Posts Tagged ‘Krebs’

Alltag

10 Juli 2012

In der Zwischenzeit arbeite ich wieder 3 mal in der Woche für insgesamt 15.5 Stunden. Das ist im moment aber auch das Limit. Wenn ich nach hause komme, bin ich erstmal erschöpft und vor allem froh, dass ich die Heimreise, die ohne Stau mindestens 45 Minuten dauert, überlebt habe.

Das verminderte Konzentrationsvermögen hat mich inzwischen schon Geld gekostet: Ich bin gleich zweimal beim zu schnell fahren erwischt worden. Nicht, dass ich extra schnell nach hause fahre, ich bekomme es einfach nicht mehr richtig mit, bin nicht mehr so aufmerksam, sehe die Kameras nicht stehen und vergesse ständig die fest installierten und schwubs, dann ist es soweit und ich bekomme das Knöllchen per email vom Arbeitgeber.

Ich hätte es nicht gedacht, dass mir das dieses Jahr noch passiert, aber ich warte sehnsüchtig auf meinen Urlaub. Im letzten Jahr drehte sich alles nur ums Überleben und jetzt scheint beinahe der Alltag wieder eingekehrt zu sein mit allen Vor- und Nachteilen, die das Arbeitsleben so mit sich bringt.

Ich arbeite auch noch nicht wieder auf meinem alten Niveau. Ich bin unsicher über mein Wissen, checke alles zehnmal und frage dann trotzdem noch mal nach, und wenn ich was falsch eingeschätzt habe, werde ich noch unsicherer.

Auch in meinem Umfeld ist der Alltag wieder eingekehrt. Manchmal merke ich an Reaktionen darüber, dass ich ins Krankenhaus muss zur Kontrolle, sowas wie: Ups, ja, da war ja noch was. Tanja war ja krank. Und andererseits kann ich auch manchmal darin lesen, oh je, nee, was hat sie denn nun? Wenn ich nur das Wort Krankenhaus oder Arzt erwähne.

Das Leben geht eben weiter.

Ich höre häufiger die Frage, ob ich dem Krebs einen Platz geben konnte oder ob ich die Periode verarbeiten konnte. Ganz ehrlich, nein, so fühlt sich das nicht an. Ich habe gelernt, damit zu leben, dass bei jedem Wehwehchen und jeder schlechten körperlichen Periode, sich mir erst die Frage stellt, ob das nicht wieder der Krebs ist, um dann danach zu suchen, warum es nicht so sein kann. Ich bin noch mitten drin im Prozess „des Verarbeitens“ und ob der jemals abgeschlossen wird? Keine Ahnung. Der Krebs hat keinen Platz in meinem Leben und ich will ihn auch nicht dafür reservieren. Er hat mehr Platz eingenommen als ich jemals zugestehen wollte, das reicht!

Wenn man mir aber die Frage stellt, ob ich mit meiner Situation leben kann und ob ich noch von meinem Leben geniessen kann, dann kann ich ganz sicher sagen, ja, das kann ich. Meine Lebensfreude, mein Drang so viel wie möglich zu erleben und so viel wie möglich Abwechslung zu haben, ist geblieben. Ich hab eben nur ein paar Pausen mehr als vorher nötig zum verschnaufen und ausruhen und geniessen.

auf dem Zeltplatz!

