Freitag, 14. September 2012

Einladung

Die Statistikzahlen (ja, ich schaue sie immer noch an) zeigen mir, dass es doch einige gibt, die sich für mein Post über The Graduate interessiert haben und die sich vielleicht auch für meine geplanten noch ausstehenden Filmbesprechungen interessieren.

Auch die beiden Kommentare von Nemesisia und Verdita machen Lust, den nächsten Film bald in Angriff zu nehmen. Es handelt sich dabei um Brother Sun, Sister Moon (1972) von Franco Zeffirelli und Harold and Maude (1971) von Hal Ashby.

Allerdings muss ich beruflich noch etwas reinknien und Kreatives zustande bringen. Daher kann es noch etwas dauern. Für diese Zeit hätte ich allerdings einen Vorschlag: Wer möchte, kann sich ja die Filme in der Zwischenzeit schon mal ansehen, bzw. sie wiedersehen. Und zum Mitdiskutieren darüber auf meinem Blog sind alle herzlich eingeladen.

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Mittwoch, 12. September 2012

The Graduate oder die Flucht aus der Plastikwelt

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What about your future? I want it to be... different.
Ben Braddock ist 21 Jahre alt. Er hat einen ausgezeichneten College-Abschluss in der Tasche und sein Weg scheint vorgezeichnet: Er wird ein Studium an einer hoch gehandelten Universität ebenso glanzvoll absolvieren wie das College. Oder aber er tritt direkt in die Geschäftswelt ein, die ihm dank den Beziehungen seines Vaters den roten Teppich ausgerollt hat.

Auf jeden Fall wird er die Erwartungen seiner reichen Eltern erfüllen. Im Moment aber rollt Ben Braddock auf einer Rolltreppe, die keine Treppe ist, weil sie nur flach ist und keine Steigung bewältigt. Er soll von seinen Eltern am Flughafen abgeholt werden. Dazu erklingt eine Melodie, welche sich ins Gedenkbuch der amerikanischen Musik eingravieren wird, mit einem Text, der von Leuten spricht, die zwar hören, aber nicht zuhören, die reden, aber nichts zu sagen haben.



Der Mann, der Ben Braddock verkörpert, heisst Dustin Hoffman. Er zu dieser Zeit ein weitgehend unbekannter Schauspieler. Die Rolle des Ben Braddock wird ihn unwiderruflich in den Olymp der Hollywood'schen Schauspielergilde katapultieren. Dass er im Jahr des Herrn 1967 nicht 21, sondern schon 30 Jahre alt ist, verraten jene Szenen, in denen man ihn mit muskulösem nacktem Oberkörper im Hotelbett und am Swimmingpool sieht.

Doch zurück zu Ben Braddock. Auf der Party, welche die Eltern für ihr Hätschelkind ausrichten, und an welcher nur Freunde und Geschäftspartner der Eltern anwesend sind, wird Bens Widerstand gegen die in ihn gesteckten Erwartungen erstmals sichtbar. Diese Erwartungen bewegen sich nämlich innerhalb eines Wertesystems, das normal erscheint, aber absurd ist, weil es nicht um die wirklich wichtigen Dinge im Leben geht.

Dem Film gelingt es, die Hohlheit dieser Welt (talking without speaking, hearing without listening) geschickt zu entlarven, etwa in der berühmten One-Word-Plastics-Szene: Ben wird von einem der anwesenden Geschäftsmänner angesprochen und ihm wird auch gleich eine besondere Weisheit versprochen. Wer nach der melodramatischen Einleitung erwartet, jetzt käme eine Art väterlicher Rat zu den wirklich wichtigen Themen im Leben, wird wie Ben enttäuscht: Die Antwort lautet Plastik und ist nichts weiter als der Tipp, in die Plastikbranche einzusteigen.



Den Lobeshymnen, die über seine Zeit am College ausgeschüttet werden, entflieht er in sein Zimmer. In seiner Verweigerung, einen der ihm vorgegebenen Wege zu beschreiten, wird er zu einem Sinnbild der 68-er Generation. Auf die Frage seiner Eltern, wie er sich sein zukünftiges Leben denn vorstelle, hat er nur eine Antwort parat: different. Will sagen: nicht so wie eures.

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Geniales Mienenspiel: Dustin Hofman erstürmt
den Schauspieler-Olymp
Nun konnte man auch 1967 in Hollywood nicht einen Film drehen, der sich lediglich um Verweigerungungshaltung und Gesellschaftskritik dreht. Darum musste eine Liebesgeschichte her. Und Sex.

Deshalb: Auftritt Mrs. Robinson. Sie ist wie viele andere Gast auf der Ben-Braddock-Party und spürt den sexuell unerfahrenen Ben (damals war man mit 21 noch sexuell unerfahren, those were the days!) in seinem Zimmer auf, überredet ihn, sie mit seinem neuen roten Flitzer nach Hause zu fahren und bietet sich ihm daselbst nackt zwecks Sammeln einschlägiger Erfahrungen an.

Natürlich dauert es nicht lange, bis Ben sich bei ihr meldet. So beginnt er seine Affaire mit der erfahrenen älteren Frau und tritt in ein Doppelleben ein, das ihn zwischen Elternhaus und Hotelzimmer hin und her switchen lässt.

Doch auch gegenüber Mrs. Robinson wird Ben aufmüpfig. Sex ist ihm nicht genug, er will reden, ist neugierig, stellt unangenehme Fragen, welche die schiere Verzweiflung hinter der Figur der Mrs. Robinson durchschimmern lassen.

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Schiere Verzweiflung. Mrs. Robinson wird von
 ihrem jugendlichen Liebhaber
zur Lebensbilanz gezwungen.
Von seinen Eltern gedrängt, willigt Ben ein, Elaine Robinson, die Tochter seiner Liebhaberin, auszuführen. Damit setzt er sich über den Willen der Mutter Robinson hinweg.

Als Ben und Elaine sich ineinander verlieben, deckt sie ihre Affaire auf und stellt sie als Vergewaltigung dar. Elaine geht zurück an die Universität in Berkley und es steht auch schon ein stromlinienförmiger, genehmer Verehrer bereit, um sie zu heiraten.

Ben verlässt sein Elternhaus, um Elaine nach Berkley zu folgen. Und dazu erklingt die Melodie des englischen Traditionals Scarborough Fair, engelsgleich gesungen von Paul Simon und Art Garfunkel (zu den beiden guckst du auch hier und hier). Und weil Musik und Bilder so unglaublich schön sind.....



Die Schlussszene ist legendär. Ben findet heraus, wo die Hochzeit stattfinden soll. Zwar kommt er zu spät, die Jaworte sind gesprochen. Doch seinen verzweifelten Rufen (Ileeeiiiiiin!) antwortet Elaine schliesslich mit einem gellenden Bääääään!! Die beiden flüchten aus der Kirche und erwischen einen Bus, der sie vor der aufgebrachten Hochzeitsgesellschaft in Sicherheit bringt.


Und da sitzen sie nun, Ben und Elaine. Zuerst ist da die diebische Freude über den Coup, über den Mut, über das Gefühl, dem Gefängnis der Konventionen gerade noch entkommen zu sein. Doch dann folgt der grossartigste Moment im Film, der so viele grossartige Momente hat: die Ernsthaftigkeit kommt über die beiden.

Man fragt sich als Zuschauer unwillkürlich: Was kommt jetzt? Was haben Ben und Elaine den Konventionen entgegenzusetzen? Wird ihnen ein glückliches Leben gelingen? Werden sie das erträumte Leben haben, in welchem es um das geht, worauf es wirklich ankommt, anders als im Leben ihrer Eltern? Wissen sie überhaupt, was das sein könnte, das, worauf es wirklich ankommt? Oder holt sie die Plastikwelt, vor der sie sich zunächst erfolgreich im Fond eines Greyhounds in Sicherheit gebracht haben, irgendwann wieder ein?

