Dienstag, 28. Mai 2013

Rosalie vs. Castorp ;-)


  1. Kürzlich in einer ähnlichen Diskussion aufgeschnappt: Die (erotische) Liebe wird nicht weniger, wenn man sie auf mehrere Personen verteilt - sie multipliziert sich! Stichwort Polyamory.

    Ich plädiere dafür, dass die Liebe ein unerschöpfliches Reservoir an Gefühl ist. Sie wird nicht kleiner, wenn man sie auf mehrere Personen verteilt - im Gegenteil. Ob man für alle gleichermassen sexuelles Begehren empfindet und ob man dieses ausleben will, soll oder darf, steht auf einem anderen Blatt.
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    Die Polyamoren haben aber mehr als nur ein Problem: Liebe ist nicht etwas, was sich aus dem Nichts entwickelt und dann einfach so automatisch bleibt. Liebe nährt sich aus einem Treibstoff, der durchaus nicht unerschöpflich ist: Zeit.

    Zwar bieten uns moderne Kommunikationsmittel heutzutage die Gelegenheit, Zeit auch virtuell mit einem Partner zu verbringen. Insofern sind wir flexibler geworden. Doch eine Kurznachricht zu schreiben oder einen Blogkommentar zu kommentieren, das braucht auch Zeit. Es ist die Zeit, in welcher man sich einem anderen Liebespartner zuwendet, und sich gleichzeitig von einem anderen abwendet. Bedenkt man, dass der andere Liebespartner seinerseits anderweitig Zeit investiert, bleibt unter dem Strich bald einmal zu wenig Zeit, um die Liebe mittel- oder langfristig am Leben zu erhalten. Das Phänomen, dass Lebenswelten zu sehr auseinanderdriften, erleben natürlich auch sehr viele Paare, die nicht polyamor leben, zum Beispiel, wenn Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit ungleich aufgeteilt sind. Die so verursachten Scheidungsraten sind selbsterklärend.

    Zweitens kann nicht ausbleiben, dass auch in polyamoren Beziehungen eine Verbindung die Hauptbeziehung ist. Damit meine ich noch nicht einmal die gesetzlich verordnete Tatsache, dass ich nur mit einer Frau verheiratet sein kann. Es stellt sich auch die Frage, mit welcher Frau ich einen Wohnsitz teile und mit welcher Frau ich Kinder habe (die nota bene ihrerseits Zeit in Anspruch nehmen). Es findet also automatisch eine Hierarchisierung der verschiedenen Beziehungen statt. Und das ist zwar vielleicht noch halbwegs lustig, wenn ich mir selber überlege, welche Frau nun meine Hauptfrau werden soll. Weniger lustig ist es dann, wenn meine eigene Position als Hauptmann zur Disposition steht.

    Drittens: Schon aus den oben genannten Zeitgründen müssen sich auch die Polyamoren auf eine überschaubare Anzahl von Liebesbeziehungen beschränken. Und Beschränkungen sind ja gerade das, was man mit der Polyamorie ja überwinden wollte. Wie viele Partner sind denn "machbar"? Zwei, drei, vier? Kommt in der Lebensform der Polyamorie also ein Liebespartner hinzu, muss man eventuell mal ausmisten und eine schon bestehende Liebesbeziehung aufgeben, damit es wieder Platz hat. Geschieht das einvernehmlich, mag das ja eine Lösung sein. Doch bei Gefühlen sind oft auch Verletzungen vorprogrammiert.

    Deshalb meine These: Polyamore lieben zwangsläufig in reduziertem Mass und kaufen sich mit ihrer Lebensform viel Unverbindlichkeit ein, so viel, dass man schon kritisch nachfragen kann: Wie viel Liebe ist da noch?
    Noch eine Frage: Was machst du mit dem sexuellen Begehren, das du für jemanden empfindest, den du nicht liebst? Gibt es so etwas überhaupt?

Offene Beziehung revisited

Sometimes I get the feeling, I was back in the old days, long ago.....

