Ja, wovon das Herz voll ist, läuft der Mund bekanntlich über und das tat er bei dieser Übung des Intuitiven Workshops wirklich.
Wir bekamen dafür zunächst ein Sabbertuch ausgehändigt und jede sollte sich einen eigenen Platz im Raum suchen, wo sie sich in aller Ruhe einem ihrer Zähne widmen konnte, ohne in die Zahngeschichten der anderen Teilnehmerinnen einzutauchen.
Ich bin bisher noch nicht auf die Idee gekommen, einen meiner Zähne zu halten und tief in mich hinein zu spüren, was dabei geschieht.
Schon bei der Ankündigung, das wir uns gleich den Zähnen widmen, meldet sich der Backenzahn hinten links deutlich, der schon einige Jahrzehnte für sich allein steht.
Wir werden instruiert, zu Beginn einen Zahn zu wählen, der keine allzu heftige Geschichte in sich trägt. (alle Zähne haben ihre eigene Geschichte und sind Zeuge unseres gelebten Lebens).Nun ja, mein Backenzahn hatte sich ja schon gemeldet, deshalb fiel meine Wahl gleich auf ihn.
Nun saß ich da, das Sabbertuch um die eine Hand geschlungen und mit Zeigefinger und Daumen der anderen Hand den Backenzahn haltend. Zuvor waren wir instruiert worden, das sich die sensiblen Sensoren in unseren Fingern einschalten, der Atem ruhig ein und aus strömt, der Fokus ganz auf den Zahn ausgerichtet ist.
Kaum berühre ich den Zahn, beginnt er zu pulsieren. Ich frage ihn still, ob es so angenehm für ihn ist oder ob ich zarter oder fester zugreifen soll, damit er sich sicher fühlt.
„Alles in Ordnung, genau richtig“, meint er.
Und während ich dasitze und ihn halte, offenbart er mir, das er hier an dieser Stelle sehr belastet ist und sich öfter ganz allein gelassen fühlt.
Oje, das kann ich mir gut vorstellen, zumal neben ihm eine Lücke klafft, aus der sich sein Kollege schon vor vielen Jahren verabschiedet hat. Und auch der Druck von oben sei manchmal heftig. Ob ich das nachvollziehen kann?
Oh, ja! Ich habe ihn verstanden und halte ihn weiter. Ist gewiss nicht einfach, seine Aufgabe an dieser Stelle tagtäglich ohne murren auszuführen. In mir regt sich Mitgefühl, das ich nun einfach zu ihm fliessen lasse, während ich ihn weiter halte.
Da beginnt sich das Pulsieren ganz allmählich zu beruhigen. Ich lasse weiter meinen Atem, mein Mitgefühl und helles Licht in den Zahn strömen, was er zu geniessen scheint. Ich spüre, wie etwas in ihm durch meine Zuwendung sichtlich aufatmet. Es tut ihm gut, von mir gehalten zu werden, in all den Jahren zum ersten Mal.
Meine Aufmerksamkeit geht noch tiefer in den Kiefer hinein bis in die Wurzel. Dort vollzieht sich sanft eine Wandlung, die mit blossem Auge wahrscheinlich nicht zu erkennen ist. Doch sie ist fühlbar. Für mich. Für meinen Zahn. Es kribbelt bis in die tiefste Tiefe hinein und ich lasse es zu.
Innerhalb weniger Minuten liebevollen Haltens hat sich die Befindlichkeit für diesen Zahn deutlich gewandelt. Er ist dankbar für meine Zuwendung und signalisiert mir wenig später, das es jetzt vollkommen in Ordnung wäre, wenn ich meine Finger zurück nähme.
Behutsam ziehe ich zunächst meinen Fokus aus den Fingern zurück, atme noch ein paar mal ein und aus, ehe ich die Finger ganz von ihm entferne und mit meiner Aufmerksamkeit in den Raum zurück kehre.