Hanse-Krimi aus Tallinn und Lübeck. Aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt. Rote Katze Verlag, Lübück 2025. ISBN 978-3-910563-39-1. 516 Seiten, 24 Euro.
Verlagsinfo: Hatte Jesus Christus einen Sohn? So soll es geschrieben stehen in einem weiteren, verschollenen Evangelium, das kein geringerer als Pontius Pilatus verfasst haben soll. Jener Pilatus, der zu Jesu Lebzeiten Präfekt von Judäa war und ihn zum Tod am Kreuz verurteilte? Jener Pilatus, der nach dessen Tod einer der glühendsten Anhänger Jesu Christi wurde?
Und wenn dieser Sohn Christi existierte, gibt es dann auch heute, im 15. Jahrhundert, noch Nachfahren?
Dies fünfte Evangelium in Händen zu halten, würde Macht und Reichtum versprechen. Und da die Überlieferung sagt, das Werk sei vor vielen Jahren nach Reval gekommen, suchen viele danach und sind dabei nicht zimperlich. Menschen müssen sterben auf der Suche nach dem geheimnisvollen Buch – oder vielleicht doch aus ganz anderen Gründen?
Apotheker Melchior ist mittendrin, während sein Sohn in Lübeck in großen Schwierigkeiten steckt.
Bereits seit 2007 stellt dieser Blog ins Deutsche übersetzte Publikationen aus Estland, Lettland und Litauen vor. Gleichzeitig werden Publikationen deutschsprachiger Autorinnen und Autoren mit estnischen, lettischen oder litauischen Themen einbezogen. Wir möchten aufrufen, verschiedene Leseeindrücke auszutauschen. Die hier aufgeführten Bücher werden für eine Vorstellung in der Radiosendung BALTISCHE STUNDE (Radioweser.tv) vorgeschlagen.
Donnerstag, 6. November 2025
Indrek Hargla: Apotheker Melchior und das Evangelium des Pilatus
Dienstag, 2. September 2025
Gerhard Böttger: Weidwerk im Baltikum und in heimischen Revieren
Verlagsinfo: In seinem neuesten Werk beschreibt der leidenschaftliche Jäger und erfolgreiche Jagdbuchautor, warum gerade die Länder des Baltikums einen besonderen Reiz auf ihn
ausüben: Ausgedehnte Mischwälder sowie unzählige idyllische
Binnenlandseen oder Flüsse sind malerische Kulisse für seine packenden
Erlebnisse auf der Fährte des Elches oder bei der Jagd auf Damwild und
Braunbär.
Gerhard Böttger erzählt mitreißend von der
faszinierenden Auer- und Birkhahnbalz in einsamen und verwunschenen
Moorlandschaften, von der Brunft der großen Geweihten, von der Jagd auf
Muffel in Tschechien oder auf Kronenhirsche und kapitale Schaufler in
Bulgarien. Doch auch dem heimischen Weidwerk in seiner bunten Fülle, das
ihn erfüllt und geprägt hat, widmet sich der Autor. Seine
Auseinandersetzung mit historischen und gesellschaftlichen Hintergründen
machen seine Erzählungen zu etwas Besonderem.
Mittwoch, 20. August 2025
Carolina Pihelgas: Schnittlinie
Verlangsinfo:
Ein kraftvolles, ehrliches Zeugnis eines emotionalen Abgrunds im Leben einer jungen Frau - die über die Natur zurück ins Leben findet.
Liine reist allein aufs Land, nachdem sie einen Schlussstrich unter eine gewaltvolle Beziehung gezogen hat. Sie zieht sich in ein Landhaus der Familie zurück, um wieder zu sich selbst zu finden und sich auf die Suche danach zu machen, was sie wirklich glücklich macht. Die Kämpfe in ihrem Inneren werden von den Kriegsgeräuschen eines nahegelegenen Truppenübungsplatzes begleitet, dessen Expansion das alte Bauernhaus, in dem sich Liine nach langer Zeit endlich wieder sicher fühlt, und das ganze Dorf zu zerstören droht.