6 August 2011

Wir sind gerade zurück aus dem ersten Teil unseres Urlaubes: Zelten in Südlimburg, einer Provinz der Niederlande. Wir waren in Vijlen, einem kleinen Ort in direkter Nähe zum Dreiländerpunkt zwischen Belgien, den Niederlanden und Deutschland.
Wie gesagt, wir waren zelten, mein erstes mal … Ich war zwar schon mal zelten als Kind und einmal mit einer Freundin als ich ca. 24 war, aber das war es dann auch. Meine Idee von Urlaub war bis dato, dass man in ein Hotel oder einen Bungalow geht und sich um nichts mehr kümmern muss (und vor allem: In einem normalen Bett schläft!). Abstriche habe ich lernen zu machen, als ich Kinder bekam. Da war auch ein Mobilheim eine würdige Unterkunft für mich und meinen Anhang.
Aber mit Familie und Hund zelten, das gehörte für mich bis vor einer Woche zu den Erfahrungen, die ich lieber nicht machen wollte.
Da es für Kinder aber natürlich ein riesen Abenteuer ist und Ferry ein alter Campinghase, habe ich mich dazu entschlossen, der Sache mal ne Chance zu geben.
In den letzten Monaten waren wir also viel beschäftigt mit dem Kaufen von Campingutensilien.
Und dann war es dann soweit! Der Wetterbericht prognostizierte gute Aussichten (sehr spärlich in diesem Sommer) und so beschlossen wir am Sonntag Abend, dass es Zeit für eine neue Familienerfahrung würde.
Am Montag morgen hatte ich noch eben einen Termin im Krankenhaus und musste einen CT- Scan machen lassen zur Positionierung der Bestrahlung und als ich nach hause kam, war Ferry schon eifrig mit Einpacken beschäftigt.
Er hatte verschiedene Zeltplätze angerufen und tatsächlich noch einen gefunden, der unserer ersten Campingerfahrung nicht im Weg stehen wollte!
Angesichts unser Combi leider noch immer zu wenig Stauraum für uns vier, einen Hund und alle Utensilien zu haben schien, war mein Auftrag dann auch, so wenig wie möglich Kleidung ein zu packen! Und das mir! Ich will immer auf alle Wetterlagen vorbereitet sein und packe genüsslich ein und ein. Nun gut, das ging dann nicht, das back-to-basic-Gefühl stellte sich dann auch direkt ein.
Nachdem ich also in zwei Taschen Kleidung für drei Personen verstaut hatte und die dann glücklicherweise auch noch in den Kofferraum passten, samt den hohen Sandalen, die man auf dem Zeltplatz dann übrigens doch nie anzieht, war ich geschafft aber gespannt darauf, was folgen sollte.
Mein erster Eindruck war dann auch erstmal: He? Sitzen wir zwischen den Wohnwagen? Warum denn das? Sind wir die einzigen mit nem Zelt hier?
Nee, das ist eben so auf diesem Zeltplatz. Und letztendlich war das auch ganz gut. Da hört man dann nämlich glücklicherweise nachts auch nicht das Geschnarche des Nachbars, bei dem ich mir ganz sicher bin, dass das ein Vorteil ist!
Was man schon hört: Den nächtlichen Streit besagten Nachbars mit seiner pubertierenden Tochter, die ganz offensichtlich nicht nach Wunsch gehorchte, ihr Kommentar: Fucking ashole! Ja, so ist das eben „op de Camping“, he?

Was mir mehr Kopfschmerzen bereitete, war das „Dagmar- Problem“: Wie sollte ich morgens und abends ohne Haar mich selbst wieder fit und ausgehfertig bekommen ohne, dass der ganze Zeltplatz mich anschaut mit diesen mitleidigen Augen, die sagen: schau mal, die hat sicher Krebs oder sowas. Im Urlaub wollte ich einfach Tanja sein, Punkt.

Zudem war ich die Einzige, die Ansteckungsgefahr auf der Toilette erwartete und ganz sicher die Einzige, die sich ordnungsgemäss nach dem Toilettengang die Hände mit Seife zu waschen schien. Warum ich das weiss? Ich hatte meine hygienischen Tücher und eine Flasche flüssiger Seife bei mir. Und der Rest: Ja, genau!
Nun gut, bei mir war das ja auch notwendig, schliesslich kann jede Ansteckung auch ein bischen gefährlich für mich werden.
Ich hatte aber dennoch irgendwie das Gefühl, damit schon auf zu fallen.

Nun zu meinem Dagmar- Problem: Ich wollte nicht unbedingt mit Tuch über den Platz, weil das für mich ein Zeichen von Chemopatientin ist.
Glücklicherweise hatte ich passend zum Tuch einen Art Haarkranz angeschafft. Damit sehe ich ohne was dazu aus wie ein Mönch (nur so zur Verbildlichung), ich habe schon köstlich drüber gelacht.
Der Haarkranz unter dem Tuch sorgt dafür, dass man Haare sieht und es eben nicht so auffällt. Auf dem Platz selbst habe ich dann noch ein Cappie angeschafft, mit dem ich rum gelaufen bin. Morgens blieb dann noch das Problem der abwesenden Augenbrauen über. Die habe ich abends versucht, nicht weg zu wischen, sodass ich morgens eher müde als haarlos aussah.
Zumindest mein Gefühl sagt mir, dass es gelungen war. Und das ist die Hauptsache. Und eigentlich sollte es mich nichts kümmern, was andere denken.
Aber manchmal ist es eben für mich als Krebs-und Chemopatientin ganz schön, um inkognito zu sein. Und das ist mir gelungen.
Der Platz hatte zudem einzelne Kabinen mit Waschbecken und gutes Schminklicht. Damit hatte ich morgens meine Ruhe und Privatsphäre, um mich zu Tanja um zu gestalten. Herrlich!

