In 110 Tagen werde ich Deutschland verlassen. Vor 110 Tagen war mein letzter Arbeitstag. Irgendwie fühlt sich das schon etwas seltsam an.
Inzwischen gewöhne ich mich mehr und mehr an das Leben als Nicht-mehr-Berufstätige. Wenn ich morgens aufwache und in mich hineinspüre, ist da oft dieses wunderschöne Gefühl der Freiheit. Freiheit, ganz allein über den Tag bestimmen zu können. Manchmal schaffe ich es leider nicht, mich aufzuraffen und etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anzufangen. Dann holt mich die Lethargie ein, die Erschöpfung hält mich gefangen und lässt mich einen trüben Tag auf dem Sofa verbringen.
Doch immer öfter gelingt es mir, die Stunden mit Tätigkeiten zu füllen, die mir gut tun. Dabei habe ich selten einen Plan, ganz entgegen meiner früheren Lebensweise. Ich entscheide spontan, lasse mich ein wenig treiben. Beim Ausmisten verliere ich mich hin und wieder für Stunden im Lesen alter Briefe oder betrachten von Fotos aus meiner Vergangenheit. Aber diesen Luxus kann ich mir erlauben.
Sogar das Handy kann ich öfter aus der Hand legen. Dafür habe ich mit dem Häkeln von Topflappen begonnen. Nichts Schwieriges, ich bin da auch nicht sehr talentiert. Aber es ist schön, etwas „herzustellen“, selbst sichtbar produktiv zu sein.
Ich merke, dass ich immer mehr in mir ruhe. Nur nachts scheint es nach wie vor in mir zu arbeiten. Da schwirren Menschen durch meine Träume, die ich längst vergessen glaubte. Und auch Ängste tauchen auf vor einer ungewissen Zukunft mit deutliche weniger Geld als bisher.
Aber alles in allem bin ich hoffnungsvoll.