Herr Kofler wird von Danny DeVito gerettet

So wie das halt ist im Leben: Shit happens. Zuerst ein böser Motorradunfall (wieder einmal!), dann eine gröbere Krankheit (das war neu). Beides in einem Jahr. Ich hatte Monate in Krankenhäusern verbracht, war von unzähligen Medikamenten müde, kurzum: 1996 war eine lebensqualitative Nullnummer. Dass meine Frau schwanger war, erleichterte die Situation nicht wirklich. Ich hatte mein Studium fast fertig, aber eben nur fast. Und musste einen Fulltimejob annehmen, um die entstehende Familie ernähren zu können.

Der Rettungsanker kam Anfang 1997 in Form eines Angebotes von der Kleinen Zeitung. Fixanstellung, 15 Gehälter. Den Unfall hatte ich auch einigermaßen verarbeitet, die Erkrankung hatte sich nach zwei Operationen rückstandslos verabschiedet. Es ging wieder aufwärts.

Allein: wie sollte ich zwischen Job und Familie meine noch fehlende Diplomarbeit schreiben? Mehrere Versuche, am Wochenende ein paar Stunden abzuzweigen, scheiterten. Ein Plan musste her. Und ich hatte einen. Ich bat meinen Chef, zwei Jahre ohne Urlaub arbeiten und mich dann für 12 Wochen zum Schreiben zurückziehen zu dürfen. So kam es.

Da mir klar war, dass ich zu Hause keine Ruhe finden würde, um mich dem doch eher sperrigen Thema „Wahlrecht“ zu nähern, mietete ich mich für drei Monate in einem der schäbigsten Hotels in Villach ein, baute meinen IBM 386 auf und arbeitete drauflos. Anfangs war ich noch sorgfältig und sicherte meinen Text jeden Abend auf Diskette. Mit den Wochen wurde ich müder – und nachlässiger. Und natürlich schlug das EDV-Imperium zurück: Der IBM gab seinen Geist auf, meine fast fertige Arbeit war weg. Knapp 270 Seiten.

Diesen Moment, als mir klar wurde, dass ich keine Sicherungskopie hatte, werde ich nie vergessen. Ich war so verzweifelt, dass der augenblickliche Sprung aus dem Fenster eine ernstzunehmende Option war. Freilich, viel wäre nicht passiert. Mein Hotelzimmer befand sich im ersten Stock.

In meiner Not rief ich einen Freund an, der in der EDV-Branche tätig war. Er empfahl mir einen Kollegen, der sich als Datenretter einen Namen gemacht hatte. Hoffnung keimte auf.

Gegen Abend läutete es an der Tür, der Computer-Heiland war endlich da. Ich sperrte auf – und stand Danny DeVito gegenüber. Gleiches Gesicht, Haare wie beim Film „Twins“ zum Zopf zurückgebunden, gleiche Größe, sogar gleiche Sonnenbrille. Super! Ein Hollywood-Komiker war also meine letzte Chance.

Was dann kam, war beeindruckend. DeVito fuhrwerkte an meinem PC herum, murmelte alle paar Sekunden „Aha“, oder ab und an auch „Hui“, schloss irgendein Gerät an meine IBM-Krücke, tat dies, tat jenes. Knapp 90 Minuten dauerte der Eingriff. Dann war die Diplomarbeit gerettet. Ich hatte Tränen in den Augen, zahlte 300 Schilling, dankte Danny DeVito immer und immer wieder und fertigte zehn Kopien von meiner Arbeit an. Ende 1999 schloss ich mein Studium (Politikwissenschaften) ab – nach schlanken 16 Semestern.

Ich sehe Danny DeVito auch heute noch manchmal in Villach. Ich grüße immer freundlich. Er nickt meist irritiert zurück. Er kennt mich nicht mehr. Jener Abend in einem muffigen Hotelzimmer in der Bahnhofstraße war wohl nur für einen von uns beiden denkwürdig gewesen.

Foto

Erinnerungsstück: Die Visitenkarte des Daten-Magiers, der wie Danny DeVito aussah.

Herr Kofler interviewt Udo Jürgens

Wenn man ein monatliches Societymagazin in Kärnten zu verantworten hat, stellt sich einem vor allem ein Problem. Es gibt keine prominenten Kärntner. Das ist heute so, das war vor zehn Jahren so. Und daher: wenn einer wie Udo Jürgens, aufgewachsen in Klagenfurt, 70 wird, kommt man um ein Interview nicht herum. Nur: Wie kriegt man den Superstar dazu, mit einem regionalen Hochglanzblatt zu plaudern? Ist ja nicht ganz seine Liga. Champions League meets Landesliga. Muss man einsehen. Auch als Kapitän bzw. Chefredakteur eines solchen Klein-Mediums.

Ich rief also Udo Jürgens‘ Bruder an, den Maler. Herr Bockelmann war ja schon grundsätzlich ein freundlicher, hilfsbereiter Mensch. Seit ich ihn aber einmal bat, eine Antwort auf das bekannte Lied des berühmten Bruders, „Mein Bruder ist Maler„, zu schreiben und wir den wunderbaren Text (den ich leider nicht mehr in meinem Archiv finde) 1:1 abdruckten, war er mir und meinem Blatt, dem Kärntner Monat, besonders gut gesonnen. Und so nannte er mir einen Vorschlag, wie ich zu einem Interview kommen könnte: Sein Bruder würde demnächst nach Klagenfurt kommen und dann nach Graz weiterreisen. Für diese 1,5-Stunden-Fahrt müsste er sich einen Leihwagen am Klagenfurter Flughafen nehmen. Da könnte man doch, so Bockelmann, als Taxi einspringen. Und in dieser Zeit das Interview führen. Brilliant.

