Freitagsgedanken

  • Es war nicht schön bei der Zahnärztin, aber auch nicht so schlimm, wie befürchtet. Anstrengend war es, sehr sogar. Aber die fürsorgliche Behandlung des Teams, das Streicheln über die Wange ab und zu, die kurzen Massagen der Kiefergelenke, taten gut. Es gab sogar eine weiche Zahnbürste, ein Ferienpäckchen für die Vertretung (falls die Provisorien während der Urlaubszeit meiner Praxis herausfallen) und zwei Schmerztabletten mit auf den Weg. Die provisorischen Kronen sitzen und fügen sich gut ein.
  • „Ich vertraue“, denke ich gerade. Ja, Vertrauen habe ich. Das hilft, wenn die Zahnärztin ihre Arbeit tut, wenn ich mich auf meine Autowerkstatt verlasse, wenn ich mit der Karte im Supermarkt bezahle, wenn ich die Lebensmittel esse, die ich einkaufe, wenn ich mir Handwerker Haus hole, wenn ich denke, dass mich meine Vermieterin hier wohnen lässt, wenn ich mich verabrede oder wenn ich einer Freundin meine tiefsten Geheimnisse erzähle.
  • Mein Selbstvertrauen ist fleißig. Ich glaube fest daran, dass ich gesund wieder nach Hause komme, wenn ich auf das Rad steige und meinem Gleichgewichtssinn vertraue, wenn ich alleine mit dem Auto nach Dänemark reise, wobei ich den anderen Autofahrer*innen auch vertrauen muss, dass sie sich an die Verkehrsregeln halten. Ich vertraue mir noch nicht so ganz, wenn es um das Altwerden geht. Werde ich das mit Anstand und Lebensfreude meistern können?
  • Tiefenentspannt schwinge ich jetzt durch die Zeit. Mal gibt es etwas zu tun, mal nicht. Ich rede mir bis Ostern einen Ferienmodus ein, der hauptsächlich mental zu füllen ist. Als Rentnerin stehen mir die Tage ja sowieso frei zur Verfügung. Ein paar feste Termine unterstreichen meine Freiheit, denn ohne Pflichten würde ich sie ja auch gar nicht mehr bemerken.
  • Erfolgreich verdränge ich alles, was in der Welt da draußen passiert, weitgehendst.
  • Mich beschäftigen immer noch die Gedanken an mein Frausein, aber es tut gerade nicht mehr so weh. Die meisten Erfahrungen liegen in der Vergangenheit und können nicht mehr verändert werden. Mein Umgang damit hat mir eine friedliche Gegenwart geschenkt, aber auch einige Türen zugeschlagen. Mein Alleinsein ist die Folge und mit der komme ich jetzt als alte Frau ganz prima zurecht, denn die Hormone spielen nicht mehr verrückt. Ich habe anderes zu tun.
  • So, nun ist Schluss mit der Theorie, es wird Zeit für das Praktische. Ich schwinge mich jetzt auf, um ein paar Alltagsdinge zu erledigen. Kommt gut durch das Wochenende!
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Heute nicht an morgen denken!

Morgen muss ich zum Zahnarzt und das wird richtig unangenehm. Meine Eckzähne unten bekommen Kronen und danach besitze ich nur noch vier „natürliche Zähne“. Alle anderen wurden vor etwa 30 Jahren überkront und ich hoffe, sie halten sich noch lange so, wie sie sind. Ich habe also Vertrauen zur Zahnärztin, dass ihr auch diese Arbeit gelingt.

Heute werde ich nur schöne Dinge machen und so wenig wie möglich an morgen denken. Wie ich mich weiterhin ablenken werde, weiß ich jetzt noch nicht. Meine Bewegungseinheit habe ich jedenfalls hinter mir. Auch wenn mein Radius gerade recht klein ist, gibt es doch immer viel zu gucken.

