Lüttkenhorst bleibt unbeeindruckt

Da isser also. Der Frühling. 88.

Kaum schießen die ersten Krokusse wie Darts-Pfeile aus dem Boden, brennt Nachbar Lüttkenhorst, Nummer 63, in seinem selbstgeschmirgelten Gartenhäuschen sein erstes Oldie-Festival ab, mit all den Radio Luxemburg-Hits wie „Downtown“ von Petula Clark, dem erstem Uralt-Oldie, mit der er die Nachbarschaft jeden Sommer nervt, „da, wo das Leben überall in den Straßen so viel Lischter hat.“

Lischta.

Eilig lässt Lüttkenhorst die späten Sixties in die aufregenden 70er überlaufen: Norman Greenbaums „Spirit in the sky“. Was wie eine letzte Rucksack-Rakete mit Kerosin klingt, bevor es dunkel wird im Elektrokosmos, ist in Wirklichkeit ein halbes Dutzend 80erjahre-Würstchen, die er auf den Grill schmeißt, ganz für sich allein, der Lump. Es riecht im ganzen Hinterhof nach brutzelndem Bauchfett und verrußten Mon Cherie-Packungen.

„Das ist Brennspiritus, kein Mon Cherie“, blickt Milan, der Zocker, zu mir rüber. So, wie er jedes Mal rüberguckt, wenn irgendein Nachbar reinkommt und Adriano Celentano-Sachen singt.

Lüttkenhorsts Oldie-Hütte steht im Garten ganz am Rand, hat es schwer neben dem Kinderspielplatz und den mannshohen Hecken, die Musik hingegen schallt durchs ganze untere Quartier. Da lässt sich bei Bedarf nur das Fenster schließen, um sich zu schützen.

Hatte Lüttkenhorst sich in den vergangenen Jahren auf den Sommer beschränkt, um nach Feierabend in seiner Blockhütte festzuschnallen und seine Oldies zu spielen, nimmt Lüttkenhorst neuerdings sogar den Winter mit. „Meinst du, der ist jetzt Rentner?“ frage ich ins Nichts. Lediglich die wenigen ganz strengen Tage mit Dauerfrost und Blitzeis lässt er notgedrungen aus. Wie auch immer, er ist wieder da. Aktiv wie ein Hamster im Laufrad, die Backentaschen mit Beatles und Rory Gallagher vollgestopft und Deep Purple; klares Suchtverhalten.

Wobei schleierhaft bleibt, was er eigentlich da unten treibt in seiner Hütte, wenn er stundenlang dasitzt und Oldies spielt, Abend für Abend, bis in die Puppen, für sich ganz alleine. Andererseits – sitzen nicht weltweit die Menschen in ihren eigenen vier Wänden oder im Garten und es weiß niemand so genau, was sie da eigentlich tun, die Nachbarn, die sich sammeln. Wären die Hecken aus Glas und würden von außen Einblick in die Wohnungen gestatten, wir würden uns wohl ohne Ende gemütlich bekotzen. Löst der Garten-Doktor Rätsel, masturbiert er im Dunkeln? Schaut er zum Oldie „The Letter“ von den Box Tops seinem eigenen Schulterzucken zu? Oder versinkt er still in sein Stühlchen und stiert in die guten alten Zeiten?

Ich weiß ja nicht mal genau, wie der Knabe aussieht. Ich hab ihn niemals in seiner Hütte gesehen ich höre bloß abends seine Musik, die Musik, klar, die ist ständig präsent. Ich vermutete ja den nach Ahoi-Brause duftenden Althippie mit jeder Menge Kindern und schönen alten Hunden und langem blonden Haar. Moment. Einen Hund gibts wirklich, der Hund ist verrufen in der ganzen Nachbarschaft. Es ist ein degenerierter Yorkshire-Terrier, der dauernd Dünnschiss hat und mit verklebter Arschritze herumrennt. Kein einwandfreier Anblick.

Auch wenn er höchstwahrscheinlich älter ist als ich, er spielt die Songs meiner Jugend. Und wenn man sich an seine Jugendtage erinnert, sieht man lange Sommerabende vor sich, so als wäre die ganze Teenagerzeit nur ein einziger langer heißer Sommer gewesen. Der alte Knabe füttert uns mit soviel Kamellen, ich schrecke schon in der Nacht aus einem Albtraum hoch: man hatte mich in Woodstock vergessen. Seit 1969 lebte ich als einsamer Hippie auf dem Acker, in Schlamm und Patchwork-Decken eingehüllt, wie auf der Cover des Doppel-Albums, und wartete auf den Helikopter, der auch Ten Years After abgeholt hatte, nach der Show, doch der kam nicht angeflogen, der Frech

