
So finster die Nacht (Lat den rätte komma in) eilt der Ruf voraus, ein etwas anderer Vampir-Roman bzw Film zu sein. Und tatsächlich ist bereits das Setting ungewöhnlich: Statt düsteren alten Gemäuern oder schwülem Südstaatenpomp hat man es mit einem stinknormalen schwedischen Vorort zu tun, einer tristen Wohnsiedlung, wie man sie wohl in jeder Großstadt findet. Hier, in Blackeberg, wohnt Oscar, ein zwölfjähriger, etwas dicklicher Junge, der in der Schule von einer Gruppe sadistischer Mitschüler gequält wird und sich in seiner Freizeit mit kleineren Supermarktklauereien und Gewaltphantasien abreagiert. In diese Routine kommt Bewegung, als in einem Nachbarort nicht weit von Blackeberg ein Teenager brutal ermordet wird – ein Verbrechen, das nicht nur die Stockholmer Polizei in Alarmbereitschaft versetzt. Die Tatumstände sprechen für einen Ritualmord, dessen Motive allerdings im Dunkeln liegen. Gleichzeitig zieht neben Oscar ein seltsames Vater-Tochter-Gespann ein, und Oscar schließt bald Freundschaft mit dem etwas vernachlässigten Mädchen Eli. Eli besitzt das Selbstvertrauen, das Oscar fehlt und spornt ihn an, sich gegen seine Peiniger zu wehren. Aber sie gibt Oscar auch Rätsel auf. Wieso sind die Fenster ihrer Wohnung ständig mit Jalousien bedeckt? Wieso macht ihr die Kälte nichts aus? Und wieso ist ihr ‚Vater‘ auf einmal verschwunden, gerade als ein neuer Mord im letzten Moment verhindert werden kann?
(Achtung, ab hier enthält der Text leichte Spoiler, die sich nicht ganz vermeiden lassen. Wer ganz unbefangen an den Film und das Buch herangehen möchte, sollte lieber weglesen.)
Als Leser kann man sich diese Fragen ziemlich schnell beantworten: Es geht um Vampirismus, um die Sucht nach dem täglich Blut und um das notwendige Morden, das damit einhergeht. Aber Vampirismus ist nicht das Erschreckendste an So finster die Nacht, so realistisch er auch dargestellt wird. Denn Autor Lindqvist hat in seinem Roman eine Art Rundumschlag durch die menschlichen Abgründe geliefert: Von Mobbing und Kindesmissbrauch, über soziale Isolation, Alkoholismus, Pädophilie, Mord und Verstümmelung ist so ziemlich alles dabei, was die dunkle Seite hergibt. Und oft ist der Leser mittendrin in den Köpfen dieser menschlichen Wracks, hat teilweise sogar Mitgefühl mit ihnen, weil sie alle in ihren Abhängigkeiten gefangen sind. In der Tristesse am Rande des Großstadtlebens sind Oscar und Eli nicht die Einzigen, die nach ein bisschen Verständnis und Zugehörigkeit suchen – sie sind nur die Einzigen, die es am Ende finden. Damit ist So finster die Nacht nicht vor allem ein Vampirroman, sondern gleichzeitig eine Art Sozialstudie, ein Drama über das Erwachsenwerden und … eine sehr ungewöhnliche Liebesgeschichte.
Hört sich gut an? Ist es auch. Und trotzdem habe ich an Lindqvists Roman das ein oder andere zu bemängeln. In erster Linie ist es der knochentrockene Stil, der mir schon bei einem anderen Ausflug ins skandinavische Krimigenre aufgefallen ist. Ich konnte mir die Örtlichkeiten sehr plastisch vorstellen, aber ich wurde mit den Personen oft nicht richtig warm. Vieles wird allenfalls angerissen: Oscars Beziehung zu seiner alleinerziehenden, überbesorgten Mutter, dem geliebten und zugleich abstoßenden Vater. Elis Geschichte als Vampir und als Mensch. Die Geschichte des Alkoholikerpaars Virginia und Lacke. Die vielen Nebencharaktere, die alle ihr eigenes Bündel mit sich herumschleppen. Vieles davon ist interessant und hätte nach mehr verlangt, anderes ist zu weit ausgewalzt und lenkt ein wenig vom Hauptplot ab. Vielleicht ist mir der Roman deshalb manchmal etwas zäh vorgekommen.