Damit war also mein erste Zelterlebnis ein Erfolg.
Auch der Regen, der ab und zu einsetze, machte mir wenig aus. Das Schlafen ging prima ab der zweiten Nacht. Schade nur, dass ich in der dritten Nacht meine „Nachtmütze“ vergessen hatte, auf zu setzen und es mir darum ganz schön kalt wurde. Die Kinder waren relaxed, genossen und ich genoss vom Zusammensein. TV gab s nicht und nach kurzer Zeit war auch kein Saft mehr im DS. Da wir die Auflader vergessen hatten, mit zu nehmen, gab s auch keine Spiele mehr darauf. Das machte aber nichts, denn Gesellschaftsspiele zu viert haben auch ihren Reiz.
Die Jungens sind viel zu spät uns Bett gegangen und haben herrlich ausgeschlafen.

Und ich freue mich schon auf unser nächstes Abenteuer… wann auch immer das sein wird. Zelten ist für mich jedenfalls kein „Nee, das mache ich nie“ mehr…

Fotomodel

1 Juni 2011

… was man nicht so alles mitmacht als Krebspatientin!

Heute morgen hatte ich einen Fototermin. Ans, eine Frau mit ähnlicher Diagnose, hat während ihres Kampfes gegen den Brustkrebs beschlossen, ein Fotobuch raus zu bringen, das zeigen soll, wie Menschen weiterleben mit oder trotz ihrer Krankheit. Der Erlös des Buches wird an die Krebsforschung gespendet. Ich war schnell bereit, mit zu machen.

Heute morgen dann also der Termin. Glücklicherweise schien die Sonne und konnten wir schöne Außenaufnahmen mit mir als Radfahrerin machen, vollständig im Bikeroutfit auf meinem Mountainbike in meiner direkten Wohnumgebung. Danach noch Aufnahmen mit mir zwischen all den Karten, die ich von Freunden, Bekannten, Kollegen, Familie und Nachbarn bekommen habe. Ein wichtiger Punkt während meiner Genesungsfase, die Karten. Am Anfang kamen sie täglich, inzwischen weniger natürlich, aber immer noch und immer wieder. Dass das hilft, habe ich schon erwähnt. Das fest zu halten, war mir wichtig und Ans auch. Mein Radfahren ist auch ein entscheidender Faktor in dieser Fase meines Lebens. Bin so froh, dass ich was tun kann, um den Genesungsprozess zu beschleunigen. Nicht still sitzen und Däumchen drehen, sondern aktiv was tun, ist und bleibt wichtig.

Ausserdem bleibt es schön und inspirierend, dass Menschen nicht aufgeben, egal, wie ihre Diagnose ist, sondern verschiedene Formen und Möglichkeiten finden, mit der Krankheit um zu gehen und eventuell auch noch was damit zu tun. Die Menschheit verdient Hoffnung solange es solche Menschen gibt.