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The Queen is gone but not forgotten
Die Musikgruppe Queen gibt es nicht mehr, doch ihre Lieder hallen nach. Ihr technisch brillanter Sänger, überdies zum begnadeten Showman geboren, sang gegen Ende seines Lebens jene Zeilen, die ich an den Anfang meines heutigen Posts gesetzt habe. Denn diese Zeilen gingen mir gestern durch den Kopf.

Ich hatte einen Tag frei genommen, da ich für meine momentane Weiterbildung eine mittlere Arbeit als Leistungsnachweis zu schreiben habe. So richtig mit Forschungsfrage, Sekundärliteratur, Herleitung von Theorie....

Die Kinder waren in der Schule und ich schrieb an der Einleitung, las die auf dem Esstisch gestapelten Bücher quer und habe Satz um Satz - wie wir in der Schweiz uns auszudrücken pflegen - "iitöggelet". Mögen Landsleute eine adäquate hochdeutsche Übersetzung dafür liefern. Auf jeden Fall fühlte es sich an, wie back in the old days.

Und, wie wir ebenfalls in der Schweiz sagen: Äs hät gfägt. Es grenzte schon fast an einen Jungbrunnen. Na ja... fast. Und wie der Zufall es wollte, bin ich letzte Woche am Kiosk auch noch auf eine Zeitschrift aufmerksam geworden, die konkrete Themen aus philosophischer Sicht beleuchtet: Hohe Luft (http://www.hoheluft-magazin.de), nennt sich die Publikation etwas elitär, doch einer philosophischen Annäherung zum Thema Was ist guter Sex? konnte ich in meinem aufkeimenden akademischen Eifer unmöglich widerstehen.

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Unwiderstehlich
Um es kurz und nicht noch umständlicher zu machen: Interessiert hat mich - honi soit qui mal y pense - die Auslegeordnung, die in das Thema der offenen Beziehung Klarheit bringen soll. Ich weiss, das Thema ist auf diesem Blog nicht neu. Vielmehr verdankt er diesem Thema eine der lebendigsten Auseinandersetzungen - hm, sagen wir ruhig - die lebendigste Auseinandersetzung, die auf dieser Plattform bis dato stattgefunden hat. Irgendwo hier.

Doch zurück zur hohen Luft: Die Auslegeordnung sieht folgendermassen aus: Traditionellerweise leben Paare ihre Sexualität exklusiv, zumindest haben sie den gegenseitigen und oft als selbstverständlich empfundenen Anspruch, dies zu tun.

Doch wie kommt es zu diesem Anspruch? Einem Anspruch auf Monogamie in Zeiten, in denen Kondome in jedem Supermarkt greifbar sind. In Zeiten, in denen wir uns also wirkungsvoll vor ungewollten Schwangerschaften und weiterem Ungemach in Form von sexuell übertragbaren Krankheiten schützen können. Wird uns durch diesen Anspruch nicht schlicht und ergreifend eine ganze Menge Spass vorenthalten? Müsste man doch meinen, oder nicht?

Nun, die traditionelle monogame Beziehungsform fusst auf zwei Annahmen:

1. Sexualität ist eine Ausdrucksform der Liebe.
2. Liebe ist exklusiv (= schliesst Dritte aus).

Aus diesen beiden Prämissen folgt der Schluss:

Logische Folge:  Sexualität ist exklusiv.

Man muss vielleicht hinzufügen, dass der Begriff der Liebe hier eng gesehen werden muss. Er meint selbstverständlich nicht die Liebe, die man zu den eigenen Kindern hat, die aus der gemeinsamen Sexualität entstanden sind. Auch nicht die Liebe zu Geschwistern, Eltern oder zum Haustier. Auch nicht die Liebe zur Heimatstadt, zur Natur oder zum allerliebsten Fussballverein (diese Liebesbeziehung durchlebt in meinem Fall seit zwei Jahren eine verdammt harte Zeit). Nein, die erotische Liebe ist gemeint, die in einer Lebensgemeinschaft von zwei Personen stattfindet.

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Blueprint der exklusiven romantischen Liebe:
Romeo und Julia beim Stelldichein auf dem Balkon.
Wer nun einer offenen Beziehung das Wort redet, muss zwingend eine der beiden oben aufgeführten Voraussetzungen angreifen. Was würde das heissen?

