
Cybermobbing – Vortrag heute in Belgien


Er kam am Abend.
Leise, wie jemand, der lange unterwegs gewesen war und nun endlich vor der richtigen Tür stand. Als wir hinausblickten, sahen wir ihn hinter meinem Sohn. Wie ein Geist. Dort hatte er sich hingestellt, dicht bei ihm, mit einer Ruhe, die sofort den ganzen Moment veränderte.
Er blieb.
Lief meinem Sohn einfach hinterher, als gehöre er zu ihm.
Etwas an ihm wirkte zugleich fremd und vertraut. Sein Fell trug den Staub des Weges, seine Augen eine Müdigkeit, die tiefer ging als bloße Erschöpfung. Er sagte nichts, und doch lag in seiner stillen Gegenwart etwas so Eindringliches, dass wir alle sofort vorsichtiger wurden, leiser, fast ehrfürchtig.
Wir suchten nach seinem Menschen.
Wir schauten die Straße hinunter, riefen, warteten, horchten in den Abend, als könnte aus der Dämmerung gleich jemand auftauchen und erleichtert seinen Namen rufen. Doch der Abend blieb bei sich. Die Häuser schwiegen. Die Straße hielt ihren Atem an. Wir sprachen mit Nachbarn, Freunden, telefonierten in drei Ländern. Nichts.
Also nahmen wir ihn mit hinein.
Wir duschten ihn, langsam und behutsam, als müssten wir erst den Staub des fremden Tages von ihm lösen. Das Wasser lief dunkel in den Abfluss, und unter unseren Händen kam nach und nach ein schöner Hund zum Vorschein. Danach kämmten wir ihn. Strähne um Strähne glitt die Bürste durch sein Fell, und mit jeder Bewegung wirkte er leichter, weicher, als dürfte er für einen kurzen Augenblick einfach ausruhen.
Er ließ alles geschehen in einer Sanftheit, die ans Herz ging.
Später legte er sich vor das Bett meines Sohnes.
Dort fand er seinen Platz, als hätte er ihn schon lange gekannt. Er lag still auf dem Boden, den Kopf zwischen den Pfoten, wach genug, um jede Bewegung mitzubekommen, und zugleich voller Frieden. Manchmal hob er den Blick zu uns, und in diesem Blick lag etwas, das ich bis heute kaum beschreiben kann: Dankbarkeit vielleicht. Erleichterung. Oder nur das tiefe Wissen eines Tieres, das für eine Nacht in Sicherheit angekommen war.
Wir wussten, dass er jemandem gehörte.
So ein Hund trägt Bindung in sich. Vertrauen. Gewohnheit. Irgendwo musste ein Mensch sein, der ihn suchte, vielleicht voller Sorge, vielleicht schon mit jener schweren Ahnung, die jeden Raum verändert.
Darum riefen wir die Polizei.
Als der Beamte kam, blieb der Hund auf seinem Platz, ruhig wie zuvor. Das kleine Gerät glitt über seinen Hals, ein kurzer Ton erfüllte das Zimmer, und in diesem Augenblick bekam seine Geschichte wieder ihren Namen, seine Spur, sein Zuhause.
Dann nahmen sie ihn mit.
Die Tür schloss sich.
Im Zimmer meines Sohnes blieb eine warme Stelle auf dem Boden zurück, als hätte seine Gegenwart sich noch einen Moment länger gehalten. Das Haus fühlte sich auf einmal größer an. Stiller auch. Fast so, als hätte der Abend selbst für ein paar Stunden einen Gast bei uns abgelegt und ihn dann wieder abgeholt.
Manche Begegnungen dauern nur eine Nacht und hinterlassen doch etwas, das bleibt.
Dieser Hund kam wie aus einem Zwischenraum – müde, sanft, voller stiller Würde. Für ein paar Stunden gehörte er zu uns. Dann kehrte er dorthin zurück, wo sein Platz war.
Er war gelaufen, drei Stunden lang scheinbar am Fluss entlang und durch den Wald. An einem schönen Tag und er lief zwischen den Ländern einen langen Weg zu uns. Einfach so.
Ich muss oft an seinen Blick denken, als er in den Polizeiwagen stieg.
Unsicher, etwas ängstlich, aber dankbar. Ein Gefühl.
Als hätte uns für einen Augenblick etwas gefunden, das wir selbst gar nicht gesucht hatten.
Croissant aus Reisblättern. Im Internet gesehen, ausprobiert, für gut befunden.
Manchmal sieht man im Internet etwas und denkt erst: kann eigentlich nichts sein. Dann probiert man es trotzdem aus und muss am Ende zugeben, dass es ziemlich gut ist.
So war es bei diesem Reisblatt-Croissant. Ich hatte die Idee irgendwo bei TikTok gesehen, fand das erst etwas dubios und dann doch interessant genug, um es selbst auszuprobieren. Mit Käse, Frühlingszwiebeln, Ei, ein bisschen Öl, etwas Milch und am Ende noch kleinen Butterflöckchen. Das Ergebnis war überraschend gut: außen richtig knusprig, innen weich, würzig und ziemlich sättigend.
Der eigentliche Trick liegt weniger in der Füllung als in der Anordnung der Reisblätter. Nicht einfach vier irgendwie übereinanderlegen, sondern zwei unten nebeneinander, leicht überlappend, und zwei weitere versetzt darüber. So entsteht in der Mitte eine stabile Fläche, auf die die Füllung kommt, und außen bleibt genug Rand, um alles einzuschlagen und zu drehen. Genau dadurch bekommt das Ganze später diese fast croissantartige Form.

