Unter dem Motto „Liberté, Équité, Fiabilité“ (Freiheit, Gleichheit, Verlässlichkeit) kamen 1.250 Menschen aus der Wikimedia Bewegung in der französischen Hauptstadt zusammen. Weitere 2.000 Teilnehmende waren online dabei. Fünf Tage lang ging es um die Frage: Wie können wir gemeinsam den freien Zugang zu Wissen stärken – und dabei soviel Spaß wie möglich haben?

Ist KI unsere Konkurrenz?

Wenn es nach Audrey Tang, der ehemaligen taiwanesischen Digitalministerin und Entwicklerin für freie Software geht, lautet die Antwort ganz klar: Nein! „Don’t let it be a race. Wikipedia never tried to win.“ Es geht nicht ums Gewinnen, sondern um Teilhabe an verlässlichem Wissen für alle.

Unterdessen plädierte Jan-David Franke von Wikimedia Deutschland in seinem Lightning-Talk dafür, Wikipedia als „öffentlichen digitalen Luxus“ zu sehen. Seine Argumentation inspiriert dazu, die Wikimedia-Projekte als Gegenentwurf zu den digitalen Produkten und KI-Anwendungen der großen Tech-Konzerne zu begreifen. Ein Gegenentwurf, der den Weg zu einem menschenfreundlichen und offenen Internet für alle aufzeigt.

Zur Aufzeichnung des Lightning-Talks:

Lane Becker von Wikimedia Enterprise wies darauf hin, dass die Wikipedia in Zeiten von vermehrter KI-Nutzung viele Alleinstellungsmerkmale hat: Sie steht für Genauigkeit, Nachvollziehbarkeit und Differenziertheit sowie für all das Menschliche, was eine Maschine, die in erster Linie aus Textmengen Mittelwerte errechnet, nicht kann.

KI als Hürde für den Wissenszugang

Generative KI ist nicht nur unfähig, Wissen zu erzeugen. Sie hat auch das Potenzial, das globale Gefälle beim Zugang zu Wissen zu verstärken. Das zeigten auf der Wikimania die Sozialwissenschaftlerin Anwesha Chakraborty und die Neurowissenschaftlerin und Wikipedianerin Netha Hussain. Beide haben Wikipedia-Aktive zu ihren Erfahrungen mit generativer KI befragt. Die Sprachen der Befragten: Bangla, Englisch, Malayalam, Italienisch, Schwedisch und Telugu.

Alle Befragten berichteten von den bekannten Problemen: Chatbots präsentierten ihnen Unwahrheiten als Fakten sowie erfundene Quellen. Vor allem diejenigen, die sogenannte kleinere Sprachen sprechen, waren zudem mit weiteren Auffälligkeiten konfrontiert. Dazu gehörten Antworten mit einem Satzbau, der „lächerlich“ falsch war. Regelmäßig scheiterten die KI-Anwendungen an den kulturellen Charakteristika der Sprache. Einige berichteten sogar, dass die Künstliche Intelligenz Wörter erfand, die es in ihrer Sprachen gar nicht gibt.

Der Grund: Die Trainingsdatenbasis ist vergleichsweise klein und KI-Unternehmen investieren vor allem in generative Modelle in Sprachen wie Englisch oder Deutsch. Das absurde daran: Telugu wird von über 80 Millionen und Malayalam von rund 35 Millionen Menschen gesprochen.

Der Wiki-Bus bei Sonnenschein.
Der Wikipedia-Bus fand auch bei der Wikimania großen Anklang. Viele Wikipedianer*innen, von Südafrika über Chile bis Luxemburg, wünschten sich den Bus als Ankerpunkt für den Austausch mit Wikipedia-Nutzenden in ihrem Land.

Wollen wir KI nutzen?

Wenngleich generative KI kein Wissen erzeugen kann, stand bei der Wikimania immer wieder die Frage im Raum: Können wir uns KI-gestützte Werkzeuge zunutze machen? Die Antwort darauf muss natürlich jede Wikipedia-Community für sich selbst finden. Wenn es um das Schreiben von enzyklopädischen Artikeln geht, sind generative KI-Anwendungen nicht geeignet. Werkzeuge, in denen unterschiedliche Formen von KI zum Einsatz kommen, könnten Ehrenamtliche jedoch künftig bei anderen Aufgaben unterstützen – etwa beim Aufspüren von Vandalismus, Formfehlern oder veralteten Inhalten sowie bei Übersetzungen und beim Erkennen von Texten, die mit generativer KI erstellt wurden.

Wichtig dabei: KI-Anwendungen könnten Assistenten sein, aber Autor*in bleibt der Mensch. Denn nur Menschen können Hinweise von KI überprüfen, kritisch hinterfragen und im Zweifel über Inhalte diskutieren und Entscheidungen gemäß der Wikipedia-Prinzipien treffen.

Neue Ideen für neue Werkzeuge

Die Wikimania Team Challenge brachte über 200 Wikimania-Teilnehmende aus verschiedenen Wikimedia-Projekten zusammen. Das Ziel: In 17 Teams entwickeln sie Ideen für Werkzeuge, mit denen verschiedene Herausforderungen in Wikipedia, Wikimedia Commons oder Wikidata angegangen werden könnten. Dabei ging es unter anderem um das Aufspüren von veralteten Inhalten oder das Aktualisieren und Reparieren von Quellenangaben. Auch zur Frage, wie Wikipedia multimedialer oder das Bearbeiten spielerischer werden kann, wurde experimentiert.

Wie bleiben Quellen verlässlich?

Diese Frage stand auf der Wikimania im Rahmen der Team-Challenge und in weiteren Workshops im Mittelpunkt. Denn das ist es, was Wikipedia so vertrauenswürdig macht: Die Inhalte sind mit Quellen belegt und werden von Menschen geprüft. Angesichts der Vielzahl von Artikeln eine Herkulesaufgabe. Deswegen entwickeln Wikipedianer*innen immer wieder Werkzeuge, die diese Arbeit erleichtern.

Eine mögliche Antwort aus der Team Challenge lautet: CiteFix. Diese Erweiterung für die Wikipedia-Software MediaWiki kann einige fehlerhafte oder kaputte Quellenangaben in Artikeln aufspüren. Wenn Nutzende CiteFix installiert haben, leitet das Toll sie direkt zum Editor weiter und macht einen Vorschlag für die Korrektur – die Wikipedianer*innen dann annehmen oder ablehnen können. Das Tool wird aktuell weiterentwickelt.

Mit Herz und Humor

Neugier und Wissensdurst, Genauigkeit und Verantwortungsbewusstsein, Idealismus und Großzügigkeit – das sind Eigenschaften, die viele Menschen mitbringen, die Wissen mit der Welt teilen. Bei der Wikimania zeigt sich: Herz und Humor gehören ebenso zur Grundausstattung von Wikipedianer*innen.

Bei jeder Wikimania werden die Wikimedians of the Year ausgezeichnet. Und die Laudatios haben es oft in sich. Denn wer 10, 15, 20 oder mehr Jahre in einem Wikimedia-Projekt aktiv ist, hat in dieser Zeit oft viele Freunde gefunden, die begeisterte und emotionale Lobreden auf die Ausgezeichneten hielten.

Eine musikalische Weltpremiere

Ohne Musik wäre keine Wikipedia-Feier denkbar. Dafür sorgen seit Jahren schon das WikiOrchestra und der WikiChoir. In diesem Jahr, ganz im Sinne der französischen Gastgebenden, mit klassischer französischer Musik. Und dann gab es noch eine Weltpremiere! Zur Melodie von „Oh, Champs-Élysées“ führten Orchester und Chor erstmals das Lied „Oh, Wikipedia“ auf.

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Meet Baby Globe und Moppy the Mop

Wissen ist zwar menschlich, aber die Aktiven der Wikimedia-Bewegung besitzen eine unerschöpfliche Kreativität, wenn es darum geht, nicht-menschliche Maskottchen zu erfinden. Zwei davon waren auf der Wikimania zu Gast. Baby Globe, das Maskottchen zum 25. Geburtstag der Wikipedia, war eines der beliebtesten Fotomotive bei der Konferenz.

Aber Baby Globe war nicht allein. Auch Moppy the Mop trieb sich in den Hallen der Cité des sciences et de l’industrie herum. Das Maskottchen der sogenannten „User with extended rights“ wurde bei der Wikimania 2025 in Nairobi zum Leben erweckt. Benutzer mit erweiterten Rechten sind Administrator*innen und andere Ehrenamtliche, die besondere Aufgaben in den Wikimedia-Projekten wahrnehmen. Die Werkzeuge, die solchen Benutzer*innen zum virtuellen Aufräumen und Saubermachen zur Verfügung stehen, werden oft mit dem Mop eines Hausmeisters verglichen.

Wiki-Mitglied Moppy gestikulierend vor einem Laptop.

Die Wikimania 2026 in Paris endete mit einem Ausblick in die Zukunft. 2027 wird sie Wikimania in Santiago, Chile stattfinden. Der Staffelstab wurde bereits in Paris übergeben.

Das sind die Top 10 Wikipedia-Artikel im Juli

Thursday, 6 August 2026 11:19 UTC

Welche Themen die Menschen im deutschsprachigen Raum besonders beschäftigt, lesen sie in der Wikipedia nach. Im Juli 2026 wurden folgende Artikel besonders häufig aufgerufen:

Erneut gab es nicht nur reges Interesse an der aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft 2026, sondern auch an den Ergebnissen bereits vergangener WMs. So kommt der Wikipedia-Artikel zu den Fußball-Weltmeisterschaften im Juli auf insgesamt 1.155.512 Aufrufe.

Mit dem Ende des Turniers wurden zudem einige Aktualisierungen vorgenommen:  Spanien wird nun als neuer Titelträger gelistet und Kylian Mbappé mit ganzen 22 Toren als neuer Rekordtorschütze.

Wie schon im Juni interessierten sich auch im Juli besonders viele Menschen für den Ausgang der Fußball-Weltmeisterschaft 2026. In einem spannenden Finale zwischen Argentinien und Spanien unterlagen die argentinischen Titelverteidiger knapp mit einem 0:1 in der Verlängerung. Damit konnte die spanische Nationalelf im Anschluss ausgelassen ihren zweiten WM-Sieg feiern.

Mit 1.108.146 Aufrufen nimmt dieser Artikel erneut den zweiten Platz unter den meistgelesenen Wikipedia-Seiten des Monats ein.

Nach dem spanischen WM-Sieg und dem damit verbundenen Ende der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 stellt sich natürlich direkt die Frage nach der nächsten. Im Juli haben sich deshalb bereits 1.047.989 Personen über die Fußball-WM 2030 informiert. Diese findet gemäß dem Vierjahresrhythmus 2030 in den Hauptgastgeberländern Marokko, Portugal und Spanien statt. Aufgrund des 100-jährigen Jubiläums werden zudem einzelne Spiele in Argentinien, Paraguay und Uruguay ausgetragen.

Für großes Interesse sorgte außerdem Christopher Nolans neuer Film The Odyssee. Er ist der erste Spielfilm in der Kinogeschichte, der vollständig mit speziell entwickelten IMAX-Kameras gedreht wurde und deshalb weltweit für viele ausverkaufte IMAX-Kinosäle verantwortlich ist.

1.020.403 Personen besorgten sich in der Wikipedia Informationen über die Handlung und den Entstehungshintergrund des Films.

Bei seiner ersten Fußball-Weltmeisterschaft führte der norwegische Stürmer seine Nationalmannschaft mit gleich sieben Toren ins Viertelfinale. Damit gehört Erling Haaland zusammen mit Lamine Yamal aktuell zu den begehrtesten Fußballspielern überhaupt.

Doch nicht nur auf dem Platz überzeugt der 26-Jährige: Auch sein Social-Media-Auftritt kommt bei Fans sehr gut an. Vor allem auf Instagram teilt Haaland regelmäßig Einblicke in seinen Alltag und punktet besonders mit selbstironischen Reaktionen auf Memes über seine Person. Im Juli kommen deshalb zu seinen 76 Millionen Followern auch 871.490 Wikipedia-Aufrufe hinzu.

Der erst 19-jährige Spanier Lamine Yamal schrieb schon früh Fußballgeschichte. Mit nur 16 Jahren wurde er zum jüngsten Spieler und Torschützen der spanischen Nationalmannschaft und gewann daraufhin auch gleich die Europameisterschaft 2024. Nun konnte er sich im Juli, nur 6 Tage nach seinem Geburtstag, zusätzlich den WM-Titel sichern.

Diese beeindruckende Leistung lasen 833.190 Menschen in der Wikipedia nach.

Nach dem vorzeitigen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft verkündete der ehemalige Fußball-Bundestrainer Julian Nagelsmann im Juli seinen Rücktritt. Prompt folgten Spekulationen über seine Nachfolge.

Als Wunschkandidat des DFB kristallisierte sich schnell der frühere Trainer von Borussia Dortmund und dem FC Liverpool, Jürgen Klopp, heraus. Zunächst standen einer Zusage noch Unstimmigkeiten mit seinem bisherigen Arbeitgeber Red Bull im Weg. Diese sind inzwischen jedoch geklärt, sodass Klopp sein Amt als Bundestrainer am 15. August antreten kann. Über diese Entwicklung informierten sich insgesamt 772.832 Wikipedia-Nutzer:innen.

Mit seiner Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 bestritt Lionel Messi seine sechste WM-Endrunde und gehört damit gemeinsam mit Cristiano Ronaldo und Guillermo Ochoa zu den Spielern mit den meisten WM-Endrundenteilnahmen. Die argentinische Nationalmannschaft erreichte zwar das Finale, musste sich dort jedoch Spanien geschlagen geben und konnte ihren Titel von 2022 nicht verteidigen. Für den 39-jährigen Weltstar war dieses Turnier aller Voraussicht nach sein letzter WM-Auftritt. Im Juli wurden sein Artikel und die dort enthaltenen Informationen zu seiner beeindruckenden Fußballkarriere insgesamt 674.578-mal aufgerufen.

Die walisische Sängerin Bonnie Tyler verstarb am 8. Juli 2026 im Alter von 75 Jahren nach längerer Krankheit. In den 1980ern wurde sie durch Hits wie “Total Eclipse of the Heart” und “Holding Out for a Hero” weltberühmt. Ihr Tod löste weltweit große Anteilnahme aus, sodass ihr Wikipedia-Artikel im Juli ganze 626.400-mal aufgerufen wurde.

Schon seit Beginn der Fußball-WM 2026 nimmt die Kritik am FIFA-Präsidenten Gianni Infantino stetig zu. Im Fokus stehen die hohen WM-Ticketpreise, die kontrovers diskutierte Aufhebung einer Spielsperre für den US-Stürmer Folarin Balogun sowie die jüngst geäußerten Pläne, Anteile verschiedener Turniere an private Investoren zu verkaufen.

Mittlerweile wird aus verschiedenen Richtungen sein Rücktritt gefordert. So droht der europäische Fußballverband Uefa mit einem Boykott weiterer FIFA-Turniere. Im Juli informierten sich 584.579 Wikipedia-Lesende über Infantino.

Festival-Fotos für alle!

Die Idee entstand 2012: Nach einem Besuch des Wacken Open Airs stellte ein Wikipedianer fest, dass es für viele zeitgenössische Musikerinnen und Musiker kaum frei nutzbare Fotos für die Wikipedia gab. Das sollte sich im nächsten Jahr ändern: Warum nicht selbst Fotos machen? Ein Team aus der Community machte sich daran, Akkreditierungen für Konzerte und Festivals zu organisieren – und macht das bis heute. Wikimedia Deutschland und Wikimedia Österreich sagten die Förderung zu und stellen seitdem professionelle Kameratechnik zur Verfügung. 2013 ging der Festivalsommer schließlich an den Start – und war ein voller Erfolg: Schon im ersten Jahr luden die Ehrenamtlichen auf insgesamt 73 Veranstaltungen 14.176 Fotos auf Commons hoch.

Rund 390.000 Fotos in 13 Jahren

Seitdem haben bereits über 50 ehrenamtliche Fotografinnen und Fotografen Konzerte, Festivals und viele weitere Veranstaltungen für Wikimedia Commons fotografiert. Die Bilder illustrieren Wikipedia-Artikel und verwandte Projekte wie Wikiquote oder Wiktionary insgesamt 55.770 mal in etlichen Sprachen. So helfen sie dabei, bestehende Inhalte zu erweitern oder neue Inhalte überhaupt erst möglich zu machen. Von 2013 bis heute sind bereits 388.483 Bilder im Rahmen des Festivalsommers entstanden. Laut Projektseite kommen 80 neue Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia dazu.

Fotografieren ist für mich ein kreatives Hobby. Es macht mir unglaublich Spaß, im Graben zu stehen und die Künstler bei ihrer Performance möglichst spektakulär abzulichten.
Stefan Bollmann

Stefan Bollmann ist seit 2007 in der Wikipedia aktiv und hat im Rahmen des Festivalsommers bereits über 80 Mal fotografiert. Besondere Momente verbindet er dabei vor allem mit der Berliner Rockband Knorkator.

Die holen seit einigen Jahren immer die Fotografen aus dem Fotograben auf die Bühne und man kann dann die Band direkt auf der Bühne fotografieren. Sozusagen hautnah.
Stefan Bollmann
Die Rockband Knorkator auf dem Metal Frenzy Festival, der Sänger auf der Bühne stehend.

Der Festivalsommer lebt vom ehrenamtlichen Engagement

Mitmachen können alle, die im besten Fall schon erste Erfahrungen in Wikimedia Commons oder Wikipedia gesammelt haben, sich für Konzert- und Veranstaltungsfotografie begeistern und Spaß daran haben, mit  ihren Bildern und ihrem Wissen zur Wikipedia und Wikimedia Commons beizutragen.

Wer Lust hat mitzumachen, bisher aber noch nicht in den Wiki-Projekten aktiv ist, findet hier eine ganze Palette an Angeboten für den Einstieg in die Wikipedia.

Was wäre, wenn Daten besser zusammenarbeiten könnten?

Wie praktisch wäre es, wenn Informationen über Unternehmen, Organisationen oder Lieferketten nicht auf unzählige Datenbanken verteilt wären, sondern sich einfach miteinander verbinden ließen? Wer Daten heute recherchiert, muss häufig verschiedene Quellen durchsuchen und Informationen mühsam zusammenführen. Werden offene Daten miteinander verknüpft, entstehen neue Zusammenhänge, die Informationen werden leichter auffindbar und können in ganz unterschiedlichen Kontexten wiederverwendet werden.

Genau daran arbeitet das Global Open Data Integration Network (GODIN). Das internationale Netzwerk bringt Organisationen zusammen, die offene Daten veröffentlichen oder offene Datenstandards entwickeln. Gemeinsam möchten sie die Interoperabilität offener Daten verbessern und so Transparenz, Zusammenarbeit und Entwicklung fördern.

Neben Wikimedia Deutschland begrüßt GODIN auch Open Supply Hub und Wikirate International  als neue Mitglieder, die unterschiedliche Perspektiven und Datenbestände in das Netzwerk einbringen.

Von offenen Daten zu vernetzten Informationen

GODIN wurde gemeinsam von der Global Legal Entity Identifier Foundation (GLEIF) und Open Ownership ins Leben gerufen. Innerhalb des Netzwerks übernimmt GLEIF eine federführende Rolle bei der Koordination und Weiterentwicklung der Initiative. Gleichzeitig bringen alle Mitglieder ihre eigene Expertise und Perspektive ein, um gemeinsam die Verbindung offener Daten weltweit voranzubringen.

GLEIF ist eine gemeinnützige Organisation, die gegründet wurde, um die Implementierung und Nutzung des Legal Entity Identifier (LEI) und seiner digitalisierten Version, dem kryptografisch verifizierbaren LEI (vLEI), zu unterstützen. Der LEI ist eine weltweit eindeutige Kennung für Organisationen und hilft dabei, Informationen aus verschiedenen Quellen zuverlässig derselben Organisation zuzuordnen. Dadurch können Daten besser miteinander verbunden und vertrauenswürdiger genutzt werden.

Open Ownership setzt sich weltweit für mehr Transparenz bei Eigentums- und Beteiligungsstrukturen von Unternehmen ein. Die Organisation entwickelt offene Ansätze und Standards, um Informationen darüber zugänglich und nutzbar zu machen, wem Unternehmen gehören oder wer Kontrolle über sie ausübt.

Darum sind wir bei GODIN dabei

Wikimedia Deutschland initiierte und entwickelt Wikidata, einen der weltweit größten offenen Wissensgraphen. Über aktuell 220 Millionen strukturierter Einträge bilden dort ein Netzwerk miteinander verknüpfter Informationen und schaffen die Datengrundlage für Wikipedia sowie zahlreiche Anwendungen, Forschungsprojekte und digitale Dienste. Auch treiben wir mit Wikibase, der Software hinter Wikidata, das Konzept von Linked Open Data (LOD) voran, mit dem wir eine Seite des Internets fördern, die dem Gemeinwohl und der Zukunft der Menschen dient.