Aber nun zum Film: Ich habe eine Weile überlegt, ob ich mir zuerst das Buch oder den Film vornehmen soll, habe mich dann für die altmodische Variante (Buch vor Film) entschieden. Und das war in diesem Fall ein klarer Fehler. Die Hauptpersonen wirken auf den ersten Blick fehlbesetzt: Aus dem übergewichtigen Oscar wird ein normalgewichtiger, wenn auch blasser, ungelenker Junge, der von seinen Klassenkameraden scheinbar zufällig zum Opfer erkoren wird. Elis Beziehung zu ihrem ‚Vater‘ wird in keinster Weise erläutert – eine der schwerwiegendsten Auslassungen des Films. Selbst als sich einer der Charaktere in einen Vampir verwandelt, wird das in ein paar kurzen Szenen abgehandelt. Es ist mir nach dem Lesen des Romans ein Rätsel, wie man als unwissender Zuschauer den Überblick über die inhaltlichen Zusammenhänge behalten soll. Sind die subtilen Andeutungen ausreichend, reimt man sich das als Zuschauer schon irgendwie zusammen? Das sind Dinge, die ich leider nicht beurteilen kann. Aber offene Fragen und Doppelldeutigkeiten können einen Film ja auch erst interessant machen.
Was ich dem Film allerdings übel nehme, ist, dass er vieles, was im Buch passiert, enorm entschärft. Von Pädophilie und Kindesmissbrauch keine Spur, die mobbenden Klassenkameraden wirken eher harmlos als sadistisch, und einige der klassischen Horrorszenen wurden gleich ganz weggelassen. Während ich auf die Splatterszenen noch gut verzichten konnte, hat mich die Verharmlosung der oben genannten Dinge doch sehr gestört. Ich kann zwar verstehen, dass man sich vor allem auf die Beziehung zwischen den zwei Hauptfiguren konzentrieren wollte (und aus zeitlichen Gründen auch musste), aber da geht schon vieles verloren.
Trotzdem gibt es auch Dinge, die der Film gut, wenn nicht besser macht als das Buch: Die Szenen, in denen Elis Vampirnatur durchscheint, sind erstklassig umgesetzt, gerade weil sie so subtil sind, dass man sich hinterher fragt, was man eigentlich gesehen hat. Über Elis Besetzung habe ich mich zu Beginn zwar auch ein wenig geärgert (sie wird im Buch als zuckersüße kleine Schönheit beschrieben), fand die Entscheidung für ein weniger püppchenhaftes Gesicht dann aber doch gut, weil die Schauspielerin das Andersartige gerade in den ‚Verwandlungsszenen‘ gut rüberbringt.
Überhaupt hat man in punkto Atmosphäre ins Schwarze getroffen. Die Trostlosigkeit der Neubausiedlung, die ebenso schlichten wie poetischen Schneebilder, das wunderschöne Filmscore – was das betrifft, kann man So finster die Nacht nur beglückwünschen. Ich bin in dieser Hinsicht schon gespannt auf das amerikanische Remake, kann mir aber nicht vorstellen, dass da nicht doch mehr Energie in Schockeffekte und CGI gesteckt wird, um das minderjährige Mainstream-Publikum bei Laune zu halten.
Fazit: Auch wenn sich das alles sehr kritisch anhört und ich im direkten Vergleich zwischen Buch und Film einiges auszusetzen finde, ist So finster die Nacht ein wirklich empfehlenswerter und atmosphärischer kleiner Film, der gerade auf Grund seiner leisen Töne nicht nur was für Genrefans ist. Statt Schockeffekten und Zähnefletschen erwartet den Zuschauer vor allem eine melancholische Freundschafts- und Liebesgeschichte und ein Coming-of-Age-Drama, das in diesem Sinne fast einzigartig ist. Vielleicht sollte man sich hinterher aber besonders als Horrorfan noch das Buch durchlesen, denn das ist wesentlich düsterer und abgründiger und klärt einige offenstehende Fragen, die im Film nicht behandelt werden.