Freitag, 31. August 2012

Typologie der Erotik

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Auf dem Weg zu sich selber.
 James Wilby als Maurice Hall
Vor einiger Zeit habe ich eine Begegnung im Supermarkt zum Thema eines Posts gemacht, dem ich - mehr aus Intuition als aus Überlegung - den Titel Erotik gegeben habe. Die Reaktionen auf dieses Post haben mich - wie man so schön sagt - zum Nachdenken gebracht. Dass einen etwas zum Nachdenken bringt (besser noch: bringen sollte), war früher immer ein sicherer Wert für das Ende eines Schulaufsatzes. Doch hier soll es nun weitergehen.

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Im Post Erotik reloaded habe ich dann in der Form eines fingierten Interviews versucht zu ergründen, welche Gedanken zum Thema Erotik bei mir angestossen waren und nun - Billardkugeln gleich - in meinem Kopf (also, der Kopf wäre dann der Billardtisch, ich weiss, das Bild hängt nun langsam etwas schief) umherrollten. Vollmundig versprach ich dann in einem Kommentar eine Typologie der Erotik, will sagen: nichts weniger als einen systematischen Überblick über die zwei sich gegenüberstehende Konzepte davon, was man als erotisch versteht.

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Vereinfacht könnte man sagen, dass es um das Spannungsfeld zwischen Blümchensex und Hardcoreporno geht. Aber das wäre zu kurz gegriffen. Der Hauptunterschied liegt meines Erachtens darin, dass bei der expliziten Erotik - wie ich es nennen möchte - eine erotische oder erotisierende  Wirkung ausdrücklich intendiert ist, während bei der impliziten Erotik das Erotische mitschwingt. Aber wie es sich für eine Typologie gehört, unternehme ich nunmehr den Versuch, die Unterschiede der beiden Erotikkonzepte einander systematisch gegenüberzustellen.





Die explizite Erotik

a. Als Erotik intendiert und inszeniert.
b. Rollenhaft
c. Die erotische Interpretation wird dem Betrachter aufgedrängt.
d. Den Menschen rein körperlich darstellend, auf primäre Geschlechtsmerkmale fokussiert.
e. Zielorientiert (Aufbau des Geschlechtstriebs, Befriedigung des Geschlechtstriebs)
f. Der Mensch ist aus anderen Kontexten losgelöst.
g. Idealisierend
h. Typisiert
i. Mechanisch
j. Suchtähnlich, das heisst: Die Wirkung verpufft mit der Zeit, die Dosis erhöht werden
k. Fetischiert
l. narzisstisch
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Jill allein in Sweetwater


Die implizite Erotik

a. Nicht als Erotik intendiert und inszeniert.
b. Authentisch
c. Der Betrachter entdeckt die Erotik selber.
d. Den Menschen als Ganzes darstellend, auch den Körper als Ganzes.
e. Ohne vorgegebenes Ziel
f. Der Mensch ist ein in seinen verschiedenen Kontexten komplexes Wesen.
g. Realistisch
h. Individuell
i. Organisch
j. Nachhaltig
k. Mensch im Zentrum
l. harmonisch

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Interviewer: Es gibt also eine schlechte und eine gute Erotik?

Castorp: Das will ich so nicht sagen. Aber es gibt Tendenzen in unserer Gesellschaft, die Kreativität und Individualität zurückdrängen.

Interviewer: An Stelle von?

Castorp: An Stelle von Konsum und Uniformität. Und davon ist auch die Erotik nicht verschont.

Interviewer: Sie haben zwei Fotos aus Filmen zur Illustration herangezogen.

Castorp: Genau. Aus Maurice und aus Once Upon A Time In The West. Filme erzählen uns etwas über Menschen, auch wenn es ein fiktive Menschen sind. Klar sieht Claudia Cardinale auf dem Foto auch objektiv gesehen gut aus. Aber die Erotik geht von der Rolle aus, die sie hat.

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Interviewer: Jill, die ehemalige Prostituierte, die sich allein in einer Männerwelt durchsetzt.

Castorp: So ist es. Oder Maurice, der gegen die strengen Konventionen der Gesellschaft seine Homosexualität auslebt und damit zu sich selbst findet.

Interviewer: Während Hugh Grant als Clive sich selbst in den Konvetionen verliert.

Castorp: Ja, das ist eine Geschichte. Eine erotische Geschichte.

Interviewer: Was meinen Sie in der Typologie mit idealisierend?

Castorp: Das Körperliche hat in der expliziten Erotik makellos zu sein. Das drückt sich etwa im grassierenden Porno-Schick aus, dass Körper enthaart sein müssen, vor allem bei den im Fokus stehenden Geschlechtsteilen. Was man dann nicht sieht, sind zum Beispiel die Pickel vom Rasurbrand.

Interview: Erotik ist doch aber körperlich. Ohne schöne Körper keine Erotik.

Castorp: Ich sage ja auch nicht, dass die explizite Erotik keinen Wert hat. Aber das Körperliche ist in den letzten Jahren überwertig geworden. Diese stete Beschäftigung mit dem eigenen Körper! Und dann stets defizitorientiert: Da ist die Nase zu lang, dort der Busen zu klein, da ist wieder ein Bad-Hair-Day, hier sind die Beine zu dick. Ich kann es nicht mehr hören!

Interviewer: Da erinnere ich mich an an frühes Post über die Miss Schweiz.

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Verschobene Wahrnehmung: """Dicke""" Oberschenkel bei Miss Schweiz

Castorp: Genau. Die Beine seien "gräuslich", wurde da kommentiert. He, das sind ganz normale Frauenbeine! Endlich mal bei einer Misswahl, bin ich versucht zu sagen.

Interviewer: Wie erklären Sie Überwertigkeit des Aussehens?

Castorp: Ein Schuss ins Blaue: Der Versuch, von innerer Leere abzulenken.

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Innere Leere?


Mittwoch, 29. August 2012

Danke

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Ich möchte mein Schweigen hier kurz unterbrechen für ein unangekündigtes Post. Es geht mir darum, mich ganz herzlich zu bedanken für die Reaktionen, die ich nach meiner Ankündigung, das Bloggen demnächst einzustellen, erhalten habe. Insbesondere danke ich der schwarzen Katze für den Preis, den sie mir zugesprochen hat.

Es wäre nämlich gelogen, wenn ich sagen würde, dass mir diese Reaktionen nicht geschmeichelt hätten. Sie zeigen mir, dass einige doch ein bisschen an meinem Geschreibe hängen und etwas draus für sich herausziehen können. Das ist sehr schön und stimmt mich glücklich.

Es ist ja nicht so, dass ich mit dem Bloggen aufhören werde, weil ich Bloggen nun plötzlich doof und nutzlos fände. Darin liegt ja gerade die Crux bei all diesen kleinen und grösseren Verpflichtungen, die man im Leben eingeht. Nichts davon ist normalerweise blöd und kann man einfach so wieder weglassen. Meine Lesegruppe gehört in diese Kategorie, diese oder jene Leute, die man schon lange einladen wollte, ein Massagekurs mit der Ehefrau, das Fussballspiel morgen Abend, das ich im Stadion sehen könnte, die Gitarrenlektionen, ich könnte hier noch mehr aufzählen.

All das ergibt zusammen einfach zuviel. Was sich eigentlich gut anfühlt, wird zum Ballast. Ich merke es an meiner inneren Unruhe, an zwischenzeitlichen Gefühlen von Verzweiflung, wenn mir alles über den Kopf zu wachsen scheint, mein Gefühl der Lähmung, wenn sich diese Verzweiflung einstellt und die Müdigkeit, die oft schon mittags kommt.