VERY BRITISH

Um mich ein wenig einzustimmen, googelte ich, welche Autos Udo Jürgens liebte. Britische Limousinen, bevorzugtermaßen Bentleys. Ich fuhr einen Fiat 500. Wir hatten also ein Problem.

Eilig telefonierte ich mit ein paar Autohäusern – und siehe da: ich ergatterte zwar keinen Bentley, aber doch einen nagelneuen Jaguar im Wert von knapp 90.000 Euro. Der Händler fand unsere Interview-Idee gut – und borgte mir das Auto. Einfach so. Finde ich heute noch erstaunlich.

Ich konnte nun also so tun, als hätte der Chefredakteur eines kleinen Pimpi-Magazins einen Jaguar als Dienstwagen und wäre wenigstens ansatzweise standesgemäß. Jetzt fragte ich noch unseren Marketingmann, ob er nicht meinen Chauffeur mimen konnte. Tat er.

In der Zwischenzeit hatte Udo Jürgens‘ Bruder unser kombiniertes Interview-Taxi-Angebot an den Meister herangetragen. Und siehe da: er sagte zu.

GROSSE FAHRT

So kam es, dass ich Udo Jürgens im sündteuren Jaguar und mit Chauffeur vor dem Hotel Porcia in Klagenfurt abholte. Ich gab den weltgewandten Schnösel, mein Arbeitskollege den devoten Handlanger. Wir waren ein unschlagbares Paar. Und: wir bekamen unser Interview. Wir bekamen sogar viel mehr. Denn Udo Jürgens fühlte sich so richtig wohl: „Ist das der neue XXCDFDFD?“ staunte er beim Anblick des Wagens. „Natürlich“, sagte ich.

Wir stiegen ein. Udo Jürgens saß am Beifahrersitz, ich nahm hinter meinem Fahrer Platz und begann Fragen zu stellen.

Nun ereignet sich Befremdliches. Udo Jürgens schien sich von Minute zu Minute wohler zu fühlen, Stück für Stück fuhr er seinen Ledersitz immer weiter Richtung Liegeposition zurück. Bald lag er quasi neben mir. Und er plauderte, als ob wir beste Freunde gewesen wären. Das Gespräch wurde immer privater, immer intimer. Längst antwortete er nicht mehr auf meine Fragen, sondern schüttete mir sein Herz aus. Beklagte sich über Frauen, Kinder, sein Mangement, die Welt. Ich schrieb mir die Finger wund und lachte in mich hinein: gei-ler Stoff! Diese Fahrt würde meinen Ruhm vermehren, frage nicht.

Obwohl: War das noch ein Interview? War das noch fair? Sprach sich da nicht einfach ein älterer Mann seinen Kummer von der Seele?

Ich bekam Skrupel.

Und kämpfte sie nieder.

Und wurde wieder schwach.

Und ermahnte mich, ein Profi zu bleiben.

Ein Hin und Her. Boulevard-Reporter versus Anstandswärter.

Am Ende der Fahrt hob mein Chauffeur Udo Jürgens‘ Koffer aus dem Jaguar und wir verabschiedeten uns. Der Star und ich, wir waren mittlerweile Per Du.

Während der Heimfahrt las ich meine Aufzeichnungen durch. Wäre ich Redakteur der Bild-Zeitung gewesen, ich hätte einen mehrteiligen Knüller in Händen gehalten: „Udo – die Beichte meines Lebens“ oder so ein Scheiß.

Allein: ich konnte mich nicht recht freuen. Ich war ratlos.

DIE STORY

Zu Hause in Kärnten tippte ich meine Mitschrift ins Reine. Ich fand ein paar Passagen, in denen Udo Jürgens über Kärnten und Jörg Haider schimpfte und in denen er ein Versöhnungskonzert zwischen deutsch- und deutsch-/slowenischsprechenden Kärntnern in Laibach vorschlug. Damit machte ich meine Story. Sie wurde von vielen Zeitungen zitiert. Das Konzert fand nie statt.

Meinen Schatz aber, die Intim-Beichte aus dem Liegestuhl, den ließ ich in der Schreibtischlade. Tagelang. Wochenlang. Monatelang. Irgendwann warf ich die Mitschrift in den Mistkübel. Ich habe es nie bereut.

Obwohl.
Nein.
Ein wenig schon.
Sicher nicht!
Ich hätte es tun sollen.
Boulevard-Schmierer!
Memme!

Herr Kofler lernt Herrn Kolig kennen

Knapp 20 Jahre ist es her, da lernte ich in Villach einen älteren Herrn kennen, der, wie er sagte, einen Schatz sein Eigen nannte: Zeichnungen von Anton Kolig, dem brillanten Künstler aus dem Gailtal. Dem Viertel des Nötscher Kreises. Und nun, da er der feuchten Erde schon spürbar näher käme, würde er mir die wertvollen Blätter gerne verkaufen.

Hin- und hergerissen zwischen Gier und Skepsis erbat ich mir ein paar Tage, um die Darstellungen nackter junger Männer auf ihre Echtheit zu prüfen. So soll es sein, sagte der Alte.

Da ich keine Kunstexperten kannte, rief ich einen bekannten Kulturjournalisten an. Ob er denn Kontakt zu Cornelius Kolig hätte. Der müsste Arbeiten seines Großvaters doch erkennen.

Am nächsten Tag fuhren meine Frau und ich bereits ins Gailtal. Kolig jun. bat zur Audienz… Lange Rede, kurze Enttäuschung: Die Werke waren Müll. Plumpe Fälschungen. „Solche Patschen hat mein Großvater nicht gezeichnet“, belächelte Kolig die grobschlächtigen Füße der abgebildeten Nackten. „Und das Papier ist höchstens 30 Jahre alt.“ Ok, ok.