Die Erfahrungen aus Wikidata und Wikibase möchten wir künftig auch bei GODIN einbringen. Denn Daten werden besonders wertvoll, wenn sie über Organisations- und Plattformgrenzen hinweg sinnvoll miteinander verbunden werden können. Unser Beitritt steht deshalb vor allem für den Wunsch, gemeinsam an einer offenen, vernetzten und nachhaltigen Datenlandschaft zu arbeiten.

Der Wert von offenem Wissen steigt, wenn es bereichsübergreifend vernetzt und wiederverwendet werden kann. Der Beitritt zu GODIN spiegelt unser Engagement wider, Interoperabilität von Daten zu verbessern und den Nutzer*innen den freien Zugang zu mehr Informationen zu erleichtern.
Alan Ang Senior Partner Manager bei Wikimedia Deutschland

Drei neue Mitglieder, ein gemeinsames Ziel

Die drei neuen Mitglieder ergänzen GODIN auf unterschiedliche Weise.

Wikimedia Deutschland bringt neben seiner Expertise im Bereich strukturierter Wissensdaten, Wissensgraphen auch die enge Zusammenarbeit mit einer internationalen Community ein . Open Supply Hub trägt dazu bei, Lieferketten transparenter zu machen, indem Produktionsstandorte weltweit offen dokumentiert werden. Wikirate International sammelt und veröffentlicht Daten zur sozialen und ökologischen Verantwortung von Unternehmen und unterstützt damit eine bessere Vergleichbarkeit von Nachhaltigkeitsinformationen.

Gemeinsam zeigen wir, wie vielfältig offene Daten sind – und welchen Mehrwert sie schaffen können, wenn sie miteinander verknüpft werden.

Begriffserklärungen

GODIN (Global Open Data Integration Network)

Ein internationales Netzwerk von Organisationen, die offene Daten veröffentlichen oder offene Datenstandards entwickeln. Ziel ist es, Daten über gemeinsame Standards und eindeutige Identifikatoren besser miteinander zu verbinden, damit sie leichter gefunden, kombiniert und genutzt werden können.

Wikidata

Wikidata ist ein frei verfügbarer Wissensgraph. Anders als eine klassische Datenbank speichert Wikidata Informationen nicht nur als einzelne Datensätze, sondern als Netz miteinander verknüpfter Fakten. Dadurch können Zusammenhänge zwischen Personen, Orten, Organisationen oder anderen Themen maschinell verstanden und in Anwendungen wie Wikipedia, Suchmaschinen oder Forschungsprojekten genutzt werden.

Wikibase

Wikibase ist die Open-Source-Software, auf der Wikidata basiert. Mit ihr lassen sich strukturierte Daten speichern, verwalten und miteinander verknüpfen. Da Wikibase frei verfügbar ist, können auch andere Organisationen eigene Wissensdatenbanken aufbauen und ihre Daten mit anderen offenen Datenquellen verbinden.

Linked Open Data (LOD)

Linked Open Data bezeichnet das Prinzip, offene Daten so zu veröffentlichen, dass sie über gemeinsame Standards und eindeutige Identifikatoren miteinander verknüpft werden können. Dadurch entstehen Verbindungen zwischen verschiedenen Datensammlungen, die neue Zusammenhänge sichtbar machen und Informationen leichter auffindbar sowie wiederverwendbar machen. Wikidata ist eines der bekanntesten Beispiele für Linked Open Data und zeigt, wie vernetzte Daten einen größeren Mehrwert schaffen können als isolierte Datensätze.

LEI (Legal Entity Identifier)

Der Legal Entity Identifier (LEI) ist eine weltweit eindeutige Kennung für Organisationen. Er ist ein alphanumerischer Code aus 20 Zeichen und basiert auf der von der Internationalen Organisation für Normung (ISO) entwickelten ISO-Norm 17442. In einem LEI sind alle relevanten Informationen über ein Unternehmen oder eine juristische Person enthalten, so dass Fragen zur Identität („Wer ist Wer“) und zu den Eigentumsverhältnissen („Wer besitzt wen“) eindeutig beantwortet werden können. Diese Referenzdaten, also die öffentlich zugänglichen Informationen über Rechtsträger, werden anhand von öffentlichen Drittquellen validiert, und ermöglichen die eindeutige Identifizierung von juristischen Personen.Die LEI-Datensätze sind im Global LEI Index, dem öffentlich zugänglichen LEI-Datenbestand, abrufbar.

Takeaways

  • Wikipedia als Einstieg in eine Profikarriere: Stepro begann mit einem einzigen korrigierten Filmeintrag – und wurde über die Wikipedia-Community zum professionellen Fotografen. Autodidaktisch, Schritt für Schritt.
  • Fotos gehören in die Wikipedia: Wer Bilder macht und sie nur für sich behält, verschenkt ihre Wirkung. Auf Wikimedia Commons sind sie dauerhaft für alle zugänglich – und bereichern Artikel, die sonst kein einziges Bild hätten.
  • Lücken füllen, die sonst niemand füllt: Im Frauen-Sport, bei regionalen Veranstaltungen, in Nischenbereichen – da fehlen Fotos. Wer dort fotografiert und hochlädt, macht Menschen und Themen sichtbar, die sonst nur wenig Aufmerksamkeit genießen.Freies Wissen braucht Gesichter: Artikel über Sportlerinnen, Politiker, Kulturschaffende sind ohne Porträtfotos unvollständig. Dein Bild kann das erste sein, das einen Artikel zum Leben erweckt. .
  • Technikförderung macht den Unterschied: Stepros gesamte Kameraausrüstung stellt Wikimedia Deutschland, ein Teleobjektiv leiht er sich von Wikimedia Österreich. Ohne diese Unterstützung wären viele seiner Bilder nicht möglich.
  • Offen ansprechen statt heimlich knipsen: Sein ultimativer Tipp für gute Bilder: Menschen erklären, wofür die Fotos gedacht sind. Die Reaktion ist fast immer positiv. Und das Bild wird besser.

Stepro, wann und wie bist du Wikipedianer geworden?

Das war vor ziemlich genau 20 Jahren. Wikipedia war damals noch gar nicht so bekannt. Ich habe den Film „Die Verurteilten“ geschaut, zu dem ich etwas wissen wollte, googelte und stieß auf den Wikipedia-Eintrag. Darin fand ich ein Detail, das nicht stimmte und habe es einfach geändert. Das war mein erster Edit. Ich dachte: Was passiert jetzt? Bricht die Hölle los? Es ist aber gar nichts passiert (lacht)! Die Änderung blieb, und ich dachte: Das ist ja cool!

Wie ging es weiter?

Ich habe nicht sofort große Artikel geschrieben, aber immer mal wieder Kleinigkeiten korrigiert oder erweitert – und irgendwann stellte ich fest: Die Wikipedia-Community veranstaltet auch Fotoworkshops. Gehe ich da doch einfach mal hin! Darüber kam ich zur Fotografie. Ich hatte damals nur Hosentaschen-Knipser, aber mein Interesse war geweckt. Ich fing an, Bilder auf Wikimedia Commons hochzuladen und in Wikipedia-Artikel einzubinden. Daraus wurde dann eine richtige Leidenschaft.

Wieviele Uploads auf Wikimedia Commons hast du inzwischen?

Um die 50.000 müssten es sein. Rund 1300 davon wurden von der Community als sogenannte „Qualitätsbilder“ ausgezeichnet. Das sind Bilder, die bestimmte Qualitätsstandards erfüllen und für die Wikimedia-Projekte nützlich sind. Dazu kommen ca. 20 „Exzellente Bilder“, die von Commons-Usern als die hochwertigsten auf der Seite gewählt werden – was mich natürlich sehr freut!

Was waren deine ersten Motive?

Tatsächlich Denkmäler. Damals, 2011, fand die erste deutschsprachige Ausgabe des Wettbewerbs Wiki Loves Monuments statt. Zusammen mit anderen Ehrenamtlichen bin ich fünf Tage lang durch Mittelhessen gezogen und habe Schlösser und Burgen fotografiert. Hinterher konnte ich dann einigermaßen fotografieren. Und ich fühlte mich noch mehr als Teil der Community. Ich war bereits ein Jahr vorher bei der ersten Skillshare in Lüneburg dabei, dem Vorläufer der WikiCon, die dann unter diesem Namen zum ersten Mal 2011 stattfand. Die habe ich auch besucht – und seitdem keine WikiCon verpasst.

Warum wolltest du deine Bilder allen frei zur Verfügung stellen?

Heute posten viele ihre Bilder auf Instagram oder anderen Kanälen, aber zu der Zeit, als ich anfing, hat man sich Fotos meist nur selbst angeschaut, sich darüber gefreut – und dann war’s das. Das fand ich schade. Deswegen fing ich an, sie bei Wikimedia Commons hochzuladen. Ich fand es auch einfach schön, wenn Wikipedia-Artikel Bilder bekamen und dadurch anschaulicher und lebendiger wurden. Egal, ob es um Schauspieler, Politiker, Sportler oder andere Persönlichkeiten geht – wenn man einen Artikel aufruft, möchte man doch einfach wissen, wie dieser Mensch aussieht. Es ist teilweise heute noch so, dass ich in Artikel das erste Bild einsetze, gerade im Sportbereich.

Wie bist du Fotoprofi geworden?

Das kam mit der Zeit. Wenn man so viele Jahre lang fotografiert, wird man automatisch besser, das ist ja hauptsächlich eine Frage von Erfahrung. Ich hatte beruflich lange Zeit befristete Arbeitsverträge, dachte dann an irgendeinem Punkt: jetzt versuchst du es mal mit der Selbstständigkeit – und bin dann tatsächlich professioneller Fotograf geworden. Komplett als Autodidakt. Klar habe ich Bücher gelesen und bei Workshops einiges gelernt. Aber im Prinzip geht es beim Fotografieren vor allem ums Machen. Man muss sich langsam ranarbeiten.

Was waren wichtige Learnings unterwegs? Was würdest du anderen raten, die anfangen wollen zu fotografieren?

Klein anfangen. Im Sportbereich habe ich zum Beispiel mit Frauenfußball begonnen. Heutzutage ist auch da die Konkurrenz größer, aber man kann immer noch in einer der unteren Ligen einsteigen. Und wenn man das eine Weile gemacht hat, geht man eben eine Liga höher. Das war jedenfalls mein Weg. Im Wintersportbereich fing ich damit an, Rodelwettkämpfe zu fotografieren. Wenn man erstmal ein paar gute Fotos vorzeigen kann, öffnen sich in der Regel weitere Türen. Beim Motorsport war es genauso. Ich fing mit Motorradrennen am Schleizer Dreieck an, habe es dann zur DTM geschafft, später zur Formel E – und schließlich eine Akkreditierung für die Formel 1 bekommen.

Warum der Einstieg mit Frauenfußball?

Mich hat Fußball eigentlich nie interessiert. Aber dann fand 2011 die WM der Frauen in Deutschland statt, ich war live beim Eröffnungsspiel im Berliner Olympiastadion dabei. Das fand ich cool. Danach habe ich um die Ecke von meinem Wohnort Erfurt, in Jena, ein Spiel der Frauen-Bundesliga besucht. Erstmal nur als Zuschauer. Ich dachte: Mal sehen, ob ich mit der Kamera reinkomme. Das war überhaupt kein Problem, ich konnte von der Tribüne aus in Ruhe meine Fotos machen. Dann fragte ich, ob ich vom Spielfeldrand Fotos für Wikipedia machen darf. Und es hieß nur: Klar, mach doch.

Wie leicht ist es, als Wikipedianer eine Akkreditierung für Sportveranstaltungen zu bekommen?

Es kommt drauf an. Für die Fußball-Champions League der Männer dürfte es schwierig werden. Aber zum Beispiel im Bereich Volleyball oder Basketball der Frauen sollte das kein Problem sein. Ich habe selbst eine Zeitlang die Basketball-Bundesliga der Frauen fotografiert – da war ich teilweise der einzige Pressevertreter. Auch in der Wikipedia oder auf Commons gab es dazu nichts. Diese Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in Bezug auf die Aufmerksamkeit ist gerade im Sport schon krass. Der Wikipedia wird ja oft ein Gender-Gap vorgeworfen. Aber die Wurzeln des Problems liegen im echten Leben.

Was ist für dich der Unterschied zwischen einem Pressefoto und einem Foto für die Wikipedia?

Bei einem Pressefoto geht es meist um Actionszenen, für einen Personen-Artikel in der Wikipedia ist ein Portrait besser. Mir kommt das entgegen, weil ich sowieso am liebsten Porträtfotos mache. Ich gehe oft nach Sportveranstaltungen noch zu den Pressekonferenzen und lichte da die Menschen aus der Nähe ab. Ohne Helm oder Visier (lacht). Manchmal schreibe ich Leute auch direkt an, ob ich mit ihnen Fotos machen kann – wie zuletzt beispielsweise die Rennfahrerin Sophia Flörsch.

Auf welche deiner Bilder bist du besonders stolz?

Fotos von Siegerehrungen oder Jubeltrauben direkt nach einem Sieg finde ich am schönsten. Wenn Sportlerinnen oder Sportler eine Medaille umgehängt bekommen oder einen Pokal in die Höhe stemmen – das sind schon tolle Momente. Oder wenn ein Rennfahrer wie Pascal Wehrlein auf dem Podium seine kleine Tochter auf dem Arm hat – das war ein süßer Moment.

Was rätst du Menschen, die in der Wikipedia oder bei Wikimedia Commons mitmachen wollen?

Einfach machen. Klingt simpel, ist es auch (lacht). Schauen, was andere machen, sie fragen, wie sie es machen, vielleicht zu einem Treffen von Wikipedianern gehen oder an einer GLAM-Veranstaltung teilnehmen. Da sind auch immer Ehrenamtliche dabei, die fotografieren und gerne Tipps geben.

Was ist dein ultimativer Tipp für ein gutes Bild?

Es ist immer gut, Menschen ganz offen anzusprechen. Sagen, warum man die Fotos machen will und dass sie für die Wikipedia gedacht sind. Die Allermeisten reagieren darauf sehr positiv. Dann entsteht auch ein besseres Bild, als würde man heimlich aus der fünften Reihe jemanden fotografieren. Man sollte generell keine Fotos hochladen, auf denen Leute unvorteilhaft aussehen.

Meine Lieblingsbilder sind die von glücklichen Menschen
Stepro

So unterstützt Wikimedia Deutschland ehrenamtliche Fotograf*innen

Von Sportevents bis zu Kulturveranstaltungen braucht es oft Presseakkreditierungen. Wir unterstützen alle, die ehrenamtlich Bilder für Wikipedia und Wikimedia Commons machen möchten, bei der Beantragung.

Wer eine Profikamera oder ein Teleobjektiv für seine ehrenamtliche Arbeit benötigt, kann diese bei uns beantragen. Wir stellen Leihgeräte zur Verfügung – von Kameras bis hin zu teuren Objektiven.

So ist ehrenamtliches Fotografieren für Freies Wissen möglich

Erweitern Sie die Bilderwelt von Wikimedia Commons – der freien Mediendatenbank – und schließen Sie mit Ihren Fotos Lücken im weltweiten Wissensschatz. Zeigen Sie anderen, wie freie Bilder nachgenutzt werden können:

Wikipedia-Wissen: Das große Sommerloch-Quiz

Thursday, 16 July 2026 11:35 UTC

Wo liegt das Sommerloch?

Was der Begriff Sommerloch meint, wissen wohl die meisten: Ereignisse, die im März oder Dezember keine sind, geraten in die Schlagzeilen und Agenturmeldungen. Aber das Sommerloch ist mehr als ein Begriff für ein Medienphänomen.

Was ist das reale Sommerloch?

Das ist mir nicht geheuer!

Das Ungeheuer von Loch Ness, liebevoll Nessie genannt, ist vermutlich das älteste Sommerlochtier. Seit dem 19. Jahrhundert meinen Menschen immer wieder, das Wasserwesen – oder zumindest Teile davon – zu sehen. Ob es Nessie gibt, ob ein*e Nessie seit über 100 Jahren existiert und was Nessie ist? Egal. Viel wichtiger:

Loch Ness Monster

Welches Sommerlochtier gibt es (auch) nicht?

Butch und Sundance: Schlagzeilen im Schweinsgalopp

Nicht nur in Deutschland machen Tiere Schlagzeilen. In Großbritannien hielten zwei Schweine die Bevölkerung 1998 eine Woche in Atem. Butch und Sundance, auch bekannt als Tamworth Two, waren aus einem Schlachthof entkommen. Kuriose Tiergeschichten sind in der britischen Medienlandschaft, deren zahlreiche Organe der Sensationspresse ständig auf der Suche nach Futter sind, ganzjährig beliebt. Die Daily News kaufte beide Schweine und damit die Rechte zur Medienberichterstattung.

Internationale Langweile

Das Sommerloch ist kein rein deutsches Phänomen. In vielen Ländern gibt es einen Begriff dafür. In Frankreich hat sich la morte-saison – die tote Zeit – durchgesetzt. In zahlreichen Ländern – darunter Island, Tschechien, Ungarn, die Slowakei und die Niederlande oder Norwegen – steht die Gurke oder vielmehr die Gurkenzeit metaphorisch für die nachrichtlich ruhigen Sommermonate.

Wie heißt das Sommerloch in Großbritannien?

Musik fürs Sommerloch

Ein deutsches Synonym für das Sommerloch ist die Sauregurkenzeit. Im 18. und 19. Jahrhundert war damit noch eine Zeit gemeint, in der es weniger Lebensmittel als sonst gab, sagt Wikipedia. Schließlich etablierte sich der Begriff in der Geschäftswelt für die Ferienzeit, in der die Umsätze zurückgingen, und schwappte von dort in den medialen Sprachgebrauch über.

Welcher Entertainer hat schon einmal ein Lied über die Sauregurkenzeit gesungen?

Wen interessiert das denn?

Der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umgefallen ist, und angeblich niemanden interessiert, könnte es im Sommerloch vielleicht in deutsche Medien schaffen. Zu diesem Schluss kann man kommen, wenn man sich vergegenwärtigt, was für Ereignisse schon zu Schlagzeilen aufgebauscht wurden.

Welche dieser Geschichten hat es im Sommerloch in die Presse geschafft?

Wenn Sie am Strand, beim Frühstück im Hotel oder im Gespräch im Zug mit Sommerloch-Wissen glänzen wollen: Wikipedia hält noch mehr Sommerlochtier-Wissen bereit. Oder stöbern sie im Kuriositätenkabinett – dort werden alle fündig, die Informationen suchen, die niemand braucht, aber alle kennen sollten.

Mehr Wiki-Wissen

Vier Portraits mit dem Text " W wie Wiki-Wissen"

P wie Pride Month – Wikipedia-Wissen über LGBTQI+-Aktivist*innen

W wie Wiki-Wissen

A wie Aprilscherz – Diese Aprilscherze haben Geschichte geschrieben

Titelbild W wie Wiki-Wissen mit Foto von Matilda Joslyn Gage

W wie Wissenschaft – wie Wikipedia vergessene Forscherinnen sichtbar macht

Das sind die Top 10 Wikipedia-Artikel im Juni

Thursday, 9 July 2026 05:28 UTC

Im Juni 2026 wurden folgende Wikipedia-Artikel besonders häufig aufgerufen:

Zum WM-Auftakt besiegte Deutschland den WM-Debütanten Curaçao mit 7:1 und erinnerte damit an das berühmte Halbfinale gegen Brasilien im Jahr 2014. Dennoch haben sich die Mannschaft und ihre hochmotivierten Fans in die Herzen der Zuschauer*innen gespielt. Der Wikipedia-Artikel zur Karibikinsel wurde im Juni 2.883.390-mal gelesen.

Bereits im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 gab es Kritik, insbesondere am Gastgeberland USA. Die USA stellen gemeinsam mit Kanada und Mexiko den diesjährigen Austragungsort. Aufgrund der überteuerten Tickets und der allgemeinen politischen Situation unter Donald Trump riefen einige Fußballfans zu einem Boykott auf. Die Wikipedia-Seite wurde ganze 2.175.782 Mal angesehen.