ImageAber ich trenne mich wie gesagt ja nicht leichten Herzens vom Bloggen. Ich erwische mich im Alltag dabei, wie ich zwei Zeitungsartikel (der Tod von Neil Armstrong und der Paradigmenwechsel des amerikanischen Klimaforschers Richard Muller) lese und sie in einem Aufsatz miteinander verbinden möchte. Ok, das wäre dann einer jener Beiträge gewesen, die im virtuellen Bloggerdorf wieder wenig Resonanz gefunden hätte.

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Denn ja, chat noir sieht das schon richtig: Wir bewegen uns hier in einem Dorf, und wie es in einem Dorf halt so ist: Die klimapolitischen Ansichten des Nachbarn interessieren weniger als der Klatsch und Tratsch, den er (mal freiwillig, mal unfreiwillig) liefert. Und zum Dorfleben würde es auch gehören, dass ich als Nachbar auch Interesse an anderen Blogs zeige. Dazu fehlt mir aber definitiv die Zeit.

Das sind die Überlegungen, die mich am Abschied in Raten festhalten lässt. Nochmal: In Raten deshalb, weil mir einige Post-Ideen sehr am Herzen liegen und ich sie mir von der Seele schreiben möchte. Nicht, weil ich meinen Abschied melodramatisch inszenieren will. Das Post über die Typologie der Erotik macht übrigens ermutigende Fortschritte.

Bis bald also

Castorp

Mittwoch, 22. August 2012

Abschied auf Raten

Viele Staaten dieser Welt befinden sich momentan in der Klemme. Nein, nein, ich meine nicht Staaten wie Somalia, Nigeria oder Nordkorea, wo Menschenrechte inexistent sind und Menschen verhungern, nein, ich meine die "normalen Staaten", die unter der Schuldenlast von Millionen, Milliarden und ... was kommt nochmal nachher?.... leiden. Diese Staaten müssen jetzt sparen.

Ähnlich geht es mir. Ich habe Schulden angehäuft in den letzten Wochen, Monaten, Jahren. Nicht finanzielle Schulden, Gott bewahre, aber Zeitschulden. Die Aufgaben, die Verpflichtungen, die sich in der Vergangenheit angesammelt haben (ok, ja, sie haben sich nicht selber angesammelt...) , konnte ich nicht durch den Abbau von anderen interessanten, aber zeitfressenden Beschäftigungen kompensieren. Also, ich hätte wohl können, aber ich habe es nicht gemacht.

Nun ist aber sozusagen Notstand ausgebrochen. Mein Zeitmanagement ist aus dem Ruder. Wenn zu Hause das Telefon klingelt, möchte ich wieder neugierig sein und mich fragen, wer wohl am anderen Ende der Leitung ist. Momentan überkommt mich immer die angstvolle Frage: Was habe ich wieder vergessen? Welcher Freund, den ich vernachlässigt habe, ruft wohl jetzt wieder an?

Eine dieser Beschäftigungen, die vor noch nicht ganz einem Jahr mein Leben bereichert, aber auch belastet hat, ist das, was ich im Moment tue: Bloggen. Oft habe ich das Schreiben genossen. Manchmal ist mir mein Blog aber auch zur Last geworden. Diese Momente haben sich in letzter Zeit immer mehr gehäuft. Darum werde ich aufhören zu bloggen. Der Plan war, am 7.September mein Abschieds-Post aufzuschalten, genau ein Jahr nach meinem ersten Post. Doch ich weiss nicht, ob es das bis dahin schaffe. Oder doch... Ich weiss, dass ich es bis dahin nicht schaffe. Es gibt da nämlich noch Posts, die ich mir vorher noch von der Seele schreiben muss. Und bis es soweit ist, bleibe ich hier auf Sendung, wenngleich die Posts ja schon jetzt spärlich fliessen.

Bevor ich hier aber meinen Abschied gebe - hier eine kleine Vorausschau auf das, was noch ansteht. Coming soon, sozusagen.

1. Die im Kommentar versprochene Typologie der Erotik. Wer den Begriff googelt (habe ich getan, vielleicht hat ja schon mal jemand darüber geschrieben und es auch so genannt) stösst auf Astrologisches. Definitiv nicht mein Feld.

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Wie man sieht, gibt es noch sinnentleertere Methoden, Zeit zu investieren.....

2. Drei Filme, ein Thema. Und warum diese Filme mein Leben geprägt haben.

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3. Das letzte Album der Beatles. Warum die Beatles nicht die beste Band aller Zeiten waren und warum bis heute immer noch jeden Tag Hunderte (hunderte?) von Leuten im Gänsemarsch einen Zebrastreifen in London überqueren und sich dabei fotografieren lassen.

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4. Musikalischer Showdown, Abschiedsworte

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Bis mehr oder weniger bald, aber nicht mehr lange

Castorp

Montag, 13. August 2012

Erotik reloaded

Interviewer: Das soll erotisch gewesen sein?

Castorp: Ja. Schön übrigens, Sie wieder einmal zu sehen.

Interviewer: Das Vergnügen ist ganz meinerseits. Was war daran erotisch? Sie sehen einer Frau beim Einkaufen zu, verfolgen sie und verlieren sie aus den Augen.

Castorp: Nehmen wir doch die Frage von Perdita auf. Was hat sie von anderen Frauen abgehoben?

Interviewer: Ich lehne mich zurück, da Sie ja auch noch das Fragen übernommen haben.

Castorp: Das Erotische war primär  das Unbeabsichtigte. Dass gerade sie es war, entsprang einem Zufall. Sie war "mein" Typ. Das heisst, sie war in meinen Augen ein Hingucker. Die langen Haare vor allem. Ein interessantes Gesicht. Für viele andere Männer (oder Frauen) mag sie mässig interessant gewesen sein.

Interviewer: Also ging es doch um Äusserlichkeiten?

Castorp: Ja und nein. Es war auch das, was man gemeinhin die Ausstrahlung nennt. Und die Situation.

Interviewer: Die Situation?

Castorp: Ja. Sie war überhaupt nicht erotisch angelegt. Es war ein Einkaufszentrum. Ich war im Stress, weil ich Zwiebeln brauchte, die ich zu Hause nicht hatte. Und meine Gedanken kreisten noch um etwas ganz anderes. Sie hatte wohl Feierabend. Und vor allem: Sie hatte es nicht auf Erotik angelegt. Sie war gut gekleidet, eher ein bisschen konservativ-verschlossen vom Stil her.

Interviewer: Eine nicht-erotische Situation ist also erotisch?

Castorp: Eine nicht-erotische Situation hat die Chance, erotisch rüberzukommen. Was ich zutiefst unerotisch finde, sind so genannte erotische Situationen.

Interviewer: Die Frau in Reizwäsche?

Castorp: Zum Beispiel. Reizwäsche ist darauf angelegt, erotisch zu wirken. Reizwäsche ist Manipulation. Ich verabscheue Manipulation.

Interviewer: Sie reagieren also nicht auf "plumpe" erotische Reize?

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Plump und phantasielos. Offensichtlicher
erotischer Reiz
Castorp: Was heisst nicht reagieren? Doch, ich reagiere schon. Aber diese simplem Reize - erotische Bilder und Pornos verbrauchen sich. Es ist wie mit einer Droge. Irgendwann hat man das Gefühl, dass man das braucht, um in Stimmung zu kommen. Und dass man die Dosis erhöhen muss. Oder der Stoff muss härter werden. So erkläre ich mir auch diesen ganzen Sado-Maso-Krimskrams, der im Moment gerade so waaahhhnsinnig erotisch sein soll.

Interviewer: 50 Shades of Grey?