Da wir aber schon einmal zu Besuch waren, sagte Kolig, könnten wir genausogut ein Glas Wein trinken. Herr und Frau Kolig, Herr und Frau Kofler. Und schon hatte er eine Flasche vom Roten geöffnet. Château Lafite Rothschild. Den lustigen Namen habe ich mir bis heute gemerkt. Erst Jahre später wurde mir klar, was für ein sündteurer Tropfen das war!

Jedenfalls: Meine Frau nahm die Hürde vom leichten Damenspitz zur Vollrakete relativ rasch, sie war nicht die einzige, es ergab sich ein lustiger Abend. Ich blieb nüchtern, Fahrerschicksal.

Irgendwann auf Höhe der zweiten Flasche brachte sich der Holzofen in das lockere Gespräch ein, indem er sich einer kleinen, aber doch relevanten Explosion hingab. Lauter Knall, spektakuläre Rußwolke. Das hätte übel ausgehen können, frage nicht. Wir erschraken beinahe zu Tode und klopften uns das Schwarz von der Kleidung.

Am Heimweg nach Villach musste ich zwei, drei Pausen einlegen, da meine Frau den Straßenrand in kräftigem Rot zu dekorieren gedachte. Chapeau, Château! Tags darauf brachte ich die Fälschungen ihrem Besitzer zurück. Cornelius Kolig werde ich stets in bester Erinnerung behalten. Seinen Ofen nicht.

Herr Kofler wird ein Opfer der Zensur

Ich gehöre zu jenen Menschen, die das Schulleben unbeschadet überstanden haben. Nicht, weil ich so nette Lehrer gehabt hätte. Ich erhielt von ihnen Kopfnüsse, wurde an den Haaren gerissen und ein Religionslehrer hat mir mit einer Steinschleuder und gefühlten 100 Stundenkilometern ein Kreidestück auf die Stirn geschossen. Nein, meine Pädagogen waren die übliche Mischung aus netten Menschen, frustrierten Trinkern und rücksichtslosen Sadisten.

Was meine „12 years a slave“ erträglich machten, waren das Glück, ein guter Schüler gewesen zu sein, und die stetige Bereitschaft zum Protest. Mit ihr schaffte ich 45 Klassenbucheintragungen – und den Sieg bei einem Fotowettbewerb.

Ich glaube, es war während der 7. Klasse im Gymnasium. Für einen Landeswettbewerb zum Thema „Schule zum Wohlfühlen“ suchten die Zeichen- und Werklehrer unserer Schule Beiträge. Es war klar, dass die üblichen Schleimer und die unvermeidlichen Tralala-Mädchen Fotos von blühenden Bäumen im Schulhof einreichen würden. Oder von lachenden Schülern beim Tacitus-Rezitieren. Oder. Sie wissen, was ich meine. Der Flausch-Kotz-Faktor war von Anfang an so greifbar wie ein Zirkel, der im Handrücken des Sitznachbarn steckte (ja, auch dazu hätte ich eine Story).

Ich entschied, einen Kontrapunkt zu setzen. Borgte mir Spitzen-BH, Tanga und halterlose Strümpfe von den Mädchen meiner Klasse aus, zog mich um, stellte mich in eines der unfassbar hässlich-braun verfliesen Mini-WC-Boxen der Schule, warf mich in eine vermeintlich reizvolle Pose, ließ mich fotografieren und nannte das epochale Werk „Der Duft der Weite“. Es war ein beeeindruckend schönes Bild. Haha. Natürlich nicht. Aber vergrößert, mit selbstgemachtem Passepartout versehen und gerahmt erfüllte es gewisse ästhetische Mindestanforderungen.

Klar war: So gewinnt man keinen Schul-Bewerb. Nicht zum Thema „Schule zum Wohlfühlen“. Nicht in den Achtzigerjahren. Nicht in Villach. Nicht überhaupt.

Außer, ja außer, die Jury besteht aus den bekannt linkslinken Anarchisten, die als Zeichenlehrer, also verhinderte Künstler, ihr Geld verdienten. Und so kam es, dass „Der Duft der Weite“ die Konkurrenz zum Abstinken brachte. Ich holte Platz 1. Noch besser aber: Mein reizendes Reizwäschefoto sollte das erzkonservative Peraugymnasium beim Landeswettbewerb vertreten.

Und genau an diesem Punkt lernte ich erstmal die volle Härte von Zensur kennen. Denn als der Direktor der Schule, eigentlich ein fast netter älterer Herr, sah, welch Machwerk von seiner Lehranstalt gen Klagenfurt geschickt werden sollte, fragte er die Zeichenlehrer sinngemäß, ob ihnen wer ins Hirn geschissen hätte und reihte die Top 3 um.

Ein paar lachende Bäume vor blühenden Kindern im Pausenhof vertraten das Peraugymnasium wenige Wochen später beim Landeswettbewerb. Mein gerahmtes Bild ward nie wieder gesehen. Ich frage mich noch heute, wer dieses Meisterwerk in seinem Wohnzimmer hängen hat.

Herr Kofler wird von Franz Wohlfahrt überrollt

Es war vor der Fußball-Europameisterschaft 2008. Kärnten – eines der Austragungsbundesländer – bot alles auf, was es an Inkompetenz und Drittklassigkeit zur Verfügung hatte, um die Veranstaltung zu bewerben. Ehemalige Kellner, ausrangierte Kicker, karenzierte Bankangestellte – keiner war weit genug von der Dimension einer EM entfernt, um nicht doch im Vorfeld und im offiziellen Auftrag „Marketing“ zu betreiben.

So wurden auch Promi-Fußballspiele organisiert, wie jenes im Gurktal, bei dem ich dabei sein durfte. Damit ist auch schon genug zum Begriff „Promi“ gesagt. Chefredakteur eines kleinen Regional-Monatsmagazines zu sein reichte völlig aus, um noch einer der Bekannteren des „Kärnten-Teams“ zu sein. RTL-Dschungelcamp-Syndrom quasi.

