Sicherlich atmet der ein oder andere Leser schon bei der Überschrift schwerer. Es sei gesagt, dass ich das Wort Nazi inzwischen als absolutes Unwort des täglichen Sprachgebrauchs empfinde. Es wird inflationär genutzt, wird wirklich überall ständig eingesetzt, wenn über aktuelle Politik diskutiert wird und hat für mich an Kraft längst verloren. Für mich persönlich der absolute Wahnsinn, da die Nazis so unfassbar schlimme Dinge getan haben und dieses Wort nun abnutzt in meinen Ohren.
Keinem muss ich erzählen, was die Nazis damals taten. Mit unserer Geschichte sind wir groß geworden, wurden bereits früh in der Schule schon mit unserem abscheulichen Vermächtnis, das wir nie erhalten wollten, beladen. Das darf sich nicht wiederholen wurde uns eingetrichtert.
Also tragen wir als Deutsche unser geschichtliches Erbe, das schwer wiegt, mit uns herum. Gehe ich richtig in meiner Annahme, dass jeder Nazi ein Rassist ist – jedoch nicht jeder Rassist ein Nazi? Wer sich heute gegen die Demokratie wendet und sie abschaffen will, wer sich eine ethnische Säuberung wünscht, den Holocaust leugnet und voller Stolz das Hakenkreuz an der Brust trägt – das ist für mich ein Nazi. Ganz genau gesagt ist das für mich ein Neonazi.
Wenn mein Bekannter die AfD wählt, ist er für mich ein Mensch, der nach einem Strohhalm sucht, nach dem er greifen kann. Ein unzufriedener Mensch, der sich nicht gehört und übergangen fühlt. Sagt die AfD gute Sachen? Ja! Hat die NSDAP das damals auch getan? Ja! Ist das der Beginn der Wiederholung unserer Geschichte? Ich weiß es nicht, glaube es aber nicht. Ich will es nicht glauben.
Ist mein Bekannter nun ein Nazi? Wünscht er sich einen Führer? Möchte er Menschen mit Migrationshintergrund etwas antun, das Land säubern und die deutsche Rasse erhalten? Im Regelfall ganz klar NEIN. Er will eine andere Politik und sieht keine andere Lösung. Hier ist Angst im Spiel. Angst um die eigene Existenz. Da packen wir noch ein wenig Wut aufgrund von Ungerechtigkeit und eine große Portion Unverständnis für die massive Unverhältnismäßigkeit von reich und arm dazu. Das ist auch nicht fair. Reiche werden reicher und Arme werden ärmer. Finde den Fehler! Unsere Politiker in Frage zu stellen ist unser gutes Recht. Politiker sind Volksvertreter und gerade jetzt in diesem Moment fühlen sich viele nicht vertreten sondern übergangen und allein gelassen.
Wohin sind die Mitglieder der NSDAP damals eigentlich verschwunden? Hingerichtet wurden die Köpfe der Greueltaten – spätestens nach den Nürnberger Prozessen. Einige saßen auch nur im Gefängnis oder verließen rechtzeitig das Land. Die restlichen Mitglieder, die „nur“ Mitglieder waren, fanden sich dann teils bis in die 90er Jahre weiterhin in der Politik – die AfD gab es da übrigens noch nicht. Die waren dann ja sicherlich alle in der NPD? Alle? Leider NEIN. Wenn man recherchiert, verteilten die sich ganz fein über zahlreiche Parteien, die aktuell unser Land regieren. Gruselig oder? Natürlich sind die inzwischen gestorben, vermutlich haben sie aber Nachkommen und ich glaube, dass das Elternhaus die politische Richtung durchaus beeinflussen kann.
Haben wir Neonazis in der Politik? Ich denke JA. Sind sie alle einer einzigen Partei zuzuordnen? Ich weiß es nicht.
Wer jedenfalls die AfD wählt ist ein Nazi und wird ausgegrenzt, als dumm abgetan und als schlechter Mensch hingestellt. Ich mag das nicht. Ich gehe ins Gespräch und höre mir an, was mein Gegenüber zu seiner politischen Meinung gebracht hat. Ich halte mich neutral und will Menschen, die ich mag, nicht aus meinem Leben verbannen weil sie anderer Meinung sind.
Das habe ich nämlich schon getan als es um das Impfen gegen Corona ging. Heute ist es ok für mich, wenn jemand sich nicht impfen lassen will – damals waren Impfgegner für mich Menschen zweiter Klasse. Da war ich also der Nazi..
In diesem Sinne….redet, geht ins Gespräch und schließt Schubladen.
