Vor gar nicht langer Zeit hätte ich es für kaum möglich gehalten, daß man wegen des Wetters auswandern kann. Aber bitte schön, wenn man sich das leisten kann!
Schnapp Dir irgend einen nordeuropäischen Residenten hier auf der Straße und frage ihn warum er hierher gezogen ist. Zu 99 % lautet die Antwort : „wegen der Sonne, natürlich.” Sozusagen eine ALL-gemein gültige Antwort. Fängt wohl nicht umsonst mit „all…” an, denn die schöne Wärme kommt tatsächlich von einem Himmelskörper, aus dem All. Doch solange der wahre Grund unseres Bleibens an der Costa Blanca nicht in den Sternen geschrieben steht, wollen wir es glauben.
Jedem ist hier „seine” Küste die beste. Wir, zum Beispiel, halten unsere Costa Blanca für ideal, da hier der Sommer nicht ganz so heiß und der Winter trotzdem angenehm mild bleibt. Sogar der Pauschaltourismus hält von uns einen relativ sicheren Abstand.
Die Frage „wie ist es so in Spanien” kann ich nicht beantworten. Schließlich kenne ich nur einen kleinen Teil davon. Da wo ich lebe ist „mein Spanien” ganz schön bunt mit Nordeuropa gemischt. Im Lande Valencia spricht man offiziell Castillano, inoffiziell jedoch das holprige Valenciano, was den frisch angekommenen Ausländern mächtige Schwierigkeiten bereitet, insbesondere den Kindern in der Schule. Mitunter ist das einer der Gründe warum man uns liebevoll als „Resistenten” bezeichnet, anstatt „Residenten” (ich fühle mich geschmeichelt). Sobald man die Grundregeln begreift – X statt J, B statt W, es gibt kein Ch, niemals ein Vokal am Ende eines Wortes usw. -versteht man zumindest was da gemeint ist. Allerdings verursacht der Kampf der Dialekte ungeahnte Blüten. Über ein solches Durcheinander könnte nicht einmal der neue Duden herrschen!
Alle Residenten, egal ob sie aus Schweden, Großbritannien, Italien oder Deutschland kommen, haben etwas gemeinsam: die Eroberermentalität. Man ist hierher gekommen um ein neues Leben anzufangen. Oft genug versucht man hier erst recht das zu erreichen, woran man daheim gescheitert ist, was sich natürlich unter wildfremden Bedingungen meist als unmöglich erweist. Die Spanier waren „Conquistadores“ in Amerika, nun haben sie die Rolle der Eroberten zu tragen. Wenn das kein ironisches Schicksal ist!
Das Thema Multikulti ist heutzutage in allem Munde. Um das „Globale Dorf” zu erkunden muß ich hier nicht unbedingt ins Internet gehen; wir leben in einem globalen Dorf. Beim Bäcker spricht man Spanisch, beim Friseur Englisch, mit dem Nachbarn Französisch, in der Kneipe Deutsch, beim Tennis Holländisch usw. Vorausgesetzt man kann das alles. Wenn nicht, dann tut es auch die Muttersprache, begleitet von inspirierenden Hand-, Kopf-, Fußbewegungen, im richtigen Ton. Das einzige Problem an unserem welttauglichen Fischerdorf ist, daß es auch wirklich ein Dorf ist und bleibt. Metropolen wie Hamburg oder Toronto haben einen internationalen Touch in städtischer Hinsicht; bei uns läuft es durch und durch prosaisch, ländlich, vor sich hin.
Fast jeder ist fast immer über fast alle bestens informiert. Die Freiheit einer unauffälligen Identität ist nicht vorhanden. Allgemein wird diese Ruhe geschätzt („tranquilo”, „siesta”, „poco a poco”), doch man nimmt sich diskret mehrmals im Jahr Zeit für eine Reise irgendwohin, um zumindest ein bißchen echten Streß zu erleben (Ha!).
In unserer Gegend ist die Erde rot, ähnlich wie in der afrikanischen Landschaft. Mein erster Eindruck war, hier könnte praktisch jedes Haus einen „natürlichen Tennisplatz” haben. Stimmt aber nicht. Das ist der trockene spanische Mutterboden, aus dem die Spanier auf rätselhafte Weise saftige Früchte wie Zitronen, Apfelsinen, Oliven und Weintrauben hervorbringen. Allein für die Hartnäckigkeit mit der sie so eine höllisch schwere Arbeit verrichten verdienen sie Respekt. Manch steiler Hügel ist immer noch von den Terrassen gesäumt, die vor Jahrhunderten in mühsamer Handarbeit nach maurischer Tradition für den landwirtschaftlichen Anbau gewonnen wurden. Die Mauren sind weg, die Terrassen nicht.
Ich kann sowieso nicht begreifen, wie man mit einem Volk 600 Jahren lang in Frieden zusammen leben kann, um es dann einfach auf Schiffe zu verfrachten und zurück nach Afrika zu schicken! Das ist ungefähr so als würden die Nordamerikaner jetzt nach Europa kommen und das Land den Indianer hinterlassen. Rein zeitlich gesehen sind es auch „nur” 600 Jahre seit Amerikas Entdeckung. Grübeln wir lieber nicht weiter über Kolumbus Ei…
Der spanische Normalverbraucher beschäftigt sich fast immer mit Feiern. Entweder Sommerfest, Ortspatron, katholisch oder nicht, Vorbereitung oder Ausklang, im eigenen Ort oder im Nachbarschaftsdorf, es gibt immer einen Grund. Natürlich geht er ansonsten wie jeder Mensch zur Arbeit; das gehört dazu, sonst könnte er sich das Feiern nicht leisten (und nicht umgekehrt, Ehrenwort!) Denn gefeiert wird ohne zu geizen; es kann schon mal passieren, daß zu diesem Zweck ganze Straßen oder Strände kurzerhand gesperrt werden. Doch einen sturzbetrunkenen Spanier habe ich noch nie gesehen. Ich glaube, er würde sich zu sehr schämen; so etwas darf die Öffentlichkeit nicht sehen. Ich meine jetzt einen Spanier, der sich schämt.