Aber egal, wir hätten auch mit Einbeinigen antreten können. Denn die mehr als 1.000 Zuseher waren ohnehin nur gekommen, um unsere Gegner spielen zu sehen: das „Copa Pele Team Austria“, eine Oldie-Versammlung, die jedem heimischen Sport-Nostalgiker die Tränen in die Augen getrieben hätte. Walter Schachner, Toni Polster, Herbert Prohaska, Franz Wohlfahrt usw. Nationalteamkicker allesamt. Best of früher.

Ich war damals 36, fühlte mich höchstens wie 32 und sah dem Kick mit einer gewissen Entspanntheit entgegen. Ich hatte einst immerhin in der Landesliga gespielt und war mir sicher, dass ich gegen die, wie ich vermutete, eingerostete Altherrentruppe ein paar elegante Tricks zeigen konnte.

Es sollte anders kommen.

Ich war im Mittelfeld aufgestellt und spielte gegen Österreichs offiziellen Jahrhundert-Fußballer, gegen Herbert Prohaska. Der schob ein deutlich erkennbares Bäuchlein vor sich her und wirkte insgesamt eher gemütlich. Perfekt! „Das könnte lustig werden“, lächelte ich beim Anpfiff in mich hinein.

Dann der erste Zweikampf. Gut, eigentlich war es keiner. Prohaska überdribbelte mich, ohne mich auch nur anzusehen. Während er an mir vorbeilief, rief er quer über den Platz „Toneeee!“ – und wuchtete den Ball über 40 Meter exakt auf Toni Polsters Kopf. Tor.

Ich mache es kurz. Ich habe gegen Prohaska keinen einzigen Ball berührt. Er Schneckerl, ich Verreckerl. Und auch sonst blieben die Erfolgserlebnisse aus. Nach einem Pressball mit Sturmtank Polster etwa blieb ich minutenlang liegen. Ich war mir sicher, dass er mir das rechte Bein komplett abgerissen hat.

Oder der rückwirkend betrachtet geradezu herzige Versuch, das legendäre Raubein Toni Pfeffer zu überlaufen! Der Ex-Internationale gab mir einen ambitionierten Rempler, der mich knapp außerhalb der Seitenlinie und unmittelbar vor den Stühlen der Ehrengäste herzhaft ins Gras beißen ließ.

Und schließlich, als ich bei einem Angriff unseres Teams von Schoko Schachner (den man aus Mitleid unserer Mannschaft zugeteilt hatte) eine Maßflanke an die Strafraumgrenze erhielt, war das Spiel vorzeitig für mich beendet. Franz Wohlfahrt, der Torhüter der Gäste, einst Europacup-Held, kam mit Schwung auf mich zu und rammte mich mit seinen damals geschätzten 120 Kilo. Was heißt, er rammte mich? Er überfuhr mich. Wie eine Straßenwalze. Ich lag niedergebügelt im Gras, ähnlich einem römischen Soldaten nach einer Schlacht mit Obelix. Nur noch Nase, Kniesscheiben und Fußspitzen ragten aus dem Grün. Ich konnte nicht mehr atmen, spürte meinen Körper nicht mehr, und ich schwöre, ich hatte in diesem Moment im Gurktal eine Nahtoderfahrung hinter mich gebracht.

Nach einigen Augenblicken am anderen Ende des Regenbogens taumelte ich auf, schleppte mich zur Outlinie und ließ mich auswechseln. Das Publikum bog sich vor Lachen, ich bog mich auch – allerdings vor Schmerzen.

Eine Woche später war mein linkes Bein auf den doppelten Umfang angeschwollen und brannte wie ein Jungschar-Lagerfeuer im August. Ich fuhr ins Krankenhaus und musste auch gleich drei Tage dort bleiben: Thrombose.

Die Einladung zu einem weiteren Promispiel, etliche Wochen später, schlug ich dankend aus.

40 weitere Erinnerungen lesen Sie im Buch: „Früher war ich jünger! 41 Geschichten aus dem Leben eines einfachen Mannes“ (Tredition Verlag)

Herr Kofler, vorne erster in Rot (von links). Weiter rechts: Schoko Schachner Herr Kofler, vorne erster in Rot (von links). Weiter rechts: Schoko Schachner

Herr Kofler maturiert

Meine Tochter steckt gerade im Maturastress. Mathematik, muss ich mehr sagen?

Wenn sie im Juni bestanden haben sollte, wird sie ihre formelle Reife exakt 25 Jahre nach ihrem Vater erreicht haben.

Bei mir war es am 12. Juni 1990 soweit. Warum ich mir dieses Datum gemerkt habe? Keine Ahnung. Vielleicht wegen der näheren Umstände meiner Matura. Zunächst einmal: ich trat mit einem Gipsbein an. Eh klar, werden Sie sagen. Herr Kofler, der Tollpatsch. Der Evil Knievel der Villacher Vorstadt. Damals schleppte ich die Folgen eines Bänderrisses mit mir herum. Erlitten bei einem Fußballspiel. Wäre ursprünglich alles halb so schlimm gewesen. Aber wenn es natürlich um den Einzug in die Champions League geht! Zwischen SC Magdalen und der Admira Villach. Vor null zahlenden Zuschauern. In der 11. Klasse X. Da muss man natürlich trotz eindeutigem Schmerzbild die Partie zu Ende humpeln. Und alles erst so richtig schlimm machen.

Sorry, ich sollte beim Thema bleiben. Matura also.