Gedankenstille

Begriffe wie Wahrheit, Liebe, Ehrlichkeit, Schönheit und Schuld sind für mich fließend. Ich kann sie nicht fassen, nicht einengen, nicht exakt beschreiben, obwohl ich sie täglich benutze oder zumindest denke. Ich kann ihnen folgen und bin in der Lage, mein Handeln einzuordnen. Sie festzuhalten, ihnen Allgemeingültigkeit zuzuschreiben und in den Zusammenhang zu bringen, was ich bin oder was ich sein will, gelingt mir nicht. Dies ist ein ewiger Prozess, muss immer wieder neu gedacht und interpretiert werden.

So darüber nachzudenken ist nicht relevant, sobald ich einfach nur schaue und höre. Hier draußen ist es, wie es ist. Der Geist kommt zur Ruhe und auch ich bin, wie ich bin. In diesem Augenblick.

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Mir fehlen die Worte

Diese Diskussion strengte mich sehr an. Es ging um Gleichberechtigung. Ein männlicher Teilnehmer in den Fünfzigern wies uns Frauen darauf hin, dass auch Männer leiden und er hat nicht unrecht, wenn ich an das denke, was Habeck auszuhalten hatte. Und ja, es gibt auch zahlreiche Kommunalpolitiker, die Schlimmes erleben, die es nicht mehr ertragen, die aufgeben. Aber macht es das besser, was Politikerinnen in letzter Zeit vermehrt passiert? („Wir sind das Feindbild. Bedroht, bepöbelt, sexistisch beleidigt: Politikerinnen erzählen, was sie täglich in ihrem Amt erleben.“ Spiegel Nr.11, Seite 48) Nein. Aber verständlich machen konnte ich mich nicht.

Mir fehlte im Laufe des Gesprächs leider das Wissen der Originalstudien, die darauf hinweisen, dass die Medizin sich hauptsächlich an Männerkörpern orientiert oder orientiert hat. Der Gesprächsteilnehmer leugnete das schlichtweg und hielt es für feministisch aufgebauschten Journalismus. Er hätte nachgeforscht und seine Quellen bestätigen diese Behauptung nicht. Ich wollte das am liebsten abstreiten, mir fehlten die Fakten und konnte nur äußern, dass ich die Aussagen in den Nachrichten ernst nehme und ihnen glaube. Hier blieb ich mit meinen diffus schlechten Gefühlen wieder allein, ich kenne das.

Auch das Catcalling könne ja so schlimm nicht sein, meinte der Mann, der dann allerdings zugab, dass er an dem Punkt eigentlich nicht mitreden könne. Er fand es allerdings tragisch, dass ein Kollege, der während einer Dienstbesprechung mit dem Handy das (freizügige) Dekolleté einer Kollegin fotografierte, bittere Konsequenzen tragen musste. Diese Frau hätte doch selbst ähnlich Fotos gepostet. Mir blieb fast die Luft weg und ich äußerte meinen Unmut über das Verhalten des Kollegen. Zumindest hier blieb ich authentisch.

Und, na ja, ein Freund hätte einer Kellnerin mal einen Klaps auf den Po gegeben. Mir schien es, als ob der Erzähler das eigentlich ganz lustig fand. Und ja, Männer gucken junge Mädchen manchmal anzüglich an. Das sei normal. Eine Freundin stimmte zu, weil sie manchmal auch Männern hinterher gucke und sich gerne Knackärsche ansehe. Ich schwieg und ärgerte mich über mich selbst. Kein Widerspruch meinerseits? Das Gehörte musste erst einmal sacken. Zum Schluss wurde noch die Frage aufgeworfen, ob manche Frauen mit ihrer aufreizenden Kleidung nicht auch so manches Fehlverhalten von Männern provoziere. Wollen die nicht angesehen und bewundert werden? Das konnte ich nicht ganz von der Hand weisen. Übergriffe und Vergewaltigungen dürfen damit aber nicht gerechtfertigt werden. In dem Punkt waren wir uns alle einig.