Deniz Undav steht seit 2023 als Stürmer beim VfB Stuttgart unter Vertrag. 2024 wurde er außerdem für die deutsche Nationalmannschaft nominiert. Beim Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste gelang ihm nach seiner Einwechslung zunächst der 1:1-Ausgleich und in der Nachspielzeit sogar der 2:1-Siegtreffer, der Deutschland den Einzug ins Sechzehntelfinale sicherte. Seine Rolle als Einwechselspieler bei der Fußball-WM 2026 sorgte in der deutschen Öffentlichkeit für heftige Diskussionen und verzeichnete insgesamt 1.516.853 Aufrufe in der Wikipedia.

Nicht nur der Artikel zur diesjährigen Fußball-WM wurde fleißig gelesen: Auch der Artikel zu den vergangenen Weltmeisterschaften kam im Juni auf insgesamt 989 203 Aufrufe. Neben der Geschichte konnten darin die Rekordtorschützen und die vergangenen Fußball-Weltmeister nachgelesen werden.

Mit knapp 600.000 Einwohnern ist Kap Verde eine der kleinsten Nationen, die sich je für eine Fußball-WM qualifiziert haben. Nach dem überraschenden Weiterkommen in der Gruppenphase hielten sie sich im Sechzehntelfinale tapfer gegen den Favoriten Argentinien. Erst in der Nachspielzeit schieden sie mit einem 3:2 aus. Die Geschichte des afrikanischen Inselstaates lasen 810 139 Wikipedia-Nutzer*innen nach.

Trotz der großen Fußball-Euphorie hat es auch der deutsche Tennisprofi Alexander Zverev unter die zehn meistgelesenen Wikipedia-Artikel im Juni geschafft. Seine Seite wurde insgesamt 778.628 Mal aufgerufen. Bisher hat er 25 Titel im Einzel und drei im Doppel gewonnen.

Bei dieser Weltmeisterschaft hat die deutsche Nationalelf keine Chance mehr auf den WM-Titel, doch das nächste Turnier lässt nicht lange auf sich warten. Bereits 689 224 Personen haben sich über die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 informiert. Hauptgastgeber für das 100-jährige Jubiläum sind Marokko, Portugal und Spanien, einzelne Spiele finden in Argentinien, Paraguay und Uruguay statt.

Fussballfans Elfenbeinküste

Das Nationalteam der Elfenbeinküste gewann bereits mehrfach den Afrika-Cup und qualifizierte sich auch für die Endrunde der Fußball-WM 2026. In der Gruppenphase unterlagen sie Deutschland nur knapp mit 2:1 und zogen trotzdem ins Sechzehntelfinale ein. Dort schieden sie mit einer 2:1-Niederlage gegen Norwegen aus. Der Artikel über die Elfenbeinküste wurde insgesamt 629 830 Mal gelesen.

Im Juni musste Julian Nagelsmann als Bundestrainer viel Kritik einstecken. Nachdem er 2022 mit dem FC Bayern München deutscher Meister geworden war, übernahm er 2023 die deutsche Nationalmannschaft. Auf zwei erfolgreiche Siege in der Gruppenphase folgten eine Niederlage gegen Ecuador und das frühe WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay. Kurz darauf verkündete er seinen Rücktritt. Über seinen Werdegang informierten sich 571.425 Wikipedia-Nutzer*innen.

Felix Kalu Nmecha ist ein deutsch-englischer Fußballspieler, der aktuell bei Borussia Dortmund unter Vertrag steht. Seit 2023 spielt er außerdem für die deutsche Nationalmannschaft. Als bekennender Christ teilt er regelmäßig religiöse Inhalte in den sozialen Medien und erregte damit bei der Fußball-WM 2026 internationales Aufsehen. Nach dem deutschen Auftaktspiel formte er gemeinsam mit anderen Spielern einen Gebetskreis und löste infolgedessen eine Debatte um die Sichtbarkeit von Religion in der Öffentlichkeit aus. Mit 567.716 Aufrufen erreichte sein Wikipedia-Artikel im Juni Platz 10.

Mitmachen bei Wikipedia

Wikipedia ist eine offene Enzyklopädie! Wer selbst Lust hat, Wissen zu teilen oder zu verbessern, kann jederzeit mitmachen.

Wie das geht? Wikimedia Deutschland unterstützt verschiedene Projekte, die Engagierten den Einstieg in die Wikipedia lehren.

Zu verstehen, wer politische Macht ausübt und wie Rollen, Institutionen und Einzelpersonen miteinander verbunden sind, ist für jede funktionierende Demokratie von grundlegender Bedeutung. In der Praxis sind diese Informationen jedoch oft fragmentiert, uneinheitlich und schwer zu finden, insbesondere über Länder- und Systemgrenzen hinweg.

Mit „EveryPolitician“ will die Organisation OpenSanctions dies ändern. Das Projekt zielt darauf ab, einen globalen, strukturierten Datensatz politischer Amtsträger aufzubauen – von Regierungschef*innen und Gesetzgeber*innen bis hin zu Richter*innen und vielen mehr. Mit aktuell über 720.000 Einträgen schafft die Datenbank eine Grundlage für Transparenz, Forschung und Rechenschaftspflicht. Unter Nutzung von Wikidata verknüpft sie verstreute öffentliche Daten zu einem kohärenten, abfragbaren Wissensgraphen.

Was ist ein Wissensgraph? Ein Wissensgraph verknüpft Informationen und macht Beziehungen zwischen ihnen sichtbar. Wikidata ist ein solcher Wissensgraph: EveryPolitician nutzt diese Struktur, um politische Daten zu vernetzen und Zusammenhänge zwischen Personen, Ämtern und Institutionen zu zeigen.

Portrait
Johan Schuijt leitet das Projekt Every Politician seit Anfang 2026

Wir sprachen mit Johan Schuijt, dem Leiter von „EveryPolitician“, darüber, wie das Projekt entstanden ist, was es von herkömmlichen Datensätzen unterscheidet und warum offene Wissensinfrastrukturen entscheidend sind, um Macht in einer komplexen, datengesteuerten Welt zu verstehen.

Takeaways

  • Politische Transparenz braucht offene Daten. Nur wenn klar ist, wer politische Verantwortung trägt, können demokratische Kontrolle und Rechenschaft funktionieren.
  • Erst vernetzte Daten machen Zusammenhänge sichtbar. Werden Informationen aus vielen Quellen strukturiert zusammengeführt, lassen sich Muster, Netzwerke und Entwicklungen erkennen.
  • Wikidata liefert das Fundament für offene Wissensprojekte. Die Kombination aus einer globalen Community, einem gemeinsamen Datenmodell und eindeutigen Identifikatoren macht Wikidata zur idealen Grundlage für Projekte wie EveryPolitician.
  • Politische Daten sind komplexer, als sie auf den ersten Blick wirken. Unterschiedliche politische Systeme, Begriffe und Datenstandards machen ihre weltweite Erfassung zu einer technischen und gesellschaftlichen Herausforderung.
  • Offene Wissensinfrastrukturen sind Gemeinschaftsprojekte. Projekte wie EveryPolitician leben von Menschen und Organisationen weltweit, die ihr Wissen teilen und gemeinsam zu einer transparenten politischen Datenbasis beitragen.

Ihr habt euch mit „EveryPolitician“ zum Ziel gesetzt, politische Amtsträger weltweit zu erfassen. Wie kam es zu dieser Idee?

Die heutige Version von „EveryPolitician“ entstand aus einem früheren Projekt der britischen gemeinnützigen Organisation mySociety. Es basierte auf der einfachen Idee, genaue und aktuelle Daten zu allen politischen Amtsträger*innen weltweit zu sammeln und diese in einem einheitlichen, kostenlosen und barrierefreien Format öffentlich bereitzustellen. Die frühe Version von „EveryPolitician“ wurde 2019 eingestellt, da die enorme Aufgabe, aktuelle Parlamentsdaten zu sammeln, im Rahmen einer durch Fördermittel finanzierten Organisation nicht aufrechterhalten werden konnte.

OpenSanctions hat das Projekt dann Anfang dieses Jahres übernommen, und wir bleiben der ursprünglichen Vision von mySociety treu, indem wir den Fokus auf die Community legen und die Mitwirkung der Nutzer*innen in den Vordergrund stellen. Das Projekt knüpft zudem eng an unsere Arbeit bei OpenSanctions an und bietet uns die Möglichkeit, unsere Daten zu politisch exponierten Personen (kurz: PEPs) zu erweitern und zu vertiefen, die von Finanzdienstleistungsunternehmen für Geldwäschebekämpfungsmaßnahmen (Anti-Money Laundering, kurz AML) genutzt werden.

Ihr sagt, dass Transparenz über politische Amtstragende eine wichtige Grundlage für Rechenschaftspflicht ist. Warum ist es so wichtig, dass Bürger*innen nachvollziehen können, wer welche politischen Ämter innehat und welche Verantwortung damit verbunden ist?

Egal, wo auf der Welt wir leben: Politische Entscheidungen beeinflussen unser aller Leben. Zu wissen, wer diese Entscheidungen mitgestaltet und welche Personen Verantwortung tragen, sollte daher ein grundlegendes Recht aller Bürger*innen sein.

Der Zugang zu verlässlichen Daten über politische Amtstragende ist dafür ein wichtiger erster Schritt. Darüber hinaus möchten wir eine Datenbasis schaffen, die in der Praxis genutzt werden kann – etwa in der Korruptionsbekämpfung, bei der Verhinderung von Geldwäsche oder im investigativen Journalismus. Wir verstehen diese Arbeit als Teil eines größeren Ansatzes, Transparenz zu fördern und Strukturen für mehr Verantwortlichkeit im politischen Leben zu schaffen.

Es gibt bereits verschiedene Datensätze zu Politiker*innen und Amtsträger*innen. Wodurch unterscheidet sich „EveryPolitician“ von anderen Initiativen?

Ich denke, was das Projekt vor allem auszeichnet, ist die Tatsache, dass wir Daten aus so vielen verschiedenen Quellen zusammenführen und sie aufeinander abstimmen. Ein weiterer Punkt ist unsere Offenheit – es gibt zwar umfassendere Datensätze, doch diese sind oft kostenpflichtig und für Journalist*innen oder zivilgesellschaftliche Organisationen nicht unbedingt zugänglich. Bei „EveryPolitician“ sind alle Einträge auf unserer Website uneingeschränkt einsehbar, es gibt also keine Bezahlschranke oder Zugangsbarrieren.

Ein weiterer Punkt, der uns auszeichnet, ist, dass wir als Open-Source-Projekt in einer Branche agieren, in der ein solches Maß an Überprüfbarkeit nicht die Norm ist. Unsere Methodik ist öffentlich dokumentiert, und Compliance-Teams können jeden Datenpunkt in Prüf- und Analyseprozessen bis zu seiner ursprünglichen Quelle zurückverfolgen.

Was verändert sich, wenn man fragmentierte Listen von Amtstragenden zu einem strukturierten, vernetzten Datensatz zusammenführt? Welche Erkenntnisse lassen sich dadurch gewinnen?

Alles verändert sich. Aus einzelnen, isolierten Quellen lässt sich nur begrenzt etwas ableiten, da sie oft nicht direkt vergleichbar sind. Im Grunde geht es um ein „Sprachproblem“: Es braucht ein gemeinsames Datenmodell, das die Struktur von Hunderten politischer Systeme sinnvoll abbildet – eine zentrale und spannende Herausforderung.

Wenn diese Datensätze bereinigt, dedupliziert und zu einem strukturierten, vernetzten Datensatz zusammengeführt werden, werden Muster und Anomalien sichtbar, die tiefere Analysen ermöglichen.

Wenn fragmentierte Daten zu einem strukturierten, vernetzten Datensatz zusammengeführt werden: Welche Herausforderungen ergeben sich dabei bei der weltweiten Erhebung und Aufbereitung politischer Daten?

Die Erfassung politischer Daten weltweit ist eine Aufgabe, die die Kapazitäten eines einzelnen Entwicklerteams deutlich übersteigt. Wahlen finden regelmäßig statt, ebenso Kabinettsumbildungen, und je nach Land werden offizielle Informationen sehr unterschiedlich häufig und in unterschiedlicher Qualität aktualisiert.

In gewisser Weise sind politische Daten selbst politisch: Unterschiedliche Länder verwenden verschiedene Systeme, Begriffe und Klassifikationen für Ämter und Institutionen. Schon die Frage, wer überhaupt als politischer Amtstragender gilt, ist nicht einheitlich definiert. Diese unterschiedlichen Quellen und Rollen in ein gemeinsames Datenmodell zu überführen, erfordert daher viele Abwägungen – technisch anspruchsvoll und oft auch kontextabhängig.

Hinzu kommen systemische Verzerrungen: Bei der Erfassung politisch exponierter Personen (PEPs) sind Daten zu bekannten Politiker*innen in großen Ländern wie den USA oft sehr detailliert, während Informationen aus kleineren oder digital weniger gut dokumentierten Ländern häufig lückenhaft sind. Außerdem dominieren englischsprachige Quellen, und wohlhabendere Länder mit aktiveren zivilen Softwareentwickler*innen-Netzwerken verfügen in der Regel über mehr Ressourcen zur Datenerhebung und -pflege.

Eine einheitliche Lösung für all diese Herausforderungen gibt es nicht. Ein wichtiger erster Schritt ist jedoch, die Hürden für Beiträge aus der Community so niedrig wie möglich zu halten – etwa durch einfache Techniken, um neue Quellen hinzuzufügen. Unser Ansatz ist es, möglichst viel zu automatisieren und gleichzeitig Menschen weltweit zu ermöglichen, aktiv zur Verbesserung und Erweiterung der Daten beizutragen.

Im Moment erhalten wir viel Unterstützung aus der bestehenden Wikidata-Community und von OpenSanctions-Nutzenden – unser Ziel ist es aber nach und nach eine Community auf der ganzen Welt aufzubauen.

Team-Foto
Für das OpenSanctions-Team ist EveryPolitician ein Herzensprojekt. Von links nach rechts: Friedrich Lindenberg (Gründer von OpenSanctions), Ivan Stavropoltsev (Data Engineer bei OpenSanctions),Frederik Richter (Commercial Director bei OpenSanctions) und Julia Vernersson (Chief of Staff bei OpenSanctions).

Wie geht ihr bei der Identifikation von Entitäten vor und wie stellt ihr Eindeutigkeit sicher – also dass sich unterschiedliche Datensätze aus verschiedenen Ländern, Sprachen und Systemen tatsächlich auf dieselbe Person beziehen?

Das Abgleichen von Namen und Identitäten ist mehr als ein technisches Problem – in den Daten stecken kulturelle, sprachliche und rechtliche Uneindeutigkeiten, die berücksichtigt werden müssen. Bei „EveryPolitician“ geht es darum, aus unterschiedlichen Datenquellen verlässliche Verbindungen zwischen Personen und Organisationen herzustellen.

Dafür wird ein Verfahren namens Blocking eingesetzt, das effizient mögliche Übereinstimmungen zwischen Datensätzen identifiziert. Anschließend bewertet die Open-Source-Software „nomenklatura“ diese Kandidat*innen anhand verschiedener Merkmale, bereinigt uneinheitliche oder fehlerhafte Daten und hilft dabei, Verbindungen zwischen unterschiedlichen Datensätzen herzustellen. So können Informationen aus verschiedenen Quellen besser zusammengeführt und Zusammenhänge sichtbar gemacht werden. Ergänzend wird untersucht, wie Large Language Models (LLMs) diesen Matching-Prozess als zusätzliche Prüfebene unterstützen können.

Bei der Identifikation von Identitäten (dem Prozess, bei dem unterschiedliche Datensätze identifiziert, abgeglichen und miteinander verknüpft werden, die sich auf dieselbe reale Entität wie eine Person oder ein Unternehmen beziehen) bezeichnet Blocking das Verfahren, bei dem kleinere Gruppen („Buckets“ oder „Blöcke“) von Entitäten gebildet werden, die bestimmte gemeinsame Merkmale aufweisen – etwa Telefonnummern, Namensbestandteile, Steuernummern oder andere identifizierende Informationen. Eine ausführlichere Erklärung dieses Prozesses findet sich hier.

Dem vorgelagert ist PoliLoom: unser LLM-basiertes Werkzeug, das darauf abzielt, unvollständige oder unstrukturierte Informationen zu erschließen und in strukturierte Daten in Wikidata zu überführen. Es extrahiert beispielsweise Informationen aus natürlichsprachigen Quellen wie Wikipedia-Artikeln, ergänzt sie bei Wikidata und macht sie damit für die weitere Verarbeitung nutzbar.

Auf dieser Basis werden passende Einträge und Kategorien vorgeschlagen, die anschließend von Menschen aus der Wikidata-Community geprüft, angenommen oder auch abgelehnt werden können.

Die beiden Teile greifen ineinander, erfüllen aber unterschiedliche Funktionen: PoliLoom sorgt dafür, dass Wissen aus unstrukturierten Quellen strukturiert verfügbar wird. Das Blocking- und Matching-System sorgt dafür, dass diese und andere strukturierte Daten über verschiedene Quellen hinweg zuverlässig miteinander verknüpft werden können.

Screenshot

„EveryPolitician“ stützt sich zu einem großen Teil auf Wikidata. Was macht Wikidata zur richtigen Grundlage für dieses Projekt?

Wikidata bietet eine Datenmenge und inhaltliche Breite, mit der kein einzelnes Entwicklerteam mithalten kann. Der community-sorientierte Ansatz und die kollaborative Arbeitsweise führen dazu, dass die Profile sehr detailliert sind: Sie gehen oft weit über grundlegende Informationen wie Geburtsdaten und politische Ämter hinaus und enthalten beispielsweise unterschiedliche Namensvarianten in Dutzenden von Schriftsystemen sowie Informationen zu familiären Beziehungen.

Ein weiterer entscheidender Vorteil von Wikidata ist, dass Einträge dank ihrer eindeutigen Identifikatoren nahezu vollständig von Duplikaten bereinigt sind. Dadurch können zum Beispiel auch alle sprachspezifischen Wikipedia-Artikel zu einem Thema mit demselben Wikidata-Eintrag verknüpft werden. Sie haben vielleicht gesehen, dass wir dieselben QID (Q-Identifikatoren) verwenden, um Personen, die in EveryPolitician auftauchen, eindeutig zuzuordnen.

Inwiefern beeinflusst die Arbeit mit Wikidata euren Arbeitsablauf in der Praxis? Wo hilft es euch am meisten, und wo stoßt ihr auf Herausforderungen?

Unser PoliLoom Tool, basiert zu 100 % auf Wikidata. Wir sind überzeugt, dass die Herausforderung, die internationale politische Landschaft abzubilden – mit Amtsinhaber*innen, die ständig wechseln –, nur mithilfe einer globalen Community begegnet werden kann. Wikidata bietet dafür eine hervorragende Grundlage: Es enthält bereits eine große Anzahl politischer Ämter und Politiker*innen und verfügt über eine starke Community.

Zur einfachen Nutzung von PoliLoom arbeiten wir direkt mit dem Wikidata-Login-System, sodass bestätigte Änderungen unter dem eigenen Benutzerkonto des jeweiligen Community Mitglieds zu Wikidata beigetragen werden kann. Anschließend fließen die Daten aus Wikidata zurück in die zentrale „EveryPolitician“-Datenbank. Wikidata ist das Rückgrat des gesamten Systems.

Die größten Herausforderungen bei den bestehenden Wikidata-Daten entstehen aus derselben Eigenschaft, die gleichzeitig eine ihrer größten Stärken ist: Menschen aus aller Welt tragen zu Wikidata bei. Dadurch werden Daten manchmal nicht  einheitlich modelliert. Die Art und Weise, wie Entitäten klassifiziert werden – und sogar Teile des gesamten Klassifikationssystems –, kann sich verändern. Das macht es anspruchsvoll, ein konsistentes System auf einer Datenbasis aufzubauen, die sich kontinuierlich weiterentwickelt.

Mit Blick auf die Zukunft: Seht ihr ungenutztes Potenzial in Wikidata für weitere Projekte wie „EveryPolitician“?

Jedes Projekt, das das strukturierte Verständnis von Wissen verbessern möchte, kann davon profitieren, seinen jeweiligen Themenbereich in Wikidata abzubilden. Das Wikidata-Datenmodell ist bereits sehr detailliert, sodass Teams viel Zeit sparen, da sie ihre Datenstruktur nicht vollständig von Grund auf neu entwickeln müssen.

Dadurch entsteht bis zu einem gewissen Grad ein wechselseitiger Effekt: Die eigene Community trägt zur Erweiterung von Wikidata bei, während die bestehende Wikidata-Community gleichzeitig hilft, den jeweiligen Fachbereich strukturiert zu modellieren.

Wer sind die wichtigsten Nutzer*innen von „EveryPolitician“ und wie werden die Daten in der Praxis verwendet?

