Rund um den Kirchturm

Image„Wenn du so durch die Felder wanderst, siehst du hinter einem Hügel plötzlich die Spitze eines Kirchturms.“ Jeremias Coster, dubioser Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, räusperte sich. „Dann weißt du ohne nachzudenken…“

„… dass die Spitze nicht allein dort steht, sondern dass sich darunter eine Kirche befindet und sich ringsum ein Dorf schart. Vorausgesetzt, es ist nicht gerade in den Feldern versunken.“

„Donnerwetter! Du beendest meinen Satz, als würdest du Sekundenbruchteile in der Zukunft leben.“

.
„Entschuldigen Sie mein Vorpreschen, Professor. Aber ich hatte schon mal darüber nachgedacht. Die Kirchturmspitze genügt, und mein Kopf ergänzt den Rest – Kirche, Dorf und Pipapo.“

„Genau darauf will ich hinaus. Ein Großteil unserer Wahrnehmung funktioniert so: Ein Bruchstück reicht, und wir reagieren, als hätten wir das Ganze gesehen.“

„Manchmal genügt ein Hauch, und das Urteil steht längst.“

„Und die Geschwindigkeit ist unterschiedlich. Die Bedächtigen warten ab, die Voreiligen reagieren sofort – schnell, aber nicht immer genau. Was uns einst half, Gefahren früh zu erkennen, wirkt auch anderswo. Etwa bei der Partnerwahl: Ein Blick, ein Detail …“

„… und schon steht das Urteil. Allerdings kann man sich täuschen. Zum Beispiel, wenn sie eine Kirchturmspitze als Hut trägt. Sie erwarten ein Dorf, Professor – und finden nur die Frau.“

„Tuppes! Ich mag keine Hüte. Wenn sie mir trotzdem gefällt, arrangiere ich mich eine Weile. Aber auf Dauer wünschte ich mir eine ohne Kirchturm auf dem Kopf – eine, bei der schon der Anblick ihrer Armbeuge genügt.“

„Haben Sie das erlebt, Coster?“

„Manchmal. Aber meistens war’s eine mit einem täuschenden Hut.“

Besenwagen

ImageIn dem fremden Dorf in der Ebene hätte ich niemals so einen steilen Anstieg vermutet. Er tat sich auf, als wir den Dorfplatz überquert hatten und nach rechts in eine Gasse einbogen. Urplötzlich stieß die Gasse bolzengerade himmelwärts, gepflastert mit groben Kopfsteinen, und zwar mit einer starken Wölbung in der Mitte und zu den Seiten abfallend.
„Pardauz! Ein Kuriosum, das ich hier nicht erwartet hätte!“, rief Coster, unser Wanderführer. Das Kopfsteinpflaster schien wie der Panzer einer uralten Schildkröte. In ihrer Wölbung taten sich mörderisch breite Fugen auf, und ich bedauerte jeden Radfahrer, der diese Gasse würde befahren wollen.

Nachdem wir ein wenig himmelan gestiegen waren, wich die Bebauung zurück und es taten sich Felder auf. An einem hölzernen Masten am Wegesrand klebte ein Plakat, worauf in Frakturschrift stand, dass just an diesem Abend um 19 Uhr die Tour de France vorbeikommen würde. Ich geriet in Verzückung, stellte mir vor, wie das Peloton über dieses Kopfsteinpflaster hinwegfliegen würde, dachte an die verzerrten Gesichter ausgemergelter Männer, konnte aber bei meinen Weggefährten keine Begeisterung wecken. Einer von ihnen klagte über Unwohlsein; ihm sei schwindlig, sagte er, und das Steigen mache ihm zu schaffen. Je mehr die anderen auf ihn einredeten, desto mehr bestand er darauf, umzukehren. Schließlich entschied Coster, den Rückweg anzutreten.