Ich wurde so müde, fand keine Gegenargumente, konnte nur von meinen Gefühlen sprechen und die meisten verheimlichte ich lieber. Nicht alle Männer wollen nachvollziehen, wie es sich früher und vielleicht auch heute noch für Frauen anfühlen könnte, wenn sie für ihr Äußeres scheinbar anerkannt werden, dies aber mit (männlichem) Machtgehabe und grenzüberschreitend geschieht. Ich weiß nur zwei Dinge: Meinen Söhnen würde so etwas nie einfallen und ich bin in diesem Punkt froh, alt zu sein und nicht mehr ins männliche Beuteschema zu passen. Mich beschäftigt heute, dass ich mich so hilflos fühlte. Ich denke, meine Schwiegertöchter und Söhne hätte wohl ganz anders reagiert und selbstbewusst auf einige Aussagen richtig Kontra gegeben. Ich kann das nicht und will ja auch auf keinen Fall dieselbe Rhetorik anwenden, wie es manche kampfbereite Frauen (und Männer) tun. Mir fehlen immer noch die richtigen Worte und die Trigger, die mich an alte Zeiten und veraltete Werte erinnern, tun ihr übriges

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Lebenslauf

Eine Sterbeamme lebt seit Kurzem im Landkreis und hielt Freitagabend einen Vortrag zum Thema Sterben. Ich hoffte, Neues zu lernen. Leider ging es nur um die Thesen von Kübler-Ross https://flexikon.doccheck.com/de/Sterbephasen_nach_K%C3%BCbler-Ross, die ich sowieso schon kannte und die vielleicht auch etwas veraltet sind. https://www.genialepsychologie.de/phasen-der-trauer/ Unwidersprochen wurde von der Fachfrau vorausgesetzt, dass das, was auf den Tod folgt, viel schöner und besser sei, als das, was wir kennen. Die Sterbeamme strahlte und freute sich so sehr darauf und ich schluckte, als sie das sagte. Ich fühle es anders und habe einen anderen Blick auf mein Leben. Nun gut, es wurde ja auch von ihr betont, dass jeder Mensch seine eigenen Vorstellungen vom Leben und Sterben hat. Es gab ein paar schöne Geschichten und etwas Musik zu hören, das gefiel mir. Auch wenn meine Erwartungen nicht erfüllt wurden, gab der Abend doch Anlass zu Gesprächen und später zum Reflektieren des eigenen Verhaltens, als meine Eltern und mein Exmann starben. Ich werde mit meinen Kindern demnächst darüber sprechen. Vielleicht hilft es uns weiter in dieser Phase des Lebens, in der ich ins Alter gehe und irgendwann dann auch, wenn wir Abschied nehmen müssen. Insofern brachte mich dieser Vortrag dann doch weiter und es gibt ein dort ausgestelltes Buch zum Thema, welches mich beeindruckt. https://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-radieschen-von-unten/2198301 Obwohl es ein Kinderbuch ist, kann es auch für Erwachsene geeignet sein. Also für mich ist es das auf jeden Fall!

Der Lebenslauf hat ja sowieso nur ein Ziel. Das wissen wir und im Grunde können wir uns ja die ganze Zeit auf das Sterben vorbereiten. Nicht immerzu, aber immer mal wieder bewusst das Abschiednehmen üben, das Loslassen, die Akzeptanz der stetigen Veränderungen und vor allen Dingen die Endlichkeit des Lebens begreifen. Jetzt bin ich in allen Punkten weiter als in jungen Jahren und meinen Freundinnen ergeht es ähnlich.

Gestern entspannte ich mit dem Sohn und seiner Frau im warmen Salzwasser, mal mit Sprudel und mal ohne. Wir hatten uns viel zu erzählen und auch schwere Themen umgingen wir nicht. Die Zeit in der Therme verging dabei wie im Fluge, das tut sie ja immer, aber dort besonders. Schön eingeweicht, aufgeweicht und blitzsauber saßen wir später noch zusammen, aßen lecker Essen und plauderten uns durch die Mittagszeit. Die Schwiegermutter meines Sohnes und ich kriegten einen Lachkoller, als wir uns über unsere körperlichen Veränderungen lustig machten und einen Wettbewerb ausfochten, wen von uns beiden es schlimmer getroffen hat. Keine hat gewonnen und unsere Kinder schmunzelten. Das waren mal lustige Mütter am Mittagstisch! Ich nenne das jetzt mal schwarzen Humor, denn so witzig ist das Altern natürlich nicht immer. Aber wenn man darüber ab und zu lachen kann, fällt der Abschied vom jungen Körper nicht mehr so schwer.