Ich habe die Reisblätter kurz durchs Ei gezogen, die restliche Mischung mit dem zweiten Ei, etwas Öl, etwas Milch und 2 Esslöffeln Mehl verrührt. Wer es glutenfrei braucht, nimmt einfach glutenfreies Mehl. Dazu kamen noch die Gewürze, und diese Mischung habe ich dann in die Mitte gegeben. Darauf kamen Käse, Frühlingszwiebeln und ein paar kleine Butterflöckchen. Dann eindrehen, ab in die Heißluftfritteuse und bei 200 Grad ungefähr 20 Minuten backen.
Was dabei herauskommt, ist natürlich kein echtes Croissant. Aber es hat etwas von dieser goldbraunen, knusprigen, leicht blättrigen Idee — nur eben auf Reisblatt-Art. Und ehrlich: für etwas, das man zuerst auf TikTok sieht und innerlich ein bisschen belächelt, war das erstaunlich überzeugend.
Reisblatt-Croissant aus der Heißluftfritteuse
Zutaten für 2 große Stücke
8 Reisblätter
2 Eier
2 EL Öl
1–2 EL Milch
2 EL Mehl oder glutenfreies Mehl
geriebener Käse
2–3 Frühlingszwiebeln in Ringen
optional etwas Schinken
kleine Butterflöckchen
Salz, Pfeffer, Paprikapulver
optional Muskat oder Chili
So geht’s
Ein Ei verquirlen und die Reisblätter einzeln kurz darin wenden, damit sie weich werden.
Für jedes Stück vier Reisblätter auslegen: zwei unten nebeneinander, zwei versetzt darüber. Die Füllung kommt mittig auf die Überlappung.
Das restliche Ei mit dem zweiten Ei, Öl, Milch, Mehl und Gewürzen verrühren. Davon 2 bis 3 Esslöffel in die Mitte geben. Käse, Frühlingszwiebeln und nach Wunsch etwas Schinken darauf verteilen. Zum Schluss ein paar kleine Butterflöckchen dazugeben.
Dann die Seiten einklappen, alles von unten her aufrollen oder leicht eindrehen und in die Heißluftfritteuse legen.
Bei 200 Grad etwa 20 Minuten backen. Falls nötig, nach der Hälfte der Zeit vorsichtig wenden.
Am Ende ist das Ganze außen knusprig und innen weich und würzig. Also eine dieser Internet-Ideen, die ausnahmsweise nicht nur gut aussehen, sondern tatsächlich funktionieren.

Es ist schon bemerkenswert, wie leicht heute Haltungsnoten verteilt werden, sobald die richtige Flagge im Hintergrund steht. Ausgerechnet die Ukraine wird inzwischen oft behandelt, als sei sie seit Jahren ein Musterstaat in Sachen politische Sauberkeit. Das war sie nicht. Sie galt über lange Zeit als eines der korruptesten Länder Europas. Im Korruptionsindex von Transparency International lag sie 2021 bei 32 von 100 Punkten auf Platz 122 von 180. 2024 waren es 35 Punkte, 2025 36 Punkte und Platz 104 von 182. Das ist keine Erfolgsgeschichte mit Heiligenschein. Das ist eher der langsame Weg aus dem Sumpf.
Natürlich gab es Reformen. Natürlich gab es Fortschritte. Aber Fortschritt ist nicht dasselbe wie Läuterung. Die OECD schrieb 2025 selbst, dass die Ukraine weiter an Integrität, Kontrolle, Rechtsrahmen und institutioneller Stabilität arbeiten muss. Anders gesagt: Das Problem ist nicht weg. Es hat nur bessere Presse bekommen.
Besonders entlarvend war der Vorgang im Juli 2025. Damals beschloss das ukrainische Parlament ein Gesetz, das die Unabhängigkeit der Anti-Korruptionsbehörden NABU und SAPO einschränkte. Nach Protesten im Land und deutlicher Kritik aus der EU musste Selenskyj wieder zurückrudern und eine neue Vorlage einbringen. Wer mitten im EU-Beitrittsprozess an den eigenen Anti-Korruptionsorganen herumsägt, sollte bei moralischer Überlegenheit besser etwas leiser auftreten.
Genau das macht diese ganze Inszenierung so unerquicklich. Außen großes Pathos, innen alte Probleme. Außen Anspruch, innen weiter ein Staat, der das Thema Korruption längst nicht hinter sich gelassen hat. Und trotzdem wird jede Kritik sofort so behandelt, als sei sie unanständig. Dabei ist der Satz ganz einfach: Man kann die Ukraine unterstützen und trotzdem feststellen, dass sie kein politisches Kloster ist.
Die ehrliche Fassung lautet deshalb: Die Ukraine war jahrelang kein Vorbild an sauberer Staatsführung, sondern ein Land mit massiven Korruptionsproblemen. Daran ändern Kriegsrhetorik, moralische Belehrungen und westliche Verklärung nichts. Ein paar Punkte mehr im Index sind ein Fortschritt. Mehr aber auch nicht.
Jetzt droht Selenskyj also Orban? Ich weiß nicht, ob ich das persönlich als dumm und dreist bezeichne oder einfach als … mir fallen die passenden Worte leider nicht ein!
Erwischst Du Dich dabei, wie Du mit deinem eigenen Buch im Bett sitzt und weinst. Weil es flashed.
Und ich dachte ich wäre drüber.
Der Song „From a Distance“ von Bette Midler ist einer dieser Titel, die man lange für ein bisschen pathetisch hält – bis man merkt, dass er wehtut.
„From a distance the world looks blue and green…“
Aus der Distanz wirkt alles friedlich. Geordnet. Fast harmonisch.
Und dann zoomt man rein – nach Deutschland.
Und denkt: Was ist hier eigentlich passiert?
Nähe verzerrt
Je näher man an politische Debatten heranrückt, desto schriller wird es. Jeder moralische Zwischenruf klingt wie ein Alarmsignal. Jeder Einwand wird zur Gesinnungsfrage. Jede Unsicherheit wird etikettiert.