Eine eingängige, nahbare Geschichte von Angst und Heilung, Furcht und Hoffnung, Aufbruch und Ankunft verwoben mit der Suche nach Frieden durch die Natur.
Freitag, 15. August 2025
Veiko Tammjärv: Hotel zum verunglückten Alpinisten
Verlagsinfo:
Seltsames ereignet sich in dem abgelegenen Berghotel »Zum verunglückten Alpinisten«: Polizeiinspektor Glebsky wird von einem anonymen Anrufer ins Hotel bestellt, ein Fehlalarm, wie sich herausstellt. Als eine Schneelawine das Hotel von der Außenwelt abschneidet und die Abreise des Inspektors verhindert, überstürzen sich die Ereignisse: Olaf, einer der sonderbaren Hotelgäste, wird tot aufgefunden und so mancher Gast ist überzeugt, dass übernatürliche Kräfte am Werk sind. Gut, dass Glebsky vor Ort ist, um dem rätselhaften Geheimnis des Hotels auf den Grund zu gehen.
Die Graphic Novel basiert auf dem gleichnamigen, 1970 veröffentlichten Roman der Brüder Boris und Arkadi Strugatzki. Ihre visionären Romane dienten als Vorlagen für Filmklassiker wie Stalker und haben das Genre der Science-Fiction maßgeblich mitgeprägt. Die estnische Verfilmung des Romans »Hotel zum verunglückten Alpinisten« von 1979 war ein großer Kinoerfolg. Veiko Tammjärv haucht der unverwechselbaren Ästhetik des Kultfilms neues Leben ein und verleiht der Geschichte eine ganz eigene, frische Perspektive.
Ein mystischer Neo-Noir-Thriller, der die repressiven Machtstrukturen der Sowjetunion anprangert und Fragen des Andersseins aus einem völlig neuen Blickwinkel betrachtet.
Montag, 4. August 2025
Kairi Look: Pia Pfefferminz zieht ein
Verlagsinfo: Pia Pfefferminz zieht das erste Mal in ihrem Leben um: in ein schönes altes Haus in der Pappelallee. Im Nu schließt das Vorschulkind dort neue Freundschaften, mit der Nachbarin und ihrem Bernhardiner Baron genau wie mit der Motte im Kleiderschrank. Die Welt der Erwachsenen betrachtet Pia auf ganz eigene Weise. So beobachtet sie zum Beispiel den geheimnisvollen Mann in ihrem Haus, der irgendwas mit Politik zu tun hat und sich in Luft auflöst, sobald man sich ihm nähert. Sie hat viel Spaß mit Pirka, der punkigen Freundin von Onkel Rasmus, und tröstet ihren Großvater, wenn die Großmutter ihm verbietet, mit seinem Moped herumzuflitzen.
In 31 bunt illustrierten Geschichten erleben wir kleine Alltagsabenteuer mit Pia Pfefferminz und werden dabei wunderbar unterhalten. Ein großes Vergnügen!
Donnerstag, 12. Juni 2025
Theodor Nebl: Das Glücksei und die weiße Schlange
Neu erzählt und in Reime gesetzt von Theodor Nebl. Liebevoll illustriert von Uta Ehlers. Verlag Book on Demands, Norderstedt 2024. ISBN 978-3-769354-8-12, 334 Seiten, 19,80 Euro.
Verlagsinfo:
Estlands bezaubernde Märchenwelt
euch ganz sicher gut gefällt!
Nicht selten spielen darin Prophezeiungen
und Patengeschenke eine Rolle,
meistens einer supertolle!
Prinzessinnen von bösem Zauber
und von Drachen zu befrein
fällt oftmals Bauernburschen ein.
Manch einer, der als Dummling verlacht
und dem der Vater nichts vermacht,
hat es in der Welt zu was gebracht!
