluckt.
Und dann Ischamannso gedacht.
Und dass es weh tut.
Auch wenn das der Lauf des Lebens ist.
Wie sehr hätte ich ihm gewünscht, von der Leiter fallen zu dürfen.
In seinem Garten.
Und unter seinen Apfelbaum.

Ischamannso. Nüschtjanüscht!

Rosita und Unku – oder warum mein Herz für Sinti und Roma schlägt

>> Unku ist Z633, Bärbel Z634, Marie Z635. Z wie „Zigeuner“ <<

Dem Mädchen Rosita bin ich als lesendes Kind begegnet. Auf einem Karren fährt Rosita mit ihrem Onkel durch Frankreich und Spanien und bedient immer wieder auch das Klischee, das wir "Seßhaften" (so heißen wir anderen im Buch) von den "Fahrenden" (so heißen Sinti und Roma im kleinen Roman) gepflegt haben: Sie spielen Musik, tanzen dazu, leben vom Messerschleifen oder von Gelegenheitsjobs und manchmal auch vom Klauen.

Erschienen ist "meine“ Rosita im Jahr 1970. Gelesen habe ich sie im Alter von 12 oder 13 Jahren. Und ich habe sie und dieses Buch geliebt. Rosita war eine kleine Anarchistin, schön, grazil und klug, aus einer anderen Welt, die mir exotisch und erstrebenswert vorkam. Sie schien so frei von Zwängen und  Konventionen und durfte entscheiden, wo ich nur zu gehorchen hatte als Kind. 

Ihr Schöpfer, der Schriftsteller Josef C. Grund, der viele weitere Kinder- und Jugendbücher geschrieben hat, gab den Sinti und Roma mit seinem Buch eine Stimme. Er wollte, das wurde mir jetzt auch beim nochmaligen Lesen des Kinderbuches (ich habs mir letzte Woche gebraucht gekauft und noch einmal verschlungen) seinen jungen Lesern erlernte, anerzogene Vorurteile nehmen und - sein Fazit - ihnen zeigen: Auch wenn Sinti und Roma anders sind und anders leben, als wir (Seßhaften), so sind sie nicht schlechter und nicht besser als wir. Nur eben anders.

Bei vielen seiner Formulierungen schlucke ich heute trocken; dies kleine Büchlein würde inzwischen durch alle Raster der politisch korrekten Formulierungen fallen. Und doch und eben zu seiner Zeit war es ein ganz klares Statement gegen Rassismus, gegen Vorurteile und gegen Diskriminierung und es hat mich maßgeblich darin beeinflußt, für Sinti und Roma und ihr Anderssein eine große Sympathie und Zuneigung zu entwickeln. Vieles aus diesem kleinen Buch habe ich nicht wieder vergessen, u.a. die jährliche Wallfahrt der „Fahrenden“ nach Saintes-Maries-de-la-Mer, wo Sinti und Roma ihrer Schutzheiligen, der Schwarzen Sara zu Ehren, ein großes Fest ausrufen. Und auch nicht, mit wie viel Stolz Josef C. Grund seine Protagonisten auf ihr eigenes Volk und ihre Herkunft blicken lässt.

Im vergangenen Jahr dann habe ich „Ede und Unku - die wahre Geschichte“ gelesen. Das Buch erzählt vom Schicksal einer Sinti-Familie, beginnend mit der Weimarer Republik, über die Jahrzehnte hinweg bis heute. Der ursprüngliche, von Grete Weiskopf geschriebene Jugendroman„Ede und Unku“, auf den das Buch aufsetzt, beschreibt die Freundschaft zwischen dem „Zigeunermädchen“ Unku und dem Berliner Jungen Ede. Das Buch war jahrzehntelang Schullektüre in der ehemaligen DDR. 