Energie

16 Mai 2011

Merke in der letzten Zeit, dass mein Energieniveau gesackt ist. Wenn man bedenkt, dass die meisten anderen Chemopatienten schon nach der ersten Behandlung (oder auch schon nach der OP) müde werden, geht es also noch bei mir. Nervig ist es trotzdem. Ich kann nicht mehr gut einschätzen, was ich machen oder nicht machen kann. Wenn ich mich gut fühle und den ganzen Tag unterwegs bin und dann abends todmüde auf dem Sofa zusammenbreche, weiss ich, dass ich zu weit gegangen bin. Aber dann ist es auch schon zu spät. Wenn ich dann die Kinder anschreie, weiss ich dass es ich was anders machen muss. Die können schliesslich am wenigsten an der Situation. Auch, wenn ich der Meinung bin, dass sie durchaus auch Stimmungen anderer Menschen und vor allem ihrer Eltern miterleben dürfen, leiden müssen sie nicht darunter! Also: alles ein bischen dämpfen. Das macht mich dann häufig notorisch unzufrieden. Festsitzen und Nichtstun, sind nicht gerade Dinge, die ich gerne mache. Bei mir musste und muss es immer weiter gehen, Stillstand ist und war schon immer langweilig. Woher ich das habe? Keine Ahnung. Als Kind, Teenager und jung- 20- er war das auch noch nicht so. Aber seitdem ich irgendwann mit 30 festgestellt habe, dass das Leben mehr als TV zu bieten hat, bin ich nicht mehr für tagelanges sofahängen. Und nun werde ich gezwungen, es ruhiger an zu gehen. Nicht, dass ich nun ständig unterwegs war und wie ein Wirbelwind in und ums Haus beschäftigt war, nee. Aber im Moment muss ich doch sehr gut aufpassen, was ich mache, die Spontaneität ist ein bischen weg. Jedesmal gut nachdenken, ob das nun echt gut für mich ist oder nicht. Glücklicherweise hilft Ferry mir und bremst mich ab und an auch mal ab. Aber auch das bin ich nicht gewohnt.

Wird Zeit, dass Harrie sich ergibt und endlich „auszieht“ sodass ich mein Leben wieder nach meinen Massstäben leben kann!

Dagmar Berghoff

12 Mai 2011

Ich habe jetzt seit gut einer Woche mein Haarstück und so ganz allmählich gewöhne ich mich daran. Ich stehe nicht mehr jeden Morgen auf, setze das gute Stück auf meinen Kopf (was ich in der Zwischenzeit mit geschlossenen Augen hin bekomme ohne danach aus zu sehen wie eine Vogelscheuche) und betrachte mein Spiegelbild mit den Worten „guten Morgen, mein Name ist Dagmar Berghoff und ich begrüße sie zur heutigen Tagesschau!“ Nein, so allmählich bin ich an Tanja- Dagmar gewöhnt.

Aber am Anfang war es eben doch so. Da dachte ich, dass ich eher Dagmar ähnle als mir selbst. Immer gestyled und auch noch mit Pony. Erschwerend kam hinzu, dass ich durch manche Menschen schlichtweg nicht mehr erkannt wurde (so ganz getrübt war mein Einschätzungsvermögen also nicht). Allerdings muss ich hinzufügen, dass nachdem ich dann doch erkannt wurde, mir von Menschen die nichts von meiner Krankheit oder den damit verbundenen Effekten für mein Haar, begeistert versichert wurde, dass die neue Frisur mir sehr gut steht und gut zu mir past! Puh! Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, sag ich dann nur.

Und auch das Gefühl, einen zu straffen Hut oder eine zu enge Mütze auf dem Kopf zu haben, schwindet jeden Tag ein bischen (oder gewöhne ich mich da einfach nur dran?). Es ist nämlich nicht so wie man immer hört, dass Perücken einen auf der Kopfhaut schwitzen lassen, nee. Am Anfang wenn der Wind so durch „mein Haar“ wehte, dachte ich, dass es eigentlich sogar ganz schön kalt ist. Nee. Es ist eher nervig, dass das Ding eben so straff um den Kopf sitzt und das merkt man. Andererseits bin ich da natürlich durchaus froh drüber. Schliesslich will ich nicht den ganzen Tag mit einer Hand am Haar rumlaufen, um es fest zu halten für den Fall, dass der Wind dann doch zu stark ist.

Abends bin ich dann aber doch froh, wenn ich meine Dagmarfrisur eintauschen kann gegen ein Kopftuch. Dann fühl ich mich zwar wie ein echter Krebspatient, aber mein Kopf dankt es mir. Und nachts… da bin ich „oben ohne“ und selbst die Kinder finden das nicht schlimm. Lukas lacht sich noch immer kaputt, wenn er mich mit Glatze sieht.

Joep hingegen hat ein besonderes Verhältnis zu meiner Zweitfrisur: Er findet es irgendwie strange wenn meine Haare anstatt auf meinem Kopf auf einem Ständer auf meinem Nachttisch stehen. Dann knurrt er sie erstmal eben an und wenn das nicht hilft, kommt auch ein bellen hinzu. Keine Ahnung, was er darin sieht!