Ich fasse mich bei den Hauptfächern kurz: Deutsch und Englisch waren pimpifax. Latein bewältigte ich im bewährten Kofler-Modus. Ich schlug jedes einzelne Wort des Sallust-Textes im Stowasser nach, schrieb es über den lateinischen Begriff und setzte zum großen Ratesspiel an: Was könnte das alles bedeuten? Mir war keine andere Möglichkeit geblieben. Schließlich hatte ich seit der 6. Klasse keine Latein-Hausaufgaben mehr gemacht. Ich konnte nichts. Sed scholae discimus. Und ja, sogar das musste ich googeln.

Dann Mathematik. Der Lehrer überraschte uns mit einer speziellen Sitzordnung. Mich platzierte er bestmöglich, in der letzten Reihe neben Uwe, einem deutschen Mitschüler, der ob überbordender Intelligenz ungefähr sieben Schulstufen übersprungen hatte und mit ca. 11 Jahren maturierte. Ich rechne noch in diesem Jahrzehnt damit, dass er einen Nobelpreis erhält. Uwe hatte vorgesorgt. Zahlreiche Bleistifte, Spitzer, Radiergumme, Farbstifte sowie Jause inklusive Getränke und Traubenzucker säumten seinen Schreibtisch. Ich packte neben ihm einen abgekauten Bleistiftstummel, ein kaputtes Geodreieck und einen sehr wackligen Zirkel aus. Essen und Trinken? Ich bitte Sie! Ich will nicht sagen, dass ich bei der Arbeit dann alles von Uwe abgeschrieben hätte. Das würde die doch vorhandene Eigenleistung deutlich unterbewerten. Aber ich holte mir doch ab und an Anregungen, nahm darob manche Korrektur vor und ja, es hat sich ausgezahlt. Sehr Gut.

Höhepunkt der Matura war aber eindeutig mein Antreten im Fach „Bildnerische Erziehung“. Karikatur war das hundertprozentig nicht mit dem Professor abgesprochene Thema. Einen der anwesenden Lehrer zu zeichnen war ebenso zufällig meine konkrete Aufgabe. Und wir wussten natürlich auch nicht, dass mein Deutsch- und Geschichtelehrer in der Prüfungskommission sitzen würde. Mit dem ich acht Jahre lang gestritten hatte. Dutzende Klassenbucheintragungen (vermutlich 45), Handgreiflichkeiten, einmal schleuderte ich ihm ein Buch an den Schädel. Das Übliche, Sie kennen das.

Völlig überraschend also stand auf meinem Prüfungszettel „Karikieren Sie einen der anwesenden Professoren“. Und ist es nicht lustig? Ich habe den Deutsch- und Geschichtelehrer gewählt. Was folgte, war pure Rache. Ich zeichnete den hässlichsten Menschen, den die Welt je gesehen hatte. Mager, Überbiss, nackt (nur mit markanter roter Krawatte, die der Mann an jedem einzelnen Tag seines Lehrerlebens getragen hatte) – und, und mit dem gewaltigsten Gemächt, das eine so dürre Gestalt tragen konnte. Notdürftig von einer Unterhose verdeckt. Es war eine unfassbare Gemeinheit. Brachialmatura statt Zentralmatura. Ich musste während der Arbeit fast durchgehend lachen. Es war absurd.

Dann legte ich meine Zeichnung der Kommission vor. Die Lehrer blickten auf das Blatt, sahen in die Runde, blickten wieder auf das Blatt – und begannen laut zu lachen. Volksfeststimmung nix dagegen. Mein Deutsch- und Geschichtelehrer war bitterböse. Gesicht und Krawatte – eine Farbe. Alles war also perfekt.

Nach der Matura rahmte mein fieser Zeichenlehrer die Karikatur ein und hängte sie in die Aula. Dort sorgte sie einige Tage für viel Spaß. Dann war das Bild plötzlich weg. Ein übler Akt von Zensur, wenn Sie mich fragen.

Jahre später erfuhr ich, dass mein Deutsch- und Geschichtelehrer an Krebs gestorben war. Zu meiner Überraschung tat mir das so richtig leid.

Herr Kofler wird zum Brasilianer

Ich war zu spät. Wie so oft. Und da kannte meine Altherren-Fußballmannschaft kein Pardon. Wer unpünktlich war, kam auf die Ersatzbank.

Während sich also meine Kollegen in Fürnitz gegen das heimische Senioren-Kicker-Ensemble abmühten, stand ich damals, es muss vor rund zehn Jahren gewesen sein, am Spielfeldrand. Dressenleiberl lässig über der Hose, die Socken runtergerollt, die Schienbeinschützer nicht fixiert.

Knapp 30 Minuten waren gespielt. Und schön langsam kamen die Stars des Nachmittags aus den Kabinen. Die Kampfmannschaft des FC Kärnten, damals einer der zehn besten Vereine Österreichs. Diese Profis sollten ihr Testspiel – es war knapp vor Meisterschaftsbeginn – nach uns absolvieren.

Der Reihe nach kamen die aus TV und Radio einigermaßen bekannten Spieler aus dem Kabinentrakt, um sich aufzuwärmen. Um zum Trainingsplatz zu gelangen, mussten sie an mir vorbeigehen. Sie kannten mich nicht. No na. Aber ich hatte gerade begonnen, aus Langeweile mit dem Ball zu peppeln, wie man im Renn-Englisch sagt. Linker Fuß, rechter Fuß, Knie, Schulter, Kopf, Brust, Ferserl. Das klappte, sah auch cool aus. Ich war zwar nie ein guter Kicker gewesen, aber ich konnte den Ball obenlassen. 200 Mal peppeln, bitte gerne. Geht auch heute noch.

Und jetzt muss man wissen, dass damals in der Kronenzeitung gestanden hatte, dass der FC Kärnten sich zu verstärken gedachte. Mit einem Brasilianer. Von dem man nichts wusste. Von dem man kein Foto kannte. Die Profikicker blieben stehen und begannen zu murmeln: „Meinst, ist das der Neue?“ – „Könnte sein.“ – „Schaut nicht sehr durchtrainiert aus.“ – „Aber der Ball pickt am Schuh.“ Ich begann zu verstehen. Sie hielten mich, den schwarzhaarigen Vorstadtkicker mit den algerischen Vorfahren, für ihren Brasilianer. Hä hä. Das konnte lustig werden!

Ich ging das volle Risiko. Schwierigere Tricks. Fast alles klappte. Es lief. Ich gab mich betont lässig und arrogant. Schließlich war ich Brasilianer vulgo Fußballgott. Jede meiner Bewegungen wurde argwöhnisch beobachtet. Dieser Irtum – er war herrlich.

Während ich noch darüber nachdachte, wie ich aus dieser kleinen Vortanznummer unbeschadet rauskam, klärte sich die Szenerie von selbst. Ein alter Bekannter, er war im Trainerstab der Profikicker, hatte die absurde Situation erkannt. „Das is kein Brasilianer“, lachte der seine Spieler aus, „das ist der Kofi aus Villach.“ Betretenes Schweigen bei den Profikickern.

Zum Glück haben sie etwas später nicht gesehen, dass ich in der zweiten Halbzeit bei meinen alten Herren als Außendecker eingesetzt wurde und enorme Schwierigkeiten mit einem Stürmer hatte, der an die 60 Jahre alt war und Brasilien bestenfalls vom Strandurlaub kannte.

Herr Kofler spielt ein falsches Spiel

Wenn es in meiner Jugend etwas gegeben hat, das ich mit der größtdenkbaren Leidenschaft getan habe, dann war dies Fußballspielen. Drei Mal pro Woche Training, ein bis zwei Spiele am Wochenende – mein Glück war vollkommen.

Der nach innen gerichtete Profit war deutlich größer als der äußerlich wahrnehmbare Nutzen. Anders gesagt: Ich war kein besonders guter Kicker. Nicht, dass ich peinlich schlecht gewesen wäre. In einer guten Saison als Stürmer traf ich 20 Mal, in einem erfreulichen Jahr als Außendecker war ich eine verlässliche Kampfmaschine am Rande der permanenten Körperverletzungsgefahr für den Gegner. Aber in Summe muss man sagen: Eine Karriere als Profifußballer wäre so realistisch gewesen wie ein Lottosechser für jemanden, der nicht Lotto spielt.

Falsches Spiel

Und doch gab es bei den rund 300 Meisterschaftsspielen, die ich absolviert habe, auch richtig große Momente. Das seltsamste Highlight hatte ich unter falschem Namen. Als Manfred Posratschnig.

So hieß ein Schulfreund, den ich einst dazu brachte, sich bei meinem Heimatverein SC Magdalen (am östlichen, am „wilden“ Villacher Stadtrand) anzumelden. Manfred fand dann wenig Spaß am Spiel, er beendete seine Laufbahn nach ein paar Matches. Was aber von ihm blieb – sein Spielerpass.

Und so trug es sich zu, dass im Laufe der Jahre so gut wie jeder Fußballer in St. Magdalen einmal als Manfred Posratschnig einlief. Entweder, weil er unter richtigem Namen eine Sperre abzubüßen hatte. Oder weil er gar kein gemeldeter Kicker war. Oder weil er im Nachwuchs bei einer Mannschaft aushalf, für die er, laut Regelment, schon zu alt gewesen wäre.

Genau so ein Fall trug sich damals zu. Ich war zufällig am Sportplatz, als die Jugendmannschaft (U16) zu einem Auswärts-Spiel abfahren wollte. Allerdings war der Tormann nicht erschienen. Blöde Situation. Der Trainer fragte mich, der ich eigentlich ein Jahr zu alt für die „Jugend“ war, ob ich helfen könnte. Als Manfred Posratschnig. Ich sagte zu. Logisch für einen, der noch nie im Tor gestanden hat.

Wir fuhren nach Unterkärnten, nach Völkermarkt. Dazu muss man wissen: Völkermarkt hatte damals eine atemberaubend starke Mannschaft. Vor allem der Stürmerstar, Petschenig hieß er, überragte alle. Er galt als eines der größten Talente im Kärntner Nachwuchssport.

Jetzt natürlich super Konstellation: Dort der beste 16-jährige Goalgetter des Landes, hier ein Tormann, der seine Premiere feierte und nicht einmal Handschuhe hatte. Also doch, ich hatte schon Handschuhe, aber halt keine Fußballtormann-Handschuhe, sondern knallgelbe Schihandschuhe. Das war alles, war wir in unserer Eile vor der Abfahrt fanden. Und, erschwerend: die Handschuhe waren nicht nur viel zu groß, sondern auch steif wie Bretter, die Finger ließen sich nicht abbiegen.

Angekündigtes Drama

Beim Einschießen vor dem Spiel offenbarte sich mein Unvermögen. Jeder Schuss ein Treffer. Das konnte heiter werden.

Was dann geschah, verstehe ich heute noch nicht.

Ich hielt alle Schüsse, alle Kopfbälle. Mit den Händen, mit dem Brustkorb, mit dem Gesicht. Was Petschenig und Konsorten auch versuchten, sie fanden in mir ihren Meister. Ich sprang herum wie ein mexikanischer Nachwuchs-Torhüter auf LSD. Unvergessen ein exzellent gesetzer Kopfball (bodenauf!), den ich mit einem Beinreflex parierte, für den mich Andre Heller sofort für seine Begnadete-Körper-Show engagiert hätte. Höhepunkt war dann ein Alleingang Petschenigs, den er mit einem scharfen, präzisen Schuss abschloss. Ich drehte ihn mit Hilfe meiner steifen Handschuhkuppen um geschätzte drei Millimeter an der Torstange vorbei.

