Heute war es so weit. Judgement-Day. Jahrelang habe ich die Örtlichkeiten mit hohem Trefffaktor gemieden. Die mit hohem Erinnerungsfaktor auch. Niemals hätte ich mit Sue oder gar Miststück etwa eines „unserer “ Lokale aufgesucht. Verdränger eben. Fräänk, zu Besuch mit seiner Horde, möchte heute aber auf dem Wochenmarkt frühstücken. Heute. An einem Samstag. An Dreckssamstagen war es bei uns Usus, dort im Sommer zu frühstücken und anschließend noch in der völlig überfüllten Stadt einen „Latte“ zu Konsumieren. Wie gefühlte 6000 Andere auch.
Rückblickend wusste ich es schon vorher. Komisch. Irgendwas bewegte mich nicht mit t-Shirt, Jeans und Turnschuhen dort aufzuschlagen. Mein Ego wollte coole Schale. Unantastbare Schale. Undurchdringbare Schale. Draußen arschkalt, zog ich den ultracoolen Neoprenmantel und Stiefel an. Eastwood wäre stolz auf mich. Irgendwie lächerlich. Sie wollte immer, dass ich Stiefel trage.
Auf dem Wochenmarkt laufen meine Scanner auf Volldampf. Jede blonde Frau wird auf Match geprüft. Bewege mich wie versteinert. Nicht mal Fräänks Brut kann mich ablenken. Erst an „unserem“ Würstchenstand angekommen entspanne ich etwas. Treffe die Frau eines Arbeitskollegen. Quatsche etwas mit ihr und bestelle für die Brut. Fräänk überredet mich, noch einen Kaffee zu trinken.
Dann donnert’s. Fuck. Alles passiert rasend schnell. Ein „Hallo“ von links. Keine drei Meter entfernt. Ein Hallo von Ihr. Sie strahlt mich an. Ihre Augen funkeln. Seh‘ sie an, erwiderte das „Hallo“. Sie sieht blendend aus. Glücklich. Ihre Figur ein Traum. Nähere mich aber nicht. Bleibe wo ich bin. Im Blickwinkel taucht er dann auf. Natürlich. Sie allein reicht nicht. Heute bekomm‘ ich’s mit dem Vorschlaghammer.
Ich beginne zu zittern. Habe weiche Knie. Ein Kerl mit annähernd zwei Metern und 90 Kilo. Fängt beim Anblick seiner Ex zu zittern an. Wie kurz vor einer Hauerei. Lächerlich.
Er. Mein Gott „Er“. Erst vor kurzen als „Schnösel“ beschrieben. Als „Depp“ und „Spack“ vom Syrer betitelt. Er mit dem AMG. Dann taucht auch noch Junior auf. Sie gehen auf den Wochenmarkt. Als Familie. Genau so, wie wir damals.
Wechsle ein paar Worte mit Junior. Weil man das so macht, bewegt sich Fräänks Frau rüber zum Smaltalk. Schließlich muss auch Fräänk. Ich wende mich dann Fräänks Kids zu, um irgendwas zu tun.
Ein stupfen von hinten zwingt mich zum Umdrehen. Vernehme ein „Hallo, ich bin sowieso…., wir haben ja ein gemeinsames blablahblah….“ ich kann mich an das gesagte nicht mehr erinnern. Ich reiche ihm meine Hand. Auch mein Erwidertes hab ich vergessen.
Was für ein Typ? Muss sagen, dass ich seine Aktion als fair und ihn sogar als sympathisch empfunden habe. Aber was für ein Typ? Es muss der Physiotherapeut sein, den mir Syrer schon vor sehr langer Zeit nannte. Wusste nicht, dass es immer noch dieser ist. Hoffte ja insgeheim, dass Sie wieder solo ist. Egal…
Zwar hat er meine Größe, alles andere ist aber das krasse Gegenteil von mir.
Lulatschfigur mit spitzem Bauchansatz und alternativ angehaucht. Schweinslöckchen und helle Augen. Vollbart und Dutt würden perfekt zu ihm passen. Helle Augen. Sie liebte dunkle Augen. Unseres Sohns dunkle Augen. Schwarze Augen. Meine Schwarzen Augen. In seinen Klamotten würde ich nicht in den Keller gehen. Sie mochte meinen Stil. Wusste ihn zu schätzen.
Sie muss ihn gern haben. Und er muss sehr nett sein. Das ist sicher! Ich nehm‘ reißaus. Unter dem Vorwand schnell Zigaretten zu holen verpiss‘ ich mich.
War mir klar, dass ich den beiden irgendwann über den Weg laufe. Aber doch nicht in dieser komprimieren Form.
Unsere geplante Bergtour danach kommt mir gelegen. Ich muss raus. Zwar ist eine Familientour geplant, aber ich werd schon mal ausbrechen können. Schon nach ein paar Metern streicht der kleinste aus der Brut die Segel. Schultere ihn und gib Gas.
Trage ihn bis zum Hüttenziel, aber reicht noch nicht. Fräänk und Co. bleiben an der Hütte zurück. Ich mach noch den Gipfel und möchte eigentlich noch viel weiter. Würde aber zu lange dauern. So laufe ich zurück.
Was wird wohl aus meinem Träumen? Werden sie noch schlimmer? Werden sie noch intensiver? Noch häufiger? Mit graut vor der Nacht.