Geblieben sind mir ein paar Stoppel auf dem Kopf die leichte Kopfhautschmerzen verursachen beim drüberstreicheln oder umdrehen im Bett. Hätte nie gedacht, dass ich das in meinem Leben noch mal sagen würde, aber ein komplett „glatter“ Schädel wäre mir im Moment noch der liebste! Na, soweit kann’s kommen mit einem!

Entzug

9 Mai 2011

Am Donnerstag mittag sind meine Eltern wieder nach hause gefahren.
Am Tag, an dem sie fahren und in den Tagen danach leide ich ein bischen an Entzug. Dann muss ich es auf einmal alles wieder alleine schaffen. Nicht, dass ich das nicht kann. Es ist selbst so, dass ich die Chemo’s so gut weg stecke, dass ich nur sehr wenig körperliche Beschwerden habe. Die erste Nacht ein bischen  Übelkeit, danach geht es immer besser. Inzwischen sind ein paar „Mundbeschwerden“ hinzu gekommen. Mein Zahnfleisch schmerzt ein wenig. Ich kann also nicht wirklich klagen. Es geht mir gut.

Was aber ist, wenn meine Eltern da sind: Sie nehmen mir alles ab, kümmern sich ums Haus und die Kinder. Ich kann mich voll und ganz auf mich und meine Genesung konzentrieren. Mein Papa fährt mit mir Rad, Mama kümmert sich ums Haus. Wenn die Kinder aus der Schule sind, spielt Papa mit ihnen Fussball oder die Gesellschaftsspiele kommen auf den Tisch. Es wird viel gelacht im Haus und wir freuen uns, bei einander zu sein. Ferry kann unbesorgt arbeiten gehen und ein „normales‘ Leben leben und seine freien Tage sparen, bis er sie eventuell (für mich) nötig hat. Und dann kommt der Donnerstag mittag und sie fahren wieder nach hause mit der Gewissheit, dass es mir gut geht und sie sich nicht all zu viele Sorgen machen müssen.

Zurück bleiben Tanja und Joep (die Jungens sind dann meist noch in der Schule). Joep ist ein Schatz und ein superliebes Kuscheltier. Die immer wieder witzigen Bemerkungen meines Vaters kann er aber nicht ersetzten und auch nicht das liebevoll gemeinte Gezeter meiner Mama, wenn die Jungens dann wieder mit ihren Sandschuhen das Haus dreckig machen.

Der Alltag kehrt dann zurück in mein Haus. Und da muss ich mich immer wieder erst dran gewöhnen.

Muttertag

9 Mai 2011

Gestern war Muttertag.

Als Krebspatient im ersten Jahr erlebt man den doch anders als die Jahre davor. Die Frage, wieviele man denn noch erleben wird, schlummert irgendwo und will nicht gestellt werden. Da meine Ärzte, Krankenpfleger, Krankenschwestern und Spezialisten ja davon ausgehen „dass alles weg ist“ mit anderen Worten Harrie aus meinem Körper entfernt ist, gehe ich davon aus, dass ich meine Söhne auch im Erwachsenenalter noch damit nerve, dass ich doch zumindest eine Blume und einen Kaffebesuch erwarte (auch ist es dann nur, um sie zu ärgern, denn  Muttertag ist doch jeder Tag, oder nicht? :-)) )

Meine Söhne hatten sich ausserdem mit ihren 2  Cousinen verabredet. Sie wollten gerne da ne Nacht verbringen noch in diesen Ferien. Und da Kaspar ein volles Fussballprogramm hat und die Mädels auch noch Ferien bei Papa machten, kam nur die Nacht Samstag- Sonntag in Frage. Versprochen wurde mir, dass das Frühstück- im- Bett auf jeden Fall am nächsten Sonntag nachgeholt wird. Auch ein schönes Muttertaggeschenk übrigens: Ausgehen mit dem Mann und ausschlafen am nächsten Morgen!