Man bekommt das Gefühl, alle reden gleichzeitig – aber niemand tritt einen Schritt zurück.
„From a distance there is harmony.“
Aus der Nähe? Eher Dauerempörung.
Der moralische Hochsitz
Es ist diese deutsche Spezialdisziplin: moralische Überlegenheit als Volkssport.
Wer am lautesten „Haltung!“ ruft, gewinnt. Wer zweifelt, verliert.
Aber vielleicht wäre es klug, einmal nicht sofort zu reagieren.
Nicht sofort zu markieren, wer gut ist und wer böse.
Nicht sofort in Lager zu denken.
Sondern Abstand zu schaffen.
Nicht aus Gleichgültigkeit.
Sondern aus Klarheit.
Liebe Gutmenschen,
jetzt ist gut genug.
Nicht jede politische Maßnahme wird besser, nur weil sie gut gemeint ist.
Nicht jede moralische Pose ist automatisch ein Fortschritt.
Und nicht jede Kritik ist ein Angriff auf die Menschlichkeit.
Manchmal wirkt das Land wie ein Theaterstück, das sich selbst zu ernst nimmt.
Jeder spielt seine Rolle mit maximaler Lautstärke.
Und keiner schaut mehr von oben ins Parkett.
Was man von weiter weg sieht
Von außen betrachtet – und das ist der unbequeme Teil – wirkt Deutschland oft wie ein Land, das sich selbst im Spiegel moralischer Selbstvergewisserung verliert.
Andere Länder diskutieren Interessen.
Hier diskutiert man Gesinnung.
Andere wägen ab.
Hier etikettiert man.
Und dann wundert man sich, wenn Menschen innerlich aussteigen.
Der Abstand als Rettung
„From a distance we are instruments…“
Vielleicht stimmt das.
Vielleicht sind wir gerade zu sehr Instrumente unserer eigenen Echokammern.
Abstand bedeutet nicht Flucht.
Abstand bedeutet Überblick.
Ein Schritt zurück.
Ein tiefer Atemzug.
Die Bereitschaft, das eigene Werk einmal von außen zu betrachten.
Und dann ehrlich zu fragen:
Ist das wirklich so klug, wie wir glauben?
Oder sind wir nur sehr überzeugt von uns selbst?
Vielleicht sollten wir öfter diesen Song hören.
Nicht als Weltfriedenshymne.
Sondern als Erinnerung daran, dass Perspektive alles verändert.
Und dass man ein Land nicht repariert, indem man sich permanent gegenseitig moralisch vermisst.
Man repariert es, indem man den Mut hat, Abstand zu nehmen –
und dann neu hinzusehen.
Gegen Weltschmerz, Kummer und Grippe, mein Erkältungsmittel nach Oma:
Hühnersuppe!
Man nehme: 1 Suppenhuhn, Suppengrün- also Sellerie, Karotte, Lauch, 1 Zwiebel mit Schale, Liebstöckel und Peterle. Oder tiefgefrorenes Gemüse aber dann darauf achten, dass es Suppengrün heißt und nicht Suppengemüse.
Halbierte Zwiebel am Topfboden dunkel werden lassen, das gewaschene Huhn mit Wasser bedecken und mit dem Gemüse ca. 2,5 h kochen. Salz, Pfefferkörner, Lorbeerblatt und 2 Nelken nicht vergessen! Senfkörner sind auch wichtig. Einen Esslöffel voll.
Das Fleisch dann ablösen und in die Suppe mit Reis, oder Perlgraupen geben…
Meine Oma rührte noch in jeden Teller ein rohes Ei. Wenn diese nicht zu heiß war, ist es nicht gestockt. Hhmmmm…

Wir hatten einen Trauerfall in der Familie. Der Tod der alten Dame wurde in Spa festgestellt. Spa, die Stadt ist für Autorennen und Heilwasser bekannt. Die Sterbeurkunde kam dann mit dem lustigen Briefkopf der Stadt. Lustig, sprudelnd leicht… Ja, aber für eine Sterbeurkunde sehr unpassend, oder?

Manchmal prägt dich Literatur nicht mit großen Sätzen über das Leben, sondern mit einem Detail, das sich wie ein Splitter festsetzt und Jahre später immer noch piekst, wenn du barfuß durchs Denken läufst.
Bei mir war das nicht „der Tod“ an sich. Es war ein Bild.
Ich hab das jahrelang Kafka zugeschrieben, weil es sich genauso anfühlt: kalt, absurd, unerbittlich. Aber es war Rilke. Und trotzdem ist es diese eine Szene, die mich als Teenager richtig erwischt hat.
Turnstunde. Turnhalle. Pflicht. Dieses Licht, das alles flach macht. Der Geruch nach Gummi, Schweiß, Deo – und dieses leise Wissen: Hier geht es nicht um Sport. Hier geht es um Bewertung. Um Ordnung. Um „funktionieren“.
Dann kippt es. Ein Junge ist tot. Kein großes Drama, kein Kino. Man trägt ihn weg, der Unterricht läuft weiter, irgendwo pfeift es fast schon automatisch, und am Ende kommt dieser Satz, halb geflüstert, als würde man eine Wahrheit verstecken müssen:
Ganz nackt … und an den Fußsohlen ist er versiegelt.
Versiegelt. Nicht zugedeckt. Nicht verbunden. Versiegelt, als wäre er ein Paket. Als wäre er ein Beweisstück. Als müsste man ihn abschließen, damit nichts mehr „entweicht“. Damit alles ordentlich bleibt.
Mich hat nicht nur der Tod verstört. Mich hat die Technik drumherum verstört. Diese Kälte. Diese Selbstverständlichkeit. Dieses „so ist das“. Und ausgerechnet die Fußsohlen – das Unheroische, das Menschliche, das, was dich trägt, was weggehen könnte – werden zum Ort des Siegels. Da ist keine Flucht mehr, nicht mal theoretisch.