Castorp: Ich habe dieses Buch nicht gelesen und ich kann darüber kein Urteil abgeben. Aber ein Buch, das sich als "erotisch" ankündigt, hat gute Chancen, auf mich nicht erotisch zu wirken.

Interviewer: Auf andere schon.

Castorp: Offenbar. Obwohl ich denke, dass da auch ein gerüttelt Mass Herdentrieb dabei ist. Wenn etwas medial gepusht ist, dann wird das von vielen konsumiert und vordergründig für gut, aufregend befunden. Man will ja dazugehören, vor allem wenn es um Erotik geht. Niemand will als prüde dastehen. Vielleicht reden sich viele Frauen da nur ein, dass sie das erotisch finden. Aber wer weiss, vielleicht finden einige das ja wirklich erotisch.

Interviewer: Was sind das für Leute?

Castorp: Ui, bringen Sie mich bitte nicht zum Psychologisieren.

Interviewer: Ok, Eine Leseprobe.... nach Zufallsprinzip von Dornröschen abgekupfert.

Castorp: Danke, Dornröschen!

Interviewer:  "Tief durchatmen, Anastasia, tief durchatmen. Ich stelle dich jetzt wieder auf die Füße", verkündet er und schiebt mich sanft weg.
NEIN! schreit mein Unterbewusstsein auf, als er sich von mir löst. Plötzlich fühle ich mich sehr einsam. Seine Hände liegen auf meinen Schultern; ich bin eine Armeslänge von ihm entfernt. Er beobachtet aufmerksam meine Reaktion. Und nur ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: Ich wollte geküsst werden, habe das verdammt offen gezeigt, und er hat`s nicht getan. Er begehrt mich nicht.

Castorp: Ein bisschen zu viele Adjektive. Und "Anastasia".... das ist niveaulos. "verkündet er"... ok, das kann ein Übersetzungslapsus sein. "Das Unterbewusstsein schreit auf". Ach du liebe Güte!

Interviewer: Und sonst?

Castorp: Was soll ich sagen? Die Passage ist darauf angelegt, erotisch zu sein. Das nehme ich ganz anders wahr, als wenn sich Erotik beim Lesen sozusagen einschleicht.

Interviewer: Geben Sie doch einmal ein Beispiel:

Castorp: "In den nächsten zwei Stunden achtete Denise in erster Linie auf ihre Hand, die sie in bequemer Reichweite von Robins Hand auf das Sofakissen gelegt hatte. Die Hand fühlte sich dort nicht wohl, sie wollte zurückgezogen werden, aber Denise war nicht bereit, das mühsam erkämpfte Terrain wieder aufzugeben."

aus Jonathan Franzen: Korrekturen

Interviewer: Was macht diese Textstelle erotisch?

Castorp: Denise ist eine geschiedene Frau, um die dreissig Jahre alt, beruflich äusserst erfolgreich. Mit Sex hatte sie bisher nicht viel am Hut. Seit ihrer Scheidung entdeckt sie nach und nach ihre Homosexualität. Eine kurze Affaire blieb noch ohne grosse Konsequenzen. Doch Robin, ihrerseits verheiratet, ist eine ungeheuerliche Versuchung. Man spürt in dieser Szene die Unsicherheit und das Verlangen zugleich. Das macht es besonders. Ausserdem spüre ich bei Franzen Humor. Der fehlt in diesen explizit erotischen Produkten in der Regel völlig. Und es ist eben kein erotischer Roman, obwohl Sex und Erotik eine wichtige Rolle spielen. Aber nicht die einzige. Es geht in dem Roman um Idealismus, und darum, wie man die Realität korrigiert (daher der Titel), wenn sie nicht dem Ideal entspricht. Oder auch um Irrtümer im Leben, die man zurecht korrigiert.

Interviewer: Kommen wir noch einmal zurück zu ihrer erotischen Begegnung. Was war diese Begegnung denn für Sie?

Castorp: Eine Begegnung eben. Nein, nicht einmal das. Es war einfach eine Überraschung, dass das zu diesem Zeitpunkt kommt. Meine beste Freundin hat sich von mir abgewendet, und das hat mich niedergeschlagen gemacht. Das tut es auch heute noch. Doch da war aus heiterem Himmel für ein paar Minuten diese ausgelassene Stimmung. Aus dieser Stimmung heraus habe ich die Frau auch beobachtet. Diskret, glauben Sie mir! Ich bin sogar diskret, wenn ich gar nicht diskret sein sollte. Ich hätte diese Frau nie im Leben angesprochen oder sonstwie versucht, mit ihr in Kontakt zu kommen. Ich kenne diese Frau nicht und will sie auch nicht kennenlernen.

Interviewer: Sie haben ein bisschen hinter die Fassade geschaut....

Castorp: Ja, ihr Einkaufskorb. Beziehungsweise dessen Inhalt. Das war sehr speziell. Da habe ich mich einen Augenblick lang gefragt, wer sie ist. Wer kauft eine halbe Stunde vor Ladenschluss noch diese Süssigkeiten ein? Und sonst gar nichts?

Interviewer: Wir werden es nie erfahren.

Castorp: Wahrscheinlich nicht. Und daran liegt auch ein Teil der Erotik. Diese Begegnung liess der Phantasie Raum.

Mittwoch, 8. August 2012

Erotik

Im vielleicht berühmtesten französischen Chanson klingt alles natürlich besser. ER spazierte durch die Avenue, sein Herz offen fürs Unbekannte, er hatte Lust, jemandem Guten Tag zu sagen. Irgendjemand, das war .... sie. Dann gehen die beiden noch in ein obskures Lokal um die ganze Nacht  zu singen und Musik zu hören und am nächsten Morgen sind sie ein Liebespaar. Musik ab!




Beim ollen Castorp ist alles viel prosaischer. Es begann damit, dass ich keine Zwiebeln im Haus hatte, die ich fürs Vorkochen für den nächsten Tag dringend benötigte. Also stieg ich aufs Velo, liess die Räder den Hügel hinunter fahren und betrat meine Stamm-Migros. Sie hatte soeben die Rolltreppe betreten. Sie war schön. Wunderschön.

Sie anzusehen, bereitete mir Vergnügen. Wie hätte mein Blick gewirkt, hätte sie ihn denn wahrnehmen können? Verschmitzt neugierig? Versunken? Verlegen, wenn sie mich ertappt hätte?

Ich liess sie vorangehen, besorgte mir einen Einkaufswagen, ihr lässig einen Vorsprung lassend. Ich würde sie schon wieder einholen. Wahrscheinlich schon bei den Früchten und dem Gemüse, wo ich auch meine Zwiebeln finden würde. Mais non! Elle n'y était pas!

Ich beschleunigte meine Schritte, konnte sie erst wieder im Bereich der Tiefkühlprodukte abfangen. Ich heuchelte Interesse an Ofenfrites und schielte weiter in ihre Richtung. Wieder entschwand sie, ich liess einen Sicherheitsabstand und fand sie erst wieder bei den DVD's. Sie nahm heraus, las, legte zurück und ging zur Kasse 7.

Die Kasse 8 nebenan stellte ihren Betrieb eben ein. Ich tat so, als bemerkte ich es nicht, spielte den Überraschten und reihte mich hinter ihr bei Kasse 7 ein. Ein Blick auf ihre Einkäufe gab mir zu denken.

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Zweimal

Schöne Unbekannte... Hat dein Freund für dich gekocht und du bringst das Dessert mit? Isst du diesen Junk heute Abend, wenn du Olympia guckst, weil dir die DVD nicht gefallen hat, die du in den Händen hattest? Hast du dich für deinen heutigen Essanfall eingedeckt? 

