Doxxing oder Deepfakes

habe ich nie erlebt, aber eine Begebenheit in diesem Internet hat mir doch zu denken gegeben.

Es ist schon lange her, es passierte damals, als Twitter noch meistens nett war. Ich hatte aus purem Jux ein Foto gepostet und als bayerisch-andalusische Fusion bezeichnet. Es zeigte mich in einem gepunkteten Sommerkleid, das ein bisschen nach Flamenco aussah und mit einem Fransentuch, das ich auf einem Trachtenmarkt im Landkreis Miesbach gekauft hatte. Mein Gesicht war nicht zu sehen, nur die sehr durchschnittliche Figur einer sehr durchschnittlichen Person im Kleid. Ich habe das Foto nicht mehr, aber ich wage zu behaupten, dass ich darauf nicht ganz schlecht aussah. Ich folgte damals wenigen Menschen und wenige folgten mir, aber irgendwie geriet das Bild an eine Männerclique, die sich bemüßigt sah, mein Aussehen zu kommentieren. Die Bandbreite der Kommentare reichte von schlicht unhöflich bis vulgär-anzüglich.

Damals habe ich mich gefragt, und ich frage mich heute noch: Welche Art von Befriedigung kann ein Mann daraus ziehen, eine ihm völlig unbekannte Frau verbal abzuwerten? Ich kannte die nicht, die kannten mich nicht, es war nicht zu vermuten, dass wir einander jemals begegnen würden, und trotzdem beschäftigten sie sich mit mir. Ich blockierte und vergaß sie zunächst. Das war eine Kleinigkeit, verglichen mit dem, was Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, erleben.

Wirklich, Männer, ich verstehe euch nicht? Wieso denkt ihr, eine Frau im Internet oder eine Frau auf der Straße sei an eurer Meinung über ihre Körperformen interessiert? Erklärt es mir. Oder lieber nicht, ich bin nicht sicher, ob ich das wirklich wissen will.

Gelesen: Jacqueline Harpman, I Who Have Never Known Men

Ich weiß gar nicht mehr, warum ich dieses Buch gekauft habe. Seit langem kaufe ich nur noch selten Bücher, sondern plündere die Bücherschränke, von denen es drei oder vier in zu Fuß erreichbarer Nähe gibt.

Die Handlung spielt in einer nicht näher definierten Zukunft. Vierzig Frauen sind in einem Käfig eingesperrt, der sich in einem Bunker befindet. Es gibt Wachen, es gibt Matratzen und das Allernötigste an Nahrung. Die Frauen wissen nicht, warum sie eingesperrt sind, die Wachen misshandeln sie nicht mehr, aber sie haben es früher getan und könnten es wieder tun. Die Erinnerungen der Frauen an das Leben vor dem Käfig sind vage, die Jüngste ist möglicherweise schon in einem solchen Bunker geboren. Wo sich der Bunker befindet, wissen die Frauen nicht, auch nicht, ob es noch andere gibt, oder ob eventuell auch Männer eingesperrt wurden.

Es gibt keine Uhren im Bunker, aber die jüngste der Frauen lernt, unterstützt von einer anderen Frau, mit Hilfe ihres Herzschlags die Zeit zu messen. Sie lernt ein wenig lesen und schreiben. Nach und nach berichten die anderen Frauen vom Leben vor dem Bunker, von ihrer Arbeit, ihren Studien, und die Jüngste, deren Name niemals genannt wird, saugt das Wissen auf. Am Ende wird sie selbst ihre Erinnerungen aufschreiben, als Chronistin der Zeit im Bunker und der Zeit danach.

Eines Tages öffnet sich der Käfig, die Wachen sind verschwunden, und die Frauen fliehen. Mit der Freiheit stellen sich den Frauen neue Fragen: wo befinden sie sich, was ist mit den Wachen passiert, hat man sie eventuell auf einen anderen Planeten gebracht? Wie überlebt man in dieser unbekannten Welt? Die Frauen wandern, finden Nahrung, Kleidung, Werkzeug, Spuren anderer Leben und hoffen, das Rätsel ihres eigenen Lebens zu lösen.

Jacqueline Harpman, I Who Have Never Known Men, aus dem Französischen ins Englische übersetzt von Ros Schwartz. Erschienen bei Penguin Random House Group, 1995. ISBN 978-1-529-11179-8

Wenn alle Welt stirbt…

Die Überschrift war einmal der Titel eines Artikels zum Tod des Schriftstellers und Universitätsdozenten Fulvio Tomizza. Ich habe ihn als Dozenten nicht mehr erlebt, eine Kommilitonin schon. (Der Artikel war nicht von mir.)

Ein Bruder des besten Ex der Welt ist gestorben. Ich kenne die Brüder des besten Ex der Welt nicht persönlich, nur mit einem habe ich einmal telefoniert. Als der Ex noch kein Ex war, überstieg eine Reise in seine Heimat meine finanziellen Mittel, und als der Ex schließlich ein Ex war, wollte ich nicht mehr. Heute morgen ist der Ex in die Heimat geflogen.

