Das Ph�nomen World Wide Web

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Zweifellos als starker Z�ndfunke des "modernen" Internet gilt das World Wide Web, das 20 Jahre nach Erfindung des Internet das Internet wie kein anderer Dienst zuvor revolutionierte. Seine Geschichte hat dabei erstaunliche Parallelen zu der Internet-Geschichte selbst und ist gepr�gt von einigen vision�ren Menschen.

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Das Internet wird erwachsen

Der Bedarf nach einem Informationssystem

Zwar gab es Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts schon seit �ber 20 Jahren das Internet, dennoch war das Internet weitgehend immer noch eine eher akademische Angelegenheit, die vornehmlich von Universit�ten, Forschungsinstituten und in den USA auch von milit�rischen und beh�rdlichen Einrichtungen genutzt wurde. Mit den bereits vorhandenen Diensten FTP (siehe File Transfer Protocol), der E-Mail (siehe E-Mail), den Kommunikationsformen �ber Netnews (siehe Netnews) und den ersten Informationssystemen Archie (siehe Archie) und WAIS (siehe WAIS) waren die ersten Grundsteine zum Informationsaustausch bereits gelegt, dennoch war dies alles noch viel zu statisch. Selbst einschl�gige Unternehmen aus der Computerbranche taten sich mit dem Internet bis dato eher schwer. Au�er einer schnelleren Kommunikation mit anderen Gesch�ftspartnern, die ebenfalls das Internet nutzten, gab es keinen direkten "Benefit" - es gab zwar mit dem Internet nun eine interdisziplin�re und robuste Vernetzung von Computern, aber noch lange keine M�glichkeit zur sinnvollen Vernetzung von Inhalten �ber Computernetze.

Tim Berners-Lee
Tim Berners-Lee (� CERN)
Mit freundlicher Genehmigung des CERN.

Genau mit diesen Gedanken spielte bereits seit Jahren ein britischer Physiker und Computerspezialist namens Tim Berners-Lee. Der Sohn von Mary Lee und Conway Berners Lee, zwei ausgebildeten Mathematikern, befasste sich schon seit den 80er Jahren mit der Frage, wie Information so strukturiert werden kann, damit sie elektronisch auf �hnliche Weise abgelegt und wieder gefunden werden k�nnen, wie es das menschliche Gehirn tut. Zun�chst arbeitete er jedoch als "normaler" Programmierer f�r ein britisches Unternehmen und wechselt 1978 zu einem Unternehmen, dass ihn 1980 f�r ein halbes Jahr f�r ein Programmierprojekt zum europ�ischen Kernforschungszentrum CERN nach Genf ausleiht. Hier macht er erste Bekanntschaft mit seinem sp�teren Arbeitgeber und lernt eine weitere Kultur kennen - die Kultur des gepflegten Informationschaos.

Das Chaos am europ�ischen Kernforschungszentrum CERN

Um die damaligen Informationsfluten am CERN zumindest erahnen zu k�nnen, m�ssen Sie sich vorstellen, dass das CERN schon von Anfang an einen starken internationalen Charakter hat: Inmitten durch das CERN-Gel�nde f�hrt die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich und das CERN ist von Anfang an eine Forschungsst�tte f�r Wissenschaftler aus den verschiedensten L�ndern der Erde, die h�ufig nur zeitweise am CERN arbeiten und dort ihre Forschungsarbeiten vornehmen.

Auch wenn das CERN von Anfang an stolz auf seine Weltoffenheit ist, ergab sich jedoch im laufenden Betrieb sehr bald das Problem, dass die Verwaltung und die Wissenschaftler nach und nach bergeweise Forschungsergebnisse und andere Informationen anh�uften und es nur mit �u�erster Disziplin m�glich war, Herr �ber diese Informationsfluten zu werden und zu bleiben. Am CERN herrschte kein akutes, sondern ein chronisches, fast schon wohlsortiertes Durcheinander von verschiedenen, meist hochgradig inkompatiblen Informationssystemen, das sich im Laufe der Jahre immer weiter versch�rfte. Wissenschaftler beklagten sich, dass sie nur schwerlich �ltere Forschungsergebnisse anderer CERN-Wissenschaftler finden konnten und durch die Entwicklung des damals gr��ten Teilchenbeschleunigers der Welt, dem Large Electron-Positron Collider (LEP), drohte dieses Informationschaos zuk�nftige Forschungsarbeiten ernsthaft zu l�hmen, wenn kein einheitliches und fach�bergreifendes Informations- und Dokumentationssystem eingerichtet w�rde.