Als Teenager habe ich das gelesen und plötzlich verstanden, ohne es erklären zu können: Man kann mitten im Alltag aus dem Leben fallen. Und die Welt macht trotzdem weiter. Pfeife. Reihe. Ordnung. Nächstes Gerät.
Dieses Bild ist hängen geblieben, weil es nicht schreit. Es stempelt.
Und genau das ist das Verstörende: Der Tod als Verwaltungsakt. Als kurzer Handgriff. Wachs auf den Fußsohlen.
Bin ich schon – auf Platz 7 in „psychologischer Belletristik“ … für „Dreizehnter März“ – zur Zeit kostenlos bei Amazon Kindle. Die Printausgabe ist Platz 6 in „Romanzen und Theaterstücke“ ( da lief was schief, denn die Kategorie heißt eigentlich irgendwas mit „romantischer Belletristik“. Naja, nehme ich auch, wenn man bedenkt dass der Deutsche Buchpreis bei Amazon Platz 1 innehatte in der Kategorie: „Astronomie“!! (Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger)

Er ist schüchtern. Nicht dieses „ich tu so“-schüchtern, sondern die echte Sorte: leise, konzentriert, unaufgeregt. Einer, der nicht mit Worten um sich wirft, als wären sie Konfetti. Und gerade deshalb bleibt alles, was er doch sagt – oder nicht sagt – irgendwo hängen. Tiefer, als es höflich wäre.
Ich bewundere ihn. Und ich meine nicht dieses oberflächliche Bewundern, das man Menschen schenkt, die gut aussehen, gut riechen und im richtigen Licht stehen. Ich meine das stille, fast altmodische Verehren, bei dem man sich ertappt, wie man plötzlich aufmerksamer wird, sobald der Raum ein kleines bisschen anders klingt. Als hätte jemand die Welt kurz auf „klar“ gestellt.
Es ist diese Zärtlichkeit, die nicht gemacht wirkt. Nicht geschniegelt, nicht einstudiert, nicht „ich habe mal gelesen, Frauen mögen…“. Sondern diese kleine, feine Aufmerksamkeit, die man nicht kaufen kann: ein Blick, der nicht über dich hinweggeht. Eine Stimme, die nicht drängelt. Eine Ruhe, die sich nicht wichtig macht. Und plötzlich denkt man: Ach. So fühlt sich Respekt an, wenn er nicht nach Business aussieht.
Ich habe es ihm nie gesagt. Natürlich nicht. Weil ich ja nicht komplett den Verstand verloren habe. (Nur so ein bisschen, an den Stellen, wo man wieder menschlich wird.) Man sagt nicht einfach: „Du berührst mich im Innersten.“ Man sagt: „Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben.“ Man nickt, man hält sich an Regeln, man spielt Erwachsensein.
Aber innerlich läuft ein zweites Gespräch. Ein zärtliches, ein heimliches.
In dem zweiten Gespräch würde ich sagen:
Dass ich mich sicher fühle, wenn er da ist.
Dass seine Schüchternheit nicht Abstand schafft, sondern Nähe – weil sie ehrlich ist.
Dass seine Hände nicht nur „fähig“ sind, sondern behutsam.
Dass er dieses seltene Talent hat, einen Menschen zu behandeln, ohne ihn zu verkleinern.
Und dann würde ich wieder leiser werden. Nicht aus Feigheit. Eher aus Ehrfurcht. Weil manche Gefühle zu schön sind, um sie sofort in die Welt zu stellen wie ein Schild.
Vielleicht ist es genau das: Man begegnet manchmal Menschen, die einen nicht mit großen Gesten beeindrucken, sondern mit der Art, wie sie in kleinen Momenten bleiben. Wie sie nicht eilen, wenn du innerlich noch nicht nachkommst. Wie sie nicht übertönen, was in dir leise ist.
Und dann passiert etwas Seltsames: Du erwischst dich dabei, wie du dir wünschst, die Zeit würde kurz langsamer laufen. Nur ein bisschen. Dass es noch einen Satz mehr gäbe. Noch einen Blick. Noch diese eine Sekunde, in der die Welt nicht laut ist, sondern sanft.
Denn es ist nicht nur Bewunderung. Es ist dieses warme Ziehen, das nicht nach Drama schmeckt, sondern nach Ruhe. Nach: Da ist jemand, der mit dir umgehen kann, ohne dich zu zerreden. Da ist jemand, bei dem du nicht besser sein musst, um ernst genommen zu werden. Da ist jemand, der dir – ohne ein einziges großes Wort – das Gefühl gibt, dass du genau so, wie du gerade bist, richtig bist.
Ich verehre ihn, ohne es ihm je gesagt zu haben. Und vielleicht ist das sogar gut so. Manche Dinge bleiben schöner, wenn sie nicht gleich in Sprache gepresst werden. Wenn sie erst mal nur im Herzen wohnen dürfen, wie ein Licht in einem Fenster, das man nicht ausschalten will.
Und wenn ich mir am Ende erlaube, einen einzigen romantischen Gedanken zu denken, dann ist es dieser:
Vielleicht sind es nicht die lauten Geschichten, die uns verändern, sondern die leisen. Die, in denen jemand nichts verspricht – und trotzdem etwas in dir heilt, das du gar nicht als Wunde erkannt hattest.
Und vielleicht ist das die zärtlichste Form von Nähe:
Wenn jemand dich ansieht, als wärst du nicht „ein Fall“, nicht „ein Termin“, nicht „die Nächste“, sondern einfach… ein Mensch.
Einer, den man behutsam behandelt.
Einer, bei dem man unwillkürlich weicher wird.