Ich verfolgte sie bis zur Rolltreppe. Ein bisschen bemerken solltest sie mich schon noch. Ich lief die Rolltreppe hoch, spielte den Eiligen, bis fünf Stufen hinter ihr. Dann stellte ich mich gemütlich hin, sie sah mich leicht irritiert an. Draussen schloss ich mein Velo auf, liess ihr Vorsprung. Mein Vorsatz: Sie verfolgen, so lange es ging, will sagen, solange es nicht peinlich wird. 

Wird sie in den Bus einsteigen? Nein, sie geht an der Bushaltestelle vorbei. Wohin nur? Ins Wohnquartier? Oder weiter der Hauptstrasse entlang? Ein Bus hielt den Verkehr auf, auch mich. Dann sah ich sie nicht mehr. Ich spekulierte noch auf die Variante Hauptstrasse, doch sie war weg. 

Adieu, belle inconnue! 



Dienstag, 7. August 2012

Life Questions

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Gibt es etwas vergänglicheres als Überzeugungen? Sport ist Mord dachte ich als pubertierender Schnösel. Heute mit meinen 45 Jahren ziehe ich körperliches und geistiges (!) Wohlbefinden aus Jogging und neuestens aus Krafttraining. Wie ich damals diese Muskelstählinstrumente verachtet habe!

Ich werde nie heiraten! Auch das war einmal eine Überzeugung von mir. Kinder? Ich? Nein! Das Ergebnis ist den regelmässigen Leserinnen und Lesern dieses Blogs bekannt. Und so sind noch so manche Überzeugungen aus vergangenen Tagen dahingeschmolzen.

Zu meiner Ehrenrettung kann ich sagen, dass zwei wichtige geblieben sind: ökologischer und emanzipatorischer Art. Und ich lebe auch heute nach diesen Überzeugungen, anders als viele andere, die damals diese Überzeugungen teilten, heute aber weit davon entfernt sind.

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Lebensbilanz delegiert: Das Jüngste Gericht bei der Arbeit
Worunter ich manchmal leide: Ich habe keine Überzeugung davon, was ein geglücktes Leben ist. Gläubige Menschen outsourcen diese Frage an das Jüngste Gericht. Der Erfolg des Lebens misst sich am Einzug ins Paradies. Oder in der Vermeidung von Fegefeuer und Hölle. Die Anleitung dazu: Folge den Geboten, zumindest so gut es geht! Was nicht gegangen ist, wird gebeichtet, entweder dem Priester oder direkt dem Chef.

Nur, was bleibt da den Nicht-Gläubigen unter uns? Woran soll ich mein Leben einmal messen? Habe ich mein Potenzial im Leben ausgeschöpft? Wie bin ich mit anderen Menschen umgegangen, als Sohn, als Ehemann, als Vater, vielleicht einmal Grossvater? Als Freund ..... Habe ich mich entfaltet oder mich von Zwängen einengen lassen? Oder war ich umgekehrt egoistisch und selbstsüchtig und habe verbrannte Erde hinter mir gelassen?

Wie messe ich das alles? 

An der Menge von Geld, die ich verdient habe?

An der Menge derjenigen Menschen, zu deren Glück ich beigetragen oder die ich enttäuscht habe?

An der Menge von Frauen, mit denen ich geschlafen habe? An der Anzahl Orgasmen (eigene, andere)? Oder deren Intensität?

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Vorgetäuschtes Glück. Meg Ryan in When Harry Met Sally



Donnerstag, 2. August 2012

Gedanken zum 1.August

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Gestern war der Schweizer Nationalfeiertag. Freie Bürger, die sich lauthals über zu hohe Krankenkassenprämien beklagen, feuerten Hunderte von Schweizer Franken innerhalb weniger Minuten in Form von Feuerwerkskörpern in die Luft, Tonnen von importiertem Billigfleisch wurde über dem Grill gebraten. Was macht es überhaupt für einen Sinn, ein Land zu feiern?

Um diesen Überlegungen gleich eine unerwartete Wendung zu geben: Auch ich habe gestern Abend Feuerwerkskörper in die Luft gejagt (bzw. das In-Die-Luft-Jagen von Feuerwerkskörpern beaufsichtigt) und Fleisch über dem Grill gebraten. So viel zum privaten Kram. Trotzdem mache ich mir jedes Jahr meine Gedanken zum Sinn dieser Veranstaltung und dazu, was meine Nationalität mit meiner Identität zu tun hat.

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Denn nein, ich bin kein Weltbürger. Ich weiss zwar sehr gut um das Verbindende zwischen den Menschen verschiedener Kulturen, weil ich beruflich mit vielen verschiedenen Kulturen zu tun habe. Ich wäre aber ein anderer, wäre ich in Neuseeland, auf den Fiji Inseln oder in Somalia auf die Welt gekommen. Ja selbst wenn ich Deutscher wäre, wäre ich ein anderer. Bei meiner Berlin-Reise konnte ich wieder einmal beträchtliche kulturelle Unterschiede zwischen mir und den dortigen "Eingeborenen" feststellen.

Ich fühle mich wohl als Schweizer. Ich mag es, eine Nationalität zu haben, die nicht automatisch auf meine Muttersprache schliessen lässt. In einem Land zu leben, das - je nach Kanton - eine mehr oder weniger lange gefestigte direktdemokratische Tradition hat. Gut, heute lebe ich in einem Kanton, der diesbezüglich eher ein Spätzünder war und in welchem das Aristokratische immer in der Gesellschaft nachhallt.

Und schliesslich lebe ich in einem Land, das 50 Jahre lang ohne einen Nationalfeiertag ausgekommen ist. Erst unter dem Druck des aufkommenden Nationalismus allüberall in Europa hat man sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch im 1848 gegründeten Bundesstaat Schweiz bemüssigt gefühlt,  ein auf den Anfang des Monats August datiertes Dokument aus dem Jahr 1291 als Grundlage für unseren Nationalfeiertag zu erklären. Und auch ich werde, wie meine Vorfahren der Gründerzeit, auf das Feiern am Nationalfeiertag verzichten können, wenn die Kinder erst einmal grösser sind. Nicht aus Undank oder Snobismus. Sondern einfach, weil ich das nicht brauche.

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Bundeshauptstadt mit aristokratischer Tradition: Bern am 1. August





Dienstag, 31. Juli 2012

Wenn wir andern weh tun

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Ist es das, was passiert ist, als "Gott" den Menschen aus dem Paradies vertrieben hat? Dass wir nicht umhin kommen, anderen Menschen weh zu tun? Selbst dann, wenn wir guten Willens sind (und das sind wir meistens alle) gelingt es uns nicht, durchs Leben zu gehen und dabei andere nicht zu verletzen.

Schon als Kinder sind wir gemein zu Geschwistern, Freunden, ja unseren Eltern (zu denen ganz speziell).  Wir nehmen unsere Mitmenschen und deren Gefühle zu wenig wahr. Dazu kommt, dass wir anderen zu oft die Schuld geben, weil wir selber uns doch für gute Menschen halten.

Das sind wir auch, die meisten von uns sind wirklich gute Menschen, aber auch gute Menschen sind fehlbar. Sie sind nicht perfekt. Das macht sie zwar liebenswert, aber manchmal auch nervig bis unausstehlich.

Doch eines können wir tun. Je mehr wir mit uns selber im Reinen sind, desto nachsichtiger sind wir mit unseren Mitmenschen. Darum sollten wir nie müde werden, uns selber besser kennenzulernen.

Siehe auch: http://schattentaenze.wordpress.com/2012/08/02/anderen-weh-tun/


Donnerstag, 19. Juli 2012

Sentimental Journey

Dreimal im Jahr - wenn es gut kommt - begebe ich mich aus meinem Alltag hinaus und unternehme allein eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln meines Landes. Tradition hat das im Februar, wenn oft schon eine Frühlingssonne spürbar ist. Jedoch nicht in diesem Jahr, als es der kälteste Tag war, den man seit langer Zeit erlebt hat und ich in Basel schier zur Eisleiche wurde.

