Diese Diskussion strengte mich sehr an. Es ging um Gleichberechtigung. Ein männlicher Teilnehmer in den Fünfzigern wies uns Frauen darauf hin, dass auch Männer leiden und er hat nicht unrecht, wenn ich an das denke, was Habeck auszuhalten hatte. Und ja, es gibt auch zahlreiche Kommunalpolitiker, die Schlimmes erleben, die es nicht mehr ertragen, die aufgeben. Aber macht es das besser, was Politikerinnen in letzter Zeit vermehrt passiert? („Wir sind das Feindbild. Bedroht, bepöbelt, sexistisch beleidigt: Politikerinnen erzählen, was sie täglich in ihrem Amt erleben.“ Spiegel Nr.11, Seite 48) Nein. Aber verständlich machen konnte ich mich nicht.
Mir fehlte im Laufe des Gesprächs leider das Wissen der Originalstudien, die darauf hinweisen, dass die Medizin sich hauptsächlich an Männerkörpern orientiert oder orientiert hat. Der Gesprächsteilnehmer leugnete das schlichtweg und hielt es für feministisch aufgebauschten Journalismus. Er hätte nachgeforscht und seine Quellen bestätigen diese Behauptung nicht. Ich wollte das am liebsten abstreiten, mir fehlten die Fakten und konnte nur äußern, dass ich die Aussagen in den Nachrichten ernst nehme und ihnen glaube. Hier blieb ich mit meinen diffus schlechten Gefühlen wieder allein, ich kenne das.
Auch das Catcalling könne ja so schlimm nicht sein, meinte der Mann, der dann allerdings zugab, dass er an dem Punkt eigentlich nicht mitreden könne. Er fand es allerdings tragisch, dass ein Kollege, der während einer Dienstbesprechung mit dem Handy das (freizügige) Dekolleté einer Kollegin fotografierte, bittere Konsequenzen tragen musste. Diese Frau hätte doch selbst ähnlich Fotos gepostet. Mir blieb fast die Luft weg und ich äußerte meinen Unmut über das Verhalten des Kollegen. Zumindest hier blieb ich authentisch.
Und, na ja, ein Freund hätte einer Kellnerin mal einen Klaps auf den Po gegeben. Mir schien es, als ob der Erzähler das eigentlich ganz lustig fand. Und ja, Männer gucken junge Mädchen manchmal anzüglich an. Das sei normal. Eine Freundin stimmte zu, weil sie manchmal auch Männern hinterher gucke und sich gerne Knackärsche ansehe. Ich schwieg und ärgerte mich über mich selbst. Kein Widerspruch meinerseits? Das Gehörte musste erst einmal sacken. Zum Schluss wurde noch die Frage aufgeworfen, ob manche Frauen mit ihrer aufreizenden Kleidung nicht auch so manches Fehlverhalten von Männern provoziere. Wollen die nicht angesehen und bewundert werden? Das konnte ich nicht ganz von der Hand weisen. Übergriffe und Vergewaltigungen dürfen damit aber nicht gerechtfertigt werden. In dem Punkt waren wir uns alle einig.
Ich wurde so müde, fand keine Gegenargumente, konnte nur von meinen Gefühlen sprechen und die meisten verheimlichte ich lieber. Nicht alle Männer wollen nachvollziehen, wie es sich früher und vielleicht auch heute noch für Frauen anfühlen könnte, wenn sie für ihr Äußeres scheinbar anerkannt werden, dies aber mit (männlichem) Machtgehabe und grenzüberschreitend geschieht. Ich weiß nur zwei Dinge: Meinen Söhnen würde so etwas nie einfallen und ich bin in diesem Punkt froh, alt zu sein und nicht mehr ins männliche Beuteschema zu passen. Mich beschäftigt heute, dass ich mich so hilflos fühlte. Ich denke, meine Schwiegertöchter und Söhne hätte wohl ganz anders reagiert und selbstbewusst auf einige Aussagen richtig Kontra gegeben. Ich kann das nicht und will ja auch auf keinen Fall dieselbe Rhetorik anwenden, wie es manche kampfbereite Frauen (und Männer) tun. Mir fehlen immer noch die richtigen Worte und die Trigger, die mich an alte Zeiten und veraltete Werte erinnern, tun ihr übriges