Was zeichnet es eigentlich aus, Teil dieses gewaltigen Spektrums zu sein, in dem wir uns alle wiederfinden? Wir alle sind neurodivers; das ist leicht zu akzeptieren, da kein Gehirn dem anderen gleicht. Doch genau das entzieht einer medizinischen Diagnose jegliche Grundlage.
Es ist Montag. Der gestrige „Weltfrauentag“, der wie üblich für niemanden eine Verbesserung der Situation, für viele „solidarische Alliierte“ (d.h. devote Arschkriecher) jedoch überdurchschnittlich hohe Däumchen-hoch-Zahlen im Internet zur Folge hatte, ließ den öffentlich-rechtlichen Rundfunk feststellen (Archivversion): Um doofe Frauen davor zu schützen, doofe Entscheidungen wie etwa den Kauf teurer Produkte „extra für Frauen“ zu treffen, muss der Verbraucherschutz dringend einschreiten. Denn jeder weiß, dass es einer Frau völlig zu Recht streng verboten ist, Dinge zu kaufen, die nicht rosa sind, weshalb da zweifelsohne nicht etwa ein Mindestanspruch an den menschlichen Verstand gelten darf, der den Markt das regeln lässt (indem halt niemand den Käse kauft), sondern der Gesetzgeber in der Pflicht steht. Endlich tut mal einer was.
(Gestern hat Baden-Württemberg gewählt. Gewonnen hat — wie immer — die Autoindustrie. Na, brav zur Abstimmung gegangen? Ja? Jetzt das Gefühl, irgendwas erreicht zu haben? Nein? Tja.)
Apropos: Henning Otte, erfahre ich in der „FAZ“ (heute ist übrigens ein guter Tag für mehr RSS in eurem Leben), fordere einen Wehrdienst bis 70 Jahre. Das finde ich inkonsequent. Warum nicht ab 70?
Völkerrecht haben und Völkerrecht bekommen sind ja zwei verschiedene Dinge — alte Küchenjuristenweisheit.
Alltagswissen für Zyniker ebenso wie für Ironiekundige: In der Literaturkritik gibt es den Begriff des „Idiot Plot“, einer Handlung also, die nur deshalb zustandekommen kann, weil alle Beteiligten vor Handlungsbeginn anscheinend Lack gesoffen haben.
Seit wenigen Tagen existiert irgendwo in einer niedersächsischen Stadt eine Variante des Jahrhunderte alten britischen „Cock Ale“, deren Zusammensetzung ich mir selber ausgedacht habe. Die wesentlichen Zutaten sind gekochtes Huhn und kräftiger Sherry. Unabhängig davon, dass es gar nicht so schlecht schmeckt, wie es klingt: Vielleicht sollte man mich einfach von jedwelchem Kochtopf fernhalten. Ich mache damit nur Unsinn.
Sex ist wie Busfahren: Es ist einfacher, erst mal alle rauszulassen, die raus wollen, bevor man selber reinkommt.
Gibt es eigentlich schon Sozialstudien zum Thema Sozialstudien?
Ein Kommandant einer Kampfeinheit habe Unteroffizieren bei einer Besprechung am Montag mitgeteilt, der Iran-Krieg sei Teil von Gottes Plan und Präsident Donald Trump sei „von Jesus gesalbt worden, um das Signalfeuer im Iran zu entzünden, Harmagedon herbeizuführen und seine Rückkehr auf die Erde zu kennzeichnen“, so eine Beschwerde eines Unteroffiziers. Jonathan Larsen (Archivversion), aus dem Englischen übersetzt
Was auch den friedfertigsten Menschen (d.h. mich) in die Lust am Meucheln zu versetzen imstande sein könnte, ist eine Meldung wie diese: Der „digitale Werbemarkt“ (also vermehrt auch das alberne Gezappel auf den langweiligen Geräten, die ihr ständig in der Hosentasche mit euch herumtragt, weil der moderne Mensch in ständiger Angst lebt, nicht dauernd irgendwelche schlimmen Nachrichten erhalten zu können) wachse laut Prognose im Jahr 2026 um 8,7 Prozent. Habt ihr immer noch und trotz allem keinen Werbeblocker? Braucht ihr Tipps? — Aus demselben noch fruchtbaren Schoß kroch die Meldung, der Börsenwert (wohlgemerkt: nicht Firmenwert; Börsenkurse sind ein bisschen mit Bitcoins zu vergleichen, indem ihre Höhe einzig von der Naivität vieler Investoren und nicht etwa von objektiv messbaren Werten abhängt) von IBM — das Unternehmen scheint es immer noch zu geben — sei um elf Prozent eingebrochen, als irgendeine lizenzkritische „KI“-Klitsche (vulgo: Diebesbande) großspurig verkünden zu müssen meinte, demnächst werde COBOL-Code komplett von ihrem „KI“-Gedöns auf andere Sprachen portiert und niemand brauche mehr COBOL. Ich bin guter Dinge, dass COBOL auch diesen Krempel überleben wird, wünsche allen Beteiligten aber viel Glück, starke Nerven und/oder die baldige Insolvenz. Wir, die hauptberuflich Code und nicht „Prompts“ schreiben und also halbwegs wissen, wovon wir reden, wenn wir das für eine erstaunlich blöde Idee halten, sind dann da, um die Scherben zusammenzukehren. Gegen einen angemessenen Aufpreis, versteht sich.