Über böses Geschick, Liebe und Mut
wird in den Märchen berichtet
und auf Spannung nicht verzichtet!
Und noch viel mehr und noch viel mehr!
Lest die Märchen, das fällt nicht schwer.
Dann werdet ihr staunend sehn,
gereimt sind sie besonders schön!
Freitag, 23. Mai 2025
Rein Raud: Der Tod des vollendeten Satzes
Verlagsinfo: Estland zur Zeit der Singenden Revolution: Noch existiert die Sowjetunion, die sich das Land 1940 brutal einverleibt hatte, aber seit Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika bröckeln die Strukturen der kommunistischen Diktatur. Viele, vor allem junge Leute, leisten Widerstand und engagieren sich für die Abschüttelung des sowjetischen Jochs und damit für ein freies Estland. Eine Gruppe junger Männer und Frauen hat ein ausgeklügeltes System entwickelt, Personalakten des KGB in die Hände zu bekommen und ins Ausland – nach Schweden und Finnland – zu schmuggeln. Das ist nicht ungefährlich, denn noch funktioniert der Unterdrückungsapparat, der die Gruppe im Visier hat. Zwischenmenschliche Beziehungen, zarte Romanzen und heftige Leidenschaften entstehen – können sie Bestand haben oder werden sie im Spannungsfeld von Vertrauen und Misstrauen gar als Kampfmittel eingesetzt?
Der Autor beschreibt die letzten Jahre vor der Wiedererlangung der Freiheit mit einem feinen Sinn für das menschlich Abgründige und die Komplexität persönlicher Beziehungsgeflechte.
Donnerstag, 30. Januar 2025
Indrek Hargla: Apotheker Melchior und der Teufel von Gotland
Verlagsinfo:
Reval, estnisch Tallinn, im Jahre 1433: Apotheker Melchior Wakenstede
wird an das Sterbelager eines wohlhabenden Kaufmanns gebeten, der von
ihm indes keine Arzneien
will, sondern ihn mit der Klärung einer lang zurückliegenden Bluttat
beauftragt. Während er versucht, das Rätsel der Vergangenheit zu lösen,
wird plötzlich sein Lehrjunge ermordet und bald darauf auch Melchiors
Leben bedroht. Wie hängt das alles zusammen mit der Warnung in einem
Brief, die er von seinem Sohn aus Lübeck bekommen hat? Ist der darin
erwähnte Gotlandteufel auf Mord aus? Hat er es auf den Apotheker
abgesehen? Und wieso wird Melchior das Gefühl nicht los, dass für den
Mord an seinem Lehrjungen die falsche Person gehenkt worden ist?
Parallel dazu setzt Melchior junior in Lübeck seinen Lebensweg fort und
versucht seiner großen Liebe Lucia näherzukommen. Kann er die Tochter
des stark verschuldeten Kaufmanns für sich gewinnen? Einmal schon hat er
für seine Liebe einen Mord begangen, muss er es wieder tun?
Mittwoch, 25. September 2024
Riss durch Europa | Rift through Europe
Verlagsinfo:
Mit dem Hitler-Stalin-Pakt begann vor 85 Jahren der Zweite Weltkrieg in Europa. Die Erinnerungen an dieses Abkommen trennt bis heute die Erinnerungsgemeinschaften in Ost und West.