Während ich noch unschlüssig erwog, mit den anderen zurückzugehen und den langen Weg zum Dorf gegen Abend nochmals zu unternehmen, mahnte Coster zum Aufbruch. Unvermittelt fand ich mich zurückgelassen in der Fremde. Unschlüssig stieg ich hinab zum Dorfplatz und sah keine Seele. Das Dorf wirkte wie ausgestorben. War ich etwa in eine Wüstung geraten, und niemand außer mir würde um 19 Uhr den Anstieg säumen, wenn die Tour über das Kopfsteinpflaster hoch stürmte? Auch fiel mir auf, dass 19 Uhr um diese Jahreszeit schon spät für ein Radrennen wäre. Man müsste in der Dämmerung fahren, was in beleuchteten Städten kein Problem ist, aber hier in dieser Einöde über eine Kopfsteinpflasterpassage? Und überhaupt, wurde die Tour nicht im Sommer ausgetragen? Wo war ich nur leichtfertig hineingeraten? War ich vorgesehen als einziger Zuschauer eines Geisterradrennens?

Ich sah mich in der Dämmerung einsam an der Strecke stehen und warten. Oben am Mast direkt über dem Plakat hing ein altertümlicher Lautsprecher. Aus dessen Trichter erscholl aus weiter Ferne die hohle Stimme eines Speakers und kündigte das sich nähernde Rennen an, dann zerriss ein Knattern die Abendstille, und drei, vier, fünf Gestalten auf Motorrädern wischten vorbei, eine Trillerpfeife schrillte, ein Auto kam hupend den Berg hinauf, ein zweites, dann wieder erwartungsvolle Stille. Urplötzlich quälte sich ein einsamer Ausreißer über das Kopfsteinpflaster hinan, und was ich als schmerzverzerrtes Gesicht wähnte zu erkennen, waren das nicht die gebleckten Zähne eines Totenschädels? Mir blieb kaum Zeit mich abzuwenden, da rauschte das Peleton heran. Ich spürte es mehr als ich sah. Ein eisiger Luftzug strich vorbei, zauste meine Haare und brachte meine Beinkleider zum Flattern. Ich hörte Schneuzen, unterdrückte Rufe, sausende Fahrradketten, sah nicht hin, denn hunderte Totenschädel wären zuviel für meine angespannten Nerven gewesen. Es hätte mich umgerissen, und dann wäre ich erwacht, wie sich blanke Schädel über mich beugten, um mich in den Besenwagen zu schleppen, der am Schluss jedes Rennens fährt.

Mal wieder im Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim

ImageFrau Nettesheim
Schreiben Sie mal wieder Neues, Trithemius?

Trithemius
Bald. Es war notwendig, eine Weile Sachen aus dem Archiv ins Fenster zu stellen, weil ich sonst mit meiner aktuellen Arbeit nicht vorangekommen wäre.

Frau Nettesheim
Sonst?

Trithemius
Es galt ja, das Blog trotzdem lebendig zu halten.

Frau Nettesheim
Was hat Sie derart beschäftig?

Trithemius
Die Neubearbeitung der Buchkultur im Abendrot. Die war dringend nötig, und ich hatte die Arbeit lange vor mir her geschoben.

Frau Nettesheim
Das Dringende war mir gar nicht präsent.

Trithemius
Weil nicht Ihr Herzblut im Buch steckt, Verehrteste. Als ich das Buch 2015 schrieb, war noch keine Rede von ChatGPT. Also musste ich den Abschnitt „Der digitale Poet“ um diesen Aspekt ergänzen. Dann hatte ich ja einen neuen Hinweis zum Frakturverbot durch die Nazis. Der musste eingepflegt werden. Ein Abschnitt über Hieroglyphik und Rebus ist hinzugekommen; ein weiterer über die Entmaterialisierung der Schrift. Das Kapitel „Der frei schwebende Autor knüpft dort an. Das letzte Kapitel ist Schreiben mit dem Smartphone gewidmet. Die umfangreiche kommentierte Bibliographie im vorletzten Abschnitt fehlte auch in der ersten Ausgabe. Sie weist auf, was ich mir bei der Sichtung des jeweiligen Werks notiert habe. Alle Texte wurden sorgfältig durchgesehen und im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen überarbeitet. Zudem findet sich neues oder neu zugeschnittenes Bildmaterial. Das Cover habe ich auch neu gestaltet.

