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Freitag, Mai 09, 2025

irgendwie gut

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Musikalische Lehrstunde

"Es ist sooo gail!" Die estnische Musikerin Kadri Voorand sitzt am Piano und hält Zweige in die Luft, die aussehen wir dürre Nadelhölzer. Das Konzert wird unterbrochen, es werden Zweige im Publikum verteilt. Kadri Voorand singt von der estnischen Natur, von Vater und Mutter, von der Liebe. Auch von estnischen Traditionen und wundervollen Gerüchen, die gerade diese Zweige - frisch entnommen der estnischen Natur - verströmen sollen. Ein ganz besonderes Musikerlebnis - die Konzertgäste zeigen sich bewegt bis irritiert. Schon an vielen Orten in Deutschland ist die estnische Musikerin zusammen mit dem Bassisten Mihkel Mälgand aufgetreten, aber "Musik durch die Nase" wurde wohl noch nie geboten. Wir befinden uns auf der "Baltic Night" im "Zentrum für Kunst" in Bremen, ein Ereignis, aus dessen Anlass erstmals im Rahmen der Messe "Jazzahead" an einem Abend nacheinander estnische, dann lettische und schließlich litauische Musikerinnen und Musiker ihren Auftritt hatten. 

Naturkalender am Kräuterpiano

Kadri Voorand erzeugt Nachwirkungen. Natürlich lassen uns die dargebotenen wohlriechenden "Zauberpflanzen" keine Ruhe. Nein, wie man vielleicht denken könnte, Wacholder (estn.= "kadakas") ist es diesmal nicht. Kadakas wäre ja auch zum Beispiel auf Hiiumaa in Geschenkpackungen als Seife oder Duschgel erhältlich. Oder als Wacholdersirup aus Saaremaa, nicht zu vergessen die alkoholische Variante, die heutzutage meist nur noch "Gin" (džinn) genannt wird.

Diesmal geht es aber um etwas anderes. Kadri Voorands Ausruf "sooo gail" war nicht einfach als Anbiederung an das deutschsprachige Publikum gemeint, sondern bezieht sich auf den estnischen Pflanzennamen: Sookail (ledum palustre). Der estnische "Looduskalender" (Naturkalender) verknüpft die Informationen zu dieser Pflanze gleich mit einer Warnung: "Wenn man draußen in einem Zelt übernachtet kann man davon ziemliche Kopfschmerzen bekommen und sogar krank werden", so die Warnung. Dem gegenüber steht als Empfehlung: "nur für den Schutz vor Motten geeignet". Der "Sookail" ströme ätherische Öle aus von "schwindelerregenden atemberaubenden Geruch" (maakodu). 

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Wahnsinnig berauschend, oder was?

Wer hat in Deutschland schon einmal "Sumpfporst" gesehen oder gerochen? Die Pflanze wächst bevorzugt in Hochmooren, auf nassen und kalkfreien Torfböden, und wurde früher zur Heilkunde verwendet, heißt es - nun aber wegen giftiger Bestandteile nicht mehr. Ein Relikt der Eiszeit. In Deutschland inzwischen, vor allem im Süden und Westen, nahezu ausgerottet (meint Wikipedia). "Der Inhaltsstoff Ledol hat oral eingenommen eine stark berauschende und narkotische Wirkung mit agressivem Charakter" (similasan). Ist das etwa der Grund, warum es so viele gruselige Geschichten von Menschen gibt, die orientierungslos im Moor herumgeirrt sind – vielleicht haben sie alle Sumpfporst gerochen …?