Für die Länder Ost- und Mitteleuropas hatte die Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts am 23. August 1939 schwerwiegende Folgen. Eine Woche später überfiel Deutschland Polen und löste den Zweiten Weltkrieg aus. Nur weitere zwei Wochen später begann auch die Sowjetunion mit Angriffen auf die Länder Ost- und Mitteleuropas. Beide Seiten annektierten gewaltsam Territorien und beendeten die Unabhängigkeit ganzer Staaten. Ihre Besatzungspolitik war von massenhafter tödlicher Gewalt geprägt. Mit dem Angriff des Deutschen Reichs auf Sowjetunion am 22. Juni 1941 endete die Übereinkunft der Diktatoren abrupt. Die Folgen des Pakts aber blieben in Ost- und Mitteleuropa durch die erneute sowjetische Okkupation 1944 und den sich anschließenden Kalten Krieg bis zum Zerfall der Sowjetunion 1991 bestehen. Viele der heutigen europäischen Grenzen gehen auf diesen Pakt zurück. Deshalb leben die Erinnerungen an die Ereignisse von 1939 bis 1941 fort und prägen die Gesellschaft und Politik der Staaten Ost- und Mitteleuropas bis heute. Mit der Osterweiterung der Europäischen Union 2004 wurden diese Perspektiven zwar zunehmend lauter geäußert, dennoch wollen sie bis heute nicht alle hören. Der Band erscheint zur gleichnamigen Ausstellung, die anlässlich des 85. Jahrestags der Unterzeichnung des Paktes ab dem 23. August 2024 im Museum Berlin-Karlshorst gezeigt wird.
Der Band ist zweisprachig - Deutsch und Englisch.
Sonntag, 8. September 2024
Meelis Friedenthal: Die Bienen
Verlagsinfo:
Mit einer Reisetasche und einem neugierigen Papagei kommt der junge
Student Laurentius Hylas Ende des 17. Jahrhunderts im winterlichen
Estland an. Auf der Flucht vor einer düsteren Vergangenheit und dem
Verdacht der Ketzerei macht er sich auf den Weg nach Tartu, der „Stadt
der Musen“. In diesem wissenschaftlichen und philosophischen Umfeld, das
in der Zukunft zum Zeitalter der Aufklärung führen sollte, sucht
Laurentius wie besessen nach einem Heilmittel für die Krankheit, die ihn
quält und die seine Zeitgenossen Melancholie nennen, eine Depression.
Doch je mehr er sich mit Fragen beschäftigt, die er nicht beantworten
kann – Woher kommt die Seele? Welche Beziehung besteht zwischen ihr und
dem Körper? - desto mehr wird er von der Welt des Aberglaubens und der
Heilmittel der Bauern auf dem Land angezogen. Eine Welt, die er schon
als Kind kannte, als er an Hexenjagden teilnahm, und die ihn in Träumen
und Visionen heimsucht. Und eine Welt, die er fürchtet und die sich mit
der Realität zu vermischen beginnt.
Friedenthal taucht tief ins Mittelalter ein, um von der Entstehung eines neuen Zeitalters der Vernunft zu erzählen. Eine Zeit, in der sich die moderne Medizin ihren Weg durch Ängste und den alten Glauben an die Alchemie bahnt. Der dunkle Norden von der strahlenden Antike träumt und von der Harmonie einer Welt, die vielleicht durch eine Sehnsucht nach Licht, Gold und Honig heilen kann.
Dienstag, 21. Mai 2024
Tom Ots: Der Kussbrunnen
Verlagsinfo:
Darf ein russisches Mädchen einen estnischen Jungen küssen? Dies ist
eine wahre Familiengeschichte, so real wie tausend andere Familiendramen
der kleinen baltischen Völker. Sie spielt in den 1950er-Jahren, als
Estland Teil der UdSSR war. Den äußeren Rahmen bildet der Kuss zwischen
einem russischen Mädchen und einem estnischen Jungen. Zur Lösung der
Frage, ob ein solcher Kuss denn erlaubt sei, kommen die Verwandten des
Jungen zu Wort: Lebende und Tote, die die Mutter des Jungen, eine
begnadete Geschichtenerzählerin, in ihren Geschichten auferstehen lässt.
Ihre Schicksale, die dadurch geprägt waren, dass das kleine Volk der
Esten zwischen den beiden großen Mächten Deutschland und Sowjetunion
aufgerieben wurde, werden uns lebendig vor Augen geführt.
Der Held
der Geschichte erfährt, dass Völker nur friedlich miteinander leben
können, wenn die Menschen aufeinander zugehen, wenn sie zwar niemals
vergessen, aber verzeihen können. So geht es in dieser Erzählung um die
Vermeidung von Gewalt und Krieg und letztlich um Liebe zwischen den
Völkern.
