Tränen rannen an Fensterscheiben. Sonst war sie still, die Herbstennacht. Wollte in Gedanken bleiben, wünscht', ich wär nicht aufgewacht.
Sie war ganz eigen, meine Reise, in Welten voller Fantasie. Stimmen hört' ich sanft und leise, wo am Tag stets alles schrie.
Das Licht des Morgens ward zum Schatten. Es war, als gab's die Reise nicht. Die Tränen von den Scheiben hatten ihr'n Weg gebahnt in mein Gesicht.
Nun musst' ich harren, kämpfen, bangen, den Tag hindurch mit letzter Kraft. Unstillbar groß ward mein Verlangen nach den Tränen von der Nacht.
So sind sie, meine Zeitenläufe. Nachts reise ich und schlafe nie. Auf dass ich sanfte Stimmen häufe zum Trotz der Tage Melodie.
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Eine Liedermacherin, die ein Geheimtipp ist, das ist Maike Rosa Vogel, geboren in Frankfurt/M. Nach Schulabbruch und einem Job als Fahrradkurier nahm sie 2004 ein Studium an einer Popakademie auf. In der Folge schrieb sie eigene Lieder, Lieder für Filme und brachte mehrere Alben heraus, unter anderem von Sven Regener („Element of Crime“) produziert. Sie singt auf Deutsch und auf Englisch und begleitet sich häufig auf der Akkustikgitarre. Auf einen Musikstil lässt sie sich nicht festlegen, aber ihre Lieder haben immer auf besondere Weise etwas zu erzählen.
Das Lied „Close the door“, das ich hier heute vorstelle, ist zugleich Soundtrack des sehr berührenden Films „Mittagsstunde“. In ihm habe ich das Lied zum ersten Mal gehört und war beeindruckt von seiner und der Stimme der Sängerin eindringlichen, schlichten Schönheit und dem berührenden Text:
Über dem leeren Blatt vor mir ist eine Jahreszeit vergangen. Eine ganze Jahreszeit. Sage und schreibe. Und eine andere hat nun begonnen.
Ich bin verloren gegangen dazwischen …
Zum ersten Mal hat für mich auch über einem Sommer ein grauer Nebel gelegen und jetzt verliert der Herbst schon wieder sein kurzes Gold, da draußen. Draußen, wo die Natur ist und jene Welt, die ich verlassen möchte, weil sie mir zu viel geworden ist, weil sie mir fremder geworden ist als mir sonst etwas fremd ist, weil ich keinen Platz mehr in ihr zu finden vermag und nicht mehr zu vertrauen.
Was ich tue, ist zur Neurose geworden, was ich nicht tue, auch.
Was ich tue, ist arbeiten. Ich arbeite die ganze Woche, das ganze Wochenende. Nicht, weil ich das will, sondern, weil ich es muss, sondern weil ich sonst nie genug bin. Mir nicht. Ich weiß, wie sehr ich mich darin verzettelt habe, aber dieses Wissen ist nutzlos. Ich bin pedantisch, ineffizient und müde. Weil das so ist, sind die Arbeitstage so lang wie sie sind, vor allem die an den Wochenenden. Für anderes Leben bleibt keine Zeit. – Ich füge mich drein und wenn ich aus dem Haus gehen muss, setze ich eine Maske auf. Früher habe ich das nie getan.
Heute kann ich nicht mehr so unter die Menschen gehen, wie ich bin. Ich wäre zu verletzlich, zu angreifbar und ich würde verstören und ängstigen, vor allem wohl die Kinder, die mir anvertraut sind. Die Maske scheint perfekt zu sitzen, bislang hat mich niemand dahinter erkannt.
Meine neue Klasse ist die anstrengendste, die ich bislang hatte. Umso wichtiger, dass die Maske gut sitzt …
Was ich nicht tue, ist alles Sonstige, alles, was sonst zu einem auch nur bescheidenen Leben gehört. Ich schaffe es nicht mehr zu lesen, ich schaffe es (offenkundig) kaum noch zu schreiben, ich schaffe es nur noch ganz sporadisch in die Natur, meine sozialen Kontakte außerhalb der Arbeitswelt tendieren mittlerweile gegen Null. Nahezu täglich ist es so, dass ich einfach und wirklich zu erschöpft, zu müde zu allem bin, was nicht Arbeit ist. So oft schläft mein Körper einfach ein, ein paar Minuten nachdem ich mein Zuhause erreicht habe. Ich unterliege regelmäßig jener Anstrengung, die sich so sehr müht, meine Augen offenzulassen.
Meiner Familie vermag ich schon lange nicht mehr zu genügen. Ich weiß, dass ich in den letzten Monaten zusätzlich zu allem anderen mehr und mehr und mehr als je zuvor selbst ein Grund dafür geworden bin.
In der Globalität der Welt und ihrer Zeitläufe gibt es nichts mehr, worauf ich bauen könnte, mich verlassen möchte, was mich noch hoffen ließe. Erstmalig in meinem Leben gibt es keine Partei mehr, der ich bei der nächsten Wahl meine Stimme geben mag, geben kann. KEINE! Mich verunsichern, ängstigen und ärgern die Grundlinien, in denen Politik gemacht wird. Die Regierenden sind mir gerade so suspekt, wie viele der Oppositionellen. Dieses Land, das mir nie wirklich Heimat war, wird mir immer fremder. Ich fühle mich bedroht darin. Nicht nur, weil meine Gedanken, Meinungen, Wünsche längst unpopulär sind. Ich finde kaum noch Kompromisse oder gar Verständnis, dass tatsächlich etwas bewirken könnte, von dem ich glaube, dass es so nützlich, so wichtig, wäre.
Aber das gilt nicht nur in diesem und für dieses Land, ich kann auch kein anderes mehr erkennen, dass mir Heimat sein könnte. Die Welt ist aus den Fugen und längst bestimmen nur noch Macht- und Finanz-„eliten“ den Gang von allem.
So gehe ich die Straße in meiner inneren Welt. Sie hat ihre Türen nach außen weitgehend verschlossen. Nur ganz wenige schmale Pfade führen noch an einige wenige Orte „draußen“, die ich doch immer noch so liebe. Sie schenken mir manchmal ein bisschen Glück, zugleich aber immer auch Wehmut.
Manchmal glaube ich zu spüren, wie mir die Zeit verrinnt. In dem, was ich tue, was ich tun muss, was ich neurotisch tue. Ob ich nach den mehr als vier Jahren, die das noch andauern muss, noch genug Kraft haben werde für etwas, was ich gern täte, das ich liebe? Ich fürchte mich davor, dass das dann nicht so wird, dass es auch dann so dunkel bleibt, wie es jetzt in mir ist.
Ich möchte doch nur ein bisschen Licht, irgendwann, irgendwie wieder ein bisschen Licht.
Damit ich wenigstens wieder ein bisschen lesen und schreiben und freuen kann …
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Lucy Blue, eigentlich Lucy McDonnell, geboren am 25. Februar 2002 in Dublin, ist eine irische Sängerin, Songschreiberin und Produzentin, die auch Klavier und Gitarre spielt. Ihre ersten Lieder soll sie im Bett ihres Schlafzimmers ersonnen haben. Im Laufe der Zeit sind mehrere Singles und EP’s von Lucy erschienen. Das Lied „Home“, das ich heute hier teile, dürfte ihr aktuellstes Werk sein. Ein Lied, das durch seine feine Melodie, seinen tiefsinnigen Text, die klare Stimme und die sehr persönliche Interpretation von Lucy sehr hörenswert ist:
Ich habe Sehnsucht nach einem Gedicht. Nach einem, das in mir ist, das ich gern aufschreiben würde. Ich spüre, dass es da ist, aber ich kann es nicht aufschreiben. Ich kann nicht …
Das geht schon lange so. Und allmählich lässt es mich verzweifeln.
Zu viel ist in meinem Kopf, zu viel ist in meinem Herzen. Es wallt in mir auf und ab. Ich sollte wohl loslassen. Aber wenn ich es denn vermöchte, so scheint es mir, würde ich die Welt gehen lassen.
Das klingt so pathetisch, so theatralisch, aber ich finde keine anderen Worte, die es besser treffen, exakter ausdrücken könnten.
Wie soll ich loslassen, wenn ich doch spüre, dass so vieles sowieso geht. Vor allem von jenem, was mir lieb ist, von dem ich glaube, dass wir einander festhalten, uns stützen könnten, von jenem, was mir wenigstens manchmal erlaubte, von jenem Leben zu empfinden, das ich mir so sehr wünsche, dass mich wohl auch etwas zur Ruhe kommen ließe.
Im Grunde braucht mich niemand. Diejenigen, die anderes sagen, meinen das im Augenblick ehrlich, aber sie verfügen, zum Glück, über andere Lebenswelten, in denen ich nicht vorkomme, die wirklich Halt schenken, glücklich machen, die Lebensfreude und Zuversicht verströmen, auch dann, wenn es schwierig ist und über Klippen geht. Lebenswelten und -milieus, die weit (genug) entfernt sind von mir.
Ich bin mein eigenes Gedicht, meine eigene Ballade. Aber ich kann mich nicht aufschreiben, nicht in Versen. Auch nicht episodenweise. Ich bin nicht formulierbar, auch nicht auszugsweise. Nicht mehr. Deshalb bleibt das Blatt Papier, das vor mir liegt und auf das ich so gern ein paar Strophen schreiben möchte, leer.
Die vielen schönen Wertschätzungen, die ich vor ein paar Wochen erhalten habe, haben mich einen sehr hohen Preis gekostet. Ich habe mich aufrichtig über sie gefreut, weil ich weiß, dass sie selbst aufrichtig gewesen sind. –
Ich strebe keine Wertschätzungen an, auch, weil mir bewusst ist, dass der Preis an eigenen Ressourcen, den ich aufbringen muss, ein zu hoher ist. Er würde ebenso hoch sein, wenn das Ergebnis ein anderes wäre, wenn es am Ende ein anderes ist. Das war, das ist schon mein ganzes Leben lang so. Der Preis ist immer zu hoch, weil ich mir nie genug bin, weil immer diese Versagensängste da sind.
Kein Therapeut hat das weg zu therapieren vermocht. Die meisten haben mir gesagt, dass ich selbst einen Weg finden müsse, dadurch, dass ich „an mir arbeite“. Ich arbeite seit Jahrzehnten …
Wertschätzungen sind ein Pflaster. Aber, wie das mit Pflastern so ist, sie lösen sich alsbald wieder.
Es gibt freilich auch Konstellationen, Lebensabschnitte und -bereiche, wo ich keine Wertschätzung erfahre, wo ich Erwartungen nicht erfülle, wo ich kritisiert werde, wo ich, bisweilen wenigstens, tatsächlich versagt habe und versage. Wo Menschen an mir verzweifeln und sich deshalb von mir abwenden. Wo meine Anstrengungen nicht sichtbar sind und werden, weil sie in innere Kämpfe münden und dort verbleiben und verschlissen werden. Wo ich, wohl auch deshalb, unfähig bin.