1. Sexualität ist eine Ausdrucksform der Liebe.

1a. Wäre Sexualität n i c h t ausschliesslich eine Ausdrucksform der Liebe, sondern eine von vielen Interaktionen, wie sie im Rahmen von  - sagen wir - Sympathie, Freundschaft und ähnlichem üblich ist, dann müsste man in der Tat in Frage stellen, warum feste Partner einander nicht auch Sexualität mit anderen Personen gönnen. Schliesslich haben gut funktionierende Paare ja auch Bereiche, die sie nicht (ausschliesslich) mit ihrem Liebespartner teilen (Fussballspiele schauen, im Chor mitsingen, sich mit Freunden zum Bier treffen, zusammen Essen gehen, usw.).

2. Liebe ist exklusiv

2a. Wäre aber die Liebe selbst nicht exklusiv, dann wäre zwar Sexualität immer noch zwingend an Liebe gebunden, doch diese Liebe würde sich nicht auf eine Person beschränken. Die Liebe - immer im oben genannten Sinn - wäre dann eine Art unerschöpfliches Reservoir an Gefühl. Wir könnten also Liebe für mehrere Personen empfinden, ohne dass die Liebe zur Einzelperson quantitativ (auch qualitativ?) abnimmt.

Grübel, Grübel und studier.... wie es in einem anderen Lied heisst.




Samstag, 18. Mai 2013

Ich und eine Stimme von damals

Es passiert urplötzlich: Da ist eine Melodie, eine Stimme. Stimme und Melodie sind überall, auf allen Radiostationen. Ein Song hat die Welt für einen Wimpernschlag der Musikgeschichte im Griff.

Es sind die frühen 80-er Jahre. Der Song, der überall ist, kommt nicht aus England und auch nicht aus den U.S.A. Eine australische Band schickt sich an, die Welt zu erobern und hat im Gepäck jenen Song, der bis heute als inoffizielle Nationalhymne Australiens gehandelt wird: Down Under. Die Stimme war klar, die Melodie von der Sorte feel-good, der Text völlig bekifft. Und bekifft waren die Jungs damals, wenn sie ihre Songs schrieben, ich habe es gestern Abend aus erster Hand erfahren.


Colin Hay, seines Zeichens 1980-1985 Leadsänger der Gruppe Men at Work, hat viele Anekdoten auf Lager. Und er weiss sie zu erzählen. Unaufdringlich, selbstironisch. Meine zwei Lieblingsgeschichten von gestern Abend:

Colin Hay, der Star

1967 lebte er mit seinem Vater in Schottland. Eines Tages eröffnete ihm der Vater, dass sie beide nach Australien ziehen würden. Damit machte der Vater einen alten Traum wahr: To go, where the sun is shining. Colin Hay war damals 14 Jahre alt und sollte erst 16 Jahre später auf dem Zenit seines weltweiten Erfolgs in seine Heimat zurückkehren... I was the king of the world then, sagte er gestern mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Er suchte die alten Plätze seiner Kindheit wieder auf, die alte Schule, den Pausenhof. Er spürte die Entwurzelung, war melancholisch gestimmt, als ein kleiner schottischer Junge auf ihn zukam und ihn fragte: Are you Colin Hay? Der grosse Star schaute den Jungen an und antwortete ihm: Yes, I am. Der Junge nickte zufrieden und trottete davon.

Colin Hay und der Star

Viele Jahre später, so um das Jahr 2000. Colin Hay ist kein Star mehr. Natürlich lebt es sich von den Tantiemen formidabel. Er tritt immer noch auf. Ein kleiner Club in Los Angeles ist an diesem Abend seine Bühne. Er macht sich für den Auftritt bereit, als ihm eine schier unglaubliche Nachricht hinterbracht wird, so unglaublich, dass er sie zunächst wirklich für einen Scherz hält: Paul McCartney ist im Publikum. 

