Beten kannst du dann immer noch

… pflegte meine Oma zu sagen, wenn sie die Unruhe bemerkte, die sich meiner stets bemächtigte, sobald das Schicksal mir meine Sicherheit raubte. Das fing schon früh an, die Sache mit dem Beten und Omis Störkommandos, weshalb ich irgendwann beides gleichzeitig machte, ihre Befehle befolgen und beten, sicherheitshalber, rein prophylaktisch quasi.

Seit Omis Ableben verblasste die Erinnerung an ihre harschen Ansagen ein wenig, stattdessen drängte sich zunehmend der Heilige Antonius in meine Gehirnwindungen, der Einzige, an den meine Großmutter gelegentlich einen knappen Zweizeiler richtete, und zwar dann, wenn sie etwas verloren hatte und wiederzufinden hoffte, falls unsere Suchaktionen nichts fruchteten. Auf den Antonius war Verlass, ich kann es bezeugen, die Tradition ihn herbeizurufen übertrug sich somit auch auf die nächsten Generationen; Omas Ableger sind allesamt gut im Finden und bilden mit Toni ein verlässliches Team.

Heilige mit gewissen Funktionen gäbe es ja zuhauf, keine Ahnung, wieso es bei uns nur der Antonius ins Ranking geschafft hat. Ansonsten sprechen wir lieber das Schicksal direkt darauf an, warum es unsere Pläne durchkreuzt. Im Notfall jedoch hilft manchmal nur noch Beten, und falls es nix hilft, schadet es zumindest nicht ernsthaft. Oder? Mein Papa hielt es zwar für Zeitverschwendung, aber wenn das logische Denken beispielsweise ohnehin gerade durch einen Schock blockiert ist, kann man doch für alle Fälle mal wenigstens einen Hilferuf gen Himmel schicken, einen, der sich für jede Situation eignet und gar nicht lange dauert, etwa ein deftiges „Hilf Himmel!“, sofern man noch rechtzeitig mit Gott ausgehandelt hat, dass Himmel den Überbegriff darstellt und eh auch ihn mit einbezieht.

In letzter Zeit gab es genügend Gelegenheit, hoffnungsvoll Richtung Himmel zu blicken, denn meine Ordnung war in Gefahr, ist es noch. Jene Ordnung, an der ich mich mein Leben lang orientieren konnte, die von mir aufgebaut und gehegt wurde als Tankstelle für Kraft und Zuversicht und ohne die ein Funktionieren mir schier unmöglich schien. Von den aktuellen Geschehnissen waren zwei Einbrüche noch die harmlosesten, viel schlimmer waren die Auswirkungen unabsehbarer Verluste im Vertrauensbereich, denn wenn Menschen sich nicht an die simpelsten Regeln für eine halbwegs funktionierende Gemeinschaft halten wollen, fängt die Seele an sich einzumauern und auf Abstand zu gehen. Es schmerzt mich, die Menschen, denen wir geholfen hatten obwohl sie uns fremd waren, auf schrecklichen Abwegen zu erleben, weil sie tatsächlich nur ein paar Doofe zum Ausnutzen brauchten und gar nie die Absicht hatten, auf redliche Art und Weise voranzukommen. Mich ärgert ihre Ausrede wegen der angeblich mangelnden Zeit für eine langwierige, unkriminelle Laufbahn ebenso wie ihre Dummheit, als Kleinvieh den Mist großer Bandenköpfe zu erledigen.

Ich habe mein Leben lang hart gearbeitet und keinen einzigen Rückschlag irgendjemand anderem überantwortet als mir selbst. Ich habe Hunger erlebt und Nöte ausgestanden, ohne auf die schiefe Bahn zu geraten, weil mir Armut im Zweifelsfall stets erstrebenswerter erschien als jemanden zu bestehlen, zu berauben oder umzubringen. Ich hätte für das Wohl meines Kindes mich selbst geopfert, aber nie jemand anderen absichtlich in die Bredouille gebracht und ich verstehe nicht die Rechtfertigung mancher, Familie stehe über allem. Was kann an einer Familie wertvoll sein, wenn sie ihre Mitglieder zu Taten anstiftet, die unrecht sind, unrecht im Sinne von unehrenhaft, niederträchtig, abscheulich. Es verändert nicht den Charakter, knapp vorm Verhungern einen Apfel vom Obststand zu stibitzen, aber sich auf Handlungen zu spezialisieren, die Tätern wie Opfern jegliche Würde rauben, macht erst die eigene kleine und irgendwann die ganze große Welt kaputt. Da hilft dann auch kein Beten mehr, fürchte ich …