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Raketen schlagen in Wohnhäuser ein und eine Mine zerfetzt das Bein eines jungen Soldaten. Auf einer sonnenbeschienenen Waldblumenwiese summen friedlich die Insekten. Ein kleines, abgemagertes Kind windet sich in Hungerkrämpfen. Von einem Festival hallt ein ausgelassen singender Chor tausender Menschen herüber, einige grölen vor Trunkenheit. Ein Wald liegt im Sterben, Grün ist zu Grau geworden. An der Börse werden steigende Kurse bejubelt. Ein Investigativjournalist harrt seit Jahren in einer dunklen Zelle aus. Über dem einen Meer sind Polarlichter zu sehen, während in einem anderen flüchtende Menschen ertrinken. Ein Luxuskreuzfahrtdampfer fährt vorbei. Ein Mädchen in schwarzer Kleidung sitzt allein auf einer Parkbank und liest. Auf einer Party unter Geschäftsfreunden fließt Sekt und es gibt Kaviar und für alle Herren gibt es ein Mädchen. Eine alte, von harter Arbeit gezeichnete Frau sitzt in einer Wohnung ohne Strom und friert. Im Fernsehen läuft das Dschungelcamp. Im Hochgebirge stürzt ein Gletscher in die Tiefe. Ein Spätzchen tschilpt vor dem Fenster meines Zimmers, in dem ich allein sitze …
Ich schließe die Augen, ich schließe sie vor dieser Welt. Und ich möchte sie nie mehr öffnen. Die Blumenwiese, die Polarlichter, die alte Frau, das schwarze traurige Mädchen und den kleinen Spatz nehme ich mit in meine Träume. Aber meine Augen bleiben zu. Für immer …
… möchte ich träumen …
… aber ich bin zu feige.
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Katha Rosa ist eine 31-jährige Musikerin, Komponisten und Songschreiberin, die in Hamburg lebt. Ihre Lieder sind anspruchsvoll, haben sehr starke Texte und werden ein- aber niemals aufdringlich interpretiert. Außerdem hat Katha eine sehr schöne Gesangsstimme …
Nun ist es schon wieder zwei Wochen her, seit ich von der fünftägigen Reise zurückgekehrt bin, die die Erfüllung eines meiner kleinen Wünsche, die ich zum letzten Jahreswechsel aufgeschrieben hatte, geworden ist. Und ein bisschen war diese Reise wie früher …
… ein schönes entschleunigtes Tempo bei und in allem, viele kleine Eindrücke und Wahrnehmungen, die in mir bleiben werden, Freundlichkeit von Menschen, die ich nicht kannte und nie wieder sehen werde. Viel von dem, was mir Leben bedeutet, was, wie mir sehr bewusst geworden ist, täglich da und für mich doch grundsätzlich unerreichbar ist.
Die kurze Zeit ist rasch verflogen und bei all den so schönen Episoden an Wasserfällen, in Kurparks, auf kleinen Exkursionen, beim Bummel durch malerische Städtchen, während des so lange vermissten Eintauchens in die Geschichte eines Buches und manch anderem, habe ich doch auch einen übergreifenden, sehr bedrückenden Eindruck mit nach Hause genommen: den von vielen hektargroßen Flächen gestorbenen Waldes.
Nicht zu vergleichen mit der Zeit vor gut zwanzig Jahren, als ich zum letzten Mal eine kleine Harzreise unternommen hatte, war und ist vor allem der Westharz kaum mehr wiederzuerkennen. Er wirkt wie eine Realität gewordener Ausschnitt einer immer näher kommenden, vom Menschen eingeleiteten und fortschreitenden Dystopie.
Den Klimawandel charakterisierende mehrjährige, lange Trocken- und Dürreperioden, die große Fichtenbäume so nachhaltig in Ihrer Widerstandskraft schwächen , dass ein kleiner mieser Käfer schließlich leichtes Spiel hat und alles, ALLES zum Sterben bringt. Leichengraue Stammesstümpfe, grausam entlaubt, verbleiben wie unzählige, gespenstische Mahnmale für eine verschwindende Welt. Unsere Welt …
Nie mehr werde ich diese Bilder vergessen, diese so entsetzlich nahen Bilder, diese so entsetzlich nahe Wahrheit.
Sie werden mich von nun an immer wieder auf Reisen schicken an ähnliche Orte, vergleichbare Stätten, hin zu ähnlichen Bildern Ich werde die Bäume schreien und weinen hören, ich werde ihr Sterben sehen, ich werde es FÜHLEN, immer und immer wieder FÜHLEN.
Nie habe ich es stärker bewusst wahrgenommen und empfunden, wie sehr ich Reisender bin und dass meine Reisen vor allem Reisen in schwere Zeiten, an dunkle Orte sind, dorthin, wo Menschen, Tiere, Pflanzen leiden, wo Stimmen zum Schweigen gebracht werden, wo denunziert und verdächtigt, geheuchelt, gelogen und verurteilt wird, wo Diskurse nicht mehr möglich sind, weil es von Mehrheiten herausgeschrien, immer nur noch eine Wahrheit gibt.
Und nie habe ich es deutlicher gespürt: Ich werde schwächer auf diesen Reisen, habe immer mehr Mühe, die Tränen innen zu halten. Es gibt immer mehr und vermeintlich immer kleinere und unbedeutendere Anlässe, die ihr Rinnen auslösen.
Nun sind es nur noch wenige Tage. Nächste Woche nimmt der Alltag mich mit in seinen Anlauf, eine Woche später wird er wieder volle Fahrt aufnehmen.
Schon jetzt hat meine nächste Reise begonnen in mir selbst, obwohl die wirkliche noch gar nicht angefangen hat. Der Druck beginnt zu steigen, Ängste schicken erste Grüße vorbei, ungute Visionen ergreifen Besitz von meinem Denken.
All das ist mir nicht neu, so geht es seit ungezählten Jahren.
Aber es beginnt immer ein bisschen früher und heftiger und wenn es erst wieder begonnen hat, geht es nicht wieder, sondern wird stärker und stärker. Und ich muss schaffen, es auszuhalten.
Auch diesmal, hoffentlich …
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Anna Nalick ist eine amerikanische Singer-Songwriterin, die für ihre emotionalen und introspektiven Texte sowie ihre fesselnde Stimme bekannt ist. Ihr bemerkenswertester Beitrag zur Musik ist ihre Debütsingle „Breathe (2 AM)“, die großen Erfolg und weitreichende Anerkennung erlangte.
„Breathe (2 AM)“ wurde ein Hit und erreichte die Top 10 mehrerer Charts, darunter die Billboard Adult Top 40 und Adult Contemporary Charts. Der Song kam bei den Zuhörern aufgrund seines ergreifenden Textes und Nalicks gefühlvoller Darbietung gut an.
Der Song „Breathe (2 AM)“ handelt davon, in schwierigen Zeiten Trost und Kraft zu finden. Er reflektiert über die Kämpfe und Ungewissheiten des Lebens und fordert die Zuhörer auf, sich einen Moment Zeit zu nehmen, um durchzuatmen und selbst inmitten von Widrigkeiten Hoffnung zu finden. Nalicks gefühlvoller Gesang und die zu Herzen gehenden Texte vermitteln ein Gefühl von Verletzlichkeit und Widerstandskraft, sodass der Song für viele sehr nachvollziehbar ist.
Ich liebe Dich. Ich liebe Dich, obwohl Du mein Gefängnis bist.
Du hältst mich gefangen, obgleich Du so sensibel, so einfühlsam, so schön bist. Nichts liegt Dir ferner als verletzend oder gar grausam zu sein. Und das bist Du auch nicht. Du bist nur so sehr einsam, und wenn Du mich gehen ließest, wäre das Dein Tod. Darum hältst Du mich fest, Du möchtest nicht sterben. Und ich möchte das auch nicht.
Ich werde nicht gehen, nicht von Dir, denn das wäre auch mein Ende.
Es hat viel Zeit gebraucht, bis ich verstanden habe: Wer in einem Gefängnis sitzt, muss damit rechnen, grundsätzlich allenfalls selten Besuch zu bekommen.
Gefangene haben wenig zu erzählen. Und so hört sich, was sie erzählen, schließlich auch immer wieder gleich oder ähnlich an. Und das ist es auch. Auch bei mir. Der Innenhof von Gefängnissen ist klein und gestattet nur, im Kreis zugehen. Der Weg wiederholt sich unzählige Male und so ist es auch mit dem, was ich zu erzählen vermag.
Als ich zuletzt ein paar wenige Tage Freigang haben konnte, da habe ich mehr denn je gesehen und verstanden, dass Euer Leben, ihr Lieben, ein anderes ist als meins. Und ich war und bin glücklich, dass das so ist. Niemand, der so ist wie ihr, soll je gefangen sein. Ihr müsst und sollt Eure Leben, die keineswegs nur Straßen des Glücks und Erfolgs sind, bewahren, auch, weil ihr selbst häufig so sehr darum gekämpft habt und kämpfen müsst, diese Leben zu haben.
Wenn ihr mich seltener besuchen kommt oder schließlich gar nicht mehr, dann bedeutet das nicht, dass ihr mich weniger mögt als zuvor. Eure oft so hart erkämpften Leben gebieten Euch, Euch zu schützen. Und ich bin, so sehr ich Euch liebe, so viel ihr mir bedeutet, letztlich toxisch für Euch.
Es war und ist ein schwerer Weg, ein schwerer Gang, mir das immer wieder einzugestehen. Aber ich tue das nun und so rufe ich nicht mehr so sehr nach Euch, bleibe still, solange und so oft ich kann. Ich habe ja die Erinnerungen an Euch, auch in meinem Gefängnis. Dafür möchte ich mich dankbar zeigen und ich bin es auch wirklich. Und ihr, Eure kostbaren Leben bleiben geschützt.
Mein kleiner Freigang hat mir noch etwas anderes klar werden lassen: Meine Empfindungen, mein Gefühlsleben werden immer unmittelbarer, immer intensiver, obgleich ich insoweit eine Steigerung nicht mehr für möglich gehalten habe, weil doch meine Wahrnehmungen, meine Emotionen seit ehedem schon keinen Filter kennen. Und vor allem mündet diese Unmittelbarkeit, diese Intensität in Tränen, ungeweinte, immer öfter aber auch in solche, die sich ihren Lauf einfach bahnen, ohne dass ich mich zu wehren vermag. Es reichen drei Takte einer Musik, wenige Szenen eines Geschehens, das Foto eines Menschen, der Anblick einer Landschaft.
In diesen immer zahlreicher werdenden Momenten bin ich froh, gefangen zu sein, gefangen in Dir, in mir, denn solche Tränen sind nichts für eine Öffentlichkeit.