Ein erster, ambitionierter Versuch, die Informationsflut zu kanalisieren, war die Einf�hrung von CERNDOC, einem zentralen Dokumentenmanagement auf Basis einer britischen Software des Rutherford Laboratory aus Oxfordshire. In CERNDOC konnten alle Arten von Informationen und Dokumenten in eine Datenbank erfasst werden. Mit einer Schl�sselwortsuche konnte diese Datenbank durchsucht, auf einem Bildschirm angezeigt oder auf einem Drucker ausgedruckt werden.

Tim Berners-Lee am CERN

Nach seinem halbj�hrigen "Ausflug" 1980 bewarb sich Tim Berners-Lee vier Jahre sp�ter nochmals am CERN. In seiner Bewerbung gab er als W�nsche f�r seine T�tigkeit "Computertechnologie: Vernetzung, Telekommunikation, modulare Echtzeitsysteme, Mensch-Maschine-Schnittstelle" an. Man erinnerte sich am CERN an Berners-Lee und seine fr�here T�tigkeit, in der er seine ihm �bertragenen Programmieraufgaben in ph�nomenal kurzer Zeit und mit hoher Pr�zision ausf�hrte, so dass er zum 1. September 1984 angestellt wurde, allerdings nicht als Programmierer in dem von ihm gew�nschten Gebieten, sondern in der Erstellung von Datenbanken zum Tiefbauprojekt des LEP-Teilchenbeschleunigers, der sich zu dieser Zeit in Bau befand. Er nahm die Stelle an, schrieb jedoch umgehend an die Verwaltung, was er eigentlich gern machen w�rde. Er wurde daraufhin kurzfristig innerhalb des CERN zum so genannten Fastbus-Projekt versetzt, bei dem es darum ging, eine Hochgeschwindigkeitsdatenschnittstelle zu entwickeln, um Echtzeitdaten aus Forschungsprojekten sammeln und �bertragen zu k�nnen.

Hier entwickelte sich Berners-Lee zu einem anerkannten Fachmann in seinem Gebiet. Er arbeitete wieder in erstaunlichem Tempo - oft zu schnell f�r seine Kollegen und seinen Abteilungsleiter, die ihn m�hsam bremsen mussten. Dennoch war Berners-Lee irgendwann am Ende des Fastbus-Projektes angelangt und widmete sich einer Technologie namens Remote Procedure Calls (RPC), mit der von einem Rechner aus Programme auf anderen Rechnern gesteuert werden konnten. Das war gerade f�r die Entwicklung des LEP-Teilchenbeschleunigers eine interessante Architektur, da der Teilchenbeschleuniger von einer Vielzahl unterschiedlicher Systeme gesteuert wurde und diese via RPC-Programmierung einheitlich von zentral ablaufenden Programmen gesteuert werden konnten. Auch hier brillierte er wieder mit seiner hervorragenden Auffassungsgabe und seiner schnellen Arbeitsweise, vor allem bei seinen Vorgesetzten. Sein Abteilungsleiter war es auch, der ihn dazu brachte und regelrecht zwang, seine Entwicklungsarbeiten ausf�hrlich zu dokumentieren.