Unsere PEP-Daten werden derzeit hauptsächlich von Compliance-Teams über die OpenSanctions-Datenbank genutzt. Diese Daten sind zum Beispiel Bestandteil von Prozessen zur Identifizierung und Prüfung von Kund*innen (Know Your Customer, KYC) sowie zur Bekämpfung von Geldwäsche (Anti-Money Laundering, kurz: AML) und spielen eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung und Verhinderung von Finanzkriminalität und Korruption.

Auch Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und zivilgesellschaftliche Organisationen zeigen Interesse an diesen Daten. Wie genau diese Gruppen die Daten nutzen werden, wird sich im weiteren Verlauf des Projekts noch deutlicher zeigen.

Gruppenbild
Ein Teil des OpenSanctions-Team, das „EveryPolitician“ jeden Tag besser macht. Von links nach rechts: Friedrich Lindenberg (Gründer von OpenSanctions), Julia Vernersson (Chief of Staff bei OpenSanctions), Frederik Richter (Commercial Director bei OpenSanctions), Ivan Stavropoltsev (Data Engineer bei OpenSanctions) und Rita Prates (Operations Manager at OpenSanctions).

Wenn du dir für die Zukunft des offenen Daten Ökosystems, insbesondere im Bereich politischer Daten, etwas wünschen könntest – was wäre das?

Mein Wunsch wäre, dass sich mehr Organisationen an der Aufgabe beteiligen, politische Amtstragende weltweit zu dokumentieren und zu erfassen. Das ist eine enorme Herausforderung. Wenn wir aber verstehen wollen, wer Macht innehat und wie diese Macht ausgeübt wird, müssen wir gemeinsam daran arbeiten. Wikidata ist dafür die perfekte Grundlage.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Wem gehört das Internet?

Wednesday, 8 July 2026 09:41 UTC

Unklare Besitzverhältnisse

Das ganze Internet ist von Google, Meta, Amazon und anderen Tech-Giganten besetzt. Das ganze Internet? Nein. Auch in Zeiten des Plattformkapitalismus gibt es die gallischen Dörfer der digitalen Revolution. „Das Internet funktioniert, weil viele Menschen zusammen daran arbeiten.“ So hat Jon Postel, Computerwissenschaftler und Internet-Pionier es einmal zusammengefasst. Es sind technische Communities auf der ganzen Welt, Expert*innen und gemeinnützige oder Nichtregierungsorganisationen, die dafür sorgen, dass die grundlegenden Mechanismen des Internets existieren, funktionieren und weiter entwickelt werden.

Aber wer sind sie, was tun sie und wie funktionieren sie? Testen Sie Ihr Internet-Wissen!

Frage 1

Wem gehört das Internet?

Wer schafft die Grundlagen für das Internet?

IEFT

Das Internet ist ein Netzwerk aus Netzwerken. Daher der Namen: INTERconnected NETworks. Damit die Elemente vom Satelliten bis zum Computer miteinander kommunizieren können, braucht es eine universelle Sprache. Sie ist in Form von einheitlichen technischen Standards definiert. Dazu gehört das Internet Protocol (IP). Es sorgt dafür, dass jeder Computer eine eindeutige und erreichbare Adresse hat. Oder das Hypertext Transfer Protocol Secure (HTTPS), das definiert, wie sichere Kommunikation zwischen einem Webserver und dem Browser funktioniert. Diese Standards prüft, entwickelt und beschließt die Internet Engineering Task Force (IETF) in thematischen Arbeitsgruppen. An denen kann sich jede*r beteiligen. Wenn eine Arbeitsgruppe für einen Standard gestimmt hat, geht der Vorschlag in die Internet Engineering Steering Group. Dort wird er begutachtet und dann angenommen oder abgelehnt.

Wie wird bei der IETF über die Einführung eines technischen Standards abgestimmt?

Empfänger unbekannt verzogen

Der Hauptsitz von ICANN ist seit 2024 in Los Angeles.
Der Hauptsitz von ICANN ist seit 2024 in Los Angeles. Viele NGOs, die sich um das Internet kümmern, sitzen (auch) in den USA. Ein Überbleibsel davon, dass der Ursprung des Internets, das ARPANET, ein Projekt des amerikanischen Verteidigungsministeriums mit dem Massachusetts Institute of Technology war.

Kommunen und Behörden, Unternehmen oder Medienhäuser, Universitäten und Schulen, Vereine oder Verbände, Kunstschaffende, Politiker*innen und viele mehr betreiben Webseiten. Damit deren Internetadressen eindeutig zuzuordnen sind, braucht es eine globale Adressverwaltung. Dafür ist die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) zuständig. Sie ist eine Nichtregierungsorganisation, in der Technologieexpert*innen, Unternehmen, Zivilgesellschaft und Regierungen zusammenarbeiten. Da IP-Adressen aus Zahlenfolgen bestehen und schwer zu merken sind, werden sie nach dem Domain Name System (DNS) in Buchstaben und Worte umgewandelt. Wir alle kennen sogenannte Top Level Domains wie .org für Webseiten von gemeinnützigen Organisationen oder .de und .uk für länderspezifische Seiten. Dieses System verwaltet und sichert die ICANN und registriert neue Domains.

Wem gehört die Top Level Domain .ai?

Der sprichwörtliche Pudding

Regeln für das Internet festzulegen ist ein bisschen so, als würde man einen Wackelpudding an die Wand nageln wollen. Die Infrastruktur gehört niemandem wirklich. Die Weiterentwicklung von Codes und technischen Normen betreiben verschiedene Organisationen. Und die verschiedenen Interessen von Staaten mit unterschiedlichen politischen Systemen sowie die Einflussnahme von Konzerne machen es extra kompliziert. Die Frage, wie das Internet ein offener und sicherer Raum für alle wird, ist aber zu wichtig. Denn zwei Drittel der Weltbevölkerung nutzen das Internet, alle unsere Lebensbereiche sind eng mit dem Internet verbunden. Es ist die zentrale Infrastruktur unserer globalisierten Welt.

Wo werden globale Regeln für das Internet diskutiert?

Was ist passiert?

Die Änderungen am Datenschutzgesetz, Informationsfreiheitsgesetz (IFG) und anderen Normen sollten angeblich zum Schutz kritischer Infrastruktur beitragen. Besonders weitreichend: Die neuen Ausnahmen im § 2 Absatz 3 des IFG. Damit können Behörden sich weigern, Informationen über Einrichtungen aus 13 Bereichen – darunter Energie, Transport und Verkehr, Gesundheit, Wasser, Medien und Kultur, Finanz- und Versicherungswesen – herauszugeben. Ohne prüfen zu müssen, ob ein Sicherheitsrisiko besteht. Es genügt anzunehmen, dass sie kritische Infrastruktur darstellen und eine hohe Bedeutung für das Gemeinwesen haben. Journalist*innen oder Wikipedianer*innen, die nicht sicherheitsrelevante Daten des ÖPNV nutzen oder Informationen zum Berliner Gesundheitssystem oder zur Kulturverwaltung anfragen wollen, können künftig vor verschlossenen Türen stehen.

Was als Sicherheitsmaßnahme begründet wurde, läuft in der Praxis auf pauschale Ausschlüsse vom Informationszugang hinaus. Das ist unnötig, denn das bisherige Recht schützt sensible Informationen bereits dort, wo es notwendig ist. Das Problem ist, dass künftig ganze Bereiche vorsorglich abgeschottet werden können – ohne sorgfältige Einzelfallprüfung.
Jan-David Franke, Referent Politik und Öffentlicher Sektor bei Wikimedia Deutschland

Erste IFG-Anfragen zeigen: Befürchtungen waren berechtigt

Wie es nach der Gesetzesänderung weitergeht, wollte FragDenStaat wissen. Deren Leiter Arne Semsrott hatte neben Jan-David Franke von Wikimedia Deutschland und der Berliner Datenschutzbeauftragten bei einer Anhörung im Digitalausschuss des Berliner Senats im März vor den negativen Auswirkungen gewarnt.

Die aktuellen Recherchen von FragDenStaat zeigen, dass sich viele Warnungen bestätigen: Informationsanfragen werden pauschal abgelehnt oder treffen auf erhebliche Unsicherheit in der Verwaltung. Damit droht aus einem Recht auf Informationszugang mit begründeten Ausnahmen ein System der Abschottung zu werden.
Jan-David Franke, Referent Politik und Öffentlicher Sektor bei Wikimedia Deutschland

Welche Informationen werden vorenthalten?

Einige Anfragen an die Senatsverwaltung für Inneres und Sport und die für Wirtschaft, Energie und Betriebe deuten darauf hin, dass das Amtsgeheimnis wieder zur Norm wird.

  1. FragDenStaat wollte von der Koordinierungsstelle Kritische Infrastrukturen in der Senatsverwaltung für Inneres und Sport wissen: Welche Einrichtungen zählen zur kritischen Infrastruktur und können daher künftig von IFG-Anfragen ausgenommen werden? Eine Antwort wurde mit Verweis auf die neuen Ausnahmen im IFG abgelehnt. Bürger*innen sollen also nicht einmal wissen dürfen: Wo fängt kritische Infrastruktur an? Sind es Brücken und Anlagen zur Energieversorgung, zu denen künftig IFG-Anfragen pauschal abgelehnt werden? Gehören dazu Schulen oder Museen? Sind das sogar Freibädern? Werden alle Anfragen zu Einrichtungen der öffentlichen Gesundheitsversorgung künftig abgelehnt?
  2. Im Januar, also vor der Änderung des IFG, hatte FragDenStaat die Innenverwaltung nach einem Maßnahmenplan zum Schutz des Berliner Stromnetzes und zur Sicherstellung der Endkundenversorgung bei Stromausfällen gefragt. Damals gab es eine Antwort – wenn auch mit einigen Schwärzungen sicherheitsrelevanter Stellen Ein Hinweis darauf, dass die Senatsverwaltung auch mit dem bisherigen IFG dazu berechtigt und in der Lage war, sicherheitsrelevante Informationen auszuschließen. Die Reaktion auf eine neuerliche Anfrage aus dem April zeigt die unmittelbare Auswirkung der zahlreichen neuen Ausnahmen. Sie wurde pauschal abgelehnt.
  3. Auch die Frage nach den Ergebnissen „interner juristischer Prüfungen”, die die jüngsten Gesetzesänderungen am IFG oder Datenschutzgesetz betreffen, erhielt: Eine Ablehnung. Schon die juristische Prüfung dazu, wie sich veränderte Gesetzeslagen auswirken, betrifft nach Auffassung mehrerer Senatsverwaltungen also kritische Infrastruktur.

Wie geht es weiter?

Vor der Beschneidung des IFG stand Berlin im Transparenzranking der Open Knowledge Foundation und Mehr Demokratie auf Platz vier. Mittlerweile ist die Bundeshauptstadt auf den sechsten Platz abgestiegen. Wenn die Geheimniskrämerei so weitergeht, droht der weitere Abstieg. Aber es geht nicht nur um Listenplätze. Im September wählen die Berliner*innen ein neues Abgeordnetenhaus. Die CDU hat mit der Fördermittelaffäre der Kulturverwaltung und Kai Wegners heimlicher Tennis-Pause nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz intransparent agiert und Vertrauen verspielt.

Welche Koalition die Stadt künftig regieren wird, ist noch unklar. Aktuell sehen die Umfragen sowohl die CDU als auch die mit ihr regierende SPD im Abwärtstrend. Was klar ist: Mit weniger Transparenz werden die Regierenden Vertrauen nicht zurückgewinnen.

Eine deutschlandweite repräsentative Umfrage unter 2.500 Menschen hat kürzlich gezeigt: Transparenz ist ein hohes Gut im Verhältnis von Bürgern zum Staat. 96% der Befragten vertraten diese Ansicht. 51% der Befragten meinten aber auch, dass Behörden und Politik nicht offen und nachvollziehbar handeln.

Das sollte auch Berliner Politiker*innen, die sich zur Abgeordnetenhauswahl im September stellen, bewusst sein. Wir suchen daher aktuell immer wieder das Gespräch mit Politikschaffenden aus verschiedenen Parteien, um deutlich zu machen: Berlin braucht keinen Rückbau von Zugangsrechten, sondern ein starkes Transparenzgesetz, das Informationsfreiheit ausbaut, proaktive Veröffentlichung stärkt und damit Vertrauen in staatliches Handeln schafft.
Jan-David Franke, Referent Politik und Öffentlicher Sektor bei Wikimedia Deutschland

Bisi Alimi, der in Lagos, Nigeria, geboren und aufgewachsen ist, setzt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Rechte der LGBTQIA+Community ein. Im Jahr 2004 war er der erste offen homosexuelle Nigerianer, der im nationalen Fernsehen über seine Sexualität sprach – ein Moment, der ihm sowohl internationale Aufmerksamkeit als auch heftige Gegenreaktionen einbrachte.

Nach seinem weiteren Engagement als Aktivist in Großbritannien und der Gründung der Bisi Alimi Foundation übernahm er 2025 eine neue Rolle: Er wurde zum ersten Executive Director von Wikimedia LGBT+ ernannt. Wikimedia LGBT+ ist eine globale Wikimedia User Group innerhalb der Wikimedia-Bewegung, die sich dafür einsetzt, LGBTQIA+-Themen, -Persönlichkeiten und -Geschichten auf Wikimedia-Plattformen sichtbarer zu machen und Menschen aus der queeren Community bei ihrer Mitarbeit an Wikimedia-Projekten zu unterstützen. Die Gruppe wurde 2014 offiziell als Wikimedia User Group anerkannt und befindet sich derzeit im Prozess, eine eingetragene Organisation zu werden.

Im Interview spricht Bisi mit uns über sein erstes Jahr bei Wikimedia LGBT+, die Herausforderungen bei der Schaffung von inklusivem Wissen und warum er der Überzeugung ist: „LGBT+-Geschichte ist Menschheitsgeschichte.“

Hallo Bisi! du bist nun seit etwa einem Jahr Geschäftsführer von Wikimedia LGBT+. Was hat dich dazu motiviert, diese Aufgabe zu übernehmen?

Ein Freund hat mir die Stellenanzeige weitergeleitet und gesagt: „Du wärst sehr gut für diese Stelle geeignet.“ Und ich dachte mir: Okay, was kann es schon schaden, es zu versuchen? Aber ehrlich gesagt hatte ich nicht damit gerechnet, die Stelle zu bekommen. Ein Grund dafür war, dass ich eigentlich kein Wikimedianer war. Ich hatte hier und da ein oder zwei Bearbeitungen in der Wikipedia vorgenommen, aber das wars.

Zugegeben, ich engagiere mich seit 20 Jahren in der LGBT+-Bewegung, aber ich hatte noch nie wirklich im digitalen Bereich wie bei Wikimedia gearbeitet. Als ich also zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, war ich überrascht. Als ich die Stelle bekam, war ich regelrecht schockiert.

Ich erinnere mich, dass ich dachte: „Oh mein Gott, jetzt wird es ernst. Jetzt muss ich die Arbeit tatsächlich machen.“ Aber ich bereue es nicht, das letzte Jahr war großartig.
Bisi Alimi

Wenn du auf Dein erstes Jahr zurückblickst, welche besonderen Erlebnisse oder Highlights sind Dir besonders in Erinnerung geblieben?

Es gab so viele. Wo soll ich da nur anfangen?

Für mich waren und sind die großartigen Menschen eines der größten Highlights – sowohl die Kolleg*innen bei Wikimedia LGTB+ als auch die Community selbst. Es war großartig, mitzuerleben, wie die Community gewachsen ist.

Ich durfte im letzten Jahr beobachten, wie die Anzahl der LGBT+-Inhalte auf Wikipedia gestiegen ist, und wir bereiten uns derzeit auf die Queering Wiki Conference in Montreal vor, die vom 23. bis 25. Oktober stattfindet. Das wird unsere allererste Präsenzkonferenz sein. Bislang fand diese Veranstaltung immer als Online-Format statt.

Eine Sache, die mich stolz macht, ist, dass unsere Community innerhalb der weltweiten Wikimedia-Bewegung immer mehr für sich einsteht. Wir verschaffen uns an Orten wie Nairobi Gehör, und wir werden auch auf der Wikimania in Paris präsent sein. Ich denke, das ist möglich, weil die mutige Entscheidung getroffen wurde, Hauptamtliche bei Wikimedia LGBT+ einzustellen, und weil die Community diese Veränderung mitgetragen hat.

Ich bin auch sehr dankbar, dass ich mich dem Netzwerk der Wikimedia-Führungskräfte anschließen und ich mich mit so vielen Menschen austauschen kann – um voneinander zu lernen, mein Selbstvertrauen zu stärken und meine Rolle jeden Tag besser zu verstehen.

Du hast erwähnt, dass die Community mittlerweile viel stärker für sich einsteht. Was genau bedeutet das?

Unsere Community ist eine stark diskriminierte Community – weltweit, aber auch innerhalb der Wikimedia-Bewegung. Es gab bereits vor meinem Beitritt viele Diskussionen dazu, insbesondere zu Fragen wie der Repräsentation von Trans-Personen auf Wikipedia. Denn diese Diskriminierung findet nicht nur auf der englischen Wikipedia statt. Sie ist in allen Sprachversionen zu beobachten und stellt in Ländern, in denen LGBT+-Identitäten unter Strafe stehen, eine noch größere Herausforderung dar.

Lange Zeit bestand unser Vorstand hauptsächlich aus ehrenamtlichen Mitgliedern, was bedeutete, dass die Kapazitäten begrenzt waren, um diese Themen kontinuierlich anzusprechen. Jetzt, da wir Mitarbeiter*innen haben, die sich auf die tägliche Arbeit konzentrieren können, verfügen wir über mehr Möglichkeiten, die existierenden Missstände anzugehen. Das meine ich damit, wenn ich sage, dass wir jetzt stärker für uns einstehen. Themen, für deren Diskussion uns zuvor die Ressourcen fehlten, können nun kompromisslos diskutiert werden. Ich denke, wir tun immer noch nicht genug, aber wir tun, was wir können, und weitaus mehr als zuvor.

Bisi Alimi mit weiteren Teilnehmer*innen auf der Wikimania 2025 in Nairobi
Bisi (erste Reihe, der zweite von rechts) auf der Wikimania 2025 in Nairobi.

Warum ist es wichtig, dass LGBT+-Personen, ihre Geschichte und ihre Anliegen auf Wikipedia vertreten sind?

Die Antwort ist einfach: Die Geschichte der LGBT+-Community ist Teil der Menschheitsgeschichte. Anders lässt es sich nicht sagen.

LGBT+-Menschen sind Wissenschaftler*innen, Präsident*innen, Archäolog*innen, Politikwissenschaftler*innen, Mütter, Väter, Onkel. Wir sind Menschen, die einen enormen Beitrag zu Wikipedia und zur Idee des freien Wissens geleistet haben. Wir sind Männer, Frauen, Trans-Personen, nicht-binäre Personen, intersexuelle Personen – wir sind Teil der Menschheitsgeschichte.

Und wenn Wikipedia dazu da ist, Menschen zu dokumentieren, die die Welt geprägt haben, dann gehören auch wir dorthin. Von Modedesignern über Musiker bis hin zu Olympioniken – von der Antike bis zur Neuzeit. Wenn das kein Grund ist, warum wir auf Wikipedia vertreten sein sollten, dann weiß ich nicht, welchen Grund man sonst noch anführen könnte.

Was waren einige der größten Herausforderungen in deinem ersten Jahr bei Wikimedia LGTB+?

Ehrlich gesagt ist Geld eine der größten Herausforderungen, die mir in meinem ersten Jahr aufgefallen ist. Viele Menschen, die in LGBT+-Nutzergruppen mitarbeiten, sind in Teilzeit oder komplett ehrenamtlich tätig, was ihre Handlungsmöglichkeiten einschränkt.

Als ich diese Rolle übernahm, lag mir besonders am Herzen, dass die queere Geschichte von lokalen Stimmen erzählt wird. Ich möchte keine westlichen Erzählungen über die queere Geschichte Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas. Ich möchte, dass die Menschen, die diese Realitäten leben, ihre eigenen Geschichten erzählen.

Aber das ist leichter gesagt als getan. Es gibt immer noch über 64 Länder, in denen es illegal ist, LGBT+ zu sein. So viele Menschen, die potenziell zu Wikipedia beitragen könnten, haben überhaupt keinen Zugang zu finanzieller Unterstützung. Hinzu kommt, dass vielen von ihnen Computer, eine stabile Internetverbindung und auch Recherchematerialien fehlen. Eine weitere wichtige Herausforderung ist die Sicherheit. Wie können wir die Sicherheit der Mitwirkenden in Ländern gewährleisten, in denen sie diskriminiert werden, während sie versuchen, queere Geschichte zu dokumentieren? Um diese Dinge anzugehen, sind wir auf Spendengelder angewiesen.