Ich beginne mich schon mal punktuell auf meinen Urlaub zu freuen und mache damit Pause vom Sterbegedanken, denn das Leben will vorher gelebt sein, oder? Es gibt noch viel zu tun.

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Schatten an der Wand

Kaum hat das neue Jahr begonnen und man hat sich vom Festtagstrubel gerade erholt, kündigt ein Schatten das nächste Ereignis an. Ich erschrecke und denke: „Ist es schon wieder so weit?“

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Ein Blick in den Kalender genügt und gleich muss man wieder planen, vorbereiten und sich freuen. Eierlikör? JA. Kleine Geschenke? JA! Schokohasen? Vermutlich NEIN. Schokoeier? Ein paar. In diesem Jahr werde ich Osterschokoladenprodukte weitgehend boykottieren. Die sind mir einfach zu teuer geworden. Da müssen meine Lieben dann durch. Sie wollen sich ja sowieso alle gesund ernähren. Und ich will das auch. Also gucke ich beim Einkaufen gar nicht erst dahin, wo diese unangebracht leckeren Sachen ausgestellt werden. Mhmmm…..Marzipan! Nougat! Krokant! Noch höre ich auf mein NEIN und besorge mir lieber Gemüse und Nüsse. Fragt sich nur, wie lange noch mir das gelingt. Die Verführung kommt täglich näher.

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8. März

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Der Frauentag ist wichtig. Schade, dass es ihn nicht früher gab. So wuchs ich mit dem schrecklichen Frauenbild der damaligen Zeit auf und fand es auch erstrebenswert, ihm gerecht zu werden. Das war mühsam, aber notwendig. „Es ist eben so, kann man nichts machen. Augen zu und durch!“, dachte ich häufig, wenn es unangenehm wurde mit diesen Männergruppen, die unterwegs pfeifend und feixend kundtaten, dass sie mich als Frau wahrnahmen. Und auch sonst folgte ich dem verinnerlichten Frauenbild, allerdings mit sehr ambivalenten Gefühlen, denn ich musste ja auch dem Ideal der emanzipierten Frau folgen. Das war nicht so einfach und extrem anstrengend, denn es fehlten mir Vorbilder und Anerkennung. So lavierte ich mich durch das Leben und meine zwei langfristigen Partnerschaften. Ich suchte mir Männer aus, die zwar so taten, als ob, aber dennoch in ihren eigenen toxischen Rollenbildern feststeckten.

Meine Söhne sind ganz anders und die Schwiegertöchter auch. Trotzdem gibt es ja auch noch die anderen und in rechten Kreisen scheint es wieder rückwärtszugehen. Damit es besser wird mit der Gleichberechtigung, hat so ein Frauentag eine wichtige Funktion, wobei ich es bevorzugen würde, einen Feiertag zu kreieren, der alle Geschlechter einbezieht.

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Mir selbst ist es heute egal, wie der 8. März heißt. Ich habe mit meinem Frauenbild keine Probleme mehr. Ich setze mich mit dem Altwerden auseinander und sortiere meine Ambivalenz zur realen und idealen Lebensgestaltung. In wilden Träumen reise ich, ohne zu wissen, wohin und bringe es nicht fertig, meinen Rucksack rechtzeitig gepackt zu kriegen. Diese Träume kenne ich gut und meistens folgen Veränderungen. Oder alles bleibt, wie es ist, weil ich mich dafür entscheide.

Heute zum Beispiel schicke ich den inneren Schweinhund mit seiner Nörgelei (Nicht unter Leute, bitte!) auf das Sofa und mache mich selbst ins Schwimmbad auf. Ich will mal wieder ins Wasser tauchen, das geht nun mal nicht ohne Gesellschaft. Ich will mich daran gewöhnen, denn bald wird hoffentlich das neue Naturfreibad eröffnet und das will ich täglich besuchen. Mindestens.

Bis dahin muss ich mich noch gedulden. Das macht nichts, denn Fahrradtouren werden zur täglichen Routine, die ich sehr genieße, weil mir der kalte Winter noch in den Knochen steckt.

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