Und jetzt kommt der Teil, der das Ganze endgültig absurd macht:
Er ist mein Chirurg. 🙂
Ich sitze hier in Ostbelgien, schaue rüber nach Deutschland – und denke mir bei den jüngsten KI-Fake-News-Nummern rund um den Öffentlich-Rechtlichen: wundert mich nicht. Nicht, weil da jemand im Keller an der großen Lügenmaschine kurbelt, sondern weil das System inzwischen so gebaut ist, dass so ein Ding irgendwann passieren musste.
Das Problem ist nicht „KI“. Das Problem ist Tempo, Eitelkeit und Bilderhunger. Alles muss sofort raus, am besten mit Wumms, am besten mit Belegvideo, am besten so, dass es sich anfühlt wie Wahrheit. Und genau da wird’s gefährlich: Bilder sind inzwischen keine Belege mehr, sondern Requisiten. Wenn’s ins Narrativ passt, wird’s genommen. Wenn die Kennzeichnung fehlt oder irgendwo klein im Eck verschwindet – tja, dann hast du den Salat. Und beim ÖRR ist die Fallhöhe eben nicht „ups“, sondern „ihr wollt Qualitätsinstanz sein – dann benehmt euch auch so“. Fehler passieren. Aber wer sich vom Publikum bezahlen lässt, weil er angeblich genauer arbeitet als alle anderen, kann sich nicht gleichzeitig leisten, bei der Grundlage zu schludern: Ist das echt oder ist das Theaterkulisse?
Was mich dabei viel mehr irritiert: Während Deutschland sich an solchen Themen festbeißt, hörst du in Belgien und Luxemburg im Alltagsrauschen vergleichsweise wenig über einzelne ICE-Zwischenfälle, Auffälligkeiten, Eskalationen – zumindest nicht in dieser Dauerbeschallung. Dabei gibt es in den USA genug Stoff, der objektiv Nachrichtenwert hat. Aber hier drüben kommt oft nur der grobe Rahmen an: „Trump fährt harte Linie“, Ende der Durchsage. Und dann geht’s weiter mit EU-Themen, Pendler-Realität, Energie, Kaufkraft, Innenpolitik. Punkt.
Und dann scrollst du weiter und Luxemburg so: „Wie gefährlich sind die Eifelvulkane vor Luxemburgs Haustür?“
Haustür. Nicht Europa. Nicht „Region“. Nicht „wir sitzen alle auf demselben Basalt“. Nein: Haustür.
Ich meine das nicht mal böse – ich finde es eher entlarvend ehrlich. Luxemburg ist klein, reich, geschniegelt, und es hat diese Mentalität von: Erst mal gucken, was das für uns konkret bedeutet. Für unser Grundstück. Für unseren Alltag. Für unsere Versicherungen. Das ist nicht Angst, das ist Ordnungssinn mit Maßband. Und irgendwo auch Nationalstolz – nur nicht der große Fahnen-Stolz, eher so der stille: Wir haben hier was aufgebaut, das bleibt bitte heil. Punkt.
In Deutschland dagegen wird oft schon beim Lesen der Überschrift ein Grundsatzkrieg draus. Da ist selbst ein Vulkan sofort Symbol, Systemfrage, Haltungstest. Erst wird die Empörung warmgelaufen, dann kommt die Einordnung – wenn überhaupt. Luxemburg macht’s anders: erst die Haustür, dann der Rest der Welt. Andere Denkweise, andere Prioritäten. Und Belgien? Belgien wirkt oft wie: Wir schauen mal, was die Nachbarn machen, und wenn’s wirklich wichtig wird, reden wir drüber – bis dahin gibt’s Fritten und Verwaltung.
Und genau deshalb wundert mich dieses KI-Fake-News-Durcheinander beim deutschen Öffentlich-Rechtlichen nicht. Weil hier alles gern groß, wichtig und „wir ordnen ein“ klingt – während die Basis, nämlich stimmen die Bilder überhaupt, manchmal behandelt wird wie Fußnote. Luxemburg würde da wahrscheinlich sehr luxemburgisch sagen: „Moment. Ist das echt? Und wenn ja: betrifft’s uns?“ Und ehrlich – manchmal wäre das die gesündere Reihenfolge.
Am Ende ist es vielleicht gar kein „Skandal“, sondern schlicht ein Symptom: Deutschland redet gern im Weltformat, Luxemburg misst erst mal die Haustür aus, Belgien zuckt mit den Schultern – und irgendwo dazwischen hat der ÖRR vergessen, dass Vertrauen nicht aus Haltung entsteht, sondern aus Sorgfalt.
Ich muss doch noch operiert werden. In der Zwischenzeit könnt ihr philosophieren…
Gehabt Euch wohl .

Ich werde längere Zeit nicht laufen können und finde sämtliche Stricknadeln nicht. Wolle auch weg.
Katastrophe.
Ein ganzes Set von Prym aus schönem Holz. Einfach verloren beim Umzug. Die Wolle hat jmd Unwissender entsorgt, dass habe ich nun rausgefunden. So ein Schitt. Ich war so wütend.
Ich versuche mich abzulenken, um nicht durchzudrehen. Stricken ist da immer eine gute Sache. Nur ohne Nadeln …
Mein Fuß muss operiert werden.
Ich habe Angst, denn das Spiel kenne ich von meinem Arm. Einfach nicht gut.
Es ist Mittag. Ich warte auf ein dringendes Paket Druckerpatronen von Amazon, die hier wirklich nicht zu finden waren.
WhatsApp vom Gott der Pakete: „Salut Kunde-Frau! Ich heute Paket für Dich, aber schon Donnerstag, komme erst Dienstag wieder in Dein Dorf! Ca- va!“
Ohne Worte und zum Nachdenken auch nicht.