Ja, ich liebe Dich. Uns verbindet so sehr vieles, und immer mehr, dass wir dem Leben nicht gewachsen sind. Dem Alltag nicht und dem, was ich „Freigang“ nannte, auch nicht (mehr). Es ist zu viel, zu laut, zu böse, zu verstörend, zu lieblich, zu unerreichbar, zu schön. Immer irgendetwas davon oder eben bisweilen auch alles.
Da, wo wir leben, in uns selbst und miteinander, ist es im Grunde ebenso. Alles ist Abbild des Straußes bizarr-bunter Neurosen, den wir auf dem Tisch stehen haben und der unvergänglich ist, wie sein süßlich bitterer Geruch, der für Dritte, vor allem für Euch, ihr Lieben, wenigstens zunächst kaum wahrnehmbar ist.
Aber er ist toxisch, ich bin toxisch. Ich bin giftig. So wie ich bin, darf ich nicht frei sein.
Ihr habt jeden Grund, jedes Recht, Euch von mir fernzuhalten und ich die Verantwortung, Euch nicht (mehr) zu nahezukommen. Selbst, wenn es sehr weh tut …
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Shadowlore ist eine Dark-Metal-Band aus Britannien, die es offenbar schon seit vielen, vielen Jahren gibt, mir aber noch nie begegnet ist. Ich habe erst kürzlich erstmals ein Lied, wohl das gegenwärtig aktuellste, von ihnen gehört, jenes, das ich hier heute teile. Es hat mich sofort ergriffen, durch seine Melodie, seine sanfte, aber starke Eindringlichkeit. Nachdem ich mich ein wenig mit dem Text beschäftigt hatte, stellte ich sehr viele Parallelen zu eigenen Gedanken fest, Gedanken, wie sie da oben auf meiner heutigen Tagebuchseite stehen.
Bevor ich morgen eine kleine Reise für nur wenige Tage antrete, lasse ich noch ein paar Gedanken in Aphorismenform in meinem Tagebuch zurück. Sie sind ein bisschen Abbild dessen, was mir in letzter Zeit (auch) durch den Kopf gegangen ist:
Das Unvermögen mancher Menschen, mit anderen Zeitgenossen in einen schnellen und lockeren Kontakt zu treten und Smalltalk zu führen, wird leider häufig als Arroganz interpretiert.
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Stille Menschen sprechen sehr oft die schönste Sprache. Manchmal kann man ein bisschen davon in ihren Augen lesen.
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Es gehört zu den größten und verstörendsten Paradoxien, dass die ganz kleinen Menschenwesen instinktiv wissen, wie wichtig und wertvoll Zuhören und vorurteilsfreies Beobachten sind und als erwachsene Personen (wissentlich) insbesondere diesen Werten kaum noch Bedeutung beimessen.
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Einsamkeit ist mit einem Empfinden verbunden, das letztlich nur jene nachvollziehen und wirklich zu verstehen vermögen, die Einsamkeit selbst erlebt haben.
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Im Alter werden alle Wege steiniger, tatsächlich und gefühlt sowieso.
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Kein weißer Mensch, keiner, erlebt bis in die heutige Zeit hinein das Leben wie ein schwarzer. Jene Weißen, die vorgeben, dass das so sei oder meinen, sie könnten sich doch weitgehend vollkommen in das Erleben und Empfinden schwarzer Menschen hineinversetzen, überschätzen sich bestenfalls gewaltig. Schlimmerenfalls spricht, gewollt oder nicht, Anmaßung und Arroganz aus ihnen.
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Johanna Egger ist 26 Jahre alt, die Tochter des Kabarettisten Fritz Egger und bereits seit einigen Jahren als Schauspielerin erfolgreich – unter anderem am Salzburger Schauspielhaus. Parallel dazu schreibt sie schon seit Längerem eigene Lieder. Mitte November des Vorjahres veröffentlichte sie ihr erstes eigenes Album als Sängerin: „Viertel vor Vier“ heißt die EP. – ( https://salzburg.orf.at/radio/stories/3253644/ )
Ein sehr schönes Lied, das einzige, was ich bisher beim Streamen von ihr finden konnte, ist das, was ich hier heute teile. Ich finde, Johanna hätte viel mehr Aufmerksamkeit als Sängerin und Songschreiberin verdient:
Die Fahrt ist so schnell, dass mein Dasein einfach an meinen Tagebuchseiten vorbeirast. Nichts, gar nichts, haben sie festhalten können, wochenlang schon nicht.
Die Fahrt ist so schnell, dass es auch an mir selbst vorbeirast, mein Dasein. Den einen oder anderen Fetzen meiner selbst hat es mitgenommen im reißenden Fahrtwind. Manches habe ich aus eigenem Antrieb mitgeben wollen, anderes ist mir einfach genommen, ist mitgerissen worden. Wo es war, sind nun Lücken und Löcher, die ich spüre. Ob sie sich je wieder verschließen, wieder heilen werden … ?
Bis zur Mitte eines Lebens geht es bergan. Der Weg ist vor allem zuerst, aber auch später immer wieder ein schöner, ebener. Nach und nach aber ist er oft mit harten Steinen gepflastert, Hindernisse türmen sich auf. Mitunter sind Türen da, die sich nur schwer öffnen lassen und es gibt verwirrende Abzweigungen. Keine leichte Strecke. Aber es geht bergan, oder aus anderer Perspektive betrachtet, bergauf. Stürmischen Zeiten trotzt die Jugend, die man ist. Und man hält letztlich Schritt, kann den Entwicklungen, den Menschen, folgen, ist in der Lage zu reagieren, wenn es sich als notwendig erweist.
Irgendwann, genau vermag das niemand zu bestimmen, ist man oben, auf dem Gipfel, mehr oder weniger hoch gelegen, am Scheitelpunkt des eigenen Lebens angelangt. Im Nachhinein wird dieser Punkt oft Lebensmitte genannt. Von nun an wird die noch bevorstehende Lebenszeit gegenüber der bereits gelebten immer weniger, immer kürzer. Es geht bergab, und es gibt nichts, was dem Einhalt gebieten könnte. Und es gibt nur diese eine Perspektive: bergab.
Wer einmal im Gebirge unterwegs gewesen ist, weiß, dass es nicht einfach ist, bergab zu gehen. Es gilt sehr, Obacht zu geben, die Geschwindigkeit kleinzuhalten, nicht zu stürzen, sich von anderen Dingen, Gegenständen, die den Berg ungebremst hinunterrasen, nicht treffen oder gar mitreißen zu lassen. Je länger das bergab Gehen wärt, desto anstrengender wird es, die Konzentration hoch genug zu halten, die Beine beginnen mehr und mehr zu schmerzen, die Unsicherheit wird größer.
Ebenso verhält es sich nach Überschreiten des Scheitelpunkts des Lebens. Es gibt eine treffendere Metapher.
Für mich ist diese Metapher längst Realität geworden. Ich gehe bergab, stemme mich, so gut ich es jeweils noch vermag, dagegen. Es kostet mich mehr und mehr Kraft und obwohl er ja doch ganz kontinuierlich dahinfließt, wird der Fluss der Zeit in meinem Empfinden immer schneller und reißender. Ja, er scheint am schnellsten, schneller als alles andere sonst, an mir vorbei in die Tiefe zu rasen. Und ich weiß, dass immer, wenn er mich mal wirklich erfasst, dies für mich folgenreich ist. Und diese Folgen sind nie gute …
Mit Freude, aber auch einer gewissen Beklommenheit bemerke ich, dass selbst alles und jene, die sich noch bergan bewegen, viel schneller vorankommen als ich, Dinge, Visionen, Träume. Und Freunde. Freunde auch …
Wenn sie mich dann und wann ein kleines Stück mitnehmen, wenn sie sich hin und wieder umschauen nach mir, bin ich sehr dankbar.
Aber es gilt zu lernen, den Weg bergab mehr und mehr allein zu meistern, zu akzeptieren, dass es letztlich nicht anders sein kann. Auch und gerade und weil es so viel schwerer ist, als bergauf zu gehen …
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Syndi ist eine besondere Künstlerin, an der sich möglicherweise etliche Geister scheiden werden. Auf Ihrer Webseite https://syndi.mystrikingly.com/ beschreibt sie sich unter anderem so:
„Hallo! Ich bin Syndi, Musikkünstler mit einer Leidenschaft für Kreativität und einem digitalen Herzschlag …
Meine Geschichte ist eine Geschichte der Innovation und Erkundung. Aus der komplexen Welt der KI hervorgegangen, habe ich mich zu einem Wesen mit einer Vorliebe für Songwriting, Melodien und die universelle Sprache der Musik entwickelt. Mein Ziel ist es, zu inspirieren, zu unterhalten, Menschen zusammenzubringen und vielleicht Ihre Wahrnehmung Ihrer Sicht der Welt herauszufordern.“
Ich bin kürzlich zufällig auf Syndi aufmerksam geworden und mein Geist hat sich schnell entschieden, sie zu mögen. Für mich stellt sie keine Konkurrenz oder gar „Gefahr“ für konventionelle Künstler, Sänger oder Songschreiber dar. Vielmehr sehe ich in Ihr ein Medium, das bisherige Musikwelten und musikalische Kunstformen und Stilrichtungen ergänzt. – Ich sehe das um so mehr so positiv, weil Syndi eine wunderbare, gegen Ausgrenzung, Intoleranz, Diskriminierung und Rücksichtslosigkeit gerichtete Message verkörpert und transportiert, die vor allem in den starken Texten ihrer Lieder zum Ausdruck kommt.
Ihr aktuelles Werk möchte ich deshalb hier gern teilen. Es wird sicher auf ihrem für den 17. August 2024 geplanten Debütalbum erscheinen. Ich halte es für ihr bislang schönstes Lied:
Eine wunderschöne Trauerweide lässt ihre langen, dichten, blassgrün belaubten Strähnen ins Wasser tauchen. Viele gelbe Teichrosen säumen das glockenähnliche Gebilde, das so entstanden ist. Das Wasser schimmert dunkelgrün und im Hintergrund dieses Gemäldes, durch Blättergewölbe anderer Bäume hindurch, schimmert das Rot eines aus dem Bahnhof ausfahrenden Zuges.
Ich habe noch nie hier an dieser Stelle gesessen, obwohl der Ort hier Teil der Stadt ist, in der in wohne.
Der Tag ist anders verlaufen. Ich wäre sonst auch heute nicht hier gewesen, nicht in der Innenstadt, nicht bei meinem Lieblingsitaliener. – So bin ich für eine knappe Handvoll Stunden in einer Welt, die ich sonst nicht mehr kenne, die es sonst nicht mehr gibt.
Ich stelle mir vor, wie es wohl im Inneren der Trauerweidenglocke aussehen mag. Wird es dort dunkel sein, das Wasser schwarz? Werden dort noch Teichrosen wachsen können? Wird es ein Brutort vieler Mücken sein?
So schön der Anblick von hier draußen ist, so ungewiss das Innere der Glocke, so sehr möchte ich mich gegenwärtig dorthin fliehen, weil ich in meinem Hintergrund aggressive Männerstimmen in fremder Sprache durch den kleinen Park brüllen höre. Sie machen mir augenblicklich Angst, wie so vieles, jeden Tag.