In diesem Zusammenhang kam er 1987 mit CERNDOC in Ber�hrung, als seine Abteilung einheitlich begann, ihre Informationen darin abzulegen. Er erkannte sehr bald, wie viele andere CERN-Wissenschaftler auch, die Unzul�nglichkeiten von CERNDOC: CERNDOC war schwerf�llig, nur mit eigenen Terminals bedienbar und unkomfortabel zu bedienen. Den archivierten Dokumenten fehlte es zudem an Formatierungsm�glichen und grafischen Darstellungsmodi. Der gr��te Schwachpunkt machte jedoch Tim Berners-Lee an der Schl�sselwortsuche aus, da diese Form des Suchens nicht der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns entsprach und seiner Meinung nach auch dazu f�hren konnte, dass Wissenschaftler unter Umst�nden vorhandene Information nicht finden k�nnten, da es an M�glichkeiten fehlte, logische Beziehungen zwischen abgelegten Informationen zu schaffen.

Ein fr�hes Produkt seiner �berlegungen war ein kleines Demonstrationsprogramm namens Enquire, das er Mitte der 80er Jahre schrieb. Enquire bot genau das, was CERNDOC nicht konnte: Beziehungen zu lernen. Ein Wissenschaftler h�tte mit Enquire beispielsweise zwei Forschungsergebnisse in Beziehung miteinander setzen k�nnen, in dem beispielsweise ein bestimmter Versuchsablauf innerhalb der Forschungsergebnisse gleich sein k�nnte: Es entstehen so Verwebungen (achten Sie genau auf die fettgedruckten Wortbestandteile des letzten Wortes!).

Enquire war zwar f�r seine Verh�ltnisse eine Software mit ph�nomenaler Sucheigenschaft und wurde von Tim Berners-Lee als Beispiel auch in Empfehlungen dargestellt, konnte jedoch unm�glich ohne weiteres als CERNDOC-Ersatz eingesetzt werden. Zum einen, weil die hauseigenen Entscheidungswege nicht soweit waren und zum anderen, weil Tim Berners-Lee im Laufe der Zeit schlicht den Programmcode von Enquire verloren hatte. Was er jedoch nicht verloren hatte, war die Idee von miteinander verwobenen Informationen, die grafisch ansprechend gestaltet werden konnten. Die Zeit wurde reif f�r etwas Neues.

Die Ideen und der erste Vorschlag

Im Laufe des Jahre 1989 beendete Tim Berners-Lee erfolgreich seine Arbeiten mit RPC am LEP-Teilchenbeschleuniger und konnte sich st�rker seinen Ideen eines neuartigen Informationsmanagements widmen. Er hatte zu diesem Thema ein Diskussionspapier namens "Information Management: A Proposal" (Informationsmanagement: Ein Vorschlag) verfasst, das er im M�rz 1989 seinem damaligen Abteilungsleiter der Online-Computing-Gruppe, Mike Sendall, zukommen lie� (siehe hierzu weiter unten die weiterf�hrenden Links).

In diesem, auch heute noch h�chst faszinierenden Dokument beschrieb Tim Berners-Lee zun�chst die Schwierigkeiten der immer st�rker aufkommenden Informationsfluten im CERN und prognostizierte, dass diese Entwicklung im CERN nur der Vorl�ufer f�r das ist, was generell in der Informationsgesellschaft in einigen Jahren passieren d�rfte: Viele Menschen arbeiten an einer Stelle, bringen unterschiedlichste Computersysteme zum Einsatz, dokumentieren in verschiedenen Dokumentationssystemen. Dies f�hrt dazu, dass an vielen Stellen Informationen abgelegt wird und im g�nstigsten Fall nur noch vom Urheber selbst wieder gefunden werden kann. Auf dem Deckblatt des Papiers zeichnete Berners-Lee ein Diagramm, in dem verschiedene Objekte durch Pfeile miteinander verwoben waren und die Idee der Hyperlinking darstellen sollte.

Mike Sendall erkannte sofort die Chancen der Ideen von Berners-Lee, er kannte aber auch die CERN-Maschinerie; viele Leute waren zu �berzeugen, um Ressourcen und Mitarbeiter f�r die Entwicklung eines neuen Informationsmanagements zu bekommen. "Als ich Tims Vorschlag las," so Mike Sendall zur�ckblickend, "konnte ich mir nicht vorstellen, was das war, dachte aber, dass es gro�artig sein muss". Legend�r deshalb auch seine Worte, die er auf das Diskussionspapier schrieb: "Vague but exciting ..." ("Vage, aber aufregend ...")

