En-détail
April 12, 2024 § 2 Kommentare

Entgegen anders lautender Gerüchte steckt im Detail nicht der Teufel, sondern der liebe Gott. Anita Albus leitet passend hierzu eine ihrer Erzählungen mit einem Zitat Vladimir Nabokovs ein: „detail is always welcome“. So sehe ich es auch. Nicht immer zur Ergötzung meiner Zeitgenossen, denen meine notorisch ausgeprägte Diskutierfreude gelegentlich gewaltig auf den Senkel geht. Ich hake gerne nach, wo andere in der Unterhaltung längst zwei Themen weiter sind, und möchte Genaueres wissen, wann immer die Untiefen strittiger Themen im fortschreitenden Diskurs bereits ausgelotet scheinen. Nicht verhehlen möchte ich auch, dass ich gelegentlich Gefallen an der Rolle des advocatus diabolus finde, immer auf der Suche nach dem Haar in der Suppe, das andere um des lieben Friedens willen gern übersehen. Mit Fritz Teufel (nomen es omen) und ihn zugleich verdrehend möchte ich dann ausrufen: „wenn’s aber doch der Wahrheitsfindung dient!“ Zweifellos legte meine Familie hier den Grundstein. Väterlicherseits jedenfalls. Mein Vater war ein mit Worten erbittert für das Gute, insbesondere das Soziale streitender Mensch. In einem Alter, in dem ich glaubte, genügend intellektuelles und moralisches Rüstzeug erlangt zu haben, um mich in die Themen einzubringen, war er allerdings bereits ein Stück weit vom Ursprungsgedanken seines Gerechtigkeitssinns ab- und in Richtung gesellschaftlicher Mitte/Mitterechts hinübergerückt. Das ergab hinreichend Stoff für erhitzte Diskussionen und zeittypische Reizthemen wie Kommunismus, Anarchie, Außerparlamentarische Opposition, Radikalenerlass, Atomkraft, Grundgesetzboden undsoweiterundsofort. Mir empfahl er, einmal mit dem Kamm mein dichtes Haar zu durchforsten, bevor ich mich zum Symphoniekonzert ins Hessischen Staatstheater auf den Weg machte. Er selber freilich scheute sich nicht, zum dunklen Anzug hellbeige Schuhe zu tragen, ein Stilbruch, den ich erst dann als zulässig anerkannt hätte, wäre er sich dessen überhaupt bewusst gewesen. Aber das nur am Rande… Summa summarum: Genießen wir schöne Oberflächen, aber tauchen wir gelegentlich auch in die Tiefe – Untiefen vermeidend! – und entdecken die faszinierende Verästelungen der menschliche Psyche im Widerschein einer unendlich ausdifferenzierten Objektwelt…
(Foto: „Urbanes Gewässer“ am Marlene-Dietrich-Platz gestern Nachmittag. Das von der gläsernen Hochhausfassade gebrochene und im Wellenspiel des aufgewühlten Wassers funkelnde Sonnenlicht zauberte einen jener magischen Momente, wie sie sich durch die zufällige Begegnung unterschiedlichster Phänomene ergeben.
Ein paar Überlegungen, auf der nach oben offenen Richterskala
Dezember 16, 2023 § Hinterlasse einen Kommentar