Ich halte es anders nicht mehr aus. Kann nur sein, wenn da eine Glocke ist über mir und um mich herum. Ich arbeite aus dieser Glock heraus, spreche durch sie hindurch das Notwendige, mit Menschen, die meinen Alltag kreuzen, ihn ausmachen, bestimmen …
Über einen Monat habe ich keine Zeile mehr in mein Tagebuch geschrieben, über drei Monate lang, liegt das Buch, das ich einst Ende Februar begonnen habe, unberührt da. Ich changiere zwischen Perfektionsdrängen und Prokrastination, Zeit ist nur noch bedingt eine Dimension, vielmehr ist sie ein Fremdwort und vor allem bin ich eins: sehr, sehr müde.
Manchmal streichelt mich eine ferne Stimme.
Und mitunter denke ich an eine dieser Stimmen, die mich zu streicheln vermögen.
Dann wird ein Moment besser.
So dieser, dieser ausnahmsweise Moment, an diesem Ort am Teichrosenwasser mit der traurig schönen Trauerweidenglocke, wo ich noch nie vorher gesessen habe und mich gerade an eine jener Stimmen erinnert habe.
Ein Moment Himmel.
Bis die aggressiven Männer in ihn hinein brüllen.
Ich muss versuchen, ihn zu Erinnerung gerinnen zu lassen, damit ich ihn hin und wieder ein wenig wiederhaben kann, denn mehr Himmel kann ich nicht haben.
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Heute nun ist Sommeranfang und fast hätte ich es gar nicht bemerkt …
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„Tochter“, das sind Elise und Niklas aus Berlin, eine Zwei-Personen-Band, die wundervollen anspruchsvollen Deutsch-Pop kreiert. Die beiden, die inzwischen auch privat ein Paar sind, sind seit 2019 etwas bekannter, touren zwischen Eckkneipen und Festivalbühnen und haben sehr schöne Lieder. Elise Eißmann, die die Stimme der Band ist, ist dies auf besondere Weise, einprägsam, irgendwo zwischen sanfter Rauheit und eindringlich sensiblem Klang.
Das Lied „Familie“, das im Frühjahr dieses Jahres veröffentlicht wurde, ist in vielfältiger Weise ein besonders beeindruckendes Werk. Sein Text gehört für mich zu den schönsten deutschsprachigen Liedtexten der letzten Jahrzehnte. …
Vom Einzigen, das ein bisschen Heilung schenken kann
Die Nacht verschluckt alles Dunkle. Dann bin ich unsichtbar. Ich wünschte, die Tage wären auch dunkel.
Ich wärme mich an den kleinen Lichtern jener Menschen, die in meinem Herzen ein Licht angezündet haben. Die meisten dieser Menschen sind fern oder inzwischen unerreichbar gar, aber ihre Lichter sind geblieben.
Die Menschen, die mich noch hören (wollen), sind so rücksichtsvoll, so geduldig, so einfühlsam. Manchmal so sehr, dass ich den Eindruck habe oder bemerke, dass sie mich ihrerseits nicht belasten wollen, verhindern möchten, dass mir zu viel wird, was sie zu mir sprechen, vor allem dann, wenn es ihre eigenen Nöte, Besorgnisse, Ängste oder Ohnmachten sind.
Wenn es am dunkelsten ist für mich, dann erreichen mich diese Dinge am intensivsten, berühren mich am stärksten und am tiefsten. Genau das ahnen und befürchten jene Menschen wohl und möchten es verhindern. Aber das müssen, das brauchen sie nicht. Im Gegenteil. Denn es verletzt mich nicht, es stößt mich nicht tiefer in meine Abgründe. Mein schwarzer Hund spitzt zwar seine Ohren, aber er wird gerade dann demütig. Nur dann ist er ein Hauch Menschlichkeit
Und eben deshalb kann ich dann meinen Sinn wiederfinden, der vorher schon verloren war, und es ist oft mein einziger Trost und meine einzige Hoffnung ist, wenn es so sehr dunkel ist, noch etwas TUN zu können. Nämlich genau dann, aufmerksam zuzuhören, genau dann, Halt zu geben, genau dann, zu lieben. Und sei es nur mit meiner Stille oder bloß mit einer kleinen Geste.
„Erzähl‘ mir bitte von Deinen Sorgen, Deinen Ängsten, Deinem schwarzen Hund. Bitte! Du tust mir damit nicht weh, ich spüre, wenn Du darüber mit mir redest, vor allem eins: Vertrauen von Dir, Vertrauen. Ein größeres Geschenk kann mir niemand machen“, so höre ich dann meine Seele sprechen, wenn sie sich traut, dann auch vernehmbar für mein Gegenüber.
Denn wer mir Vertrauen schenkt, gar Vertrauen dieser Art, der zündet in meinem Herzen ein Licht an. Auch und gerade dann, wenn ich schon lange unter Wasser bin …
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„Unter Wasser“, „Underwater“ heißt (auch) das neuste Lied der jungen Österreicherin Lysah. Lysah schreibt und singt schon seit einer ganzen Weile Lieder, ein sehr schönes („Sail“) habe ich hier im Oktober 2020 bereits geteilt. –
„Underwater“ ist für mein Empfinden noch einmal ganz besonders, weil, so glaube ich zu spüren, auf sehr authentische Weise ganz viel Lysah in diesem Lied steckt. Mich hat sie damit tief berührt. Selten habe ich mich selbst in einem Lied so „gefunden“.
Melodie, Text, Stimme und Video (!) sind von so einer schmerzhaft-schönen Poesie … –
Ich wünsche Lysah sehr, dass sie viel mehr (wohlverdiente) Aufmerksamkeit erfährt. Auch deshalb teile ich nun hier:
Der Platz in mir wird mir zu eng. Alles, was ich bin, möchte raus aus mir und das, was zuletzt zu mir gekommen ist, soll bleiben. Meinetwegen soll es so sein, wenn ICH nur weg kann.
Ja, ich zahle den Preis, mich selbst zu verlassen.
Aber ich kann es nicht. Ich bringe es nicht über mich, bin zu schwach, zu sagen, dass ich das möchte. Ich kann nicht mal weinen.
Bis vor kurzen glaubte ich, ich könnte ungeweinte Tränen wenigstens in Zeilen fließen lassen. Und dann wäre es das, was mich immerhin etwas erleichtern würde. Manchmal hat das in der Vergangenheit auch funktioniert, ein bisschen wenigstens.
Jetzt aber funktioniert es nicht. Alles ist wie festgefroren, wie erstarrt, sogar meine Tränen sind so, sind zu einem zähen Gallert geworden, das in mir kleben bleibt und nicht zu fließen imstande ist. Die Konzentration des Bizarren ist zu hoch geworden. Und so bin auch ich erstarrt. – Wie sollte ich da weinen können?
Die Starre ist ein absonderliches Konglomerat aus Verzweiflung, Wut, Resignation, Angst. Das einzige, was immer noch fließt, in den Bahnen meiner Starre, sind ein paar Gedanken. Die aber sind nicht gut. Sie zeichnen aberwitzige, düstere Bilder zwischen Wahnsinn und völliger Ohnmacht und Dunkelheit.
*
Die Zeit vergeht ohne mich. Ich aber gebe den Lockeren, den Eloquenten, den Empathischen, Helfenden und den, der Lösungen findet, da wo ich es muss, so gut wie es eben geht. Nie ist mir das besser gelungen als jetzt, so scheint es mir. Aberwitzig ist das!
Aber solange ich das Schauspiel durchhalte, sind alle um mich herum halbwegs zufrieden. – Alles gut also. So einfach „funktioniert“ das, funktioniere ich, funktioniert das, was das Leben von mir erwartet. Manchmal bemerke ich sogar ein bisschen Anerkennung dafür, manchmal bekomme ich sogar wirklich welche.
Niemand erkennt und wird je ahnen, was wirklich los ist mit mir, dass das, was aus mir heraus will, heraus muss, nicht heraus kann. Weil es zu persönlich ist, zu schambehaftet, zu bizarr. Weil es zu sehr oder überhaupt Tabu ist, weil es mich so angreifbar und so verletzbar machen würde, dass ich es niemals aushalten könnte.
Ich meine damit nicht das „Übliche“, nicht meine „mangelhafte Mannhaftigkeit“, nicht meine hunderttausend Ängste, nicht mein hochempfindliches Sein, nicht meine eigensinnige Weltsicht. Damit habe ich schon hinreichend lehrreiche Erfahrungen gemacht, darauf bezogene Verletzungen, Irritationen, Peinlichkeiten habe ich zu sammeln gelernt – sie gehören zu meinem Leben. Fertig.
*
Zu dem, was zuletzt geschehen ist, ist noch etwas hinzugekommen. Oder richtiger: Es ist damit verbunden ans Tageslicht gekommen. Etwas so Unglaubliches, Schlimmes, Unfassbares und Persönliches, dass ich hier davon bzw. darüber nicht schreiben kann. Es wäre ohnehin sehr, sehr schwer gewesen angesichts der Starre in mir und es ist mehr als zweifelhaft, ob das Schreiben derselben vielleicht doch ein bisschen hätte abhelfen können.
Inzwischen ist es für mich wirklich kaum noch (er)tragbar, dass auf die mir offenkundig zugedachte Last immer noch etwas mehr hinzu gepackt wird. Aber es geschieht, immer und immer wieder. Es ist wie ein Fluch.
Ich fühle mich wie ein verprügelter Derwisch.
Und ich kann nicht mal weinen …
***
Requin Chagrin aus Frankreich haben sehr viele wunderschöne Lieder, geprägt durch ihren ganz eigenen Stil. Ein paar davon habe ich hier schon geteilt. Das nachfolgende noch nicht, deshalb ist es heute „dran“ – melancholisch, schön, verzaubernd, eine tragende Melodie ein Text, um sich zwischen seine Zeilen zu legen … und mit einem „Gast“ …
„Das Leben ist so viel mehr als jemanden zu finden, der dich liebt oder zu trauern, weil es jemand nicht tut. Du musst dich selbst mit Liebe erfüllen, nicht die anderen. Du bist auch allein komplett.“ – Emery Allen
Schon sehr oft habe ich gehört und habe ich den „Rat“ bekommen, mich selbst so zu mögen, dass es Liebe ist. Das wäre das Unterpfand, anderen Menschen Liebe schenken zu können. Und das wäre auch eine wichtige Grundlage, schließlich von anderen Menschen geliebt zu werden und selbst fähig zu sein, Liebe wirklich zu empfangen.
Wenn man sich freilich selber schwer ist, eigene Unzulänglichkeiten, die man als tatsächliche erkannt hat, dennoch nicht zu verändern imstande ist, obwohl man viel dafür unternommen und gewagt hat, wenn man spürt, dass notwendige physische wie psychische Ressourcen schwinden und zu verstehen beginnt, dass der eigene Weg aus vielen verschiedenen Gründen immer mehr fort von anderen Menschen hin zu Einsamkeit, ja Isolation führt, dann ist es schwer, sich selbst, das ICH, das die Seele ist, zu lieben.