Das spanische Abendessen fängt an, wenn wir Nichtspanier schon vor dem Fernseher beim Tatort sitzen. Restaurantbetreibern kommt das entgegen; den gleichen Tisch können sie an einem Abend mehrmals bedienen: um 18:00 kommen die Ausländer und ab 21:00 die spanischen Großfamilien, mit Omas und Kleinkindern, ja sogar mit Hund.
Was mir an den lokalen Fiestas am besten gefällt sind die riesigen Paellas. Meist werden sie auf dem Hauptplatz vor der jeweiligen Kirche im Ort zubereitet. Ein großer LKW liefert die riesige Pfanne. Die ist so schwer, daß man sie samt Ständer mit einem eigens dafür mittransportierten Kran heben muß. Die Köche (Männer, jawohl, immer in der Mehrzahl) spazieren mit großen Schaufeln um die ein paar Meter breite Pfanne herum und mischen die Zutaten aus Säcken zusammen. Am Ende schmeckt alles besser als im Restaurant. Jeder kriegt einen Teller. Kost´ fast gar nix! Bon Profit wird gewünscht, was so gut wie Guten Appetit heißt, auch wenn es sich mehr nach einem Aktiengeschäft anhört.
Zurück zum Klima, wo wir angefangen haben. An der Costa Blanca ist es fast immer angenehm warm. Im Sommer weht eine angenehme Brise vom Meer und im Winter haben wir nur selten weniger als +5 Grad (heuer ausgenommen; war echt eine Ausnahme). Wir haben es viel besser als zum Beispiel die Costa del Sol (ich kann es einfach nicht lassen…), wo der Sommer tierisch heiß ist und im Winter öfters mal der Schnee fällt (na also, es musste mal gesagt werden!) Wie bereits erwähnt, steigen hier die Lufttemperaturen nur wenige Tage im Jahre über 35 Grad (wenn wir nur wüssten, wann genau…).
Der Spanier von heute gibt sich offen und modern. Vor allem den Ausländern gegenüber. Schließlich lebt hier fast jeder irgendwie vom Tourismus. So passiert es nicht selten, daß die Runde der Dorfälteren beim Mittagsgespräch auf der Bank an der Straße kurz unterbricht, um eine Gruppe knapp „beshorteter“ blonder Schönheiten freundlich zu begrüßen. Sollte am Abend darauf die eigene Nichte am gleichen Ort einen Minirock zur Schau tragen, wird das völlig anders bewertet.
Da wo früher das wertlose Land am Meer war, welches dem weniger geliebten Spross vererbt wurde – „mehr war nicht da” – stehen heute Urbanisationen mit unglaublich schönen Villen. Längst fährt die meist weibliche „arme” Erbin den teuren Mercedes durch die Gegend, während ihre Geschwister auf ihren landwirtschaftlich wertvollen Grundstücken im Inland sitzen und vom großen Geld träumen. Doch so richtig nichts tut hier keiner; alle beteiligen sich am Aufstieg ihrer Gegend, sei es im Handel, Bau-, Sicherheits-, Administrations- oder Immobiliengewerbe. Und genau das kommt manch einem ruhesüchtigen Residenten zu aufdringlich vor. Schließlich wolle man sich hier entspannen. Wäre da nur nicht dieses lebendige Volk, welches einem mit südlichem Eifer den Spaß verdirbt!
So toleriert man sich gegenseitig weiter und geht, leider viel zu oft, seine eigenen Wege. Zugegeben, in gewisser Weise mag man sich doch, vor allem um sich zu necken und um zu verallgemeinern („die Deutschen sind so”, „die Spanier mehr so”, „die Engländer eher so” usw.). Aber sobald die Saison anfängt und die ersten „Touris” hier verkehren, baut sich die gemeinsame Front auf. Ein kleines Zwinkern der Kassiererin im Supermarkt und schon weiß ich, daß auch sie der selben Meinung ist über das putenrote Gesicht („Gambas”) des nicht ausreichend vor der Sonne geschützten Briten vor mir, oder über die unhöfliche Art seiner Gattin, im Geschäft halbnackt zu erscheinen. Spätestens ab jetzt merke ich, wie sehr ich integriert wurde und daß man mich nicht mit den Urlaubern verwechselt. Das wirkt wie ein Ritterschlag!
Eins steht fest: aus einem unscheinbaren Fischerdorf haben die Einheimischen einen schicken Ferienort gemacht, an dem es sich zwar nicht mehr ganz billig, aber immer noch herrlich gemütlich leben läßt. Hier bin ich zu Hause! Und nach gar nicht langer Zeit stelle ich plötzlich fest, daß ich, ohne zu wissen, zu einem Teil dieser kleinen bunten Welt geworden bin und daß es nicht nur die Sonne ist, die mich hier hält.
Benissa, 2005