Im Januar 1990 besuchte Berners-Lee, auf Weihnachtsurlaub bei seinen zuk�nftigen Schwiegereltern in den USA, einen Workshop �ber Hypertext in Gaithersburg/Maryland, der vom National Institute of Standards in Technology (NIST) veranstaltet wurde. Hypertext war ja keine wirklich neue Idee, dennoch gab es nicht viele Menschen, die sich gro�e Anwendungsgebiete f�r Hypertext vorstellen konnten. Tim Berners-Lee konnte dies und hatte auch schon einen Anwendungszweck, hatte aber keine Software daf�r, um Hypertext in Netzwerken anzuwenden.

Selbst ist der Mann

Sp�testens nach dem Hypertext-Workshop in Gaithersburg erkannte Tim Berners-Lee, dass er wohl oder �bel selbst Hand anlegen musste, um eine Software f�r seine Idee zu bekommen. Einen passenden Rechner als Entwicklungsumgebung hatte er sich bereits ausgeschaut: Der NeXTcube mit dem Betriebssystem NeXTStep von der US-amerikanischen Firma NeXT Computer.

NeXT Computer, der NeXTcube und NeXTStep

Die Firma NeXT Computer ist insofern interessant gewesen, da sie 1986 von Steven Jobs mitgegr�ndet wurde, einer der Mitbegr�nder der Firma Apple Computer. Jobs hatte sich 1985 mit Apple-Vorstandskollegen �berworfen und daraufhin das Unternehmen verlassen. Mit NeXT wollte Jobs neuartige Desktop-Rechner schaffen und als weiterer Anbieter auf dem hart umk�mpften und zu dieser Zeit recht ges�ttigten Desktop-Markt bestehen, was entsprechend Neuartiges erforderte.

Das erste Produkt von NeXT Computer war der legend�re NeXTcube, ein w�rfelf�rmiger Desktop-Rechner, der mit dem Unix-artigen Betriebssystem NeXTStep ausgeliefert wurde. Im Gegensatz zu bestehenden Unix-Derivaten anderer Hersteller besa� NeXTStep jedoch einen Schwerpunkt auf das Graphical User Interface (GUI), die grafische Benutzeroberfl�che, dessen Ideen Jobs aus seiner Apple-Zeit und seinen Erfahrungen mit dem Apple-Macintosh-Betriebssystem MacOS mitbrachte. Eine wichtige Neuerung war der so genannte Interface Builder, mit dem Programmierer sehr einfach grafische Bedienelemente in ihre Programme integrieren konnten, ohne solche Dinge wie Men�s und Eingabeformular von Grund auf neu programmieren zu m�ssen. NeXTStep vereinte so die Stabilit�t und M�chtigkeit von Unix mit einer von der Macintosh-Welt angelehnten, grafischen Benutzeroberfl�che und weckte damit das Interesse vieler Entwickler weltweit - wenn auch weitgehend nur in dieser Klientel. NeXT Computer konnte nie eine wirklich gro�e Marktposition erreichen und wurde nach rund zehn Jahren von der Firma aufgekauft, von der ihr Chef kam. Viele Ideen von NeXTStep lebten und leben aber in MacOS weiter.

NeXT-Rechner am CERN - und f�r Tim Berners-Lee

Die ersten NeXT-Computer tauchten im CERN 1989 auf. Tim Berners-Lee sah so einen Rechner und sah darin das ideale Entwicklungssystem f�r sein Projekt. Im M�rz 1990 bat er Mike Sendall um zwei NeXT-Systeme und bekam die Zusage, dass Sendall sich bei der CERN-Verwaltung darum k�mmern wolle. Ein halbes Jahr sp�ter, im September 1990, erhielt Berners-Lee die ersehnten NeXT-Rechner und machte sich daran, einen Server und einen Browser f�r sein Projekt zu schreiben. Zweieinhalb Monate sp�ter, Mitte November 1990, hatte er die Prototypen bereits am Laufen. Auch einen Namen hatte er bereits f�r sein Projekt und diesen Namen trugen auch die ersten Versionen seines Browsers: World Wide Web, im ersten Namen noch zusammengeschrieben.