Irgendwo in Afghanistan, Nigeria, Somalia, im Irak oder sogar an Orten, von denen man glaubt, dass dort solche Geschichten nicht existieren, gibt es vielleicht einen jungen Menschen, der auf der Suche nach seiner Identität ist. Und oft ist das Internet der erste Ort, an den sie sich wenden. Die erste Quelle, auf die sie stoßen, ist möglicherweise Wikipedia. Wenn sie dort ihre Geschichte nicht finden, glauben sie vielleicht, dass das, was andere im Negativen über sie sagen, wahr ist. Und genau deshalb brauchen wir finanzielle Unterstützung – um unserer Community dabei zu helfen, diese Geschichten zu schreiben, für diese Menschen – insbesondere in nicht-westlichen Regionen und an Orten, an denen viele Widrigkeiten herrschen.

Was sind darüber hinaus die Hürden für eine bessere Sichtbarkeit von LGBT+ auf Wikipedia?

Eines der größten Herausforderungen ist die Relevanz. Wikipedia basiert auf dem Konzept der Relevanz. Das heißt, man muss etwas Bedeutendes geleistet haben und Quellen vorweisen können, die das belegen. Die Herausforderung besteht jedoch darin, dass Relevanz oft anhand der Berichterstattung durch seriöse Medien definiert wird.

Wenn man aber in einem Land lebt, in dem die Medien LGBT+-Personen bewusst ignorieren, wird man – egal, wie viel man geleistet hat – möglicherweise nie „bedeutend genug“ sein, um in der Wikipedia aufgenommen zu werden. Und das ist etwas, was viele Menschen nicht verstehen.

Es gibt drei Gruppen, die von einem Wikipedia-Artikel profitieren: die Person, die ihn schreibt, die Person, die ihn liest, und die Person, um die es in dem Artikel geht.

Wenn man über jemanden schreibt, schafft man Wissen. Wenn man ihn liest, lernt man etwas. Und wenn man die Person ist, über die geschrieben wird, erfahren mehr Menschen etwas über einen und schreiben wiederum über einen, wodurch neue Quellen entstehen. Kurz gesagt: So wird man ein Teil der Geschichte. Wenn wir also nicht anfangen können, über queere Geschichten zu schreiben, werden Menschen, die nach queeren Geschichten suchen, diese nicht finden. Und die queere Person, die großartige Arbeit geleistet hat, wird aus der Geschichte ausgeblendet.

Speaker*innen auf Podium

Du setzt dich seit vielen Jahren für die Rechte von LGBT+ ein, insbesondere in Afrika. Was gibt dir Hoffnung, und was bereitet dir Sorgen?

Im Jahr 2002, als ich 24 Jahre alt war, gab es außer Südafrika kein einziges Land in Afrika, in dem gleichgeschlechtliche Beziehungen entkriminalisiert waren. Heute gibt es etwa acht Länder, die gleichgeschlechtliche Beziehungen entkriminalisiert haben. Das klingt vielleicht nicht nach einer überwältigenden Zahl, aber es gibt mir Hoffnung.

Ich glaube, ich gehe heute anders an Aktivismus heran als damals, als ich jünger war. Früher war mein Aktivismus sehr auf Kurzstreckenläufe ausgerichtet. Ich konnte es nicht ertragen, wenn nicht sofort etwas passierte – dann hatte ich das Gefühl, es würde nie passieren. Jetzt verstehe ich immer mehr, dass Dinge ihre Zeit und einen eigenen Rhythmus haben.

Das bedeutet nicht, dass wir jemals Ungerechtigkeiten akzeptieren sollten. Es bedeutet, dass wir verstehen, dass Menschen und Gesellschaften sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit bewegen. Wie bei einem Parkrun: Manche laufen fünf Kilometer in 30 Minuten, andere brauchen viel länger. Aber sie laufen alle auf die Ziellinie zu. Wenn du mich also nach Afrika fragst, blicke ich optimistisch in die Zukunft. Aber ich bin trotzdem wütend über die Gegenwart. Und ich denke, beide Gefühle sind berechtigt.

Welche Botschaft möchtest du in diesem Pride-Monat an LGBT+-Menschen und insbesondere an junge queere Menschen richten?

Was auch immer du gerade durchmachst, welche Fragen du auch immer hast, welche Ängste dich nachts wach halten – eines Tages wird es vorbei sein. Das gehört zu deinem Lebensweg dazu. Lass dich davon nicht überwältigen. Wenn es dir zu viel wird, suche dir Hilfe. Suche dir eine Community. Suche dir Unterstützung. Ich habe genau das damals getan. Und deshalb bin ich immer noch hier.

Selbst als es in meiner Vergangenheit sehr schwer und sehr düster war, habe ich versucht, einen Weg zu finden, positiv zu bleiben. Wenn Menschen sagen „Es wird besser“, ist das kein Klischee. Es ist eine Tatsache. Es wird besser, und es wird auch für dich besser werden – ganz gleich, wer du bist und wie alt du bist.

Und wenn du zu Wikipedia beitragen möchtest, musst du das nicht alleine tun. Melde dich bei uns. Wikimedia LGBT+ ist auf Instagram, auf Mastodon, auf Facebook, auf LinkedIn und auch auf X vertreten. Melde dich einfach, schick uns deine Fragen, nimm an unseren Programmen teil oder sag uns einfach Bescheid, wenn du eine Veranstaltung organisieren möchtest – wir unterstützen dich sehr gerne in jeder Hinsicht. Wir sind mit Nutzergruppen in etwa 15 Ländern weltweit vertreten. Selbst an Orten, an denen man meinen könnte, dass es uns gar nicht geben sollte, haben wir eine Gruppe.

Bisi Alimi

Happy Pride Month

Für viele queere Menschen ist Wissen ein wichtiger Schlüssel, um sich selbst zu verstehen, die eigene Geschichte zu entdecken und zu realisieren: „Ich bin nicht allein.” Im Video spricht Bisi Alimi darüber, warum Wikipedia so wichtig ist, um queere Inhalte, Geschichten und Perspektiven sichtbar zu machen und zu bewahren. Denn Sichtbarkeit bedeutet mehr als nur Repräsentation. Sie bedeutet Orientierung, Erinnerung und Selbstakzeptanz.

Wie können Verbündete aus der weiteren Community die Arbeit von Wikimedia LGBT+ unterstützen?

Wenn ihr Geschichten, Briefe, Fotos oder Dokumente aus euren Familienoder Communitys habt – teilt sie mit uns. Lasst uns die Geschichten der queeren Menschen bewahren, die die Welt, in der wir heute leben, mitgeprägt haben.

Vielleicht gibt es irgendwo einen jungen Menschen – einen Jungen, ein Mädchen, eine junge Transperson, eine junge nicht-binäre Person –, der oder die sich fragt, wer er oder sie ist. Und dieses Dokument, diese Geschichte, dieser Beitrag eines Verbündeten können einen Unterschied für diese Person machen.

Und schließlich: Schweigt nicht angesichts von Diskriminierung, Missbrauch und Unterdrückung. Erhebt eure Stimme. Denn das ist es, was Verbündete tun.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Takeaways:

  • Wikipedia kann im persönlichen Leben mehr sein als ein Hobby: Für Nicola wurde das Schreiben von Artikeln in einer schwierigen Lebensphase zum sinnstiftenden Anker.
  • Leidenschaft für ein Nischenthema kann eine ganze Enzyklopädie bereichern: Nicola hat den Bereich Bahnradsport in der Wikipedia nahezu im Alleingang aufgebaut – mit Artikeln, Fotos und Portraits.
  • Das Lokal K in Köln zeigt, wie lokale Räume Community schaffen: Gemeinsames Kochen, Quatschen und Arbeiten an Wikipedia-Artikeln verbinden Menschen über die digitale Welt hinaus.
  • Wikipedia ist auch ein Ort des Gedenkens: Nicola nutzt die Plattform gezielt, um wenig bekannte Verbrechen der NS-Zeit sichtbar zu machen und Erinnerung zu bewahren.
  • Artikel lassen sich verbessern – und das hat Wirkung: Der Artikel zur Keupstraße wurde von der Kölner Community grundlegend überarbeitet und ist heute dreimal so lang wie zuvor.

Nicola, wie bist Du Wikipedianerin geworden?

Ich bin von Beruf Journalistin, habe Geschichte studiert und schreibe für mein Leben gern. Meine Arbeit in der Wikipedia hat um das Jahr 2008 herum so richtig angefangen. Damals ging es mir nicht gut, ich hatte Schlafstörungen. Nachts Wikipedia-Artikel zu schreiben, hat mich gerettet. Im Ernst: Ohne die Wikipedia wäre ich vielleicht Alkoholikerin oder tablettenabhängig geworden.

Nicola beim Fotografieren
Nicola fotografiert für die Wikipedia

Worüber hast Du damals geschrieben?

Über Bahnradsport, mein Herzensthema. In dieser Zeit habe ich dazu quasi den kompletten Themenbereich in der Wikipedia aufbereitet. Bis dato gab es nur eine Liste, wann und wo welche Weltmeisterschaft stattgefunden hat. Ich habe aus jeder einzelnen Weltmeisterschaft einen eigenen Artikel gemacht. Danach widmete ich mich den „roten“ Radsportlerinnen und Radsportlern – also Menschen, die noch keinen Eintrag in der Wikipedia hatten. So hat sich das entwickelt. Irgendwann landete ich bei aktuellen Radsportlern und stellte fest: Es gibt überhaupt keine Fotos von denen. Seitdem fahre ich zu Meisterschaften und mache Portraitfotos für die biografischen Artikel. Bahnradfotos in Action sind natürlich auch toll, aber man möchte doch wissen, wie die Leute ohne Helm und Brille aussehen.

Wie hat Dir das Schreiben in der Wikipedia durch die Krise geholfen?

Ich schrieb Artikel, bis ich vor Erschöpfung vom Stuhl gefallen bin – aber mit dem Gefühl: Ich tue etwas Sinnvolles.

Ich bekam auch gutes Feedback. Wenn es einem schlecht geht, dann hilft es eben, dass man trotzdem etwas zur Gemeinschaft beitragen kann. Mittlerweile beschäftige ich mich zwar immer noch mit Bahnradsport, aber ich schreibe auch noch über viele andere Themen. Über Historisches, oder auch über den Nahttrenner, ein Schneiderwerkzeug. An solchen Alltagsgegenständen habe ich großen Spaß. Ich bin Rentnerin und viel zu Hause, ich suche eigentlich immer nach Themen für die Wikipedia. Wenn ich zum Beispiel im Fernsehen einen Beitrag über eine interessante Person sehe, schaue ich gleich nach: Hat die oder der schon einen Artikel?

Was bedeutet es für Dich, als Wikipedianerin Teil einer Community zu sein?

Seitdem wir in Köln das Lokal K haben, ist das für mich der Anlaufpunkt für den Austausch mit anderen. Ich war zwar an der Gründung nicht beteiligt, aber ich gehöre jetzt schon lange zur Kölner Community. Die hat ja sogar den Ehrenamtspreis der Stadt Köln bekommen. Das ist übrigens meine Schuld, weil ich sie dafür vorgeschlagen habe – ohne jemandem ein Wort davon zu verraten (lacht). Als der Preis wirklich an das Lokal K ging, war das eine schöne Überraschung. Auch für mich, ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass es wirklich klappt.

Was macht ihr im Lokal K?

Wir quatschen, kochen und essen. Nach dem Essen kommen dann meist die Wikipedia-Themen auf. Einer sagt: Ich habe da mal eine Frage, könnt ihr mir helfen? Und schon sind wir mittendrin in der Diskussion.

Es gibt ja heute immer weniger Gemeinschaften, deswegen mag ich dieses Community-Gefühl, das wir als Wikipedianer haben. Die Post bei mir in Köln-Nippes ist inzwischen geschlossen, womöglich macht auch die Apotheke bald dicht. Die Orte verschwinden, wo man überhaupt noch mit Leuten ins Gespräch kommen kann. Mit solchen Kleinigkeiten fängt es an, dass eine Solidargemeinschaft auseinander bröckelt.

Wie bist Du für Dein Fachgebiet, den Bahnradsport, entflammt?

Ich habe ein Buch über den Kölner Bahnradsportler Albert Richter geschrieben, der von der Gestapo ermordet wurde – als einer von zwei deutschen Sportlern, die während der NS-Zeit aus politischen Gründen getötet wurden. Bis zu dieser Beschäftigung hatte ich null Ahnung vom Bahnradsport. Das war Anfang der 90er Jahre. Wenn es ein Boxer gewesen wäre, würde ich heute vielleicht über Boxsport schreiben! Aber so fing ich eben an, mich mit dem Bahnradsport und seiner Geschichte zu beschäftigen.

Du sagtest, Du hast auch Geschichte studiert…

Ich habe zum Beispiel auch einen großen Überblicksartikel über die Geschichte der Niederlande im Zweiten Weltkrieg geschrieben. Im vergangenen Sommer war ich in Apeldoorn, wo es eine wunderbare Radrennbahn gibt. Wie ich erfuhr, befand sich auf dem Gelände direkt gegenüber früher ein jüdisches psychiatrisches Krankenhaus. Die Nazis haben aus diesem Krankenhaus vom Bahnhof Apeldoorn aus 1200 Menschen direkt nach Auschwitz deportiert. Das hat mich schwer erschüttert. Ich hatte die Radrennbahn vorher schon ein, zwei Mal besucht, aber das wusste ich nicht.

Du setzt Dich auch mit Rechtsextremismus heute auseinander. Als Kölner Wikipedianer*innen habt ihr in diesem Jahr gemeinsam eine Ausstellung über die Keupstraße besucht – was war der Impuls?

Die Keupstraße ist eine türkisch geprägte Geschäftsstraße in Köln, mein Sohn wohnt dort um die Ecke, ich gehe da gerne hin. Der NSU hat dort 2004 einen schrecklichen Anschlag mit einer Nagelbombe verübt. Der ursprüngliche Wikipedia-Artikel stellte die Keupstraße allerdings sehr problematisch dar, unter anderem hieß es, sie sei ein Brennpunkt für Kriminalität. Als wir im Lokal K saßen, sagte ich zu Superbass: den müssen wir dringend aktualisieren. Superbass hat sich der Sache angenommen, inzwischen ist der Artikel dreimal so lang. In diesem Zuge wurden wir auch darauf aufmerksam, dass es in Köln eine Ausstellung über das Attentat gibt. Von der ehrenamtlichen Initiative, die sie organisiert hat, bekamen wir als Wikipedianer eine Führung.

Was hat Dich an der Ausstellung beeindruckt?

Nägel
Nägel in der Ausstellung über die Keupstraße

Wie groß die Nägel in der Bombe waren. Das war erschreckend. Man kann solche Nägel dort aus einer Kiste herausnehmen und sehen, wie groß und schwer die sind. Außerdem gibt es ein Video, auf dem die Attentäter zu sehen sind – wie sie kurz vor dem Attentat das Rad, auf dem sich die Bombe befand, genau an dem Gebäude vorbeischieben, in dem jetzt die Ausstellung stattfindet. Das Bild hat sich mir eingebrannt.

Womit beschäftigst Du Dich aktuell?

Ich arbeite gerade an einem Artikel über ein Massaker in einem Zwangsarbeiterlager hier in Köln im Mai 1945, kurz vor Kriegsende, das bis vor ein paar Jahren noch relativ unbekannt war. Anlässlich einer Gedenkstunde erschien ein Artikel im Kölner Stadtanzeiger, der mich darauf aufmerksam gemacht hat.

Warum ist es wichtig, diese Erinnerung wach zu halten und sie in der Wikipedia allen zugänglich zu machen?

Ich stamme aus einer zutiefst sozialdemokratischen, zum Teil kommunistischen Familie. Mein Großvater hat Flugblätter im Widerstand verteilt und sich geweigert, die Hakenkreuz-Fahne rauszuhängen. Dafür bin ich äußerst dankbar. Ich bin auch von meinen Eltern in dem Bewusstsein erzogen worden, dass wir Erinnerungen weitergeben müssen, damit Geschichte sich nicht wiederholt.

Was würdest Du jemandem raten, der in der Wikipedia mitmachen möchte?

Erstmal sollte die- oder derjenige eine Leidenschaft mitbringen – für ein bestimmtes Thema oder fürs Schreiben an sich. Und die Leidenschaft dafür, sein Wissen zu teilen. Das sind die besten Voraussetzungen. Man darf auch nicht erwarten, dass man sofort von allen Beifall bekommt oder gelobt wird. Das musste ich auch erst lernen. Wichtig ist, dass man von seiner eigenen Arbeit überzeugt ist: Ich finde meinen Artikel gut, egal, was andere sagen.

Auf welchen Artikel von Dir bist Du besonders stolz?

Auf den Artikel über die Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf. Alle haben mir gesagt: Darüber kann man keinen Artikel schreiben. Ich dachte nur: Euch zeig ich’s! Mit der tätigen Unterstützung eines Düsseldorfers habe ich diesen Text geschrieben. Hinterher hieß es: Oh, wie schön!

Gesichter der Wikipedia

Jetzt selbst Teil der Wikipedia-Community werden

Wer Lust hat, eigenes Wissen einzubringen oder die Wikipedia zu verbessern, kann auf verschiedenen Wegen einsteigen.

Schau in einem der sechs lokalen Community-Räume vorbei und lerne Wikipedianer*innen kennen z. B. im Lokal K in Köln.

Sprechstunden vor Ort: In vielen Städten gibt es regelmäßige Treffen für Interessierte.

Sie sind eher der Selbstlern-Typ? Lerne Wikipedia: In drei Schritten oder abonniere den Wiki-Wegweiser

Der Einstieg für alle, die zum ersten Mal mitmachen möchten.

Online-Einführungskurs „Wikipedia kannst du auch!“: Ein kostenloser Kurs von Wikimedia Deutschland für Neueinsteiger*innen.

Erfahrene Wikipedianer*innen begleiten neue Autorinnen bei ihren ersten Schritten.

Zweimal pro Woche stehen ehrenamtliche Wikipedianer*innen für Fragen am Telefon bereit.

Bilder hochladen: Wer fotografiert, kann seine Bilder frei lizenziert der Community zur Verfügung stellen.

Wer heute Musik veröffentlicht, landet fast automatisch auf Plattformen wie Spotify oder SoundCloud. Das ist bequem – schließlich befindet sich dort das Publikum. Doch es hat auch seine Schattenseiten: Die tatsächliche Sichtbarkeit von Inhalten ist unberechenbar, Einnahmen sind schwer nachzuvollziehen, und die Spielregeln der Plattformen können sich über Nacht ändern. Die Frage ist also: Welche freien Musikplattformen gibt es jenseits des Mainstreams – und wie praktikabel sind sie für unabhängige Musiker*innen?

Um das herauszufinden, haben wir mit Danny Benjafield gesprochen, Software Community Communications Manager bei Wikimedia Deutschland.

Takeaways

  • Freie Musikplattformen geben Musiker*innen mehr Kontrolle über ihre Arbeit, insbesondere in Bezug auf Distribution, Lizenzen und Datenhoheit.
  • Statt algorithmisch gesteuerter Reichweite basiert die Entdeckung oft auf Communitys – langsamer, aber potenziell stabiler und bedeutungsvoller.
  • Monetarisierung verschwindet nicht, verschiebt sich jedoch nach außen: Musiker*innen setzen stärker auf direkte Unterstützungsmodelle wie Spenden, Abonnements oder Merchandise-Verkäufe.
  • Viele freie Plattformen legen besonderen Wert auf Transparenz und Offenheit und bieten Alternativen zu geschlossenen, proprietären Streaming-Ökosystemen.

Hi Danny, was genau machst du bei Wikimedia Deutschland?

Hi, ich arbeite als Community Communications Manager im Softwarebereich. Meine Rolle bewegt sich an der Schnittstelle von Softwareentwicklung, Community-Events und dem Austausch darüber, wie wir offenes Wissen auf Wikidata und in den Wikimedia-Projekten insgesamt unterstützen können. Wir stehen im engen Austausch mit unserer ehrenamtlichen Community, hören zu und entwickeln Lösungen, die sie dabei unterstützen, Wissen und Informationen besser in die Wikimedia-Projekte zu bringen.

Wenn wir über „Musikplattformen“ sprechen – was ist damit gemeint und warum sind sie wichtig?

Generell sind Musikplattformen Online-Räume, in denen Musiker*innen und Hörer*innen Musik teilen und entdecken können – egal ob es sich um komplett eigene Tracks oder um Neuinterpretationen bereits bestehender Ideen handelt. Diese Plattformen sind darauf ausgelegt, dass Menschen neue Sounds erkunden, Feedback geben und Songs, die gefallen, durch „Upvotes“, also sichtbare Zustimmung, unterstützen. Viele der Musiker*innen dort verfolgen dabei nicht in erster Linie kommerziellen Erfolg, sondern sind von Leidenschaft, Experimentierfreude und dem Wunsch getrieben, sich durch Rückmeldungen aus der Community weiterzuentwickeln.

Darüber hinaus dienen diese Plattformen oft auch als soziale Räume: Musiker*innen vernetzen sich, arbeiten zusammen und nehmen an gemeinsamen Challenges oder community-getriebenen Aktionen teil. Solche Formate kennt man auch aus anderen kreativen Bereichen – etwa Zeichen-Challenges wie Inktober oder „Draw This In Your Style“ (#DTIYS), bei dem Werke neu interpretiert werden. Ähnliche Ansätze gibt es auch in der Musik, zum Beispiel in Form von Remix-Wettbewerben oder kollaborativen Projekten.

Portrait
Caption: Danny Benjafield: Musikliebhaber und Freier Software Fan.

Wie bist du persönlich mit freien Musikplattformen in Kontakt gekommen?

Ich erinnere mich, dass ich mal einen Ohrwurm aus dem Intro oder Outro eines YouTube-Videos hatte – damals, als Tools wie Shazam oder SoundHound noch nicht so verbreitet waren. Mir fiel auf, dass immer wieder derselbe Künstlername auftauchte: Kevin MacLeod. Schließlich bin ich einem Link zum Free Music Archive gefolgt – das war meine erste echte Begegnung mit einer wirklich freien Musikplattform.

Damals habe ich noch nicht ganz verstanden, was das eigentlich bedeutet. Solche Plattformen basieren auf dem Prinzip der offenen Distribution: Musiker*innen stellen ihre Musik so zur Verfügung, dass andere sie nutzen, teilen und teilweise sogar remixen können – oft unter Lizenzen, die lediglich eine Namensnennung erfordern, also die Angabe der ursprünglichen Urheber*innen.

Auf der Suche nach Nischenmusik oder Tracks von aufstrebenden und Hobby-Musiker*innen habe ich außerdem Plattformen wie Bandcamp, SoundCloud, Grooveshark und Deezer genutzt.

Die Entdeckung frei lizenzierter Musik war für mich jedoch ein Wendepunkt – sie hat mir gezeigt, dass es jenseits klassischer Streaming-Modelle auch andere Wege gibt, Musik zu teilen und zugänglich zu machen.

Viele kennen Plattformen wie Spotify, SoundCloud oder Bandcamp. Was sind aus deiner Sicht die Einschränkungen dieser bekannten Dienste?

Sie basieren auf proprietärer Software – das heißt, was „unter der Haube“ passiert, insbesondere bei algorithmischer Suche und Musikentdeckung, bleibt oft ein Mysterium. Warum wird ein bestimmter Track sichtbarer oder häufiger empfohlen als ein anderer? Führt ein frühes Wachstum zu einem Feedback-Loop aus noch mehr Sichtbarkeit und weiterem Wachstum? Was eigentlich ein organischer Prozess sein sollte, kann potenziell manipuliert, gekauft oder anderweitig beeinflusst werden.

  • Spotify ist zum Beispiel ein in sich geschlossenes System: Die Musikbibliothek ist zwar riesig, und die Funktionen sind stark darauf ausgelegt, das Musikhören möglichst einfach zu machen. Gleichzeitig bringt das aber auch viele versteckte Nachteile mit sich: Trotz steigender monatlicher Kosten besitzt man die Musik nicht wirklich. Es gibt ein vollständiges Plattform-Lock-in: Musik lässt sich nur innerhalb der App hören – offline auch nur mit einem Premium-Abo. Eigene Hosting-Optionen oder die Möglichkeit, als User*in die Plattform eigenständig weiterzuentwickeln, sind nicht vorhanden. Zudem verschwinden regelmäßig Tracks aufgrund von Lizenzänderungen oder regionalen Einschränkungen. Und es gibt zahlreiche Erfahrungsberichte über mögliche Verzerrungen in Empfehlungs- und Radiofunktionen – deren tatsächliches Ausmaß sich mangels Transparenz nie vollständig nachvollziehen lässt.
  • Bei SoundCloud ist es zwar vergleichsweise einfach, Musik hochzuladen und zu teilen, aber sich wirklich abzuheben, ist schwierig. Die schiere Menge an Inhalten, kombiniert mit algorithmischer Auffindbarkeit, macht es vor allem für kleinere oder neue Musiker*innen schwer, ohne bereits vorhandene Reichweite sichtbar zu werden.
  • Bei Bandcamp ist es fast umgekehrt: Die Plattform steht weniger für starke Such- und Entdeckungsfunktionen. In meiner Erfahrung entdecke ich Musiker*innen meist außerhalb der Plattform und gehe dann gezielt zu Bandcamp, um mehr von ihnen zu hören, sie finanziell zu unterstützen oder Merchandise zu kaufen. Viele Musiker*innen scheinen sich hier eher auf direkte Einnahmen aus einer bestehenden, loyalen Fanbasis zu verlassen als auf ein Streaming-Modell pro Abruf.

Generell sind bei allen proprietären Plattformen Lizenzen und Weiterverwendungsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Musikbibliotheken lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen, und die Interaktion sowie Kommunikation mit dem eigenen Publikum hängt stark von den Funktionen der jeweiligen Plattform ab – die zudem teilweise hinter Bezahlschranken liegen.

Warum sind proprietäre Plattformen deiner Meinung nach so erfolgreich und beliebt?

Sie sind auf maximale Bequemlichkeit und nahezu reibungslose Nutzung optimiert. Der Weg zum Lieblingssong – oder zur Entdeckung neuer Musik basierend auf dem eigenen Geschmack – wurde auf wenige Klicks reduziert. Dazu kommen verschiedene „Verstärkerfaktoren“: die enorme Größe der Musikbibliotheken, leistungsstarke Entdeckungsfunktionen, kollaborative Playlists, Autoplay, nahtlose Übergänge und sogar gemeinsame Hörerlebnisse wie Jam-Sessions.

Mit dem Wandel von fest zugeordneten Musikgeräten wie Walkmans, MP3-Playern und iPods hin zur nahezu universellen Nutzung von Smartphones haben Apps wie Spotify genau diese Lücke gefüllt: Sie bieten sofortigen Zugriff auf riesige Musikkataloge bei minimalem Aufwand. Die Installation ist einfach, und das Nutzungserlebnis setzt unmittelbar ein.

Gleichzeitig hat sich auch ein grundlegender Wandel vollzogen – weg vom Besitz hin zum Zugang. Wer nicht mit dem Übergang von physischer zu digitaler Musik aufgewachsen ist, musste sich in der Regel nie damit beschäftigen, eine eigene Musikbibliothek zu organisieren, zu taggen oder zu synchronisieren. „Installieren und direkt loslegen“ ist im Vergleich dazu sehr viel einfacher.

Welche freien Musikplattformen würdest du aktuell empfehlen?

Funkwhale ist eine starke Option, wenn man nach einer Plattform sucht, um Musik, Podcasts und Playlists zu entdecken und mit anderen zu teilen. Sie funktioniert als dezentrale Alternative zu Spotify und ist in sogenannte „Pods“ organisiert – unabhängige öffentliche oder private Instanzen, denen man beitreten kann. FunkWhale ist sowohl auf dem Desktop als auch mobil verfügbar und kann auch über F-Droid heruntergeladen werden, was es besonders für Nutzer*nnen interessant macht, die offene App-Ökosysteme bevorzugen. Die Plattform legt großen Wert auf Community, und Musiker*innen können auf externe Angebote wie Patreon oder Bandcamp verlinken, sodass Hörer*innen sie direkt unterstützen können. Insgesamt ist es ein Nischen-Ökosystem, das bewusst auf Offenheit und Zusammenarbeit ausgerichtet ist. Funkwhale ist Teil des Fediverse zu dem auch Mastodon und weitere dezentrale Plattformen gehören.

Navidrome verfolgt einen anderen Ansatz. Hier stehen Community und Entdeckung weniger im Vordergrund – stattdessen geht es darum, ein vertrautes Streaming-Erlebnis nachzubilden. Besonders sinnvoll ist das, wenn man bereits eine eigene Musiksammlung aufgebaut hat und diese einfach und zuverlässig über verschiedene Geräte hinweg abspielen möchte. Die Oberfläche erinnert stark an Spotify, sodass man sich schnell zurechtfindet – und weil man seine eigene Sammlung hostet, besteht nicht die Gefahr, dass einzelne Tracks oder Alben plötzlich verschwinden.

Als „ehrenwerte Erwähnung“ möchte ich Libre.fm noch mit aufführen. Die Plattform ist kein Musikplayer, sondern eher eine freie und Open-Source-Alternative zu Last.fm, eine Musikplattform, die Social Media mit Musikstatistiken kombiniert. Wie Last.fm erfasst sie das eigene Hörverhalten über sogenanntes „Scrobbling“ und analysiert diese Daten, um passende Musikempfehlungen zu geben. In diesem Sinne ergänzt sie andere Plattformen eher, als sie zu ersetzen, und fügt dem eigenen Setup eine zusätzliche Ebene aus neuen Einblicken und Entdeckung hinzu.

Was sind die größten Vorteile dieser Plattformen für Musiker*innen?

Ein großer Vorteil ist die Offenheit – sowohl technologisch als auch in Bezug auf die Community.

Plattformen wie Funkwhale oder Navidrome sind Open Source, was bedeutet, dass deutlich mehr Transparenz darüber besteht, wie sie funktionieren. Und es gibt weniger bis keine Abhängigkeit von den Entscheidungen eines einzelnen Unternehmens oder CEOs. Beides gibt Musiker*innen bereits ein stärkeres Gefühl von Stabilität und Kontrolle.

Ein weiterer Vorteil ist das Thema Lizenzierung. Wer sich für Remixes oder Mash-ups interessiert, profitiert stark von Plattformen, die Creative-Commons-Lizenzen unterstützen. Sie schaffen rechtliche Klarheit und gleichzeitig kreative Freiheit, auf der Arbeit anderer aufzubauen, ohne in rechtliche Grauzonen zu geraten. Außerdem sind Musiker*innen weniger „eingesperrt“ in ein System: Musik kann auf vielen dieser Plattformen leichter geteilt, verschoben oder mit anderen Angeboten verknüpft werden. Statt an ein einzelnes Ökosystem gebunden zu sein, können Musiker*innen auf externe Stores oder Spendenplattformen verlinken und ihrem Publikum so direktere Unterstützungsmöglichkeiten bieten.

Schließlich funktioniert auch die Entdeckung von Musik oft anders. Statt rein algorithmisch gesteuert zu werden, verbreitet sich Musik stärker über Community-Aktivität – also durch Shares, Empfehlungen und Kollaborationen. Das kann zu einem organischeren und engagierteren Umfeld führen, auch wenn es möglicherweise auf Kosten reiner Reichweite geht.

Was ist für viele Musiker*innen ungewohnt, wenn sie von kommerziellen Musikplattformen zu freien wechseln? Wie fühlt sich das für Nutzer*innen an?

Ich würde sagen, dass das Maß an Selbstorganisation und Eigenverantwortung für Musiker*innen deutlich steigt. Sie haben kein voll ausgestattetes Support- oder Engineering-Team im Hintergrund, auf das sie sich verlassen können. Dadurch kann es zur Notwendigkeit von mehr technischem Verständnis kommen – sei es beim Hosten eines eigenen Pods oder einer Instanz oder ganz einfach beim korrekten Taggen der eigenen Musik mit Metadaten.

Auch das Thema Monetarisierung verändert sich. Musiker*innen müssen sich stärker damit auseinandersetzen, wie sie Einnahmen generieren wollen – direkt oder indirekt. Das kann bedeuten, dass sie auf externe Plattformen wie Patreon, Ko-fi oder Liberapay verlinken oder Werkzeuge wie Linktree nutzen, um mehrere Links an einem Ort zu bündeln.

Was können Musiker*innen beim Thema Reichweite und Monetarisierung auf freien Musikplattformen realistisch erwarten?

In Bezug auf Reichweite wird diese sicherlich deutlich geringer ausfallen als auf großen, proprietären Plattformen. Open-Source-Musikplattformen sind auf persönliche Souveränität ausgelegt und nicht auf maximale Reichweite oder Massenpublikum – entsprechend sind die mögliche Größe der Hörerschaft als auch das Gesamtangebot für Nutzer*innen meist kleiner. Gleichzeitig kann das aber auch weniger Konkurrenz, engagiertere Communitys und eine stärkere Verbindung zwischen Musiker*innen und Publikum bedeuten.

Beim Thema Monetarisierung ist die Lage etwas komplexer. Da ich selbst kein Künstler bin, habe ich die verschiedenen Einnahmemöglichkeiten nicht im Detail untersucht. Auf Plattformen wie Funkwhale oder Auxio gibt es offenbar kaum integrierte Monetarisierungsfunktionen. Das „Free“ in Free and Open Source ist hier oft sehr wörtlich zu verstehen – die Plattform selbst zahlt nicht und stellt dafür auch keine direkten Funktionen bereit – sie verhindert aber auch nicht, dass Musiker*innen Geld verdienen.

Eine Möglichkeit zur Finanzierung gibt es etwa, wenn die freien Plattformen externe Links erlauben. Viele Musiker*innen leiten ihr Publikum dann zu Plattformen wie Patreon, Buy Me a Coffee oder Ko-fi weiter, oder zu Shops, in denen sie physische Produkte wie Hoodies, T-Shirts oder Vinyl verkaufen. Dadurch behalten sie mehr Kontrolle darüber, wie ihre Musik verbreitet und monetarisiert wird, was langfristig ein stabileres und nachhaltigeres Setup schaffen kann.

Wohin werden sich freie Musikplattformen deiner Meinung nach in den nächsten Jahren entwickeln?

Ich glaube zwar nicht, dass es eine Massenabwanderung weg von großen Plattformen wie Spotify oder YouTube geben wird, aber ich denke, dass es einen schrittweisen kulturellen Wandel geben wird. Ein wachsendes Interesse an Datenschutz, zunehmendes Misstrauen gegenüber Unternehmensinteressen, wirtschaftlicher Druck und die schrittweise Verlagerung ehemals kostenloser Funktionen in „Premium“-Modelle werden wahrscheinlich dazu führen, dass mehr Menschen nach Alternativen suchen.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Next Steps

  • Testen Sie eine freie Musikplattform zusätzlich zu Ihrem aktuellen Streaming-Setup – betrachten Sie sie als Ergänzung, nicht als Ersatz.
  • Unterstützen Sie mindestens eine unabhängige Musiker*in direkt über externe Links (z. B. durch Spenden, Merch oder Abonnements).
  • Wenn Sie selbst Musik machen, probieren Sie aus, einen Track unter einer offenen Lizenz zu veröffentlichen, um zu verstehen, wie das Teilen jenseits klassischer Plattformen funktioniert.

Das Risiko, Falschinformationen im Netz aufzusitzen, war wohl nie größer als heute. Immer mehr Menschen nutzen bei der Suche nach Antworten generative KI-Chatbots. Doch gerade die großen Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) neigen zu Halluzinationen und spucken nicht selten ungeprüft falsche Antworten aus. Hinzu kommt: KI-Systeme bewerten die Vertrauenswürdigkeit von Quellen nur begrenzt. Werden also manipulierte Inhalte strategisch im Netz platziert und verbreitet, können auch Chatbots sie als vertrauenswürdige Quelle einschätzen und in ihre Antworten an uns übernehmen. Dies passiert schon seit Jahren und wird insbesondere auch für politische Einflussnahme genutzt.

Neuer Wikipedia-Klon: Russland zielt auf KI-Chatbots ab

Aus Russland ist jetzt ein neuer Fall bekannt geworden: Geleakten Berichten zufolge soll eine russische Trollfabrik am Aufbau eines Klons der deutschsprachigen Wikipedia arbeiten. Das Ziel ist dabei besonders perfide: Die manipulierten Inhalte sollen so geschrieben werden, dass insbesondere KI-Chatbots sie als vertrauenswürdige Quellen einstufen und vor allem bei Anfragen aus dem deutschsprachigen Raum in ihre Antworten integrieren.

Ein trojanisches Pferd der Fake News also. Wer beispielsweise Informationen über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine oder den Oppositionellen Alexei Nawalny sucht, könnte von ChatGPT & Co ideologisch verzerrte Darstellungen geliefert bekommen – vermeintlich aus der Wikipedia stammend und mit dem Gütesiegel der Seriosität versehen.

Achtung, Fake-Wikipedia

Portale wie t-online oder watson beziehen sich in ihrer Berichterstattung auf einen Leak interner Dokumente der russischen Social Design Agency (SDA). Die verbreitet seit Jahren im Auftrag des Kremls Falschinformationen über soziale Medien, auch in Deutschland. Die SDA wird unter anderem für die sogenannte Doppelgänger-Kampagne verantwortlich gemacht – eine Serie von Fälschungen der Social Media Accounts und Webseiten großer Nachrichtenportale wie „Bild“ oder „Spiegel“ – mit dem Ziel, darüber antiwestliche Propaganda zu verbreiten und die Stimmung in der Bevölkerung pro Russland zu beeinflussen.

Jetzt legt die SDA offenbar nach – mit eben jenem deutschsprachigen Wikipedia-Klon, auf den Chatbots bei Anfragen in deutscher Sprache zugreifen sollen. 200.000 Seiten umfasse diese Fake-Datenbank bereits, heißt es in den Berichten. Monatlich sollen 500 manuell verfälschte Artikel in die KI-Plattformen eingespeist werden. Noch ist kein Fall bekannt, in dem eine solche Klon-Seite der SDA aufgetaucht wäre. Ähnliche Fälle zeigen aber, wie schnell und wirkungsvoll sich Desinformation mit digitalen Mitteln verbreiten lässt.

Manipulation und Propaganda mit wenig Aufwand im Netz

Jüngst flogen etwa die Machenschaften des prorussischen Social-Media-Bot-Netzes „Matrjoschka“ auf, das in Armenien massenhaft Lügen verbreitet, um Einfluss auf die Parlamentswahlen am 7. Juni im Sinne Russlands zu nehmen. Auch ein von Russland gesteuerter Wikipedia-Klon ist in dem südkaukasischen Land tatsächlich schon aktiv, wie das Portal The Insider nachzeichnet.

Überhaupt besitzt die Propagandamaschinerie des Kremls bereits Erfahrung mit Wikipedia-Kopien. Mit Ruwiki existiert dort seit Januar 2024 ein Klon der russischsprachigen Version der freien Online-Enzyklopädie, der um Einträge zu kritischen Themen bereinigt wurde und zum Beispiel den Begriff „Spezielle Militäroperation“ für den Angriffskrieg in der Ukraine verwendet.

Grokipedia als warnendes Beispiel

Aber Russland ist nicht die einzige Quelle für Desinformationen, die über Chatbots ihren Weg zu uns Menschen finden. Das Portal The Verge hat kürzlich eine Analyse veröffentlicht, der zufolge KI-Systeme eine Vielzahl von Artikeln aus der von US-Milliardär Elon Musk gestarteten Grokipedia abrufen. Bei rund 13 Millionen Prompts an ChatGPT sei Grokipedia etwa 260.000-mal zitiert worden. Auch bei Gemini, dem Chatbot von Google, und Microsoft Co-Pilot wurde die Seite mehrfach als Referenz ausgewiesen. Das Problem: Die von Musk entwickelte Enzyklopädie wird nicht wie die Wikipedia von Menschen, sondern selbst von einer KI geschrieben – dem Chatbot Grok, der u. a. dadurch in Verruf geriet, dass er sexualisierte Bilder generierte und verbreitete.

Und: Grokipedia lässt unter anderem Quellen wie die rechtsextreme Seite Stormfront und das Verschwörungs-Portal Infowars zu. Inzwischen belegen auch zahlreiche Studien, etwa der Cornell University, „eine systematische Verschiebung der politischen Ausrichtung häufig zitierter Nachrichtenmedienquellen nach rechts“ (hier und hier zu finden). Anders als die Wikipedia, die sich dem neutralen Standpunkt verpflichtet hat, soll Grokipedia vor allem die Weltsicht ihres Erfinders transportieren.

Geplante neue Google-Suche: Hochproblematisch für uns alle!

Auch die neuesten Pläne von Google sind besorgniserregend. Die größte Suchmaschine im Netz plant die Transformation zu einer KI-Antwortmaschine. Künftig sollen bei einer Anfrage statt der gewohnten Listen mit Links nur noch KI-generierte Antworten angezeigt werden. Der Gatekeeper wäre Googles eigene KI.

Das Internet könnte damit sein demokratisches Potenzial verlieren: den direkten Zugang zu einer Vielzahl unabhängiger Quellen. Aus Sicht des Freien Wissens ist das hochproblematisch, denn es droht eine Verarmung der Informationsvielfalt, ein Mangel an Transparenz und noch stärkere Machtkonzentration und Abhängigkeit von wenigen Plattformen.
Lilli Iliev Leiterin Politik und Öffentlicher Sektor bei Wikimedia Deutschland

Der Informatiker und Publizist Jürgen Geuter spricht deshalb von einem „Krieg gegen das Web“ – so zitiert ihn Deutschlandfunk in einem Beitrag unter dem Titel „Stirbt das Internet, wie wir es kennen?

Wikipedia: Wissen ist und bleibt menschlich

Das Risiko, mit Fake News und unzuverlässigen Quellen beliefert zu werden, ist heute also größer denn je. Die Wikipedia bleibt bei all diesen Entwicklung die nahezu letzte Bastion für geprüftes und verlässliches Wissen im Netz.

In der ehrenamtlichen Community wird die geplante Desinformationsoffensive aus Russland aufmerksam verfolgt und diskutiert. Handhabe dagegen hat sie selbst freilich nicht – die Verantwortung, Fake News nicht als Quelle heranzuziehen, läge bei den KI-Entwicklern. „Noch ein Grund mehr, wieso unser KI-Verbot absolut der richtige Weg ist“, schreibt Benutzer Chaddy zu den Vorgängen um den Wikipedia-Klon. Er bezieht sich dabei auf die Übereinkunft der Community, das Einstellen von KI-generierten Texten in der Wikipedia zu untersagen.

Schließlich funktioniert die freie Online-Enzyklopädie nach klaren Grundprinzipien – dazu zählen Nachprüfbarkeit, Neutralität und Belegpflicht, also die Plicht, Quellen anzugeben. Ein entscheidender Unterschied zu KI-Programmen. KI-generierte Texte in der Wikipedia würden also die Qualität des Projekts gefährden. Entsprechend engagiert handeln die Ehrenamtlichen aus, wie und mit welchem Aufwand sich solche Artikel abwehren lassen, wie sich KI generierte Inhalte überhaupt erkennen lassen – und welche KI-Tools dennoch hilfreich für die Arbeit in der Wikipedia sein können.

Das alles unter der Maxime: Wissen ist und bleibt menschlich.

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Als Wikimedia Deutschland setzen wir angesichts der wachsenden Herausforderungen mehr denn je dafür ein, die Wikipedia-Community und frei zugängliches und geprüftes Wissen zu stärken. Mehr dazu, wie wir uns dafür engagieren und was wir erreicht haben, zeigt unser aktueller Jahresbericht.

Das sind die Top 10 Wikipedia-Artikel im Mai

Wednesday, 10 June 2026 10:49 UTC

Welche Themen die Menschen im deutschsprachigen Raum besonders beschäftigt, lesen sie in der Wikipedia nach. Im Mai 2026 wurden folgende Wikipedia-Artikel besonders häufig aufgerufen:

Wer hat wie für wen gestimmt? Wer kam überhaupt ins Finale und wie setzt sich die Jury des Eurovision Song Contest zusammen? Der Wikipedia-Artikel zum diesjährigen ESC in Wien bietet sehr detailliertes, mit vielen Tabellen und Fotos angereichertes Insider-Wissen. Für Fans ein Muss, für alle anderen mindestens eine Goldgrube Allgemeinwissen. Der Wikipedia-Artikel wurde im Mai 992.567 mal aufgerufen.

Hantaviren

Ein weniger leichtes Thema, das zeigt: Gerade wenn es um Gesundheit geht, brauchen Menschen sachliche, faktenbasierte und neutral dargestellte Informationen. Der  Wikipedia-Artikel zu den Hanta-Viren hat im Mai über 800.000 Mal Abhilfe geschaffen

Das Drama um den verirrten Wal in der Ostsee hielt auch im Mai noch an. Rettungsversuche, Kontroversen und Verschwörungserzählungen sind bestens im Wikipedia-Artikel dokumentiert. Ebenso das traurige Ende des Meeressäugers. Der Wikipedia-Artikel hatte 606.383 Aufrufe.

600 Kilometer vom Death Valley bis nach Los Angeles laufen? Man mag von Extremsport halten, was man möchte: Der Wikipedia-Artikel zu Arda Saatçi half sehr vielen Menschen im Mai, diesen Mann, der plötzlich in aller Munde war, jenseits von Social Media Kanälen einzuordnen. Insgesamt erhielt der Wikipedia-Artikel 596.891 Aufrufe im Mai.

Ein trauriger Anlass für den fünften Platz der meist aufgerufenen Wikipedia-Artikel im Mai: Die gerade mal 25 jährige Schauspielerin Luna Jordan verstarb am 13. Mai. Bekannt wurde sie unter anderem durch Rollen im Polizeiruf 110. Über eine halbe Millionen Mal informierten sich Menschen über die Schauspielerin auf Wikipedia.

Verstorben ist auch Schauspieler Alexander Held, den viele aus über 160 Film- und Fernsehproduktionen kennen, darunter zahlreiche Kinofilme von Schindlers Liste (1993) über Sophie Scholl – Die letzten Tage (2005) oder Der Baader Meinhof Komplex (2008). Sein Wikipedia-Artikel verzeichnete über eine halbe Millionen Aufrufe.

Wetter geht immer! In diesem Mai hielten die Eisheiligen, was sie versprechen: Temperaturen bis zum Gefrierpunkt. Wer sich tiefergehend zu den Bauernregeln und dazu, was aus klimatologischer Sicht da dran ist, informieren möchte, wird in der Wikipedia fündig. So haben frierende Menschen im Mai knapp 470.000 Mal den dazugehörigen Artikel aufgerufen.

Höchstwahrscheinlich motivierte eine mehrteilige Dokumentation über den Missbrauchsprozess im ZDF knapp 400.000 Mal, sich nochmals eingehender mit dem 2009 verstorbenen King of Pop zu beschäftigen. Der sehr ausführliche Wikipedia-Artikel liefert ausreichend Futter Begleitlektüre zum Fernsehabend.

Ebenfalls im ZDF ist ein Biopic der schillernden Kunstfigur Olivia Jones erschienen. „Sie zeigt persönliche Seiten, die wenige kennen: Angst und Ausgrenzung, die Aids-Krise der 80er,“ heißt es im ZDF. Klar, dass da schnell die Wikipedia gezückt wird, um sich vertiefend zu dieser Ikone zu informieren.

Ein weiterer Todesfall im Mai: Der Schauspieler Günther Maria Halmer starb im Alter von 83 Jahren in Rosenheim. Seine bestens im Wikipedia-Artikel dokumentierte Filmografie umfasst  über 190 Film- und Fernsehproduktionen. Noch 2025 war er im Residenztheater München zu sehen.

Mitmachen bei Wikipedia

Wikipedia ist eine offene Enzyklopädie! Wer selbst Lust hat, Wissen zu teilen oder zu verbessern, kann jederzeit mitmachen.

Wie das geht? Wikimedia Deutschland unterstützt verschiedene Projekte, die Engagierten den Einstieg in die Wikipedia lehren.

Ein gezeichneter Laptop. Auf dem Bildschirm ist der Buchstabe W zu sehen, darunter ein Startknopf.

Webinar: Schreiben für Wikipedia

Einen Online-Kurs zur Einführung gibt es online und kostenfrei am 25. Juni 2026.

Wikipedia im Wandel: Strategische Prioritäten an Herausforderungen angepasst

Generative Künstliche Intelligenz verändert derzeit grundlegend, wie wir Menschen Informationen suchen, nutzen und teilen. Gleichzeitig wächst der Einfluss großer Technologieunternehmen auf die digitale Informationslandschaft. Diese Entwicklungen stellen auch Wikipedia und weitere Wikimedia-Projekte vor neue Herausforderungen.

Verlässliches, freies und überprüfbares Wissen ist heute wichtiger denn je. Um freie Wissensprojekte wie Wikipedia, Wikidata und & Co. angesichts der aktuellen Entwicklungen zu stärken, wurden am Wochenende die strategischen Prioritäten von Wikimedia Deutschland an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst.

Die Mitgliederversammlung hat einer Fokussierung der Strategischen Prioritäten zugestimmt. Statt fünf gibt es künftig drei Schwerpunkte:

  • Starke Infrastruktur des Freien Wissens
  • Lebendige und beständige Communitys
  • Mehr Nutzung, leichterer Zugang

Damit richtet Wikimedia Deutschland seine Arbeit noch stärker auf die Bereiche aus, die für die Zukunft von Wikipedia und Freiem Wissen besonders wichtig sind. Themen wie Diversität, gesellschaftliche Teilhabe und politische Rahmenbedingungen bleiben weiterhin zentrale Bestandteile der Arbeit und werden in allen drei Prioritäten berücksichtigt.

Neues Präsidium gewählt – Alice Wiegand als Vorsitzende bestätigt

Seit vier Jahren führt die langjährige Wikipedianerin und Bundesversdienstkreuzträgerin Alice Wiegand die Geschicke des ehrenamtlichen Präsidiums von Wikimedia Deutschland. Am Wochenende haben die Mitglieder die Düsseldorferin ein weiteres Mal in ihrem Amt als Präsidiumsvorsitzende bestätigt.

Auch Schatzmeisterin Friederike von Borries sowie die Beisitzer*innen Larissa Borck, Raimond Spekking, Jens Ohlig und Kamran Salimi wurden wiedergewählt. Neu ins Präsidium zieht Wolfgang Jamann ein, der langjährige Führungserfahrung in der Zivilgesellschaft mitbringt, unter anderem bei CARE International und der Welthungerhilfe.

Wir gratulieren ganz herzlich zur Wahl und freuen uns auf gute Zusammenarbeit! 

Gruppenbild
Von links nach rechts: Raimond Spekking, Alice Wiegand, Kamran Salimi, Jens Ohlig.

Die Wahl der Kassenprüfer*innen musste im Vorfeld der Versammlung abgebrochen werden, da eine Kandidatur zurückgezogen wurde. Eine Nachwahl wird in Kürze stattfinden. Auf der Mitgliederversammlung wurden außerdem das Präsidium und der Vorstand entlastet sowie der Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2025 genehmigt.

25 Jahre Wikipedia: Ein Hoch auf ein Vierteljahrhundert Freies Wissen

Natürlich wurde am Wochenende der 25. Geburtstag der Wikipedia gebührend gefeiert. Der Vorabend der Mitgliederversammlung stand unter dem Motto „25 Jahre Wikipedia – 25 Jahre ehrenamtliches Engagement“. In der Geschäftsstelle von Wikimedia Deutschland in Berlin blickten vier Wikipedianer*innen der ersten Stunde mit den über 100 anwesenden Gästen auf die Anfänge der Wikipedia zurück und sprachen über ihre Entwicklung, Erfolge und Herausforderungen. Im Mittelpunkt standen Themen wie Qualitätssicherung, die Arbeit der Admins und wie sehr sich die Wikipedia-Regeln über die Zeit verändert haben. Zudem wurde deutlich, wie wichtig sowohl die internationale Vernetzung der Wikimedia-Bewegung als auch lokale Community-Treffen für das Ehrenamt rund um Wikipedia sind.

Am Samstag fuhr der Wikipedia-Bus bei der Mitgliederversamlung vor. Die große Bustour zum Jubiläum feierte dabei Halbzeit. Bei den bisherigen Stationen in Leipzig, Stuttgart, Münster und Hamburg sprachen wir mit mehr als 2.000 Menschen am Bus über die Wikipedia und ihre Bedeutung in der heutigen Zeit und gaben Einblicke hinter die Kulissen dieser einzigartigen Online-Enzyklopädie. Die nächsten Stationen des Wikipedia-Busses sind Halle (Saale), Köln, München und Regensburg (zur WikiCon). Zudem ist der Bus im August und September auch in Österreich und der Schweiz unterwegs.

Richard J. Kloster

Monday, 1 June 2026 07:56 UTC

Richard James Kloster (geboren 1958) ist ein amerikanischer Manager und seit 2026 Mitglied der unabhängigen staatlichen Eisenbahn-Regulierungsbehörde Surface Transportation Board.

Das Surface Transportation Board ist zuständig für Eisenbahn-Tarife und -Service, Umstrukturierungen im Eisenbahnbereich (Mergers, Streckenverkäufe, Neubaustrecken, Stilllegungen), Lkw- und Seeschifffahrtstarife. Fernbusverkehre (Unternehmensstrukturen, Finanzierungs- und Betriebsangelegenheiten) und Tarife für Pipelines, soweit diese nicht schon durch die Federal Energy Regulatory Commission reguliert werden.

Leben
Richard J. Kloster besuchte von September 1976 bis Mai 1977 das William Rainey Harper College in Palatine (Illinois). Danach war er bis zum August 1980 in der Northern Illinois University in DeKalb (Illinois) eingeschrieben und erlangte eine Bachelor in Betriebswirtschaft.

Von Oktober 1980 bis August 1985 arbeitete er bei der Chicago and Northwestern Transportation Company in verschiedenen Verwaltungsbereichen. 1986 erlange er an der University of Alabama seinen Master in Marketing.[1]

Ab August 1986 bis Juni 1987 arbeitete er bei der Chicago Central and Pacific Railroad als Vizepräsident für Marketing und Verkauf. Von Juli 1987 bis April 1989 war er bei der Indiana Railroad im Marketing beschäftigt. Anschließend war er bis Februar 1991 erneut bei der C&NW im Bereich Lebensmittelproduktion tätig. Von 1991 bis Juli 2007 arbeitete er bei GE Rail Services. Zuletzt war er dort Direktor für Business and Market Intelligence.

Im Juli 2007 gründete er das Beratungsunternehmens Advanced Rail Equipment Solutions, Inc. (zunächst unter dem Namen North American Transport Solutions). In der Funktion als Präsident agierte er dort bis zum Oktober 2012. Gleichzeitig war er von Januar 2008 bis November 2019 als Berater bei Freight Transportation Research Associates, Inc. (FTR) tätig. Von Oktober 2012 bis November 2019 war er Senior Vice President und Chief Commercial Officer beim Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen Alltranstek.

Seit November 2019 ist er Präsident des von ihm gegründeten Unternehmens Integrity Rail Partners. Von 2005 bis 2007 und von 2012 bis 2025 war er im Aufsichtsrat des Lobbyunternehmens National Industrial Transportation League, davon im Zeitraum 2021 bis 2025 als Mitglied des Executive Boards und als Schatzmeister. Von 2019 bis 2021 war im Aufsichtsrat des Beratungs- und Lobbyunternehmens Railway Supply Institute (RSI).

Am 11. September 2025 wurde er von Präsident Donald Trump für den Sitz von Martin J. Oberman in der Aufsichts- und Regulierungsbehörde Surface Transportation Board nominiert. Da bis zum 3. Januar 2026 keine Bestätigung durch das Senatskomitee erfolgte, wurde die Nominierung an den Präsidenten zurückverwiesen und am 13. Januar 2026 erneut an den Senat übermittelt. Am 18. Mai 2026 erhielt er die Bestätigung durch den Senat für eine Amtszeit bis zum 31. Dezember 2028.

Kloster verfügt über langjährige Erfahrung in der Beratung von Schienenverkehrsunternehmen. Als Mitglied des Surface Transportation Board wird er mitentscheiden über die Genehmigung der Fusion der beiden großen Bahngesellschaften Union Pacific Corporation und Norfolk Southern Corporation.[2]

Auf der Website Progressive Railroading veröffentlicht er von 2015 bis 2025 regelmäßig Kolumnen zu Entwicklungen im Schienenverkehr der Vereinigten Staaten.

Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Weblinks
Stuart Chirls: Trump nominates rail consultant Kloster to STB. In: FreightWaves. 11. September 2025 (freightwaves.com [abgerufen am 15. Januar 2026]).
Senate Commerce Committee Nominee Questionnaire, 119th Congress
Einzelnachweise
Jul 07, 1987, page 24 – The Indianapolis News at Newspapers.com – Newspapers.com. Abgerufen am 23. September 2025 (englisch).
Rail News – Kloster confirmed to Surface Transportation Board. For Railroad Career Professionals. Abgerufen am 27. Mai 2026 (englisch).

Einzelnachweise

Jul 07, 1987, page 24 – The Indianapolis News at Newspapers.com – Newspapers.com. Abgerufen am 23. September 2025 (englisch).

  1. Rail News – Kloster confirmed to Surface Transportation Board. For Railroad Career Professionals. Abgerufen am 27. Mai 2026 (englisch).

Bezahltes Wikipedia-Schreiben in der Belletristik

Monday, 12 September 2022 20:02 UTC

Bezahltes Schreiben im PR-Auftrag in der Wikipedia, ist ein Thema, das mich und die Wikipedia-Community seit einigen Jahren umtreibt. Das Thema wabert seit etwa 2010 durch die Wikipedia, mal intensiver und mal weniger intensiv diskutiert; mal mit Skandal und mal ohne. Aber wenn man sich, ganz ohne Insiderkenntnisse, einfach mal durch Wikipedia-Artikel lebender Personen clickt (sei es in der deutschen Ausgabe oder der englischen): normalerweise riecht man die gekauften und geschönten Artikel 500 Kilobyte gegen den Wind. Die peinlichen PR-Artikel: weil auch die siebte Teilnahme am Rettet-die-Bergdackel-Benefiz-Gala-Dinner getreulich unter dem Punkt „gesellschaftliches Engagement“ gelistet wird. Die weniger peinlichen PR-Artikel: weil sie so nichtssagend sind.

Wie lange das Problem existiert und wie sehr es schon vor vielen Jahren auffiel, wurde mir letztens beim lesen gewahr. Es war ein Fantasy-Crime Roman – komplett fiktiv, mit vagen Bezugspunkten zu unserer Welt. Und selbst dort kommt Wikipedia-PR-Schreiben vor. Es geht um „Moon over Soho“ von Ben Aaronovitch. Erstmal erschienen 2012 bringt es der Roman auf den Punkt:

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Auf deutsch etwa:

„Die Reichen, vorausgesetzt sie vermeiden Prominenz, können etwas Unternehmen um ihre Anonymität zu bewahren. Lady Tys Wikipedia-Artikel las sich als wäre sie von einem PR-Schreiber verfasst worden, denn zweifellos hatte Lady Ty einen PR-Schreiber beschäftigt, um sicherzustellen, dass die Seite ihren Vorstellungen entsprach. Oder wahrscheinlicher: Einer ihrer „Leute“ hatte eine PR-Agentur beauftragt, die einen Freelancer beschäftigt hatte, der das in einer halben Stunde runtergeschrieben hatte, damit er sich schneller wieder auf den Roman konzentrieren konnte, den er grade schrieb. Der Artikel gab preis, dass Lady Ty verheiratet war, zu nicht weniger als einem Bauingenieur, dass sie zwei schöne Kinder hatten von denen der Junge 18 Jahre alt war. Alt genug um Auto zu fahren aber jung genug um noch zu Hause zu wohnen.“

Diese Beschreibung trifft auch zehn Jahre später auf einen Großteil aller PR-Artikel zu. Schnell und lieblos, aber professionell gemacht. Oft genug mit Versatzstücken aus anderen Werbematerialien; zu unauffällig, um jemand ernstlich zu stören. Aber auch zu nichtssagend, um der Leser*in auch nur den geringsten Mehrwert zu bieten.

Damit hat ein Roman-Autor, der selber kein aktives Mitglied der Wikipedia-Community ist, die PR-Problematik schon im Jahr 2012 richtiger eingeschätzt als ein relevanter Teil der diskutierenden Community im Jahr 2022.

(Und Randbemerkung: die Community rächte sich, indem sie Aaronovitchs Autoren-Artikel mit einem unvorteilhaften Autorenfoto versah – no PR-flack weit und breit war hier unterwegs.)

Von einer anderen Form des beeinflussten Schreibens erfuhr ich heute beim Mittagsessen. In immer mehr autoritären Regimes scheint es vorzukommen, dass einzelne Wikipedia-Autor*innen, die in dem jeweiligen Land leben, einen Anruf oder einen Besuch bekommen. Mit dem freundlichen Tipp, doch den ein oder anderen Artikel zu „verbessern“ sonst.. Das ist natürlich noch raffinierter: Einfach einen etablierten Nutzer und dessen Vertrauensvorschuss nehmen und in dieser Tarnung PR-Edits durchführen.

Die Lyrik der Wikipedia-Auskunft

Monday, 18 July 2022 17:15 UTC

Menschen können auf der Wikipedia:Auskunft Fragen an die Wikipedia richten. Die Fragen sind mal banal, mal lehrreich, und manchmal hohe Poesie. Daran solltet ihr teilhaben.