Weiskopf hatte das Mädchen Unku in ihrer Nachbarschaft kennengelernt und mit ihm Freundschaft geschlossen. Sie schrieb einen leidenschaftlichen Jugendroman, abseits der üblichen diskriminierenden, antiziganistischen Klischees, schreibt Heribert Prantl im Vorwort von „Ede und Unku - die wahre Geschichte“. 
Unkus wahre Geschichte also erzählt Jahre später ihr Urgroßcousin Janko Lauenberger, zusammen mit der Journalistin Juliane von Wedemeyer. 

Anstelle einer Buchbesprechung möchte ich zum heutigen Gedenktag der Opfer des Holocaust unter den Sinti und Roma das Buch selbst sprechen lassen, indem ich hier zwei bedrückende und ergreifende Abschnitte zitiere.


Aus „Ede und Unku - die wahre Geschichte“

(Anmerkung: Aus Unku ist inzwischen eine erwachsene Frau und Mutter geworden, sie hat zwei kleine Töchter und wird mit ihnen und vielen anderen Frauen und Müttern am 6. März 1943 nach Birkenau gebracht, wo Lagerkommandant Rudolf Höß einen Abschnitt für die „Zigeuner“ vorgesehen hat.)

[…] Buch, Seite 152 / "Männer und Frauen gehen getrennt zwischen den Stacheldrahtzäunen entlang, 20, 30 Minuten an den Blockreihen vorbei. Einen Fuß vor den anderen setzen, nicht stehen bleiben, nicht stolpern. Die Wachmänner neben ihnen achten auf einen reibungslosen Ablauf. Mit Hunden. Mit Stöcken. Mit Peitschen. Mit ihren schwarzen, schweren Stiefeln. Mit Gewehren. Ganz am Ende sieht Unku Schornsteine, aus einem schlägt eine meterhohe Flamme in den grau bewölkten Himmel. Der Rauch macht die Luft über dem Lager dicker, sie riecht nach verbranntem Fleisch und Eiweiß, stechend süßlich. Unku sieht sich nach den anderen um. Nutza und Turant sind dicht bei ihr. Lotte, Gäckel und Anna Berta auch. 
Kurz vor einem der Schornsteine biegen sie rechts ab. Jetzt betreten sie ein Gebäude, sie sollen sich ausziehen. Alles. Zwischen ihnen wieder die Wachmänner und Häftlinge. Die Frauen vor Unku sind nackt, sie wendet den Blick ab. Maries und Bärbels (Anmerkung: Unkus kleine Töchter) kleine Körper verdecken ihre Blöße.  „Hinsetzen!“ Sie setzt sich auf einen der Schemel. Jemand tritt von hinten an sie heran und schert ihr die Haare. Manche der Frauen und Mädchen neben ihr weinen. Es geht weiter zum nächsten Raum. „Brausen“ steht an der Wand über dem Eingang. Kaltes Wasser rauscht auf sie herab. Als sie die Dusche verlassen haben, warten die Frauen nackt und nass. Es ist kalt, höchstens 8 Grad. Unku drückt Marie und Bärbel fest an sich, versucht sie zu wärmen. Irgendwann erhalten sie die Kleider zurück. Sie sind desinfiziert worden. „Anziehen!“ Es geht weiter. Gleich werden sie ihre Häftlingsnummern erhalten. Noch einmal muss Unku warten. Sie hält Bärbel im Arm, versucht sie zu beruhigen. Marie presst sich an sie. Vor ihr sind andere Mütter mit ihren Töchtern. Das Mädchen direkt vor Unku ist ein Jahr jünger als Marie. Es ist Onkel Petsches kleine Tochter Daisi. Ihre Mutter Taza hält sie an der Hand. Petsche und Daisis Bruder Gezi stehen bei den Männern. Und vor Taza wartet Mischen, Bullos Witwe, mit Mandelina und Püppchen, die in drei Wochen sieben wird. Ein Stück weiter sieht Unku auch Lotte, Turant und Nutza. Die meisten der Frauen und Mädchen in der Schlange kennt sie aus Berlin und Magdeburg. Viele gehören zu ihrer Familie, aber ohne Haare sehen sie fremd aus. Eine nach der anderen streckt ihren linken Unterarm vor. Dann Unku. Aus dem Stempel ragen etwa 5 mm lange Nadeln, deren Spitzen die Nummern bilden. Der Mann auf dem Hocker vor ihr, ebenfalls ein Häftling, tauscht die letzte Ziffer aus, bevor er ihn ihr ins Fleisch drückt. Bis in die zweite Hautschicht. Mit einem Tuch wischt er die Tinte in die Wunden. Es brennt. Dann greift er sich Bärbels Oberschenkel. Sie schreit, als sie die Nadeln stechen. Marie krempelt leise schluchzend ihren Ärmel hoch. Die Gadsche haben ihre Namen gegen Nummern getauscht. Unku ist jetzt Z633, Bärbel Z634, Marie Z635. Z wie „Zigeuner“." 
Die Tätowierer nummerieren an diesem Tag 1619 Menschen, 470 sind wie Unku Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich. Als vor 9 Tagen die ersten 358 ins Zigeunerlager getrieben wurden, war es nur eine nackte Fläche - ohne Wege, ohne Wasser, ohne Toiletten, ohne Kanalisation, ohne Zaun. In den ersten Tagen flohen mehrere Sinti, aber niemand überlebte den Fluchtversuch, obwohl sich zwei sogar bis nach Hamburg durchkämpften. Die Neuankömmlinge müssen sich ihr Gefängnis selber bauen." 

