Ohne Zuwanderung kein Wohlstand: Deutsche mit Migrationsgeschichte sind für das Land unentbehrlich -
Deutschland braucht Arbeitskräfte dringender denn je. Doch wer die Wirtschaft stärkt, muss auch faire Chancen, Anerkennung und gesellschaftliche Teilhabe erhalten
Deutschland altert. Während die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, fehlen in vielen Branchen Arbeitskräfte. Gleichzeitig wird Zuwanderung politisch häufig als Problem dargestellt. Dabei zeigt die Geschichte, wie eng Migration und wirtschaftlicher Wohlstand miteinander verbunden sind.Schon im 19. Jahrhundert zog die Industrie Arbeitskräfte ins Ruhrgebiet. Nach dem Zweiten Weltkrieg schloss die Bundesrepublik Anwerbeabkommen mit mehreren Ländern, darunter Italien und die Türkei. Millionen sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter trugen zum Wirtschaftswunder bei. Viele blieben, gründeten Familien und wurden zu einem festen Bestandteil der Gesellschaft.Auch heute ist Deutschland auf Zuwanderung angewiesen. Bert Rürup, Ökonom und Chefökonom des Handelsblatts, argumentiert in einem gemeinsam mit Axel Schrinner veröffentlichten Beitrag, dass die Alterung der Gesellschaft das Wirtschaftswachstum erheblich bremst. Ohne zusätzliche Zuwanderung werde es schwieriger, das Arbeitskräfteangebot zu sichern und neue Wachstumsimpulse zu schaffen. Rürup und Schrinner verweisen zudem auf den demografischen Druck, der Deutschland in den kommenden Jahren besonders stark treffen wird.
Doch wirtschaftliche Bedeutung bedeutet nicht automatisch Gleichberechtigung. Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) macht auf ein wichtiges Spannungsverhältnis aufmerksam: Beschäftigte ohne deutsche Staatsangehörigkeit sind in Berufen mit Fachkräfteengpässen stark vertreten, ihre Interessen sind jedoch nicht entsprechend stark repräsentiert. Unter anderem sind sie seltener gewerkschaftlich organisiert. Der Fachkräftemangel allein verschafft ihnen offenbar nicht automatisch bessere Arbeitsbedingungen oder mehr Verhandlungsmacht.Das betrifft auch Menschen mit muslimischer Migrationsgeschichte, die in zahlreichen Bereichen Verantwortung übernehmen. Musliminnen und Muslime sind keine homogene Gruppe. Ihre Lebenswege und beruflichen Erfahrungen unterscheiden sich erheblich. Dennoch erleben manche zusätzliche Hürden – etwa bei Bewerbungen, bei der Anerkennung ausländischer Qualifikationen oder bei der Wohnungssuche.
Gebraucht, aber nicht ausreichend vertreten - Mehr als eine wirtschaftliche Ressource
Zuwanderung darf deshalb nicht ausschließlich danach beurteilt werden, welchen Beitrag Menschen zum Bruttoinlandsprodukt leisten. Zugewanderte sind nicht bloß Arbeitskräfte, die demografische Lücken schließen sollen. Sie sind Nachbarinnen und Nachbarn, Eltern, Vereinsmitglieder und Mitgestaltende des gesellschaftlichen Lebens.Dazu gehören faire Löhne, berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, bessere Anerkennungsverfahren und ein konsequenter Schutz vor Diskriminierung. Ebenso wichtig ist der Zugang zu Arbeitnehmervertretungen. Wer Menschen für den Arbeitsmarkt gewinnen will, muss ihnen langfristige Perspektiven bieten.Muslimische Gemeinden und ihre Verbände können dazu beitragen, über Arbeitnehmerrechte zu informieren, Beratungsangebote zu vermitteln und Begegnungen zwischen Beschäftigten und Arbeitgebern zu fördern. Zugleich braucht es politische Rahmenbedingungen, die Teilhabe ermöglichen, statt Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion auszuschließen.Deutschland steht vor einer demografischen Herausforderung, die sich nicht durch Abschottung lösen lässt. Eine zukunftsfähige Migrationspolitik muss deshalb zwei Ziele verbinden: Sie muss Einwanderung ermöglichen und die Rechte derjenigen stärken, die bereits hier leben und arbeiten. Denn wirtschaftliche Stärke entsteht nicht allein dadurch, dass Menschen kommen. Sie entsteht auch dadurch, dass sie ihre Fähigkeiten entfalten, ihre Rechte wahrnehmen und gleichberechtigt dazugehören können.Quellen:handelsblatt.com·dezim-institut.de