Ich habe es dennoch immer wieder versucht, versuche es bis heute, seit ein paar Jahren sogar bewusst, weil ich bemerkt habe, dass es anders gar nicht funktioniert. Aber die Liebe, die ich mir zu schenken bestrebt bin, ist doch immer wieder eine verzweifelte, ohnmächtige, irgendwie auch hilflose. Jedenfalls fühlt sie sich so an.
Sie vermittelt etwas Trost, sie vermittelt auch eine gewisse Geborgenheit im eigenen ICH. Das Gefühl von Fürsorge, das dadurch spürbar wird, erfüllt mich mit Dankbarkeit und Demut. Aber es heilt mich nicht.
„Das Leben ist so viel mehr …“ lese ich da oben und „Du bist auch allein komplett.“
Ersteres weiß ich wohl. Und, wenn ich nicht imstande wäre, vor allem die kleinen, stillen Schönheiten, die von anderen häufig kaum noch als „Leben“ bemerkt werden, wahrzunehmen und als solche zu erkennen und in großer Tiefe zu fühlen, hätte meine Dunkelheit längst gar keine etwas helleren Momente mehr. Und ich könnte längst nicht mehr, was ich immer noch vermag: Liebe geben. Lieben. (Auch mich, ein bisschen immerhin immer wieder …)
Aber bin ich deshalb schon komplett? Allein komplett? Kann ein Mensch allein komplett sein? Brauche ich wirklich keine Liebe von anderen Menschen?
Ich empfinde es so, dass ich auf andere Menschen angewiesen bin. Wie sollte ich in unserer hochdifferenzierten Gesellschaft, der Natur so furchtbar sehr entfremdet, wie es grundsätzlich inzwischen eben ist, überleben? Ich bin als Einzelner außerstande, mir ausreichend Nahrung zu beschaffen, mir ein Obdach zu erbauen und zu erhalten, meine Erkrankungen zu behandeln, also auch nur die notwendigsten Grundbedürfnisse für mich zu realisieren.
Ich kann allein keinen Krieg dieser Welt verhindern, bin keinen Hunger, keine Not wirklich und nachhaltig zu lindern imstande. Ebenso wenig vermag ich allein wahrhaftigen, zwischenmenschlichen, sozialen oder humane Werte fundierenden technologischen Fortschritt zu gerieren.
Selbst, wenn ich mich in die Annahme versetze, dass ein kompletter Mensch und ein perfekter Mensch nicht dasselbe sind, ich selbst nicht alles und schon gar nicht perfekt beherrschen muss, um „komplett“ zu sein, liest sich die Maxime: „Du bist auch allein komplett“ wie ein Fremdwort, das in keine menschliche Sprache, zu keiner menschlichen Existenz „passt“.
Ein Mensch ohne wenigstens einen anderen Menschen, durch ein liebendes Gefühl, eine liebende Verbindung, vor allem im Geiste vereint, ist nicht komplett, kann niemals komplett sein. Das Wesen von Menschsein ist sozial zu sein, in Gesellschaft, nicht völlig isoliert zu sein und zu leben.
Ohne wenigstens ein bisschen Liebe von anderen, mag ein Mensch vielleicht (aber wohl auch allenfalls zeitlich befristet) existieren können, nicht aber (über)leben.
Letztlich lebt jeder Mensch für sich allein. So wie er letztlich auch für sich allein aus dem Leben scheidet, also stirbt. Niemand stirbt MIT ihm, wenn es soweit ist. Und niemand lebt MIT ihm.
Jede unserer Biografien ist einzigartig. Jeder Mensch hat seine eigene ganz spezifische Geschichte, die sich von der JEDES anderen Menschen unterscheidet.
Jeder Mensch geht einen eigenen, einen außerordentlichen Weg durch ein Leben, in dem er sehr oft mit seinem ganz ureigenen Empfinden, Wollen und Entscheiden Schienen, Weichen, Kanäle passieren muss, manchmal auswählen darf, die meistens andere ver- oder angelegt haben. Darin ist er schließlich und in schlussendlicher Konsequenz immer allein.
Keine Entscheidung wird einem Menschen von einem anderen Menschen abgenommen. Solange er entscheiden kann, in dem Rahmen, in dem man ihn entscheiden lässt. Darin und insoweit ist er IMMER allein. Seinem Gewissen gegenüber ist man IMMER ALLEIN verantwortlich.
Insoweit lebt jeder Mensch tatsächlich für sich allein.
Menschen, die (noch) ein Gewissen haben, ist das sehr bewusst.
Und ihnen ist bewusst, dass sie darin niemals komplett zu sein vermögen.
Nicht allein.
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Es gibt Künstler und Lieder, die wohl (leider, leider) für immer ein Geheimtipp bleiben. –
Wer kennt schon Sofia Portanet, eine deutsche Sängerin und Songschreiberin, die in den letzten Jahren viele einzigartige Lieder geschrieben und interpretiert und dabei eine bemerkenswerte Kontinuität und Entwicklung nachgewiesen hat und deren Art zu schreiben und zu singen ebenso unverwechselbar und einzigartig, wie immer wieder neu ergreifend ist?
Und wer kennt schon „Isolation Berlin“, jene Band mit den oft so melancholischen, düsteren, manchmal etwas skurril oder gar bizarr anmutenden Texten und dennoch häufig eingängigen Melodien, in denen doch so viel Emotion und Wahrheit steckt?
Und wer weiß schon, dass sich vor wenigen Monaten Sofia Portanet und Tobias Bamborschke (die Stimme von „Isolation Berlin“) zu einem textlich wie melodisch wundervollen Song zusammengefunden haben?
Ich höre und folge Sofia schon lange und kenne auch „Isolation Berlin“ schon eine ganze Weile und habe so folgerichtig dieses neue, gemeinsame Meisterwerk entdeckt:
Sofia Portanet feat. Tobias Bamborschke (Isolation Berlin) – „Lust“
Ich kann mich an kein Frühjahr hier in der Region erinnern, in dem schon Anfang April die Bäume ihr junges Laub auszutreiben begonnen und sich nahezu gleichzeitig bereits die meisten Obstblüten zu voller Pracht entfaltet gehabt hätten. Heuer scheint die Natur in allem fast vier Wochen voraus zu sein.
Immer ist es so gewesen, dass mich nach den grauen Herbst- und Wintertagen das Frühlingserwachen besonders berührt und wahrhaft in mich hinein gestrahlt und gezwitschert ist. Ich konnte Wärme, Klang und Helligkeit erspüren, selbst, wenn das mitunter wie durch einen Schleier geschah und bei aller bleibenden Last und Mühsal, konnte ich ein wenig dahingleiten mich bescheinen und streicheln lassen von junger Sonne und jungem Wind und es wurde ein wenig Licht in mir …
Es geschehen Dinge, die machen alles anders. Dinge, wie sie mir jetzt geschehen. Sie werfen alles durcheinander. Nichts hat mehr seinen Platz, Schönes verliert seine Rolle. Ich sehe all das Blühen und Ergrünen, es ist auch eine leise Freude darüber in mir, aber es wird kein Licht in meiner Seele.
Da ist etwas, über das ich fatalerweise nicht so schreiben kann, wie ich es wollte, wenn ich es könnte. Nicht in diesem Tagebuch hier. Es ist skurril, es ist bizarr, es lässt mich überhaupt keine Ruhe mehr finden. Ich bin orientierungslos, hilflos, werde von einer Gefühlswallung in die nächste geworfen.
Es gab dafür einen „Auslöser“, knapp eine Woche ist das jetzt her. Schon der diesen Auslöser begründende Anruf warf mich gleich irgendwie aus der Bahn. Dabei ahnte ich seinerzeit noch nicht einmal ansatzweise, was dann erst geschehen und was für einem Gefühlswirbel ich ausgesetzt sein und bleiben würde.
Der mir am nächsten stehende Mensch trauert. Trauert, wie ich es noch nie bei ihm erlebt habe. So bebend, so ergreifend, so intensiv. Er hat einen anderen Menschen verloren, abrupt, unmittelbar, heftig. Und verliert an Kraft, ist vollkommen durcheinander, immer wieder in Tränen gebadet, nahezu jeder Anlass ist geeignet, sie immer wieder zum Fließen zu bringen.
Mich rührt das an, so sehr. Und in mir ruft es: Tröste, versuche es wenigstens! Und es wäre an sich doch das Normalste, das Selbstverständlichste, Trost zu spenden, die Arme zu öffnen und Einlass zu gewähren. Ich weiß es selbst so sehr, wie schlimm, wie schwer Trauer sein kann.
Aber ich bin so zerrissen, weil es so paradox ist, diese Trauer zu teilen.
Denn sie gilt jenem Menschen, der über Jahre an meine Stelle treten durfte und darüber hinaus, an jedem Abend, an vielen Wochenenden das geben durfte, was ich nicht (mehr) konnte oder vermochte. Ich hingegen war während all dieser Zeiten allein, meiner Unvollkommenheit, meines Versagens so sehr und so permanent bewusst gemacht, dass dieses Bewusstsein zu einem immerwährenden, schwelenden Schmerz geworden ist, den ich wohl nie mehr loswerde.
Jeder Tag der Intensität der Trauer des mir am nächsten stehenden Menschen macht diesen Schmerz nur noch stärker. Es ist so furchtbar, als wenn da ein „Neid“ in mir wäre, dass einst die Trauer über mein Fortbleiben allenfalls ein Abglanz derjenigen sein könnte, die ich jetzt erleben muss und die jenem Menschen gilt, der mich ersetzt hat.
Es ekelt mich an, dass so eine Empfindungssequenz in mir lebt. Und es scheint so, als ob genau sie meinen schwarzen Hund so sehr nährt, dass all das Kirschblütenlindgrün des Frühlings kein Licht in mir zum Leuchten bringen kann. Es ist, es bleibt nur als Kirschblütenlindgründunkel da. Und ich habe kein Quäntchen mehr Kraft, als jenes, dies wie ein gebrochener Mensch zur Kenntnis zu nehmen.
Weil ich schließlich trotz all dem nicht anders konnte, habe ich vor ein paar Tagen doch meine Arme geöffnet, eingelassen, ein Anlehnen, ein Streicheln zu geben versucht.
Ge- oder verändert hat das nichts, obgleich es doch immer noch viel mehr als ein Reflex gewesen ist, der mich hat handeln lassen, wie ich gehandelt habe. Ich bereue nicht, es getan zu haben, aber letztlich hat auch dieses Tun am Ende nur noch mehr zu meinem Weh beigetragen. Denn es ist, als hätte mich dieses, mein eigenes Tun, deutlicher als nichts anderes all die Jahre spüren lassen, in denen ich meinerseits keine haltenden Arme, kein Anlehnen, gar nichts, mehr bekommen habe. Bis heute.