So gesehen bot es sich an, für den Sommerausflug eine Ausnahme zu machen. Ich begab mich auf eine Sentimental Journey, und das - Achtung, es kommt gleich - nicht allein, sondern in Begleitung. Ich wollte gestern - an diesem wundervollen Sommertag - dahin zurück, wo ich so viele Sommertage in meiner Kindheit und Jugend erlebt habe.

Meine Eltern haben nicht viele Fotos gemacht. Dasjenige, das mich als dreijährigen Knirps sitzend auf einem Stein zeigt, ist eine Ausnahme. Das Bild stand dann jahrelang eingerahmt im Wohnzimmer meiner Eltern, sodass es mich durch meine ganze Kindheit und Jugend begleitet hat. Entstanden ist es vor langer Zeit, an einem weitgehend unbekannten, aber zauberhaften Aussichtspunkt ganz in der Nähe des Hauses, in welchem zwei alte Tanten wohnten, bei denen ich meistens mit meinem Vater Sommerferien verbrachte. Er wird es wahrscheinlich auch gewesen sein, der mich vor etwas mehr als 40 Jahren fotografiert hat.
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Mein Vater lebt nicht mehr. Um ein Foto von mir an gleicher Stelle anzufertigen und weil Sentimental Journeys mit Vorteil nicht allein unternommen sein wollen, kam Rosalie mit auf die denkwürdige Reise. Ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie meinen Egotrip begleitet, mit mir gesprochen und oft auch mein nachdenkliches Schweigen respektiert hat.

Die Zeit ist etwas sehr Wunderliches. Sie verbirgt Ereignisse, die noch nicht geschehen sind und sie deckt Ereignisse, die vergangen sind, mit viel Staub zu. Sie entfremdet uns das Vergangene, lässt sie zusammenschrumpfen zu Stimmungen, Gerüchen, Melodien, vielleicht auch Wortfetzen.

Und irgendwann ist auch das Vergangene wieder vergessen und hat aufgehört, zu existieren. Denn wer wird in ferner Zukunft noch wissen, was dieser Stein mitten auf einer Wiese für mich einmal bedeutet hat?

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Foto and Artwork by ROSALIE

Sonntag, 15. Juli 2012

Berlin, Berlin, ich war jetzt in Berlin.

Die Berlinreise ist Geschichte - Staub im Wind. Mein Programm. Also, was heisst mein Programm? Unser Programm. Ich war nämlich nicht alleine in Berlin. Mein Programm würde anders aussehen. Zum Beispiel würde ich Patty Smith live hören und sehen wollen und ungehörige Dinge tun, die mir ultimativ verboten wurden, aber davon später.

Also... UNSER Programm:

Samstag: Wohnungsbezug in Schönefeld, Abendessen in einem italienischen Restaurant. Meinem Kleinen habe ich erklärt: Wir sehen dann eine Kirche, die ist noch kaputt vom Krieg. Ich mag die Gedächtniskirche. Und der Ort, an der sie steht. Dort, wo der Kudamm beginnt, wo das KaDeWe in der Nähe steht, dort wo der Kommerz abgefeiert wird, dort steht dieses Wrack, das daran erinnert, dass es mal andere Zeiten gab. Doch leider....

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Die Gedächtniskirche - versteckt unter einem Gerüst

Sonntag: Das Übliche, will sagen. Fernsehturm, Medikamente für kranken Reisebegleiter (Mittelohrentzündung) am HB besorgen, Regierungsviertel, in meiner Botschaft mal kurz Hallosagen (kleiner Scherz, ich hab da nicht geklingelt), Potsdamer Platz, daselbst Ice Age 4 in 3D, einkaufen, Spaghettikochen.

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Ich war drin
Montag: Zooooo. Und erst noch zu Fuss dahin. Ich war allerdings sowas von müdemüdemüde. Sekundenschlaf auf einer Sitzbank. Zwischenfrage: Mischt man im Berliner Zoo dem Ameisenbären Drogen ins Futter?

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Ameisenbär, extatisch

Dienstag: Weiter ging es mit Kinderprogramm. Tussauds unter den Linden. Ich wollte schon immer einmal ein Foto mit Alice Schwarzer machen. Keine Ironie. Wirklich. Ich würde auch sehr gerne mit Alice Schwarzer essen gehen. Und diskutieren. Kurzentschlossen kehren wir in unsere Ferienwohnung zurück, nehmen unsere Badesachen und steuern wir Krumme Lanke an. Und siehe da: Männlein, Weiblein, jung und alt, circa ein Drittel der Leute, badet und sonnt sich unbekleidet. Ich hätte auch Lust, doch Kinder können sowas von konservativ sein.



Mittwoch: Shopping am und um den Kudamm. Wiederum von den Kindern gewünscht. Das Auge isst mit, heisst es für die viel gerühmte Feinkostabteilung des KaDeWe. Ich liebäugle mit einem blau-weiss gestreiften Hemd, das mich wie Brian Wilson 1963 hätte aussehen lassen. Ich kaufe es dann doch nicht. Das Überangebot an Kommerz züchtet in mir Verweigerungshaltung. Lieber wäre ich an die Krumme Lanke nacktbaden gegangen.

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Donnerstag: Am Vorabend habe ich noch entdeckt, dass es am Kudamm, etwas weiter weg, eine Gedenkplakette für den dort niedergeschossenen Rudi Dutschke gibt. Ich würde den Ort gerne aufsuchen, komme aber nicht dazu und werde auch den Rest der Ferien nicht dazu kommen. Stattdessen Filmpark in Babelsberg draussen. Die Kinder sind happy.

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Stuntshow im Filmpark


Freitag: Seit geraumer Zeit immer wieder mal vorgeschlagen, doch stets ignoriert, wollen die Kinder nun doch etwas Kultur. Der Kleine mit Mama ins Neue Museum, um die Nofretete zu sehen. Ich mit den Grossen zur Gedenkstätte Berliner Mauer. Leider gibt es Probleme im U-Bahnverkehr ab Bahnhof Friedrichstrasse. So kippen wir unser Programm und besuchen den Checkpoint Charlie.

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Samstag: Alles hat ein Ende, auch so ein Berlinaufenthalt. Und zurück geht es, von Hauptstadt zu Hauptstadt.

Sonntag, 1. Juli 2012

Paradoxe Intervention

Inskünftig werde ich jenen Fussballmannschaften die Daumen drücken, die ich n i c h t mag. Mal sehen, ob's etwas nützt. Buona notte!

Forza Italia!!!

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Die EM geht zu Ende, und meine vollmundige Ankündigung, sie 1:1 auf meinem Blog zu begleiten, verpuffte als leeres Versprechen. Der Juni gestaltete sich eben wie jeder Juni sein einigen Jahren. Stressfull. Very, very stressfull.

Nun hoffe ich auf ein paar ruhigere Tage und Wochen, zum Beispiel schon in genau einer Woche, wenn Familie Castorp in corpore in Deutschlands Hauptstadt weilen wird.

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!!

Vorher aber noch das Finale der Fussball-EM. Es wird langsam unheimlich, wie unisono die Presse (zumindest hier in der Schweiz) mit mir Partei gegen die Spanier ergreift. Also, nicht gegen die Herren Torres, Silva, Fabregas, Piqué und Casillas persönlich, aber gegen den langsam aber sicher auf den Nerv gehenden Tici-Taca-Fussball, bis vor kurzem noch als katalanische Augenweide in den Himmel gepriesen. Barçaaaaaa! (Mähhh)

Deshalb sind meine Daumen heute Abend für Italien gedrückt. Der Fussball braucht jetzt diesen Akzent, dass die Aera des Ballgeschiebes zu Ende ist und einem dynamischeren Spiel Platz macht. Hoffentlich nutzt das Daumengedrücke der italienischen Mannschaft etwas mehr als der Deutschen letzten Donnerstag.

