„Heute können wir so schnell die ganze Welt umrunden, dass die meisten von uns paradoxerweise gar nicht mehr reisen – sondern nur noch ankommen.“
Entschleunigung begegnet uns immer häufiger als ein Gegenentwurf, je kürzer getaktet und uniformierter wir die Prozesse unserer Alltagswelt wahrnehmen. Das Label „Slow“ für ein Mehr an Lebensqualität brachte Carlo Petrini 1986 mit der Gründung der Slow Food-Bewegung ein, die für ein genussvolles, bewusstes und regionales Essen einsteht. Bald wurde das Konzept auf andere Lebensbereiche übertragen, so auch auf Slow Travel, das zum Beispiel in Zeitschriften wie „Hidden Europe“ oder „The Idler“ Stimmen fand für eine langsamere und damit bewusstere und erfülltere Art des Reisens.
In seinem Buch über die Kunst des langsamen Reisens, 2012 in einer britischen Ausgabe, im Frühjahr 2013 bereits in einer deutschen Übersetzung erschienen, greift der englische Reiseschriftsteller Dan Kieran zurück auf altgriechische Vorstellungen von Zeit. Die Griechen kannten zwei Konzepte der Zeit (abstrakte Begriffe, die zugleich als göttliche Wesen personifiziert werden konnten). Chronos ist der Ablauf der Zeit – eine äußere oder objektivierte Zeit, die für uns Sterblichen unweigerlich im Tod mündet. Dem entgegen steht Kairos, der rechte Zeitpunkt, in dem sich das Leben verdichtet, höchste Aufmerksamkeit voraussetzt und nach einer Entscheidung ruft – eine intensive, subjektivierte Zeit: ein Augenblick, in dem die Macht des Chronos gebrochen ist.
„Kev litt vor sich hin, als wir aus der Stadt hinausfuhren, aber ich war begeistert, dass wir so bald in Unannehmlichkeiten geraten würden.“
Biographischer Ausgangspunkt für das langsame, bewusste Reisen war für Dan Kieran seine ausgeprägte Flugangst. Sie zwang den Inselbewohner zu einem veränderten Reiseverhalten, und was als psychologisches Handicap begann, beschenkte den Reisenden mit unerwarteten Erfahrungen und Erkenntnissen. Es sind im Grunde einfache Regeln, die dem Slow Travel zugrunde liegen – und aus Tourismus ein echtes Reiseerlebnis machen: die verlangsamte Fortbewegung, die einen bewussten, intensiveren Austausch mit den Landschaften, Kulturen und Menschen auf der Reise erlaubt, die Aufgabe von Routinen und die Offenheit für das Unerwartete.
Kieran bietet anhand eigener Erlebnisse wie der anderer Reiseschriftsteller, auf deren literarischen Fundus er zurückgreift (mit besonders großer Verehrung auf Stefan Zweig), zahlreiche Beispiele für diese Kunst des Reisens. Die entbehrungsreichen Wanderungen von Jay Griffiths („Wild. An Elemental Journey“, 2006) durch tropische Dschungel und eisige Wüsten sind ein Extrem. Viel harmloser und unspektakulärer und trotzdem ein Paradefall für Slow Travel kann die Erkundung des eigenen Lebensraums sein, etwa eine Tageswanderung von der eigenen Haustür ab durch eine Landschaft, die man täglich mit dem Auto durchfliegt, ohne je ein Gefühl für das Land gewonnen zu haben. Eine solche Wanderung rückt das Land näher, sie bringt neue Maßstäbe und einen neuen, reicheren Blick – die Fähigkeit, die eigene Heimat mit den Augen eines Reisenden zu sehen.
„Einmal fuhren wir einen Hügel hinauf und wurden von einer Hummel überholt.“
Ein besonders schöner Bericht ist Kierans Fahrt in einem alten elektrischen Milchwagen quer durch England, die er mit zwei Freunden unternommen hatte („Three Men in a Float“, 2008). Aus einem verrückten Einfall, anfänglich von niemandem ernst genommen, wurde ein Musterbeispiel für das langsame Reisen, das die drei Freunde tief prägte und veränderte – aber auch die Menschen, denen sie unterwegs begegneten. Durch die entschleunigte Weise des Reisens (ohne damit verbundener körperlicher Anstrengung wie beim Wandern oder Radfahren) erlebten Kieran und seine beiden Mitreisenden, wie die Kluft zwischen Umwelt und dem Reisenden zunehmend geringer wurde. Als der Autor auf einer Etappe an einer ganz gewöhnlichen Einkaufstour in einem PKW teilnahm, war er überwältigt und entsetzt. „Angesichts der absurden Geschwindigkeit verfiel ich in Panik, und alles, was ich durch das Fenster sah, hatte auf einmal seine Bedeutung verloren.“
Nicht nur das Land rückte viel näher an die Reisenden, sondern diese veränderten auch das Land, genauer die Menschen. Indem sie während ihrer ungewöhnlichen Unternehmung in dauernden Kontakt mit fremden Leuten kamen, deren Neugier weckten oder auf diese angewiesen waren (etwa fürs tägliche Aufladen des Elektromotors), lösten die Milchwagenfahrer in den Menschen unerwartete Regungen aus: Viele Wildfremde erzählten plötzlich mit leuchtenden Augen von ihren eigenen heimlichen „verrückten“ Ideen, die sie sonst wie Geheimnisse peinlich gehütet hatten.
„Deshalb übt das langsame Reisen auf mich einen solchen Reiz aus, denn es bringt einen dazu, das eigene Leben als die einzige epische Realität anzusehen, die man jemals erfahren wird.“
Nicht die Sehenswürdigkeiten zählen auf einer Reise – gegen sie hat Kieran geradezu eine Abneigung, da der Tourist hier nur Bestätigung einer vorgefassten Meinung suche –, sondern es sind unerwartete Begegnungen mit Menschen, es sind Erfahrungen jenseits aller Vorhersehbarkeit, es ist die Konfrontation mit dem Unbekannten und damit auch immer und immer wieder die Auseinandersetzung mit sich selbst, die im Reisenden eine Entwicklung auslöst. Nein, bequem ist diese Art des Reisens nicht immer, aber genau darin sieht Kieran die Tiefenwirkung seiner Kunst des Reisens: eine Neubestimmung des eigenen Lebens. Wer sich darauf einlässt, für den verliert der unbarmherzige Griff von Chronos an Macht, denn in der Intensität des Augenblicks wird das Leben kostbar und erfüllt.
„Slow Travel“ ist dort am fesselndsten, wo Kieran die Kunst des Reisens an eigenen Reiseerlebnissen auszuführen versucht – an der Schnittstelle zwischen dem Erzählen und der Reflexion über das Selbsterlebte. Hier springt an der einen oder anderen Stelle der Funke über, Kairos fliegt vorüber und man wünscht sich, schnell die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und aufzubrechen in ein bewussteres, befreiteres Leben. Kierans Ausflüge in die Neurowissenschaften hingegen und andere Versuche, sein Thema auf theoretischer Ebene zu unterfüttern, sind letztlich unnötig, und manches an seinem Reisebuch geht bedauerlicherweise über Plattitüden und auch stilistische Banalitäten nicht hinaus. Ein mitreißendes Buch ist „Slow Travel“ aufs Ganze gesehen daher nicht. Aber grundsympathisch.