Ich stelle mich auf, Brust nach vorne, Kinn nach oben, räuspere mich noch einmal und deklamiere:

Honda Motorrad,
6-Zylinder,
6 Vergaser,
Blockmotor quer,
luftgekühlt.

Alle Daten fehlen!
Keine Daten vorhanden.
Warum?

Die Frage stammte von einer nicht angemeldeten Person, die am 17. Juli um 16:19h mit der IP 2003:D4:2713:1F50:F120:9BAE:47CF:6C2A unterwegs war.

Beitragsbild: 2016-08-05 Tokaido Seki Juku Kameyama City Mie,東海道五十三次 関宿 DSCF6949☆ von: 松岡明芳 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Wir waren dieses Jahr mit WikiAhoi wieder bei der SMWCon dabei. Die Konferenz zu Semantic MediaWiki findet zweimal pro Jahr statt, im Frühling in Nordamerika und im Herbst in Europa. Letztes Jahr waren wir schon in Wien dabei und dieses Jahr gings ins herbstlich-sonnige Barcelona. In freundlicher, persönlicher Atmosphäre wurden technische Neuigkeiten, innovative Projekte und besondere Anwendungsfälle besprochen. Wir möchten Sie an den wichtigsten Neuerungen teilhaben lassen.

Neuigkeiten aus der Semantic MediaWiki-Welt

Semantic Forms (Version 3.4 September 2015) hat sich mittlerweile als eigenständige Erweiterung etabliert und ist nun technisch nicht mehr von der Grunderweiterung Semantic MediaWiki abhängig. Weitere wichtige Änderungen:

  • Statt den Spezialattributen werden nun ParserFunctions eingesetzt.
  • Kartenbasierte Eingabeformate (Google Maps, Open Layers) sind nun möglich – diese werden nur eingesetzt, wenn Semantic Maps nicht vorhanden ist.
  • Weiters wird nun Cargo unterstützt, es lassen sich in Formularen auch Eingabeformate und die Autovervollständigungsfunktion aus Cargo nutzen.
  • Dazu kann man nun auch „mapping“-Werte hinterlegen, das sind andere Werte, als auf der Seite angezeigt werden.
  • Ein neuer Parameter erlaubt es, nur einzigartige Werte speichern zu lassen.
  • Alle roten Links können nun mit einer einzelnen Einstellung auf eine Formularauswahlliste weitergeleitet werden.

Die MediaWiki Stakeholder’s Group nahm die Konferenz zum Anlass, um weitere Schritte zu besprechen: Ziel der Gruppe ist die Koordination und die Kommunikation mit Wiki-Nutzern in Unternehmen, die Unterstützung von Entwicklern und Administratoren und die offizielle Kommunikation mit der Wikimedia Foundation. Wikipedia hat etwas andere Ziele als einzelne Drittnutzer der Software MediaWiki. Es geht also stark darum, die Interessen der Nutzer von Wiki in Unternehmen zu vertreten und in der Weiterentwicklung der Software voranzutreiben.

Interessante neue semantische Erweiterungen gibt es zu Breadcrumbs, Zitaten, Sprachenlinks und Metatags:

Und warum „eine Konferenz mit Folgen“? Diese Konferenz hat Folgen auf mehreren Ebenen: Wir haben persönliche Kontakte für Zusammenarbeit und Austausch geknüpft, es wurden Ideen beflügelt und Inspirationen für neue Projekte ausgetauscht, die Motivation wieder gestärkt, das Projekt MediaWiki als Ganzes voranzubringen und nicht zuletzt viele Features und Software-Änderungen besprochen, die in der Regel meist recht schnell umgesetzt werden. Die Konferenz war somit ein voller Erfolg.

Die Konferenz fand von 28.–30.10.2015 in Barcelona statt, in der schönen Fabra i Coats Kunstfabrik im Stadtteil Sant Andreu. Knappe 40 Teilnehmer nahmen an einem Tutorial- und zwei Konferenztagen teil.

WikiPRedia

Tuesday, 23 November 2021 17:31 UTC

Die deutschsprachige Wikipedia-Community versucht wieder einmal, die Regeln zum bezahlten Schreiben zu verschärfen. Das Thema wabert ungelöst seit Jahren durch das Wikiversum. Und auch dieses Meinungsbild ist ein notwendiger Schritt voran. Aber der Weg ist noch weit. Der beste Kommentar meinerseits wäre die Komposition eines Quartetts für Singende Säge, Bassdrum, Cembalo und Spottdrossel.

Aber ich kann nicht komponieren. Deshalb kommt das Nächstbeste: ein Gedicht.

Wikipredia

Die Regeln
existieren und doch nicht
nach Mondstand

Die Ethik
absolut seit Anbeginn
nein denn ja

Die Praxis
gesperrt verworfen gelöscht
freigeschaltet

Wikipredia
Darwinismus der Agenturen
Überleben des Dreistesten

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Allein mit der Madonna zum Hasen

Thursday, 30 September 2021 19:49 UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken. Image

Wen wählen in das Board der Wikimedia Foundation?

Friday, 20 August 2021 21:03 UTC

Vorweg, für die Eiligen

Meine Wahlvorschläge

  • Top 4: Douglas Ian Scott, Iván Martínez, Adam Wight, Dariusz Jemielniak
  • Top 8: Rosie Stephenson-Goodknight, Lorenzo Losa, Farah Jack Mustaklem, Gerard Meijssen
  • Wählbar: Reda Kerbouche, Pavan Santhosh Surampudi, Ravishankar Ayyakkannu

Wichtige Links

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Vote now für das Wikimedia-Board

Für die nicht so Eiligen

Über den Dächern, Türmen und Gasometern Westberlins senkte sich die Abendsonne. Ich stand auf den Zinnen des Ullstein Castles und sinnierte. Direkt unter mir Straßentreiben, Sirenen, betrunkene Jugendliche, ein Ausflugsboot auf dem Teltowkanal, radelnde Ausflügler überquerten die Stubenrauchbrücke.

In der Ferne betrachtete ich die Türme des Spitzenlastheizkraftwerks Lichterfelde, der Sendeturm auf der Marienhöhe, den BfA-Büroturm und den ehemaligen Wasserturm im Naturpark Schöneberger Südgelände. Heute Nacht auf dem Heinweg: Welchen Weg sollte ich wählen? Unten, im Süden, über den Prellerweg vorbei am Sommerbad am Insulaner? Die Nordvariante über den Tempelhofer Damm und durch die Kopfsteinpflaster Tempelhofs? Oder die Mittelweg, mit Erklimmen der Höhe am Attilaplatz und später über den Ikea-Parkplatz? So viel zu wählen.

Wahlen spukten in meinem Kopf herum. Da war die Mitgliedsversammlung unseres Dauergartenvereins. Die Vorstandswahlen dort sollten wahrscheinlich, hoffentlich, unspektakulär verloren. Aber die Anträge. Wenn ein einzelnes Mitglied auf einem A4-Blatt 40 verschiedene Anträge stellt, richtig ernsthaft, dann verspricht das Unterhaltung.

Die Bundestagswahl: Auf dem Weg zum Ullstein Castle passierte ich zahlreiche Bundestagstagswahlplakate: den unlesbaren Blob der Grünen in Tarnfarbenoliv, die bildhaft dargestellte Biederkeit der Berliner SPD, zahlreiche Kleinparteien von Team Tödenhöfer über Volt bis zur Tierschutzpartei. Und so sehr es mich schmerzte das zu sagen: Das Plakatgame gewannen bisher die CDU und ihr Wahlkreiskandidat Jan-Marco Luczak. Sowohl optisch – als auch damit, überhaupt inhaltliche Aussagen fern von Plattitüden zu machen.

Vor allem aber war ich innerlich bei einer ganz anderen Wahl. Die Wikimedia Foundation wählte und wählt ihr Board, auf Deutsch das ehrenamtliche Präsidium der Wikimedia Stiftung. Die Wikipedia steht meinem Herzen näher als der Bundestag und selbst als der Dauergartenverein. Aber die Board-Wahlen erfordern merh Gedanken. Diese Gedanken bedurften des Kontextes.

Was ist die Wikimedia Foundation?

Die Wikimedia Foundation (WMF) ist die Betreiberin der Wikimedia-Projekte wie zum Beispiel der Wikipedia aber auch Wikimedia Commons und Wikidata. Die Foundation hostet die Server, stellt die Technik, ist am Ende rechtlich dafür verantwortlich was in den Wikipedien passiert. Dafür hat die Foundation derzeit etwa 450 Angestellte, ein Endowment von 90 Millionen Dollar und hatte 2020 Jahreseinnahmen von 127 Millionen US-Dollar.

Wo genau die Grenzen zwischen dem Einfluss der Wikimedia Foundation und den Communities liegen, ist umstritten. Letztlich kann die Foundation alles ändern und machen in den Projekten. Sie ist meistens weise genug, es nicht zu tun. Insbesondere schreiben keine Foundation-Mitarbeiter*innen in ihrer Arbeitszeit Artikel oder legen Inhalte in den Projekten an.

Die Foundation ist eine Organisation eigener selbstgenügsamer Vollkommenheit. Sie hat keine Mitglieder und ist – rechtlich – niemand rechenschaftspflichtig. Das Board besetzt sich prinzipiell aus sich selbst heraus. Es hat entschieden die Hälfte der Sitze Wahlen der weltweiten Wikip/media-Communities besetzen zu lassen zu lassen.

Was ist das Board of Trustees?

Das Board of Trustees ist das ehrenamtliche Aufsichtsgremium der Foundation. Es hat derzeit 16 Sitze. Davon steht einer Jimmy Wales als Gründer zu, sieben Sitze besetzt das Board selber, acht Sitze werden durch eine weltweite Communitywahl bestimmt.

Nun ist allein aus den Worten „ehrenamtlich“ und „weltweit / 450 Mitarbeiter / 127 Millionen Dollar Einnahmen“ klar, dass das Board eine abstrakte Leitungsposition einnimmt. Alleine, einen Überblick über so eine Organisation zu behalten, ist eine Mammutaufgabe. Dieser Organisation noch Vorgaben zu machen und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken, eine Herausforderung.

Die Gefahr, in Detailinformationen zu ertrinken oder sich hoffnungslos im Alltagsgeschäft zu verfangen, ist groß. Seiner Aufgabe nach, beaufsichtigt das Board, was die Vollzeitkräfte machen und besetzt die Geschäftsführung.

Was zur Zeit ein besonderer Job ist: Die Geschäftsführerin der Foundation Catherine Maher verschwand im April 2021 überraschend. Der Posten ist seitdem unbesetzt. Ebenso wie sich die Chief Operations Officer im Jahr 2021 verabschiedete, die Abteilungen Communication und Technology auch niemand im Vorstand haben. Auf dem Schiff besetzt nur eine Notbesatzung an Offizier*innen die Brücke. Dem Board obliegt es derzeit, dieses Führungsvakuum schnell und kompetent zu beenden.

Welche Kriterien habe ich?

Grundsätzlich sollte jede*r Kandidat*in zwei Kriterien erfüllen. Sie sollte meine inhaltlichen Ziele teilen. Und sie sollte in der Lage sein, sich in einem ehrenamtlichen Job gegen eine komplette Organisation aus Vollzeitangestellten zu behaupten. Oft genug stehen bei solch ehrenamtlichen Gremien Kandidat*nnen zur Wahl, bei denen ich denke „Will Schlechtes, aber wird das erreichen“ und „Will Gutes, ist aber planlos. Am Ende werden die Hauptberuflichen machen was sie wollen. Oder es gibt Chaos.“

Angesichts der bewegten Zeiten, in denen wir leben; angesichts der latenten Führungslosigkeit der Foundation derzeit, möchte ich Kandidat*innen, die sich durchsetzen können. Kandidat*innen, die nach Möglichkeit die US-Zentrik der Foundation aufbrechen können. Ich möchte Kandidat*innen, die verstehen, dass Wikip/media keine allgemeine Weltbeglückungsorganisation ist, sondern sehr spezifische Sachen sehr gut durchführt – und andere überhaupt nicht kann. Es bringt nichts, sich auf allgemeine Weltbeglückungsziele zu stürzen, die weder die Foundation noch die Communities umsetzen können.

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Wählenswert: Adam Wight. Bild: Recent selfie. Von: Adamw Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Welche Kandidaten?

Insgesamt stehen 19 Kandidat*innen zur Auswahl, die um vier Plätze streiten. Dabei sind Wikimedia-Urgesteine ebenso wie Newbies, viele Männer, mir auffallend viele Inder, viele Kandidat*innen mit NGO-Hintergrund, kaum eine*r, der/die fortgeschrittene IT-Kenntnisse hat.

Die Urgesteine

Dariusz Jemielniak – Professor of Management, daueraktiv auf allen Ebenen und vielleicht der einzige Mensch, der intellektuell versteht wie Wikipedia funktioniert.

Rosie Stephenson-Goodknight – WikiWomensGroup, Women in red, you name it. Bei überraschend vielen der Wikipmedia-Genderaktivitäten, die funktionieren, ist Rosie Stephenson-Goodknight beteiligt.

Gerard Meijssen – gefühlt war Gerard schon Wikipedianer bevor es Wikipedia gab. Vielleicht der spannendste Autor des Meta-Wikiversums und ein Chaot.

Mike Peel – langjähriges Mitglied des Funds Dissemantion Committees. (FDC) Hat bei mir in der Rolle durchgehend einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Ravishankar Ayyakkannu – Mr. Tamil Wikipedia, der seinem Resumee zufolge seit 2005 in der Community und mit externen Partnern (wie Wikipedia Zero, Google) zusammenarbeitete. Gewinnt bei mir Diversitätspunkte, weil er nicht nur aus dem Global South stammt, sondern auch Ausbildung und Berufstätigkeit dort durchführte.

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Wählenswert: Dariusz Jemielniak Bild: Dr. Dariusz Jemielniak – Wikimedia Foundation Board von: VGrigas (WMF) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im Wikiversum aktiv


Reda Kerbouche – Aktiv bei Wikimedia Algeria, Founding member der Wikimedia of Tamazight User Group. Lebt in Europa.


Lorenzo Losa – Ex-Vorsitzender von Wikimedia Italia.


Farah Jack Mustaklem
– Software Engineer, einer der wenigen Kandidaten mit Ahnung von Software. Aktiv bei den Wikimedians of the Levant und der Arabic language User Group. Mir persönlich zu sehr USA-sozialisiert für eine Board-Mitgliedschaft, andererseits sicher in jeder Hinsicht kompetent.

Douglas Ian Scott – Präsident von Wikimedia South Africa, Organisator der Wikimania 2018 und einziger Kandidat, den ich dank eines langen Wartepause am Kofferband irgendeines Wikimania-Flughafens persönlich besser kennenlernte – und begeistert war.

Iván Martínez – langjährig engagiert bei Wikimedia Mexiko, LGBTQ+-Aktivist und soweit ich hörte, das Wikiversum Lateinamerika ist begeistert von ihm.

Pavan Santhosh Surampudi – Community Manager at Quora. Versteht also vermutlich professionell etwas von Communities.

Adam Wight – Programmierer, Ex-Angestellter und WMF und WMDE und neben Gerard der Vertreter des Ur-basisdemokratischen, selbstorganisierten und Gegen-Informationsmonopole-Geistes des frühen Movements.

Vinicius Siqueira – in Wiki Movimento Brasil

Newbies

Es kann sich hierbei um langjährige und erfahrene Wikipedianer*innen handeln, die im kleinen Rahmen auch Projekte oder Gruppen organisiert haben. Erfahrungen in oder mit größeren Organisationen im Wikiversum fehlt vollkommen.

Lionel Scheepmans
Pascale Camus-Walter
Raavi Mohanty
Victoria Doronina
Eliane Dominique Yao
Ashwin Baindur

Wen werde ich wählen?

Leute, die sich durchsetzen können, und die auch die Grenzen des Wikiversums sinnvoll einschätzen können. Perspektiven auf das Leben, anders aussehen als „in US-NGOs sozialisiert“ werden bevorzugt.

Die Top 4

  • Douglas Ian Scott
  • Iván Martínez
  • Adam Wight
  • Dariusz Jemielniak

Top 8

  • Rosie Stephenson-Goodknight
  • Lorenzo Losa
  • Farah Jack Mustaklem
  • Gerard Meijssen

Wählbar

  • Reda Kerbouche
  • Pavan Santhosh Surampudi
  • Ravishankar Ayyakkannu

Wer wird wählen

Es wählen alle Menschen, die vage aktive Accounts in einem Wikimedia-Projekt haben. Die Bedingungen dafür sind niedrig angesetzt. Für Autor*innen ist es nötig 300 Bearbeitungen zu haben, kein Bot zu sein und höchstens in einem Projekt gesperrt zu sein. Die Bedingungen für die Board-Wahlen sind somit einfacher zu erfüllen als die Bedingungen zum Sichten in der deutschen Wikipedia. Die Kriterien mussten am 5. Juli 2021 erfüllt sein. Es hilft nicht, jetzt noch schnell zu editieren.

Das Wahlsystem

Es gilt das Präferenzwahlsystem. Dieses wird weltweit von einschlägigen Fachleuten als besonders fair bezeichnet. Es verzerrt den Wählerwillen weniger als viele andere Wahlsysteme. Praktisch wird es allerdings nur selten eingesetzt. Die bekannteste Wahl mit Präferenzwahl in letzter Zeit war die Bürgermeister*in-Wahl in New York, New York.

Bei Wahlsystem nummeriert man „seine“ Kandidat*nnen nach Präferenzen. Die beste Kandidatin bekommt eine Eins, der Kandidat danach eine zwei und so weiter. Hält man keine Kandidatin mehr für geeignet, hört man auf zu nummerieren.

Bei der Wahl werden in der ersten Runde alle Präferenzen mit „1“ gezählt. Ein Kandidat hat am wenigsten davon. Dieser scheidet aus. Von allen „1“-Wählerinnen des Kandidaten werden nun die „2“-Präferenzen seiner Wählerinnen auf die entsprechenden weiteren Kandidaten verteilt. Und so weiter, bis nur noch so viele Kandidatinnen übrig sind, wie es Plätze zu besetzen gilt.

Zur Wahl

Geht es hier.

Beitragsbild: Die Apostel wählen einen zwölften Zeugen als Ersatz für Judas. Aus dem Rabbula-Evangeliar.

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Wiki Loves Jules Verne. Mit Wikipedia in Braunschweig.

Tuesday, 17 August 2021 08:28 UTC


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

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Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:

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„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

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Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“

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Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

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Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

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Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

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Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican*, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant*, Nord gegen Süd*, Reise um die Erde in 80 Tagen*, Ein Lotterielos* ... und einige mehr. (*Affiliate Links)

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction


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Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?



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Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)


 

*Dieser Post enthält Affiliate Links zu geniallokal. Es handelt sich dabei um Werbung. Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr dort bestellt, und ihr habt bei den Guten bestellt.


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Berlin celebrates old school #wikipedia15

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten

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Die Verschwundenen

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


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 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen. Image

Seit nun schon ein paar Jahren hört man immer wieder über Probleme in der kroatischen (und zu einem gewissen Grad auch der serbischen) Wikipedia. Rechte Gruppen sollen das Projekt übernommen haben und alle Wikipedianer, die nicht ihrer Meinung sind, rausgeekelt oder einfach gesperrt haben.

Lange war nichts passiert, aber seit Ende letzten Jahres sah sich die WMF dann doch mal die Situation an und es wurde schon zumindest ein Admin gebannt.

Nun hat die WMF ein Abschlußdokument veröffentlicht; oder genauer schon Mitte Juni und ich habe es erst heute bei reddit gesehen. In dem Dokument finden sich solche Perlen, als das in hrwp behauptet wurde, Nazi-Deutschland habe Polen überfallen weil Polen einen Genozid an Deutschen verübt hätten.

Der ganze Bericht kann hier gefunden werden. Mich macht die ganze Geschichte sowohl traurig als auch wütend. Wikipedia soll die Leute so gut es geht aufklären und nicht Propaganda verbreiten!

IeS: Blog ist zurück

Friday, 16 April 2021 21:38 UTC

Ich habe heute dieses Blog auf einen neuen Server umgezogen, sein DNS aktualisiert und sein SSL repariert. Werde versuchen, es nun wieder öfters zu befüllen. Wünscht mir Glück 🙂.

Wahl: Oversighter-Wahlen

Friday, 16 April 2021 21:11 UTC

Bereits seit gestern und noch bis zum 28. April laufen die Oversighter-Wahlen. Doc Taxon, User:He3nry und Nolispanmo treten zur Wiederwahl an. Ich wünsche: Viel Erfolg!

Gab es in der DDR Spaghetti?

Friday, 26 March 2021 09:39 UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 


Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

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Eine Investigation: Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr.
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