Montag, 25. Juni 2012

Dümmer geht's nümmer: Die Deutsche Nationalmannschaft und der vorzeitige Orgasmus.

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Niveau auf Sinkflug. Frank Baumann
Frank Baumann habe ich bisher eigentlich als originellen Menschen geschätzt. In Zeiten, als ich noch regelmässig ferngesehen habe, fiel er mir positiv auf durch die Sendung Ventil, die eine Art ironische Publikumsbeschimpfung war. Wie jede Qualitätsware im Unterhaltungssektor war diese Episode von kurzer Dauer.

Offenbar hat Herr Baumann vor ein paar Jahren auch eine Sendung gemacht, in welcher er uns Schweizern die Deutschen etwas näher bringen wollte. Oder was auch immer der Gedanke hinter seiner Sendung war. Ich kann darüber nichts schreiben, denn ich habe sie nie gesehen.

Kürzlich hat sich Herr Baumann zur Fussball-EM verlauten lassen. Offenbar ist Deutschland sein Lieblingsthema geblieben. Nur leider enttäuscht hier Herr Baumann auf ganzer Linie.

Deutschland siegen zu sehen sei wie ein vorzeitiger Orgasmus: Man spüre, dass es kommt, aber man könne nichts dagegen machen.... ****gröhl**** Und gleich schiebt er die abgestandensten Deutschlandklischees hinterher, als hätte er noch selber als Aktivdienstler an der Grenze gestanden und die Schweiz vor den Nazis beschützt. Aber seht selber....

Ein Grund mehr, Deutschland beim kommenden Halbfinale gegen Italien die Daumen zu drücken. Wetten, dass es dieses Mal anders ausgeht als noch vor 6 Jahren?

Dienstag, 12. Juni 2012

Gott helfe mir!

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Bei der Konzeption meiner Fürbitte für das Brautpaar von letztem Sonntag habe ich unter anderem auch den Rat eines Freundes eingeholt, der selber sehr religiös ist. Das war eine ungemein interessante Erfahrung. Nicht, dass ich viel mit seinem Rat hätte anfangen können, aber die Unterhaltung mit ihm war für mich sehr aufschlussreich darüber, wie religiöse Menschen ticken.

Zunächst stellte ich ihm mein inhaltliches Konzept vor: Mut zur Verschiedenheit und gegenseitiges Wohlwollen. Mein Freund reagierte reserviert. Das sei ja etwas, was das Paar aus sich selber schöpfen könne. Natürlich ist es das, habe ich ihm geantwortet. Ich wünsche den beiden, dass sie diese Ressourcen für ihre Ehe nützen können. Doch die Stirn meines Gegenübers blieb gerunzelt.

Wenn ich eine Fürbitte halte, dann müsse ich mich an Gott wenden, meinte er. Er weiss natürlich, dass mein Verhältnis zum Allmächtigen schon seit jeher etwas eingetrübt ist. Dennoch war es wieder einmal an der Zeit, ihn daran zu erinnern. Er blieb hart. Fürbitte bedeute, dass ich für das Paar bei Gott um etwas bitte. Dieses Etwas müsse ausserhalb des Einflussbereichs des Menschen liegen. Darum bitte man ja Gott. Also... Gesundheit zum Beispiel.

Ich verkniff mir die Bemerkung, dass man mit richtiger Ernährung, Verzicht auf Nikotin und mässigem Alkoholgenuss gepaart mit genug Bewegung auch viel zu seiner eignen Gesundheit beitragen könne. Schliesslich stimmt es schon. Man kann gesund leben und trotzdem mit 50 Krebs bekommen. Oder früher. Aber ich schweife ab.

Der Kern der Sache ist der: Religiöse Menschen haben ihre Aufmerksamkeit auf Dinge gerichtet, von denen sie (zurecht oder zuunrecht, das sei mal dahingestellt) annehmen, dass sie diese nicht beeinflussen können. Darum vertrauen sie auf Gott, der sie beschützen soll. Wenn es sie dann trotzdem trifft, dann wird Gott schon einen Grund gehabt haben, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder anderes Unheil  über sie zu schicken wie über das biblische Versuchskaninchen Hiob.

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Opfer göttlichen Spieltriebs: Hiob

Nicht-Religiöse denken eher: Was kann ich selber tun? Zum Beispiel, um eine gute Ehe zu führen? Sie nehmen ihr Schicksal und ihr Leben selber in die Hand. Natürlich lauert immer die Gefahr, überheblich zu werden. Denn selbstredend sind wir dem Zufall ausgeliefert. Diejenigen, die den Zufall als Schicksal erleben, suchen schon wieder göttlichen Trost - denn Schicksal bedeutet, dass da jemand ist, der einem Gutes oder Schlechtes s c h i c k t.

Zum Abschluss meiner heutigen Wortmeldung eine musikalische Untermalung. Ein Mann ist von einer Frau abhängig. Sie verlässt ihn. Er steht vor dem Nichts. Er hat sein ganzes Sein auf SIE abgestützt, nicht auf sich selber. Jetzt sind die tragenden Mauern eingebrochen, das Haus droht jeden Moment einzustürzen. Der Song God Give Me Strength beschreibt diese Situation eindringlich. Und ebenso eindringlich führt uns Elvis Costello vor Augen, was für ein grossartiger Sänger er ist.


Sonntag, 10. Juni 2012

Nicht nur die Deutschen sind auf Kurs

Gestern lief es exemplarisch für die Deutsche Nationalmannschaft. Holland verlor sein Startspiel mit 0-1 und anschliessend bewiesen die Fussballer aus Deutschland und Portugal, dass sie nicht blöd sind, so wie es ihnen von Selberblöden immer wieder gebetsmühlenartig unterschoben wird. Sie rechneten sich aus, dass auch schon ein Punkt für beide Mannschaften ein guter Start wären und agierten entsprechend vorsichtig.

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Sekunden bevor ihn Trainer Löw vom Platz
genommen hätte, erzielte Mario Gomez
das entscheidende Tor. Deutschland ist auf Kurs.
Im Fall der Portugiesen ZU vorsichtig. Dann nachdem Mario Gomez für Deutschland doch noch ein Tor erzielt hatte, stürmten sie gegen das Tor der Deutschen an und zeigten auf, wie viel diese Mannschaft zulässt, wenn sie unter Druck kommt. Dass das Spiel nicht unentschieden - wie von mir getippt - ausgegangen ist, ist reiner Zufall. Auch mein getipptes Resultat (2-2) wäre möglich gewesen, wenn Pepes Schuss kurz vor der Halbzeit nicht von der Lattenunterkante tout juste auf, sondern hinter der Torlinie gelandet wäre.

Der Fussball ist ein wie das Leben im Allgemeinen ein Tummelplatz der Konjunktive. Freudig habe ich heute Morgen (also vor gut 10 Minuten) aber festgestellt, dass mein Wettpartner nicht auf 3-0, sondern auf 1-0 für Deutschland getippt hat. Damit fügt er meinen vier Punkten aus dem ersten Wettkampftag weiter drei Punkte hinzu. Da allerdings die beiden anderen auf Sieg Deutschland gesetzt hatten, ergibt sich lediglich ein Vorsprung von einem Punkt. Da haben die deutschen Fussballer gestern aktiv und passiv mehr Raum zwischen sich und Portugal bzw. Holland legen können.