[…] Buch, Seite 159
"Der Tod ist immer gegenwärtig. Unku sieht manchmal, wie die Kinder am Zaun stehen und beobachten, wie jüdische Gefangene auf der anderen Seite an ihnen vorbei zu den Gaskammern gehen: Männer, Frauen, Kinder. Einmal zeigt ein Junge auf den Rauch, der bald darauf aus dem Schornstein quillt, und sagt: „Das war bestimmt der Dicke!“ „Und das der lange“, antwortet ihm ein anderer.
Tagsüber bauen die Sinti und Roma das Lager weiter auf, zementieren die Kloakengruben in den vier Blöcken, die nun als Latrinen dienen, befestigen die Lagerstraßen und die Böden der Ställe, errichten Zäune, durch die später Starkstrom fließen wird. Sie graben die Schächte für die Lagerkanalisation und verlegen Schienen an der Rampe. Auch Kinder arbeiten, planieren Wege, tragen Steine.
Manche sind erst 8 oder 9 Jahre alt. Die, die währenddessen zusammenbrechen, werden erschlagen oder erschossen. Die überlebenden Kinder legen die toten nach der Arbeit auf einen Holzkarren und schieben ihn zu einem der Krematorien. Vier sind mittlerweile in Betrieb. Wenn die nicht ausreichen, verbrennen die Häftlinge vom Sonderkommando die Leichen in Gruben.“

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Unku, die mit richtigem Namen Erna Lauenburger hieß und 1920 in Berlin-Reinickendorf geboren wurde, starb zwischen dem 23. März und dem 15. April 1944 im Zigeunerlager Auschwitz. Überlebende berichteten, sie habe den Tod ihrer erstgeborenen Tochter Marie nicht verkraftet und sei daraufhin ermordet worden.




Ein Foto und seine Geschichte

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In unserem Familienfundus finden sich zwei „Eisbärenfotos“, die ich solange für etwas Einmaliges gehalten habe, bis ich von Jochen Raiß und seinen „Polar Bears“ las.