Hay vergewissert sich, geht hinaus und begrüsst Macca. Er sei müde, sagt ihm Paul, jetlaged. Just stay for two songs, bittet ihn Hay. Mit einem Augenzwinkern blickte er gestern bei dieser Stelle ins Publikum... Wir wüssten ja nun selber, wie lange es gehen könne, bis er fertig erzählt und mal zwei Songs gespielt habe... Doch zurück nach LA.

McCartney blieb das ganze Konzert. Mehr noch. Der Fixstern am Pophimmel ruft Colin Hay Tage später an:  I want to come to your place, man. Welch eine Ehre! Ob er ihm und seiner neuen Freundin denn etwas zu essen kochen soll. Ja, meint McCartney, das wäre nett. Wieder schaute Colin Hay gestern schelmisch ins Publikum und fasste seine Gedanken von damals in Worte: I am having Paul McCartney for dinner. 

Es gibt Reis, Bohnen, Gemüse - vegetarisch muss es ja sein. Nach dem Essen steht McCartney auf, räumt Teller und Besteck ab, trägt es in die Küche und räumt die Spülmachine ein. So I had another private moment for myself: Paul McCartney is doing my dishes. 

Yesterday

Colin Hay, der mit Men at Work in seiner kurzen grossen Zeit Stadien füllte, tritt seit vielen Jahren in kleinen Clubs auf, begleitet sich selber virtuos auf der Gitarre. Die Songs, die er nach Men at Work geschrieben hat, sind nicht mehr erfolgreich, dafür privat und anrührend. Immer wieder singt und spricht er von seinem Vater, der vor kurzer Zeit gestorben ist. 

Ich hatte mich vor dem Konzert von gestern gefragt, ob er auch seine alten Songs - immerhin feste Bestandteile jeder Oldies-Disco und gesetzt in meinem Soundtrack Of My Life - singen würde. Er sprach gestern - schon vor dem zweiten Song - über genau dieses Thema. Ja, die Leute seien unsicher, ob er die alten Sachen denn noch spiele. Antwort: Klar doch! I'm no fuckin' idiot. 




Donnerstag, 25. April 2013

Freiheit

Wohl kaum ein anderes Ereignis ist so sehr zum Sinnbild der 68-er Bewegung geworden wie das Musikfestival in Woodstock. Vieles lief chaotisch ab. Wer, wann, wie lange und was spielen sollte, war  eine Mischung aus Improvisation und Zufall. Wer, wann, wie lange gespielt hat und was gespielt wurde, daran kann sich - einem gängigen Bonmot folgend - niemand mehr erinnern, der wirklich dabei war. Der Dokumentarfilm gibt darüber nur bedingt Auskunft.

ImageWenn es auch nicht der erste Song war, der die neue Generation bei ihrer ersten Vollversammlung erreicht hat, so war es sicherlich der programmatischste: FREEDOM - Freiheit wurde verkündet. Dem Vernehmen nach eine eher hilflose Improvisation eines Sängers, der vor und nach Woodstock kaum von sich reden machte. Sein Name verband sich an jenem Augusttag 1969 für immer mit dem ländlichen Ort im Bundesstaat New York: Richie Havens.

Man muss sich das vorstellen: Rund eine halbe Million Menschen, nicht wenige von ihnen unter Einfluss diverser Drogen, warten darauf, dass die erste Gruppe zu spielen beginnt. Doch die kommt nicht, und so wird der eher unbekannte Richie Havens auf die Bühne komplementiert. Er singt einen Song, dann noch einen Song, irgendwann geht er zu Zugaben über, er singt Zugabe über Zugabe, weil die Veranstalter nicht wissen, wer nach ihm auf die Bühne soll. Hilflos singt er seine letzte Zugabe. Eben: Freedom.

Sometimes, I feel, like a motherless child. So muss er sich wirklich vorgekommen sein, schweissdurchtränkt, da draussen vor dieser Masse von Blumenkindern. Und irgendwie hilflos ist sich vielleicht die ganze  Generation von jungen Menschen vorgekommen, die mit den Werten und dem Lebensstil ihrer Eltern so radikal gebrochen haben und damit späteren Generationen den Weg zu mehr - jawohl - Freiheit öffneten. Denn so sehr man die 68-er für vieles zurecht kritisiert - ich möchte nicht zurück in die Zeit vorher. Um keinen Preis.

