electricgecko

August

Alle Frequenzen sind gefüllt, die Anzeigen der Equalizer bilden eine horizontale Linie, keine Varianz, gleichförmige, atonale Druckdynamik. Keine Umgebung scheint durch diese Musik hindurch. Das Feld der Wahrnehmung ist über das Hören hinaus übernommen von Rausch und Rauschen aller Grauwerte. Total heavy weight music. Oszillierend verschlingt sie ihre Hörenden, abhanden und desorientiert im Weißwasser einer verpassten Welle des Atlantik: You won’t surf this wave. Schweres Wasser, eine Musik, die ebensogut Landschaft sein könnte.

Meine Obsessionen sind zumeist Obsessionen der Perspektive, Begeisterungen für eine eine Art die Welt zu sehen und zu beschreiben, und sie damit zu erzeugen. Es geht also stets um Text im erweiterten Sinne des Begriffs: Text als Artefakt und mittelbare Folge der Wahrnehmung. Häufig tatsächlich Text mit Griff und Oberflächen, die beim Lesen Reibung erzeugen. Auch Dinge, Kleidung und absichtsvolle Objekte, die einen eigensinnigen Zuschnitt der sie umgebenden Welt fordern. Texte in diesem Sinne sind Zuwege und Vektoren, bei näherer Betrachtung also keine Dinge, sondern Tatsachen1.

In einem aktuellen Fall sind es drei Ebenen, die sich zur Obsession fügen: (1) Die Qualität der Fertigung brauchbarer Kleidungsstücke, wie sie seit vielen Jahrzehnten nur für Luxuswaren noch verfügbar ist. Diese Dinge sind nicht in erster linie Dinge, sondern Referenzen dafür, wie Dinge sein sollten. Sie sind zuende gedacht und zuende gemacht, ohne ökonomisierende Abkürzung. (2) Ebenso ist es die sorgsame Wahl vergangener Archetypen, und die Aufrichtigkeit und Überzeugung, mit der sie nun hier als brauchbar für ein progessives Leben vorgeschlagen werden. (3) Schließlich ist es das Entfernen einiger entscheidender Details, um reflexhafte Zuordnungen zu erschweren. Es ist das Entfernen von Kontextrückständen, und Überführung in eine aufs Neue zu besetzende Semiotik.

Zusammengenommen treiben diese Ebenen einen Keil zwischen die unbesprochene Übereinkunft über die Beschaffenheit der Welt, bringen einen interessanten Zweifel hervor, hinterlassen eine flimmernde Schnittkante im Dieseits des Diskurses, die bis zu seinem Jenseits reicht. Meine Obsession reicht bis an diese Welt heran, berührt sie nicht.


  1. 1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge. ↩︎

Die Filialen der Buchhandlung König, also jener Buchhandlung in der Ehrenstraße, Eingang um die Ecke, in Köln, der ich seit zwanzig Jahren regelmäßig Besuche abstatte, weil das jeder Mensch in diesem Land macht, der vor allem denkt und zudem fühlt, also diese Buchhandlung wo Walther König dann oben an seinem Platz sitzt und diskutiert und knarzt, während um ihn und seine Gesprächspartnerinnen geräumt wird, Archivarien, wie also dieser Mann da existiert wie eine skizzierte Geschichte oder ein Ideal und Karikatur jener, die erst denken und dann fühlen, die einen der vielen in der Umgebung von Kunst aufgestellten Läden betreten, und dann dort den kristallisierten Diskurs der Stunde, also der wirklichen Stunde, nicht der Echtzeitstunde, auf den Tischen wiederfinden1, diese Filialen also, sie sind ein U-Bahn-Netz des Denkens im deutschsprachigen Raum, in das wir hinabsteigen und an einem anderen Ort wieder erscheinen können, wie das Metro-Net, Kippenberger ging natürlich auch dauernd in der Ehrenstraße ein und aus, das Metro-Net ist also durchaus real, sofern man eine interessante Auffassung von Realität hat2, und acht gibt, wenn man einen Königladen in Europa betritt.


  1. Gewiss liegen an den Kassen auch hier allzu Grelles und Unterhaltsames, aber nun ja, die Mängel von Mensch und Marktwirtschaft. ↩︎

  2. Either: There are distinctions and therefore we make them or: We make distinctions and therefore they are. – Josef Mitterer ↩︎

Die Stadt entlang des Wassers erstreckt sich in zwei Dimensionen. Es ist da immer das Ufer, an dem alles entlang führt, nur entlang führen kann. Am Ufer orientieren sich alle Wege, alle Auswege verlaufen orthogonal zum Ufer. In der Stadt am Wasser endet alles am Hafen, am Ende einer Mole, auf der Mauer am Kai, die Füße in der Luft über den Flutbassins.

Runter zum Wasser ist das stete Angebot zu Ausbruch und Revolte, zum Ausziehen und zum Brechen der milden Wellen, zum Wechsel des Aggregatzustandes von Körper, Welt und Wahrnehmung. Aus dem Wasser heraus liegt der Himmel niedrig und weit. Die Welt ausgebreitet, alles zu sehen, das Ferne nur Fortsetzung des Nahen. Die Wahrnehmung als Fläche, von ihrer irisierenden Kante aus betrachtet, ohne eigene Ausdehnung. Dahinter erstreckt sich lineares Parallax. Kein Monolith, nur Prozess in der Stadt am Wasser, alles wird herausgetragen. Zwei Dimensionen, eine Richtung.

