Napoleon

»Natürlich war Napoleon geschmacklos. Ohne jeden Geschmack und Takt, ohne alle Erziehung und Lebensart sprengte er die ganze rückständige, verfaulte, verkalkte Welt der Feudalitäten und Diplomaten, der Salonschwätzer und Papierstrategen in die Luft. Ein Riese ist kein geschmackvoller Anblick. Ein Erdbeben, ein Lava und Dreck ausspeiender Vulkan ist keine geschmackvolle Erscheinung. Keine Naturkatastrophe, kein Elementarereignis, keinerlei Überlebensgröße ist „geschmackvoll“. Geschmackvoll ist der Durchschnitt, die Konvention, die saubere Schablone, das Bekannte: schon dadurch, dass wir uns in irgendeinem Phänomen nicht auskennen, wirkt es auf uns verwirrend, irritierend, beunruhigend; es hat die Geschmacklosigkeit, uns auf die Nerven zu gehen.«

Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Napoleon und das Schicksal

Die Französische Revolution

»Von ihren drei Leitvokabeln: fraternité, liberté und egalité war die erste eine leere Opernphrase, mit der sich in der politischen Praxis nicht das geringste anfangen lässt; und die beiden anderen sind unvereinbare Gegensätze. Denn die Gleichheit vernichtet die Freiheit und die Freiheit vernichtet die Gleichheit. Wenn alle Menschen als identisch angesehen werden und infolgedessen denselben Rechten, Pflichten und Lebensformen unterworfen werden, so sind sie nicht mehr frei; und wenn alle sich ungehemmt nach ihren verschiedenen Individualitäten entfalten dürfen, so sind sie nicht mehr gleich.«

Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Die Revolution