In Estland wie in Lettland kommt Sumpfporst aber noch derartig häufig vor, dass überall Warnungen zu lesen sind: Die Anwendung in der Naturheilkunde sollte mit ihrem Arzt oder Apotheker abgesprochen werden! Gleichzeitig wird online Abhilfe versprochen: "hierzu beraten Sie unsere Apotheker gerne" (meine-teemischung - 100g Sumpfporst kosten hier 20 Euro). An anderer Stelle kann Ähnliches mit dem englischen Begriff 'Labradortee' erworben werden. In Estland oder Lettland ist "Sumpfporst-Tee" (lettisch:"Purva vaivariņš") bei den verfügbaren Teemischungen relativ leicht zu finden und frei verkäuflich: Rezept: 5 Gramm Blüten und Blätter, in einem Glas mit heißem Wasser aufgießen und 15 bis 20 Minuten ziehen lassen (mammauntetim). So verschreibt es der lettische Arzt Artūrs Tereško als "Phytotherapie" (Kräutermedizin). Das "Estnisches Etymologie-Wörterbuch" (ETY) weist darauf hin, dass Estinnen und Esten in früherer Zeit die Kenntnisse zu dieser Pflanze und der estnischen Bezeichnung dafür eher nicht von den Deutschen, sondern von den Schweden übernommen hätten.

Wie wir in der "Livländischen Gourvernementszeitung", Ausgabe 2.7.1858 bereits nachlesen können, wurde Sumpfporst zur Herstellung von Bier verwendet, bevor im 13. Jahrhundert sich der Gebrauch von Hopfen immer mehr durchsetzte. "Im nördlichen Europa und Schweden war es früher in Gebrauch, dem Malztrank durch Ledum palustre (Sumpfporst, wilder Rosmarin), eine dort gewöhnliche Haidepflanze, Bitterkeit und eine Art von Stärke mitzutheilen." Auch die Wirkung wird beschrieben: das Bier "steige ungewöhnlich nach dem Kopfe", und auch Kopfschmerz, Ekel, und "bei übermäßigem Trinken sogar Wahnsinn" könne auftreten.
Nun ja, in Deutschland wird nur sehr selten jemand einen Strauch "Sumpfporst" von einer Wanderung mitbringen - er wäre wohl auch verboten, da es sich um eine in Deutschland streng geschützte Art handelt. Sogar Portale wie "Mein schöner Garten" geben zu, dass die Pflanze wohl unter dem Torfabbau stark zu leiden hatte. Ist das Biotop erst mal weg, kommt auch der Porst nicht wieder (nur beim Kauf im Gartencenter).

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Porst ins Bier, das rat ich Dir

Es wäre in diesem Zusammenhang aber noch ein weiteres Fachgebiet zu entdecken: die Herstellung von "Grutbier". Die "Brauwelt" berichtet: "Am 1. Februar 2025 feierten Craft Bier-Fans auf der ganzen Welt den 13. International Gruitday. Dieser Tag ist der Feiertag des Grutbieres, eines Bieres gebraut mit Würzkräutern anstelle oder in Ergänzung des Hopfens, so wie es im Mittelalter Brauch war." Bezug genommen wird hier auf lateinische Quellen des Mittelalters, in denen "Grut" gleichbedeutend gewesen sei mit "fermentum, materia, levarentur und pigmentum" - also: Substanzen zur Herstellung von Bier. (Brauwelt) Genauer gesagt: als häufigste Zutaten zum Bier galten damals "Gagel und Porst" (Gagelstrauch und Sumpfporst). Gleichzeitig wird zugegeben: wer damals noch über "Gagel und Porst" hinausgehen wollte, griff auch zu Fliegenpilz, schwarzem Bilsenkraut, Tollkirsche und Stechapfel - alle mit (mindestens) halluzinogenen Eigenschaften. Wir ahnen die Bedeutung eines "Reinheitsgebots", auf dessen verschiedene Traditionen ja besonders das bayrische Bier besonders stolz ist.

Bei "Hopfenhelden" wird nicht ohne Stolz auf heutige Hersteller von "Grutbier" verwiesen, so ungefähr nach dem Motto: hast Du eine Kräuterwiese, kannst Du auch Grutbier brauen. "Porst" wird dabei allerdings nicht erwähnt, denn, wie gesagt: in Deutschland gibt es ihn beinahe nicht mehr, und er steht unter Artenschutz. Dennoch, wer's kräuterhaltig mag: Wohl bekommt's!

Eine Erkenntnis: beim Genuss von estnischer Musik können wir einiges lernen - wenn wir nur richtig hinriechen. Vielleicht nicht "super-geil", aber irgendwie gut.

Montag, Januar 20, 2025

Aber bitte mit Sahne!