Donnerstag, 21. März 2024
Mart Kivastik: Barbarus
Verlagsinfo:
Johannes Vares ist in den 1930er Jahren – der Zeit der ersten estnischen Unabhängigkeit – Arzt und Lokalpolitiker. Unter dem Namen “Barbarus” ist er auch Schriftsteller. Seine Frau nennt ihn “Jungchen”; er heißt sie “Pieps” – Kosenamen aus besseren Zeiten.
Er lernt einen Russen kennen, der ihm bei Übersetzung seiner Gedichtbände riesige Auflagen in Aussicht stellt. Der Gedanke fasziniert Barbarus.
Dann kommt die Sowjetisierung, das Ende der Unabhängigkeit. Bevor sie den Präsidenten Konstantin Päts absetzen und verschleppen können, brauchen die Russen eine Marionette als Ministerpräsidenten: Johannes Vares, Barbarus. Dass er nur Spielfigur ist merkt er, als er für die Befreiung eines inhaftierten Dichterfreundes nichts bewirken kann. Wird die Ehe mit Pieps die Wandlung vom liberal-progressiven Schöngeist zum Erfüllungsgehilfen der Sowjets überstehen? Wird die Marionette überleben?
Freitag, 8. März 2024
Tauno Vahter: Die 11 Fluchten des Madis Jefferson
Verlagsinfo:
Madis Jefferson hält es an keinem Ort, schon gar nicht unter Zwang: Mit Witz und Tempo berichtet Tauno Vahter von einem, der nur auf der Flucht zu Hause ist.
Vahters packendem Schelmenroman liegt die unglaubliche Lebensgeschichte von Johannes Lapmann alias Madis Jefferson zugrunde, der Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Dorf an der Küste Estlands geboren wird. Bereits mit acht Jahren wird Madis in Stockholm aufgegriffen und zu seiner entsetzten Mutter heimgebracht: Er hatte sich als blinder Passagier auf einem Schiff nach Schweden versteckt, weil er mehr von der Welt sehen wollte. Das bleibt nicht die letzte Eskapade des Vagabunden, weitere spektakuläre Fluchtversuche werden folgen und Madis bis in die USA führen – ihm allerdings auch Gefangenschaft in sowjetischen Lagern einbringen. Dieses Buch ist ein hinreißender und tragikomischer Roman über Freiheit und die Frage, wie weit Gesellschaften gehen, um die Freiheitsliebenden zu unterdrücken.
Tauno Vahter - geboren 1978 in Tallinn, lebt in Estland als Verleger, Lektor, Übersetzer (aus dem Finnischen und Englischen) und Schriftsteller. Für seinen Debütroman „Die 11 Fluchten des Madis Jefferson“ erhielt er den renommierten Eduard-Vilde-Preis. In seiner Freizeit ist er aktiv im Quiz-Sport und belegte 2012 mit seinem Team den ersten Platz der European Quizzing Championships.
Sonntag, 15. Oktober 2023
Anti Selart, Mati Laur: Dorpat / Tartu
Verlagsinfo: Als Bischofssitz gegründet, durch den Hansehandel mit Russland reich geworden, dank der Landesuniversität als „Embach-Athen“ gerühmt, sowjetisches Sperrgebiet: Dieses Buch führt seine Leserinnen und Leser durch die spannende und wechselhafte Geschichte der in Estland gelegenen Europäischen Kulturhauptstadt 2024. Weit im Nordosten, nahe der russischen Grenze, scheint Dorpat/Tartu in Estland eine abgeschiedene Provinzstadt am Rande Europas zu sein. Dabei ist die Stadt am Embach/Emajōgi seit ihrer Gründung auf viele Weisen europäisch vernetzt: Zunächst als Bischofssitz im mittelalterlichen Livland (heute: Estland und Lettland) in die Strukturen der römischen Kirche. Als Hansestadt kontrollierte sie mit Riga und Reval/Tallinn den Handel zwischen Russland und dem übrigen Europa. Und seit der Neugründung der Universität 1802 waren ihre Absolventen weit über die Grenzen des russländischen Kaiserreichs gefragte Experten. Doch blieb Dorpat nicht allein Ausbildungsort der deutschbaltischen Eliten, sondern wurde zu einem Kristallisationspunkt der estnischen Nationalbewegung. Die wechselhafte Geschichte des „wohl besten Wohnorts in der Welt“ (Mati Laur), von Aufbau, Zerstörung und Wiederaufbau, schildern die Autoren mit wissenschaftlicher Expertise und estnischem Humor.