Eine sehr geschätzte Blognachbarin erzählt vom Tod eines Jugendfreundes. Der habe zuvor gefunden, was richtig für ihn war: ein beständiges, bescheidenes Leben. Der Gedanke berührt mich auf eine Weise, die ich hier nicht näher ausführen kann.

Freund B erzählt von einem Angriff des pakistanischen Militärs auf Kabul. Dabei sei eine Drogenentzugsklinik getroffen worden. Es habe 400 Tote und 300 Verletzte gegeben. (Hier ein Bericht auf englisch bei Tolo News.)

Wegen des Streiks im ÖPNV bin ich diese Woche mehr im Home Office als ich möchte. Am Mittwoch aber habe ich einen Zahnarzttermin und – da ich erstens eine Angsthäsin bin und zweitens schon wieder viele Überstunden habe – einen Gleittag genommen. Die Prophylaxe-Fachfrau empfinde ich zunächst als auf angenehme Weise wortkarg. Als ich jedoch eine ihrer Anweisungen missverstehe, wird sie krätzig. Leider fällt der Tante-Gouvernante-Blick schwer, wenn frau im Behandlungsstuhl liegt und Mademoiselle auf eine herabschaut. Zumindest ist Mademoiselle schnell und gründlich. Später erfahre ich, dass nun auch die Tochter meiner Zahnärztin in der Praxis tätig ist. Sie macht einen freundlichen Eindruck. Ich werde wieder wegen meiner sorgfältigen Zahnpflege gelobt. Langsam glaube ich selbst, dass ich nicht ganz unfähig bin.

Den Abteilungschat sollte ich stummschalten, wenn ich frei habe. Überhaupt geht es mir gegen den Strich, dass wir dazu WhatsApp verwenden.

Eine Umfrage auf Mastodon, wer von seinen Eltern geschlagen wurde. 86% antworten mit ja. Ob es daran liegt, dass sich auf Mastodon nicht gerade die jüngere Generation bewegt? Mein Eindruck ist, dass heutige Eltern sich sehr viel mehr um ein gutes, faires Verhältnis mit ihren Kindern bemühen als die Generation meiner Eltern, die ja teilweise Kriegs-, Flüchtlings- oder Nachkriegskinder waren.

Ich verzichte ja soweit wie möglich auf Fertiggerichte, was nicht heißt, dass ich nicht manchmal nach einem anstrengenden Arbeitstag schnell eine Dosensuppe aufwärme. Im Lebensmittelgeschäft finde ich „Geflügeltajine“, und weil ich schon lange von einer Tajine träume, beschließe ich, dass ich zumindest wissen muss, wie eine darin zubereitete Mahlzeit schmecken soll. (Schmeckt gut, werde ich hinkriegen, wenn ich erst einmal eine Tajine habe.)

Größenteils erfreuliche Nachrichten vom Freund, der kein Freund ist.

Frau Croco hat einen Artikel über AfD-Wählende in Hessen gefunden.

Beim Buchhändler gewesen. Genau dort genau die Tasche gefunden, die ich für meine Tanzsachen gebrauchen kann. Ein Buch gekauft (dazu vielleicht in den nächsten Tagen mehr), wo ich doch nur noch in Bibliotheken gehen wollte. Andererseits habe ich ja ausgemistet und die umliegenden öffentlichen Bücherschränke gefüllt, so dass ich durchaus wieder Platz für ein schmales Bändchen habe. Im Bioladen gewesen, lauter feine Dinge gekauft. Eine Bettlerin gesehen und mich geschämt, weil ich in einer Dreiviertelstunde so viel ausgegeben habe, wie sie wahrscheinlich am ganzen Tag nicht einnimmt. Dabei war ich nicht einmal verschwenderisch. Einem Freund ausgeholfen, stirnrunzelnd.

Also, mein Vorname…

Auf Umwegen habe ich von einer Blogparade bei Blogissimo erfahren, und da ich im Moment ohnehin nichts zu Schreiben habe, spiele ich mit:

Meinen Vornamen habe ich viele Jahre lang gehasst. Als Kind und als Jugendliche habe ich mir gerne andere Namen zugelegt: Inge, Greta, Antonia, Magdalena, Marie, Élise (in meiner französischen Phase), Delia und was weiß ich noch alles. Als ich geboren wurde, war mein Name ein Modename. Mein Vater hatte mich irgendwie edelgermanisch Kunigunde oder Hildegard oder so ähnlich nennen wollen, aber meine beiden Großmütter setzten sich durch, und ich wurde Bettina und mit Zweitnamen nach meiner Patentante Inge getauft. Von nun an gings bergab, wie Hildegard Knef sang. In der Familie hieß ich lange Zeit Tini, in der Schule und in Irland Betty, in Italien – wo Bettina ein Kosename von Elisabetta ist – wurde ich Betta, in Spanien verwechselte man Bettina mit Benita, gelegentlich landesüblich abgekürzt Bene, weswegen manche Leute in Spanien heute noch glauben, mein Taufname sei Bendición. Ein aus Spanien stammender Tanzlehrer gab mir aus unerfindlichen Gründen den Namen (María del) „Mar“, unter dem Namen habe ich eine Weile gebloggt, wie auch anderswo unter dem Namen meiner Urgroßmutter Pauline. Eine Freundin meiner Großmutter nannte mich „Bettine“, und sie war lange Zeit die einzige, die das durfte. („Mar“ dürfen mich auf dieser Welt übrigens nur sehr wenige Personen nennen, und Sie gehören nicht dazu.) Nun ja, in einer Familie von Grenzgängern, Formwandlern und immer irgendwie fahrendem Volk kann man ja auch einmal wechselnde Namen tragen. Wenn ich das nächste Mal in Spanien bin, werde ich behaupten, mein Name sei Isabel, was ja auch nur eine Form von Elisabeth ist, und der Name Elisabeth mit all seinen Ableitungen grassiert in meiner Familie. Übrigens bin ich froh, dass ich nicht wirklich Elisabeth heiße, denn da, wo ich jetzt lebe, würde ich dann Sissi oder Lissy genannt.

Als Namenspatronin gilt hauptsächlich die heilige Elisabeth von Thüringen, aber es gibt andere heilige Elisabethen. So könnte ich, wenn ich das denn täte, vier oder fünf mal im Jahr Namenstag feiern, aber Evangelen tun das meines Wissens nicht. In Frankfurt aufgewachsen, betrachte ich Bettine von Arnim als meine wahre Namenspatronin, eine Heilige war die aber nicht.

Wie hätte ich meine Kinder genannt? Sophie, Antonia oder Maria Magdalena, ein Junge wurde gar nicht erst geplant. Eigene Kinder habe ich nicht, aber eine Nenn-Nichte namens Sidra. Die sollte auf Wunsch ihrer Großmutter ursprünglich Asinat heißen, ein Name, den es (wenn auch eher selten) im Christentum, im Judentum und auch im Islam gibt, aber dagegen haben sich Onkel und Cousins gewehrt.

Inzwischen habe ich mich mit meinem Vornamen angefreundet, aber mitunter hätte ich doch gerne einen anderen.

Zumindest lese ich wieder. Nichts hochgeistiges, eher Unterhaltung, aber gut geschrieben und interessant. Dazu auf Englisch, das haben meine eingerosteten Gehirnzellen nötig: Sujata Massey, The Star from Calcutta. Anfang des 20. Jahrhunderts übernimmt eine junge Anwältin in Indien ein Mandat. Mandanten sind der Stummfilmstar Rochana und deren Mann, den man wohl als Produzenten bezeichnen kann. Irrungen, Wirrungen, Charaktere, über die sich nicht nur eine gnädige Frau wundern kann, Unabhängigkeitsbestrebungen Indiens, die sich ändernde Rolle der Frau, Familiendynamik und die indische Gesellschaft. Falls sich jemand für die erste Zeit nach der Unabhängigkeit interessiert und gerne einen Roman zu dem Thema lesen würde, kann ich „A suitable boy“ von Vikram Seth empfehlen.

Die erste indische Anwältin war übrigens Cornelia Sorabji. Unabhängig wurde Indien erst 1947.

Im Büro leider Unverblogbares, darunter ein Fauxpas von Faulinchen, der sogar ihre Fürsprecherin auf die sprichwörtliche Palme bringt.

Wenn ein schlechter Mensch sterbe, schreibt anderswo Internet-Prominenz, sei das etwas Gutes und Grund zur Freude. Nicht notwendigerweise, möchte ich entgegnen, denn wem nützt der Tod des schlechten Menschen? Wenn dadurch die Bevölkerung eines unterdrückten Landes befreit wird, mag der Tod des Schlechten etwas Gute bewirkt haben. Aber am Tod als solchem kann ich auch in diesem Fall nichts Gutes sehen. Nichts ist nur schwarz oder nichts nur weiß – ich weiß nicht mehr, wer gesagt hat, dass jeder Mensch Engel und Teufel zugleich sei. Ich weigere mich, zu glauben, dass Menschen von Grund auf böse sein können. Unwissend, fehlgeleitet, verführt, was weiß denn ich, aber böse von Natur aus?

Man freut sich nicht über den Tod eines Menschen, das verbietet der Anstand. Das Äußerste, wozu sich mein Vater – der wahrlich kein netter Mensch war – hinreißen ließ, wenn er von einem Verstorbenen sprach: „Er ruhe in Frieden, aber in Ewigkeit!“