Dass einige Bayernspieler allerdings sehr verhalten (Müller)  bis ungewohnt fehlerhaft (Lahm) gespielt haben und bester Mann auf dem Platz der einzige Spieler des Meisters Dortmund war, dürfte nicht unbedingt Ruhe in die Mannschaft bringen. Aber wenn weiterhin alles so gut läuft wie gestern....

So und jetzt mache ich mich flott und gehe fürbitten.

Für heute Abend tippe ich 2-0 Spanien und 2-0 Irland.

Samstag, 9. Juni 2012

Ein guter Tag!

Heute war wieder einmal einer dieser guten Tage, in welcher die ganze Welt meine Sympathie hatte. Also, vielleicht nicht gerade Baschar al-Assad und auch nicht Kim Yong Un, aber dafür fast alle anderen. Mein Tag war gespickt mit kleinen Highlights. Klein Castorp hat mit seinem Team das Fussballturnier gewonnen und war glücklich und zufrieden. Ich konnte mich ausgiebig mit meiner literarischen Freundin austauschen. Ergebnis: Ein neuer Tipp, den ich gerne zu meiner schon umfangreichen Sommer-Lektüreliste hinzufüge, nämlich von Marisha Pessl: Alltägliche Physik des Unglücklichseins. Heute bin ich so gut gelaunt, dass ich doch gerne mal einen Blick auf die Autorin werfe....

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Ah! That's what she looks like!
Meinerseits konnte ich auch mit einem Tipp aufwarten, den ich hier gerne auch veröffentliche. Der Roman The Slap des griechischstämmigen Australiers Christos Tsiolkas war DAS Leseserlebnis des vergangenen Jahres für mich. Nun ist es auf deutsch erschienen mit dem Titel Nur eine Ohrfeige. Für die Übersetzung will ich meine Hand natürlich nicht ins Feuer legen, doch meine literarische Freundin will sich das Buch diesen Sommer ohnehin in den USA besorgen und im Original lesen.

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Christos Tsiolkas

Ihr Sohn sah sich übrigens in der Schule mit einer bizarren Aufgabe konfrontiert. Zu Nomen mussten die Schülerinnen und Schüler passende Adjektive finden, nach dem Muster Sofa-bequem, Feuer-heiss, usw. So weit so gut. Doch was sollte der arme Junge zum Nomen Frau schreiben? Es kam ihm ausser weiblich  nichts in den Sinn, was typisch für Frauen sein sollte. Guter kleiner flinker Junge mit ausgeprägtem Kampfgeist und Torriecher! Er hat die Aufgabe vielleicht nicht im Sinne seiner Lehrerin, dafür aber mit Bravour gelöst.

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Genau so eins war es!
Dann sah ich ein gut 12-jähriges Mädchen mit einem Beatles-Shirt. Unglaublich. Nicht Lady Gaga, nicht Justin Bieber. The one and only Beatles. Sowas aber auch.

Morgen bin ich übrigens an eine Hochzeit eingeladen. Da freue ich mich darauf, vor allem, weil mir dabei noch eine besondere Rolle zukommt. Ich soll eine Fürbitte für das sich trauende Paar (diesen Kalauer konnte ich mir nicht verkneifen) sprechen. Was wünscht man einem Paar beim Take-Off in die Ehe? Ich habe mich entschieden für Mut und Wohlwollen.

Mut brauchen wir, um in einer Beziehung (ob ehelich oder nicht, ist einerlei) Widerständen und Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen. Diese sind nämlich die Elektrizität in einem Paar, ohne die es nur beschaulich und stagnierend zugeht. Und wenige sind gemacht wie Paola und Kurt Felix und können so leben. Diesen Mut können wir uns aber nur erlauben, wenn wir uns aufgehoben fühlen in einer Beziehung. Will sagen: Wenn wir einander mit Wohlwollen begegnen, und nicht mit Argwohn. Wenn wir spüren, dass der Ehepartner auf derselben Seite ist, bei einem ist.....

In diesem Sinne wünsche ich allen einen schönen Sonntag. Und vor allem drücke ich der deutschen Mannschaft heute Abend die Daumen. Entweder unentschieden spielen (am liebsten 2:2) oder dann gewinnen, aber so richtig: 3:0. Aber kein viertes Tor schiessen, bitte!

Wetten dass?

Ich bin in diesen Tagen mit Dauerwetten beschäftigt. Natürlich, es ist EM. Ich muss ehrlicherweise zugeben: Dass die Schweiz in diesem Jahr für einmal nicht an einer Endrunde dabei ist, hat meine Vorfreude schon etwas gedämpft. Von früher her - ich habe ja auch schon einige Jahre auf dem Buckel - hätte diese Situation eigentlich ein Normalzustand darstellen sollen. Damals hatte ich mich auch auf die grossen Endrunden gefreut.

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Highlight: Iker Casillas mäht Derdiyok (kürzlich dreifacher
Torschütze gegen Deutschland B) um, Fernandes wird
Sekunden später das entscheidende Tor gegen Spanien schiessen.
Als Schweizer war man aber in den letzten Jahren verwöhnt. Teilnahme an der EM 04, an der WM 06, geschenkte Teilnahme an der EM 08 und Teilnahme an der WM 10. Dass die Leistungen der Mannschaft dabei durchzogen waren, war wohl ein Wermutstropfen. Highligt: Der Sieg vor zwei Jahren gegen den amtierenden Europameister und nachmaligen Weltmeister Spanien.

Ok, die Spanier waren sowas von drückend überlegen, dass der Sieg einem metaphysischen Wunder gleichkam. Folgerichtig hat sich der Trainer Hitzfeld nach dem Spiel auch korrekt bekreuzigt.  Lowlights: a) Wie man die drei Punkte gegen Spanien in den Spielen gegen Chile und Honduras in den Sand gesetzt hat. b) Das Elfmeterdebakel gegen die Ukraine - bis heute eine traumatische Erfahrung. Nur gut, dass ich Böses ahnte und die Sache nicht live anschaute. Ich wusste irgendwie, dass es schlimm werden würde, aber dass es dermassen penibel ausgeht, war ausserhalb meines Vorstellungsvermögens.

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Krass überlegene Russen mausern sich zum Turnierfavoriten.
Wer allerdings so fulminant ins Turnier startet, geht unterwegs
oft ein. Exceptio firmat regulam: Deutschland 1990 startete
damals auch mit einem 4-1.
Doch lassen wir die Historie und kommen zur aktuellen Gegenwart. Und zum Titel dieses Posts. Ja, ich wette. Gestern habe ich - Ehrenwort - das Resultat des Startspiels richtig vorausgesagt. Polen-Griechenland 1:1. Die gleiche Vorahnung hatte allerdings einer aus dem gegnerischen Wettteam, womit die erste Runde 3:3 ausging (drei Punkte für das korrekte Resultat). Am Abend dann ärgerte ich mich über mich selber. Nicht zum ersten Mal ist mir passiert, dass ich einer Vorahnung nicht richtig traute. Ich ahnte die Russen klar dominant voraus, und das waren sie dann auch gegen Tschechien. Getippt habe aber lediglich 2-0. Mein Wettpartner liegäugelte mit seinen blauen Augen gar auf ein Unentschieden. So blieb meinem Team ein Punkt, genau wie bei Gegnerteam, bei dem einer (diesmal der andere) ebenfalls nur 2-0 statt auf eine richtige Klatsche tippte. Zwischenstand also: 4-4.

Heute: Neues Spiel, neues Glück. Die Tipps

Ich: Niederlande Dänemark 3-0, mein Wettpartner: 3-0, die anderen, 1-0 und 2-0. HUPP HOLLAND!

Ich: Deutschland-Portugal 2-2, mein Wettpartner 1-0, die anderen 3-0 und 2-0

Und somit hat die Freude an der EM bei mir so richtig Fahrt aufgenommen.