Die vielen großen Themen derzeit, Eskalation von Konflikten die sogleich den Keim für die von Morgen bilden. Israels verzweifelter Kampf um Existenz, in seinen Mitteln zugleich die Saat für die nächste Eskalationsstufe. Man sieht die stets gleichen Grundpfeiler menschlicher Konflikte – Behauptung und Expansion – aber mit kontinuierlich wachsendem Potential an Mitteln. Dieser ikonische Moment, wo zu Beginn von Kubricks Odyssee im Weltraum der Mensch die Keule bekommt. Jetzt hat er nicht nur die Bombe, er hat intelligente Automatisierungstechniken und ein ganzes Arsenal superschlauer Tricks auf Lager. Eben ein Erfolgsmodell in alle Richtungen nur ohne Bereitschaft, sich der Moral unterzuordnen. Bei uns sitzen die Verfassungsfeinde nicht mehr nur links und rechts außen, sie sitzen in unserer Mitte ganz oben, im Zentrum der Regierung. Und senden Signale aus, die übliche Steuerteicksereien ganz offiziel in den Kanon cleveren Vorsorgehandelns aufnehmen. Ein Schelm, wer da morgen nicht gewußt haben will, wie „über Nacht“ aus einer funktionierenden Demokratie ein Auslaufmodell wird, gefüttert von bräsigen Verschwörungstheorien. Ehrlicherweise müsste sich die Ampelkoalition ein Schild umhängen „geil gemacht, aber bitte nicht nachmachen“. Ich spiele aber auch weiter leidenschaftlich gern Klavier, und da sind die interessanten Erfahrungen, von Mensch zu Apparat, von Motorik zu Intellekt, von Körperempfinden zu Klang, von Taste zu Wirkung, von Fehlerbeharrlichkeit zu Fehlerkultur. Schrieb doch Jürgen Kaube dieser Tage so überaus erhellend in der FAZ anlässlich der PISA-Ergebnisse zur Schulmisere und Desideraten zur Lehrerausbildung „Insbesondere die Fähigkeit, mit Fehlern der Schüler etwas anfangen zu können und sie nicht bloß als Irrtümer abzuhaken, erscheint zentral. Ein Unterricht ohne beiderseitiges Vergnügen an Schwierigkeiten ist sinnlos.“ So ist das, und jeder mit eigenen Erinnerungen an Unterrichtserlebnisse wird das bestätigen können. Gilt auch für mich am Klavier. Da lerne ich am meisten in der Beschäftigung mit den Fehlern und mache überaus interessante Beobachtungen. Warum, zum Beispiel, kommt die linke Hand der rechten „zu Hilfe“, wenn mein Üben den Fehler der rechten beheben möchte und dies gelingt? Fließt nämlich die Passage rechts ganz munter, kommt plötzlich ein Fehler von links daher, den diese Hand an dieser Stelle so noch nie gemacht hat. Mir scheint also, der Fehler an sich ist ein Ding, das sich erstmal behauptet. Schafft man seine Eliminierung an der einen Stelle, taucht er sogleich an anderer wieder auf. Ein derartiges, vielleicht physikalisch beschreibbares – Phänomen begegnet mir übrigens auch im Gesundheitsbereich. Eine sagen wir mal allergische Reaktion auf der Stirn lässt sich zunächst durch Befolgen kluger Anweisungen eines Arztes unterdrücken, macht sich aber mit Verzögerung an anderer Stelle bemerkbar. Folgt üblicherweise eine Erhöhung der Dosis… aber ich schweife ab und zurück zum Klavier. Mir scheint, alles was da ist in der Welt, hat ein Beharrungsvermögen, ein Trägheitsmoment, wenn man so will. Der Fehler an sich aber nicht nur in dem Sinne, dass, hat er einmal gemütlich Platz genommen aus seiner leicht übergriffigen Haltung heraus, er sich nur nach wiederholter Aufforderung wieder vertreiben lässt. Er nimmt einfach schnurstracks den nächst freien Platz um sich erneut niederzulassen, anstatt sich in Luft aufzulösen. Nun ja, der Schlüssel liegt sicher wie immer in der – höflichen! – Beharrung des Anliegens.
(Foto: aus der Serie headover)
Die Spur des Denkers
Dezember 20, 2018 § 7 Kommentare

Denken wird überschätzt. Zwar ist der Verstand das mächtigste Instrument, das dem Menschen zur Durchsetzung seiner Ziele zur Verfügung steht. Aber man kann damit alles anstellen. Die Atombombe erfinden, oder ein funktionierendes Konzept gegen den Welthunger. Die möglichst effiziente Ermordung sämtlicher Juden Europas konzipieren, oder eine Wirtschaftsform entwickeln, die alle Erdbewohner auf gerechte Weise am allgemeinen Wohlstand teilhaben lässt. Und so weiter. Es ist auch nicht die viel beschworene allgemeine Dummheit an allem Schuld, sondern mangelnde Empathie. Nur mal so am Rande bemerkt.