Wir spielten gegen die hochfavorisierten Völkermarkter 1:1. Jubel ohne Ende.

Kehrseite der Medaille: Mir tat alles weh. Ich hatte falsch zum Ball gegriffen, weshalb die Finger schmerzten; mich schlecht abgerollt, weshalb das Kreuz weh tat; mir von den vielen Ausschüssen eine Zerrung im rechten Oberschenkel geholt; und dann war da noch eine geschwollene Wange, weil ich einen Schuss falsch berechnet und ins Gesicht bekommen hatte.

Aber ich war glücklich.

In den folgenden Tagen dachte ich ernsthaft darüber nach, künftig als Tormann zu spielen. Daraus wurde nichts. „Du bist 1,70, mach dich nicht lächerlich“, fand mein Trainer psychologisch wertvolle Worte. Also blieb ich Feldspieler.

Trauriges Comeback

Ins Tor stellte ich mich nur noch einmal. Knapp 25 Jahre nach dem Triumph von Völkermarkt. Bei einem internationalen Altherren-Turnier in Kitzbühel. Wie es lief? Ich kassierte ein Tor nach dem anderen. Ich war eine Witzfigur. Als mir ein Mann jenseits der 60 ein Tor aus gut 20 Metern Entfernung machte, das überhaupt nur möglich war, weil im Torraum kein Gras wuchs, das den 5-Stundenkilometer-Schuss hätte stoppen können, wusste ich: Mit der Entscheidung, nicht Tormann zu werden, hatte ich mir und meinen Mitspielern viel Kummer erspart.

Herr Kofler debütiert in der Landesliga

1988 war für Villach ein desaströses Jahr. Das Zellstoffwerk im Stadtteil St. Magdalen, meiner Heimat, ging pleite. Für damalige Verhältnisse unvorstellbare 1,2 Milliarden Schilling versenkte die SPÖ-Landesregierung in die vermeintliche Rettung der Fabrik. In gutem Glauben, doch ohne Verstand. Am Ende waren Hunderte arbeitslos – und mein Fußballverein SC Magdalen stand ohne Sponsor da. Was in der Landesliga, deren Meister damals noch, als es keine Regionalliga gab, direkt in die 2. Division (Bundesliga!) aufstieg, ein echtes Problem darstellte. Die zusammengekaufte Söldner-Kampfmannschaft löste sich in der Winterpause in Luft auf, so schnell konntest du gar nicht „Handgeld“ sagen, waren 20 Kaderspieler weg. Kein Cash, keine Kicker, keine Chance auf Klassenerhalt – dennoch musste die Meisterschaft fertig gespielt werden.

Also „durften“ wir Jungen ran. Fast die gesamte Juniorenmannschaft trat fortan, unterstützt von gerade einmal drei bis vier Routiniers, gegen regionale Giganten wie Lienz, Wolfsberg und den Slowenischen AK an.

Ich war gelernter Außendecker. Old school. 90 Minuten Manndeckung, jeden Ball hoch nach vorne schlagen und dem gegnerischen Stürmer Schmerzen zufügen, ohne die Rote Karte zu erhalten – meine Fähigkeiten waren rasch aufgezählt. Dennoch feierte ich im Frühjahr 1989 gegen den SC Hermagor mein Debüt in der Kampfmannschaft.

Ich wurde nach 37 Minuten eingetauscht. Zu diesem Zeitpunkt hatte mein Gegenspieler, ein Stürmer der Kärntner Auswahl namens Rupnig, meinen Vorgänger als Außendecker bereits schwindlig gespielt und zwei Treffer erzielt. Der Mann war gefürchtet schnell und gnadenlos vor dem Tor.

Um ehrlich zu sein: Ich war entsetzt, als ich eingewechselt wurde. Ich hatte keine Chance, das war klar. Mit 17 Jahren und null Erfahrung? Rupnig würde mich als Nachmittagsjause verzehren.

Doch dann geschah Seltsames. In meiner Verzweiflung gelang mir alles. Ich gewann jeden Zweikampf, grätschte, rutsche, trat und foulte wie ein alter Fuchs und brachte Rupnig schließlich sogar dazu, in der 80. Minute, einigermaßen körperlich beeinträchtigt und deprimiert, das Spielfeld zu verlassen.

Hermagor hatte freilich andere Wege gefunden, uns zu schlagen. Wir verloren 0:6. Doch am nächsten Tag, als ich die Kleine Zeitung aufschlug, war ich baff, stolz und alles: Als einziger Spieler des SC Magdalen war ich in fetten Lettern gedruckt. Das hieß: Der Beobachter der Zeitung hatte mein Spiel für gut befunden.

Es blieb bei diesem lächerlichen Minimum an sportlichem Ruhm. Ich wurde, zu Recht, nie wieder dick gedruckt und verlor ein paar Spiele später mein Stammleiberl. Den Ausschnitt aus der Kleinen Zeitung besitze ich heute noch.

Rares Bilddokument: Herr Kofler beim Kicken Rares Bilddokument: Herr Kofler beim Kicken

Herr Kofler erhält einen Brief – und krempelt sein Leben um

Folgen Sie mir auf die Terrasse meiner Wohnung in Villach. Wir haben den Heiligen Abend des Jahres 2013. Es ist bitterkalt, und während Frau und Tochter im Wohnzimmer Geschenke auspacken, stehe ich, von den beiden unbemerkt, auf unansehnlichen Waschbetonplatten, an den in die Jahre gekommenen Thermoputz gelehnt und weine in die sternenklare Nacht hinaus.

Jetzt weiß man: Wer sich unmittelbar nach einer Bescherung in Tränen auflöst, hat das Falsche geschenkt bekommen. Fragen Sie nur Emma Thompson in „Tatsächlich … Liebe“. Oder aber, er hat das Richtige erhalten. Wie ich.