Sein Browser war im Grunde genommen eine einfache Textverarbeitung, mit der Hypertext-Dokumente erstellt und angezeigt werden konnten. In diese Hypertext-Dokumente konnten Links eingebettet werden, die zu anderen Hypertext-Dokumenten oder Grafiken zeigen konnten, letztere wurden in einem eigenen Fenster angezeigt. Eine Lesezeichenverwaltung gab es nicht, stattdessen konnte der Benutzer ein eigenes Hypertext-Dokument anlegen und diese als Startseite, als so genannte Homepage, einrichten. Im Laufe des Dezembers 1990 entwickelte er schlie�lich die erste rudiment�re Version der Hypertext-Auszeichnungssprache HTML, mit der Hypertext-Dokumente erstellt werden konnten. Und Berners-Lee hatte nicht zu viel versprochen: WorldWideWeb funktionierte nun nicht mehr nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis, der Prototyp des Browser und Server liefen einwand- und fehlerfrei.

�berzeugungsarbeiten

Der n�chste Schritt war der deutlich schwerere: Es musste �berzeugungsarbeit geleistet werden. Berners-Lees Software funktionierte einwandfrei und anschaulich, allerdings dank der Abh�ngigkeit der betriebssysteminternen Schnittstellen nur auf NeXT-Systemen und davon gab es auch im CERN nur wenige, geschweige denn, im Internet selbst. Ein gr��eres Projekt war also notwendig, um auch f�r andere Plattformen Browser zu schreiben und die Idee zu verbreiten.

Zu dieser Zeit ergab sich der gl�ckliche Umstand, dass ein weiterer Wissenschafter am CERN namens Robert Cailliau ebenfalls auf der Suche nach einem einheitlichen, netzwerkf�higen Dokumentationssystem war. Cailliau arbeitete bis dato an seinem Apple Macintosh mit einem System namens HyperCard, bei dem verschiedene Anwendungen auf virtuelle Karten abgebildet und untereinander verlinkt werden konnten. Aber auch hier fehlte die Netzwerkf�higkeit und Cailliau spielte mit dem Gedanken, ein �hnliches System mit Netzwerkf�higkeit zu programmieren. Als er mit Mike Sendall einen Kaffee trank, erz�hlte Sendall ihm von Tim Berners-Lee und Cailliau beschloss, Berners-Lee einmal zu besuchen. Als er ihn traf, lie� er praktisch augenblicklich von seiner Idee ab und Tim Berners-Lee hatte einen weiteren, festen Gef�hrten in Sachen World Wide Web.

Beide begannen nun gemeinsam den n�chsten Schritt: Die Ausarbeitung eines neuen Projektantrages. Als Basis verwendeten sie Tim Berners-Lees urspr�ngliches Diskussionspapier, das nun "WorldWideWeb: Proposal for a HyperText Project" hie� und nun nicht mehr so vage war. Sie beantragten f�nf Mitarbeiter, 80.000 Schweizer Franken und gaben einen Zeitraum von sechs Monaten an, in denen sie ein universelles System f�r das Informationsmanagement im CERN auf Basis von Hypertext erstellen wollten.

Das Echo auf den Projektantrag war sp�rlich. Das CERN steckte Anfang der 90er Jahre inmitten der Entwicklungsarbeiten zum neuen Teilchenbeschleuniger LHC ("Large Hadron Collider"), der mittelfristig den LEP-Teilchenbeschleuniger ersetzen sollte. Die CERN-Verwaltung war deshalb bei der Zuteilung von Projektgeldern �u�erst vorsichtig, da es galt, die Mitgliedsstaaten von der milliardenschweren Anschaffung des LHC-Teilchenbeschleunigers zu �berzeugen. Der Projektantrag d�mpelte deshalb in der CERN-Verwaltung vor sich hin und bewegte sich weder nach vorne, noch nach hinten. Berners-Lee und Cailliau erkannten, dass sie ihr "Baby" selbst weiterpflegen mussten, obwohl sie noch nicht mal in einer gemeinsamen Abteilung sa�en.