Für Fußballstreaming zu bezahlen laufe exakt so gut wie erwartet (Archivversion), erzählten bereits vor ein paar Wochen die einschlägigen Medien. Ja, wirklich seltsam, dass die als „Piraterie“ beschimpfte uneingeschränkte Zugänglichmachung vollständiger Sportveranstaltungen „trotz“ des allgegenwärtigen Bezahlstreamings immer noch nicht ausgestorben ist. Versteh’ ich nicht. Unbegreiflich. Total.
Wenn man mit der Regierung demonstriere, las ich neulich, sei das keine „Demo“, sondern eine Parade. Ich finde diesen Merksatz behaltenswert und schreibe ihn daher hier auf, damit ich ihn vielleicht weniger schnell vergesse.
Hihi: Wenn man sich bei LinkedIn (eine Art Facebook für Menschen mit Berufskrawatte) nicht nur anmeldet, sondern auch „verifiziert“, dann können hinterher 17 US-Firmen den eigenen Ausweis in ihre „KI“-Modelle reinkippen. Das muss diese „geschäftliche Vernetzung“ sein, mit der LinkedIn immer wirbt.
Nach Widerstand aus dem Gemeinderat und einer zähen Debatte erteilt das Regierungspräsidium der Videoüberwachung am Tübinger Bahnhof grünes Licht. (…) »Ziel ist es, Straftaten zu verhindern (…) und insbesondere in den Abend- und Nachtstunden für mehr Sicherheit und ein besseres Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger zu sorgen«, sagte Palmer Anfang Februar.
Als Hozan Roj in einer Leipziger Straßenbahn unterwegs ist, eskaliert eine Begegnung mit zwei Männern. Sie zücken Messer. (…) Roj kann sich bis zu dem Moment, als das Messer gehoben wird, die Bahn stehen bleibt und die Fahrgäste anfangen zu filmen, detailliert erinnern.
Fast könnte man meinen, es halte einen Menschen nicht davon ab, ein Verbrechen zu begehen, wenn eine beliebige Anzahl an Kameras zuguckt.
Es ist Montag. Die ungefähr gleichen Quarkhirne, die anlässlich des Ukrainezwischenfalls über einen „dritten Weltkrieg“ zu schwadronieren wagten, haben jetzt sicherheitshalber einen Transatlantiker in seinem Amt (Vorsitzender einer Transatlantikerpartei) bestätigt, während man trans des Atlantiks offen darüber nachdenkt, die westlichen Werte nebst der Einwohner per Raketenexpress im Iran zu verteilen. Wenn kleinkalibrige Scharmützel jenseits der vertraglich relevanten Grenzen unserer Einflusssphäre die Vorboten eines „Weltkriegs“ sind, was ist dann eigentlich das militärische Bedrohen eines Nuklearstaates?
Witzig: Ein Teil derjenigen Menschen, die dem Weltmarktführer in Onlinereklame ein Betriebssystem abgekauft haben, weil ihnen ebendieser Weltmarktführer in seinen Werbeprospekten erzählt hat, dass sie nur mit ihm frei und unbeschwert durchs digitale Leben schwingen können, ist nun empört, entsetzt und enttäuscht, dass Konzerne, die ihr Geld mit dem Verscherbeln von Nutzerdaten verdienen, das halt auch irgendwann zu tun gedenken. Man muss übrigens gar nicht immer und überall für alles und jeden erreichbar sein. Gern geschehen.