Manchen mag es ja als gute Regel gelten, von fremden Sprachen jeden Tag ein neues Wort zu lernen. Also nehmen wir uns auch mal wieder etwas Estnisches vor: Vastlakukkel. Die Bäckereien Estlands melden bereits seit Jahresanfang unruhige Kundinnen und Kunden, denn bald beginnt die Jahreszeit für diese Köstlichkeit - so meldet es die estnische Presse. (err)

Süße Jahreszeiten

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Doch was ist das? Kommt uns dies nicht irgendwie bekannt vor? Zumindest wer nur die Abbildung sieht, könnte sich an verschiedenes erinnern, das auch in deutschen Landen bekannt ist: ein "Berliner" mit Sahne? Oder vielleicht ein "Berliner Pfannkuchen"? Ein Krapfen? Ein Kräppel oder Puffel? 

Irgendwo scheint es auch mal die Bezeichnung "Faschingskrapfen" oder "Fastnachtsküchle" gegeben zu haben - und da sind wir dann offenbar auf der richtigen Spur.  

Und es gibt auch Spuren nach Skandinavien: "semla" (Schwedisch), "fastlagsbulle" (finnlandschwedisch), oder "laskiaispulla" (finnisch). Teilweise mit Füllung, teilweise mit heißer Milch serviert, heißt es.

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"Shrove croissants" in Tallinn

Fasten, oder schlemmen? 

Und eben das estnische "vastlakukkel". Das estnische Wikipedia meint dazu: "traditionelles Gebäck, das in Skandinavien, Island, Finnland und den baltischen Ländern am Neujahrstag vor dem Fasten hergestellt wird. In Estland sind diese Brötchen vor allem als Neujahrsessen bekannt." Hinzugefügt wird hier, dieses Gebäck sei vor allem in Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark, Island, den Färöer-Inseln, Estland, Lettland, Litauen und "einigen Regionen Deutschlands" bekannt. Ok, vielleicht ist das estnische Selbstbewußtsein ja in diesem Fall ähnlich hoch wie beim Marzipan - von dem ja auch behauptet wird, es sei in Tallinn erfunden worden (siehe Jaan Kross: "Marts Brot"), und nicht etwa in Lübeck. Also: etwas sehr estnisches .... und irgendwo in Deutschland auch noch. 

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Ein "Vastlakukkel" wird, gemäß der estnischen Beschreibung, aus Hefeteig plus evtl. Schlagsahne, Kardamom, Marzipan, Mandelbrösel oder Vanillecreme hergestellt. Dazu wird uns erklärt, dass die strenge Einhaltung der Fastenzeit "nach der Reformation verschwunden sei" (offenbar gilt das für Estland). Heute seien diese "Neujahrskuchen" von Januar bis Ostern in vielen Lebensmittelgeschäften und Konditoreien in Estland zu haben.

Geht weg, wie warme ...

Durchschnittlich 100 Stück Vastlakukkel, am Wochenende bis zu 200 verkauft derzeit die Bäckerei "La Boulangerie" in Tallinn, verrät der Eigentümer (ERR) - obwohl der Slogan gerade dieser Bäckerei eher "ein Stück Frankreich in Estland" ist. Und Kenneth Karjana, Eigentümer der Bäckerei "Karjase Saia" sagt, er würde dieses Gebäck "die ganze kalte Jahreszeit durch" herstellen (dort angegeboten als "Shrove Croissants"). Ob man nun den Stückpreis von 4-5 Euro akzeptabel findet, ist wohl den Genießerinnen und Genießern zu überlassen. Der Bäcker selbst scheint Sorge zu haben, ein Preis von über 5 Euro könne "sich eine estnische Familie nicht mehr leisten". (ERR)