Frau Nettesheim
Klingt nach viel Arbeit. Und das bei Ihrem Hang zur Prokrastination.

Trithemius
Was soll ich machen. Es läuft halt nicht jeden Tag gleich gut. Manchmal geht mir alles leicht von der Hand, und ziele ich auf meinen Papierkorb, gelingen mir Korbleger, manchmal bin ich so unfähig, da muss ich sogar Wörter wie Aufschieberitis nachschlagen.

Frau Nettesheim
Und? Trotzdem fündig geworden?

Trithemius
Sehen Sie doch, Sie Spötterin! Bin eigentlich schon im Februar fertig gewesen, aber musste noch Kleinigkeiten korrigieren und jeweils den Probedruck abwarten. Jetzt habe ich die Neubearbeitung veröffentlicht. Weil sie etwa 20 Seiten mehr hat als die Erstausgabe, habe ich mich zum Hardcover entschieden. Das ist zwar teurer, aber dafür lässt sich ein gebundenes Buch besser aufblättern und sieht wertiger aus. Einheit von Form, Inhalt und Preis.

ImageJules van der Ley
Buchkultur im Abendrot,
erweiterte Neuausgabe
Hardcover, 312 Seiten,
Hannover/Berlin 2026
29,95 Euro
ISBN: 978-3-565324-31-6

(Präsentation durch Handmodell via ChatGPT,
größer: Klicken!)

„Wer zwei paar Hosen hat, mache eine zu Geld und kaufe dieses Buch!“
(Georg Christoph Lichtenberg)

Image

Fragment des Entlegenen| 2026 | No. 65/365

D A S . K O N Z E P T . D E R . S O Z I A L E N . E N E R G I E
Image
Herr Eins lebt in A, Herr Zwei lebt in C, beide arbeiten in B.

Beide fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit. Treffen wir Eins und Zwei an ihrem Arbeitsplatz in B, dann unterscheiden sie sich in einem wesentlichen Punkt, den wir ihnen nicht ansehen:
Eins hat am Morgen eine Steigung bewältigt. Er hat also ein Energieguthaben. während Zwei eine Abfahrt gefahren ist und Somit eine Energieschuld hat. Am Abend profitiert Eins von seinem Energie-Guthaben und fährt ohne Kraftaufwand nach Hause, Zwei löst auf dem Heimweg seine Energiesehuld ein und fährt bergauf. Sollten sie sich eines Tages entscheiden, auf immer am Ort B zu bleiben, verlieren sich Guthaben und Schuld scheinbar, woran wir erkennen, dass Schuld und Guthaben zwar physikalisch begründet sind, jedoch nur durch die soziale Komponente wirksam wenden.
Energieschuld und Energieguthaben sind vererbbar. Wenn unsere Vorfahren z.B. in C leben, erben wir von ihnen das Guthaben, das uns per Fahrrad z.B. ohne eigenen Kraftaufwand von C nach A bringen kann. Wollen wir nach C zurück, müssen wir durch eigene Leistung das ererbte soziale Potential wieder auffüllen. Hieraus ergibt sich, dass Menschen um so mehr ererbte soziale Energie haben, je höher sie wohnen. Wenn eine Mutter ihr Kind auf der Spitze eines Berges zur Welt bringt, so gibt sie ihm ein hohes Energiepotential mit, das Resultat der Arbeitsleistung aller Vorfahren ist, die sich vom Ufer des Meeres bis zum Gipfel des Berges hochgearbeitet haben.

Aus dem Off – Das Abenteuer meiner Schwiegermutter

ImageAuf dem Land hielt sich noch lange die Vorstellung, dass die Leute im übernächsten Dorf nichts zu essen hätten, also Not leiden müssten. Dem liegt vielleicht eine uralte Vorstellung zugrunde, dass über dem Ausland kein Segen liegt. Das Wort Elend stammt vom althochdeutschen „elilenti“ ab, was ursprünglich fremdes Land, Ausland meinte.

Meine Schwiegermutter lebte auf dem Dorf und besuchte uns in den 1970-er Jahren erstmals in Aachen. Nach allem, was sie sagte, bewahrte sie treulich die uralte Vorstellung, dass die Menschen im Ausland im Elend leben. Sie war nicht vom Gegenteil zu überzeugen gewesen, bis ich sie einmal in den falschen Zug gesetzt und versehentlich ins Ausland verschickt habe. Der D-Zug fuhr statt nach Köln nach Brüssel. Es war keine böse Absicht gewesen. Wir waren zu spät am Bahnhof angekommen, und ich war froh gewesen, dass der Zug noch dastand. Freilich entpuppte der sich nach dem Anrollen als der Zug in Gegenrichtung und riss zu meinem Entsetzen die gute Schwiegermutter nach Belgien davon.

Um sie vor einer langen, schrecklichen Fahrt ins tiefe Elend zu bewahren, rief ich von der Aachener Bahnhofsmission im wallonischen Bahnhof Welkenraedt an, dem ersten Bahnhof hinter der Grenze. Man verstand das Problem, denn in Welkenraedt wurde einst Deutsch gesprochen. In Welkenraedt wurde der Zug eigens für meine Schwiegermutter angehalten, und Beamte der königlich belgischen Eisenbahnen holten sie aus dem Waggon. Meine Schwiegermutter sollte sich noch Jahre tief beeindruckt zeigen: erstens von den prächtigen Uniformen belgischer Bahnbeamter, dann von der sprachlichen Eleganz und ausgesuchten Höflichkeit. Sie redeten meine Schwiegermutter nämlich an mit: „Madame in Schwarz“ (sie trug damals Trauerkleidung).

Madame in Schwarz wollte natürlich ein Andenken an ihre Irrfahrt. In der Bahnhofshalle von Welkenraedt hing ein verstaubter Schaukasten mit belgischen Biergläsern. „Madame“ gab nicht eher Ruhe, bis einer der Bahnbeamten den Schlüssel für den Schaukasten besorgte und ihr ein Bierglas übergab, wofür er sich selbstverständlich weigerte, Geld anzunehmen. Diese generöse Tat war allerdings mit langer Wartezeit auf den Vitrinenschlüssel verbunden gewesen. Es handelte sich bei der Vitrinenöffnung schließlich um einen Verwaltungsakt der staatlichen belgischen Eisenbahngesellschaft. Da müssen Formulare in allen drei belgischen Amtssprachen ausgefüllt werden, und es ist die Genehmigung von höherer Stelle erforderlich, dass der belgische König die Dokumente zur Übergabe eines verstaubten Bierglases aus dem Bahnhof Welkenraedt an eine deutsche Madame in Schwarz nicht siegeln muss.

Dank der beherzten Entscheidung des Bahnvorstands, den belgischen König außen vor zu lassen, konnten die Welkenraedter Bahnbeamten meine Schwiegermutter und ihr Andenken rechtzeitig und würdevoll zum Gegenzug nach Köln geleiten. Das war wiederum ein D-Zug, der eigentlich bis Aachen hätte durchrauschen müssen. Man hat ihn eigens für meine Schwiegermutter in Welkenraedt angehalten und sie stilvoll hineinkomplimentiert.

Das alles war für meine Schwiegermutter der Beweis, dass Ausland nicht gleich Elend sein muss. Es geht doch nichts über eigene Anschauung. Sie erst erweitert den Horizont.