Juli

Das Beste an an dieser Stadt, nach vielen Jahren hier, ist die Sachlichkeit ihrer Bewohnerinnen: Sie schätzen Ruhe und Maß mehr als das meiste andere. Darin finden sie eine Balance, die aus ihrer Distanz zur Welt herrührt. Klar, weiß, hinreichend, notwendig. Kein Staub, Kein Rauch. Nur Welt und Zeit und Argument. Darüber und darunter kennen sie nichts, die Hamburger.

Der See am Montag Morgen ist der gleiche See wie immer. Ich fliehe vor der Zeit auf die gleiche Weise wie ein Flugkörper die Erdanziehung überwinden muss, durch eine kritische Kombination aus Entschluss, Geschwindigkeit und Distanz. Der Zeit und der Erde einmal entkommen, ist da die Leere und die Schönheit der Leere. Sie besteht auch dann, wenn nur einer da ist, um sie wahrzunehmen und hervorzubringen, und eventuell ein Esel, eine Entenlinie. Alle anderen haben sich in Zeit und Gravitation verfangen. Ich komme davon: Alles hinter mir, der See vor mir.

Das Sommerhaus, das Haus im Sommer ist durch offene Seiten definiert, durch die der Wind dieser Stadt stetig weht. Kein Licht mehr, nur ein Rest Sonne, der es noch entlang der Krümmung der Erde zu mir schafft. Ein weiter Hof, in dem Eichhörnchen leben. Umstanden von Häusern, fünf Stockwerken und schlanken Birken, eine Remise, ein Rasen, begrenzte Gärten, Lichter. Morgens ziehen zwei Mauersegler Bögen durch den Balkon. Auf der anderen Seite die in dieser Zeit zumeist leere Straße, selten kommen Verrückte vorbei.

Ich zählte nicht nach, aber ich nehme an, dass ich an dieser Stelle mehr Worte über die Musik von Shed (also der für’s Langformat zuständigen Persona von René Pawlowitz) geschrieben habe, als über die Musik aller anderen Musikerinnen, die ich mag und hier bespreche. Seit Shedding The Past vor, herrje, 18 Jahren kamen hier zumindest LPs vor, und dazu viele der fantastischen, hastig mit Stempeln oder Tags signierten White-Labels, die unter diversen anderen Namen und Handles erschienen sind.

Techno auf Albumlänge ist ein widersprüchliches Format: Eine Art Philatelie des Rave, geordnetes Nachdenken über den Kontrollverlust, die Liebe in Gedanken. Dennoch hat ausgerechnet Shed1 einen viablen Weg gefunden, Storytelling mit funktionaler Musik zu betreiben, das physische Sein im Club in die Welt der geistigen Gesamtanwesenheit übersetzen. Wie Shedding the Past oder The Killer findet Rave Echoes musikalische Äquivalenzen für weitere der endlosen Stimmungen und Aggregatszustände der Nacht. Sie erzählt ihre Geschichten in den Kontrasten zwischen Dichte und Leere, zwischen der Euphorie der Erkenntnis, hier und jetzt also offenbar anwesend und unmittelbar am Leben sein zu dürfen und dem Ausbrennen, der Verzweiflung, dass alles vergebens sein soll. Und da Musik und Nacht untrennbar zusammengehören, können die Ereignisse bei Tag nur Echos sein: Reflektion und Romantik des Schönen, Wahren, Schweren.

Da ist Password in zwei Versionen, unbändiges Momentum, gehüllt in einen schwarzen Schleier der Skepsis. Es gibt Double Scoop, vermutlich der shedmäßigste Track der Platte, eine zäh wabernde Leere, auf die unbedingt ITHAW folgen muss, der aus irgendeinem kosmischen Edelgas destillierte definierende Hit von 2008. Kurz vor dem Ende schließlich Taking You Home: Zu affirmativ, zu dick aufgetragen, was soll das mit den Vocal-Samples. Aber doch zu schön und zu aufrichtig, um sich diesem Konstrukt nicht hinzugeben, weil man erlebt hat, worum es hier vermeintlich geht, weil man das gefühlt und irgendwie eingebaut hat, tief im Finstern der mutmaßlichen Seele.

Rave Echoes ist entgegen aller Wahrscheinlichkeit das siebte Shed-Album. Es findet eine neue Qualität der Empathie für die Narrative der Nacht, und es ist nunmehr die Bestätigung eines großen Chronisten dieser Musik und ihrer prägenden Wirkung auf die Menschen ihrer Zeit.


  1. Ausgerechnet wegen all der Whities als WAX, als Head High und WK7, und einmal auch unter dem Namen seines Geburtsortes Seelow: Tools für alle tatsächlichen und denkbaren Floors. ↩︎

Es braucht eine Relativitätseinsicht oder eine Relativitätstherorie der Sprache, der fundamentalen, radikalen, persönlichen Relativität des Gesagten und Verstandenens. Ihre Relativität wird nur im Zaum gehalten durch Kultur im groben und den sozialen Kontrakt im feinen. Nicht, dass diese Kontexte etwas Absolutes darstellten, an das sich die Sprache befestigen ließe, doch sie sind zumindest in der Gegenwart der Rede für die Nachgiebigen eine Erdung, die das gemeinsame Verständnis vor die Möglichkeit, das Richtige für einen kurzen Moment zu halten, prorisiert. Das sollte jemand in eine handhabbare Form bringen, aber ich nicht, jedenfalls nicht mehr heute Abend.

no poem is aimed at the reader
no picture at the viewer
no symphony at the people
not through opportunism
not by chance
not for the sake of convenience

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