Es gibt Dinge, die will ich wirklich nicht wissen.
Zum Beispiel: Welche Schauspielerin „jetzt endlich Haltung zeigt“, welcher Musiker „nicht mehr schweigen kann“ und welcher Influencer „seine Plattform nutzt“, um mir zu erklären, wie die Welt zu funktionieren hat.
Leute. Ich wollte eigentlich nur sehen, ob ihr einen Ton trefft. Oder ein Licht. Oder einen Refrain.
Nicht ob ihr euch morgens politisch korrekt eincremt.
Links sein als Markenparfum
Ich habe nichts dagegen, wenn jemand links ist. Wirklich nicht.
Ich habe was dagegen, wenn es sich anfühlt wie eine Werbekampagne: „Neu! Jetzt mit Moral! 30 % mehr Gutmensch pro Sprühstoß!“
Diese öffentliche Links-Inszenierung kommt inzwischen so zuverlässig wie Adventskalender im September:
Story mit ernster Miene Hashtag-Kette und irgendwo dazwischen ein Satz, der klingt wie aus einem PR-Handbuch: „Es ist wichtig, dass wir jetzt zusammenstehen.“ Ja, klar. Zusammenstehen. Vor allem in eurem Feed.
Können die ihre Meinung nicht einfach behalten?
Können sie.
Aber dann fehlt eben der Applaus.
Denn das ist der Deal: Haltung posten = Zugehörigkeit sichern.
Du sagst die richtigen Dinge, in der richtigen Tonlage, mit der richtigen Empörung. Und zack: du bist wieder „auf der richtigen Seite“.
Wie praktisch, dass man dafür nichts anstrengend Reales tun muss. Kein Risiko. Kein Streit. Nur Content.
Warum tun die das überhaupt?
Weil es sich lohnt. Punkt.
Reichweite: Empörung ist der Treibstoff. Image: Haltung ist das neue Bio-Siegel. Karriere: In manchen Branchen ist „links sichtbar“ inzwischen wie ein Türschild: Hier wohnt ein guter Mensch, bitte fördern. Absicherung: Wer mitsingt, wird seltener ausgebuht. Wer schweigt, gilt schon als verdächtig.
Und nein, das ist nicht „Mut“. Mut wäre, Dinge zu sagen, die nicht sowieso Beifall bekommen.
Das Nervige ist nicht die Politik – sondern die Predigt
Was mich wirklich aggressiv macht, ist dieser unterschwellige Ton:
„Ich erkläre euch jetzt mal die Welt, weil ich berühmt bin.“
Berühmtheit ist halt keine Zusatzqualifikation in Staatsrecht.
Nur weil jemand in einer Serie glaubwürdig eine Ärztin spielt, kann er trotzdem bei „Grundgesetz“ schon bei Artikel 1 kurz müde werden.
Und jedes Mal, wenn jemand sagt „Ich nutze meine Plattform“, höre ich eigentlich:
„Ich nutze eure Aufmerksamkeit.“
Danke für die Ehrlichkeit.
Mein Umgang damit (sehr demokratisch, sehr friedlich)
Ich mache es so:
Entfolgen. Ohne Diskussion, ohne Abschiedsbrief. Werk ja, Belehrung nein. Ich konsumiere keine Weltanschauung im Bundle. Ich höre lieber Menschen zu, die echte Konsequenzen tragen. Also nicht: „Ich poste“, sondern: „Ich entscheide, ich hafte, ich werde gewählt, ich werde kritisiert und kann nicht einfach ins nächste Sponsoring flüchten.“
Am Ende ist es simpel:
Ihr dürft euch politisch äußern. Natürlich.
Und ich darf es trotzdem unerquicklich finden, wenn es sich anfühlt wie ein moralischer Werbespot zwischen zwei Selfies.
Ich bin da ganz altmodisch:
Wenn ich schon Werbung bekomme, hätte ich gern wenigstens einen Rabattcode!
Man denkt ja immer, ein Beinbruch sei so etwas wie ein medizinisches Ereignis. Unfall, Gips, Krücken, ein bisschen Netflix, Ende. Ein Kapitel, das man im Kalender abhakt wie „Zahnarzt, 11:30“.
Dann bricht man sich ein Bein – und merkt: Das ist kein Kapitel. Das ist ein Systemupdate. Und zwar eins, das niemand gefragt hat.
Plötzlich ist das Bein nicht einfach ein Bein. Es ist die zentrale Schaltstelle für alles, was im Leben stillschweigend funktioniert hat: Türen auf, Müll raus, Holz rein, Auto wegbringen, kurz zum Bäcker, einmal eben nach dem Rechten sehen. All diese „einmal eben“-Sachen, die im Alltag keine Bühne bekommen, weil sie niemanden interessieren – bis sie wegfallen.
Und dann fällt natürlich nicht nur das Bein aus.
Natürlich ist gleichzeitig ein Trauerfall in der Familie. Natürlich. Denn das Leben hat Humor, aber nicht diese freundliche Sorte, eher so: trocken, schwarz, mit einem Lächeln, das man nicht sehen will. Trauer braucht eigentlich Raum, Zeit, Stille. Sie braucht Hände, die tun dürfen, was sie tun: aufräumen, tragen, sich kümmern, sich ablenken, wieder zusammenbrechen, wieder weitermachen.
Nur: Man sitzt da. Und man merkt, wie absurd es ist, wenn der Körper gerade keine Mitarbeit anbietet. Als hätte jemand den Stecker gezogen und man müsste nun gefälligst „emotional arbeiten“, ohne die gewohnte Flucht in Bewegung. Trauer ohne Gang zum Friedhof, ohne Besuch, ohne „ich fahr schnell hin“. Trauer mit Krücken ist eine besonders gemeine Variante, weil sie einem jede Würde wegnimmt, die man sich sonst heimlich über Aktivität zusammenbaut.