Untergrundbewegungen

Die weiteren Schritte sollten nun auf viel Eigeninitiative basieren. Zwar konnten Tim Berners-Lee und Robert Cailliau mit ihren NeXT-Rechnern nun miteinander surfen, sie waren weit und breit aber auch die einzigen, die dies konnten. Die oberste Priorit�t war nun, einen Browser f�r die Unix-Plattform zu schreiben. Da dem Projektantrag nicht stattgegeben wurde, griff Berners-Lee auf das zur�ck, was im Wissenschaftsbetrieb die Kulissen zusammenh�lt: Studentische Hilfskr�fte und Praktikanten.

Nicola Pellow, Mathematikstudentin am britischen Leicester Polytechnic, absolvierte ab September 1990 in der CERN-Computerabteilung ein einj�hriges Praktikum und bekam sogleich die Aufgabe, einen Browser f�r andere Computer und Terminals zu schreiben. Pellow war bis dato nicht sehr in Computerprogrammierung bewandert, setzte sich jedoch mit ihrer Aufgabe hin und programmierte ihren Browser, der auf dem damals allgegenw�rtigen Zeilenmodus aufbaute und praktisch auf jedem Terminal funktionierte. Grafisch war dies zwar ein R�ckschritt gegen�ber Berners-Lees Browser auf seinem NeXT, allerdings konnten mit diesem Zeilenmodus-Browser praktisch alle Computer- und Terminalbenutzer arbeiten. Ab April 1991 stand Pellows Zeilenmodus-Browser zur Verf�gung und langsam begann das Projekt in Fahrt zu kommen - allerdings nur langsam. Berners-Lee stellte zusammen mit Bernd Pollermann, einem CERN-Mitarbeiter, der ein fr�heres Dokumentationssystem namens XFIND auf Basis von IBM-Gro�rechner entwickelt hatte, eine Datenschnittstelle von XFIND zum Web her und erm�glichte so zumindest die XFIND-Recherche �ber das Web. Das war es bis dato aber auch schon. Berners-Lee erkannte, dass er mit diesem Zeilenmodus-Browser vielen Leuten das funktionierende Web zeigen konnte, nicht jedoch die grafischen M�glichkeiten, denn die gab es nach wie vor nur mit seinem Browser und der lief nur auf seinem NeXT-Rechner. Er wusste aber auch, dass er wenig Chancen hatte, von der CERN-Verwaltung einen Programmierer f�r X-Window, die grafische Benutzeroberfl�che unter Unix, bewilligt zu bekommen, der ihm einen grafischen Browser schreiben konnte.

Mit dem n�chsten Studenten im Bunde, Jean-Fran�ois Groff, der im Dezember 1990 im Rahmen eines franz�sischen Programms f�r intelligente junge Franzosen zum CERN kam und im September 1991 zu ihm stie�, hatte er deshalb einen anderen Plan: Anstatt ihn einen weiteren Browser programmieren zu lassen, sollte Groff stattdessen eine Anwendungsbibliothek schreiben, die dann Entwicklern im Internet zur Verf�gung gestellt werden k�nnte, die diese dann als Basis f�r eigene Browser-Entwicklungen nutzen k�nnten. Diese Bibliothek sollte die drei Kerntechnologien des World Wide Web beinhalten, die Tim Berners-Lee definierte:

  1. �bertragungsprotokoll (siehe Hypertext Transfer Protocol - HTTP)
  2. Einheitliches Adressierungsschema (siehe Uniform Resource Identifiers - URI)
  3. Auszeichnungssprache f�r Hypertext-Dokumente (siehe Die Sprachen des Web - Markup Languages)

