Ein Spiel
November 24, 2024 § Hinterlasse einen Kommentar
Zwischen den gesellschaftlich geächteten Polen Exhibitionismus und Voyeurismus finden sich sämtliche Formen spielerisch-künstlerischen Umgangs miteinander. In der anbendländischen Kultur gibt es seit jeher geschütze Räume zum dezenten Ausleben persönlicher Bedürfnisse in die ein oder andere Richtung. Galerien und Museen, in früheren Zeiten private oder semiprivate Kabinette, bieten Raum zum ungestörten Betrachten der menschlichen Figur, sei es anonym oder personenbezogen. Auf der anderen Seite zeigen sich Modelle, Privatpersonen, Potentaten, Kaufleute etc. in Form einer beim Künstler bestellten Repräsentation. Hier freilich bestimmte bis vor kurzem (geschichtlich betrachtet) ein eklatantes Ungleichgewicht das Spiel. Künstler, so sie denn eine gewisse Stellung am Markt und in der Kunstszene erlangt hatten, bedienten die volle Palette zwischen Umsetzung der Auftraggebererwartung einerseits und bedingungsloser Verwirklichung des eigenen Egos, gegebenenfalls unter Brüskierung des Auftraggeberwillens. Und Männer, als das dominierende Geschlecht, beuteten Frauen hemmungslos aus zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse nach Macht, Selbstinszenierung und Geilheit auf das andere Geschlecht. Die Produzenten entsprechender Bilder fanden für ihre künstlerischen Zwecke aufgrund sozialer Schieflage zu jeder Zeit Objekte. Ihre Modelle rekrutierten sie aus einfachen, abhängigen Bevölkerungsschichten, als Personen blieben diese selbstverständlich – mit wenigen Ausnahmen – anonym. Gottseidank leben wir nun in einer Zeit, in der diese Abhängigkeiten und Ungerechtigkeiten thematisiert und bezogen auf ihre geschichtlich-kulturellen Hintergründe erforscht werden (Genderforschung, Kolonialismusforschung etc.) Die Plattform Imstagram gibt allen Bedürfnissen zwischen sehen und gesehen werden Raum. Viele Freizeitmodelle zeigen und pobieren sich aus, suchen teils die Interaktion mit Personen, die bildnerisch unterwegs sind und ihrerseits die Früchte ihres Tuns zeigen. Ein demokratischer, offener Raum, ansatzweise moderiert mit Hilfe von Bilderkennungsprogrammen zur Einhegung unerwünschter Darstellungen. Das klappt nicht immer zur Zufriedenheit aller, scheint mir aber auch ein diffizieler Balanceakt zwischen Freiheit und Gängelung vor dem Hintergrund weltweit unterschiedlichster Kulturen.
Eine kleine Auswahl aktueller Aquarelle, alle inspiriert durch Menschen, die sich auf der Instagram-Plattform zeigen.










Immer der Linie nach, absichtslos oberflächlich
Januar 3, 2024 § 4 Kommentare











Gefragt, wo wir hingehen, pflegte mein Vater zu sagen: Immer der Nase nach. Als Kind fand ich das unbefriedigend und nahm es als durch Launigkeit nur schwach getarnte Machtdemonstration wahr. Im Grunde weiß ich auch heute nicht immer genau, wo mich der Stift, den ich übers Papier spazieren führe, wie Klee das nannte, absetzt. Immer der Vorlage nach, die meist ein fotografisches Abbild auf Papier oder einem Bildschirm besteht. Seltener aus sich hoffentlich unbeobachtet fühlenden Menschen, noch seltener aus eigens zu diesem Zweck positionierten und still haltenden Menschen. Man kommt in Kontakt mit ihnen, ohne sie zu kennen, und beschäftigt sich oberflächlich. Das tut gut. Ob ich nun mit dem Auge einen sinnlichen Reiz abtaste, oder mit dem Stift, ist kein allzu großer Unterschied. Hauptsache sie vertragen sich – Hand und Auge, zumal ja noch ein Drittes ins Spiel kommt, das Ich. Was auch immer das sein mag. Das Meditative am Zeichnen ist jedenfalls, letzteres mal weitgehend aus dem Spiel zu nehmen. Absichtslos oberflächig, das ist es.
Chaim Soutine
Juni 5, 2014 § 2 Kommentare
Einer dieser Maler, dessen Bilder mich nachhaltig faszinieren, ist Chaim Soutine. Gemeinhin getaggt unter „Französischer Expressionist“, schafft er es, der Farbe Richtung und Dynamik einzuverleiben. Bemerkenswert für mich: gleich ob er Bäume, Menschen, Tierkadaver oder Landschaften malt – das Bild fungiert stets als Spiegel der Seele eines Menschen, der für seine Malerei brannte, und dessen Gegenwart wahrscheinlich (!) schwer auszuhalten war. Und auch hier begegnet mir wieder die Missbrauchsthematik: Er benutzte sie alle gleichermaßen für seine Kunst: Kinder, Frauen, Männer, Tiere, Bäume – ohne ihnen im empathischen Sinne gerecht zu werden, oder auch nur den Versuch zu machen, ihnen Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen. Es bleiben Meisterwerke der Kunst – und Schicksale, von denen wir so gut wie nichts mehr wissen…
Da das Porträt gerade mein Thema ist, habe ich mir zwei seiner Bilder vorgenommen und versucht, den Schwingungen seiner Pinselführung nachzuspüren. Die Farbe habe ich erstmal weggelassen. Man soll sich schließlich nicht überheben…
Zeichnen nach dem lebenden Modell oder einer Fotografie?
November 26, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Künstler arbeiten nach Modellen – denkt man so als Laie – stimmt auch oft, aber keineswegs immer, denn als wache, neugierige Zeitgenossen nutzen Künstler stets die aktuell verfügbare Technik. Optische Hilfsmittel (camera obscura etc.), Fotografie, Computer. Freilich gabs immer einen Ruf zu verteidigen, und spätestens seit der Renaissance galt der Künstler nur, wenn er als frei aus sich heraus schaffendes Genie vor sein Publikum trat. Zum jeweiligen Stand der Technik verhielt man sich öffentlich also lieber reserviert. Den Dilettanten kümmert als dies nicht, er bekennt frei, das Zeichnen mittels Fotografien zu üben und schätzt deren ungemein ausdauerndes Stillhaltevermögen. Den Nachteil, einen eigenen Stil entwickeln zu müssen um der Falle sklavischen „Klebens“ am Original zu entgehen, nimmt er gern in Kauf. Und moralische Skrupel, von künstlerischer Leistung anderer zu profitiern, hält er aus. So auch im Falle des sehr schönen Bildbandes „Stille Zwiesprache. Bildnisse Von Deutschen“ von Derek Bennett. Hier meine Ergebnisse:









