
auf dem Weg ins Büro

auf dem Weg ins Büro
In meinem Herzen ist es schon lange eng. Liebe und Freiheit entgleiten mir. Ängste schleichen sich in mein Bewusstsein… wie Ungeziefer, wie tausend Kobolde, die mich ärgern.
Der Winter hält mit ein paar Schneeflocken Einzug in Berlin. Die Reichen und Schönen präsentieren sich auf der Berlinale. Sie sonnen sich im Blitzlichtgewitter. Ich bin ein müder Wanderer durch die Tage. Ich verliere mein Lebenselexier… Die Zellenwände rücken näher und näher – es schnürt mir den Atem ab.
Ich träume von einem sorgenlosen Leben. Es gibt kaum noch positive Perspektiven. Das Positivste sind ein leerer Briefkasten und arbeitsfreie Tage. Hoffentlich wird es im Himmel besser sein. Hoffentlich gibt es im Himmel keine Steuerbescheide. Hoffentlich gibt es im Himmel keine Politiker, keine Grenzen, keine Arschlöcher mit Waffen…
Alle Ängste sollen sich verdammt noch mal für immer verpissen.
Der Winter ist dort, wo er hingehört. Am 1. Advent. Im Dezember. Ein Lichtlein brennt. Ich mag es, wenn die Natur das Geschwätz der Menschen ignoriert und einfach ihr Ding macht.
Ein paar Zentimeter würde ich mehr wünschen. Hier in der Stadt braucht es schon ordentlich viel Schnee, um den Dreck und das Grau zu übertünchen. Am liebsten wäre mir, wenn alle parkenden Autos zugeschneit wären, und die Räumfahrzeuge nicht mehr hinterherkämen mit dem Räumen der Straßen. Und die Klimakleber müssten sich nicht mehr festkleben, sondern sie würden auf den Straßen festfrieren. Aber okay, das wird nicht passieren…
Ich sitze am Schreibtisch umhüllt von einer Kuscheldecke. Die Heizung drehe ich nicht auf. Laut Zimmerthermometer sind es noch 19°C. Die Heizungsrohre liegen über Putz und strahlen normalerweise genug Wärme in die Räume ab, so dass ich die letzten Winter kaum heizte. Sowieso bin ich nicht der Verfrorenste. Es ist halt eine Umstellung, wieder mit mehr Schichten Klamotten die Tage zu begehen. Wie jedes Jahr. Nach ein paar Jahrzehnten sollte man sich daran gewöhnt haben. Als Kind war ich in den Schnee verliebt. Wenn ich morgens aufwachte und blickte in eine weiße Winterlandschaft, war das für mich ein Wunder. Ich freute mich, als hätte ich Geburtstag und konnte es nicht erwarten, hinaus in den Schnee zu gehen. Auch heute kann ich mich der Faszination der weißen Pracht nicht entziehen. Aber die Schneeabenteuer wurden viel seltener… Es ist nicht mehr dasselbe schöne Weiß. Das Märchen stirbt im Dreck der Städte und Straßen. Jeden Tag, jede Stunde werden wir Menschen seelenloser… Kälter als die Kälte im Winter ist unsere Seelenlosigkeit.

zumindest ein wenig, Montagmorgen
Myriaden winziger Schneeflocken tanzen gen Boden. Die Blätter der Stadtbäume, die auf dem Pflaster darniederliegen wie verzuckert. Inseln des schmutziggrauen Pflasters sind weiß. Auch auf dem kalten Blech der parkenden Autos sammelt sich etwas Schnee. Das harte Realitätsgemälde verliert an Kontur, aber nur leicht. Zum Winterzauber reicht es nicht.
Die Fenster geschlossen vor dem unwirtlichen Draußen, die Augen offen vor dem Bildschirm des Computers suche ich nach Verknüpfungen. Der Schlaf ist noch nicht lange her, das Dunkel noch nicht lange dem Tageslicht gewichen. Ein diffuses Licht füllt den Stadtraum. Die Quelle versteckt sich am Himmel hinter einer Gardine aus Wolken und Dunst. Die Stadt schrumpft zur Spielzeuglandschaft. Über den Dächern taucht ein riesenhaftes Kindergesicht auf und blickt mit staunenden Kulleraugen auf uns herab.
Hand in Hand gehen Vater und Sohn durch eine Ausstellung von Miniaturwelten.
„Papa, er hat mich angeschaut“, sagt der kleine Mann.
„Wer?“ fragt der Vater stirnrunzelnd.
„Ein Mann in einem Haus.“
„Das sind nur Figuren.“
Der kleine Mann macht einen Ausfallschritt nach vorne und ruft: „Aber es war wie echt! Echt wie echt!“
Der Vater lacht.