Montag, 11. September 2023
Andrus Kivirähk: November
Verlagsinfo:
»November« nimmt uns mit in ein namenloses Dorf in Estland, in eine Zeit, als die Esten den Deutsch-Balten als Leibeigene dienten, und zwar mit einer gehörigen Portion Bauernschläue und Zynismus. Die Bediensteten im Herrenhaus klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist und treiben damit regen Handel …
Veiko Tammjärvs Graphic Novel, basierend auf dem gleichnamigen Kultroman des estnischen Autors Andrus Kivirähk, vermischt Absurdes und Groteskes mit einem einzigartigen Humor und strotzt vor übersinnlichen Elementen, gespickt mit estnischer Folklore und Mythologie. Da gibt es etwa die Geister der Toten, die zu Allerseelen an den Familientisch geladen werden, den Teufel, den man beschwören kann und die Pest, die in mannigfaltiger Gestalt ihr Unwesen treibt. Und nicht zu vergessen sind die aus allen möglichen Haushaltsgegenständen gefertigten ›Kratts‹, die den Esten bei ihren Machenschaften gegen die Obrigkeit helfen.
Donnerstag, 1. Juni 2023
Urmas Vadi: Der Ballettmeister
Roman, aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt. Rote Katze Verlag, Lübeck 2023. 300 Seiten, ISBN 978-3-9824732-5-3, 24 Euro.
Verlagsinfo: Estland 1940. Erst seit 22 Jahren ist der kleine Staat an der Ostseeküste unabhängig, da beenden die Sowjets die Freiheit brutal und verleiben sich das Land wieder ein. Der Präsident Konstantin Päts wird ins Innere Russlands verschleppt. Estnische Patrioten wollen das nicht hinnehmen und entsenden ein paar junge Männer, um den Präsidenten zu befreien. Getarnt als Ballettgruppe machen sie sich auf die weite Reise. Unter der Führung des „Ballettmeisters“, eines Feuerwehrmannes ohne Tanzkenntnisse, machen sie als Ballett Furore – aber erreichen sie ihr Ziel?
Dienstag, 13. September 2022
Denise von Weymarn-Goldschmidt: Von Konkurrenten und Lieblingen
Geschwisterbeziehungen im deutschbaltischen Adel des 18. und 19. Jahrhunderts. Reihe:
Veröffentlichungen des Nordost-Instituts, Band 28, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2022. ISBN: 978-3-447-11865-1, 219 Seiten, 35.00 Euro (D) / 36.00 Euro (A).
Verlagsinfo:
Bis anhin herrschte in der Familiengeschichte vorwiegend eine vertikale,
hierarchische Perspektive. Anhand von autobiografischen Schriften
deutschbaltischer Adliger untersucht Denise von Weymarn-Goldschmidt die
horizontale Ebene in Familiengefügen, nämlich die
Geschwisterbeziehungen. Dabei unterscheidet sie zwischen
Vollgeschwistern, Halbgeschwistern, Stiefgeschwistern und illegitimen
Kindern. Gerade der Umgang mit den illegitimen Kindern verdeutlicht den
Unterschied zwischen nominellem und gelebtem Familienverständnis.