Jeder schleppt seine eigene Musikbox mit sich herum, seinen privaten kleinen Wurlitzer voller Kopf-Erinnerungen, durchnummeriert von A1 bis Z18. Hits wie die erste Liebe, die Fahrt in den Knast, der Urlaub in St. Tropez – alles unterlegt von einer bestimmten schönen Klangspur. Kurz angespielt, und man liegt wieder am Strand. Es sind ja die zunächst unauffälligen Songs, die man ein paar Mal hören muss bis sie einen am Wickel kriegen. Wie eine zunächst achtlos weggeschnippte Zigaretten-Kippe, die eine Weile vor sich hin glimmt bis sie einen Flächenbrand auslöst und alles niederfackelt in deinem inneren Musikzimmer, eingebrannt in alle Ewigkeit.

All die Songs und Melodien und Hooklines, die, vom DJ kurz angespielt, sofort losrennen wie quiekende Schweine, sobald man nur einen Songfetzen vernimmt, zufällig, wenn ein Wagen vorüberfährt, in dem grade „Let’s dance“ von Bowie im Verkehrslärm untergeht, ich aber sofort „put on your red shoes“ weiter singe, „and dance the blues“, obwohl das Auto schon um die Ecke ist.

Oder wie im letzten Herbst, als ich schlecht gelaunt vors Haus trat, um eine Zigarette zu rauchen, und mir genau in dem Moment das tröstliche Näseln von Ray Davies entgegenschlug aus der Blockhütte im Garten: „I don’t feel afraid as long as I gaze on Waterloo Sunset I am in paradise.“

F4 – The Kinks, „Waterloo Sunset“.

Ein Wink Gottes, übermittelt von unserem unermüdlichen Discjockey, dabei hatte er keinerlei Ahnung von Pop, aber er nervte auch, der lange ewige Rock’n Roll Mann. Kaum steh ich nach dem Duschen im Bad und reiße das Fenster auf, schon flitzt Penny Lane durch den Garten. Verfolgt von Eleanor Rigby und der blässlichen Michelle, ma belle.

Und dann, als mir der alte Knabe doch über den Weg läuft, keine halbe Stunde her, ich hab dem Hund grade ein Stöckchen geworfen, begegnet mir ein 60jähriger Mann mit groben Gesichtszügen, ein unscheinbarer, in die Arbeitslosigkeit entlassener Werkzeugmacher. Er sieht aus, als hieße er Lüttkenhorst mit Nachnamen, und blieb völlig unbeeindruckt, als ich hallo sagte.

„Mhh“, murmelt er nur und schaut woandershin. Irgendwohin, wo ich nicht bin. Wo niemand ist.

Der Kerl ist schüchtern. Das ist alles.

Erster September. Der Althippie, der aus seiner Blockhütte heraus die Nachbarschaft tagtäglich mit Oldies versorgt, brennt das nächste Sixties-Feuerwerk ab, auch wenn seine Sixties mehr und mehr in die dunkleren Seventies überzugehen scheinen. Gerade läuft schon wieder Norman Greenbaum, „Spirit in the sky“. Er hat ja nicht so viele Platten. Meist Cassetten. CD’s. Mitschnitte aus Sommerurlauben

Bevor die Sonne untergeht, schmeißt der Hippie weitere Hits auf den Grill, genug für den ganzen Hippie-Clan. Es riecht nach Speck und massenhaft Fat Cherie.

„Blödmann, das ist Brennspiritus“, berichtigt die Gräfin. „Aber was hast du immer mit deinem Hippie, das ist kein Hippie, das ist ein Großvater. Ein Rentner.“

Ich krieg mal wieder nur die Hälfte mit. Die Gräfin ist ohnehin der Auffassung, man müsse schon kleine TV-Bildschirme um die Dinge herumbasteln, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Damit ich auch mal länger hinschaue. Aber die Blockhütte im Garten macht es einem auch nicht leicht. Sie ist von einer mannshohen Hecke umsäumt und schwer einsehbar. Und weil ich ihn nie gesehen hab, stellte ich mir unter dem Discjockey einen nach Ahoi-Brause duftenden Althippie mit jeder Menge Haaren und Zeit vor, aktiv wie ein Hamster im Laufrad, die Backentaschen vollgestopft mit Beatles und San Francisco und Deep Purple, schwer dominiert von seinem Suchtverhalten.