Und während man noch versucht, überhaupt zu verstehen, dass ein Mensch weg ist, fällt einem ein: Das Auto ist auch im Eimer.
Natürlich.
Das Auto ist ja nicht nur Auto. Das Auto ist Freiheit, Versorgung, Logistik, Notfallplan. Das Auto ist der Unterschied zwischen „Ich kümmere mich“ und „Ich schreibe Nachrichten und hoffe, dass jemand antwortet“. Und wenn das Auto kaputt ist, fühlt sich der Beinbruch plötzlich an wie ein schlecht geschriebenes Escape-Room-Spiel: Man braucht Schlüssel A, um Tür B zu öffnen – aber Schlüssel A liegt hinter Treppe C, und Treppe C ist seit dem Beinbruch offiziell nicht mehr in Ihrem Tarif enthalten.
Und dann, als wäre es nicht schon ausreichend symbolisch, ist kein Holz mehr vor der Tür.
Kein Holz.
Oder fast schon ergänzend zu einer echten Symbolik für : Ein funktionierendes Auto mit Anhängerkupplung um das Holz abzuholen, denn mein Händler liefert nicht!
Dieser Satz – kein Holz- klingt harmlos, bis man ihn wirklich lebt. Kein Holz heißt: Kälte wird nicht nur Temperatur, sondern Stimmung. Kein Holz heißt: Man spürt plötzlich die Physik des Lebens. Man spürt, dass Wärme Arbeit ist. Dass Dinge nicht von alleine auftauchen, auch nicht in einem Haus, das man seit Jahren bewohnt. Dass ein paar Meter vom Holzstapel zur Tür eine Distanz sind, die man früher nicht mal gedacht hat – und die jetzt eine Grenze ist, wie eine Zollstation mitten im Flur: „Weiter nur mit funktionierendem Bein.“
Man sitzt also da und denkt: Gut. Dann eben Plan B.
Und hier kommt das Problem: Plan B ist in Wahrheit „Menschen“.
Plan B heißt fragen. Plan B heißt anrufen. Plan B heißt zugeben, dass man gerade nicht kann. Und das ist für viele schlimmer als Schmerzen. Nicht, weil man keine Menschen hat – sondern weil man sich selbst so lange beigebracht hat, dass man nicht zur Last fällt. Dass man sich „organisiert“. Dass man durchhält. Dass man irgendwie alles im Griff hat, solange man laufen kann.
Das Bein ist in dieser Geschichte nicht der Nebendarsteller. Es ist der Lautsprecher, der im ganzen Haus brüllt: Du bist nicht unabhängig. Du warst es nur in ruhigen Zeiten.
Und ja, man kann das dramatisch finden. Man kann aber auch kurz lachen, weil es so unverschämt stimmt.
Ich meine: Da liegt man, geschniegelt im Bett, mit Schmerzmitteln, mit einem Bein, das sich anfühlt wie ein Betonblock, und das Leben stellt sich daneben wie ein schlecht gelaunter Paketbote: „So. Hier einmal Trauer, einmal Auto kaputt, einmal Holz leer. Unterschrift bitte. Ach so, Sie können nicht aufstehen? Tja.“
Was tut man also?
Man macht – leider – das Einzige, was wirklich hilft. Man wird klein.
Nicht jämmerlich. Nicht rührselig. Sondern pragmatisch klein. Man reduziert. Man sortiert. Man lässt Dinge liegen, die liegen dürfen. Man streicht alles, was nur dem eigenen Anspruch dient, nicht dem Überleben.
Man fragt nach Hilfe, bevor man innerlich in die Wand fährt. Man verteilt Aufgaben, auch wenn es sich anfühlt wie Kontrollverlust. Man akzeptiert, dass Trauer nicht besser wird, nur weil man tapfer ist. Und dass Holz nicht auftaucht, nur weil man es sich „vornimmt“.
Und man wird radikal ehrlich mit dem, was gerade wirklich ist:
Heute ist nicht der Tag, an dem man „alles regelt“. Heute ist der Tag, an dem man den nächsten Schritt schafft, ohne sich selbst zu verlieren. Heute ist der Tag, an dem man nicht beweisen muss, dass man stark ist, sondern dass man noch da ist.
Das klingt jetzt fast vernünftig. Ich weiß. Widerlich.
Also sage ich es lieber so, wie es sich anfühlt:
Man überlebt den Tag nicht durch Heldentum, sondern durch kleine, schmutzige Kompromisse.
Man isst, was da ist. Man wärmt sich, wie es geht. Man nimmt Hilfe an, auch wenn man dabei aussieht wie das Gegenteil von glamourös. Man lässt das Auto im Eimer, bis jemand da ist, der es mit Eimerkompetenz anfassen kann. Man trauert in Pausen. Man trauert in Wellen. Man trauert manchmal auch im falschen Moment, zum Beispiel beim Blick auf die leere Holzecke, weil der Körper offenbar beschlossen hat, alles gleichzeitig zu verarbeiten.
Und irgendwann – nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann – merkt man, dass dieses Bein nicht nur verhindert.
Es entlarvt.
Es zeigt einem, wie viel vom Alltag auf unsichtbarer Arbeit basiert. Wie viel davon an einem einzigen Körper hängt. Wie schnell „normal“ verschwindet. Und wie sehr man sich daran gewöhnt hat, alles selbst zu tragen – bis nichts mehr trägt, nicht mal man selbst.
Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung: Dass man ausgerechnet in einer Phase, in der man Trost bräuchte, auch noch lernen muss, Hilfe auszuhalten.
Aber gut. Wenn das Leben schon unbedingt mit einem Beinbruch um die Ecke kommen muss, dann wenigstens als ehrlicher Spiegel.