Fokussiert wird zudem der häufig große Altersunterschied zwischen den
Kindern, wodurch die Geschwister teilweise erst im Erwachsenenalter
miteinander vertraut wurden. Weitere Themenfelder, die die Familien
prägten, sind Lieblingskinder, Aufwachsen von Geschwistern in getrennten
Haushalten, das gemeinsame Wohnen von erwachsenen Geschwistern und der
Umgang mit dem Tod von Geschwistern. Der große Altersunterschied
zwischen den Geschwistern führte zu Generationenverschiebungen und in
einigen Fällen zu Ehen zwischen Onkeln und Nichten. Die Folgen für das
familiäre Machtgefüge bei einer generationenübergreifenden Ehe und die
(fehlenden) Bezüge zum Inzestdiskurs werden genauso diskutiert wie die
Rolle von Onkeln und Tanten. Die vorliegende Untersuchung von
Geschwisterbeziehungen liefert ein neues Element zum Verständnis
historischer Familienformen.
Donnerstag, 8. September 2022
Martin Kulinna: Leben am Meer. Entlang der Ostsee.
Verlagsinfo: Seit 30 Jahren zieht es den Fotografen Martin Kulinna immer wieder an die Ostsee. Ihn reizt das Spiel der Elemente: Wasser, Himmel, Erde. Die Ostsee – das Mare Balticum – ist ein Binnenmeer des Atlantiks in Europa. An seinen Küsten leben circa 70 Millionen Menschen, die eine wechselvolle Geschichte miteinander verbindet. Das Land an der Ostsee ist weit. Keine hohen Berge und Gebirge verstellen die Sicht auf das Meer, der Himmel ist blau mit einem unverwechselbaren Grau, welches nur hier zu finden ist. Das Meer hinterlässt Spuren. Es prägt die Menschen genauso wie die Architektur an seinen Küsten. Der Bildband zeigt ausgewählte Orte und Situationen der Ostsee: etwa die motorradfahrenden Frauen auf der Insel Kihnu, die ihren Alltag auf der Insel meistern, während ihre Männer auf See sind oder auf dem Festland arbeiten; die Felsformationen auf der schwedischen Insel Fårö oder die breiten Bernsteinstrände von Lettland.
Samstag, 13. August 2022
Kätlin Kaldmaa: Lydia
Verlagsinfo:
Lydia
kennt in Estland sprichwörtlich jedes Kind: Die Gedichte der Autorin
Lydia Koidula gehören im Land zum Schulstoff, ihre Lieder werden an
grossen Volksfesten gesungen.
Doch von vorne: Lydia kommt 1843 in
Värna zur Welt. Den estnischen Staat, wie wir ihn heute kennen, gibt es
zu dieser Zeit noch nicht. Das Gebiet steht unter der Herrschaft des
russischen Zaren. Von der Mutter lernte Lydia Deutsch. Ihr Vater
wiederum wirkte als Lehrer und Journalist und gründete die erste
Tageszeitung in estnischer Sprache. Wörter, Sprache, Geschichten und
Gedichte werden Lydias Leidenschaft. Schon früh setzt sie sich aber auch
für Freiheit und Selbstbestimmung ein – das estnische Volk wird seit
Jahrhunderten von fremden Mächten unterdrückt.
Lydias Wunsch an der
Universität zu studieren geht nicht in Erfüllung, Frauen sind zum
Studium nicht zugelassen. Aber Lydia wird Lehrerin und mit 20 Jahrren
die rechte Hand des Vaters in der Zeitungsredaktion. Mit 22
veröffentlicht sie ihr erstes Buch, mit 25 Jahren organisiert sie das
erste estnische Sängerfest. Sie setzt sich nicht nur für die
Selbstbestimmung der Esten ein, sondern steht für Weltoffenheit, lernt
Finnisch, heiratet einen Letten und lässt sich im russischen Kronstadt
nieder. Als ihre Kinder sie eines Tages fragen, wo sie zu Hause sei,
sagt Lydia: «Mein Herz ist auf der ganzen Welt verteilt.»