Im vergangenen Jahr war in der Süddeutschen Zeitung von einem Hamburger die Rede, der historische Amateurfotos sammelt. Dabei kam ihm immer wieder dieses seltsame Motiv unter: Menschen, die mit „falschen Eisbären“ vor der Kamera posieren. Im Interview erzählt Jochen Raiß, dass er bereits zu Studienzeiten mit seiner Foto-Sammlung begonnen und dabei auch den ersten „Eisbären“ entdeckt habe. Es sei zwar nicht so richtig geklärt, welcher Fotograf und wann den ersten Assistenten in ein Fellkostüm gesteckt habe, um ihn als Komparsen zusammen mit Touristen abzulichten und die Fotografien zu verkaufen. Vor allem in deutschen Seebädern an der Ostsee seien Anfang der Zwanzigerjahre allerdings häufiger solche Aufnahmen zustande gekommen. Ein Eisbär am Strand ist doch etwas sehr Ungewöhnliches, erklärt Raiß. Auf die Frage, was ihn so an den Eisbären-Motiven interessiere, antwortete er: „Man muss doch schmunzeln. Oft wirken die Bilder mit den Eisbären wie ein Familienporträt, dadurch werden sie noch skurriler. Ich habe schon immer nach dem Ungewöhnlichen gesucht, alles was mit Menschen zu tun hat und unüblich ist, weckt meine Sammelleidenschaft. Zu den Bildern habe ich mir seit jeher Geschichten ausgedacht. Ich kenne die Menschen auf den Fotos nicht, ich weiß nichts über ihr Leben – so sind meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt. Wenn ich neue Motive entdecke, geht bei mir sofort das Kopfkino los. Jedes Mal ein kleines Erlebnis.“ (Quelle: SZ vom 07.10.2019)
Raiß hat inzwischen mehr als 80 solcher Aufnahmen gesammelt. Er findet sie auf Flohmärkten und in Trödelläden und manche werden ihm auch zugesendet. Sein Fotobuch „Eisbären“ ist im Verlag Hatje Cantz erschienen.


Wie die beiden Aufnahmen entstanden sind, die meine Mutter samt Eisbären zeigen, ist natürlich aufgeklärt. Sie hat es mir erzählt:

„Ich war damals 21 Jahre jung und hatte als Einzige in meiner Familie einen Führerschein. Somit kutschierte ich jedes Wochenende meine Lieben in Vaters VW Käfer in meiner Heimat, dem schönen Schwarzwald, spazieren. An diesem Tag war ein sonntäglicher Ausflug mit meinen Eltern und meinem Bruder Bernd auf den Feldberg und anschließend an den Titisee angesagt. Es war schönes Wetter und die Reise ging über Villingen, Vöhrenbach und Neustadt auf den Feldberg. Wir machten einen großen Spaziergang, um uns dann am See bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen zu stärken. Mein Bruder und ich unternahmen eine kleine Bootsfahrt. An der Anlegestelle „lauerten“ dann ein Fotograf und ein „Eisbär“, um Touristen wie uns zu fotografieren. Der Eisbär blieb die ganze Zeit über stumm und der Fotograf hat uns die Aufnahme berechnet. Was es kostete, weiß ich nicht mehr genau. So entstand diese Fotoaufnahme, die bald 60 Jahre alt ist und die heute wohl eher ungewöhnlich scheint. Ich bin glücklich darüber, dieses Foto zu haben, da mein lieber Bruder Bernd schon lange Zeit nicht mehr lebt, und das eine schöne Erinnerung an einen gelungenen Ausflug ist. Und ich werde immer wieder an meine schöne Heimat und an meine glückliche Jugendzeit im Kreise meiner Familie erinnert. PS: Zwei oder drei Jahre später bin ich dann mit meinem künftigen Mann und einem jungen Praktikanten aus seiner Firma wieder an den Titisee gefahren, wo dann tatsächlich noch immer derselbe Fotograf und derselbe Eisbär auf uns warteten. Diesmal allerdings war die Aufnahme nicht mehr schwarz-weiß, sondern bereits farbig und ich trug ein knallrotes Kostüm und eine für die damalige Zeit moderne Hochsteckfrisur.“ (Text: Hannelore Pohl)

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PS: Ich freue mich über jede interessante Geschichte samt Foto, die ich an dieser und anderer Stelle veröffentlichen darf. Kontakt bitte über heikepohl @ yahoo.de