Das Ergebnis dieser Arbeiten war im Sp�tsommer 1991 die Bibliothek libwww, die alle Kernkomponenten der World-Wide-Web-Technologie besa� und anderen Programmierern die Entwicklung von entsprechenden Anwendungen erheblich erleichtern konnte. Berners-Lee ver�ffentlichte diese Bibliothek auf seinen Webserver und stellte sie damit ins Internet. Diese uneigenn�tzige Bereitstellung der libwww im Internet war auch eine Reminiszenz an die Open-Source-Bewegung, der Initiative, die daf�r k�mpfte, dass Software frei von Rechten sein m�sse. Ein Protagonisten dieser Bewegung, Richard Stallman, besuchte im Juni 1991 das CERN und Tim Berners-Lee, der Stallman schon seit l�ngerem bewunderte.

Die ersten Browser-Entwicklungen au�erhalb des CERN lie�en nicht lange auf sich warten. Die Geschichte �ber die Browser-Entwicklung lesen Sie in einem anderen Artikel: Die Geschichte des Webbrowsers

Geordnete Strukturen - das World Wide Web Consortium

In den n�chsten Monaten war Tim Berners-Lee weiterhin vornehmlich mit regelrechten Missionarst�tigkeiten besch�ftigt. Ein deutliches Zeichen, wie die eher elit�re Hypertext-Gemeinde sein WWW-Projekt sah, gab es Ende 1991 bei der Hypertext-Konferenz "Hypertext 91" in San Antonio: Der eingereichten Vortragsvorschlag von Berners-Lee und Cailliau, in dem sie das WWW-Projekt vorstellen wollten, wurde gar nicht erst in den Vortragskatalog aufgenommen und sie mussten w�hrend der Konferenz ihre Demonstration mit ihrem mitgebrachten NeXT-Rechner und einem notd�rftig auf das amerikanische Stromnetz umgebaute Modem im Foyer des Veranstaltungsortes abhalten. Das Ergebnis war ern�chternd, niemand lie� sich so recht vom World Wide Web begeistern. W�hrend "richtige" Hypertext-Anwendungen mit umfangreichen Auszeichnungssprachen hochkomplexe Gebilde abgeben konnten, kam das World Wide Web simpel daher - vielen einfach zu simpel. Nur die wenigsten der damaligen Hypertext-Koryph�en konnten die ungeahnten M�glichkeiten des World Wide Webs erahnen.

W�hrenddessen entwickelte sich das World Wide Web im Internet organisch. Berners-Lees Browser und Webserver wurden in immer gr��eren Zahlen heruntergeladen und es entstanden �berall im Internet immer neue Webserver mit immer neuen Recherchem�glichkeiten. Und auch im CERN wurde das World Wide Web zu einem anerkannten Dokumentationssystem. Zur Bildung einer anerkannten Projektgruppe f�hrte dies im CERN freilich immer noch nicht. Dazu kamen die immer weiter anwachsenden Support-Anfragen aus allen Teilen des Internet. Dieser Unmut ging so weit, dass Berners-Lee und Cailliau sogar daran dachten, ein eigenes Unternehmen zu gr�nden.

An anderer Stelle ergab sich ein neues Argumentationsproblem: Aufgeschreckt durch die pl�tzlichen Lizenzforderungen, die die University of Minnesota f�r die kommerzielle Nutzung des Gopher-Protokolls erheben wollte (siehe hierzu auch Gopher), wandten sich viele Entwickler an Berners-Lee mit der Sorge, �hnliches k�nnte das CERN fr�her oder sp�ter auch mit der WWW-Technologie tun. Zumindest dieses Thema wurde schnell und eindeutig gekl�rt, indem Berners-Lee im April 1993 ein Schriftst�ck der CERN-Verwaltung bekam, in dem die freie Nutzbarkeit der WWW-Technologie zugesichert wurde.