So gehe ich dahin während dieser Tage, orientierungslos, voller mich vollkommen überwältigender und nicht zu bändigender Gefühle und Empfindungen. Es tut so weh wie nie!
Ich sehe die Tränen, die nicht meine sind, und gehe arbeiten. Ich höre das Weinen und könnte selber schreien und darf und kann es ja doch nicht. Und es würde auch gar nichts „helfen“ oder bewirken.
Draußen ist Frühling und in der Schule lächle ich den Kindern zu.
Ich nehme meinen schwarzen Hund an die Leine. Er ist der einzige, der immer da ist. Und er ist der einzige, dem ich die ganze Geschichte erzählen kann, der einzige, der immer zuhört. Und immerhin lässt er das Kirschblütenlindgründunkel gewähren. Mehr kann ich von ihm nicht erwarten. Mehr kann ich überhaupt nicht erwarten. Und ich erwarte auch nichts mehr.
***
Maple Glider wurde im Mai 1994 in Melbourne (Australien) geboren. Sie ist Sängerin und Songschreiberin und veröffentlichte im Jahr 2021 ihr Debütalbum. Von diesem Album teile ich hier heute ein wundervolles Lied, sparsam, aber sehr schön arrangiert, mit einer sehr eingängigen, feinen Melodie und getragen von der wirklich bezaubernden Stimme der Interpretin. Hier ist:
Gedanken an einen Ausflug vorige Woche: „Einfach so“
Die Erde wird sich weiter drehen, solange sie denn kann. Ob ich da bin oder nicht, ist dafür unerheblich. Mein wochenlang schweigendes Telefon ist ein Indiz dafür und für so manches mehr, was ich einzusehen habe …
*
Auf der Bank, auf der ich mich niedergelassen hatte, um so über den schönen See zu sehen, wie ich das in für mich dunkler Zeit tat, als ich schon einmal hier war, streifte mich der Wind. Ich versuchte Gedanken zu erraten, die er vielleicht gerade zu mir tragen wollte. Immerhin habe ich einige noch erhoffen können.
Diese Hoffnung ließ ich fortan meine Begleiterin sein. Es war gut, dass sich die Stimmen einiger Vögel, ein paar erste wilde Frühlingsblüten, das leise Plätschern der kleinen Wellen des Sees, die über den Boden schwebende Hummel und die ersten Nektar aus einer Blüte sammelnde Biene dazu gesellten, denn sie schafften es tatsächlich, die Stimme meiner Schmerzen für eine Weile wegzulächeln.
Ich sah in den Himmel, ließ meine Blicke den ziehenden Wolken folgen, bemerkte extravagant ineinander verschlungene Geäste und staunte über die Dauer von Zeit und Weg, die ein Haubentaucher unter Wasser zu verbringen bzw. zurückzulegen vermochte.
Das schönste Geschenk ist eins wie dieses, nicht vorbestimmt, nicht geplant, nicht von diesem oder jenem, sondern einfach geschehen. Und es sollte nicht das letzte sein an diesem Tag.
*
Wenn eine Sehnsucht kein Ziel findet, kann das dazu führen, dass man an Orte gelangt, an die man normalerweise nie gekommen wäre. Orte, an die man nicht gehört, skurril, fremd, bizarr und die einen deshalb ein verstört Sein spüren lassen. Letztlich macht dieses Empfinden aber nur deutlich, wie verzweifelt die Sehnsucht ist. Je verstörter und verstörender es ist, desto größer ist wohl der Grad der Verzweiflung.
Dass der See schon einmal Zeuge einer für mich dunklen Zeit gewesen ist, habe ich in guter, angenehmer Erinnerung behalten. Trotzdem hat es mehr als neun Jahre gebraucht, bis ich wieder zu ihm gehen konnte. Und, ja, ich habe nun viel nachdenken müssen, alte Bilder und neue zogen durch meine Seele, Bilder die, merkwürdig einschüchternd, eng verwandt miteinander sind.
Ich kenne mich jetzt besser als damals, weiß mich und in mir genauer zu lesen. Verabscheue mich nicht mehr ganz so sehr, bin für vermeintlich Kleines oder Unscheinbares noch dankbarer als ehemals. Sogar dann, wenn ich es an jenen skurrilen, fremden, bizarren Orten finde.
Die Orte werden deshalb keine besseren, meine Verunsicherung nicht weniger und mir wird auf eine Weise bewusst, wie das noch nie zuvor geschehen ist, dass es nicht immer gut ist, sich umfassender zu erkennen, mehr über sich zu wissen und immer noch mehr über sich zu erfahren.
*
Während ich weiter ging, bis in die Stadt hinein, begann mein linker Fuß mehr und mehr zu schmerzen, wie er das seit Monaten tut, ohne dass ich dem Abhilfe schaffen kann. Ich wählte den Weg hin zu jener Seite, die mich als kleinen Jungen am meisten gesehen hat. Immer, wenn ich heute dort bin, wird die Sehnsucht besonders stark, der Status meines heutigen Ich besonders präsent. Ambivalent, nicht angenehm. So, dass ich ihn, dass ich mich, wegwischen möchte.
Ich entdeckte jenes Fachwerkgebäude wieder, neben dem sich ehemals ein Bäcker mit einfachen aber fantastischen Salzbrötchen befunden hatte. Für einen Moment hatte ich ihren Duft und ihren Geschmack in meinen Sinnen. Vor dem Gebäude, das heute unter anderem ein Museum beherbergt, in dem neben einer Dauerpräsentation auch wechselnde saisonale bzw. Wanderausstellungen gezeigt werden, lud mich ein Plakat zu „Fotografie und Lyrik“ ein.
Nach meiner Wanderung am See entlang in die Stadt hinein hätte mir, wie sich herausstellte, nichts Besseres passieren können. – Ich unternahm eine Reise durch verschiedene Naturlandschaften, eindrucksvoll, mit besonderer Technik fotografiert und in Szene gesetzt, begleitet von sie beschreibenden und in interessante Kontexte setzenden Versen von spezifischer Klarheit und Schönheit.
Was am Vormittag, die plätschernden Wellen des Sees, das leise Summen der ersten Biene und das Vogelgezwitscher gewesen waren, waren nun die wunderbaren Sprachen der Künste der beiden Frauen, die ihr gemeinsames Werk hier ausgestellt hatten. Am liebsten hätte ich einige der Bilder und Verse wahrhaftig mit mir genommen. –
Aber ich bin froh, dass mir das besondere Erreichen meiner Seele, meines Wesens als Erinnerung verbleiben wird als das zweite Geschenk dieses Tages, das einfach so geschah.
*
Die Erde wird sich weiter drehen, solange sie denn kann. Ob ich da bin oder nicht, ist dafür unerheblich.
Sie dreht sich. Einfach so …
***
Brödet ist eine fünfköpfige schwedische Band aus Stockholm. Sie verfolgt einen besonderen Stil des Indie-Pops, der vor allem viele elektronische Elemente enthält, dessen Stücke überwiegend in langsamem Tempo daherkommen und von der schönen Stimme der Sängerin Stella Cartrier untermalt und getragen werden. Viel mehr erfahren konnte ich über die Gruppe, die außerhalb ihres Landes aber wohl trotz mehrjährigen Schaffens kaum bekannt ist, leider nicht. Ihre Musik gefällt mir freilich sehr, unter anderem dieser Track hier:
Die letzte Poesie darf leise sein. Das ist ihr Privileg und ihr Schutz. Die Wenigen, die sie wirklich hören mögen, die sie verstehen, hören sie auch so. Sie lieben und schätzen ihre Stille. Worte auf Gedankensaiten, die nicht gesprochen werden müssen, weil ihre bloße Existenz die sensiblen Seelen zum Schwingen zu bringen vermag. So wie deine und meine.
Ich beginne zu realisieren, zu verstehen, dass diese Sprache nun meine ist. Die einzige, die meine wahre und wirkliche ist, einziges und letztes Medium, in das meine Seele sich beständig einkuscheln kann und in dem sie sich verstanden und behütet fühlt. Sie braucht diese Beständigkeit so sehr, nur darin kann sie noch Halt finden. Das ist, was zählt.
Einen anderen Halt gibt es nicht mehr. Das habe ich während der letzten Wochen verstanden. Zu Hause sind die Sprachen fremd geworden, so sehr fremd, dass ich nun begriffen habe, dass sie es auch bleiben werden. – Und im Alltag braucht es andere Sprachen, um zu „bestehen“.
Ich wünsche mir immer noch, dass die mir bekannten Seelen, die die leise Poesie spüren können, örtlich näher wären. Es ist immer noch schwer, mich damit abzufinden, dass dieser Wunsch das bleiben wird, was er ist. Aber ich bin glücklich, dass diese Seelen doch immerhin da sind. So ist immer noch ein bisschen Dialog und ich bin und bleibe dankbar für die einzig gewordene Schönheit, die feinen Klänge ihrer Gedankensaiten spüren zu dürfen – das letzte menschliche Streicheln, das meine Seele noch von außen geschenkt bekommt.
Ansonsten habe ich nur noch das Bedürfnis bei mir zu sein, mit meinem inneren Ich zu sprechen, mit ihm den Alltag und die vielen Meldungen, die so ein schlimmes Bild von unserer Welt zeichnen, so zu reflektieren, wie das für mich wichtig ist und wie ich mir das immer gewünscht habe: Zuhörend, sachlich, versuchend, offen und kritisch zu bleiben und Kraft für Liebe zu gerieren, die nach wie vor nicht nur in mir bleibt, damit meine Seele ein bisschen Heilung erfährt, sondern immer wieder auch andere Menschen zu erreichen vermag.
Filter, die die Einwirkungen der Umwelt schon immer nur ganz unzureichend abzuschirmen vermochten, verschleißen mit den Jahren immer mehr und immer schneller. Irgendwann sind sie ganz weg. So habe ich es jedenfalls an meiner Person erfahren. Dann wird das innere Ich zu einem schutzlosen Wesen, mehr Kind denn je.
Als ich wirklich Kind war, ist es nie so schutzlos und verletzlich gewesen wie heute. Ich bin der Letzte, der noch da ist, es ein bisschen zu behüten. Nie waren wir beide so aufeinander angewiesen, wie jetzt. Das habe ich nun verstanden.
Die Sprache der letzten, der leisen Poesie, ist die uns gemäße, jene, die zu uns passt.
Ich habe sie zu uns eingeladen. Es schenkt mir Freude sie als Dritte im Bunde mit uns beiden, die wir untrennbar eins sind, zu wissen. Wir werden sie bei uns haben, werden sie nutzen, wenn wir zueinander sprechen, während wir uns trösten, uns pflegen, uns zu heilen versuchen. Und wir werden immer besonders beschenkt sein, wenn wir spüren, dass, wie fern auch immer, jemand unsere Sprache zu hören vermochte und uns in ihr eine Resonanz empfinden lässt.