Die
Unabhängigkeit Estlands erlebt Lydia Koidula selbst nicht mehr. Doch
ihre Werke leben bis heute weiter. Geschickt bettet die Autorin Kätlin
Kaldmaa die persönliche Lebensgeschichte in die wechselvolle Geschichte
des Landes ein. Dabei setzt sie den Schwerpunkt auf das Kind und die
Jugendliche Lydia und verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart, das
Persönliche mit dem Universellen. Jaan Rõõmus’ Illustrationen sind
federleicht und kraftvoll zugleich und setzen Lydias Geschichte lyrische
Akzente auf.
Die Autorin: Kätlin Kaldmaa (*1971) ist eine estnische Schriftstellerin, Übersetzerin und Literaturkritikerin. Bereits in ihrer Kindheit in der estnischen Provinz waren Bücher ihre große Leidenschaft – und eine gute Erklärung, wenn sie wieder einmal mit der Gartenarbeit nicht fertig geworden war. Später studierte sie estnische Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Englisch. Ihre zahlreichen eigenen Publikationen umfassen Gedichtbände, Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Dem Buch »Lydia« liegt eine mehrjährige Recherche zugrunde.
Der Illustrator: Jaan Rõõmus (*1990) hat Graphic Design an der Estnischen Akademie der Künste studiert. Er ist ein Illustrator, der gerne mit unterschiedlichen Techniken und Stilen experimentiert, um für jedes seiner Werke den passenden Ausdruck zu finden. Er setzt von der traditionellen Füllfeder und Tinte bis zur digitalen Technik alles ein, um seine vielseitigen Werke lebendig werden zu lassen. Jaan Rõõmus lebt und arbeitet in Tallinn.
Dienstag, 18. Januar 2022
Asche / Buchholz / Niendorf / Schiele / Schindling (Hrg.): Protestantismus in den baltischen Landen und in Litauen.
Verlagsinfo:
Noch in der Frühen Neuzeit gehörten die protestantisch geprägten Lande
Estland, Livland und Kurland mit ihrer jeweiligen deutschen Minderheit
auf der einen und das weitgehend katholische Litauen auf der anderen
Seite unterschiedlichen politischen Systemen an. Ende des 18.
Jahrhunderts waren sie zu Provinzen des Russischen Reiches geworden,
zuletzt Kurland und Litauen 1795. Während innerhalb der kleinen
deutschen Minderheit die tradierten sozialen Schranken im 19.
Jahrhundert bestehen blieben, setzte mit den Nationalbewegungen von
Esten, Letten und Litauern eine Dynamik ein, die im Ergebnis zur
Gründung der unabhängigen „baltischen“ Republiken Estland, Lettland und
Litauen am Ende des Ersten Weltkriegs führte. Seitdem wird die Region
der drei „baltischen Staaten“ im Deutschen als „Baltikum“ bezeichnet. Um
diese Entwicklung nachzuzeichnen und dabei möglichst viele ihrer
politischen, konfessionellen und kulturellen Aspekte und
Erscheinungsformen darzustellen und zu analysieren, kamen im Herbst 2013
im Tübinger Evangelischen Stift Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler der Disziplinen Musik-, Sprach-, und
Literaturwissenschaft sowie Kunst-, Religions-, Kirchen- und
Profangeschichte aus Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Polen,
Schweden und Deutschland zu einem Symposion zusammen, aus dem der
vorliegende Band hervorgegangen ist.
Autoren: Matthias Asche, Professor für Allgemeine Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Potsdam, Werner Buchholz, emeritierter Professor für pommersche Landesgeschichte und Landeskunde an der Universität Greifswald, Mathias Niendorf, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Greifswald, Patrick Schiele, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Anton Schindling †, emeritierter Professor für Mittlere und Neuere Geschichte (Frühe Neuzeit) an der Eberhard Karls Universität Tübingen


