Und falls heute niemand Holz vor die Tür legt, was niemand tun wird.
Dann ist es eben kalt.
Und man bleibt trotzdem hier.
Man liest „Gas reicht nur noch sechs Wochen“ und soll bitte ruhig bleiben. Man soll auch ruhig bleiben, wenn im Auto „Ölstand kritisch“ blinkt. Das Auto fährt ja noch. Und genau das ist das Problem: „Fährt noch“ ist keine Strategie.
Ende Januar 2026 sind die deutschen Gasspeicher ungewöhnlich leer – grob um die mittleren 30 %. Daraus bastelt man diese „sechs Wochen“-Rechnung: Winterverbrauch gegen Speicherinhalt. Das ist kein Weltuntergangs-Countdown. Aber es ist ein ziemlich klares Warnsignal: Der Puffer ist dünn.
Und jetzt wird’s unerquicklich, weil man das nicht mehr mit Wetter wegwischen kann.
Der politische Kernfehler: Man hat den Sicherheitsabstand absichtlich kleiner gemacht
Man muss sich das einmal ohne Nebelmaschine anschauen:
Nach dem Schock 2022/23 hat man Speicherziele als Sicherheitsgurt eingeführt. Das war sinnvoll. Dann kam 2025 die Phase „Wir sind wieder entspannt“ – und die Ziele wurden gesenkt (je nach Speicher/Regelstufe auf Größenordnungen wie 70–80 % zum Start in die Heizsaison statt „so voll wie möglich“).
Das ist die Sorte Entscheidung, die auf dem Papier „Kosten sparen“ heißt und in der Praxis „Risiko nach hinten schieben“. Man spart nicht Geld – man spart Puffer. Und Puffer ist genau das, was man braucht, wenn:
der Winter kälter wird als geplant, der Weltmarkt dreht, LNG-Lieferungen teurer werden oder woanders hingehen, Infrastruktur/Timing nicht perfekt laufen, oder mehrere Dinge gleichzeitig passieren (was Krisen ja so sympathisch macht).
Wenn man gleichzeitig politisch auf Distanz zu russischem Gas geht und sich stärker auf den globalen LNG-Markt und europäische Flüsse verlässt, dann ist ein kleinerer Puffer keine „Normalisierung“. Das ist handwerklich schlechte Risikopolitik: Man macht sich abhängiger von einem nervösen Markt – und senkt die Reserve, die genau diese Nervosität abfedern soll.
Man kann das „optimistisch“ nennen. Oder realistischer: Politikversagen.
„Der Markt regelt“ – ja. Nur nicht zu deinen Gunsten.
Das Lieblingsargument lautet: Der Markt füllt Speicher schon, wenn es nötig ist.
Klar. Der Markt macht das, was sich lohnt. Wenn sich Auffüllen nicht lohnt, wird eben weniger aufgefüllt – bis es plötzlich doch nötig ist. Und dann wird’s nicht „geregelt“, dann wird’s teuer.
Das ist kein moralischer Vorwurf an „den Markt“. Das ist schlicht Mechanik. Wer Versorgungssicherheit will, baut eine Sicherung ein, die nicht davon abhängt, ob sich Vorsorge gerade „rechnet“. Und genau diese Sicherung hat man aufgeweicht.
Was heißt das realistisch für Heizung?
Erstmal die Panikfrage: Geht die Heizung kaputt, wenn weniger Gas kommt?
Nein. Das typische Problem ist nicht „kaputt“, sondern kalt oder teuer.
Gasnetze werden so betrieben, dass Druck stabil bleibt, so lange es geht. Wenn es wirklich kritisch würde, passiert das nicht in Form von „bei jedem kommt ein bisschen weniger“. Es gibt Prioritäten: Haushalte und kritische Einrichtungen werden möglichst geschont, größere Verbraucher sind eher steuerbar und werden zuerst gedrosselt.
Für man als Haushalt ist das realistische Szenario also:
Preisstress, Appelle, Unsicherheit – und im Extremfall Einschränkungen, aber nicht „Thermen sterben“, weil „weniger nachkommt“. Moderne Geräte gehen bei echten Versorgungsproblemen eher in Störung/Abschaltung, bevor sie Schaden nehmen. Nervig, ja. Totalschaden, normalerweise nein.
Und Stromanlagen? Blackout? Oder was?
Auch hier: Nicht Hollywood.
Gas hängt an Stromerzeugung (Gaskraftwerke) und in manchen Regionen an Fernwärme (KWK). Wenn Gas knapp oder brutal teuer wird, wird Gasstrom schneller zum Preistreiber. Dann steigt der Druck im System: Man muss anders disponieren, importieren, umschalten, drosseln. Das Netz „geht“ nicht einfach kaputt – aber es wird angespannter und teurer. Und Fernwärme kann regional ein Thema werden, wenn sie stark an gasbasierter Erzeugung hängt.
Das ist der realistische Teil: Nicht sofort dunkel – aber schneller ungemütlich.
Der böse Schluss, ohne Zuckerguss
Man kann über Putin, Boykott, Geopolitik und Moral diskutieren, bis man alt und gasfrei ist. Aber die nüchterne Rechnung bleibt:
Wenn man Risiken erhöht (Abhängigkeit vom Weltmarkt, Wetter, Lieferketten), dann erhöht man den Puffer. Man senkt ihn nicht.
Alles andere ist keine Energiepolitik.
Das ist ein Staat, der auf die Frage „Was ist der Plan?“ antwortet:
„Man wird schon irgendwie durchkommen.“
Und „irgendwie“ ist genau das Wort, das man ungern neben seiner Heizung stehen hat.
Gerade im Radio gehört und Bilder im Kopf . Dieses Lied ist für mich der Inbegriff des Dirty- Dancings der letzten 15 Jahre. Ach, waren das Zeiten…