Nach einem Abend mit Kino und stand-up-comedy in Amsterdam bis tief in die Nacht und ausschlafen am nächsten Morgen, dann also irgendwann am Nachmittag die Jungens abholen. Da angekommen, wird natürlich erstmal der Hund begrüsst! Auch als Kind muss man Prioritäten setzen! Klare Rangfolge, erst Hund, dann Mama, dann Papa. Wenigstens der 2te Platz!

Zu hause durfte ich die Geschenke suchen. Kaspar hatte Schatzkarten gemacht, die mich dahin leiten sollten. Auf dem Dachboden angekommen, war eines der Geschenke „verschwunden“! Später stellte sich heraus, dass es einfach daneben gefallen war, also alles im grünen Bereich. Zum Vorschein kam ein in Herzchenpapier eingepacktes Geschenk mit einer in deutsch beschrifteten Karte von Kaspar. Er hatte sein bestes getan, um in meiner Muttersprache was schönes für mich zu schreiben: „liebe moeta doe bist krank ont das ist nicht scun und doe bist die beste moeta dier du kuntest krienken von kaspar vuur mama„.  Übersetzung:“ Liebe Mutter, du bist krank und das ist nicht schön und du bist die beste Mutter die du bekommen kannst. Von Kaspar für Mama“ Aussprache und Schreibweise sind eben im deutschen doch sehr anders als im niederländischen. Ich bin beinahe umgefallen vor Rührung und konnte die Tränen nur schwer verkneifen. Die Dose, die er für mich gebastelt hatte, und auf die er so stolz ist, verblasst bei soviel Poesie. 

Und natürlich hatte auch Lukas sein Allerbestes gegeben, um mich zu beeindrucken: Eine Tasche mit selbstgemaltem Pferd darauf! Ich darf meine Kopftücher und meinen Pulsmesser darin verstauen. Endlich! :-))

Nach solchen Erlebnissen ist es am nächsten Tag doch etwas einfacher, auch im Regen ne Runde mit dem Rad zu drehen, um fit zu bleiben und zu werden, sodass man die nächste Chemo auch wieder gut bewältigen kann. 

Meine Männer sind zwar wild und ungezähmt, aber sie bleiben auch die besten Männer der Welt!

Mein neues ich!

5 Mai 2011

Seit gestern also ne Glatze! Nicht gerade das schönste, was man so mitmachen kann.

Ich war drauf vorbereitet und das Duschen am morgen hat es eigentlich nur einfacher gemacht. Schon mein Kopfkissen im Bett war voll mit meinen Haaren und nach dem Duschen lag der Fussboden im Badezimmer voll. Es gibt Zeichen, die man nicht mehr übersehen kann!

Da ich wusste, dass mein Haarstück gut ausgesucht ist und ich auch ohne Haar prima durch Leben gehen kann, war alles in Ordnung.

Der Moment des abrasieren war dann aber doch schwer- nicht nur für mich sondern auch ein bischen für Mama, die das von hinten ja live mitmachen durfte. Ist eben nicht schön, wenn man die Haarpracht nach unten fallen sieht! Und dann der erste Blick in den Spiegel: Ein echter Krebspatient! Tränen. Aber auch viel Trost! Danke Mama! Zusammen sind wir stark!

Auch an das Haarstück muss ich mich gewöhnen. Es bleibt eine andere Tanja und ich muss immer noch zweimal in den Spiegel schauen. Und klar, ich denke natürlich, dass jeder, der mich sieht, gleich sagt: Man, hat die ne Perücke auf? Ist doch klar. Da muss man erst ein Gefühl für gewinnen.
Die erste Radtour mit Papa war dann auch gleich die Generalprobe für das gute Stück. Bleibt sie drauf oder verursache ich gleich einen schweren Unfall, weil ein Autofahrer das Ding auf seiner Windschutzscheibe fliegen sieht und nicht mehr weiss, was er machen soll? Oder vielleicht ein Radler hinter mir, der auf einmal sehr viel Haar im Gesicht hat? wer weiss…

Aber nee, alles gut gegangen. Auch die zweite Tour heute ging gut… jetzt trau ich mich auch alleine Sturm und Regen zum trotz:-)