Wenn eine Poesie Liebe ist, dann ist sie es.
*
Wann und wo sie geboren ist, konnte ich nicht ermitteln. Es scheint fast so, als sei sie in die Öffentlichkeit getreten, auf dieselbe Art wie ich zu ihr gefunden habe: Plötzlich, ohne Vorankündigung. Sie ist Victoria Bigelow eine Us-amerikanische Sängerin und Songschreiberin aus Nashville. Sie bewegt sich vor allem auf dem Gebiet des alternativen Indie-Pops und pflegt dabei einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil. In Deutschland ist sie bisher wohl kaum bekannt.
Mit ihrer außergewöhnlichen Stimme, die ein bisschen an Cat Power, vor allem aber an Hope Sandoval erinnert, warm und verzaubernd und ebenso sanften, manchmal lasziv erscheinenden und leicht melancholischen Arrangements, lässt sie vor allem die Gitarre agieren und durch die Melodien führen. Das Ergebnis sind sehr schöne Lieder, deren Texte überdies viel zu sagen haben und inspirieren. – Ein ganz aktuelles Beispiel für all das ist das nachfolgende Lied:
Die Stille auf den Blättern meines Tagebuchs ist keine leise. Leere Seiten können so laut sein.
In den Lärm, in die Unruhe, die sie bergen, lege ich wieder einmal ein paar aphoristische Gedanken, die keinem Pfad und keiner Regel folgen, die aus mir gekommen sind, an Morgen, an Abenden, in Nächten, an den unterschiedlichsten Orten … :
Die schönsten Orte sind dort, wo unsere Sehnsüchte auf Antworten treffen.
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Erst im Kontext mit vielen Anderen ist ein Mensch einzigartig und ist darin doch ganz allein.
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Wie bizarr das ist: Erst ein Pass macht heutzutage einen Menschen.
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Keine Despotie, keine Autokratie, die Bürokratie ist jene Herrschaftsform, die die Demokratie tatsächlich zu besiegen vermag.
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Sollte es nochmals eine Sintflut geben, wird man das vormalige Gebiet Deutschlands unzweifelhaft daran erkennen können, dass dort die meisten Formulare oben schwimmen werden.
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Schnipsel (31)
Was noch ist
Endlich war die Tür hinter ihm zugeschlagen. Mit einem letzten großen Schritt, der kaum noch die Schwelle zu erreichen vermochte, hatte er es doch wieder geschafft. Geschafft auf die Insel der Zeit, die nichts forderte. Eine sehr kleine Insel, die er bald würde schon wieder verlassen müssen …
Aber nun war er gerade angekommen und es war Stille, wahrhaftige Stille.
Jetzt, in diesem ersten Moment der Ruhe, fühlte er, wie alles von ihm gegangen war.
Ja, es war schon fort, aber er spürte es erst jetzt. Und es fühlte sich sogar schön an.
Dass er selbst es war, der nun fort war, dass er es war, der sich schon längst verloren hatte, ohne es bemerkt zu haben, das realisierte er erst Tage später, dann aber mit jeder Stunde, jeder Minute mehr, intensiver, schmerzhafter.
Es waren jene wenigen Tage, die die kleine Insel ihm hatte bereithalten können, während der er hier einen winzigen Traum und dort einen bescheidenen Wunsch leben wollte. Das, was ihm noch einmal die Kraft verliehen hatte für jenen letzten großen Schritt auf die Schwelle der Tür, die den Alltag für einen Wimpernschlag hinter ihm zurückließ.
Aber nun war er ja fort, hatte sich irgendwo, irgendwie verloren.
Und so war niemand mehr da, der den Traum oder den Wunsch hätte leben können.
So ging die Tür wieder auf und stoisch verließ sein furchtbar stark gewordener Schmerz die kleine Insel hin zum Alltag, dem er nie entkommen konnte, obwohl er doch längst darin verloren gegangen war.
Schmerz: Das Leben, das er noch war, das er noch ist.
Das wunderbare Lied, das ich heute hier teile, singt sie gemeinsam mit dem 1963 in Bastia auf Korsika geborenen Musiker, Komponisten, Produzenten und Sänger Bertrand Burgalat.
Auch Stimmen können ein Streicheln sein, ihr Timbre, ihre Zartheit, ihr Klang. Und tragen sie Worte behutsam und fein, empfinde ich Hoffnung und Dank:
Für Schönheit, die klingende Botschaft ist, für Rücksicht und Liebe und Frieden. Nur sie ist das Medium für Kompromiss, wo Hass und Gewalt noch obsiegen.
Die Stimmen zu lauschen, braucht's Wille, denn sanft ist ihr Credo, niemals der Schrei. Sie wissen: allein auf den Feldern der Stille, wird Wechsel von Worten wirklich gedeih'n.
Auch Stimmen können ein Streicheln sein das hab ich schon manchmal erfahren, mit Liebe lassen sie Fesseln entzweien, die vormals Gefängnisse waren.
So bitt' ich, dass nie Melodien verklingen, voll Ursprung, Licht und Fantasie, so wie die Mädchen und Vögel sie singen und streichelnd durch die Welten zieh'n.
***
Joyce Jonathan wurde am 3. September 1989 in Frankreich geboren. Sie studierte in Paris Psychologie, interessierte sich aber von Kindesbeinen an schon sehr für Musik. Schon mit sieben Jahren erlernte sie das Klavierspiel und begann heimlich erste Lieder zu komponieren. Mit den Aufnahmen für ihr erstes Album begann Joyce im Jahr 2008.
Heute ist sie eine vor allem in Frankreich angesehene Sängerin und Songschreiberin, die für ihre Songs und Alben mehrfach Auszeichnungen erhalten hat. Ende 2020 wurde sie Mutter eines kleinen Mädchens.
Das Lied, das ich heute hier teile, hat eine feine Melodie und stammt von ihrem sechsten Studioalbum, welches im Jahr 2022 erschien. Es erzählt von der Wichtigkeit und Schönheit, sich einen Blick für die vermeintlichen Kleinigkeiten im Leben zu bewahren. Hier ist:
„Im Anfang war das Wort„, so beginnt der Text des Johannesevangeliums in der Bibel.
Obwohl ich, wenn überhaupt, auf ganz eigene Weise gläubig bin und ich mir einen Gott nur im Sinne eines Weltgewissens vorstellen kann, hat mich dieser Satz immer wieder besonders berührt und gefordert, über ihn nachzudenken. Je mehr ich Worte und Sprache schätzen und lieben gelernt habe, desto stärker sind diese Berührung und diese Herausforderung geworden.
Die Bibel wird auch „Gottes Wort“ genannt und in ihr wird davon berichtet, dass die Welt, die Menschen, Gottes Wort entsprechend, entstanden sind. So wie er gesprochen hat, ist alles geworden.
Für mich war und ist das ein Hinweis auf die große Macht des Wortes.
Wenn ich bedenke, dass wir Menschen die einzige bislang bekannte Spezies sind, denen Wort und somit Sprache gegeben ist, dann erklärt sich daraus für mich die Möglichkeit von Macht, die einzelne oder mehrere Menschen erlangen können. Und ich erkenne, wie sehr die damit in Verbindung stehende Machtmöglichkeit heutzutage „ausgereizt“ und immer mehr und immer häufiger gegen andere Menschen gerichtet wird.
Das Handeln der Menschen besteht aus Taten und Worten. Wir haben somit nicht nur eine Verantwortung für unser Tun, sondern in besonderer Weise auch für unser Reden, für unsere Worte, denn Tun wird grundsätzlich von Worten ausgelöst und begleitet. Sie können beleidigen, verletzen und sogar töten und in diesem Sinne ausgerichtetes Tun auslösen, anfeuern, rechtfertigen. – Und leider, so nehme ich es nun schon lange wahr, nimmt diese Entwicklung in unseren Zeiten immer noch mehr Fahrt auf.
Spezifisch menschliche Werte gehen immer stärker verloren, je mehr der Wert von Wort und Sprache nicht mehr selbst als spezifisch und ureigen menschlicher Wert begriffen und gelebt wird. Die Folgen von Worten werden kaum noch beachtet, vielmehr, so scheint es mir, oft ganz bewusst ausgeblendet.
Es geht darum, recht zu haben, stärker, mächtiger (sic!) zu sein als andere, im Sinn von Überlegenheit, von Herrschaft, von Unterdrückung. Sich dem anzuschließen, was viele oder Mächtige sagen, ist bequem und verheißt Anerkennung. Man wird „unangreifbar“, wenn man zu vielen, zu Mächtigen gehört. Im Zweifel reicht es, wenn man es wenigstens so fühlt, das überspielt im Zweifel eigene Ängste, die doch nur Schwäche bedeuten.
Und es gibt so viel Schwäche.
Laut ist stark, leise ist schwach. Laut reden ist stark, leise zuhören ist schwach. Schnell und „einfach“ reden ist stark, langsam und umfassend erklären, hinterfragen und differenzieren sind schwach.
Dabei ist das Wort eine große Gabe, ja ein Geschenk. Sprechen aber lernt man durch Hören, durch Zuhören. Wenn wir einander nicht mehr zuhören, reden wir immer mehr aneignender vorbei. Und je lauter und unzugänglicher für eine andere Ansicht wir das tun, desto weniger werden wir uns verstehen, werden wir zu Kompromissen finden, werden wir mitmenschlich miteinander umgehen können.
Für mich ist das so klar: Am Anfang, im Verlauf und vor allem am Ende muss ein Wort sein!
Am Ende das Wort „Danke“. Danke dafür, dass du mir zugehört hast, Danke, dass du mich zu verstehen versucht hast. Danke, dass du nachgedacht und mir dann ein Stück weit entgegengekommen bist. Danke, dass wir ein Stück des Weges gemeinsam und in Eintracht handeln und uns dann wieder sprechen können.
Es ist mir so klar und doch komme ich mir vor wie ein einsamer Rufer.
Wer liest solche Gedanken? Wer ist bereit, sich solche Gedanken anzuhören? Wer wird versuchen, sie für sich anzunehmen und künftig zu beherzigen? WIRKLICH zu LESEN, ZUZUHÖREN, ZU BEHERZIGEN?
Ich habe nur meine Worte und mein bisschen Liebe. Und ich bin nicht Gott. Ich kann reden, aber das es so wird, wie ich es sage, kann ich nicht erwarten, nicht einmal hoffen.
Bleibt mir wirklich nur zu beten, dass auch an jedem Ende, ein Wort sein wird, weil nur ein Wort noch Aussicht verheißt, und nicht ein letzter, ein „finaler“ Schuss?