Wenige Minuten davor hatte mir meine Tochter im Schein des Christbaumkerzenlichts ein Kuvert in die Hand gedrückt. Ich war überrascht. Geschenke haben eher von den Eltern zu den Kindern gereicht zu werden als umgekehrt, finde ich. Aber gut, damals eben Kuvert. Ich setzte mich hin, öffnete es und nahm einen A4- Zettel heraus.
Meine Tochter hatte mir einen Brief geschrieben.

Nur ein paar Sätze. Papa, schrieb sie, ich wünsche mir zu Weihnachten nur eines: dass du wieder nach Hause kommst. Und dann sinngemäß: Dass wir künftig weniger Geld haben werden, hat keine Bedeutung. Ich kann auf mein Taschengeld verzichten und samstags, neben der Schule, arbeiten gehen. Hauptsache, du bist wieder da. Du fehlst mir.

Ein Wettlauf setzte ein. Meine Beine gegen meine Tränen. Die Beine gewannen knapp. Ich war raus aus dem Wohnzimmer und auf der Terrasse, ehe ich die Kontrolle über meinen Tränenfluss verlor. Ich wollte meinen Liebsten das Weihnachtsfest nicht vergeigen.

Und so stand ich in der Kälte und musste erkennen, dass meine damals 15-jährige Tochter mehr vom Leben und den Dingen verstand, die darin wichtig sind, als ich, der ich mich immer für sehr wissend gehalten hatte.

Zu Ihrem Verständnis: Zum Zeitpunkt jenes Weihnachtsfestes war ich bereits seit zweieinhalb Jahren beruflich in Wien tätig. Es war eine logische Entwicklung gewesen: Redakteur, Ressortleiter, Chefredakteur in Kärnten. Dann Ende der Fahnenstange. Also Wien. Fein bezahlte Jobs, die mein Bedürfnis nach Anerkennung befriedigten. Sie müssen wissen, wer als Journalist nach Anerkennung strebt, wird rasch merken: vom Leser kommt die nur, wenn man in der Liga des verstorbenen Kurt Kuchs arbeitet. Und so gut war ich halt nicht.

Ich hatte mir also eine andere Kategorie des Respekt gesucht. Die Brutto- und Nettosumme am Lohnzettel. Im Wettstreit mir mir selbst machte ich es mir zum Ziel, immer mehr zu erreichen. „Running just to be on the run“, hat John Prine dazu gesungen. Der vermeintliche Respekt hatte irgendwann das Ausmaß einer sechsstelligen Jahresbruttosumme erreicht.

Aber wie „Future Island“ singen: „When people gain one piece, they lose one too“. Und so war es. Je mehr ich verdiente, desto weniger hatte ich Zeit für Frau und Kind, die in Kärnten geblieben waren. Während der Wien-Jahre arbeitete ich durchschnittlich 70 Stunden die Woche, saß Freitagabend im Zug nach Villach und Sonntagabend wieder im Zug retour. Meine Tochter sah ich manchmal zwei, drei Wochen nicht. Ich war weder bei ihrem 14. noch bei ihrem 15. noch bei ihrem 16. Geburtstag anwesend. Auch nicht beim Elternsprechtag. Oder bei ihrem ersten E-Bass-Auftritt. Und auch nicht, als der Hund starb. Ich war ein Zahnrad, drauf und dran, in meinem eigenen Moloch wie in Fritz Langs „Metropolis“ verloren zu gehen.

Der Brief meiner Tochter ohrfeigte mich in die Realität zurück. Die Zeilen waren gleichermaßen Erleuchtung wie Erlösung. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Nach den Weihnachtsfeiertagen ging ich zu meinem Chefredakteur und teilte ihm mit, dass ich die Firma verlassen würde. Sechs Monate später stieg ich zum letzten Mal in den Zug nach Villach. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos – und so glücklich wie schon lange nicht mehr.

Nachdem sich in Kärnten in meiner Branche herumgesprochen hatte, dass ich heimgekehrt war, trudelten tatsächlich nach und nach ein paar Jobangebote herein. Ich sagte alle ab. Drei Monate tat ich nichts, außer die Zeit mit Frau und Tochter zu genießen.

Dann nahm ich das kleinste aller Angebote an. Heute verdiene ich so wenig wie zuletzt 1997. Aber Geld spielt keine Rolle mehr. Überhaupt ist fast nichts mehr wichtig. Der Brief meiner Tochter ließ in meinem Kopf einen Schalter umfallen. Er hat meine Prioritäten zurecht gerückt. Ich bin nun da, wo ich hingehöre: bei meiner Familie. Und – tell you what: Ich habe mich nie besser gefühlt.

Gernot Riedel | Consulting|Coaching|KI Training in Tourism

Business Coach für Wandel & Innovation | KI-Trainer, Impulsgeber, Möglichmacher im Tourismus

Herr Kofler erzählt vom Krieg

Manchmal passieren Dinge, dann wieder nicht. Das Buch: "Früher war ich jünger. 41 Geschichten aus dem Leben eines einfachen Mannes" (Tredition)

Dreigroschenoma

Bitte klatschen Sie nicht.

sarahassansblog

Jungjournalistin, oft schlecht gelaunt.

Hinter den Türen der Stadt

Geschichten mitten aus dem Leben; über Momente die uns prägen, Freude, Schmerz, Hoffnung und Schicksal dem wir täglich begegnen. Ein kleiner Blick ins Innere, ein Blick hinter die Tür.

Andreas M. Fillei's Blog

Alles Große beginnt oft nur mit einer Kleinigkeit....

VideoGamerMuc

Hier dreht sich alles rund um das Thema Videospiele

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten