Rektifizierung (»Aufzeichnungen aus Elfenbein«).

Paul soll Louises PhD betreuen; ihre Arbeit soll kurz vor dem Abschluss stehen, was bekanntlich der fatalste Zustand ist. Dem ursprünglichen Supervisor, Dr Crowley, ist der Kontakt zu allen Studenten kürzlich untersagt worden, des ausufernden Federballspiels wegen. Louise promoviert mit einem Stipendium des Colleges in Medieval Studies. Sie erforscht die Sprache im Ancrene Riwle, dem Handbuch für Einsiedlerinnen, die sich in einer Zelle in der Kirchenwand einmauern ließen, um dort ihr frommes und erfülltes Leben hinter sich zu bringen zu verbringen. Das Manuskript MS 402, in dem die einsiedlerischen Gedanken festgehalten sind, gehört zum Bestand des Colleges.

Louise breitet die bereits fertigen vorhandenen Kapitel vor sich aus und beginnt souverän ohne Punkt und Komma zu referieren. Paul versenkt ungefragt eine Scheibe Zitrone in ihrem Tee, er versteht kein Wort, aber alles leuchtet ihm ein. Kurz zögert er, sich zu verlieben, mit dem ihm eigenen Fatalismus hat er es bald schon hingenommen. Ihre Blicke kreuzen sich unvermeidlich. Als das Schlusskapitel in groben Zügen besprochen ist, begleitet Paul sie wie ein Idiot zur Tür und fragt, ob sie sich nicht abends im Eagle auf einen Drink treffen wollen, um das, wie er es tatsächlich nennt, faszinierende Thema zu vertiefen. Louise sagt, ihr Zimmer liege eh über dem Pub, in Bene’t Court.

Die Ausführungen der noch folgenden Studenten nimmt Paul mit an Wahnsinn grenzendem Gleichmut hin. Er rührt Milch in den Tee und versinkt in den Wolken, die langsam aufsteigen. In manchen Studenten erkennt er sich selbst wieder und kann ihnen den größten Unsinn verzeihen, andere sind wie fremde akademische Tiere, die über etwas reden, was außerhalb aller Lebenswelt liegt oder ganz und gar gleichgültig ist. Wissenschaft ohne Verzweiflung ist unredlich, denkt er. Louise ist verzweifelt, das spürt Paul, und das macht sie für ihn endgültig unwiderstehlich. Wenn Philologie nicht wild ist, rettet sie nicht, gibt er dem letzten Studenten mit, einem wahren animal legens, als er ihn sanft aus der Tür schiebt.

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Exposition.

»Full Term, Rückkehr: Durch die Tore der Colleges schieben sich Karawanen von Studenten, mit den Eltern im Schlepptau; Matratze, Taschen, Zimmerpflanzen und Nudelpakete auf Leiterwagen verstaut, die über die Cobbles rumpeln. Paul sitzt auf der niedrigen Mauer vor King’s und versucht ein paar Sunny Spells zu erhaschen; er hält sein Gesicht in einen kleinen Fleck Sonne, in der rechten Hand hält er das Sandwich, das schon zu zerfallen droht, mit der linken Hand wehrt er eine Ente ab, die nach Krümeln schnappt.

Gegenüber steigt eine Studentin aus dem Bus, setzt sich auf den Koffer und zündet eine Zigarette an. Nach den ersten Zügen mit zusammengekniffenen Augen sieht sie sich um und findet Paul. Sie lächelt ihn an, streicht sich die blaue Strähne aus dem Gesicht. Paul erwidert das Lächeln, da schnappt ihm die Ente das Sandwich aus der Hand. Tomaten- und Gurkenscheiben schwimmen in der Pfütze, die Ente watschelt zufrieden davon. Clara lacht und hebt die Hände zum Himmel. So fängt alles an, graue Wolken, leuchtende Augen.«

Als ich die Szene aus dem ersten Kapitel vorgelesen habe, nickt Professor B. bedächtig, L. haut auf den Tisch. Jetta bringt eine Flasche Dornfelder aufs Haus. Schön und gut, sagt L., aber wenn ich jemandem mein Tagebuch, und um viel mehr handele es sich ja nicht, zumuten müsse, meine Art, mir die Dinge vom Leib zu halten, könne ich mich ruhig weiter von der Wirklichkeit entfernen. »Aber die Krähen, wo sind die Krähen, Paul?«, fragt Professor B. – Die Krähen, sie ziehen ihre Kreise, und mit jeder Kehre kommen sie näher.

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Roman.

»Einen Roman willst du schreiben – wirklich, Paul? Und am 20. Januar damit beginnen?« »Mehr einen Bericht über eine Episode meines Lebens.« »Schreib lieber gleich einen richtigen Roman; niemand wird dir glauben, was du erzählst, wenn es nicht als Roman daherkommt.« Beim Kartoffelschälen beschließe ich, dass M. Recht hat: Man würde alles zu leicht als Phantasie abtun. Doch selbst als Roman ist das, was geschehen ist, wenig glaubwürdig. Kälter und wahrscheinlicher als das Leben selbst muss das Buch werden.

Anfangen müsste es wohl mit einer Ankunftsszene, der graue Bahnhof, es regnet. Die Krähen als Leitmotiv. »Du redest wie meine Studenten«, sagt M., »Leitmotiv! Werd nicht albern.« Und bloß keinen Rückblick im ersten Kapitel, der den Charakter erklären soll: Paul Fehm sei unergründlich, und nicht in der besten Bedeutung des Wortes. Wenn ich es übrigens wagen sollte, sie als Figur auftreten zu lassen, würde sie mich mit dem Kochlöffel verprügeln. »Aber ohne dich und H. geht es nun einmal nicht«, bemerke ich und ducke mich gerade rasch genug.

»Hast Du von H. gehört?«, fragt M. und schöpft Suppe nach. »Perkeo sagt, sie hat das Weingut jetzt ganz übernommen; sie macht alkoholfreien Wein.« »Es gibt schlimmere Karrieren.« »Nicht für ihn.« Das Kind klatscht seinen vollen Löffel an die Wand. »H. will bestimmt in deinen Roman. Schon als Wiedergutmachung.« Das Kind verlangt mehr Suppe. »Wie ging das Gedicht?« Ich räuspere mich: »Sachte geh ich fort, / So sachte wie ich kam; / Und winke sacht zum Abschied / Den Wolken, die im Abend ziehen.«

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