So wie das halt ist im Leben: Shit happens. Zuerst ein böser Motorradunfall (wieder einmal!), dann eine gröbere Krankheit (das war neu). Beides in einem Jahr. Ich hatte Monate in Krankenhäusern verbracht, war von unzähligen Medikamenten müde, kurzum: 1996 war eine lebensqualitative Nullnummer. Dass meine Frau schwanger war, erleichterte die Situation nicht wirklich. Ich hatte mein Studium fast fertig, aber eben nur fast. Und musste einen Fulltimejob annehmen, um die entstehende Familie ernähren zu können.
Der Rettungsanker kam Anfang 1997 in Form eines Angebotes von der Kleinen Zeitung. Fixanstellung, 15 Gehälter. Den Unfall hatte ich auch einigermaßen verarbeitet, die Erkrankung hatte sich nach zwei Operationen rückstandslos verabschiedet. Es ging wieder aufwärts.
Allein: wie sollte ich zwischen Job und Familie meine noch fehlende Diplomarbeit schreiben? Mehrere Versuche, am Wochenende ein paar Stunden abzuzweigen, scheiterten. Ein Plan musste her. Und ich hatte einen. Ich bat meinen Chef, zwei Jahre ohne Urlaub arbeiten und mich dann für 12 Wochen zum Schreiben zurückziehen zu dürfen. So kam es.
Da mir klar war, dass ich zu Hause keine Ruhe finden würde, um mich dem doch eher sperrigen Thema „Wahlrecht“ zu nähern, mietete ich mich für drei Monate in einem der schäbigsten Hotels in Villach ein, baute meinen IBM 386 auf und arbeitete drauflos. Anfangs war ich noch sorgfältig und sicherte meinen Text jeden Abend auf Diskette. Mit den Wochen wurde ich müder – und nachlässiger. Und natürlich schlug das EDV-Imperium zurück: Der IBM gab seinen Geist auf, meine fast fertige Arbeit war weg. Knapp 270 Seiten.
Diesen Moment, als mir klar wurde, dass ich keine Sicherungskopie hatte, werde ich nie vergessen. Ich war so verzweifelt, dass der augenblickliche Sprung aus dem Fenster eine ernstzunehmende Option war. Freilich, viel wäre nicht passiert. Mein Hotelzimmer befand sich im ersten Stock.
In meiner Not rief ich einen Freund an, der in der EDV-Branche tätig war. Er empfahl mir einen Kollegen, der sich als Datenretter einen Namen gemacht hatte. Hoffnung keimte auf.
Gegen Abend läutete es an der Tür, der Computer-Heiland war endlich da. Ich sperrte auf – und stand Danny DeVito gegenüber. Gleiches Gesicht, Haare wie beim Film „Twins“ zum Zopf zurückgebunden, gleiche Größe, sogar gleiche Sonnenbrille. Super! Ein Hollywood-Komiker war also meine letzte Chance.
Was dann kam, war beeindruckend. DeVito fuhrwerkte an meinem PC herum, murmelte alle paar Sekunden „Aha“, oder ab und an auch „Hui“, schloss irgendein Gerät an meine IBM-Krücke, tat dies, tat jenes. Knapp 90 Minuten dauerte der Eingriff. Dann war die Diplomarbeit gerettet. Ich hatte Tränen in den Augen, zahlte 300 Schilling, dankte Danny DeVito immer und immer wieder und fertigte zehn Kopien von meiner Arbeit an. Ende 1999 schloss ich mein Studium (Politikwissenschaften) ab – nach schlanken 16 Semestern.
Ich sehe Danny DeVito auch heute noch manchmal in Villach. Ich grüße immer freundlich. Er nickt meist irritiert zurück. Er kennt mich nicht mehr. Jener Abend in einem muffigen Hotelzimmer in der Bahnhofstraße war wohl nur für einen von uns beiden denkwürdig gewesen.
Erinnerungsstück: Die Visitenkarte des Daten-Magiers, der wie Danny DeVito aussah.