Das Leben der Menschen auf der Erde bedeutete Knechtschaft, nachdem die Menschen das freie Leben in der Natur aufgegeben hatten und sich „zivilisierten“… Wie kam es dazu, dass wir uns zur Sesshaftigkeit entschieden? Wie kam es dazu, dass wir uns nach und nach von der Natur entfremdeten? Mussten wir notwendigerweise an den zivilisatorischen Punkt gelangen, an dem wir heute stehen? Wann begann die Misere der Kriege? Wie wurden wir uns selbst zu Feinden?
Das Rad der Menschheitsgeschichte kann niemand zurückdrehen. Wir wurden zu Abhängigen eines Systems, das wir selbst entwickelten. Wir machten uns die Erde untertan mit all seinen Geschöpfen. Wir schufen eine Hierarchie losgelöst von der Natur. Wir knechten unsere eigenen Artgenossen. Wir verwechseln Macht mit Freiheit. Wir propagieren Menschlichkeit, handeln jedoch unmenschlich.
Wer sind wir? Woher kommen wir? (Wohin gehen wir?) Was machte uns zu den Monstern, die wir (aktuell) sind?
…
Ich gönne mir ein verlängertes. Einmal mehr schlafen gehen ohne eine achtstündige fremdbestimmte Verpflichtung am nächsten Tag. Es war mal wieder so weit, und ich nahm mir diese kleine Freiheit. Auch wenn dabei ein kostbarer Urlaubstag flöten geht. Scheiß drauf!
Soll ja fast frühlingshaft werden die nächsten Tage. Der Schnee der letzten Woche floss bereits fast vollständig in die Gullys. Nur wenige dreckige Inseln erinnern noch an das weiße Wunder.
Die Zeit vergewaltigt sowieso alles. In ihrem warmen Arsch stecken wir fest, bis von uns nichts mehr übrig ist… und wir alle im Gully sind.
Mit Sonne, Schnee und Matschbirne ins Wochenende. Der Rollladen auf Halbmast. Zu viel Licht am frühen Morgen. Sieht so aus, als hätte ich einen toten Punkt erreicht. Es gibt Menschen, die sich mit Putzen und anderen Hausarbeiten ablenken können… Ich dagegen schaue Löcher in die Luft – Löcher in die Raumzeit… Löcher und Tunnel sind faszinierende Gebilde. Als Kind spielte ich viel im Sand. Ich schob den feuchten Sand zu einem großen Haufen zusammen, klopfte ihn mit Hand und Schaufel fest und machte mich ans Tunnelgraben, bis der Sandhaufen irgendwann wie ein Schweizer Käse aussah. Es war eine spannende Sache, wenn man aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander zu buddelte…, und schließlich die letzte Sandbarriere zwischen den Löchern einbrach, unsere Finger sich berührten. Manchmal fiel dabei leider die ganze Sandburg in sich zusammen – ein Bild, das sich mir auch metaphorisch tief einprägte in Hinsicht auf das „Buddeln/Graben“ nach Erkenntnis und Wahrheit: Kaum war ich zum „Licht der Erkenntnis“ durchgebrochen, fiel alles in sich zusammen. Ich erhaschte nur einen minimal kurzen Blick auf die „andere Seite“… Immerhin – das Suchen bzw. Graben nach der „Wahrheit“ ließ mich nie los – und wenn ich nur Löcher in die Luft gucke.
Das El Dorado liegt nicht in der Außenwelt, es ist in uns selbst vergraben. Sisyphos rollt ewig Steine den Berg hoch, und ich werde ewig Löcher buddeln. So oder ähnlich. Auch wenn es Tage gibt, an denen ich mich unglaublich leer und matschig fühle…
Nicht so viel Pathos, old boy, am Ende glaubst du noch, was du da zusammenfabulierst. Greife dir ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank und denke an die hübsche Kassiererin im Supermarkt. Hat sie nicht ein bezauberndes Lächeln? … Ja, und auch sonst… Du wolltest doch heute einkaufen, oder nicht? … Dann setze halt die Sonnenbrille auf, wenn dich das Licht blendet. Mann o Mann! Mach hinne!
1 Tag pro Woche ist erlaubt. Will man öfter ins Büro kommen, muss man das vor der Chefin explizit begründen. Wir waren zu sechst. Wenn alle kommen, sind wir ca. 30.
Ich genoss die Begrüßung am Morgen und die Gespräche mit den Kolleginnen, die da waren. Nach ein paar Stunden kam die Sonne raus. In meiner Mittagspause marschierte ich um den Block. Auf der Sonnenseite schmolz der Schnee.
Zum Feierabend war die Sonne weg. Die Wege vereist. Ebenso mein Fahrrad, das ich im Hof abgestellt hatte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als es zu schieben.
Ich traf Necip, den Wirt der Kupferkanne, auf dem Heimweg. Fast erkannte ich ihn nicht, wie er in dicker Winterjacke und mit Mütze daherkam. Wir beklagten, dass die Politik beschlossen hatte, den Lockdown zu verlängern. Wenigstens waren wir bisher gesund geblieben. Schmerzlich wurde mir bewusst, wie sehr ich die Kneipen vermisse: die menschliche Wärme und Nähe, die kleinen/kurzen „Aufsteller“, maskenlose lachende Gesichter…
In meinem Briefkasten fand ich einen Brief von der „Bundesregierung“. Darin 2 Berechtigungsscheine für jeweils 6 Schutzmasken, die ich mir in der Apotheke abholen kann. 2 Euro Eigenanteil pro Berechtigungsschein. Warum sie das in zwei Zeiträume splitteten – keine Ahnung.
Ich packte meinen kleinen Einkauf aus, während mein Fahrrad im Wohnungsflur auftaute. Danach fläzte ich mich mit einem Bier auf die Couch und schaltete die Glotze an… einfach damit etwas lief.