Und dann die Glatze: Nicht einfach. Mama meinte gleich, dass sie gar nicht so übel aussieht. Femke, meine Betreuerin im Haarstudio und auch ihre Kollegin sind der Meinung, ich hätte nen guten, kleinen, runden Kopf, na prima! Abends zu hause traue ich mich dann auch, mir diesen guten, kleinen, runden Kopf mal näher von allen Seiten anzuschauen. Und ja, gar nicht so übel. Nicht, dass ich damit vor die Tür will (ehem, ohne Haar dann), aber als Vollblutfrauenrechtlerin linkester Ordnung, wäre ich ne scharfe Nummer sozusagen…

Und wie soll ich das jetzt am besten den Kindern zeigen? Schliesslich ist es ja auch ein grosser Schock für sie: Erst neue Haare und dann auch noch ne Glatze drunter. Wir machen erstmal ein Foto von der Glatze. Das scheint mir was leichter zu fallen. Kommt auch gut an. Sie schauen es sich an und stehen mit offenem Mund vor der Kamera. Aber das war es dann auch. Die Haare finden sie komisch. Andere Farbe… dabei hatte Kaspar sich doch gerade an die dunklen Haare gewöhnt. Aber schlecht finden sie es nicht.
Abends dann die Frage, wollt ihr sehen, was drunter ist? Erst Lukas, der lacht sich kaputt und findet es komisch! Puh! Gott sei Dank! Dann Kaspar, wie wird er reagieren? Eigentlich genau so wie sein kleiner Bruder, er findet es komisch. Wieder ein Meilenstein! Mir fällt ein Brocken von der Seele. Unsere Familie wächst zusammen.

Abends sind die beiden dann auch wieder lammfromm und lieb zu Mama, wie es sich gehört.

Und heute morgen habe ich dann  auch erstmal eine dicke Umarmung bekommen als Guten- Morgen- Gruss. Was will ich mehr?

Zu früh gefreut!

3 Mai 2011

Am letzten Samstag leider die Erkenntnis, dass mein Haar dran glauben muss. Schade, aber nicht zu ändern.

Da steht man dann unter der Dusche, will sich danach die Haare kämmen und stellt fest, dass man sie gleich rauszieht. Alles andere als lustig oder schön. Stylen war auch nur noch begrenzt nötig. Erstaunlicherweise hat es mir aber auch ein gutes Gefühl gegeben. Warum? Ich habe so wenig Nebenwirkungen von der Chemokur, dass ich mich so ab und zu mal gefragt habe, ob wohl alles richtig gelaufen ist. Nun also ein deutliches Signal: Die Haare fallen aus! Morgen dann der Termin beim Haarstudio, um alles weg zu nehmen und mit dem Haarstück zu beginnen, das wird dann schon schwer werden. Vollglatze stand nicht gerade hoch auf meiner Prioritätenliste. Aber gut, wat mut dat mut, he.

Ansonsten war das Wochenende sehr gut. Wir haben den Koniginnedag (Königinnentag) ausführlich gefeiert. Morgens zum Flohmarkt mit den Kindern und Trödel verkauft. Lukas hat dafür gesorgt, dass wir ausserdem genug haben, um im nächsten Jahr wieder da zu stehen. Er hat sein Geld gleich wieder an anderen Ständen umgesetzt. Und Kaspar hat sich als wahrer Verkaufsschlager entpuppt… es gibt also noch Hoffnung:-)

Da Ferry und ich an dem Tag 10jahre zusammen waren (hätte nie gedacht, dass ich sowas mal schaffe), sind wir abends essen gegangen. Wurde dann eben nur getrübt durch den Haarausfall.. so ungestyled fühlt man sich doch ein Stück unattraktiver.

Sonntag dann der Entschluss bei Gegenwind in die Stadt zu radeln und in guter Voraussicht Schals zu kaufen, die ich mir dann notfalls um den Kopf wickeln kann, wenn alles zu schnell ausfällt oder ich keinen schnellen Termin im Haarstudio bekomme (wie alle Friseure sind die nämlich am Montag geschlossen- schöne Traditionen haben sie hier).

War ne gute Tour und ich haben paar ein paar schöne Stücke ergattert. Lukas war besonders lieb und behilflich beim aussuchen, er hatte sogar daran gedacht, mir einen auszusuchen für „wenn ich mal zum Strand will“- so lieb!