Wobei schleierhaft bleibt, was er da eigentlich treibt in seiner Hütte, wenn er stundenlang dasitzt und Oldies hört, Tag für Tag, bis in die Puppen und darüber hinaus. Andererseits, was solls. Sitzen nicht überall auf der Welt Menschen in ihren vier Wänden und niemand weiß, was sie da tun? Lösen sie Rätsel, masturbieren sie im Dunkeln? Schaut der Mensch zu „The Letter“ von den Box Tops dem eigenen Schulterzucken zu? Oder versinkt er still in sein Stühlchen und stiert in die guten alten Zeiten?

Nein, ich hab ihn niemals gesehen, unseren privaten DJ, ich höre bloß seine Musik, die Musik ist ständig präsent, er spielt die Songs unserer Jugend. Der Knabe füttert und nervt uns mit soviel ollen Kamellen, manchmal schrecke ich schon in der Nacht hoch. Ich träume, man hätte mich in Woodstock vergessen. Ich lebte als letzter Hippie im legendären Woodstock-Schlamm, in 6 Patchwork-Decken eingehüllt, und warte immer noch auf den Helikopter, der Ten Years After nach der Show abholen soll, er lässt auf sich warten.

Popmusik:

Jeder schleppt seine eigene Musikbox mit sich herum, die er über die Jahre angefüttert hat, seinen privaten kleinen Wurlitzer-Buckel. Ich mag kleine einfache Melodien. Songs wie freundliche Scharlatane, die einem den Bauchraum mit bloßer Hand öffnen und innerhalb drei Minuten wieder verschliessen, ohne dass Blut strömt, aber alle singen gesund geworden plötzlich mit. Die allerbesten Songs sind die zunächst unauffälligen, die man ein paar Mal hören muss bis sie einen am Wickel kriegen. Wie eine achtlos weggeschnippte Kippe, die eine Weile vor sich hin glimmt bis sie endlich einen Zipfel deines Gemüts zu fassen kriegt und damit einen Flächenbrand auslöst und alles niederfackelt in deinem inneren Musikzimmer; zurück bleibt ein Klumpen Erinnerung, eingeschmolzen auf alle Ewigkeit.

Da war dieser Sommertag im Coppel Park, im unteren schummrigen Teil, wo sich Fledermäuse und hohe Nadelbäume gute Nacht sagen, als mir aus einem der angrenzenden Gärten Cat Stevens entgegenschleicht. Erst sehr leise, wie das Versprechen eines Indianers, dann allmählich erkennbar, Switch on Summer, like a Slot Machine, ein sauberer Sound, die Bässe noch warm.

Während der Hund friedlich das Gebüsch abschnüffelt, lasse ich mich auf den Stufen der Treppe nieder und höre die alten Cat Stevens Hits, die wir im Haus der Jugend auf Gitarre spielten. Die Texte, obwohl über 30 Jahre nicht gehört, singe ich Wort für Wort mit. Ich sitze da und lausche meiner Vergangenheit, einer Zeit, als Plattennadeln noch tief ins Vinyl vorstiessen wie eine Vortriebmaschine und mit jeder Umdrehung winzige Verletzungen riskierten, Kratzer, Staubeinlagerungen, bis eines Tages der Datensatz kam und übernahm.

Es ist diese klare blaue Stimmung, die er hinkriegte, als Cat Stevens jung war. Mir laufen Tränen übers Gesicht, bei Father and Son. Während ich sie auf der Haut spüre und nicht fortschicke, weil ich gerne gerührt bin von meiner eigenen Rührung, (aber nicht länger als eine halbe Minute, Freundchen!), frage ich mich, warum es einen so tief anrührt, wenn solche Momente auferstehen, die doch normal waren – damals, früher, mit 15. Man trauert keinen tollen Sachen hinterher, man trauert Normalität hinterher. Nicht nur das. Wenn schlechte Zeiten nur lange genug vorüber sind, trauert man selbst schlechten Zeiten hinterher. Schlechten Angewohnheiten. Mögen sie auch schlecht gewesen sein, ungesund und selbstzerstörerisch, du warst mittendrin und hast Verletzungen riskiert, du bist tief vorgestoßen ins Dumme, ins Kranke, ins Schlechte, ins Menschliche, und ja, vielleicht hast du nicht einmal was daraus gelernt: der großartige Song.

Später am selben Tag läuft mir Lüttkenhorst, der Hippie, der gar kein oller Hippie ist, über den Weg. Keine halbe Stunde her, ich hab dem Hund im Garten ein paar Stöckchen geworfen, begegnet mir ein 60jähriger Mann mit groben Gesichtszügen, ein unscheinbarer, schon vor Jahren in die Arbeitslosigkeit entlassener Werkzeugmacher. Er sieht aus, als hieße er Lüttkenhorst und bleibt komplett unbeeindruckt, als ich hallo sage.

„Pahh“, murmelt er.