Man solle nicht seine eigene Offenheit für gesellschaftlichen Diskurs durch bloßes „wir gegen die“, „Links gegen Rechts“ und so weiter unnötig beschneiden, erklärteausgerechnet der Trainer der Herrenmannschaft des langweiligen FC Bayern München, und zwar finden den Monolog fast alle, die ihn mitbekommen haben, gut (weil gegen Rassismus), aber die Transferleistung (also weniger „wir gegen die“, „Links gegen Rechts“ und so weiter) bekommen sie dann doch wieder nicht auf die Kette. Gratismut ist halt ein Teamsport. Da ist es nur folgerichtig, dass neuerdings Schauspieler angegriffen werden, weil sie es wagen, auf der Theaterbühne als Teil eines Theaterstücks eine Theaterrolle zu spielen. Ich würde ja „die Welt ist reif, sie will gepflückt werden“ schreiben, aber irgendjemand hat den Schauspieler mit Obst beworfen und die Dramaturgin heißt auch so, da wäre ein entsprechendes Wortspiel vermutlich zu naheliegend. „Teile des Bochumer Publikums (…) sind offenbar zu doof, (…) zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden“, Theater gilt in der TikTok-Welt eben nicht mehr viel.
Wenn Kinder heute im Alter von 14 Jahren bis zu fünf Stunden und mehr Bildschirmzeit haben am Tag, wenn die gesamte Sozialisation nur noch über dieses Medium stattfindet, dann brauchen wir uns über Persönlichkeitsdefizite und Probleme im Sozialverhalten (…) nicht zu wundern[.]
Was sollten wir daher Friedrich Merz verbieten? Ohne Fernsehen und Essen ins Bett?
Außerdem soll Palla zufolge ab dem 1. März im Regionalverkehr die verpflichtende Ausweiskontrolle im Rahmen der Ticketkontrolle wegfallen. Künftig werde es im Ermessen des Zugpersonals liegen, ob der Ausweis kontrolliert wird. Damit könne eine Situation mit “hohem Eskalationspotential” vermieden werden, so die Bahnchefin.
Zu den ungefähr dreieinhalb Sprachen, die ich nicht verstehe, gehört außer der französischen auch die georgische — anders als erstgenannte klingt letztere aber schön, was ich weiß, seit ich vorhin erstmals „Georgia“ von The Light Below (Amazon.de, TIDAL) gehört habe. Die Vokalisten auf „Georgia“ sind der georgische Frauenchor Akhla, der hier wohl, glaubt man dem Internet, vor allem traditionelle Volksgesänge vorträgt. The Light Below, ihr ahnt es sicher bereits, kommen aus Deutschland.
Der Instrumentalteil von „Georgia“, zu dem später selbiger Chor hinzugemischt wurde, habe, erfährt man weiterhin, unter dem wachsamen Auge von Steve Albini seine Form gefunden, was nicht nur ein Qualitäts‑, sondern auch ein Stilmerkmal ist. Folgerichtig spielen die fünf Instrumentalisten hier einen recht metallischen Postrock, der auch und gerade Cineasten gefallen könnte, ist doch Gitarrist Patrick Christensen ein längst etablierter Filmkomponist. Dieser Text klingt bis hierhin nach Haggard in besser, aber Haggard waren nie auf diese Art verspielt.
THE LIGHT BELOW — Tsinskharo — Part 1 — Steve Albini & Werner Herzog
Die folkloristischen Anwandlungen (so muss ich etwa in „Bicho“ etwas zu lange über osteuropäischen Greisentanz nachdenken) ziehen meinen Gesamteindruck etwas runter, ich bin für Weltmusik wahrscheinlich in der falschen Zielgruppe (bin ich überhaupt in einer Zielgruppe?); diese sind allerdings erfreulich kurz und genügen mir dazu, die Eingebung zu haben, dass das Album nicht nur mir gefallen könnte. Hiermit insofern weitererzählt.
Manches ändert sich nie, und „Brot und Spiele“ gleich dreimal nicht:
Die Zirkusparteien (…) waren die Rennställe und ihre Anhänger im Römischen Reich (…), die zunehmend auch politische Bedeutung hatten. (…) Die Kaiser oder, jenseits der Hauptstadt, ihre Stellvertreter mussten sich im Circus regelmäßig dem Volk (…) zeigen, dem die Zirkusparteien eine Stimme gaben: Die von ihnen orchestrierten Akklamationen waren das wichtigste Medium der Kommunikation zwischen dem spätrömischen Kaiser und seinen Untertanen.
Die SPD hat in einem Positionspapier eine nach Alter abgestufte Regelung vorgeschlagen. Demnach soll für Kinder bis 14 Jahre ein vollständiges Verbot von Social-Media-Plattformen gelten. Die Anbieter sollen verpflichtet werden, den Zugang “technisch wirksam” zu unterbinden.