Gestern dann die zweite Chemo! Erstmal eben an Coby, meine Krankenschwester, gefragt, was sie denn so denkt über mein Haar. Aber da ich auch Kopfhautschmerzen hatte (damit begann das Theater, ich dachte, ich hätte nen Sonnenbrand auf dem Kopf) und das wohl ein Zeichen ist für den beginnenden Haarausfall, stand meine Entscheidung schnell fest: Keine coldcap. Warum quälen, wenn es keinen Nutzen hat? Neben mir lag eine Frau MIT coldcap. Als sie fertig war mit ihrer Behandlung, bei mir der Schock: Nach 16 (!) Chemobehandlungen und jedes mal tragen der Eiskappe hatte sie noch Fusseln auf dem Kopf, durch die die Kopfhaut sichtbar durchschien. Echt nichts für mich, war danach gleich noch entschlossener, mir das nicht mehr an zu tun.

Der weitere Verlauf war dann auch gut. Abends ein bischen Übelkeit, früh ins Bett, wollte Ruhe, und die Nacht wenig geschlafen. Aber das gehört auch ein bischen dazu. Habe ab 3 Uhr wach gelegen und  ganze Kapitel für das Kinderbuch, das ich probiere zu schreiben, ausgedacht> Heute Nacht mal ein Laptop ans Bett:-)

Heute geht es mir gut. Bin bereits meine Runde Rad gefahren und fühle mich gut.

Daumen drücken für morgen!

Kinderwunsch?

29 April 2011

Habe ich noch einen Kinderwunsch? Bei meiner ersten Begegnung mit Nathalie, mein nurse practicioner, wird mir die Frage gestellt. Ich habe gerade die Diagnose Brustkrebs gestellt bekommen, vor mir steht ein Cappuccino, der mich beruhigen soll und ich werde gefragt, ob ich noch Kinder möchte.  Bizarr ist noch der schlichteste Ausdruck, der mir hierzu einfällt. Geistesabwesend sage ich, dass ich keine Kinder mehr wünsche, wir unsere Familie als komplett ansehen und glücklich sind zu viert.  Auch Ferry stimmt dem zu und Nathalie ist erleichtert, weil wir dann vor allen anderen Behandlungen nicht auch noch Eizellen aus meinem Körper entnehmen müssen.
Aha.

Ein paar Wochen, eine Operation und eine Chemobehandlung später trifft es mich wie der Schlag! Ich werde keine Kinder mehr bekommen! Auch nicht in einem oder zwei Jahren, nicht in drei oder vier Jahren, niemals mehr. Und das nicht, weil ich es selbst entschieden habe, nein, weil Harrie den Entschluss gefasst hat, sich ausgerechnet in meiner Brust anzusiedeln. Ich werde gelebt! Ich treffe meine Entscheidungen nicht mehr selbst. Seit Wochen entscheide ich gar nichts mehr ausser eventuelle Anpassungen in Terminzeiten und auch da habe ich wenig Einspruch. Ich bin eine Marionette geworden und muss mich der Meinung, dem Können und der Planung und Organisation anderer überlassen. Nichts für mich. Seit ich denken kann, entscheide ich alles selbst in meinem Leben. Ich bin und war nie abhängig von dritten. Ich kann mein Leben selbst meistern! Und jetzt? Jetzt kann ich nie mehr entscheiden, ob ich nicht doch irgendwann noch einen wilden, kleinen, ungezähmten Jungen in die Welt setze (was anderes bekomme ich nämlich sowieso nicht- und will ich im Übrigen auch gar nicht…).

Ich bin noch nicht mal 40 Jahre alt! Ich habe Freundinnen, die in dem Alter erst begonnen sind, überhaupt an Kinder zu denken! Klar, ich habe zwei gesunde Söhne und da bin ich froh, dankbar und vor allem glücklich drüber. Und ja, wir haben sowieso über Sterilisation nachgedacht, weil wir eben eigentlich keine Kinder mehr wollten. Aber sowas entscheide ich eben gerne selber und lass mir das nicht gerne abnehmen durch ein paar wildwuchernde, bösartige Tumorzellen in meinem Körper, die doch schon mein ganzes Leben auf den Kopf setzen! Harrie must die! Schon alleine, weil ich endlich wieder Heer meiner eigenen Entscheidungen werden will! Mein Körper gehört mir und hat sich mir wieder unter zu ordnen, nicht andersrum!


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