Richie Havens ist vor einigen Tagen an Herzversagen gestorben. Seine Botschaft lebt weiter. (Wo ist das Phrasenschwein?)




Freitag, 14. September 2012

Einladung

Die Statistikzahlen (ja, ich schaue sie immer noch an) zeigen mir, dass es doch einige gibt, die sich für mein Post über The Graduate interessiert haben und die sich vielleicht auch für meine geplanten noch ausstehenden Filmbesprechungen interessieren.

Auch die beiden Kommentare von Nemesisia und Verdita machen Lust, den nächsten Film bald in Angriff zu nehmen. Es handelt sich dabei um Brother Sun, Sister Moon (1972) von Franco Zeffirelli und Harold and Maude (1971) von Hal Ashby.

Allerdings muss ich beruflich noch etwas reinknien und Kreatives zustande bringen. Daher kann es noch etwas dauern. Für diese Zeit hätte ich allerdings einen Vorschlag: Wer möchte, kann sich ja die Filme in der Zwischenzeit schon mal ansehen, bzw. sie wiedersehen. Und zum Mitdiskutieren darüber auf meinem Blog sind alle herzlich eingeladen.

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Mittwoch, 12. September 2012

The Graduate oder die Flucht aus der Plastikwelt

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What about your future? I want it to be... different.
Ben Braddock ist 21 Jahre alt. Er hat einen ausgezeichneten College-Abschluss in der Tasche und sein Weg scheint vorgezeichnet: Er wird ein Studium an einer hoch gehandelten Universität ebenso glanzvoll absolvieren wie das College. Oder aber er tritt direkt in die Geschäftswelt ein, die ihm dank den Beziehungen seines Vaters den roten Teppich ausgerollt hat.

Auf jeden Fall wird er die Erwartungen seiner reichen Eltern erfüllen. Im Moment aber rollt Ben Braddock auf einer Rolltreppe, die keine Treppe ist, weil sie nur flach ist und keine Steigung bewältigt. Er soll von seinen Eltern am Flughafen abgeholt werden. Dazu erklingt eine Melodie, welche sich ins Gedenkbuch der amerikanischen Musik eingravieren wird, mit einem Text, der von Leuten spricht, die zwar hören, aber nicht zuhören, die reden, aber nichts zu sagen haben.



Der Mann, der Ben Braddock verkörpert, heisst Dustin Hoffman. Er zu dieser Zeit ein weitgehend unbekannter Schauspieler. Die Rolle des Ben Braddock wird ihn unwiderruflich in den Olymp der Hollywood'schen Schauspielergilde katapultieren. Dass er im Jahr des Herrn 1967 nicht 21, sondern schon 30 Jahre alt ist, verraten jene Szenen, in denen man ihn mit muskulösem nacktem Oberkörper im Hotelbett und am Swimmingpool sieht.

Doch zurück zu Ben Braddock. Auf der Party, welche die Eltern für ihr Hätschelkind ausrichten, und an welcher nur Freunde und Geschäftspartner der Eltern anwesend sind, wird Bens Widerstand gegen die in ihn gesteckten Erwartungen erstmals sichtbar. Diese Erwartungen bewegen sich nämlich innerhalb eines Wertesystems, das normal erscheint, aber absurd ist, weil es nicht um die wirklich wichtigen Dinge im Leben geht.

Dem Film gelingt es, die Hohlheit dieser Welt (talking without speaking, hearing without listening) geschickt zu entlarven, etwa in der berühmten One-Word-Plastics-Szene: Ben wird von einem der anwesenden Geschäftsmänner angesprochen und ihm wird auch gleich eine besondere Weisheit versprochen. Wer nach der melodramatischen Einleitung erwartet, jetzt käme eine Art väterlicher Rat zu den wirklich wichtigen Themen im Leben, wird wie Ben enttäuscht: Die Antwort lautet Plastik und ist nichts weiter als der Tipp, in die Plastikbranche einzusteigen.



