Unter dem Motto „Liberté, Équité, Fiabilité“ (Freiheit,
Gleichheit, Verlässlichkeit) kamen 1.250 Menschen aus der Wikimedia
Bewegung in der französischen Hauptstadt zusammen. Weitere 2.000
Teilnehmende waren online dabei. Fünf Tage lang ging es um die
Frage: Wie können wir gemeinsam den freien Zugang zu Wissen stärken
– und dabei soviel Spaß wie möglich haben?
Ist KI unsere
Konkurrenz?
Wenn es nach Audrey Tang, der ehemaligen
taiwanesischen Digitalministerin und Entwicklerin für freie
Software geht, lautet die Antwort ganz klar: Nein! „Don’t let it be
a race. Wikipedia never tried to win.“ Es geht nicht ums Gewinnen,
sondern um Teilhabe an verlässlichem Wissen für alle.
Unterdessen plädierte Jan-David Franke von Wikimedia
Deutschland in seinem Lightning-Talk dafür, Wikipedia als
„öffentlichen digitalen Luxus“ zu sehen. Seine Argumentation
inspiriert dazu, die Wikimedia-Projekte als Gegenentwurf zu den
digitalen Produkten und KI-Anwendungen der großen Tech-Konzerne zu
begreifen. Ein Gegenentwurf, der den Weg zu einem
menschenfreundlichen und offenen Internet für alle aufzeigt.
Lane Becker von Wikimedia Enterprise wies darauf
hin, dass die Wikipedia in Zeiten von vermehrter KI-Nutzung viele
Alleinstellungsmerkmale hat: Sie steht für Genauigkeit,
Nachvollziehbarkeit und Differenziertheit sowie für all das
Menschliche, was eine Maschine, die in erster Linie aus Textmengen
Mittelwerte errechnet, nicht kann.
KI als Hürde für den
Wissenszugang
Generative KI ist nicht nur unfähig, Wissen zu erzeugen. Sie hat
auch das Potenzial, das globale Gefälle beim Zugang zu Wissen zu
verstärken. Das zeigten auf der Wikimania die
Sozialwissenschaftlerin Anwesha Chakraborty und die
Neurowissenschaftlerin und Wikipedianerin Netha Hussain. Beide haben Wikipedia-Aktive zu
ihren Erfahrungen mit generativer KI befragt. Die Sprachen der
Befragten: Bangla, Englisch, Malayalam, Italienisch, Schwedisch und Telugu.
Alle Befragten berichteten von den bekannten Problemen: Chatbots
präsentierten ihnen Unwahrheiten als Fakten sowie erfundene
Quellen. Vor allem diejenigen, die sogenannte kleinere Sprachen
sprechen, waren zudem mit weiteren Auffälligkeiten konfrontiert.
Dazu gehörten Antworten mit einem Satzbau, der „lächerlich“ falsch
war. Regelmäßig scheiterten die KI-Anwendungen an den kulturellen
Charakteristika der Sprache. Einige berichteten sogar, dass die
Künstliche Intelligenz Wörter erfand, die es in ihrer Sprachen gar
nicht gibt.
Der Grund: Die Trainingsdatenbasis ist vergleichsweise klein und
KI-Unternehmen investieren vor allem in generative Modelle in
Sprachen wie Englisch oder Deutsch. Das absurde daran: Telugu wird
von über 80 Millionen und Malayalam von rund 35 Millionen Menschen
gesprochen.
Der
Wikipedia-Bus fand auch bei der Wikimania großen Anklang. Viele
Wikipedianer*innen, von Südafrika über Chile bis Luxemburg,
wünschten sich den Bus als Ankerpunkt für den Austausch mit
Wikipedia-Nutzenden in ihrem Land.
Wollen wir KI
nutzen?
Wenngleich generative KI kein Wissen erzeugen kann, stand bei
der Wikimania immer wieder die Frage im Raum: Können wir uns
KI-gestützte Werkzeuge zunutze machen? Die Antwort darauf muss
natürlich jede Wikipedia-Community für sich selbst finden. Wenn es
um das Schreiben von enzyklopädischen Artikeln geht, sind
generative KI-Anwendungen nicht geeignet. Werkzeuge, in denen
unterschiedliche Formen von KI zum Einsatz kommen, könnten
Ehrenamtliche jedoch künftig bei anderen Aufgaben unterstützen –
etwa beim Aufspüren von Vandalismus, Formfehlern oder veralteten
Inhalten sowie bei Übersetzungen und beim Erkennen von Texten, die
mit generativer KI erstellt wurden.
Wichtig dabei: KI-Anwendungen könnten Assistenten sein, aber
Autor*in bleibt der Mensch. Denn nur Menschen können Hinweise von
KI überprüfen, kritisch hinterfragen und im Zweifel über Inhalte
diskutieren und Entscheidungen gemäß der Wikipedia-Prinzipien
treffen.
Neue Ideen für neue
Werkzeuge
Die Wikimania Team Challenge brachte über 200
Wikimania-Teilnehmende aus verschiedenen Wikimedia-Projekten
zusammen. Das Ziel: In 17 Teams entwickeln sie Ideen für Werkzeuge,
mit denen verschiedene Herausforderungen in Wikipedia, Wikimedia
Commons oder Wikidata angegangen werden könnten. Dabei ging es
unter anderem um das Aufspüren von veralteten Inhalten oder das
Aktualisieren und Reparieren von Quellenangaben. Auch zur Frage,
wie Wikipedia multimedialer oder das Bearbeiten spielerischer
werden kann, wurde experimentiert.
Wie bleiben Quellen
verlässlich?
Diese Frage stand auf der Wikimania im Rahmen der Team-Challenge
und in weiteren Workshops im Mittelpunkt. Denn das ist es, was
Wikipedia so vertrauenswürdig macht: Die Inhalte sind mit Quellen
belegt und werden von Menschen geprüft. Angesichts der Vielzahl von
Artikeln eine Herkulesaufgabe. Deswegen entwickeln
Wikipedianer*innen immer wieder Werkzeuge, die diese Arbeit
erleichtern.
Eine mögliche Antwort aus der Team Challenge lautet: CiteFix.
Diese Erweiterung für die Wikipedia-Software MediaWiki kann einige
fehlerhafte oder kaputte Quellenangaben in Artikeln aufspüren. Wenn
Nutzende CiteFix installiert haben, leitet das Toll sie direkt zum
Editor weiter und macht einen Vorschlag für die Korrektur – die
Wikipedianer*innen dann annehmen oder ablehnen können. Das Tool
wird aktuell weiterentwickelt.
Mit Herz und Humor
Neugier und Wissensdurst, Genauigkeit und
Verantwortungsbewusstsein, Idealismus und Großzügigkeit – das sind
Eigenschaften, die viele Menschen mitbringen, die Wissen mit der
Welt teilen. Bei der Wikimania zeigt sich: Herz und Humor gehören
ebenso zur Grundausstattung von Wikipedianer*innen.
Bei jeder Wikimania werden die Wikimedians of the Year
ausgezeichnet. Und die Laudatios haben es oft in sich. Denn wer 10,
15, 20 oder mehr Jahre in einem Wikimedia-Projekt aktiv ist, hat in
dieser Zeit oft viele Freunde gefunden, die begeisterte und
emotionale Lobreden auf die Ausgezeichneten hielten.
Das sind die Wikimedians of the Year
2026
Wikimedian of the Year: Jules* I Jules* begann seine
Wikipedia-Karriere im Jahr 2010, mittlerweile hat er fast 400.000
Bearbeitungen vorzuweisen. Einen Großteil seiner Zeit widmet er der
Beseitigung von Vandalismus, der Verbesserung neuer Beiträge, der
Unterstützung von Neulingen, der Bekämpfung nicht offengelegter
bezahlter Bearbeitungen und der Beantwortung von Hilfeanfragen aus
der Community. Als Autor konzentriert sich Jules* auf das Thema
Klimawandel.
Wikimedia Laureate: Dreamyshade | Dreamyshade begann im selben
Jahr, in dem Wikipedia ins Leben gerufen wurde – 2001. Heute hat
sie allein in der englischen Wikipedia mehr als 13.500
Bearbeitungen vorgenommen und bei Veranstaltungen in der San
Francisco Bay Area viele neue Wikimedianer betreut. Sie bringt
gerne Artikel in schlechtem Zustand auf Vordermann. Besonders am
Herzen liegt ihr die Überprüfbarkeit, und sie hat ein Talent dafür,
gefälschte Quellenangaben zu entlarven.
Wikimedia Laureate: Barkeep49 | Barkeep49 unterstützt andere
Ehrenamtlich in der Wikipedia und hat mehr als 40.000 Beiträge
verfasst. Wikipedias Mission, jedem hochwertige Informationen
zugänglich zu machen, entsprach seinen Werten, doch was ihn dazu
bewegte, zu bleiben, war die Community. Seine besondere
Leidenschaft gilt der US-amerikanischen Kinderliteratur, und eines
seiner Lieblingswerke ist der Artikel über Black and White – ein
Buch, das er als Kind liebte und zu dem er als Wikipedia-Redakteur
zurückkehrte.
Community Connector: Chlod | Der neu geschaffene „Community
Connector“-Preis geht an Chlod Alejandro, einen jungen Student aus
den Philippinen. Er hat zahlreiche Tools und Skripte entwickelt,
die Wikimedianern bei ihrer Wartungsarbeit helfen, und als Hommage
an diejenigen, die ihn in seinen Anfängen betreut haben, hat er
auch andere geschult. Hinzu kommt seine Arbeit mit seiner geliebten
Community in der ESEAP-Region, wo er eine organisatorische Rolle
übernommen hat und dabei hilft, Projekte und Veranstaltungen zu
organisieren.
Honorable mention: Mari Avetisyan | Als Mari Avetisyan 2018 mit dem
Bearbeiten begann, war sie sich nicht sicher, ob sie dort ihren
Platz finden würde. Stattdessen fand sie ein tiefes
Zugehörigkeitsgefühl: „Als ich der armenischen
Wikimedia-Gemeinschaft beitrat, hatte ich zum ersten Mal in meinem
Leben das Gefühl, wirklich zu etwas zu gehören“. Heute ist sie eine
zentrale Figur der CEE-Jugendgruppe, die sich für Kapazitätsaufbau,
gegenseitiges Lernen und Führungskräfteentwicklung unter jungen
Wikimedianern aus Mittel- und Osteuropa einsetzt.
Honorable mention: Hijiri | Die Ehrenauszeichnung geht in diesem
Jahr an Hijiri Umemoto, einen der allerersten Bearbeiter der
japanischen Wikipedia. Er begann mit der Bearbeitung, kurz nachdem
die Software die Verwendung japanischer Schriftzeichen ermöglichte.
Bald wurde er zum Betreuer des Hauptnamensraums des Projekts und
verfasste die ersten kurzen Artikel, die sogenannten „Stubs“. Ihm
liegt sehr viel daran, dass Wikipedia ein einladender Ort für alle
ist, die mitmachen wollen.
Eine musikalische
Weltpremiere
Ohne Musik wäre keine Wikipedia-Feier denkbar. Dafür sorgen seit
Jahren schon das WikiOrchestra und der WikiChoir. In diesem Jahr,
ganz im Sinne der französischen Gastgebenden, mit klassischer
französischer Musik. Und dann gab es noch eine Weltpremiere! Zur
Melodie von „Oh, Champs-Élysées“ führten
Orchester und Chor erstmals das Lied „Oh, Wikipedia“ auf.
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verarbeiten dürfen. Bitte beachten Sie die Datenschutzerklärung von Google.
Meet Baby Globe und Moppy the
Mop
Wissen ist zwar menschlich, aber die Aktiven der
Wikimedia-Bewegung besitzen eine unerschöpfliche Kreativität, wenn
es darum geht, nicht-menschliche Maskottchen zu erfinden. Zwei
davon waren auf der Wikimania zu Gast. Baby Globe, das Maskottchen
zum 25. Geburtstag der Wikipedia, war eines der beliebtesten
Fotomotive bei der Konferenz.
Aber Baby Globe war nicht allein. Auch Moppy the Mop trieb sich in den Hallen der
Cité des sciences et de
l’industrie herum. Das Maskottchen der sogenannten „User with
extended rights“ wurde bei der Wikimania 2025 in Nairobi zum Leben
erweckt. Benutzer mit erweiterten Rechten sind Administrator*innen
und andere Ehrenamtliche, die besondere Aufgaben in den
Wikimedia-Projekten wahrnehmen. Die Werkzeuge, die solchen
Benutzer*innen zum virtuellen Aufräumen und Saubermachen zur
Verfügung stehen, werden oft mit dem Mop eines Hausmeisters
verglichen.
Habib M’henni, Wikimania 2025 Day 0 Users
with extended rights ZVE05911, CC BY-SA 4.0
Die Wikimania 2026 in Paris endete mit einem Ausblick in die
Zukunft. 2027 wird sie Wikimania in Santiago, Chile stattfinden.
Der Staffelstab wurde bereits in Paris übergeben.
Welche Themen die Menschen im deutschsprachigen Raum besonders
beschäftigt, lesen sie in der Wikipedia nach. Im Juli 2026 wurden
folgende Artikel besonders häufig aufgerufen:
Erneut gab es nicht nur reges Interesse an der aktuellen
Fußball-Weltmeisterschaft 2026,
sondern auch an den Ergebnissen bereits vergangener WMs. So kommt
der Wikipedia-Artikel zu den Fußball-Weltmeisterschaften im Juli
auf insgesamt 1.155.512 Aufrufe.
Mit dem Ende des Turniers wurden zudem einige Aktualisierungen
vorgenommen: Spanien wird nun als neuer
Titelträger gelistet und Kylian Mbappé mit ganzen 22 Toren als neuer
Rekordtorschütze.
Wie schon im Juni interessierten sich auch im Juli besonders
viele Menschen für den Ausgang der Fußball-Weltmeisterschaft 2026.
In einem spannenden Finale zwischen Argentinien und Spanien
unterlagen die argentinischen Titelverteidiger
knapp mit einem 0:1 in der Verlängerung. Damit konnte die spanische Nationalelf im
Anschluss ausgelassen ihren zweiten WM-Sieg feiern.
Mit 1.108.146 Aufrufen nimmt dieser Artikel erneut den
zweiten Platz unter den meistgelesenen Wikipedia-Seiten des Monats
ein.
Nach dem spanischen WM-Sieg und dem damit verbundenen Ende der
Fußball-Weltmeisterschaft 2026
stellt sich natürlich direkt die Frage nach der nächsten. Im Juli
haben sich deshalb bereits 1.047.989 Personen über die
Fußball-WM 2030 informiert.
Diese findet gemäß dem Vierjahresrhythmus 2030 in den
Hauptgastgeberländern Marokko, Portugal und Spanien statt. Aufgrund
des 100-jährigen Jubiläums werden zudem einzelne Spiele in
Argentinien, Paraguay und Uruguay ausgetragen.
Für großes Interesse sorgte außerdem Christopher Nolans neuer Film The Odyssee. Er ist der erste Spielfilm
in der Kinogeschichte, der vollständig mit speziell entwickelten
IMAX-Kameras gedreht wurde und deshalb weltweit für
viele ausverkaufte IMAX-Kinosäle verantwortlich ist.
1.020.403 Personen besorgten sich in der Wikipedia
Informationen über die Handlung und den Entstehungshintergrund des
Films.
Bei seiner ersten Fußball-Weltmeisterschaft führte der
norwegische Stürmer seine Nationalmannschaft mit gleich sieben
Toren ins Viertelfinale. Damit gehört Erling Haaland zusammen mit Lamine Yamal aktuell zu den begehrtesten
Fußballspielern überhaupt.
Doch nicht nur auf dem Platz überzeugt der 26-Jährige: Auch sein
Social-Media-Auftritt kommt bei Fans sehr gut an. Vor allem auf
Instagram teilt Haaland regelmäßig Einblicke in seinen Alltag und
punktet besonders mit selbstironischen Reaktionen auf Memes über seine Person. Im Juli
kommen deshalb zu seinen 76 Millionen Followern auch 871.490
Wikipedia-Aufrufe hinzu.
Der erst 19-jährige Spanier Lamine Yamal schrieb schon früh Fußballgeschichte. Mit
nur 16 Jahren wurde er zum jüngsten Spieler und Torschützen der
spanischen Nationalmannschaft und gewann daraufhin auch gleich die
Europameisterschaft 2024. Nun
konnte er sich im Juli, nur 6 Tage nach seinem Geburtstag,
zusätzlich den WM-Titel sichern.
Diese beeindruckende Leistung lasen 833.190 Menschen in
der Wikipedia nach.
Nach dem vorzeitigen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft
verkündete der ehemalige Fußball-Bundestrainer Julian Nagelsmann im Juli seinen Rücktritt.
Prompt folgten Spekulationen über seine Nachfolge.
Als Wunschkandidat des DFB kristallisierte sich schnell der
frühere Trainer von Borussia Dortmund und dem FC Liverpool, Jürgen Klopp, heraus. Zunächst standen einer
Zusage noch Unstimmigkeiten mit seinem bisherigen Arbeitgeber Red
Bull im Weg. Diese sind inzwischen jedoch geklärt, sodass Klopp
sein Amt als Bundestrainer am 15. August antreten kann. Über diese
Entwicklung informierten sich insgesamt 772.832
Wikipedia-Nutzer:innen.
Mit seiner Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft 2026
bestritt Lionel Messi seine sechste
WM-Endrunde und gehört damit gemeinsam mit Cristiano Ronaldo und Guillermo Ochoa zu den Spielern mit den meisten
WM-Endrundenteilnahmen. Die argentinische Nationalmannschaft
erreichte zwar das Finale, musste sich dort jedoch Spanien
geschlagen geben und konnte ihren Titel von 2022 nicht verteidigen.
Für den 39-jährigen Weltstar war dieses Turnier aller Voraussicht
nach sein letzter WM-Auftritt. Im Juli wurden sein Artikel und die
dort enthaltenen Informationen zu seiner beeindruckenden
Fußballkarriere insgesamt 674.578-mal aufgerufen.
Die walisische Sängerin Bonnie Tyler verstarb am 8. Juli 2026 im Alter von 75
Jahren nach längerer Krankheit. In den 1980ern wurde sie durch Hits
wie “Total Eclipse of the Heart” und
“Holding Out for a Hero”
weltberühmt. Ihr Tod löste weltweit große Anteilnahme aus, sodass
ihr Wikipedia-Artikel im Juli ganze 626.400-mal aufgerufen
wurde.
Schon seit Beginn der Fußball-WM 2026 nimmt die Kritik am
FIFA-Präsidenten Gianni Infantino stetig zu. Im
Fokus stehen die hohen WM-Ticketpreise, die kontrovers diskutierte
Aufhebung einer Spielsperre für den US-Stürmer Folarin Balogun sowie die jüngst geäußerten
Pläne, Anteile verschiedener Turniere an private Investoren zu
verkaufen.
Mittlerweile wird aus verschiedenen Richtungen sein Rücktritt
gefordert. So droht der europäische Fußballverband Uefa mit einem Boykott
weiterer FIFA-Turniere. Im Juli informierten sich 584.579
Wikipedia-Lesende über Infantino.
Die Idee entstand 2012: Nach einem Besuch des Wacken Open Airs stellte ein Wikipedianer fest,
dass es für viele zeitgenössische Musikerinnen und Musiker kaum
frei nutzbare Fotos für die Wikipedia gab. Das sollte sich im
nächsten Jahr ändern: Warum nicht selbst Fotos machen? Ein Team aus
der Community machte sich daran, Akkreditierungen für Konzerte und
Festivals zu organisieren – und macht das bis heute. Wikimedia
Deutschland und Wikimedia Österreich sagten die Förderung zu und
stellen seitdem professionelle Kameratechnik zur Verfügung. 2013
ging der Festivalsommer schließlich an den
Start – und war ein voller Erfolg: Schon im ersten Jahr luden die
Ehrenamtlichen auf insgesamt 73 Veranstaltungen 14.176 Fotos auf Commons
hoch.
Seitdem haben bereits über 50 ehrenamtliche Fotografinnen und
Fotografen Konzerte, Festivals und viele weitere Veranstaltungen
für Wikimedia Commons fotografiert. Die Bilder illustrieren
Wikipedia-Artikel und verwandte Projekte wie Wikiquote oder Wiktionary insgesamt 55.770 mal in
etlichen Sprachen. So helfen sie dabei, bestehende Inhalte zu
erweitern oder neue Inhalte überhaupt erst möglich zu machen. Von
2013 bis heute sind bereits 388.483 Bilder im Rahmen des
Festivalsommers entstanden. Laut Projektseite kommen 80 neue Artikel
in der deutschsprachigen Wikipedia dazu.
Fotografieren ist für mich ein kreatives Hobby. Es macht mir
unglaublich Spaß, im Graben zu stehen und die Künstler bei ihrer
Performance möglichst spektakulär abzulichten.
Stefan
Bollmann
Stefan Bollmann ist seit 2007 in der Wikipedia aktiv und hat im
Rahmen des Festivalsommers bereits über 80 Mal fotografiert.
Besondere Momente verbindet er dabei vor allem mit der Berliner
Rockband Knorkator.
Die holen seit einigen Jahren immer die Fotografen aus dem
Fotograben auf die Bühne und man kann dann die Band direkt auf der
Bühne fotografieren. Sozusagen hautnah.
Der Festivalsommer lebt vom
ehrenamtlichen Engagement
Mitmachen können alle, die im besten Fall schon erste
Erfahrungen in Wikimedia Commons oder Wikipedia gesammelt haben,
sich für Konzert- und Veranstaltungsfotografie begeistern und Spaß
daran haben, mit ihren Bildern und ihrem Wissen zur Wikipedia
und Wikimedia Commons beizutragen.
Was wäre, wenn Daten besser
zusammenarbeiten könnten?
Wie praktisch wäre es, wenn Informationen über Unternehmen,
Organisationen oder Lieferketten nicht auf unzählige Datenbanken
verteilt wären, sondern sich einfach miteinander verbinden ließen?
Wer Daten heute recherchiert, muss häufig verschiedene Quellen
durchsuchen und Informationen mühsam zusammenführen. Werden offene
Daten miteinander verknüpft, entstehen neue Zusammenhänge, die
Informationen werden leichter auffindbar und können in ganz
unterschiedlichen Kontexten wiederverwendet werden.
Genau daran arbeitet das Global Open Data Integration Network
(GODIN). Das internationale Netzwerk
bringt Organisationen zusammen, die offene Daten veröffentlichen
oder offene Datenstandards entwickeln. Gemeinsam möchten sie die
Interoperabilität offener Daten verbessern und so Transparenz,
Zusammenarbeit und Entwicklung fördern.
GODIN wurde gemeinsam von der Global Legal Entity Identifier
Foundation (GLEIF) und Open Ownership ins Leben gerufen. Innerhalb des
Netzwerks übernimmt GLEIF eine federführende Rolle bei der
Koordination und Weiterentwicklung der Initiative. Gleichzeitig
bringen alle Mitglieder ihre eigene Expertise und Perspektive ein,
um gemeinsam die Verbindung offener Daten weltweit
voranzubringen.
GLEIF ist eine gemeinnützige Organisation, die gegründet wurde,
um die Implementierung und Nutzung des Legal Entity Identifier
(LEI) und seiner digitalisierten Version, dem kryptografisch
verifizierbaren LEI (vLEI), zu
unterstützen. Der LEI ist eine weltweit eindeutige Kennung für
Organisationen und hilft dabei, Informationen aus verschiedenen
Quellen zuverlässig derselben Organisation zuzuordnen. Dadurch
können Daten besser miteinander verbunden und vertrauenswürdiger
genutzt werden.
Open Ownership setzt sich weltweit für mehr Transparenz bei
Eigentums- und Beteiligungsstrukturen von Unternehmen ein. Die
Organisation entwickelt offene Ansätze und Standards, um
Informationen darüber zugänglich und nutzbar zu machen, wem
Unternehmen gehören oder wer Kontrolle über sie ausübt.
Darum sind wir bei GODIN
dabei
Wikimedia Deutschland initiierte und entwickelt Wikidata, einen der weltweit größten offenen
Wissensgraphen. Über aktuell 220 Millionen strukturierter Einträge
bilden dort ein Netzwerk miteinander verknüpfter Informationen und
schaffen die Datengrundlage für Wikipedia sowie zahlreiche
Anwendungen, Forschungsprojekte und digitale Dienste. Auch treiben
wir mit Wikibase, der Software hinter Wikidata, das Konzept von
Linked Open Data (LOD) voran, mit dem wir eine Seite des Internets
fördern, die dem Gemeinwohl und der Zukunft der Menschen dient.
Die Erfahrungen aus Wikidata und Wikibase möchten wir künftig
auch bei GODIN einbringen. Denn Daten werden besonders wertvoll,
wenn sie über Organisations- und Plattformgrenzen hinweg sinnvoll
miteinander verbunden werden können. Unser Beitritt steht deshalb
vor allem für den Wunsch, gemeinsam an einer offenen, vernetzten
und nachhaltigen Datenlandschaft zu arbeiten.
Der Wert von offenem Wissen steigt, wenn es bereichsübergreifend
vernetzt und wiederverwendet werden kann. Der Beitritt zu GODIN
spiegelt unser Engagement wider, Interoperabilität von Daten zu
verbessern und den Nutzer*innen den freien Zugang zu mehr
Informationen zu erleichtern.
Alan Ang
Senior Partner Manager bei Wikimedia
Deutschland
Drei neue Mitglieder, ein
gemeinsames Ziel
Die drei neuen Mitglieder ergänzen GODIN auf unterschiedliche
Weise.
Wikimedia Deutschland bringt neben seiner Expertise im Bereich
strukturierter Wissensdaten, Wissensgraphen auch die enge
Zusammenarbeit mit einer internationalen Community ein . Open
Supply Hub trägt dazu bei, Lieferketten transparenter zu machen,
indem Produktionsstandorte weltweit offen dokumentiert werden.
Wikirate International sammelt und veröffentlicht Daten zur
sozialen und ökologischen Verantwortung von Unternehmen und
unterstützt damit eine bessere Vergleichbarkeit von
Nachhaltigkeitsinformationen.
Gemeinsam zeigen wir, wie vielfältig offene Daten sind – und
welchen Mehrwert sie schaffen können, wenn sie miteinander
verknüpft werden.
Begriffserklärungen
GODIN (Global Open Data
Integration Network)
Ein internationales Netzwerk von Organisationen, die offene
Daten veröffentlichen oder offene Datenstandards entwickeln. Ziel
ist es, Daten über gemeinsame Standards und eindeutige
Identifikatoren besser miteinander zu verbinden, damit sie leichter
gefunden, kombiniert und genutzt werden können.
Wikidata
Wikidata ist ein frei verfügbarer Wissensgraph. Anders als eine
klassische Datenbank speichert Wikidata Informationen nicht nur als
einzelne Datensätze, sondern als Netz miteinander verknüpfter
Fakten. Dadurch können Zusammenhänge zwischen Personen, Orten,
Organisationen oder anderen Themen maschinell verstanden und in
Anwendungen wie Wikipedia, Suchmaschinen oder Forschungsprojekten
genutzt werden.
Wikibase
Wikibase ist die Open-Source-Software, auf der Wikidata basiert.
Mit ihr lassen sich strukturierte Daten speichern, verwalten und
miteinander verknüpfen. Da Wikibase frei verfügbar ist, können auch
andere Organisationen eigene Wissensdatenbanken aufbauen und ihre
Daten mit anderen offenen Datenquellen verbinden.
Linked Open Data
(LOD)
Linked Open Data bezeichnet das Prinzip, offene Daten so zu
veröffentlichen, dass sie über gemeinsame Standards und eindeutige
Identifikatoren miteinander verknüpft werden können. Dadurch
entstehen Verbindungen zwischen verschiedenen Datensammlungen, die
neue Zusammenhänge sichtbar machen und Informationen leichter
auffindbar sowie wiederverwendbar machen. Wikidata ist eines der
bekanntesten Beispiele für Linked Open Data und zeigt, wie
vernetzte Daten einen größeren Mehrwert schaffen können als
isolierte Datensätze.
LEI (Legal Entity
Identifier)
Der Legal Entity Identifier (LEI) ist eine weltweit eindeutige
Kennung für Organisationen. Er ist ein alphanumerischer Code aus 20
Zeichen und basiert auf der von der Internationalen Organisation
für Normung (ISO) entwickelten ISO-Norm 17442. In einem LEI sind
alle relevanten Informationen über ein Unternehmen oder eine
juristische Person enthalten, so dass Fragen zur Identität („Wer
ist Wer“) und zu den Eigentumsverhältnissen („Wer besitzt wen“)
eindeutig beantwortet werden können. Diese Referenzdaten, also die
öffentlich zugänglichen Informationen über Rechtsträger, werden
anhand von öffentlichen Drittquellen validiert, und ermöglichen die
eindeutige Identifizierung von juristischen Personen.Die
LEI-Datensätze sind im Global LEI Index, dem öffentlich
zugänglichen LEI-Datenbestand, abrufbar.
Wikipedia als Einstieg in eine Profikarriere:Stepro begann mit einem einzigen korrigierten
Filmeintrag – und wurde über die Wikipedia-Community zum
professionellen Fotografen. Autodidaktisch, Schritt für
Schritt.
Fotos gehören in die Wikipedia: Wer Bilder macht und sie
nur für sich behält, verschenkt ihre Wirkung. Auf Wikimedia Commons
sind sie dauerhaft für alle zugänglich – und bereichern Artikel,
die sonst kein einziges Bild hätten.
Lücken füllen, die sonst niemand füllt: Im Frauen-Sport,
bei regionalen Veranstaltungen, in Nischenbereichen – da fehlen
Fotos. Wer dort fotografiert und hochlädt, macht Menschen und
Themen sichtbar, die sonst nur wenig Aufmerksamkeit
genießen.Freies Wissen braucht Gesichter: Artikel über
Sportlerinnen, Politiker, Kulturschaffende sind ohne Porträtfotos
unvollständig. Dein Bild kann das erste sein, das einen Artikel zum
Leben erweckt. .
Technikförderung macht den Unterschied: Stepros gesamte
Kameraausrüstung stellt Wikimedia Deutschland, ein Teleobjektiv
leiht er sich von Wikimedia Österreich. Ohne diese Unterstützung
wären viele seiner Bilder nicht möglich.
Offen ansprechen statt heimlich knipsen: Sein
ultimativer Tipp für gute Bilder: Menschen erklären, wofür die
Fotos gedacht sind. Die Reaktion ist fast immer positiv. Und das
Bild wird besser.
Stepro, wann und wie bist du
Wikipedianer geworden?
Das war vor ziemlich genau 20 Jahren. Wikipedia war damals noch
gar nicht so bekannt. Ich habe den Film „Die Verurteilten“
geschaut, zu dem ich etwas wissen wollte, googelte und stieß auf
den Wikipedia-Eintrag. Darin fand ich
ein Detail, das nicht stimmte und habe es einfach geändert. Das war
mein erster Edit. Ich dachte: Was
passiert jetzt? Bricht die Hölle los? Es ist aber gar nichts
passiert (lacht)! Die Änderung blieb, und ich dachte: Das ist ja
cool!
Wie ging es weiter?
Ich habe nicht sofort große Artikel geschrieben, aber immer mal
wieder Kleinigkeiten korrigiert oder erweitert – und irgendwann
stellte ich fest: Die Wikipedia-Community veranstaltet auch
Fotoworkshops. Gehe ich da doch einfach mal hin! Darüber kam ich
zur Fotografie. Ich hatte damals nur Hosentaschen-Knipser, aber
mein Interesse war geweckt. Ich fing an, Bilder auf Wikimedia
Commons hochzuladen und in Wikipedia-Artikel einzubinden. Daraus
wurde dann eine richtige Leidenschaft.
Wieviele Uploads auf Wikimedia
Commons hast du inzwischen?
Um die 50.000 müssten es sein. Rund 1300 davon wurden von der
Community als sogenannte „Qualitätsbilder“ ausgezeichnet.
Das sind Bilder, die bestimmte Qualitätsstandards erfüllen und für
die Wikimedia-Projekte nützlich sind. Dazu kommen ca. 20 „Exzellente Bilder“, die von
Commons-Usern als die hochwertigsten auf der Seite gewählt werden –
was mich natürlich sehr freut!
Was waren deine ersten
Motive?
Tatsächlich Denkmäler. Damals, 2011, fand die erste
deutschsprachige Ausgabe des Wettbewerbs Wiki Loves Monuments statt. Zusammen
mit anderen Ehrenamtlichen bin ich fünf Tage lang durch
Mittelhessen gezogen und habe Schlösser und Burgen fotografiert.
Hinterher konnte ich dann einigermaßen fotografieren. Und ich
fühlte mich noch mehr als Teil der Community. Ich war bereits ein
Jahr vorher bei der ersten Skillshare in Lüneburg dabei,
dem Vorläufer der WikiCon, die dann unter diesem Namen zum ersten
Mal 2011 stattfand. Die habe ich auch besucht – und seitdem keine
WikiCon verpasst.
Warum wolltest du deine Bilder
allen frei zur Verfügung stellen?
Heute posten viele ihre Bilder auf Instagram oder anderen
Kanälen, aber zu der Zeit, als ich anfing, hat man sich Fotos meist
nur selbst angeschaut, sich darüber gefreut – und dann war’s das.
Das fand ich schade. Deswegen fing ich an, sie bei Wikimedia
Commons hochzuladen. Ich fand es auch einfach schön, wenn
Wikipedia-Artikel Bilder bekamen und dadurch anschaulicher und
lebendiger wurden. Egal, ob es um Schauspieler, Politiker, Sportler
oder andere Persönlichkeiten geht – wenn man einen Artikel aufruft,
möchte man doch einfach wissen, wie dieser Mensch aussieht. Es ist
teilweise heute noch so, dass ich in Artikel das erste Bild
einsetze, gerade im Sportbereich.
Das kam mit der Zeit. Wenn man so viele Jahre lang fotografiert,
wird man automatisch besser, das ist ja hauptsächlich eine Frage
von Erfahrung. Ich hatte beruflich lange Zeit befristete
Arbeitsverträge, dachte dann an irgendeinem Punkt: jetzt versuchst
du es mal mit der Selbstständigkeit – und bin dann tatsächlich
professioneller Fotograf geworden. Komplett als Autodidakt. Klar
habe ich Bücher gelesen und bei Workshops einiges gelernt. Aber im
Prinzip geht es beim Fotografieren vor allem ums Machen. Man muss
sich langsam ranarbeiten.
Was waren wichtige Learnings
unterwegs? Was würdest du anderen raten, die anfangen wollen zu
fotografieren?
Klein anfangen. Im Sportbereich habe ich zum Beispiel mit
Frauenfußball begonnen. Heutzutage ist auch da die Konkurrenz
größer, aber man kann immer noch in einer der unteren Ligen
einsteigen. Und wenn man das eine Weile gemacht hat, geht man eben
eine Liga höher. Das war jedenfalls mein Weg. Im Wintersportbereich
fing ich damit an, Rodelwettkämpfe zu fotografieren. Wenn man
erstmal ein paar gute Fotos vorzeigen kann, öffnen sich in der
Regel weitere Türen. Beim Motorsport war es genauso. Ich fing mit
Motorradrennen am Schleizer Dreieck an, habe es dann zur DTM geschafft, später zur Formel E – und schließlich eine
Akkreditierung für die Formel 1 bekommen.
Warum der Einstieg mit
Frauenfußball?
Mich hat Fußball eigentlich nie interessiert. Aber dann fand
2011 die WM der Frauen in
Deutschland statt, ich war live beim Eröffnungsspiel im
Berliner Olympiastadion dabei. Das fand ich cool. Danach habe ich
um die Ecke von meinem Wohnort Erfurt, in Jena, ein Spiel der
Frauen-Bundesliga besucht. Erstmal nur als Zuschauer. Ich dachte:
Mal sehen, ob ich mit der Kamera reinkomme. Das war überhaupt kein
Problem, ich konnte von der Tribüne aus in Ruhe meine Fotos machen.
Dann fragte ich, ob ich vom Spielfeldrand Fotos für Wikipedia
machen darf. Und es hieß nur: Klar, mach doch.
Wie leicht ist es, als
Wikipedianer eine Akkreditierung für Sportveranstaltungen zu
bekommen?
Es kommt drauf an. Für die Fußball-Champions League der Männer
dürfte es schwierig werden. Aber zum Beispiel im Bereich Volleyball
oder Basketball der Frauen sollte das kein Problem sein. Ich habe
selbst eine Zeitlang die Basketball-Bundesliga der Frauen
fotografiert – da war ich teilweise der einzige Pressevertreter.
Auch in der Wikipedia oder auf Commons gab es dazu nichts. Diese
Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in Bezug auf die
Aufmerksamkeit ist gerade im Sport schon krass. Der Wikipedia wird
ja oft ein Gender-Gap vorgeworfen. Aber die
Wurzeln des Problems liegen im echten Leben.
Was ist für dich der Unterschied
zwischen einem Pressefoto und einem Foto für die
Wikipedia?
Bei einem Pressefoto geht es meist um Actionszenen, für einen
Personen-Artikel in der Wikipedia ist ein Portrait besser. Mir
kommt das entgegen, weil ich sowieso am liebsten Porträtfotos
mache. Ich gehe oft nach Sportveranstaltungen noch zu den
Pressekonferenzen und lichte da die Menschen aus der Nähe ab. Ohne
Helm oder Visier (lacht). Manchmal schreibe ich Leute auch direkt
an, ob ich mit ihnen Fotos machen kann – wie zuletzt beispielsweise
die Rennfahrerin Sophia Flörsch.
Auf welche deiner Bilder bist du
besonders stolz?
Fotos von Siegerehrungen oder Jubeltrauben direkt nach einem
Sieg finde ich am schönsten. Wenn Sportlerinnen oder Sportler eine
Medaille umgehängt bekommen oder einen Pokal in die Höhe stemmen –
das sind schon tolle Momente. Oder wenn ein Rennfahrer wie Pascal Wehrlein auf dem Podium seine kleine
Tochter auf dem Arm hat – das war ein süßer Moment.
Was rätst du Menschen, die in
der Wikipedia oder bei Wikimedia Commons mitmachen
wollen?
Einfach machen. Klingt simpel, ist es auch (lacht). Schauen, was
andere machen, sie fragen, wie sie es machen, vielleicht zu einem
Treffen von Wikipedianern gehen oder an einer GLAM-Veranstaltung teilnehmen. Da sind auch immer
Ehrenamtliche dabei, die fotografieren und gerne Tipps geben.
Was ist dein ultimativer Tipp
für ein gutes Bild?
Es ist immer gut, Menschen ganz offen anzusprechen. Sagen, warum
man die Fotos machen will und dass sie für die Wikipedia gedacht
sind. Die Allermeisten reagieren darauf sehr positiv. Dann entsteht
auch ein besseres Bild, als würde man heimlich aus der fünften
Reihe jemanden fotografieren. Man sollte generell keine Fotos
hochladen, auf denen Leute unvorteilhaft aussehen.
Von Sportevents bis zu Kulturveranstaltungen braucht es oft
Presseakkreditierungen. Wir unterstützen alle, die ehrenamtlich
Bilder für Wikipedia und Wikimedia Commons machen möchten, bei der
Beantragung.
Wer eine Profikamera oder ein Teleobjektiv für seine
ehrenamtliche Arbeit benötigt, kann diese bei uns beantragen. Wir
stellen Leihgeräte zur Verfügung – von Kameras bis hin zu teuren
Objektiven.
So ist ehrenamtliches
Fotografieren für Freies Wissen möglich
Erweitern Sie die Bilderwelt von Wikimedia Commons – der freien
Mediendatenbank – und schließen Sie mit Ihren Fotos Lücken im
weltweiten Wissensschatz. Zeigen Sie anderen, wie freie Bilder
nachgenutzt werden können:
Was der Begriff Sommerloch meint, wissen wohl die meisten:
Ereignisse, die im März oder Dezember keine sind, geraten in die
Schlagzeilen und Agenturmeldungen. Aber das Sommerloch ist mehr als
ein Begriff für ein Medienphänomen.
Was ist das reale
Sommerloch?
Das ist mir nicht
geheuer!
Das Ungeheuer von Loch Ness, liebevoll Nessie genannt, ist
vermutlich das älteste Sommerlochtier. Seit dem 19. Jahrhundert
meinen Menschen immer wieder, das Wasserwesen – oder zumindest
Teile davon – zu sehen. Ob es Nessie gibt, ob ein*e Nessie seit
über 100 Jahren existiert und was Nessie ist? Egal. Viel
wichtiger:
Butch und Sundance: Schlagzeilen
im Schweinsgalopp
Nicht nur in Deutschland machen Tiere Schlagzeilen. In
Großbritannien hielten zwei Schweine die Bevölkerung 1998 eine
Woche in Atem. Butch und Sundance, auch bekannt als Tamworth Two,
waren aus einem Schlachthof entkommen. Kuriose Tiergeschichten sind
in der britischen Medienlandschaft, deren zahlreiche Organe der
Sensationspresse ständig auf der Suche nach Futter sind, ganzjährig
beliebt. Die Daily News kaufte beide Schweine
und damit die Rechte zur Medienberichterstattung.
Das Sommerloch ist kein rein deutsches Phänomen. In vielen
Ländern gibt es einen Begriff dafür. In Frankreich hat sich la
morte-saison – die tote Zeit – durchgesetzt. In zahlreichen Ländern
– darunter Island, Tschechien, Ungarn,
die Slowakei und die Niederlande oder Norwegen – steht die
Gurke oder vielmehr die Gurkenzeit metaphorisch für die
nachrichtlich ruhigen Sommermonate.
Wie heißt das Sommerloch in
Großbritannien?
Musik fürs
Sommerloch
Ein deutsches Synonym für das Sommerloch ist die
Sauregurkenzeit. Im 18. und 19. Jahrhundert war damit noch eine
Zeit gemeint, in der es weniger Lebensmittel als sonst gab, sagt
Wikipedia. Schließlich etablierte
sich der Begriff in der Geschäftswelt für die Ferienzeit, in der
die Umsätze zurückgingen, und schwappte von dort in den medialen
Sprachgebrauch über.
Welcher Entertainer hat schon
einmal ein Lied über die Sauregurkenzeit gesungen?
Wen interessiert das
denn?
Der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umgefallen ist, und
angeblich niemanden interessiert, könnte es im Sommerloch
vielleicht in deutsche Medien schaffen. Zu diesem Schluss kann man
kommen, wenn man sich vergegenwärtigt, was für Ereignisse schon zu
Schlagzeilen aufgebauscht wurden.
Welche dieser Geschichten hat es
im Sommerloch in die Presse geschafft?
Wenn Sie am Strand, beim Frühstück im Hotel oder im Gespräch im
Zug mit Sommerloch-Wissen glänzen wollen: Wikipedia hält noch mehr
Sommerlochtier-Wissen bereit.
Oder stöbern sie im Kuriositätenkabinett – dort
werden alle fündig, die Informationen suchen, die niemand braucht,
aber alle kennen sollten.
Mehr Wiki-Wissen
P wie Pride Month –
Wikipedia-Wissen über LGBTQI+-Aktivist*innen
A wie Aprilscherz – Diese
Aprilscherze haben Geschichte geschrieben
W wie Wissenschaft – wie
Wikipedia vergessene Forscherinnen sichtbar macht
Zum WM-Auftakt besiegte Deutschland den WM-Debütanten Curaçao mit 7:1 und erinnerte damit an das berühmte
Halbfinale gegen Brasilien im Jahr 2014. Dennoch haben sich die
Mannschaft und ihre
hochmotivierten Fans in die Herzen der Zuschauer*innen gespielt.
Der Wikipedia-Artikel zur Karibikinsel wurde im Juni 2.883.390-mal
gelesen.
Bereits im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2026
gab es Kritik, insbesondere am Gastgeberland USA. Die USA stellen
gemeinsam mit Kanada und Mexiko den diesjährigen Austragungsort.
Aufgrund der überteuerten Tickets und der allgemeinen politischen
Situation unter Donald Trump riefen einige Fußballfans zu einem
Boykott auf. Die Wikipedia-Seite wurde ganze 2.175.782 Mal
angesehen.
Deniz Undav steht seit 2023 als
Stürmer beim VfB Stuttgart unter Vertrag.
2024 wurde er außerdem für die deutsche Nationalmannschaft
nominiert. Beim Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste gelang ihm nach
seiner Einwechslung zunächst der 1:1-Ausgleich und in der
Nachspielzeit sogar der 2:1-Siegtreffer, der Deutschland den Einzug
ins Sechzehntelfinale sicherte. Seine Rolle als Einwechselspieler
bei der Fußball-WM 2026 sorgte in der deutschen Öffentlichkeit für
heftige Diskussionen und verzeichnete insgesamt 1.516.853 Aufrufe
in der Wikipedia.
Nicht nur der Artikel zur diesjährigen Fußball-WM wurde fleißig
gelesen: Auch der Artikel zu den vergangenen Weltmeisterschaften kam
im Juni auf insgesamt 989 203 Aufrufe. Neben der Geschichte konnten
darin die Rekordtorschützen und die vergangenen Fußball-Weltmeister
nachgelesen werden.
Mit knapp 600.000 Einwohnern ist Kap Verde eine der kleinsten Nationen, die sich je für
eine Fußball-WM qualifiziert haben. Nach dem überraschenden
Weiterkommen in der Gruppenphase hielten sie sich im
Sechzehntelfinale tapfer gegen den Favoriten Argentinien. Erst in
der Nachspielzeit schieden sie mit einem 3:2 aus. Die Geschichte
des afrikanischen Inselstaates lasen 810 139 Wikipedia-Nutzer*innen
nach.
Trotz der großen Fußball-Euphorie hat es auch der deutsche
Tennisprofi Alexander Zverev unter die zehn meistgelesenen
Wikipedia-Artikel im Juni geschafft. Seine Seite wurde insgesamt
778.628 Mal aufgerufen. Bisher hat er 25 Titel im Einzel und drei
im Doppel gewonnen.
Bei dieser Weltmeisterschaft hat die deutsche Nationalelf keine
Chance mehr auf den WM-Titel, doch das nächste Turnier lässt nicht
lange auf sich warten. Bereits 689 224 Personen haben sich über die
Fußball-Weltmeisterschaft 2030
informiert. Hauptgastgeber für das 100-jährige Jubiläum sind
Marokko, Portugal und Spanien, einzelne Spiele finden in
Argentinien, Paraguay und Uruguay statt.
Das Nationalteam der Elfenbeinküste
gewann bereits mehrfach den Afrika-Cup und qualifizierte sich auch für die
Endrunde der Fußball-WM 2026. In der Gruppenphase unterlagen sie
Deutschland nur knapp mit 2:1 und zogen trotzdem ins
Sechzehntelfinale ein. Dort schieden sie mit einer 2:1-Niederlage
gegen Norwegen aus. Der Artikel über die Elfenbeinküste wurde insgesamt 629 830 Mal
gelesen.
Im Juni musste Julian Nagelsmann als Bundestrainer viel Kritik
einstecken. Nachdem er 2022 mit dem FC Bayern München deutscher Meister
geworden war, übernahm er 2023 die deutsche Nationalmannschaft. Auf
zwei erfolgreiche Siege in der Gruppenphase folgten eine Niederlage
gegen Ecuador und das frühe WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen
Paraguay. Kurz darauf verkündete er seinen Rücktritt. Über seinen
Werdegang informierten sich 571.425 Wikipedia-Nutzer*innen.
Felix Kalu Nmecha ist ein
deutsch-englischer Fußballspieler, der aktuell bei Borussia
Dortmund unter Vertrag steht. Seit 2023 spielt er außerdem für die
deutsche Nationalmannschaft. Als bekennender Christ teilt er
regelmäßig religiöse Inhalte in den sozialen Medien und erregte
damit bei der Fußball-WM 2026 internationales Aufsehen. Nach dem
deutschen Auftaktspiel formte er gemeinsam mit anderen Spielern
einen Gebetskreis und löste infolgedessen eine Debatte um die
Sichtbarkeit von Religion in der Öffentlichkeit aus. Mit 567.716
Aufrufen erreichte sein Wikipedia-Artikel im Juni Platz 10.
Zu verstehen, wer politische Macht ausübt und wie Rollen,
Institutionen und Einzelpersonen miteinander verbunden sind, ist
für jede funktionierende Demokratie von grundlegender Bedeutung. In
der Praxis sind diese Informationen jedoch oft fragmentiert,
uneinheitlich und schwer zu finden, insbesondere über Länder- und
Systemgrenzen hinweg.
Mit „EveryPolitician“ will die Organisation OpenSanctions dies ändern. Das Projekt zielt darauf
ab, einen globalen, strukturierten Datensatz politischer Amtsträger
aufzubauen – von Regierungschef*innen und Gesetzgeber*innen bis hin
zu Richter*innen und vielen mehr. Mit aktuell über 720.000
Einträgen schafft die Datenbank eine Grundlage für Transparenz,
Forschung und Rechenschaftspflicht. Unter Nutzung von Wikidata verknüpft sie verstreute öffentliche
Daten zu einem kohärenten, abfragbaren Wissensgraphen.
Was ist ein Wissensgraph? Ein Wissensgraph
verknüpft Informationen und macht Beziehungen zwischen ihnen
sichtbar. Wikidata ist ein solcher Wissensgraph: EveryPolitician
nutzt diese Struktur, um politische Daten zu vernetzen und
Zusammenhänge zwischen Personen, Ämtern und Institutionen zu
zeigen.
Von Ada Homolova lizenziert unter CC BY-SA
4.0
Johan
Schuijt leitet das Projekt Every Politician seit Anfang 2026
Wir sprachen mit Johan Schuijt, dem Leiter von
„EveryPolitician“, darüber, wie das Projekt entstanden ist, was es
von herkömmlichen Datensätzen unterscheidet und warum offene
Wissensinfrastrukturen entscheidend sind, um Macht in einer
komplexen, datengesteuerten Welt zu verstehen.
Takeaways
Politische Transparenz braucht offene Daten.
Nur wenn klar ist, wer politische Verantwortung trägt, können
demokratische Kontrolle und Rechenschaft funktionieren.
Erst vernetzte Daten machen Zusammenhänge
sichtbar. Werden Informationen aus vielen Quellen
strukturiert zusammengeführt, lassen sich Muster, Netzwerke und
Entwicklungen erkennen.
Wikidata liefert das Fundament für offene
Wissensprojekte. Die Kombination aus einer globalen
Community, einem gemeinsamen Datenmodell und eindeutigen
Identifikatoren macht Wikidata zur idealen Grundlage für Projekte
wie EveryPolitician.
Politische Daten sind komplexer, als sie auf den ersten
Blick wirken. Unterschiedliche politische Systeme,
Begriffe und Datenstandards machen ihre weltweite Erfassung zu
einer technischen und gesellschaftlichen Herausforderung.
Offene Wissensinfrastrukturen sind
Gemeinschaftsprojekte. Projekte wie EveryPolitician leben
von Menschen und Organisationen weltweit, die ihr Wissen teilen und
gemeinsam zu einer transparenten politischen Datenbasis
beitragen.
Ihr habt euch mit „EveryPolitician“
zum Ziel gesetzt, politische Amtsträger weltweit zu erfassen. Wie
kam es zu dieser Idee?
Die heutige Version von „EveryPolitician“ entstand aus einem
früheren Projekt der britischen gemeinnützigen Organisation
mySociety. Es basierte auf der einfachen Idee,
genaue und aktuelle Daten zu allen politischen Amtsträger*innen
weltweit zu sammeln und diese in einem einheitlichen, kostenlosen
und barrierefreien Format öffentlich bereitzustellen. Die frühe
Version von „EveryPolitician“ wurde 2019 eingestellt, da die enorme
Aufgabe, aktuelle Parlamentsdaten zu sammeln, im Rahmen einer durch
Fördermittel finanzierten Organisation nicht aufrechterhalten
werden konnte.
OpenSanctions hat das Projekt dann Anfang dieses Jahres
übernommen, und wir bleiben der ursprünglichen Vision von mySociety
treu, indem wir den Fokus auf die Community legen und die
Mitwirkung der Nutzer*innen in den Vordergrund stellen. Das Projekt
knüpft zudem eng an unsere Arbeit bei OpenSanctions an und bietet
uns die Möglichkeit, unsere Daten zu politisch exponierten Personen
(kurz: PEPs) zu erweitern und zu vertiefen, die von
Finanzdienstleistungsunternehmen für Geldwäschebekämpfungsmaßnahmen
(Anti-Money Laundering, kurz AML) genutzt werden.
Ihr sagt, dass Transparenz über
politische Amtstragende eine wichtige Grundlage für
Rechenschaftspflicht ist. Warum ist es so wichtig, dass
Bürger*innen nachvollziehen können, wer welche politischen Ämter
innehat und welche Verantwortung damit verbunden ist?
Egal, wo auf der Welt wir leben: Politische Entscheidungen
beeinflussen unser aller Leben. Zu wissen, wer diese Entscheidungen
mitgestaltet und welche Personen Verantwortung tragen, sollte daher
ein grundlegendes Recht aller Bürger*innen sein.
Der Zugang zu verlässlichen Daten über politische Amtstragende
ist dafür ein wichtiger erster Schritt. Darüber hinaus möchten wir
eine Datenbasis schaffen, die in der Praxis genutzt werden kann –
etwa in der Korruptionsbekämpfung, bei der Verhinderung von
Geldwäsche oder im investigativen Journalismus. Wir verstehen diese
Arbeit als Teil eines größeren Ansatzes, Transparenz zu fördern und
Strukturen für mehr Verantwortlichkeit im politischen Leben zu
schaffen.
Es gibt bereits verschiedene
Datensätze zu Politiker*innen und Amtsträger*innen. Wodurch
unterscheidet sich „EveryPolitician“ von anderen
Initiativen?
Ich denke, was das Projekt vor allem auszeichnet, ist die
Tatsache, dass wir Daten aus so vielen verschiedenen Quellen
zusammenführen und sie aufeinander abstimmen. Ein weiterer Punkt
ist unsere Offenheit – es gibt zwar umfassendere Datensätze, doch
diese sind oft kostenpflichtig und für Journalist*innen oder
zivilgesellschaftliche Organisationen nicht unbedingt zugänglich.
Bei „EveryPolitician“ sind alle Einträge auf unserer Website
uneingeschränkt einsehbar, es gibt also keine Bezahlschranke oder
Zugangsbarrieren.
Ein weiterer Punkt, der uns auszeichnet, ist, dass wir als
Open-Source-Projekt in einer Branche agieren, in der ein solches
Maß an Überprüfbarkeit nicht die Norm ist. Unsere Methodik ist
öffentlich dokumentiert, und Compliance-Teams können jeden
Datenpunkt in Prüf- und Analyseprozessen bis zu seiner
ursprünglichen Quelle zurückverfolgen.
Was verändert sich, wenn man
fragmentierte Listen von Amtstragenden zu einem strukturierten,
vernetzten Datensatz zusammenführt? Welche Erkenntnisse lassen sich
dadurch gewinnen?
Alles verändert sich. Aus einzelnen, isolierten Quellen lässt
sich nur begrenzt etwas ableiten, da sie oft nicht direkt
vergleichbar sind. Im Grunde geht es um ein „Sprachproblem“: Es
braucht ein gemeinsames Datenmodell, das die Struktur von Hunderten
politischer Systeme sinnvoll abbildet – eine zentrale und spannende
Herausforderung.
Wenn diese Datensätze bereinigt, dedupliziert und zu einem
strukturierten, vernetzten Datensatz zusammengeführt werden, werden
Muster und Anomalien sichtbar, die tiefere Analysen
ermöglichen.
Wenn fragmentierte Daten zu einem
strukturierten, vernetzten Datensatz zusammengeführt werden: Welche
Herausforderungen ergeben sich dabei bei der weltweiten Erhebung
und Aufbereitung politischer Daten?
Die Erfassung politischer Daten weltweit ist eine Aufgabe, die
die Kapazitäten eines einzelnen Entwicklerteams deutlich
übersteigt. Wahlen finden regelmäßig statt, ebenso
Kabinettsumbildungen, und je nach Land werden offizielle
Informationen sehr unterschiedlich häufig und in unterschiedlicher
Qualität aktualisiert.
In gewisser Weise sind politische Daten selbst politisch:
Unterschiedliche Länder verwenden verschiedene Systeme, Begriffe
und Klassifikationen für Ämter und Institutionen. Schon die Frage,
wer überhaupt als politischer Amtstragender gilt, ist nicht
einheitlich definiert. Diese unterschiedlichen Quellen und Rollen
in ein gemeinsames Datenmodell zu überführen, erfordert daher viele
Abwägungen – technisch anspruchsvoll und oft auch
kontextabhängig.
Hinzu kommen systemische Verzerrungen: Bei der Erfassung
politisch exponierter Personen (PEPs) sind Daten zu bekannten
Politiker*innen in großen Ländern wie den USA oft sehr detailliert,
während Informationen aus kleineren oder digital weniger gut
dokumentierten Ländern häufig lückenhaft sind. Außerdem dominieren
englischsprachige Quellen, und wohlhabendere Länder mit aktiveren
zivilen Softwareentwickler*innen-Netzwerken verfügen in der Regel
über mehr Ressourcen zur Datenerhebung und -pflege.
Eine einheitliche Lösung für all diese Herausforderungen gibt es
nicht. Ein wichtiger erster Schritt ist jedoch, die Hürden für
Beiträge aus der Community so niedrig wie möglich zu halten – etwa
durch einfache Techniken, um neue Quellen hinzuzufügen. Unser
Ansatz ist es, möglichst viel zu automatisieren und gleichzeitig
Menschen weltweit zu ermöglichen, aktiv zur Verbesserung und
Erweiterung der Daten beizutragen.
Im Moment erhalten wir viel Unterstützung aus der bestehenden
Wikidata-Community und von OpenSanctions-Nutzenden – unser Ziel ist
es aber nach und nach eine Community auf der ganzen Welt
aufzubauen.
Lizenz: Von OpenSanctions lizenziert unter
CC BY-SA 4.0
Für das
OpenSanctions-Team ist EveryPolitician ein Herzensprojekt. Von
links nach rechts: Friedrich Lindenberg (Gründer von
OpenSanctions), Ivan Stavropoltsev (Data Engineer bei
OpenSanctions),Frederik Richter (Commercial Director bei
OpenSanctions) und Julia Vernersson (Chief of Staff bei
OpenSanctions).
Wie geht ihr bei der Identifikation
von Entitäten vor und wie stellt ihr Eindeutigkeit sicher – also
dass sich unterschiedliche Datensätze aus verschiedenen Ländern,
Sprachen und Systemen tatsächlich auf dieselbe Person
beziehen?
Das Abgleichen von Namen und Identitäten ist mehr als ein
technisches Problem – in den Daten stecken kulturelle, sprachliche
und rechtliche Uneindeutigkeiten, die berücksichtigt werden müssen.
Bei „EveryPolitician“ geht es darum, aus unterschiedlichen
Datenquellen verlässliche Verbindungen zwischen Personen und
Organisationen herzustellen.
Dafür wird ein Verfahren namens Blocking eingesetzt, das
effizient mögliche Übereinstimmungen zwischen Datensätzen
identifiziert. Anschließend bewertet die Open-Source-Software
„nomenklatura“ diese Kandidat*innen
anhand verschiedener Merkmale, bereinigt uneinheitliche oder
fehlerhafte Daten und hilft dabei, Verbindungen zwischen
unterschiedlichen Datensätzen herzustellen. So können Informationen
aus verschiedenen Quellen besser zusammengeführt und Zusammenhänge
sichtbar gemacht werden. Ergänzend wird untersucht, wie Large
Language Models (LLMs) diesen Matching-Prozess als zusätzliche
Prüfebene unterstützen können.
Bei der Identifikation von Identitäten (dem Prozess,
bei dem unterschiedliche Datensätze identifiziert, abgeglichen und
miteinander verknüpft werden, die sich auf dieselbe reale Entität
wie eine Person oder ein Unternehmen beziehen) bezeichnet
Blocking das Verfahren, bei dem kleinere Gruppen („Buckets“
oder „Blöcke“) von Entitäten gebildet werden, die bestimmte
gemeinsame Merkmale aufweisen – etwa Telefonnummern,
Namensbestandteile, Steuernummern oder andere identifizierende
Informationen. Eine ausführlichere Erklärung dieses Prozesses
findet sich hier.
Dem vorgelagert ist PoliLoom: unser LLM-basiertes
Werkzeug, das darauf abzielt, unvollständige oder unstrukturierte
Informationen zu erschließen und in strukturierte Daten in Wikidata
zu überführen. Es extrahiert beispielsweise Informationen aus
natürlichsprachigen Quellen wie Wikipedia-Artikeln, ergänzt sie bei
Wikidata und macht sie damit für die weitere Verarbeitung
nutzbar.
Auf dieser Basis werden passende Einträge und Kategorien
vorgeschlagen, die anschließend von Menschen aus der
Wikidata-Community geprüft, angenommen oder auch abgelehnt werden
können.
Die beiden Teile greifen ineinander, erfüllen aber
unterschiedliche Funktionen: PoliLoom sorgt dafür, dass Wissen aus
unstrukturierten Quellen strukturiert verfügbar wird. Das Blocking-
und Matching-System sorgt dafür, dass diese und andere
strukturierte Daten über verschiedene Quellen hinweg zuverlässig
miteinander verknüpft werden können.
Screenshot von
https://everypolitician.org/ am 25.06.2026
„EveryPolitician“ stützt sich zu
einem großen Teil auf Wikidata. Was macht Wikidata zur richtigen
Grundlage für dieses Projekt?
Wikidata bietet eine Datenmenge und inhaltliche Breite, mit der
kein einzelnes Entwicklerteam mithalten kann. Der
community-sorientierte Ansatz und die kollaborative Arbeitsweise
führen dazu, dass die Profile sehr detailliert sind: Sie gehen oft
weit über grundlegende Informationen wie Geburtsdaten und
politische Ämter hinaus und enthalten beispielsweise
unterschiedliche Namensvarianten in Dutzenden von Schriftsystemen
sowie Informationen zu familiären Beziehungen.
Ein weiterer entscheidender Vorteil von Wikidata ist, dass
Einträge dank ihrer eindeutigen Identifikatoren nahezu vollständig
von Duplikaten bereinigt sind. Dadurch können zum Beispiel auch
alle sprachspezifischen Wikipedia-Artikel zu einem Thema mit
demselben Wikidata-Eintrag verknüpft werden. Sie haben vielleicht
gesehen, dass wir dieselben QID (Q-Identifikatoren)
verwenden, um Personen, die in EveryPolitician auftauchen,
eindeutig zuzuordnen.
Inwiefern beeinflusst die Arbeit mit
Wikidata euren Arbeitsablauf in der Praxis? Wo hilft es euch am
meisten, und wo stoßt ihr auf Herausforderungen?
Unser PoliLoom Tool, basiert zu 100 % auf Wikidata.
Wir sind überzeugt, dass die Herausforderung, die internationale
politische Landschaft abzubilden – mit Amtsinhaber*innen, die
ständig wechseln –, nur mithilfe einer globalen Community begegnet
werden kann. Wikidata bietet dafür eine hervorragende Grundlage: Es
enthält bereits eine große Anzahl politischer Ämter und
Politiker*innen und verfügt über eine starke Community.
Zur einfachen Nutzung von PoliLoom arbeiten wir direkt mit dem
Wikidata-Login-System, sodass bestätigte Änderungen unter dem
eigenen Benutzerkonto des jeweiligen Community Mitglieds zu
Wikidata beigetragen werden kann. Anschließend fließen die Daten
aus Wikidata zurück in die zentrale „EveryPolitician“-Datenbank.
Wikidata ist das Rückgrat des gesamten Systems.
Die größten Herausforderungen bei den bestehenden Wikidata-Daten
entstehen aus derselben Eigenschaft, die gleichzeitig eine ihrer
größten Stärken ist: Menschen aus aller Welt tragen zu Wikidata
bei. Dadurch werden Daten manchmal nicht einheitlich
modelliert. Die Art und Weise, wie Entitäten klassifiziert werden –
und sogar Teile des gesamten Klassifikationssystems –, kann sich
verändern. Das macht es anspruchsvoll, ein konsistentes System auf
einer Datenbasis aufzubauen, die sich kontinuierlich
weiterentwickelt.
Mit Blick auf die Zukunft: Seht ihr
ungenutztes Potenzial in Wikidata für weitere Projekte wie
„EveryPolitician“?
Jedes Projekt, das das strukturierte Verständnis von Wissen
verbessern möchte, kann davon profitieren, seinen jeweiligen
Themenbereich in Wikidata abzubilden. Das Wikidata-Datenmodell ist
bereits sehr detailliert, sodass Teams viel Zeit sparen, da sie
ihre Datenstruktur nicht vollständig von Grund auf neu entwickeln
müssen.
Dadurch entsteht bis zu einem gewissen Grad ein wechselseitiger
Effekt: Die eigene Community trägt zur Erweiterung von Wikidata
bei, während die bestehende Wikidata-Community gleichzeitig hilft,
den jeweiligen Fachbereich strukturiert zu modellieren.
Wer sind die wichtigsten Nutzer*innen
von „EveryPolitician“ und wie werden die Daten in der Praxis
verwendet?
Unsere PEP-Daten werden derzeit hauptsächlich von
Compliance-Teams über die OpenSanctions-Datenbank genutzt. Diese
Daten sind zum Beispiel Bestandteil von Prozessen zur
Identifizierung und Prüfung von Kund*innen (Know Your Customer, KYC) sowie
zur Bekämpfung von Geldwäsche (Anti-Money Laundering, kurz: AML)
und spielen eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung und Verhinderung
von Finanzkriminalität und Korruption.
Auch Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und
zivilgesellschaftliche Organisationen zeigen Interesse an diesen
Daten. Wie genau diese Gruppen die Daten nutzen werden, wird sich
im weiteren Verlauf des Projekts noch deutlicher zeigen.
Lizenz: Von OpenSanctions lizenziert unter
CC BY-SA 4.0
Ein Teil
des OpenSanctions-Team, das „EveryPolitician“ jeden Tag besser
macht. Von links nach rechts: Friedrich Lindenberg (Gründer von
OpenSanctions), Julia Vernersson (Chief of Staff bei
OpenSanctions), Frederik Richter (Commercial Director bei
OpenSanctions), Ivan Stavropoltsev (Data Engineer bei
OpenSanctions) und Rita Prates (Operations Manager at
OpenSanctions).
Wenn du dir für die Zukunft des
offenen Daten Ökosystems, insbesondere im Bereich politischer
Daten, etwas wünschen könntest – was wäre das?
Mein Wunsch wäre, dass sich mehr Organisationen an der Aufgabe
beteiligen, politische Amtstragende weltweit zu dokumentieren und
zu erfassen. Das ist eine enorme Herausforderung. Wenn wir aber
verstehen wollen, wer Macht innehat und wie diese Macht ausgeübt
wird, müssen wir gemeinsam daran arbeiten. Wikidata ist dafür die
perfekte Grundlage.
Das ganze Internet ist von Google, Meta, Amazon und anderen
Tech-Giganten besetzt. Das ganze Internet? Nein. Auch in Zeiten des
Plattformkapitalismus gibt es die gallischen Dörfer der digitalen
Revolution. „Das Internet funktioniert, weil viele Menschen
zusammen daran arbeiten.“ So hat Jon Postel, Computerwissenschaftler und
Internet-Pionier es einmal zusammengefasst. Es sind technische
Communities auf der ganzen Welt, Expert*innen und gemeinnützige
oder Nichtregierungsorganisationen, die dafür sorgen, dass die
grundlegenden Mechanismen des Internets existieren, funktionieren
und weiter entwickelt werden.
Aber wer sind sie, was tun sie und wie funktionieren sie? Testen
Sie Ihr Internet-Wissen!
Das Internet ist ein Netzwerk aus Netzwerken. Daher der Namen:
INTERconnected NETworks. Damit die Elemente vom Satelliten bis zum
Computer miteinander kommunizieren können, braucht es eine
universelle Sprache. Sie ist in Form von einheitlichen technischen
Standards definiert. Dazu gehört das Internet Protocol (IP). Es
sorgt dafür, dass jeder Computer eine eindeutige und erreichbare
Adresse hat. Oder das Hypertext Transfer Protocol Secure (HTTPS),
das definiert, wie sichere Kommunikation zwischen einem Webserver
und dem Browser funktioniert. Diese Standards prüft, entwickelt und
beschließt die Internet Engineering Task Force (IETF) in
thematischen Arbeitsgruppen. An denen kann sich jede*r beteiligen.
Wenn eine Arbeitsgruppe für einen Standard gestimmt hat, geht der
Vorschlag in die Internet Engineering Steering Group. Dort wird er
begutachtet und dann angenommen oder abgelehnt.
Wie wird bei der IETF über die
Einführung eines technischen Standards abgestimmt?
Der
Hauptsitz von ICANN ist seit 2024 in Los Angeles. Viele NGOs, die
sich um das Internet kümmern, sitzen (auch) in den USA. Ein
Überbleibsel davon, dass der Ursprung des Internets, das ARPANET,
ein Projekt des amerikanischen Verteidigungsministeriums mit dem
Massachusetts Institute of Technology war.
Kommunen und Behörden, Unternehmen oder Medienhäuser,
Universitäten und Schulen, Vereine oder Verbände, Kunstschaffende,
Politiker*innen und viele mehr betreiben Webseiten. Damit deren
Internetadressen eindeutig zuzuordnen sind, braucht es eine globale
Adressverwaltung. Dafür ist die Internet Corporation for Assigned
Names and Numbers (ICANN) zuständig. Sie ist eine
Nichtregierungsorganisation, in der Technologieexpert*innen,
Unternehmen, Zivilgesellschaft und Regierungen zusammenarbeiten. Da
IP-Adressen aus Zahlenfolgen bestehen und schwer zu merken sind,
werden sie nach dem Domain Name System (DNS) in Buchstaben und
Worte umgewandelt. Wir alle kennen sogenannte Top Level Domains wie
.org für Webseiten von gemeinnützigen Organisationen oder .de und
.uk für länderspezifische Seiten. Dieses System verwaltet und
sichert die ICANN und registriert neue Domains.
Wem gehört die Top Level Domain
.ai?
Der sprichwörtliche
Pudding
Regeln für das Internet festzulegen ist ein bisschen so, als
würde man einen Wackelpudding an die Wand nageln wollen. Die
Infrastruktur gehört niemandem wirklich. Die Weiterentwicklung von
Codes und technischen Normen betreiben verschiedene Organisationen.
Und die verschiedenen Interessen von Staaten mit unterschiedlichen
politischen Systemen sowie die Einflussnahme von Konzerne machen es
extra kompliziert. Die Frage, wie das Internet ein offener und
sicherer Raum für alle wird, ist aber zu wichtig. Denn zwei Drittel
der Weltbevölkerung nutzen das Internet, alle unsere Lebensbereiche
sind eng mit dem Internet verbunden. Es ist die zentrale
Infrastruktur unserer globalisierten Welt.
Wo werden globale Regeln für das
Internet diskutiert?
Die Änderungen am Datenschutzgesetz, Informationsfreiheitsgesetz
(IFG) und anderen Normen sollten angeblich zum Schutz kritischer
Infrastruktur beitragen. Besonders weitreichend: Die neuen Ausnahmen im § 2 Absatz 3 des IFG.
Damit können Behörden sich weigern, Informationen über
Einrichtungen aus 13 Bereichen – darunter Energie, Transport und
Verkehr, Gesundheit, Wasser, Medien und Kultur, Finanz- und
Versicherungswesen – herauszugeben. Ohne prüfen zu müssen, ob ein
Sicherheitsrisiko besteht. Es genügt anzunehmen, dass sie kritische
Infrastruktur darstellen und eine hohe Bedeutung für das
Gemeinwesen haben. Journalist*innen oder Wikipedianer*innen, die
nicht sicherheitsrelevante Daten des ÖPNV nutzen oder Informationen
zum Berliner Gesundheitssystem oder zur Kulturverwaltung anfragen
wollen, können künftig vor verschlossenen Türen stehen.
Was als Sicherheitsmaßnahme begründet wurde, läuft in der Praxis
auf pauschale Ausschlüsse vom Informationszugang hinaus. Das ist
unnötig, denn das bisherige Recht schützt sensible Informationen
bereits dort, wo es notwendig ist. Das Problem ist, dass künftig
ganze Bereiche vorsorglich abgeschottet werden können – ohne
sorgfältige Einzelfallprüfung.
Jan-David
Franke, Referent Politik und Öffentlicher Sektor bei Wikimedia
Deutschland
Erste IFG-Anfragen zeigen:
Befürchtungen waren berechtigt
Wie es nach der Gesetzesänderung weitergeht, wollte FragDenStaat
wissen. Deren Leiter Arne Semsrott hatte neben Jan-David Franke von
Wikimedia Deutschland und der Berliner Datenschutzbeauftragten bei
einer Anhörung im Digitalausschuss des Berliner Senats im März vor
den negativen Auswirkungen gewarnt.
Die aktuellen Recherchen von FragDenStaat zeigen, dass sich viele
Warnungen bestätigen: Informationsanfragen werden pauschal
abgelehnt oder treffen auf erhebliche Unsicherheit in der
Verwaltung. Damit droht aus einem Recht auf Informationszugang mit
begründeten Ausnahmen ein System der Abschottung zu
werden.
Jan-David
Franke, Referent Politik und Öffentlicher Sektor bei Wikimedia
Deutschland
Einige Anfragen an die
Senatsverwaltung für Inneres und Sport und die für Wirtschaft,
Energie und Betriebe deuten darauf hin, dass das Amtsgeheimnis
wieder zur Norm wird.
FragDenStaat wollte von der Koordinierungsstelle Kritische
Infrastrukturen in der Senatsverwaltung für Inneres und Sport
wissen: Welche Einrichtungen zählen zur kritischen Infrastruktur
und können daher künftig von IFG-Anfragen ausgenommen werden? Eine
Antwort wurde mit Verweis auf die neuen Ausnahmen im IFG abgelehnt.
Bürger*innen sollen also nicht einmal wissen dürfen: Wo fängt
kritische Infrastruktur an? Sind es Brücken und Anlagen zur
Energieversorgung, zu denen künftig IFG-Anfragen pauschal abgelehnt
werden? Gehören dazu Schulen oder Museen? Sind das sogar
Freibädern? Werden alle Anfragen zu Einrichtungen der öffentlichen
Gesundheitsversorgung künftig abgelehnt?
Im Januar, also vor der Änderung des IFG, hatte FragDenStaat
die Innenverwaltung nach einem Maßnahmenplan zum Schutz des
Berliner Stromnetzes und zur Sicherstellung der Endkundenversorgung
bei Stromausfällen gefragt. Damals gab es eine Antwort – wenn auch mit einigen Schwärzungen
sicherheitsrelevanter Stellen Ein Hinweis darauf, dass die
Senatsverwaltung auch mit dem bisherigen IFG dazu berechtigt und in
der Lage war, sicherheitsrelevante Informationen auszuschließen.
Die Reaktion auf eine neuerliche Anfrage aus dem April zeigt die
unmittelbare Auswirkung der zahlreichen neuen Ausnahmen. Sie wurde
pauschal abgelehnt.
Auch die Frage nach den Ergebnissen „interner juristischer
Prüfungen”, die die jüngsten Gesetzesänderungen am IFG oder
Datenschutzgesetz betreffen, erhielt: Eine Ablehnung. Schon die
juristische Prüfung dazu, wie sich veränderte Gesetzeslagen
auswirken, betrifft nach Auffassung mehrerer Senatsverwaltungen
also kritische Infrastruktur.
Wie geht es weiter?
Vor der Beschneidung des IFG stand Berlin im Transparenzranking der Open Knowledge Foundation und
Mehr Demokratie auf Platz vier. Mittlerweile ist die
Bundeshauptstadt auf den sechsten Platz abgestiegen. Wenn die
Geheimniskrämerei so weitergeht, droht der weitere Abstieg. Aber es
geht nicht nur um Listenplätze. Im September wählen die
Berliner*innen ein neues Abgeordnetenhaus. Die CDU hat mit der
Fördermittelaffäre der Kulturverwaltung und Kai Wegners heimlicher
Tennis-Pause nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz
intransparent agiert und Vertrauen verspielt.
Welche Koalition die Stadt künftig regieren wird, ist noch
unklar. Aktuell sehen die Umfragen sowohl die CDU als auch
die mit ihr regierende SPD im Abwärtstrend. Was klar ist: Mit
weniger Transparenz werden die Regierenden Vertrauen nicht
zurückgewinnen.
Eine deutschlandweite repräsentative Umfrage unter 2.500
Menschen hat kürzlich gezeigt: Transparenz ist ein hohes Gut im
Verhältnis von Bürgern zum Staat. 96% der Befragten vertraten diese
Ansicht. 51% der Befragten meinten aber auch, dass Behörden und
Politik nicht offen und nachvollziehbar handeln.
Das sollte auch Berliner Politiker*innen, die sich zur
Abgeordnetenhauswahl im September stellen, bewusst sein. Wir suchen
daher aktuell immer wieder das Gespräch mit Politikschaffenden aus
verschiedenen Parteien, um deutlich zu machen: Berlin braucht
keinen Rückbau von Zugangsrechten, sondern ein starkes
Transparenzgesetz, das Informationsfreiheit ausbaut, proaktive
Veröffentlichung stärkt und damit Vertrauen in staatliches Handeln
schafft.
Jan-David
Franke, Referent Politik und Öffentlicher Sektor bei Wikimedia
Deutschland
Bisi Alimi, der in Lagos, Nigeria, geboren und aufgewachsen ist,
setzt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Rechte der
LGBTQIA+Community ein. Im Jahr 2004 war er der erste offen
homosexuelle Nigerianer, der im nationalen Fernsehen über seine
Sexualität sprach – ein Moment, der ihm sowohl internationale
Aufmerksamkeit als auch heftige Gegenreaktionen einbrachte.
Nach seinem weiteren Engagement als Aktivist in Großbritannien
und der Gründung der Bisi Alimi Foundation übernahm
er 2025 eine neue Rolle: Er wurde zum ersten Executive Director von
Wikimedia LGBT+ ernannt.
Wikimedia LGBT+ ist eine globale Wikimedia User Group innerhalb der
Wikimedia-Bewegung, die sich dafür einsetzt, LGBTQIA+-Themen,
-Persönlichkeiten und -Geschichten auf Wikimedia-Plattformen
sichtbarer zu machen und Menschen aus der queeren Community bei
ihrer Mitarbeit an Wikimedia-Projekten zu unterstützen. Die Gruppe
wurde 2014 offiziell als Wikimedia User Group anerkannt und
befindet sich derzeit im Prozess, eine eingetragene Organisation zu
werden.
Im Interview spricht Bisi mit uns über sein erstes Jahr bei
Wikimedia LGBT+, die Herausforderungen bei der Schaffung von
inklusivem Wissen und warum er der Überzeugung ist:
„LGBT+-Geschichte ist Menschheitsgeschichte.“
Hallo Bisi! du bist nun seit etwa
einem Jahr Geschäftsführer von Wikimedia LGBT+. Was hat dich dazu
motiviert, diese Aufgabe zu übernehmen?
Ein Freund hat mir die Stellenanzeige weitergeleitet und gesagt:
„Du wärst sehr gut für diese Stelle geeignet.“ Und ich dachte mir:
Okay, was kann es schon schaden, es zu versuchen? Aber ehrlich
gesagt hatte ich nicht damit gerechnet, die Stelle zu bekommen. Ein
Grund dafür war, dass ich eigentlich kein Wikimedianer war. Ich
hatte hier und da ein oder zwei Bearbeitungen in der Wikipedia
vorgenommen, aber das wars.
Zugegeben, ich engagiere mich seit 20 Jahren in der
LGBT+-Bewegung, aber ich hatte noch nie wirklich im digitalen
Bereich wie bei Wikimedia gearbeitet. Als ich also zu einem
Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, war ich überrascht. Als ich
die Stelle bekam, war ich regelrecht schockiert.
Ich erinnere mich, dass ich dachte: „Oh mein Gott, jetzt wird es
ernst. Jetzt muss ich die Arbeit tatsächlich machen.“ Aber ich
bereue es nicht, das letzte Jahr war großartig.
Bisi
Alimi
Wenn du auf Dein erstes Jahr
zurückblickst, welche besonderen Erlebnisse oder Highlights sind
Dir besonders in Erinnerung geblieben?
Es gab so viele. Wo soll ich da nur anfangen?
Für mich waren und sind die großartigen Menschen eines der
größten Highlights – sowohl die Kolleg*innen bei Wikimedia LGTB+
als auch die Community selbst. Es war großartig, mitzuerleben, wie
die Community gewachsen ist.
Ich durfte im letzten Jahr beobachten, wie die Anzahl der
LGBT+-Inhalte auf Wikipedia gestiegen ist, und wir bereiten uns
derzeit auf die Queering Wiki Conference in Montreal vor, die
vom 23. bis 25. Oktober stattfindet. Das wird unsere allererste
Präsenzkonferenz sein. Bislang fand diese Veranstaltung immer als
Online-Format statt.
Eine Sache, die mich stolz macht, ist, dass unsere Community
innerhalb der weltweiten Wikimedia-Bewegung immer mehr für sich
einsteht. Wir verschaffen uns an Orten wie Nairobi Gehör, und wir
werden auch auf der Wikimania in Paris präsent sein. Ich denke, das
ist möglich, weil die mutige Entscheidung getroffen wurde,
Hauptamtliche bei Wikimedia LGBT+ einzustellen, und weil die
Community diese Veränderung mitgetragen hat.
Ich bin auch sehr dankbar, dass ich mich dem Netzwerk der
Wikimedia-Führungskräfte anschließen und ich mich mit so vielen
Menschen austauschen kann – um voneinander zu lernen, mein
Selbstvertrauen zu stärken und meine Rolle jeden Tag besser zu
verstehen.
Du hast erwähnt, dass die Community
mittlerweile viel stärker für sich einsteht. Was genau bedeutet
das?
Unsere Community ist eine stark diskriminierte Community –
weltweit, aber auch innerhalb der Wikimedia-Bewegung. Es gab
bereits vor meinem Beitritt viele Diskussionen dazu, insbesondere
zu Fragen wie der Repräsentation von Trans-Personen auf Wikipedia.
Denn diese Diskriminierung findet nicht nur auf der englischen
Wikipedia statt. Sie ist in allen Sprachversionen zu beobachten und
stellt in Ländern, in denen LGBT+-Identitäten unter Strafe stehen,
eine noch größere Herausforderung dar.
Lange Zeit bestand unser Vorstand hauptsächlich aus
ehrenamtlichen Mitgliedern, was bedeutete, dass die Kapazitäten
begrenzt waren, um diese Themen kontinuierlich anzusprechen. Jetzt,
da wir Mitarbeiter*innen haben, die sich auf die tägliche Arbeit
konzentrieren können, verfügen wir über mehr Möglichkeiten, die
existierenden Missstände anzugehen. Das meine ich damit, wenn ich
sage, dass wir jetzt stärker für uns einstehen. Themen, für deren
Diskussion uns zuvor die Ressourcen fehlten, können nun
kompromisslos diskutiert werden. Ich denke, wir tun immer noch
nicht genug, aber wir tun, was wir können, und weitaus mehr als
zuvor.
Bisi
(erste Reihe, der zweite von rechts) auf der Wikimania 2025 in
Nairobi.
Warum ist es wichtig, dass
LGBT+-Personen, ihre Geschichte und ihre Anliegen auf Wikipedia
vertreten sind?
Die Antwort ist einfach: Die Geschichte der LGBT+-Community ist
Teil der Menschheitsgeschichte. Anders lässt es sich nicht
sagen.
LGBT+-Menschen sind Wissenschaftler*innen, Präsident*innen,
Archäolog*innen, Politikwissenschaftler*innen, Mütter, Väter,
Onkel. Wir sind Menschen, die einen enormen Beitrag zu Wikipedia
und zur Idee des freien Wissens geleistet haben. Wir sind Männer,
Frauen, Trans-Personen, nicht-binäre Personen, intersexuelle
Personen – wir sind Teil der Menschheitsgeschichte.
Und wenn Wikipedia dazu da ist, Menschen zu dokumentieren, die
die Welt geprägt haben, dann gehören auch wir dorthin. Von
Modedesignern über Musiker bis hin zu Olympioniken – von der Antike
bis zur Neuzeit. Wenn das kein Grund ist, warum wir auf Wikipedia
vertreten sein sollten, dann weiß ich nicht, welchen Grund man
sonst noch anführen könnte.
Was waren einige der größten
Herausforderungen in deinem ersten Jahr bei Wikimedia
LGTB+?
Ehrlich gesagt ist Geld eine der größten Herausforderungen, die
mir in meinem ersten Jahr aufgefallen ist. Viele Menschen, die in
LGBT+-Nutzergruppen mitarbeiten, sind in Teilzeit oder komplett
ehrenamtlich tätig, was ihre Handlungsmöglichkeiten
einschränkt.
Als ich diese Rolle übernahm, lag mir besonders am Herzen, dass
die queere Geschichte von lokalen Stimmen erzählt wird. Ich möchte
keine westlichen Erzählungen über die queere Geschichte Afrikas,
Asiens oder Lateinamerikas. Ich möchte, dass die Menschen, die
diese Realitäten leben, ihre eigenen Geschichten erzählen.
Aber das ist leichter gesagt als getan. Es gibt immer noch über
64 Länder, in denen es illegal ist, LGBT+ zu sein. So viele
Menschen, die potenziell zu Wikipedia beitragen könnten, haben
überhaupt keinen Zugang zu finanzieller Unterstützung. Hinzu kommt,
dass vielen von ihnen Computer, eine stabile Internetverbindung und
auch Recherchematerialien fehlen. Eine weitere wichtige
Herausforderung ist die Sicherheit. Wie können wir die Sicherheit
der Mitwirkenden in Ländern gewährleisten, in denen sie
diskriminiert werden, während sie versuchen, queere Geschichte zu
dokumentieren? Um diese Dinge anzugehen, sind wir auf Spendengelder
angewiesen.
Irgendwo in Afghanistan, Nigeria, Somalia, im Irak oder sogar an
Orten, von denen man glaubt, dass dort solche Geschichten nicht
existieren, gibt es vielleicht einen jungen Menschen, der auf der
Suche nach seiner Identität ist. Und oft ist das Internet der erste
Ort, an den sie sich wenden. Die erste Quelle, auf die sie stoßen,
ist möglicherweise Wikipedia. Wenn sie dort ihre Geschichte nicht
finden, glauben sie vielleicht, dass das, was andere im Negativen
über sie sagen, wahr ist. Und genau deshalb brauchen wir
finanzielle Unterstützung – um unserer Community dabei zu helfen,
diese Geschichten zu schreiben, für diese Menschen – insbesondere
in nicht-westlichen Regionen und an Orten, an denen viele
Widrigkeiten herrschen.
Was sind darüber hinaus die
Hürden für eine bessere Sichtbarkeit von LGBT+ auf
Wikipedia?
Eines der größten Herausforderungen ist die Relevanz. Wikipedia
basiert auf dem Konzept der Relevanz. Das heißt, man muss etwas
Bedeutendes geleistet haben und Quellen vorweisen können, die das
belegen. Die Herausforderung besteht jedoch darin, dass Relevanz
oft anhand der Berichterstattung durch seriöse Medien definiert
wird.
Wenn man aber in einem Land lebt, in dem die Medien
LGBT+-Personen bewusst ignorieren, wird man – egal, wie viel man
geleistet hat – möglicherweise nie „bedeutend genug“ sein, um in
der Wikipedia aufgenommen zu werden. Und das ist etwas, was viele
Menschen nicht verstehen.
Es gibt drei Gruppen, die von einem Wikipedia-Artikel
profitieren: die Person, die ihn schreibt, die Person, die ihn
liest, und die Person, um die es in dem Artikel geht.
Wenn man über jemanden schreibt, schafft man Wissen. Wenn man
ihn liest, lernt man etwas. Und wenn man die Person ist, über die
geschrieben wird, erfahren mehr Menschen etwas über einen und
schreiben wiederum über einen, wodurch neue Quellen entstehen. Kurz
gesagt: So wird man ein Teil der Geschichte. Wenn wir also nicht
anfangen können, über queere Geschichten zu schreiben, werden
Menschen, die nach queeren Geschichten suchen, diese nicht finden.
Und die queere Person, die großartige Arbeit geleistet hat, wird
aus der Geschichte ausgeblendet.
Du setzt dich seit vielen Jahren
für die Rechte von LGBT+ ein, insbesondere in Afrika. Was gibt dir
Hoffnung, und was bereitet dir Sorgen?
Im Jahr 2002, als ich 24 Jahre alt war, gab es außer Südafrika
kein einziges Land in Afrika, in dem gleichgeschlechtliche
Beziehungen entkriminalisiert waren. Heute gibt es etwa acht
Länder, die gleichgeschlechtliche Beziehungen entkriminalisiert
haben. Das klingt vielleicht nicht nach einer überwältigenden Zahl,
aber es gibt mir Hoffnung.
Ich glaube, ich gehe heute anders an Aktivismus heran als
damals, als ich jünger war. Früher war mein Aktivismus sehr auf
Kurzstreckenläufe ausgerichtet. Ich konnte es nicht ertragen, wenn
nicht sofort etwas passierte – dann hatte ich das Gefühl, es würde
nie passieren. Jetzt verstehe ich immer mehr, dass Dinge ihre Zeit
und einen eigenen Rhythmus haben.
Das bedeutet nicht, dass wir jemals Ungerechtigkeiten
akzeptieren sollten. Es bedeutet, dass wir verstehen, dass Menschen
und Gesellschaften sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit
bewegen. Wie bei einem Parkrun: Manche laufen fünf Kilometer in 30 Minuten,
andere brauchen viel länger. Aber sie laufen alle auf die Ziellinie
zu. Wenn du mich also nach Afrika fragst, blicke ich optimistisch
in die Zukunft. Aber ich bin trotzdem wütend über die Gegenwart.
Und ich denke, beide Gefühle sind berechtigt.
Welche Botschaft möchtest du in
diesem Pride-Monat an LGBT+-Menschen und insbesondere an junge
queere Menschen richten?
Was auch immer du gerade durchmachst, welche Fragen du auch
immer hast, welche Ängste dich nachts wach halten – eines Tages
wird es vorbei sein. Das gehört zu deinem Lebensweg dazu. Lass dich
davon nicht überwältigen. Wenn es dir zu viel wird, suche dir
Hilfe. Suche dir eine Community. Suche dir Unterstützung. Ich habe
genau das damals getan. Und deshalb bin ich immer noch hier.
Selbst als es in meiner Vergangenheit sehr schwer und sehr
düster war, habe ich versucht, einen Weg zu finden, positiv zu
bleiben. Wenn Menschen sagen „Es wird besser“, ist das kein
Klischee. Es ist eine Tatsache. Es wird besser, und es wird auch
für dich besser werden – ganz gleich, wer du bist und wie alt du
bist.
Und wenn du zu Wikipedia beitragen möchtest, musst du das nicht
alleine tun. Melde dich bei uns. Wikimedia LGBT+ ist auf Instagram,
auf Mastodon, auf Facebook, auf LinkedIn und auch auf X vertreten.
Melde dich einfach, schick uns deine Fragen, nimm an unseren
Programmen teil oder sag uns einfach Bescheid, wenn du eine
Veranstaltung organisieren möchtest – wir unterstützen dich sehr
gerne in jeder Hinsicht. Wir sind mit Nutzergruppen in etwa 15
Ländern weltweit vertreten. Selbst an Orten, an denen man meinen
könnte, dass es uns gar nicht geben sollte, haben wir eine
Gruppe.
Bisi Alimi
Happy Pride Month
Für viele queere
Menschen ist Wissen ein wichtiger Schlüssel, um sich selbst zu
verstehen, die eigene Geschichte zu entdecken und zu realisieren:
„Ich bin nicht allein.” Im Video spricht Bisi Alimi darüber, warum
Wikipedia so wichtig ist, um queere Inhalte, Geschichten und
Perspektiven sichtbar zu machen und zu bewahren. Denn Sichtbarkeit
bedeutet mehr als nur Repräsentation. Sie bedeutet Orientierung,
Erinnerung und Selbstakzeptanz.
Wie können Verbündete aus der
weiteren Community die Arbeit von Wikimedia LGBT+
unterstützen?
Wenn ihr Geschichten, Briefe, Fotos oder Dokumente aus euren
Familienoder Communitys habt – teilt sie mit uns. Lasst uns die
Geschichten der queeren Menschen bewahren, die die Welt, in der wir
heute leben, mitgeprägt haben.
Vielleicht gibt es irgendwo einen jungen Menschen – einen
Jungen, ein Mädchen, eine junge Transperson, eine junge
nicht-binäre Person –, der oder die sich fragt, wer er oder sie
ist. Und dieses Dokument, diese Geschichte, dieser Beitrag eines
Verbündeten können einen Unterschied für diese Person machen.
Und schließlich: Schweigt nicht angesichts von Diskriminierung,
Missbrauch und Unterdrückung. Erhebt eure Stimme. Denn das ist es,
was Verbündete tun.
Wikipedia kann im persönlichen Leben mehr sein als ein Hobby:
Für Nicola wurde das Schreiben von Artikeln in einer schwierigen
Lebensphase zum sinnstiftenden Anker.
Leidenschaft für ein Nischenthema kann eine ganze Enzyklopädie
bereichern: Nicola hat den Bereich Bahnradsport in der Wikipedia
nahezu im Alleingang aufgebaut – mit Artikeln, Fotos und
Portraits.
Das Lokal K in Köln zeigt, wie
lokale Räume Community schaffen: Gemeinsames Kochen, Quatschen und
Arbeiten an Wikipedia-Artikeln verbinden Menschen über die digitale
Welt hinaus.
Wikipedia ist auch ein Ort des Gedenkens: Nicola nutzt die
Plattform gezielt, um wenig bekannte Verbrechen der NS-Zeit
sichtbar zu machen und Erinnerung zu bewahren.
Artikel lassen sich verbessern – und das hat Wirkung: Der
Artikel zur Keupstraße wurde von der Kölner Community grundlegend
überarbeitet und ist heute dreimal so lang wie zuvor.
Nicola, wie bist Du Wikipedianerin
geworden?
Ich bin von Beruf Journalistin, habe Geschichte studiert und
schreibe für mein Leben gern. Meine Arbeit in der Wikipedia hat um
das Jahr 2008 herum so richtig angefangen. Damals ging es mir nicht
gut, ich hatte Schlafstörungen. Nachts Wikipedia-Artikel zu
schreiben, hat mich gerettet. Im Ernst: Ohne die Wikipedia wäre ich
vielleicht Alkoholikerin oder tablettenabhängig geworden.
Elke Wetzig: privat
Nicola
fotografiert für die Wikipedia
Worüber hast Du damals
geschrieben?
Über Bahnradsport, mein Herzensthema. In dieser Zeit habe ich
dazu quasi den kompletten Themenbereich in der Wikipedia
aufbereitet. Bis dato gab es nur eine Liste, wann und wo welche
Weltmeisterschaft stattgefunden hat. Ich habe aus jeder einzelnen
Weltmeisterschaft einen eigenen Artikel gemacht. Danach widmete ich
mich den „roten“ Radsportlerinnen und
Radsportlern – also Menschen, die noch keinen Eintrag in der
Wikipedia hatten. So hat sich das entwickelt. Irgendwann landete
ich bei aktuellen Radsportlern und stellte fest: Es gibt überhaupt
keine Fotos von denen. Seitdem fahre ich zu Meisterschaften und
mache Portraitfotos für die biografischen Artikel. Bahnradfotos in
Action sind natürlich auch toll, aber man möchte doch wissen, wie
die Leute ohne Helm und Brille aussehen.
Wie hat Dir das Schreiben in der
Wikipedia durch die Krise geholfen?
Ich schrieb Artikel, bis ich vor Erschöpfung vom Stuhl gefallen bin
– aber mit dem Gefühl: Ich tue etwas Sinnvolles.
Ich bekam auch gutes Feedback. Wenn es einem schlecht geht, dann
hilft es eben, dass man trotzdem etwas zur Gemeinschaft beitragen
kann. Mittlerweile beschäftige ich mich zwar immer noch mit
Bahnradsport, aber ich schreibe auch noch über viele andere Themen.
Über Historisches, oder auch über den Nahttrenner, ein Schneiderwerkzeug. An solchen
Alltagsgegenständen habe ich großen Spaß. Ich bin Rentnerin und
viel zu Hause, ich suche eigentlich immer nach Themen für die
Wikipedia. Wenn ich zum Beispiel im Fernsehen einen Beitrag über
eine interessante Person sehe, schaue ich gleich nach: Hat die oder
der schon einen Artikel?
Was bedeutet es für Dich, als
Wikipedianerin Teil einer Community zu sein?
Seitdem wir in Köln das Lokal K haben, ist das für mich der Anlaufpunkt
für den Austausch mit anderen. Ich war zwar an der Gründung nicht
beteiligt, aber ich gehöre jetzt schon lange zur Kölner Community.
Die hat ja sogar den Ehrenamtspreis der Stadt Köln bekommen. Das
ist übrigens meine Schuld, weil ich sie dafür vorgeschlagen habe –
ohne jemandem ein Wort davon zu verraten (lacht). Als der
Preis wirklich an das Lokal K ging, war das eine schöne
Überraschung. Auch für mich, ehrlich gesagt, ich hätte nicht
gedacht, dass es wirklich klappt.
Was macht ihr im Lokal K?
Wir quatschen, kochen und essen. Nach dem Essen kommen dann meist
die Wikipedia-Themen auf. Einer sagt: Ich habe da mal eine Frage,
könnt ihr mir helfen? Und schon sind wir mittendrin in der
Diskussion.
Es gibt ja heute immer weniger Gemeinschaften, deswegen mag ich
dieses Community-Gefühl, das wir als Wikipedianer haben. Die Post
bei mir in Köln-Nippes ist inzwischen geschlossen, womöglich macht
auch die Apotheke bald dicht. Die Orte verschwinden, wo man
überhaupt noch mit Leuten ins Gespräch kommen kann. Mit solchen
Kleinigkeiten fängt es an, dass eine Solidargemeinschaft
auseinander bröckelt.
Konzentrierte Arbeit zwischen T-Shirts und Beuteln im Lokal K
Wie bist Du für Dein Fachgebiet, den
Bahnradsport, entflammt?
Ich habe ein Buch über den Kölner Bahnradsportler Albert Richter geschrieben, der von
der Gestapo ermordet wurde – als einer von zwei deutschen
Sportlern, die während der NS-Zeit aus politischen Gründen getötet
wurden. Bis zu dieser Beschäftigung hatte ich null Ahnung vom
Bahnradsport. Das war Anfang der 90er Jahre. Wenn es ein Boxer
gewesen wäre, würde ich heute vielleicht über Boxsport schreiben!
Aber so fing ich eben an, mich mit dem Bahnradsport und seiner
Geschichte zu beschäftigen.
Du sagtest, Du hast auch Geschichte
studiert…
Ich habe zum Beispiel auch einen großen Überblicksartikel
über die Geschichte der Niederlande im Zweiten Weltkrieg
geschrieben. Im vergangenen Sommer war ich in Apeldoorn, wo es eine
wunderbare Radrennbahn gibt. Wie ich erfuhr, befand sich auf dem
Gelände direkt gegenüber früher ein jüdisches psychiatrisches
Krankenhaus. Die Nazis haben aus diesem Krankenhaus vom Bahnhof
Apeldoorn aus 1200 Menschen direkt nach Auschwitz deportiert. Das
hat mich schwer erschüttert. Ich hatte die Radrennbahn vorher schon
ein, zwei Mal besucht, aber das wusste ich nicht.
Du setzt Dich auch mit
Rechtsextremismus heute auseinander. Als Kölner Wikipedianer*innen
habt ihr in diesem Jahr gemeinsam eine Ausstellung über die
Keupstraße besucht – was war der Impuls?
Die Keupstraße ist eine türkisch geprägte Geschäftsstraße in
Köln, mein Sohn wohnt dort um die Ecke, ich gehe da gerne hin. Der
NSU hat dort 2004 einen
schrecklichen Anschlag mit einer Nagelbombe verübt. Der
ursprüngliche Wikipedia-Artikel stellte die Keupstraße allerdings
sehr problematisch dar, unter anderem hieß es, sie sei ein
Brennpunkt für Kriminalität. Als wir im Lokal K saßen, sagte ich zu
Superbass: den müssen wir dringend
aktualisieren. Superbass hat sich der Sache angenommen, inzwischen
ist der Artikel dreimal so lang. In
diesem Zuge wurden wir auch darauf aufmerksam, dass es in Köln eine
Ausstellung über das Attentat gibt. Von der ehrenamtlichen
Initiative, die sie organisiert hat, bekamen wir als Wikipedianer
eine Führung.
Wie groß die Nägel in der Bombe waren. Das war erschreckend. Man
kann solche Nägel dort aus einer Kiste herausnehmen und sehen, wie
groß und schwer die sind. Außerdem gibt es ein Video, auf dem die
Attentäter zu sehen sind – wie sie kurz vor dem Attentat das Rad,
auf dem sich die Bombe befand, genau an dem Gebäude vorbeischieben,
in dem jetzt die Ausstellung stattfindet. Das Bild hat sich mir
eingebrannt.
Womit beschäftigst Du Dich
aktuell?
Ich arbeite gerade an einem Artikel über ein Massaker in einem
Zwangsarbeiterlager hier in Köln im Mai 1945, kurz vor Kriegsende,
das bis vor ein paar Jahren noch relativ unbekannt war. Anlässlich
einer Gedenkstunde erschien ein Artikel im Kölner Stadtanzeiger,
der mich darauf aufmerksam gemacht hat.
Warum ist es wichtig, diese
Erinnerung wach zu halten und sie in der Wikipedia allen zugänglich
zu machen?
Ich stamme aus einer zutiefst sozialdemokratischen, zum Teil
kommunistischen Familie. Mein Großvater hat Flugblätter im
Widerstand verteilt und sich geweigert, die Hakenkreuz-Fahne
rauszuhängen. Dafür bin ich äußerst dankbar. Ich bin auch von
meinen Eltern in dem Bewusstsein erzogen worden, dass wir
Erinnerungen weitergeben müssen, damit Geschichte sich nicht
wiederholt.
Was würdest Du jemandem raten, der in
der Wikipedia mitmachen möchte?
Erstmal sollte die- oder derjenige eine Leidenschaft mitbringen
– für ein bestimmtes Thema oder fürs Schreiben an sich. Und die
Leidenschaft dafür, sein Wissen zu teilen. Das sind die besten
Voraussetzungen. Man darf auch nicht erwarten, dass man sofort von
allen Beifall bekommt oder gelobt wird. Das musste ich auch erst
lernen. Wichtig ist, dass man von seiner eigenen Arbeit überzeugt
ist: Ich finde meinen Artikel gut, egal, was andere sagen.
Auf welchen Artikel von Dir bist Du
besonders stolz?
Auf den Artikel über die Rivalität zwischen Köln und
Düsseldorf. Alle haben mir gesagt: Darüber kann man keinen
Artikel schreiben. Ich dachte nur: Euch zeig ich’s! Mit der tätigen
Unterstützung eines Düsseldorfers habe ich diesen Text geschrieben.
Hinterher hieß es: Oh, wie schön!
Gesichter der
Wikipedia
Jetzt selbst Teil der
Wikipedia-Community werden
Wer Lust hat, eigenes Wissen einzubringen oder die Wikipedia zu
verbessern, kann auf verschiedenen Wegen einsteigen.
Wer heute Musik veröffentlicht, landet fast automatisch auf
Plattformen wie Spotify oder SoundCloud. Das ist bequem –
schließlich befindet sich dort das Publikum. Doch es hat auch seine
Schattenseiten: Die tatsächliche Sichtbarkeit von Inhalten ist
unberechenbar, Einnahmen sind schwer nachzuvollziehen, und die
Spielregeln der Plattformen können sich über Nacht ändern. Die
Frage ist also: Welche freien Musikplattformen gibt es jenseits des
Mainstreams – und wie praktikabel sind sie für unabhängige
Musiker*innen?
Um das herauszufinden, haben wir mit Danny Benjafield
gesprochen, Software Community Communications Manager bei Wikimedia
Deutschland.
Takeaways
Freie Musikplattformen geben Musiker*innen mehr Kontrolle über
ihre Arbeit, insbesondere in Bezug auf Distribution, Lizenzen und
Datenhoheit.
Statt algorithmisch gesteuerter Reichweite basiert die
Entdeckung oft auf Communitys – langsamer, aber potenziell stabiler
und bedeutungsvoller.
Monetarisierung verschwindet nicht, verschiebt sich jedoch nach
außen: Musiker*innen setzen stärker auf direkte
Unterstützungsmodelle wie Spenden, Abonnements oder
Merchandise-Verkäufe.
Viele freie Plattformen legen besonderen Wert auf Transparenz
und Offenheit und bieten Alternativen zu geschlossenen,
proprietären Streaming-Ökosystemen.
Hi Danny, was genau machst du
bei Wikimedia Deutschland?
Hi, ich arbeite als Community Communications Manager im
Softwarebereich. Meine Rolle bewegt sich an der Schnittstelle von
Softwareentwicklung, Community-Events und dem Austausch darüber,
wie wir offenes Wissen auf Wikidata und in den Wikimedia-Projekten
insgesamt unterstützen können. Wir stehen im engen Austausch mit
unserer ehrenamtlichen Community, hören zu und entwickeln Lösungen,
die sie dabei unterstützen, Wissen und Informationen besser in die
Wikimedia-Projekte zu bringen.
Wenn wir über „Musikplattformen“
sprechen – was ist damit gemeint und warum sind sie
wichtig?
Generell sind Musikplattformen Online-Räume, in denen
Musiker*innen und Hörer*innen Musik teilen und entdecken können –
egal ob es sich um komplett eigene Tracks oder um
Neuinterpretationen bereits bestehender Ideen handelt. Diese
Plattformen sind darauf ausgelegt, dass Menschen neue Sounds
erkunden, Feedback geben und Songs, die gefallen, durch „Upvotes“,
also sichtbare Zustimmung, unterstützen. Viele der Musiker*innen
dort verfolgen dabei nicht in erster Linie kommerziellen Erfolg,
sondern sind von Leidenschaft, Experimentierfreude und dem Wunsch
getrieben, sich durch Rückmeldungen aus der Community
weiterzuentwickeln.
Darüber hinaus dienen diese Plattformen oft auch als soziale
Räume: Musiker*innen vernetzen sich, arbeiten zusammen und nehmen
an gemeinsamen Challenges oder community-getriebenen Aktionen teil.
Solche Formate kennt man auch aus anderen kreativen Bereichen –
etwa Zeichen-Challenges wie Inktober oder „Draw This In Your Style“ (#DTIYS), bei dem
Werke neu interpretiert werden. Ähnliche Ansätze gibt es auch in
der Musik, zum Beispiel in Form von Remix-Wettbewerben oder
kollaborativen Projekten.
Caption:
Danny Benjafield: Musikliebhaber und Freier Software Fan.
Wie bist du persönlich mit
freien Musikplattformen in Kontakt gekommen?
Ich erinnere mich, dass ich mal einen Ohrwurm aus dem Intro oder
Outro eines YouTube-Videos hatte – damals, als Tools wie Shazam
oder SoundHound noch nicht so verbreitet waren. Mir fiel auf, dass
immer wieder derselbe Künstlername auftauchte: Kevin MacLeod.
Schließlich bin ich einem Link zum Free
Music Archive gefolgt – das war meine erste echte Begegnung mit
einer wirklich freien Musikplattform.
Damals habe ich noch nicht ganz verstanden, was das eigentlich
bedeutet. Solche Plattformen basieren auf dem Prinzip der offenen
Distribution: Musiker*innen stellen ihre Musik so zur Verfügung,
dass andere sie nutzen, teilen und teilweise sogar remixen können –
oft unter Lizenzen, die lediglich eine Namensnennung erfordern,
also die Angabe der ursprünglichen Urheber*innen.
Auf der Suche nach Nischenmusik oder Tracks von aufstrebenden
und Hobby-Musiker*innen habe ich außerdem Plattformen wie Bandcamp,
SoundCloud, Grooveshark und Deezer genutzt.
Die Entdeckung frei lizenzierter Musik war für mich jedoch ein
Wendepunkt – sie hat mir gezeigt, dass es jenseits klassischer
Streaming-Modelle auch andere Wege gibt, Musik zu teilen und
zugänglich zu machen.
Viele kennen Plattformen wie Spotify,
SoundCloud oder Bandcamp. Was sind aus deiner Sicht die
Einschränkungen dieser bekannten Dienste?
Sie basieren auf proprietärer Software – das heißt, was „unter
der Haube“ passiert, insbesondere bei algorithmischer Suche und
Musikentdeckung, bleibt oft ein Mysterium. Warum wird ein
bestimmter Track sichtbarer oder häufiger empfohlen als ein
anderer? Führt ein frühes Wachstum zu einem Feedback-Loop aus noch
mehr Sichtbarkeit und weiterem Wachstum? Was eigentlich ein
organischer Prozess sein sollte, kann potenziell manipuliert,
gekauft oder anderweitig beeinflusst werden.
Spotify ist zum Beispiel ein in sich
geschlossenes System: Die Musikbibliothek ist zwar riesig, und die
Funktionen sind stark darauf ausgelegt, das Musikhören möglichst
einfach zu machen. Gleichzeitig bringt das aber auch viele
versteckte Nachteile mit sich: Trotz steigender monatlicher Kosten
besitzt man die Musik nicht wirklich. Es gibt ein vollständiges
Plattform-Lock-in: Musik lässt sich nur innerhalb der App hören –
offline auch nur mit einem Premium-Abo. Eigene Hosting-Optionen
oder die Möglichkeit, als User*in die Plattform eigenständig
weiterzuentwickeln, sind nicht vorhanden. Zudem verschwinden
regelmäßig Tracks aufgrund von Lizenzänderungen oder regionalen
Einschränkungen. Und es gibt zahlreiche Erfahrungsberichte über
mögliche Verzerrungen in Empfehlungs- und Radiofunktionen – deren
tatsächliches Ausmaß sich mangels Transparenz nie vollständig
nachvollziehen lässt.
Bei SoundCloud ist es zwar vergleichsweise
einfach, Musik hochzuladen und zu teilen, aber sich wirklich
abzuheben, ist schwierig. Die schiere Menge an Inhalten, kombiniert
mit algorithmischer Auffindbarkeit, macht es vor allem für kleinere
oder neue Musiker*innen schwer, ohne bereits vorhandene Reichweite
sichtbar zu werden.
Bei Bandcamp ist es fast umgekehrt: Die
Plattform steht weniger für starke Such- und Entdeckungsfunktionen.
In meiner Erfahrung entdecke ich Musiker*innen meist außerhalb der
Plattform und gehe dann gezielt zu Bandcamp, um mehr von ihnen zu
hören, sie finanziell zu unterstützen oder Merchandise zu kaufen.
Viele Musiker*innen scheinen sich hier eher auf direkte Einnahmen
aus einer bestehenden, loyalen Fanbasis zu verlassen als auf ein
Streaming-Modell pro Abruf.
Generell sind bei allen proprietären Plattformen Lizenzen und
Weiterverwendungsmöglichkeiten stark eingeschränkt.
Musikbibliotheken lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen, und
die Interaktion sowie Kommunikation mit dem eigenen Publikum hängt
stark von den Funktionen der jeweiligen Plattform ab – die zudem
teilweise hinter Bezahlschranken liegen.
Warum sind proprietäre Plattformen
deiner Meinung nach so erfolgreich und beliebt?
Sie sind auf maximale Bequemlichkeit und nahezu reibungslose
Nutzung optimiert. Der Weg zum Lieblingssong – oder zur Entdeckung
neuer Musik basierend auf dem eigenen Geschmack – wurde auf wenige
Klicks reduziert. Dazu kommen verschiedene „Verstärkerfaktoren“:
die enorme Größe der Musikbibliotheken, leistungsstarke
Entdeckungsfunktionen, kollaborative Playlists, Autoplay, nahtlose
Übergänge und sogar gemeinsame Hörerlebnisse wie Jam-Sessions.
Mit dem Wandel von fest zugeordneten Musikgeräten wie Walkmans,
MP3-Playern und iPods hin zur nahezu universellen Nutzung von
Smartphones haben Apps wie Spotify genau diese Lücke gefüllt: Sie
bieten sofortigen Zugriff auf riesige Musikkataloge bei minimalem
Aufwand. Die Installation ist einfach, und das Nutzungserlebnis
setzt unmittelbar ein.
Gleichzeitig hat sich auch ein grundlegender Wandel vollzogen –
weg vom Besitz hin zum Zugang. Wer nicht mit dem Übergang von
physischer zu digitaler Musik aufgewachsen ist, musste sich in der
Regel nie damit beschäftigen, eine eigene Musikbibliothek zu
organisieren, zu taggen oder zu synchronisieren. „Installieren und
direkt loslegen“ ist im Vergleich dazu sehr viel einfacher.
Welche freien Musikplattformen
würdest du aktuell empfehlen?
Funkwhale ist eine starke Option, wenn man nach
einer Plattform sucht, um Musik, Podcasts und Playlists zu
entdecken und mit anderen zu teilen. Sie funktioniert als
dezentrale Alternative zu Spotify und ist in sogenannte „Pods“
organisiert – unabhängige öffentliche oder private Instanzen, denen
man beitreten kann. FunkWhale ist sowohl auf dem Desktop als auch
mobil verfügbar und kann auch über F-Droid heruntergeladen werden, was es besonders für
Nutzer*nnen interessant macht, die offene App-Ökosysteme
bevorzugen. Die Plattform legt großen Wert auf Community, und
Musiker*innen können auf externe Angebote wie Patreon oder Bandcamp
verlinken, sodass Hörer*innen sie direkt unterstützen können.
Insgesamt ist es ein Nischen-Ökosystem, das bewusst auf Offenheit
und Zusammenarbeit ausgerichtet ist. Funkwhale ist Teil des
Fediverse zu dem auch Mastodon und weitere dezentrale Plattformen
gehören.
Navidrome verfolgt einen anderen Ansatz. Hier
stehen Community und Entdeckung weniger im Vordergrund –
stattdessen geht es darum, ein vertrautes Streaming-Erlebnis
nachzubilden. Besonders sinnvoll ist das, wenn man bereits eine
eigene Musiksammlung aufgebaut hat und diese einfach und
zuverlässig über verschiedene Geräte hinweg abspielen möchte. Die
Oberfläche erinnert stark an Spotify, sodass man sich schnell
zurechtfindet – und weil man seine eigene Sammlung hostet, besteht
nicht die Gefahr, dass einzelne Tracks oder Alben plötzlich
verschwinden.
Als „ehrenwerte Erwähnung“ möchte ich Libre.fm noch mit
aufführen. Die Plattform ist kein Musikplayer, sondern eher eine
freie und Open-Source-Alternative zu Last.fm, eine Musikplattform, die
Social Media mit Musikstatistiken kombiniert. Wie Last.fm erfasst
sie das eigene Hörverhalten über sogenanntes „Scrobbling“ und
analysiert diese Daten, um passende Musikempfehlungen zu geben. In
diesem Sinne ergänzt sie andere Plattformen eher, als sie zu
ersetzen, und fügt dem eigenen Setup eine zusätzliche Ebene aus
neuen Einblicken und Entdeckung hinzu.
Was sind die größten Vorteile dieser
Plattformen für Musiker*innen?
Ein großer Vorteil ist die Offenheit – sowohl technologisch als
auch in Bezug auf die Community.
Plattformen wie Funkwhale oder Navidrome sind Open Source, was
bedeutet, dass deutlich mehr Transparenz darüber besteht, wie sie
funktionieren. Und es gibt weniger bis keine Abhängigkeit von den
Entscheidungen eines einzelnen Unternehmens oder CEOs. Beides gibt
Musiker*innen bereits ein stärkeres Gefühl von Stabilität und
Kontrolle.
Ein weiterer Vorteil ist das Thema Lizenzierung. Wer sich für
Remixes oder Mash-ups interessiert, profitiert stark von
Plattformen, die Creative-Commons-Lizenzen unterstützen. Sie
schaffen rechtliche Klarheit und gleichzeitig kreative Freiheit,
auf der Arbeit anderer aufzubauen, ohne in rechtliche Grauzonen zu
geraten. Außerdem sind Musiker*innen weniger „eingesperrt“ in ein
System: Musik kann auf vielen dieser Plattformen leichter geteilt,
verschoben oder mit anderen Angeboten verknüpft werden. Statt an
ein einzelnes Ökosystem gebunden zu sein, können Musiker*innen auf
externe Stores oder Spendenplattformen verlinken und ihrem Publikum
so direktere Unterstützungsmöglichkeiten bieten.
Schließlich funktioniert auch die Entdeckung von Musik oft
anders. Statt rein algorithmisch gesteuert zu werden, verbreitet
sich Musik stärker über Community-Aktivität – also durch Shares,
Empfehlungen und Kollaborationen. Das kann zu einem organischeren
und engagierteren Umfeld führen, auch wenn es möglicherweise auf
Kosten reiner Reichweite geht.
Was ist für viele Musiker*innen
ungewohnt, wenn sie von kommerziellen Musikplattformen zu freien
wechseln? Wie fühlt sich das für Nutzer*innen an?
Ich würde sagen, dass das Maß an Selbstorganisation und
Eigenverantwortung für Musiker*innen deutlich steigt. Sie haben
kein voll ausgestattetes Support- oder Engineering-Team im
Hintergrund, auf das sie sich verlassen können. Dadurch kann es zur
Notwendigkeit von mehr technischem Verständnis kommen – sei es beim
Hosten eines eigenen Pods oder einer Instanz oder ganz einfach beim
korrekten Taggen der eigenen Musik mit Metadaten.
Auch das Thema Monetarisierung verändert sich. Musiker*innen
müssen sich stärker damit auseinandersetzen, wie sie Einnahmen
generieren wollen – direkt oder indirekt. Das kann bedeuten, dass
sie auf externe Plattformen wie Patreon, Ko-fi oder Liberapay
verlinken oder Werkzeuge wie Linktree nutzen, um mehrere Links an einem Ort zu
bündeln.
Was können Musiker*innen beim
Thema Reichweite und Monetarisierung auf freien Musikplattformen
realistisch erwarten?
In Bezug auf Reichweite wird diese sicherlich deutlich geringer
ausfallen als auf großen, proprietären Plattformen.
Open-Source-Musikplattformen sind auf persönliche Souveränität
ausgelegt und nicht auf maximale Reichweite oder Massenpublikum –
entsprechend sind die mögliche Größe der Hörerschaft als auch das
Gesamtangebot für Nutzer*innen meist kleiner. Gleichzeitig kann das
aber auch weniger Konkurrenz, engagiertere Communitys und eine
stärkere Verbindung zwischen Musiker*innen und Publikum
bedeuten.
Beim Thema Monetarisierung ist die Lage etwas komplexer. Da ich
selbst kein Künstler bin, habe ich die verschiedenen
Einnahmemöglichkeiten nicht im Detail untersucht. Auf Plattformen
wie Funkwhale oder Auxio gibt es offenbar kaum integrierte
Monetarisierungsfunktionen. Das „Free“ in Free and Open Source ist
hier oft sehr wörtlich zu verstehen – die Plattform selbst zahlt
nicht und stellt dafür auch keine direkten Funktionen bereit – sie
verhindert aber auch nicht, dass Musiker*innen Geld verdienen.
Eine Möglichkeit zur Finanzierung gibt es etwa, wenn die freien
Plattformen externe Links erlauben. Viele Musiker*innen leiten ihr
Publikum dann zu Plattformen wie Patreon, Buy Me a Coffee oder
Ko-fi weiter, oder zu Shops, in denen sie physische Produkte wie
Hoodies, T-Shirts oder Vinyl verkaufen. Dadurch behalten sie mehr
Kontrolle darüber, wie ihre Musik verbreitet und monetarisiert
wird, was langfristig ein stabileres und nachhaltigeres Setup
schaffen kann.
Wohin werden sich freie
Musikplattformen deiner Meinung nach in den nächsten Jahren
entwickeln?
Ich glaube zwar nicht, dass es eine Massenabwanderung weg von
großen Plattformen wie Spotify oder YouTube geben wird, aber ich
denke, dass es einen schrittweisen kulturellen Wandel geben wird.
Ein wachsendes Interesse an Datenschutz, zunehmendes Misstrauen
gegenüber Unternehmensinteressen, wirtschaftlicher Druck und die
schrittweise Verlagerung ehemals kostenloser Funktionen in
„Premium“-Modelle werden wahrscheinlich dazu führen, dass mehr
Menschen nach Alternativen suchen.
Wir bedanken uns für das Gespräch!
Next Steps
Testen Sie eine freie Musikplattform zusätzlich zu Ihrem
aktuellen Streaming-Setup – betrachten Sie sie als Ergänzung, nicht
als Ersatz.
Unterstützen Sie mindestens eine unabhängige Musiker*in direkt
über externe Links (z. B. durch Spenden, Merch oder
Abonnements).
Wenn Sie selbst Musik machen, probieren Sie aus, einen Track
unter einer offenen Lizenz zu veröffentlichen, um zu verstehen, wie
das Teilen jenseits klassischer Plattformen funktioniert.
Das Risiko, Falschinformationen im Netz aufzusitzen, war wohl
nie größer als heute. Immer mehr Menschen nutzen bei der Suche nach
Antworten generative KI-Chatbots. Doch gerade die großen
Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) neigen zu Halluzinationen und spucken
nicht selten ungeprüft falsche Antworten aus. Hinzu kommt:
KI-Systeme bewerten die Vertrauenswürdigkeit von Quellen nur
begrenzt. Werden also manipulierte Inhalte strategisch im Netz
platziert und verbreitet, können auch Chatbots sie als
vertrauenswürdige Quelle einschätzen und in ihre Antworten an uns
übernehmen. Dies passiert schon seit Jahren und wird insbesondere
auch für politische Einflussnahme genutzt.
Neuer Wikipedia-Klon: Russland
zielt auf KI-Chatbots ab
Aus Russland ist jetzt ein neuer Fall bekannt geworden:
Geleakten Berichten zufolge soll eine russische Trollfabrik am Aufbau eines Klons der
deutschsprachigen Wikipedia arbeiten. Das Ziel ist dabei besonders
perfide: Die manipulierten Inhalte sollen so geschrieben werden,
dass insbesondere KI-Chatbots sie als vertrauenswürdige Quellen
einstufen und vor allem bei Anfragen aus dem deutschsprachigen Raum
in ihre Antworten integrieren.
Ein trojanisches Pferd der Fake News also. Wer beispielsweise
Informationen über den russischen Angriffskrieg in der
Ukraine oder den Oppositionellen Alexei Nawalny sucht, könnte von
ChatGPT & Co ideologisch verzerrte Darstellungen geliefert bekommen
– vermeintlich aus der Wikipedia stammend und mit dem Gütesiegel
der Seriosität versehen.
Achtung,
Fake-Wikipedia
Portale wie t-online oder watson beziehen sich in ihrer
Berichterstattung auf einen Leak interner Dokumente der russischen
Social Design Agency (SDA). Die verbreitet seit Jahren im Auftrag
des Kremls Falschinformationen über soziale Medien, auch in
Deutschland. Die SDA wird unter anderem für die sogenannte Doppelgänger-Kampagne
verantwortlich gemacht – eine Serie von Fälschungen der Social
Media Accounts und Webseiten großer Nachrichtenportale wie „Bild“
oder „Spiegel“ – mit dem Ziel, darüber antiwestliche Propaganda zu
verbreiten und die Stimmung in der Bevölkerung pro Russland zu
beeinflussen.
Jetzt legt die SDA offenbar nach – mit eben jenem
deutschsprachigen Wikipedia-Klon, auf den Chatbots bei Anfragen in
deutscher Sprache zugreifen sollen. 200.000 Seiten umfasse diese
Fake-Datenbank bereits, heißt es in den Berichten. Monatlich sollen
500 manuell verfälschte Artikel in die KI-Plattformen eingespeist
werden. Noch ist kein Fall bekannt, in dem eine solche Klon-Seite
der SDA aufgetaucht wäre. Ähnliche Fälle zeigen aber, wie schnell
und wirkungsvoll sich Desinformation mit digitalen Mitteln
verbreiten lässt.
Manipulation und Propaganda mit
wenig Aufwand im Netz
Jüngst flogen etwa die Machenschaften des prorussischen
Social-Media-Bot-Netzes „Matrjoschka“ auf, das in
Armenien massenhaft Lügen verbreitet, um Einfluss auf die
Parlamentswahlen am 7. Juni im Sinne Russlands zu nehmen. Auch ein
von Russland gesteuerter Wikipedia-Klon ist in dem südkaukasischen
Land tatsächlich schon aktiv, wie das Portal The Insider nachzeichnet.
Überhaupt besitzt die Propagandamaschinerie des Kremls bereits
Erfahrung mit Wikipedia-Kopien. Mit Ruwiki existiert dort seit Januar 2024 ein Klon der
russischsprachigen Version der freien Online-Enzyklopädie, der um
Einträge zu kritischen Themen bereinigt wurde und zum Beispiel den
Begriff „Spezielle Militäroperation“ für den Angriffskrieg in der
Ukraine verwendet.
Grokipedia als warnendes
Beispiel
Aber Russland ist nicht die einzige Quelle für Desinformationen,
die über Chatbots ihren Weg zu uns Menschen finden. Das Portal The
Verge hat kürzlich eine Analyse veröffentlicht, der
zufolge KI-Systeme eine Vielzahl von Artikeln aus der von
US-Milliardär Elon Musk gestarteten Grokipedia abrufen. Bei rund 13
Millionen Prompts an ChatGPT sei Grokipedia etwa 260.000-mal
zitiert worden. Auch bei Gemini, dem Chatbot von Google, und
Microsoft Co-Pilot wurde die Seite mehrfach als Referenz
ausgewiesen. Das Problem: Die von Musk entwickelte Enzyklopädie
wird nicht wie die Wikipedia von Menschen, sondern selbst von einer
KI geschrieben – dem Chatbot Grok, der u. a. dadurch in Verruf
geriet, dass er sexualisierte Bilder generierte und
verbreitete.
Und: Grokipedia lässt unter anderem Quellen wie die
rechtsextreme Seite Stormfront und das Verschwörungs-Portal
Infowars zu. Inzwischen belegen auch zahlreiche Studien, etwa der
Cornell University, „eine systematische Verschiebung der
politischen Ausrichtung häufig zitierter Nachrichtenmedienquellen
nach rechts“ (hier und hier zu finden). Anders als die Wikipedia, die sich
dem neutralen Standpunkt verpflichtet
hat, soll Grokipedia vor allem die Weltsicht ihres Erfinders
transportieren.
Geplante neue Google-Suche:
Hochproblematisch für uns alle!
Auch die neuesten Pläne von Google sind besorgniserregend. Die
größte Suchmaschine im Netz plant die Transformation zu einer
KI-Antwortmaschine. Künftig sollen bei einer Anfrage statt der
gewohnten Listen mit Links nur noch KI-generierte Antworten
angezeigt werden. Der Gatekeeper wäre Googles eigene KI.
Das Internet könnte damit sein demokratisches Potenzial verlieren:
den direkten Zugang zu einer Vielzahl unabhängiger Quellen. Aus
Sicht des Freien Wissens ist das hochproblematisch, denn es droht
eine Verarmung der Informationsvielfalt, ein Mangel an Transparenz
und noch stärkere Machtkonzentration und Abhängigkeit von wenigen
Plattformen.
Lilli
Iliev Leiterin Politik und
Öffentlicher Sektor bei Wikimedia Deutschland
Der Informatiker und Publizist Jürgen Geuter spricht deshalb von
einem „Krieg gegen das Web“ – so zitiert ihn Deutschlandfunk in
einem Beitrag unter dem Titel „Stirbt das Internet, wie wir es
kennen?“
Wikipedia: Wissen ist und bleibt
menschlich
Das Risiko, mit Fake News und unzuverlässigen Quellen beliefert
zu werden, ist heute also größer denn je. Die Wikipedia bleibt bei
all diesen Entwicklung die nahezu letzte Bastion für geprüftes und
verlässliches Wissen im Netz.
In der ehrenamtlichen Community wird die geplante
Desinformationsoffensive aus Russland aufmerksam verfolgt und
diskutiert. Handhabe dagegen hat
sie selbst freilich nicht – die Verantwortung, Fake News nicht als
Quelle heranzuziehen, läge bei den KI-Entwicklern. „Noch ein Grund
mehr, wieso unser KI-Verbot absolut der richtige Weg ist“, schreibt
Benutzer Chaddy zu den Vorgängen um den Wikipedia-Klon. Er bezieht
sich dabei auf die Übereinkunft der Community,
das Einstellen von KI-generierten Texten in der Wikipedia zu
untersagen.
Schließlich funktioniert die freie Online-Enzyklopädie nach
klaren Grundprinzipien – dazu zählen
Nachprüfbarkeit, Neutralität und Belegpflicht, also die Plicht,
Quellen anzugeben. Ein entscheidender Unterschied zu KI-Programmen.
KI-generierte Texte in der Wikipedia würden also die Qualität des
Projekts gefährden. Entsprechend engagiert handeln die Ehrenamtlichen
aus, wie und mit welchem Aufwand sich solche Artikel abwehren
lassen, wie sich KI generierte Inhalte
überhaupt erkennen lassen – und welche KI-Tools dennoch
hilfreich für die Arbeit in der Wikipedia sein können.
Das alles unter der Maxime: Wissen ist und bleibt
menschlich.
MOR im Auftrag von Wikimedia Deutschland,
basierend auf einer Illustration Mam’Gobozi Design Factory (MDF)
für die Wikimedia Foundation., Wikipedia Online-Einführungskurs, CC
BY 4.0
Als Wikimedia Deutschland setzen wir angesichts der wachsenden
Herausforderungen mehr denn je dafür ein, die Wikipedia-Community
und frei zugängliches und geprüftes Wissen zu stärken. Mehr dazu,
wie wir uns dafür engagieren und was wir erreicht haben, zeigt
unser aktueller Jahresbericht.
Welche Themen die Menschen im deutschsprachigen Raum besonders
beschäftigt, lesen sie in der Wikipedia nach. Im Mai 2026 wurden
folgende Wikipedia-Artikel besonders häufig aufgerufen:
Wer hat wie für wen gestimmt? Wer kam überhaupt ins Finale und
wie setzt sich die Jury des Eurovision Song Contest zusammen? Der
Wikipedia-Artikel zum diesjährigen ESC in Wien bietet sehr
detailliertes, mit vielen Tabellen und Fotos angereichertes
Insider-Wissen. Für Fans ein Muss, für alle anderen mindestens eine
Goldgrube Allgemeinwissen. Der Wikipedia-Artikel wurde im Mai
992.567 mal aufgerufen.
Ein weniger leichtes Thema, das zeigt: Gerade wenn es um
Gesundheit geht, brauchen Menschen sachliche, faktenbasierte und
neutral dargestellte Informationen. Der Wikipedia-Artikel zu
den Hanta-Viren hat im Mai über 800.000 Mal Abhilfe geschaffen
Das Drama um den verirrten Wal in der Ostsee hielt auch im Mai
noch an. Rettungsversuche, Kontroversen und
Verschwörungserzählungen sind bestens im Wikipedia-Artikel
dokumentiert. Ebenso das traurige Ende des Meeressäugers. Der
Wikipedia-Artikel hatte 606.383 Aufrufe.
600 Kilometer vom Death Valley bis nach Los Angeles laufen? Man
mag von Extremsport halten, was man möchte: Der Wikipedia-Artikel
zu Arda Saatçi half sehr vielen Menschen im Mai, diesen Mann, der
plötzlich in aller Munde war, jenseits von Social Media Kanälen
einzuordnen. Insgesamt erhielt der Wikipedia-Artikel 596.891
Aufrufe im Mai.
Ein trauriger Anlass für den fünften Platz der meist
aufgerufenen Wikipedia-Artikel im Mai: Die gerade mal 25 jährige
Schauspielerin Luna Jordan verstarb am 13. Mai. Bekannt wurde sie
unter anderem durch Rollen im Polizeiruf 110. Über eine halbe
Millionen Mal informierten sich Menschen über die Schauspielerin
auf Wikipedia.
Verstorben ist auch Schauspieler Alexander Held, den viele aus
über 160 Film- und Fernsehproduktionen kennen, darunter zahlreiche
Kinofilme von Schindlers Liste (1993) über Sophie Scholl – Die
letzten Tage (2005) oder Der Baader Meinhof Komplex (2008). Sein
Wikipedia-Artikel verzeichnete über eine halbe Millionen
Aufrufe.
Wetter geht immer! In diesem Mai hielten die Eisheiligen, was
sie versprechen: Temperaturen bis zum Gefrierpunkt. Wer sich
tiefergehend zu den Bauernregeln und dazu, was aus klimatologischer
Sicht da dran ist, informieren möchte, wird in der Wikipedia
fündig. So haben frierende Menschen im Mai knapp 470.000 Mal den
dazugehörigen Artikel aufgerufen.
Höchstwahrscheinlich motivierte eine mehrteilige Dokumentation
über den Missbrauchsprozess im ZDF knapp 400.000 Mal, sich nochmals
eingehender mit dem 2009 verstorbenen King of Pop zu beschäftigen.
Der sehr ausführliche Wikipedia-Artikel liefert ausreichend Futter
Begleitlektüre zum Fernsehabend.
Ebenfalls im ZDF ist ein Biopic der schillernden Kunstfigur
Olivia Jones erschienen. „Sie zeigt persönliche Seiten, die wenige
kennen: Angst und Ausgrenzung, die Aids-Krise der 80er,“ heißt es
im ZDF. Klar, dass da schnell die Wikipedia gezückt wird, um sich
vertiefend zu dieser Ikone zu informieren.
Ein weiterer Todesfall im Mai: Der Schauspieler Günther Maria
Halmer starb im Alter von 83 Jahren in Rosenheim. Seine bestens im
Wikipedia-Artikel dokumentierte Filmografie umfasst über 190
Film- und Fernsehproduktionen. Noch 2025 war er im Residenztheater
München zu sehen.
MOR im Auftrag von Wikimedia Deutschland,
basierend auf einer Illustration Mam’Gobozi Design Factory (MDF)
für die Wikimedia Foundation., Wikipedia Online-Einführungskurs, CC
BY 4.0
Webinar: Schreiben für
Wikipedia
Einen Online-Kurs zur Einführung gibt es online und kostenfrei
am 25. Juni 2026.
Wikipedia im Wandel:
Strategische Prioritäten an Herausforderungen angepasst
Generative Künstliche Intelligenz verändert derzeit grundlegend,
wie wir Menschen Informationen suchen, nutzen und teilen.
Gleichzeitig wächst der Einfluss großer Technologieunternehmen auf
die digitale Informationslandschaft. Diese Entwicklungen stellen
auch Wikipedia und weitere Wikimedia-Projekte vor neue
Herausforderungen.
Verlässliches, freies und überprüfbares Wissen ist heute
wichtiger denn je. Um freie Wissensprojekte wie Wikipedia, Wikidata
und & Co. angesichts der aktuellen Entwicklungen zu stärken, wurden
am Wochenende die strategischen Prioritäten von Wikimedia
Deutschland an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst.
Jason Krüger für Wikimedia Deutschland e.
V.
Jason Krüger für Wikimedia Deutschland e.
V.
Jason Krüger für Wikimedia Deutschland e.
V.
Die Mitgliederversammlung hat einer Fokussierung der
Strategischen Prioritäten zugestimmt. Statt fünf gibt es künftig
drei Schwerpunkte:
Starke Infrastruktur des Freien Wissens
Lebendige und beständige Communitys
Mehr Nutzung, leichterer Zugang
Damit richtet Wikimedia Deutschland seine Arbeit noch stärker
auf die Bereiche aus, die für die Zukunft von Wikipedia und Freiem
Wissen besonders wichtig sind. Themen wie Diversität,
gesellschaftliche Teilhabe und politische Rahmenbedingungen bleiben
weiterhin zentrale Bestandteile der Arbeit und werden in allen drei
Prioritäten berücksichtigt.
Neues Präsidium gewählt – Alice
Wiegand als Vorsitzende bestätigt
Seit vier Jahren führt die langjährige Wikipedianerin und
Bundesversdienstkreuzträgerin Alice Wiegand die Geschicke des
ehrenamtlichen Präsidiums von Wikimedia Deutschland. Am Wochenende
haben die Mitglieder die Düsseldorferin ein weiteres Mal in ihrem
Amt als Präsidiumsvorsitzende bestätigt.
Auch Schatzmeisterin Friederike von Borries sowie die
Beisitzer*innen Larissa Borck, Raimond Spekking, Jens Ohlig und
Kamran Salimi wurden wiedergewählt. Neu ins Präsidium zieht
Wolfgang Jamann ein, der langjährige Führungserfahrung in der
Zivilgesellschaft mitbringt, unter anderem bei CARE International
und der Welthungerhilfe.
Wir gratulieren ganz herzlich zur Wahl und freuen uns
auf gute Zusammenarbeit!
Jason Krüger für Wikimedia Deutschland e.
V.
Von
links nach rechts: Raimond Spekking, Alice Wiegand, Kamran Salimi,
Jens Ohlig.
Die Wahl der Kassenprüfer*innen musste im Vorfeld der
Versammlung abgebrochen werden, da eine Kandidatur zurückgezogen
wurde. Eine Nachwahl wird in Kürze stattfinden. Auf der
Mitgliederversammlung wurden außerdem das Präsidium und der
Vorstand entlastet sowie der Jahresabschluss für das Geschäftsjahr
2025 genehmigt.
25 Jahre Wikipedia: Ein Hoch auf
ein Vierteljahrhundert Freies Wissen
Natürlich wurde am Wochenende der 25. Geburtstag der Wikipedia
gebührend gefeiert. Der Vorabend der Mitgliederversammlung stand
unter dem Motto „25 Jahre Wikipedia – 25 Jahre ehrenamtliches
Engagement“. In der Geschäftsstelle von Wikimedia Deutschland in
Berlin blickten vier Wikipedianer*innen der ersten Stunde mit den
über 100 anwesenden Gästen auf die Anfänge der Wikipedia zurück und
sprachen über ihre Entwicklung, Erfolge und Herausforderungen. Im
Mittelpunkt standen Themen wie Qualitätssicherung, die Arbeit der
Admins und wie sehr sich die Wikipedia-Regeln über die Zeit
verändert haben. Zudem wurde deutlich, wie wichtig sowohl die
internationale Vernetzung der Wikimedia-Bewegung als auch lokale
Community-Treffen für das Ehrenamt rund um Wikipedia sind.
Jason Krüger für Wikimedia Deutschland e.
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Jason
Krüger für Wikimedia Deutschland e. V.
Jason Krüger für Wikimedia Deutschland e.
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Jason
Krüger für Wikimedia Deutschland e. V.
Am Samstag fuhr der Wikipedia-Bus bei der Mitgliederversamlung
vor. Die große Bustour zum Jubiläum feierte dabei Halbzeit. Bei den
bisherigen Stationen in Leipzig, Stuttgart, Münster und Hamburg
sprachen wir mit mehr als 2.000 Menschen am Bus über die Wikipedia
und ihre Bedeutung in der heutigen Zeit und gaben Einblicke hinter
die Kulissen dieser einzigartigen Online-Enzyklopädie. Die nächsten
Stationen des Wikipedia-Busses sind Halle (Saale), Köln, München
und Regensburg (zur WikiCon). Zudem ist der Bus im August und
September auch in Österreich und der Schweiz unterwegs.
Richard James
Kloster (geboren 1958) ist ein amerikanischer Manager und
seit 2026 Mitglied der unabhängigen staatlichen
Eisenbahn-Regulierungsbehörde Surface Transportation Board.
Das Surface Transportation Board ist zuständig für Eisenbahn-Tarife
und -Service, Umstrukturierungen im Eisenbahnbereich (Mergers,
Streckenverkäufe, Neubaustrecken, Stilllegungen), Lkw- und
Seeschifffahrtstarife. Fernbusverkehre (Unternehmensstrukturen,
Finanzierungs- und Betriebsangelegenheiten) und Tarife für
Pipelines, soweit diese nicht schon durch die Federal Energy
Regulatory Commission reguliert werden.
Leben
Richard J. Kloster besuchte von September 1976 bis Mai 1977 das
William Rainey Harper College in Palatine (Illinois). Danach war er
bis zum August 1980 in der Northern Illinois University in DeKalb
(Illinois) eingeschrieben und erlangte eine Bachelor in
Betriebswirtschaft.
Von Oktober 1980 bis August 1985 arbeitete er bei der Chicago and
Northwestern Transportation Company in verschiedenen
Verwaltungsbereichen. 1986 erlange er an der University of Alabama
seinen Master in Marketing.[1]
Ab August 1986 bis Juni 1987 arbeitete er bei der Chicago Central
and Pacific Railroad als Vizepräsident für Marketing und Verkauf.
Von Juli 1987 bis April 1989 war er bei der Indiana Railroad im
Marketing beschäftigt. Anschließend war er bis Februar 1991 erneut
bei der C&NW im Bereich Lebensmittelproduktion tätig. Von 1991
bis Juli 2007 arbeitete er bei GE Rail Services. Zuletzt war er
dort Direktor für Business and Market Intelligence.
Im Juli 2007 gründete er das Beratungsunternehmens Advanced Rail
Equipment Solutions, Inc. (zunächst unter dem Namen North American
Transport Solutions). In der Funktion als Präsident agierte er dort
bis zum Oktober 2012. Gleichzeitig war er von Januar 2008 bis
November 2019 als Berater bei Freight Transportation Research
Associates, Inc. (FTR) tätig. Von Oktober 2012 bis November 2019
war er Senior Vice President und Chief Commercial Officer beim
Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen Alltranstek.
Seit November 2019 ist er Präsident des von ihm gegründeten
Unternehmens Integrity Rail Partners. Von 2005 bis 2007 und von
2012 bis 2025 war er im Aufsichtsrat des Lobbyunternehmens National
Industrial Transportation League, davon im Zeitraum 2021 bis 2025
als Mitglied des Executive Boards und als Schatzmeister. Von 2019
bis 2021 war im Aufsichtsrat des Beratungs- und Lobbyunternehmens
Railway Supply Institute (RSI).
Am 11. September 2025 wurde er von Präsident Donald Trump für den
Sitz von Martin J. Oberman in der Aufsichts- und
Regulierungsbehörde Surface Transportation Board nominiert. Da bis
zum 3. Januar 2026 keine Bestätigung durch das Senatskomitee
erfolgte, wurde die Nominierung an den Präsidenten zurückverwiesen
und am 13. Januar 2026 erneut an den Senat übermittelt. Am 18. Mai
2026 erhielt er die Bestätigung durch den Senat für eine Amtszeit
bis zum 31. Dezember 2028.
Kloster verfügt über langjährige Erfahrung in der Beratung von
Schienenverkehrsunternehmen. Als Mitglied des Surface
Transportation Board wird er mitentscheiden über die Genehmigung
der Fusion der beiden großen Bahngesellschaften Union Pacific
Corporation und Norfolk Southern Corporation.[2]
Auf der Website Progressive Railroading veröffentlicht er von 2015
bis 2025 regelmäßig Kolumnen zu Entwicklungen im Schienenverkehr
der Vereinigten Staaten.
Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
Weblinks
Stuart Chirls: Trump nominates rail consultant Kloster to STB. In:
FreightWaves. 11. September 2025 (freightwaves.com [abgerufen am
15. Januar 2026]).
Senate Commerce Committee Nominee Questionnaire, 119th Congress
Einzelnachweise
Jul 07, 1987, page 24 – The Indianapolis News at Newspapers.com –
Newspapers.com. Abgerufen am 23. September 2025 (englisch).
Rail News – Kloster confirmed to Surface Transportation Board. For
Railroad Career Professionals. Abgerufen am 27. Mai 2026
(englisch).
Bezahltes Schreiben im PR-Auftrag in der Wikipedia, ist ein
Thema, das mich und die Wikipedia-Community seit einigen Jahren
umtreibt. Das Thema wabert seit etwa 2010 durch die Wikipedia, mal
intensiver und mal weniger intensiv diskutiert; mal mit Skandal und
mal ohne. Aber wenn man sich, ganz ohne Insiderkenntnisse, einfach
mal durch Wikipedia-Artikel lebender Personen clickt (sei es in der
deutschen Ausgabe oder der englischen): normalerweise riecht man
die gekauften und geschönten Artikel 500 Kilobyte gegen den Wind.
Die peinlichen PR-Artikel: weil auch die siebte Teilnahme am
Rettet-die-Bergdackel-Benefiz-Gala-Dinner getreulich unter dem
Punkt „gesellschaftliches Engagement“ gelistet wird. Die weniger
peinlichen PR-Artikel: weil sie so nichtssagend sind.
Wie lange das Problem existiert und wie sehr es schon vor vielen
Jahren auffiel, wurde mir letztens beim lesen gewahr. Es war ein
Fantasy-Crime Roman – komplett fiktiv, mit vagen Bezugspunkten zu
unserer Welt. Und selbst dort kommt Wikipedia-PR-Schreiben vor. Es
geht um „Moon over Soho“ von Ben Aaronovitch. Erstmal erschienen
2012 bringt es der Roman auf den Punkt:
Auf deutsch etwa:
„Die Reichen, vorausgesetzt sie vermeiden Prominenz, können
etwas Unternehmen um ihre Anonymität zu bewahren. Lady Tys
Wikipedia-Artikel las sich als wäre sie von einem PR-Schreiber
verfasst worden, denn zweifellos hatte Lady Ty einen PR-Schreiber
beschäftigt, um sicherzustellen, dass die Seite ihren Vorstellungen
entsprach. Oder wahrscheinlicher: Einer ihrer „Leute“ hatte eine
PR-Agentur beauftragt, die einen Freelancer beschäftigt hatte, der
das in einer halben Stunde runtergeschrieben hatte, damit er sich
schneller wieder auf den Roman konzentrieren konnte, den er grade
schrieb. Der Artikel gab preis, dass Lady Ty verheiratet war, zu
nicht weniger als einem Bauingenieur, dass sie zwei schöne Kinder
hatten von denen der Junge 18 Jahre alt war. Alt genug um Auto zu
fahren aber jung genug um noch zu Hause zu wohnen.“
Diese Beschreibung trifft auch zehn Jahre später auf einen
Großteil aller PR-Artikel zu. Schnell und lieblos, aber
professionell gemacht. Oft genug mit Versatzstücken aus anderen
Werbematerialien; zu unauffällig, um jemand ernstlich zu stören.
Aber auch zu nichtssagend, um der Leser*in auch nur den geringsten
Mehrwert zu bieten.
Damit hat ein Roman-Autor, der selber kein aktives Mitglied der
Wikipedia-Community ist, die PR-Problematik schon im Jahr 2012
richtiger eingeschätzt als ein relevanter Teil der diskutierenden
Community im Jahr 2022.
(Und Randbemerkung: die Community rächte sich, indem sie
Aaronovitchs Autoren-Artikel mit einem unvorteilhaften Autorenfoto
versah – no PR-flack weit und breit war hier unterwegs.)
Von einer anderen Form des beeinflussten Schreibens erfuhr ich
heute beim Mittagsessen. In immer mehr autoritären Regimes scheint
es vorzukommen, dass einzelne Wikipedia-Autor*innen, die in dem
jeweiligen Land leben, einen Anruf oder einen Besuch bekommen. Mit
dem freundlichen Tipp, doch den ein oder anderen Artikel zu
„verbessern“ sonst.. Das ist natürlich noch raffinierter: Einfach
einen etablierten Nutzer und dessen Vertrauensvorschuss nehmen und
in dieser Tarnung PR-Edits durchführen.
Menschen können auf der Wikipedia:Auskunft
Fragen an die Wikipedia richten. Die Fragen sind mal banal, mal
lehrreich, und manchmal hohe Poesie. Daran solltet ihr
teilhaben.
Ich stelle mich auf, Brust nach vorne, Kinn nach oben, räuspere
mich noch einmal und deklamiere:
Wir waren dieses Jahr mit WikiAhoi wieder bei der SMWCon dabei. Die
Konferenz zu Semantic MediaWiki findet zweimal pro Jahr statt, im
Frühling in Nordamerika und im Herbst in Europa. Letztes Jahr waren
wir schon in Wien dabei und dieses Jahr gings ins
herbstlich-sonnige Barcelona. In freundlicher, persönlicher
Atmosphäre wurden technische Neuigkeiten, innovative Projekte und
besondere Anwendungsfälle besprochen. Wir möchten Sie an den
wichtigsten Neuerungen teilhaben lassen.
Neuigkeiten aus der Semantic MediaWiki-Welt
Semantic
Forms (Version 3.4 September 2015) hat sich
mittlerweile als eigenständige Erweiterung etabliert und ist nun
technisch nicht mehr von der Grunderweiterung Semantic MediaWiki
abhängig. Weitere wichtige Änderungen:
Statt den Spezialattributen werden nun ParserFunctions
eingesetzt.
Kartenbasierte Eingabeformate (Google Maps, Open Layers) sind
nun möglich – diese werden nur eingesetzt, wenn Semantic Maps nicht
vorhanden ist.
Weiters wird nun Cargo unterstützt, es
lassen sich in Formularen auch Eingabeformate und die
Autovervollständigungsfunktion aus Cargo nutzen.
Dazu kann man nun auch „mapping“-Werte hinterlegen, das sind
andere Werte, als auf der Seite angezeigt werden.
Ein neuer Parameter erlaubt es, nur einzigartige Werte
speichern zu lassen.
Alle roten Links können nun mit einer einzelnen Einstellung auf
eine Formularauswahlliste weitergeleitet werden.
Die MediaWiki Stakeholder’s
Group nahm die Konferenz zum Anlass, um weitere
Schritte zu besprechen: Ziel der Gruppe ist die Koordination und
die Kommunikation mit Wiki-Nutzern in Unternehmen, die
Unterstützung von Entwicklern und Administratoren und die
offizielle Kommunikation mit der Wikimedia Foundation. Wikipedia hat etwas
andere Ziele als einzelne Drittnutzer der Software MediaWiki. Es
geht also stark darum, die Interessen der Nutzer von Wiki in
Unternehmen zu vertreten und in der Weiterentwicklung der
Software voranzutreiben.
Interessante neue
semantischeErweiterungen
gibt es zu Breadcrumbs, Zitaten, Sprachenlinks und
Metatags:
Semantic Breadcrumb
Links – mittels Attributen können Breadcrumbs erstellt
werden, die eine Hierarchie erzeugen, ohne Unterseiten erstellen zu
müssen.
Semantic Cite – unabhängig
von der Cite
Erweiterung, ermöglicht das seitenübergreifende Verwenden von
Zitaten und eine automatische/manuelle Quellenliste.
Semantic
Interlanguage Links – automatische Sprachanzeigen (gibt es
diese Seite in anderen Sprachen?) in Wikis mit Interwikis.
Und warum „eine Konferenz mit Folgen“? Diese Konferenz hat
Folgen auf mehreren Ebenen: Wir haben persönliche Kontakte für
Zusammenarbeit und Austausch geknüpft, es wurden Ideen
beflügelt und Inspirationen für neue Projekte ausgetauscht,
die Motivation wieder gestärkt, das Projekt MediaWiki als Ganzes
voranzubringen und nicht zuletzt viele Features und
Software-Änderungen besprochen, die in der Regel meist recht
schnell umgesetzt werden. Die Konferenz war somit ein voller
Erfolg.
Die Konferenz fand von 28.–30.10.2015 in Barcelona statt, in der
schönen Fabra
i Coats Kunstfabrik im Stadtteil Sant Andreu. Knappe 40
Teilnehmer nahmen an einem Tutorial- und zwei Konferenztagen
teil.
Die deutschsprachige Wikipedia-Community versucht wieder einmal,
die Regeln zum bezahlten Schreiben zu verschärfen. Das Thema wabert
ungelöst seit Jahren durch das Wikiversum. Und auch dieses
Meinungsbild ist ein notwendiger Schritt voran. Aber der Weg ist
noch weit. Der beste Kommentar meinerseits wäre die Komposition
eines Quartetts für Singende Säge, Bassdrum, Cembalo und
Spottdrossel.
Aber ich kann nicht komponieren. Deshalb kommt das Nächstbeste:
ein Gedicht.
Wikipredia
Die Regeln existieren und doch
nicht nach Mondstand
Die Ethik absolut seit
Anbeginn nein denn ja
Die Praxis gesperrt verworfen
gelöscht freigeschaltet
Wikipredia Darwinismus der
Agenturen Überleben des
Dreistesten
Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)
Wikipedia-KNORKEerwähnte ich ja an
dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und
Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen
unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas
besonderes: Auf ins Museum!
In Berlin gastiert gerade die Darmstädter
Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem
Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und
Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des
16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren.
Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des
exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.
Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor
dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine
Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur
Sonderausstellung "Holbein
in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die
Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber
engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen
Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige
Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von
Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen,
sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der
besseren Kunstausstellungen.
Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten
Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des
Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des
Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation
war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir
staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem
Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied
zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt.
Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing -
vermutlich in der Martinskirche
als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus
Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum
Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum
spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen
über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt,
ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die
Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des
Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?
Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und
einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner
Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen
bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur
eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter
lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der
Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das
Darmstädter Gemälde. Eine Sensation, da die Kunstkennerschaft
vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes
ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein
sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der
Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die
Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich
später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem
ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen
naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die
originale der beiden bestätigten.
Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes
(beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus
unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das
Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".
Hans Holbein der Jüngere:
Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532.
Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen
Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz
Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden
Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der
Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der
Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer
Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist
Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise
fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch
mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete
wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London.
Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann
noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum
nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue
Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.
Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu
entdecken.
Über den Dächern, Türmen und Gasometern Westberlins senkte sich
die Abendsonne. Ich stand auf den Zinnen des Ullstein Castles und
sinnierte. Direkt unter mir Straßentreiben, Sirenen, betrunkene
Jugendliche, ein Ausflugsboot auf dem Teltowkanal, radelnde
Ausflügler überquerten die Stubenrauchbrücke.
In der Ferne betrachtete ich die Türme des
Spitzenlastheizkraftwerks Lichterfelde, der Sendeturm auf der
Marienhöhe, den BfA-Büroturm und den ehemaligen Wasserturm im
Naturpark Schöneberger Südgelände. Heute Nacht auf dem Heinweg:
Welchen Weg sollte ich wählen? Unten, im Süden, über den Prellerweg
vorbei am Sommerbad am Insulaner? Die Nordvariante über den
Tempelhofer Damm und durch die Kopfsteinpflaster Tempelhofs? Oder
die Mittelweg, mit Erklimmen der Höhe am Attilaplatz und später
über den Ikea-Parkplatz? So viel zu wählen.
Wahlen spukten in meinem Kopf herum. Da war die
Mitgliedsversammlung unseres Dauergartenvereins. Die
Vorstandswahlen dort sollten wahrscheinlich, hoffentlich,
unspektakulär verloren. Aber die Anträge. Wenn ein einzelnes
Mitglied auf einem A4-Blatt 40 verschiedene Anträge stellt, richtig
ernsthaft, dann verspricht das Unterhaltung.
Die Bundestagswahl: Auf dem Weg zum Ullstein Castle passierte
ich zahlreiche Bundestagstagswahlplakate: den unlesbaren Blob der
Grünen in Tarnfarbenoliv, die bildhaft dargestellte Biederkeit der
Berliner SPD, zahlreiche Kleinparteien von Team Tödenhöfer über
Volt bis zur Tierschutzpartei. Und so sehr es mich schmerzte das zu
sagen: Das Plakatgame gewannen bisher die CDU und ihr
Wahlkreiskandidat Jan-Marco Luczak. Sowohl optisch – als auch
damit, überhaupt inhaltliche Aussagen fern von Plattitüden zu
machen.
Vor allem aber war ich innerlich bei einer ganz anderen Wahl.
Die Wikimedia Foundation wählte und wählt ihr Board, auf Deutsch
das ehrenamtliche Präsidium der Wikimedia Stiftung. Die Wikipedia
steht meinem Herzen näher als der Bundestag und selbst als der
Dauergartenverein. Aber die Board-Wahlen erfordern merh Gedanken.
Diese Gedanken bedurften des Kontextes.
Was ist die Wikimedia Foundation?
Die Wikimedia
Foundation (WMF) ist die Betreiberin der Wikimedia-Projekte wie
zum Beispiel der Wikipedia aber auch Wikimedia Commons und
Wikidata. Die Foundation hostet die Server, stellt die Technik,
ist am Ende rechtlich dafür verantwortlich was in den Wikipedien
passiert. Dafür hat die Foundation derzeit etwa 450 Angestellte,
ein Endowment von 90
Millionen Dollar und hatte 2020 Jahreseinnahmen von 127 Millionen
US-Dollar.
Wo genau die Grenzen zwischen dem Einfluss der Wikimedia
Foundation und den Communities liegen, ist umstritten. Letztlich
kann die Foundation alles ändern und machen in den Projekten. Sie
ist meistens weise genug, es nicht zu tun. Insbesondere schreiben
keine Foundation-Mitarbeiter*innen in ihrer Arbeitszeit Artikel
oder legen Inhalte in den Projekten an.
Die Foundation ist eine Organisation eigener selbstgenügsamer
Vollkommenheit. Sie hat keine Mitglieder und ist – rechtlich –
niemand rechenschaftspflichtig. Das Board besetzt sich prinzipiell
aus sich selbst heraus. Es hat entschieden die Hälfte der Sitze
Wahlen der weltweiten Wikip/media-Communities besetzen zu lassen zu
lassen.
Das Board of Trustees ist das
ehrenamtliche Aufsichtsgremium der Foundation. Es hat derzeit 16
Sitze. Davon steht einer Jimmy Wales als Gründer zu, sieben Sitze
besetzt das Board selber, acht Sitze werden durch eine weltweite
Communitywahl bestimmt.
Nun ist allein aus den Worten „ehrenamtlich“ und „weltweit / 450
Mitarbeiter / 127 Millionen Dollar Einnahmen“ klar, dass das Board
eine abstrakte Leitungsposition einnimmt. Alleine, einen Überblick
über so eine Organisation zu behalten, ist eine Mammutaufgabe.
Dieser Organisation noch Vorgaben zu machen und sie in eine
bestimmte Richtung zu lenken, eine Herausforderung.
Die Gefahr, in Detailinformationen zu ertrinken oder sich
hoffnungslos im Alltagsgeschäft zu verfangen, ist groß. Seiner
Aufgabe nach, beaufsichtigt das Board, was die Vollzeitkräfte
machen und besetzt die Geschäftsführung.
Was zur Zeit ein besonderer Job ist: Die Geschäftsführerin der
Foundation Catherine Maher verschwand im April 2021 überraschend.
Der Posten ist seitdem unbesetzt. Ebenso wie sich die Chief
Operations Officer im Jahr 2021 verabschiedete, die Abteilungen
Communication und Technology auch niemand im Vorstand haben. Auf
dem Schiff besetzt nur eine Notbesatzung an Offizier*innen die
Brücke. Dem Board obliegt es derzeit, dieses Führungsvakuum schnell
und kompetent zu beenden.
Grundsätzlich sollte jede*r Kandidat*in zwei Kriterien
erfüllen. Sie sollte meine inhaltlichen Ziele teilen. Und sie
sollte in der Lage sein, sich in einem ehrenamtlichen Job gegen
eine komplette Organisation aus Vollzeitangestellten zu behaupten.
Oft genug stehen bei solch ehrenamtlichen Gremien Kandidat*nnen zur
Wahl, bei denen ich denke „Will Schlechtes, aber wird das
erreichen“ und „Will Gutes, ist aber planlos. Am Ende werden die
Hauptberuflichen machen was sie wollen. Oder es gibt Chaos.“
Angesichts der bewegten Zeiten, in denen wir leben; angesichts
der latenten Führungslosigkeit der Foundation derzeit, möchte ich
Kandidat*innen, die sich durchsetzen können. Kandidat*innen, die
nach Möglichkeit die US-Zentrik der Foundation aufbrechen können.
Ich möchte Kandidat*innen, die verstehen, dass Wikip/media keine
allgemeine Weltbeglückungsorganisation ist, sondern sehr
spezifische Sachen sehr gut durchführt – und andere überhaupt nicht
kann. Es bringt nichts, sich auf allgemeine Weltbeglückungsziele zu
stürzen, die weder die Foundation noch die Communities umsetzen
können.
Insgesamt stehen 19 Kandidat*innen zur Auswahl, die um vier
Plätze streiten. Dabei sind Wikimedia-Urgesteine ebenso wie
Newbies, viele Männer, mir auffallend viele Inder, viele
Kandidat*innen mit NGO-Hintergrund, kaum eine*r, der/die
fortgeschrittene IT-Kenntnisse hat.
Die Urgesteine
Dariusz
Jemielniak – Professor of Management,
daueraktiv auf allen Ebenen und vielleicht der einzige Mensch, der
intellektuell versteht wie Wikipedia funktioniert.
Rosie
Stephenson-Goodknight – WikiWomensGroup, Women
in red, you name it. Bei überraschend vielen der
Wikipmedia-Genderaktivitäten, die funktionieren, ist Rosie
Stephenson-Goodknight beteiligt.
Gerard Meijssen – gefühlt
war Gerard schon Wikipedianer bevor es Wikipedia gab. Vielleicht
der spannendste Autor des Meta-Wikiversums und ein Chaot.
Mike Peel – langjähriges
Mitglied des Funds Dissemantion Committees. (FDC) Hat bei mir in
der Rolle durchgehend einen schlechten Eindruck hinterlassen.
Ravishankar Ayyakkannu – Mr.
Tamil Wikipedia, der seinem Resumee zufolge seit 2005 in der
Community und mit externen Partnern (wie Wikipedia Zero, Google)
zusammenarbeitete. Gewinnt bei mir Diversitätspunkte, weil er nicht
nur aus dem Global South stammt, sondern auch Ausbildung und
Berufstätigkeit dort durchführte.
Lorenzo Losa –
Ex-Vorsitzender von Wikimedia Italia.
Farah Jack Mustaklem – Software Engineer,
einer der wenigen Kandidaten mit Ahnung von Software. Aktiv bei den
Wikimedians of the Levant und der Arabic language User Group. Mir
persönlich zu sehr USA-sozialisiert für eine Board-Mitgliedschaft,
andererseits sicher in jeder Hinsicht kompetent.
Douglas Ian Scott –
Präsident von Wikimedia South Africa, Organisator der Wikimania
2018 und einziger Kandidat, den ich dank eines langen Wartepause am
Kofferband irgendeines Wikimania-Flughafens persönlich besser
kennenlernte – und begeistert war.
Iván Martínez – langjährig
engagiert bei Wikimedia Mexiko, LGBTQ+-Aktivist und soweit ich
hörte, das Wikiversum Lateinamerika ist begeistert von ihm.
Pavan Santhosh Surampudi –
Community Manager at Quora. Versteht also vermutlich professionell
etwas von Communities.
Adam Wight – Programmierer,
Ex-Angestellter und WMF und WMDE und neben Gerard der Vertreter des
Ur-basisdemokratischen, selbstorganisierten und
Gegen-Informationsmonopole-Geistes des frühen Movements.
Vinicius Siqueira – in Wiki
Movimento Brasil
Newbies
Es kann sich hierbei um langjährige und erfahrene
Wikipedianer*innen handeln, die im kleinen Rahmen auch Projekte
oder Gruppen organisiert haben. Erfahrungen in oder mit größeren
Organisationen im Wikiversum fehlt vollkommen.
Lionel Scheepmans
Pascale Camus-Walter
Raavi Mohanty
Victoria Doronina
Eliane Dominique Yao
Ashwin Baindur
Wen werde ich wählen?
Leute, die sich durchsetzen können, und die auch die Grenzen des
Wikiversums sinnvoll einschätzen können. Perspektiven auf das
Leben, anders aussehen als „in US-NGOs sozialisiert“ werden
bevorzugt.
Die Top 4
Douglas Ian Scott
Iván Martínez
Adam Wight
Dariusz Jemielniak
Top 8
Rosie Stephenson-Goodknight
Lorenzo Losa
Farah Jack Mustaklem
Gerard Meijssen
Wählbar
Reda Kerbouche
Pavan Santhosh Surampudi
Ravishankar Ayyakkannu
Wer wird wählen
Es wählen alle Menschen, die vage aktive Accounts in einem
Wikimedia-Projekt haben. Die Bedingungen dafür sind niedrig
angesetzt. Für Autor*innen ist es nötig 300 Bearbeitungen zu haben,
kein Bot zu sein und höchstens in einem Projekt gesperrt zu sein.
Die Bedingungen für die Board-Wahlen sind somit einfacher zu
erfüllen als die Bedingungen zum Sichten in der deutschen
Wikipedia. Die Kriterien mussten am 5. Juli 2021 erfüllt sein. Es
hilft nicht, jetzt noch schnell zu editieren.
Das Wahlsystem
Es gilt das Präferenzwahlsystem.
Dieses wird weltweit von einschlägigen Fachleuten als besonders
fair bezeichnet. Es verzerrt den Wählerwillen weniger als viele
andere Wahlsysteme. Praktisch wird es allerdings nur selten
eingesetzt. Die bekannteste Wahl mit Präferenzwahl in letzter Zeit
war die Bürgermeister*in-Wahl in New York, New York.
Bei Wahlsystem nummeriert man „seine“ Kandidat*nnen nach
Präferenzen. Die beste Kandidatin bekommt eine Eins, der Kandidat
danach eine zwei und so weiter. Hält man keine Kandidatin mehr für
geeignet, hört man auf zu nummerieren.
Bei der Wahl werden in der ersten Runde alle Präferenzen mit „1“
gezählt. Ein Kandidat hat am wenigsten davon. Dieser scheidet aus.
Von allen „1“-Wählerinnen des Kandidaten werden nun die
„2“-Präferenzen seiner Wählerinnen auf die entsprechenden
weiteren Kandidaten verteilt. Und so weiter, bis nur noch so viele
Kandidatinnen übrig sind, wie es Plätze zu besetzen gilt.
Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am
Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich
öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die
nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert.
Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im
Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am
Bahnsteig.
Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner
Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren. Eine Frau
entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen
Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der
angezeigten 32.“
Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere
Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten
Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem
Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium,
die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von
Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?
Illustration aus
dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de
Neuville & Léon Benett
Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils
Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover
ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt.
Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche
Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr
normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen
Kindheit:
„Meine Mutter nannte dann immer eine
Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les
ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch
aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs
berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […]
Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene
Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir,
zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der
Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich
verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem
Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu
grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden,
Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das
alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker.
[…] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“
Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist,
sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?
Forschung Maschinenbau Braunschweig
Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht
normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir
„Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig
hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als
gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.
Braunschweig.
Bahnhofsvorplatz.
VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich
wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem
Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle
und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich
Willkommen.“
Vor allem aber fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie
unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte
keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die
irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass
selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten
gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber,
offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser
gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen
darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie
frisch aus der Packung genommen.
Wegbier. In
Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber
stilgerecht,
Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben
gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt.
Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle,
sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.
Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und
hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins
Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend,
wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen
auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr;
geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die
Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:
„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum
(EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste
Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine
hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem
Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region
Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus
über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000
Beschäftigte in 250 Unternehmen der
Hochtechnologie[106]“
Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten
Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste
ist Braunschweig die innovationsfreudigste Region der EU vor
Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier
lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules
Verne.
Jules Verne
Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und
vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem
vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie
Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der
Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde
bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten
ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules
Verne und Gesprächen zu Wikipedia.
Volker Dehs
bestreitet das halbe Programm
Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den
1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau
eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war
als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum
ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen
können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in
die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere
niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.
Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er
als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure
und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren
Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in
Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich
gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die
Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden,
waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind.
Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht
besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.
Haus der
Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.
Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor
Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder
eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern
durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne
eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der
göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine
sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich
bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich
Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann
nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem
beeinflusst waren
Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die
Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden
wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste.
Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen
zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so
viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.
Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der
Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der
Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde
später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang,
dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer
weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang,Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich
habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden.
Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer
Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican*, da hier die Titelfigur
die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in
anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser
Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews
darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant*, Nord gegen Süd*, Reise um die Erde in 80 Tagen*, Ein Lotterielos* ... und einige mehr.
(*Affiliate Links)
Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk
gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es
(fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne
Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese
vor allem dem Zweck zu reisen.
Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.
Die Phantastische Bibliothek
Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar
mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek
Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang
Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler.
Thadewald verstarb 2014. Er
lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch
persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit,
seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit
mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit
schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht
lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend.
Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des
Programms.
Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia
Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei
hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen:
Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der
Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers
zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die
Berichte werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von
Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden
wollen und in die Zukunft denken.
Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten
Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist
gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die
Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.
Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes
Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek
ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine
große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen
schreiben.
Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch
gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im
Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman
nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was
so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie
Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt
logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach
links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue
Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist,
dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.
Mensch Maschine Normal
Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket
meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese
Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“
vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die
Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws]
telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten
Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen
Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin
besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10
Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?
Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In
seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in
Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer
Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.
Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem
Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:
„Nichts gegen das große Geld und die
wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer
Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in
Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping
Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter
Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder
Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle,
Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt
es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien
beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man
in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss.
Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr
voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal
schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen
Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von
struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)
*Dieser Post enthält Affiliate Links zu geniallokal. Es
handelt sich dabei um Werbung. Ich bekomme eine kleine Provision,
wenn ihr dort bestellt, und ihr habt bei den Guten
bestellt.
I still remember the time when real life meetings for
Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one
really want to meet these strange other people from the Internet?
How would they be? Could they even talk in real life or would they
just sit behind a laptop screen staring on it for hours?
My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in
Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!)
sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen.
These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and
personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the
movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice
evening.
So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the
old school way. Half improvised, organized by our dearest local
troll user:Schlesinger
on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come
and what would happen except some people having a good time.
And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg
seven people promised to come, in the end we were almost twenty.
Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian
active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a
half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia
Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we
just talked and laughed, talked about history and future.
Actually, mostly we talked about future.
About the Wikipedian above 30, who has just started a new a
university degree in archaeology, the question whether the Berlin
community should have its own independent space, industrial beer,
craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the
temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending
machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the
future, who should come to the open editing events, how to work
better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there,
looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather
not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia
to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.
No frustration, almost no talk about meta and politics, just
Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be
active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old
school. So good.
Crossposting eines Posts von mir aus demWikipedia
Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere
Menschen.
Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal
weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten
Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen
spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und
Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind
und gearbeitet haben.
Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias
kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie
armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten -
fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden.
Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter
einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und
Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor
allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder
verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von
Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im
Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie
unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an
einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass
sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die
Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr
fleißige Autorin? Wer weiß?
Viele Wikipedianerinnen und
Wikipedianer sind derzeit inaktiv.
Anlässlich des Projektes
WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele
Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele
Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher
fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer
sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir
bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat,
musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter
Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren
dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört
haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre
Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend
war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in
Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um
diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas
Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der
Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige
Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding
in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.
Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße.
Ein Mammutwerk von Gtelloke,
dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast
ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.
Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung
Invalidenstraße von Gtelloke
Da ist der Artikel zum Wedding selber.
Angelegt 2002 von Otto, dessen
letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann
maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich
auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu
Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren
Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im
November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur
Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite
zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König
ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes!
Licht und Liebe''
Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64,
auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und
acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die
Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von
berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute
noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin
freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel
etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.
Der Leopoldplatz;
angelegt von Frerix, der in
den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur
eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine
Diskussion verwickelt wurde. Zu seinen wenigen Beiträgen
gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage
der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in
Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg.
Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine,
die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv
ist.
Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend
wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte
in seiner Frühzeit von WHell,
engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher
Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der
letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich
möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den
Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten
Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den
späteren Jahren durch Peterobst –
aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur
Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner
und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten
80.226.238.197, von Georg
Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht
unregelmäßig), Flibbertigibbet
2006 ,
79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine.
Weiter ausgebaut von Onkel
Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und
vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit
der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und
hielt sich im Wesentlichen daran.
Da ist der Volkspark
Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005,
aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut,
umfassend überarbeitet 2007 von
84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka.
Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014,
die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.
Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin
Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in
Berlin, Wedding (Mitte). Von:
Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA
3.0
Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch
heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und
Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv,
Magadan,
Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.
Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur
einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen.
Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an
den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich
weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir
angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine, Fridolin
freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt
sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns
kamen.
Seit nun schon ein paar Jahren hört man immer wieder über
Probleme in der kroatischen (und zu einem gewissen Grad auch der
serbischen) Wikipedia. Rechte Gruppen sollen das Projekt übernommen
haben und alle Wikipedianer, die nicht ihrer Meinung sind,
rausgeekelt oder einfach gesperrt haben.
Lange war nichts passiert, aber seit Ende letzten Jahres sah
sich die WMF dann doch mal die Situation an und es wurde schon
zumindest ein Admin gebannt.
Nun hat die WMF ein Abschlußdokument veröffentlicht; oder
genauer schon Mitte Juni und ich habe es erst heute bei reddit
gesehen. In dem Dokument finden sich solche Perlen, als das in hrwp
behauptet wurde, Nazi-Deutschland habe Polen überfallen weil Polen
einen Genozid an Deutschen verübt hätten.
Der ganze Bericht kann
hier gefunden werden. Mich macht die ganze Geschichte sowohl
traurig als auch wütend. Wikipedia soll die Leute so gut es geht
aufklären und nicht Propaganda verbreiten!
Ich habe heute dieses Blog auf einen neuen Server umgezogen,
sein DNS aktualisiert und sein SSL repariert. Werde versuchen, es
nun wieder öfters zu befüllen. Wünscht mir Glück 🙂.
Bereits seit gestern und noch bis zum 28. April laufen die
Oversighter-Wahlen. Doc Taxon, User:He3nry
und Nolispanmo treten zur Wiederwahl an. Ich wünsche: Viel
Erfolg!
Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite
zur
Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen
stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder
auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine
ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und
logischen Extremsports.
Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad
(1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo:
102.
Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:
"Warum
gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit
Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach
Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir
auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft
bestätigt worden. Warum?"
Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die
immerhin folgendes ergab:
* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten
sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli,
darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der
DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere
Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in
vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die
westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als
Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war
Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde
Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen,
Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce
Carbonara!
Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild:
Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian
Ammon, Lizenz: CC-BY-SA
3.0
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an
exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti,
Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika
des geteilten Deutschlands.
Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber?
Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?
Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige
Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische
"Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen
Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl
Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni
werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30
Minuten gekocht.
Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal
Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als
"Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte
man darauf, daß sie nicht hohl sind"
Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur
bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine
Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar
schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.
Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine
Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch
Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das
frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen"
waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts
entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.
Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus
Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für
junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische
europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber
anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern
auch Pasta.
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild:
Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade,
1773.
In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni
für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed
and even spoke in an outlandishly affected and epicene
manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch:
"Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch
die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.
Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern
ist nun wiederum im Englischen der Macaroni
penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.
Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil,
nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South
Georgia von Liam Quinn,
Lizenz: CC-BY-SA
2.0
Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann?
Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia
of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen
Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge
unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert.
Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ
problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da
maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte
stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im
Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form
des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter
anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum
trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild:
Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di
maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo:
6204.
Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR
zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern
plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die
Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in
der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu
"Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der
DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab?
Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in
vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es
ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu
recherchieren.