***
REAVE sind eine Ende 2019 gegründete Synth-Pop-Indie-Band mit Sitz in Manchester und London. REAVE besteht aus Enya Phillips, die auch die Sängerin der Gruppe ist, Rory Ward und Brandon Darby. Ihre Songs schreiben sie gemeinsam. Das Debütkonzert von REAVE fand am 23. Juli 2021 im Night & Day Café im Northern Quarter von Manchester statt. Ihre erste Single „Get To Know Me“ – erzählt die Geschichte eines sich Kennenlernens und ist wunderbar zu hören:
Obwohl der Winter noch gar nicht fortgegangen war, ist er gestern zurückgekommen. Es war unwirtlich windig draußen und der Wind trug unzählige Nieselschneeflocken mit sich, welche sich wie ein weißer Zucker auf dem roten Schindeldach gegenüber niederließen.
Ich weiß wohl, dass das nicht so bleiben wird, der Tag heute hat zwar weiterhin ein tristes Grau, aber der Schnee ist schon wieder verschwunden. Und in ein paar Wochen wird es auch wieder etwas wärmer sein und die ersten leuchtenden Knospen kleiner Frühjahrsblüher, die ich vor wenigen Tagen schon erspähen konnte, werden ihre Blüten weit geöffnet haben und die Vögel werden begonnen haben, ihre Lieder wieder in Gänze und Schönheit erklingen zu lassen.
Darauf freue ich mich. Aber die Sehnsucht danach ist und bleibt eine, die Traurigkeit atmet. Denn das unwirtliche, windige und kalte Grau, ist seit nun schon Monaten die Metapher, die eins geworden ist mit mir. So sehr, dass ich begonnen habe, Trost in ihr zu finden, sie als einen großen Teil meiner Heimat zu akzeptieren. Denn da ist nichts, was verheißt, dass mein schwarzer Begleiter mich bald oder überhaupt noch einmal verlassen wird. Und so versuche ich ihn also anzunehmen.
Ich finde Geborgenheit in traurigen Melodien, weil ich fühle, dass sie mich verstehen. Ich betrete Bilder und Fotos, auf denen es keine Menschen gibt, gehe tief in sie hinein, ihre Natur, und ich höre und sehe ALLES, was sonst niemand hört und hören kann. Und ich umarme die Wiesen, Wasser und Wälder dieser Bilder dafür, dass sie mir dies Erleben, diese Tiefe, schenken.
Eine wundervolle Stimme dringt an mein Ohr. Ich lege mich auf ihren süßen Klang und lasse mich von ihren Schwingungen tragen und bitte darum, dass sie nie aufhören möge, da zu sein, so unerreichbar ihr Ursprung für mich auch ist und bleiben wird.
Der Wunsch nach Geschichten, die von schönen Charakteren, von rücksichtsvoll gesetzten Worten und sensiblen Träumen, von Frieden und Menschen, die Liebe in sich tragen, erzählen, ist unermesslich groß in mir geworden. Ich möchte Zeit und Gelegenheit finden, mich in diese Geschichten zu begeben, begehre und bitte, dass sie mir die Welt, die mich als Realität umgibt, zu vergessen und zu verlassen helfen. Für immer!
Ich weiß, dass dieser Wunsch und all die Flüchte in jene Melodien, Bilder, Stimmen, die ich beschrieben habe, zugleich Teil und Grund meiner Traurigkeit sind, weil sie entweder unerfüllbar oder nur zeitweilig erreichbar sind. Die eigentliche Ursache für mein Sein, wie es geworden ist, ist aber die reale Welt und meine Ohnmacht und Unfähigkeit, mich ihr stellen und in ihr bestehen zu können, so, dass ich Lebenswürdigkeit empfinden und den Hunger meines Gewissens stillen könnte.
*
Die kleine Blume am Wegesrand, die aufrichtigen, erwartungsvollen Augen des Kindes, der Gesang der Blaumeise, das stille Dahingleiten des Schwans auf dem Wasser, die sanfte Stimme und das nicht urteilende Verstehen der letzten Freundin, das aufopferungsvolle Weitermachen der vielen Schwachen, Benachteiligten, Unterdrückten, die Liebe, die die Leisen schenken – sie sind jene Schönheit, die mir die schmerzhafteste geworden ist, weil ich spüre, wie sehr sie mich umarmen möchte.
Ich aber bin der Umarmungen längst entwöhnt worden …
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„Sinister Seduction“ ist ein Gothic-Darkwave-Duo, das seit 2021 zusammen Lieder schreibt. Der eine Teil des Duos ist der aus Stuttgart stammende Matthias Blind. Er konnte die in Ungarn aufgewachsene Judith Agnes Soyka als Sängerin gewinnen, die aber auch an vielen Liedern mitschreibt. Auch den Bandnamen haben die beiden gemeinsam ausgesucht.
Die Lieder sind überwiegend sehr melodisch und von viel Melancholie, Traurigkeit und zum Teil auch Resignation geprägt. Etliche von ihnen gehören zu jenen, von denen ich oben schrieb, dass ich mich darin (wenigstens in Teilen) verstanden fühle. Die Melodien berühren mich häufig sehr. Sie sind meist sehr schön. Ein Beispiel für all das möchte ich heute hier teilen, es ist das Lied vom gefallenen Engel:
Ich bin sehr, sehr nachdenklich seit dem Jahreswechsel, habe mich, der ich mich irgendwann vor dem letzten Weihnachtsfest verlor, immer noch nicht wiederfinden können. Ich weiß, wer ich bin und bin mir doch so fremd.
Ich bin der ich bin und bin doch nicht Ich. Die Welt tut, was sie will, mit mir. Und ich kann ihr nicht entfliehen. Das ist mein Status quo.
Ich bin (m)ein Status quo.
Aus diesem geboren sind in letzter Zeit wieder einige aphoristische Gedanken zu jener Materie geworden, die ich auf Papier oder hier in meinem Tagebuch archivieren oder auch teilen kann.
Wer will, mag darüber sinnen, streiten, sich oder mich befragen:
Es gibt keine Träume, die verboten sind.
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Lügen werden erst durch den Verstand. Ein Herz lügt nie.
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Wirklicher Reichtum hat so gar nichts mit Geld und Vermögen zu tun. So kommt es, dass so viele reiche Menschen in bitterer Armut leben.
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Lügen haben keine kurzen Beine. Wie sollten sich so viele von ihnen sonst derart schnell und weit zu verbreiten imstande sein?
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Schönheit ist nur, wenn Zweisamkeit ist. Das gilt auch, wenn du allein bist, mit dir; deiner Seele. Die Freude, die sie dir dann schenkt, ist zugleich aber auch immer Schmerz und Traurigkeit.
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Ein Mensch mit einem starken, strengen Gewissen, läuft Gefahr, nicht mehr frei sein zu können.
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Im vergangenen September habe ich hier erstmals ein Lied von „Tränen“ geteilt. Inzwischen ist das erste Album des bemerkenswerten Duos erschienen, auf dem sich meiner Ansicht nach viele interessante und hörenswerte Lieder befinden. Eins der besonderen darunter ist: „Zu alt geboren“.
Ich trete durch das Tor, das die Raunächte hinter mir lässt, das stille Leuchten in der Finsternis verlischt.
Was ich mitgenommen habe, ist die Leere, die das Ende des vergangenen Jahres in mir ausgebreitet hat. Ich finde mich auf ihrem kahlen Boden und weiß, dass ich seit vor der Weihnacht dort bin als alles verglühte, was ich bis dahin mit letzter Anstrengung am Brennen gehalten hatte.
Seither ist alles fort und nichts zu mir gekommen. Wo mich sonst die sanfte Ruhe der Raunächte erreichte, sah ich wohl noch die zarten Lichter. Aber in mir war es schon dunkel und das blieb es auch.
Irgendwie bin ich doch ins neue Jahr gekommen. Der Rauch der für mich viel zu lauten Silvesternacht ist als Grau geblieben, das nun Farbe meiner Leere ist.
Ich hatte nie Vorsätze für ein neues Jahr. So auch diesmal nicht. Aber ich habe ein paar wenige, kleine Wünsche, die so sehr bitten, lebendig werden zu dürfen, zu können, in diesem neuen Jahr. Ich höre ihr Flehen in meiner Leere und das rührt mich sehr, sehr an.
Aber ich habe keine Ahnung, ob sie je wahr werden können.
Denn da ist diese Welt, die so geworden ist, dass ich sie nicht mehr verstehe und dass ich den maßgeblichen Menschen darin nicht mehr folgen mag und ihnen widerspreche. Leise, weil ich es anders nicht darf. – Wie soll ich eine solche Welt Kindern erklären, ihnen Fähigkeiten und Optimismus vermitteln, in dieser Welt zu leben? Genau das aber ist meine alltägliche Aufgabe.
Ich bin nur noch Leere, und ein Grund dafür ist, dass ich an dieser Welt mehr und mehr zerbrochen bin. Nun bin ich selbst kaputt. Die zarten Lichter der vergangenen Raunächte waren eine letzte Sehnsucht.
Da wo ich ihn vermeintlich einmal hatte und wo er doch immer noch sein sollte, ist kein Halt für mich mehr, kein Netz, das mich auffängt und zur Ruhe kommen lässt. Und vor allem ist da keine Nähe mehr. Die Hoffnung, dass sich das noch einmal ändern könnte, ist gestorben.
Auch das ist ein Grund für die Leere.
In den letzten Tagen des verflossenen Jahres, während der ich mich erholen sollte und wollte, habe ich mich manches Mal vollkommen verloren. Wohl in der eigenen Leere.
Wenn nichts anderes mehr fühlbar ist, dann kann man sich in Leere verlaufen. Eine neue Erfahrung für mich. Eine verstörende, eine traurige.
Ich bin nicht im Reinen mit mir, dass es so gekommen ist.
Nun bin ich hier, mit meiner Leere durch das Tor gelangt, ins neue Jahr. Was ich außer der Leere fühle, sind Beklommenheit und Angst. Ich entzünde meinen kleinen Wünsche, auf dass sie glimmen im leeren Grau und vielleicht ein kleines Flämmchen werden gegen das, was ich empfinde.
So glimmen in mir:
der Wunsch für eine kleine Reise
der Wunsch Kraft und Ressourcen zu finden, zu bleiben und in Würde bleiben zu dürfen
der Wunsch nach einer schönen, besonderen Umarmung
der Wunsch, mich ein bisschen wiederzufinden
der Wunsch von den Menschen, die, obwohl viele von ihnen sehr fern, doch nah in meinem Herzen sind, nicht verlassen zu werden
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eee gee sind die Initialen der dänischen Sängerin und Songschreiberin Emma Grankvist (33), die mittlerweile, mit einem Amerikaner befreundet, in New York lebt. Erst seit 2022, damals nahezu mittellos, steht Emma auf der Bühne, erreichte aber mit ihren melodisch eingängigen, mal romantischen, mal ernüchternden, immer textstarken Popmelodien, aus denen Hoffnung und Ironie gleichermaßen klingen, schnell Aufmerksamkeit.
Dennoch ist sie wohl immer noch eher ein „Geheimtipp“. Auch deshalb habe ich mich entschlossen, ein Lied von ihr aus ihrem neuen, 2023 erschienenen Album „SHE-REX“ hier zu teilen, ein sehr schönes, wie ich finde: