Momentaufnahmen
November 21, 2025 § 7 Kommentare
… in der U-Bahn, im Wartezimmer, in der Kantine…



























Mir wird immer klarer, dass das Wichtigste beim Zeichnen das Weglassen ist. Sich schnell und knapp auf das Wesentliche konzentrieren. Die Vollständigkeit stellt nachher der Betrachter her. Gehirne in Menschen wollen denken, mitdenken, und sich nicht alles vorschreiben lassen. Je mehr Luft da ist, desto angenehmer das Betrachten. Scheint mir. Dabei gibt es andererseits den horror vacui. Die Angst vor der Leere, dem Nichts. Dem unausweichlichen Aufhörens alles Seins. Da hängt man sich gerne an etwas. Tröstet sich mit Vollmundigem, Prallem. Mit ausdifferenzierten Dingwelten und opulent Stofflichem. Bei mir fängts ja damit an, dass ich gerne auf etwas zeichne. Anderen den Vortritt lasse. Bedruckten Kalenderblättern, Schmierpapier, makulierten Büchern. Wie einstmals Kapellmeister Kreisler, dessen Biografie sich nur auf versehentlich in einen Roman hineingelangten Makulaturblättern überlieferte. So jedenfalls E. T. A. Hoffmanns Überlieferung. In sich versunkene Menschen, auf abgelaufene Taschenkalenderseiten gepinnt und der Zeit entrissen. Und jetzt ins Netz geworfen, das nichts vergisst. Alles dreht sich.
Ein-Drückliche Musik
November 1, 2024 § Hinterlasse einen Kommentar

Nach dem fulminanten Abend in der Berliner Philharmonie an dieser Stelle ein weiteres Bild zum Thema Klavier. Wie visualisiere ich Klaviermusik? Eine abgebildete Pianistin am Instrument zeigt den Vorgang, aber weckt es innere Klangvorstellungen? Bei Synästhetikern schwappt Gesehenes ja schon mal ins Klangliche über, werden Töne zu Farben. Da schafft das Gehirn wohl keine Ordnung und schmeißt Empfindung auf die freie Wildbahn der Sinne ohne sich um Zuständigkeiten zu kümmern. Romantiker wie E. T. A. Hoffmann haben daraus dichterische Funken geschlagen, da taugt ein Klang gar zur Mordwaffe (Hoffmann berichtet über den sagenumwobenen Kapellmeister Kreisler, er habe sich am Ende eines rastlosen Lebens mit einer übermäßigen Quinte erdolcht). Die beiden Pianisten des vorgestrigen Abends agierten auch körperlich eindrucksvoll, freilich augenscheinlich nicht um eines Effektes willen, sondern weil Klavierspielen Körperarbeit ist, weil der Ausdruckswille das Tal der Materie durchschreiten muss um sich am anderen Ende wieder klanglich beseelt zu entmaterialisieren. Im Bild ist die Bewegung dann eingefroren, so wie auch der Klang letztlich in der Erinnerung alles Zeitliche abwirft und ein Ein-Druck bleibt.
Aus meinem Bücherregal. Erste Sätze (I)
Dezember 10, 2018 § 7 Kommentare
Die meisten Texte beginnen mit dem ersten Satz. Denn, wie Ludwig Wittgenstein so treffend feststellte, „Man kann eben nicht vor dem Anfang anfangen.“ Der berühmte erste Satz also. Nicht immer jedoch ist die Sache so eindeutig. Dem eigentlichen Text vorangestellt ist mitunter ein Vorwort, eine Vorrede o. ä. Und nehmen wir den Fall der „Lebensansichten des Katers Murr“ von E. T. A. Hoffmann, so sind wir bereits beim „Vorwort des Herausgebers“ mitten im Geschehen, denn hier wird erklärt, warum sich in den Text des Katers ein ganz anderer Text hineingeschlichen hat, nämlich die Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler. Auch die meisten Musikstücke beginnen mit dem ersten Ton. Jedoch: John Cages berühmtes Stück 4’33“ beispielsweise enthält überhaupt keinen einzigen Ton, wie kann es da überhaupt beginnen? Wir sind also schon nach wenigen Sätzen bei der grundlegenden Erkenntnis angelangt: was einfach scheint ist kompliziert. Stets. Dabei war noch keine Rede vom ersten Pinselstrich, der ersten Linie. Macht aber nix, denn was hier beginnt, sind in loser Folge Zeichnungen zu ersten Sätzen. Ich entnehme sie Büchern meines Bücherregals.

Josef K. träumte: Es war ein schöner Tag und K. wollte spazieren gehen. Kaum aber hatte er zwei Schritte gemacht, war er schon auf dem Friedhof.
(Franz Kafka, Ein Traum)