Berners-Lee und Cailliau arbeiteten an der Idee, die Weiterentwicklung des World Wide Webs in ein Industriekonsortium auszulagern und dieses Konsortium durch das CERN und das amerikanische Massachusetts Institute of Technology (MIT) finanzieren zu lassen, die wiederum Finanzmittel aus der EU bzw. den USA erhielten. Berners-Lee hatte dazu mit Michael Dertouzos im Februar 1994 Kontakt aufgenommen, der Direktor des Labors f�r Computerwissenschaft am MIT war. Dertouzos verfolgte am MIT �hnliche Ideen zur Bildung eines Informationsmarktplatzes und verstand die Notwendigkeit der Bildung eines unabh�ngigen Konsortiums f�r die WWW-Technologie.

Man war sich grunds�tzlich einig, dennoch musste das CERN und die EU �berzeugt werden, entsprechende F�rdermittel lockerzumachen, um den europ�ischen Teil zu finanzieren. Die Amerikaner hatten es mit ihrer H�lfte da wesentlich einfacher, weil genau zu dieser Zeit der US-amerikanische Vizepr�sident Al Gore in den USA die National Information Infrastructure Initiative zur F�rderung des Internet in Wirtschaft, Bildung und Privathaushalten startete.

Viel �berzeugungsarbeit und Schriftverkehr wurde notwendig, und das CERN stimmte nach einigen Diskussionen zun�chst zu, den europ�ischen Teil des World Wide Web Consortium (W3C) zu �bernehmen. Diese Haltung �nderte sich jedoch, als der neue LHC-Teilchenbeschleuniger genehmigt wurde und das CERN in allen Bereichen den G�rtel enger schnallen musste. Viele sahen in den WWW-Aktivit�ten des CERN eine Sache, die eigentlich nicht zu den Kernkompetenzen des CERN geh�rten.

Al Vezza, Direktor des Labors f�r Computerwissenschaften am MIT, sondierte in Europa aus, welche Institution in der Lage w�re, den europ�ischen Teil des bereits gegr�ndeten W3C �bernehmen konnte. Nachdem er an der englischen Universit�t von Oxford zwar auf eine exzellente Computerfakult�t, aber auf wenig Interesse an einer W3C-Teilnahme stie�, fand er in Frankreich mit der Forschungsinstitution Institut National de Recherche en Informatique (INRIA) eine Einrichtung, die zum einen mit dem CERN im Bereich von Auszeichnungssprachen zusammenarbeitete und zum anderen auch Interesse am W3C hatte. So wurde im Januar 1995 (r�ckdatiert auf den 1. Oktober 1994) der Umzug des europ�ischen W3C-Teil vom CERN zum INRIA angek�ndigt und 2 Millionen US-Dollar F�rdergelder der EU freigegeben. Das World Wide Web hatte mit dem nagelneuen World Wide Web Consortium und Tim Berners-Lee als Direktor endlich einen vern�nftigen Mantel f�r Forschungen und Weiterentwicklungen. Innerhalb k�rzester Zeit traten verschiedene andere Institutionen und Unternehmen in das Konsortium bei und sorgten mit ihrer Arbeit f�r die Grundlage des nachfolgenden Web-Booms.

Obwohl das CERN lange Jahre das World Wide Web im eigenen Hause eher stiefm�tterlich behandelt hat, bezweifelt heute r�ckblickend niemand, dass das World Wide Web in der Form nur am CERN h�tte entwickelt werden k�nnen. Wie so oft fanden sich an einem Ort mehr oder weniger zuf�llig einige Menschen zusammen, die zusammen Probleme erkannten, gemeinsam einen Traum lebten und so als Team nur gemeinsam eine L�sung entwickelt konnten. Auch wenn das CERN bereits 1995 die europ�ische Federf�hrung am WWW-Projekt an das INRIA abgab, gilt es als die Geburtsst�tte des World Wide Web. Vielleicht ist es da auch ein St�ck weit eine Reminiszenz an das wackere Team um Berners-Lee, wenn das CERN heute auf seiner Website schon auf der ersten Seite schreibt: "CERN ... where the web was born!"

Weiterf�hrende Links

http://www.w3.org/History/1989/proposal.html englischsprachige Seite
Originaler Text "Information Management: A Proposal" von Tim Berners-Lee

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