Bergfest

In 110 Tagen werde ich Deutschland verlassen. Vor 110 Tagen war mein letzter Arbeitstag. Irgendwie fühlt sich das schon etwas seltsam an.

Inzwischen gewöhne ich mich mehr und mehr an das Leben als Nicht-mehr-Berufstätige. Wenn ich morgens aufwache und in mich hineinspüre, ist da oft dieses wunderschöne Gefühl der Freiheit. Freiheit, ganz allein über den Tag bestimmen zu können. Manchmal schaffe ich es leider nicht, mich aufzuraffen und etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anzufangen. Dann holt mich die Lethargie ein, die Erschöpfung hält mich gefangen und lässt mich einen trüben Tag auf dem Sofa verbringen.

Doch immer öfter gelingt es mir, die Stunden mit Tätigkeiten zu füllen, die mir gut tun. Dabei habe ich selten einen Plan, ganz entgegen meiner früheren Lebensweise. Ich entscheide spontan, lasse mich ein wenig treiben. Beim Ausmisten verliere ich mich hin und wieder für Stunden im Lesen alter Briefe oder betrachten von Fotos aus meiner Vergangenheit. Aber diesen Luxus kann ich mir erlauben.

Sogar das Handy kann ich öfter aus der Hand legen. Dafür habe ich mit dem Häkeln von Topflappen begonnen. Nichts Schwieriges, ich bin da auch nicht sehr talentiert. Aber es ist schön, etwas „herzustellen“, selbst sichtbar produktiv zu sein.

Ich merke, dass ich immer mehr in mir ruhe. Nur nachts scheint es nach wie vor in mir zu arbeiten. Da schwirren Menschen durch meine Träume, die ich längst vergessen glaubte. Und auch Ängste tauchen auf vor einer ungewissen Zukunft mit deutliche weniger Geld als bisher.

Aber alles in allem bin ich hoffnungsvoll.

Noch 4 Monate

4 Monate hört sich lang an, aber je näher die Auswanderung rückt, umso kribbeliger werde ich. Es ist eine Menge zu organisieren und nicht alles läuft so rund, wie ich es mir wünschen würde. Doch bisher ließen sich die meisten Probleme noch lösen, wenn auch nicht so preiswert wie erhofft.

Und dann gibt es da noch die anderen Gedanken. Auswandern… Auch wenn das heute nicht mehr so ein Schritt ist wie vor 150 Jahren, ist es doch nicht nur ein Umzug in den Nachbarort. Ich gebe nicht viel auf hier, aber es ist auch nicht nichts. Wenn ich jetzt Freunde oder Kollegen treffe, ist es oft für ein letztes Mal und bisweilen schwingt da schon auch ein bisschen Wehmut mit.

Natürlich werde ich öfter nach Deutschland reisen, Arztbesuche absolvieren, an Klassentreffen teilnehmen und bei solchen Gelegenheiten auch geschätzte Menschen meiner Vergangenheit treffen. Schweden ist relativ nah und auch ein attraktives Reiseziel für einige meiner Bekannten.

Ja, Schweden ist nah. Es ist Europa (leider ohne den Euro), es ist ein demokratisches fortschrittliches Land, dessen Sprache ist weitestgehend beherrsche und das ich schon unzählige Male besucht habe. Dennoch ist es nicht das, was ich 52 Jahre gewohnt war. Es gibt andere Regeln und Gesetze, andere Verhaltensweisen, andere Bräuche. Man kennt andere Lieder, TV-Programme, Politiker und Stars. Man hat eine andere Geschichte, ein anderes Schulsystem, andere Versicherungssysteme, andere Abläufe bei Behörden. Das Klima ist etwas rauer, die Sommer kürzer, die Winter dunkler, die Mücken größer, der Alkohol teurer, die Auswahl in den Geschäften geringer, die Menschen reservierter (wobei die Franken dem schon sehr nah kommen), die Steuern höher, die Digitalisierung fortgeschrittener. An vieles werde ich mich erst gewöhnen müssen, anderes aus Deutschland mit Sicherheit nicht vermissen.

Heutzutage ist ein Umzug ins Ausland fast nichts Besonderes mehr. „Goodbye Deutschland!“ lässt uns wöchentlich teilhaben an den Schicksalen der Mutigen, die ohne Sprachkenntnisse, mit wenig Geld, dafür mich Kindern, Hunden und drei Koffern Hals über Kopf einen Neuanfang am anderen Ende der Welt wagen, indem sie das 83. Café eröffnen. Nein, zu denen gehöre ich nicht. Ich habe mir das wirklich gut überlegt und es gibt auch kein anderes Land, in das ich ziehen würde, denn bei mir ist es nicht die Flucht aus Deutschland, die mich zu diesem Schritt bewegt hat.

Aber die Ängste sind natürlich da. Wird das Geld reichen, um ohne größere Einschränkungen leben zu können? Kann ich trotzdem noch reisen? Bleibt das Verhältnis zu meinem Sohn so positiv, wenn ich räumlich in seiner Nähe bin? Werde ich Kontakte knüpfen können und mich in die Gesellschaft integrieren? Und wie wird es in einigen Jahren sein, wenn ich körperlich oder geistig nicht mehr fit und auf Hilfe angewiesen bin? Werde ich meine Heimat vermissen? Oder ist es genau das Richtige für mich, um mit alten Gewohnheiten zu brechen, aktiver zu werden und langgehegte Träume wahr werden zu lassen?