Den Lobeshymnen, die über seine Zeit am College ausgeschüttet werden, entflieht er in sein Zimmer. In seiner Verweigerung, einen der ihm vorgegebenen Wege zu beschreiten, wird er zu einem Sinnbild der 68-er Generation. Auf die Frage seiner Eltern, wie er sich sein zukünftiges Leben denn vorstelle, hat er nur eine Antwort parat: different. Will sagen: nicht so wie eures.

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Geniales Mienenspiel: Dustin Hofman erstürmt
den Schauspieler-Olymp
Nun konnte man auch 1967 in Hollywood nicht einen Film drehen, der sich lediglich um Verweigerungungshaltung und Gesellschaftskritik dreht. Darum musste eine Liebesgeschichte her. Und Sex.

Deshalb: Auftritt Mrs. Robinson. Sie ist wie viele andere Gast auf der Ben-Braddock-Party und spürt den sexuell unerfahrenen Ben (damals war man mit 21 noch sexuell unerfahren, those were the days!) in seinem Zimmer auf, überredet ihn, sie mit seinem neuen roten Flitzer nach Hause zu fahren und bietet sich ihm daselbst nackt zwecks Sammeln einschlägiger Erfahrungen an.

Natürlich dauert es nicht lange, bis Ben sich bei ihr meldet. So beginnt er seine Affaire mit der erfahrenen älteren Frau und tritt in ein Doppelleben ein, das ihn zwischen Elternhaus und Hotelzimmer hin und her switchen lässt.

Doch auch gegenüber Mrs. Robinson wird Ben aufmüpfig. Sex ist ihm nicht genug, er will reden, ist neugierig, stellt unangenehme Fragen, welche die schiere Verzweiflung hinter der Figur der Mrs. Robinson durchschimmern lassen.

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Schiere Verzweiflung. Mrs. Robinson wird von
 ihrem jugendlichen Liebhaber
zur Lebensbilanz gezwungen.
Von seinen Eltern gedrängt, willigt Ben ein, Elaine Robinson, die Tochter seiner Liebhaberin, auszuführen. Damit setzt er sich über den Willen der Mutter Robinson hinweg.

Als Ben und Elaine sich ineinander verlieben, deckt sie ihre Affaire auf und stellt sie als Vergewaltigung dar. Elaine geht zurück an die Universität in Berkley und es steht auch schon ein stromlinienförmiger, genehmer Verehrer bereit, um sie zu heiraten.

Ben verlässt sein Elternhaus, um Elaine nach Berkley zu folgen. Und dazu erklingt die Melodie des englischen Traditionals Scarborough Fair, engelsgleich gesungen von Paul Simon und Art Garfunkel (zu den beiden guckst du auch hier und hier). Und weil Musik und Bilder so unglaublich schön sind.....



Die Schlussszene ist legendär. Ben findet heraus, wo die Hochzeit stattfinden soll. Zwar kommt er zu spät, die Jaworte sind gesprochen. Doch seinen verzweifelten Rufen (Ileeeiiiiiin!) antwortet Elaine schliesslich mit einem gellenden Bääääään!! Die beiden flüchten aus der Kirche und erwischen einen Bus, der sie vor der aufgebrachten Hochzeitsgesellschaft in Sicherheit bringt.


Und da sitzen sie nun, Ben und Elaine. Zuerst ist da die diebische Freude über den Coup, über den Mut, über das Gefühl, dem Gefängnis der Konventionen gerade noch entkommen zu sein. Doch dann folgt der grossartigste Moment im Film, der so viele grossartige Momente hat: die Ernsthaftigkeit kommt über die beiden.

Man fragt sich als Zuschauer unwillkürlich: Was kommt jetzt? Was haben Ben und Elaine den Konventionen entgegenzusetzen? Wird ihnen ein glückliches Leben gelingen? Werden sie das erträumte Leben haben, in welchem es um das geht, worauf es wirklich ankommt, anders als im Leben ihrer Eltern? Wissen sie überhaupt, was das sein könnte, das, worauf es wirklich ankommt? Oder holt sie die Plastikwelt, vor der sie sich zunächst erfolgreich im Fond eines Greyhounds in Sicherheit gebracht haben, irgendwann wieder ein?