In einem früheren Beitrag ist bei ERR dann allerdings doch zu lesen, die Esten hätten diese Tradition wahrscheinlich doch eher von den Deutschen übernommen, die zu früheren Zeiten im Lande gewohnt hätten. So wird wohl die Behauptung von "nach der Reformation verschwunden" eher zu "mit dem Ende der deutschen Vorherrschaft verändert". Professorin Reet Bender, Expertin für deutsche Sprache und Kultur, führt das auf Rezepte aus dem 18. Jahrhundert zurück, wo es als "heiße Wecken" in Estland verkauft worden sei. Die Deutschbalten hätten es früher sogar gern mit Rosinen und sogar Rosenwasser gebacken. Die Sahne sei dann in den 1920iger und 1930iger Jahren dazugekommen, denn Estland, als Agrarland, habe damals ausreichend viel davon produziert, und man habe es dann zu vielen Speisen hinzugenommen. Heute sei es ja manchmal auch ein Massenprodukt, so Bender, aber zu Hause könne es natürlich jeder und jede gern so üppig wie gewünscht herstellen.

Frisch empfohlen

Auch einige "Influencer" und Blogger haben das Gebäck schon entdeckt. Beim "Schneehörnchen" heißt es "auf zum Semlor essen"; die estnische Variante wird erwähnt, das Rezept ist wohl eher schwedisch. "Nordic Estonia" präsentiert "Vastlapäev" mit dem zugehörigen Gebäck, versteigt sich aber beim Blick aufs Nachbarland Lettland darauf, dasselbe würde dort "vēja kūkas" ("Windkuchen") heißen - nun ja, da sind wir doch eher beim Windbeutel, Elair, oder Blätterteig (ich kenne es aus Riga mit der Bezeichnung "Vēcrīga", Rezept hier). Die Sahne kommt hier nicht drauf, sondern hinein. 
"Estoniancuisine" klärt uns darüber auf, dass es in Estland zwei Fraktionen gäbe: die einen meinen, es gehöre ausschließlich Schagsahne auf den Vastlakukkel, aber die anderen wollen auch Marmalade drauf haben. Und eine Regel: lieber ein frisch gebackener Vastlakukkel am Morgen, als zehn alte pro Tag. Wie auch immer: nicht nur zur Fastenzeit ...

Sonntag, Dezember 13, 2020

Denk ich an Deutsche, wird mir Nacht ...

ImageEin Roman von Ungern-Sternberg - nein, kein Stück Literatur. Eher ein Stichwort für Spezialisten. Vielleicht müssen da erst einmal die "basics" erklärt werden: Ungern-Sternberg = deutschbaltisches Adelsgeschlecht. Zunächst "von Ungern", ab 1593 mit dem Zusatz "Sternberg". Eine Sippe voller Mythen und Geschichten, eine davon war einmal, sie kämen "aus dem Lande der Ungern". Unter den heute bekannten Persönlichkeiten sind unter anderem die Journalistin Christina von Ungern-Sternberg, oder der Diplomat Michael Freiherr von Ungern-Sternberg die öffentlich sichtbarsten Figuren. Vielleicht auch noch der Historiker Jürgen von Ungern-Sternberg. Aber "Roman" taucht erst kürzlich wieder in den Schlagzeilen auf - in der estnischen Presse (err). 45.000 Euro will die estnische Regierung für ein Denkmal bereitstellen. Da gilt es herauszufinden, welche Art Gedenken hier gemeint sein könnte.  
 
Als Kommandeur einer Teilgruppe der Weißen Armee, die im Russischen Bürgerkrieg (1918-22) gegen die Bolschewiki kämpften, besetzte "Roman" Anfang 1921 die Äußere Mongolei, woraufhin er vom Bogd Khan den Titel eines "Khan der Mongolei" verliehen bekam. Nach etwa sechs Monaten wurden seine Truppen von der Roten Armee zerschlagen. Ungern-Sternberg selbst wurde gefangen genommen - von seinen eigenen Leuten an die Rote Armee ausgeliefert - und nach kurzer Zeit hingerichtet.

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Geschichten über seine Person werden demzufolge auch in der Mongolei diskutiert: früher mordender Antikommunist, neuerdings eher Bekämpfer der chinesischen Herrschaft? Starke Mythenbildung rund um seine Person - meint auch Mongolei online. Aber, wir lesen dort auch von unverhohlener Brutlalität seines Vorgehens. Der russische Schriftsteller Leonid Jusefowitsch bezeichnet Roman von Ungern-Sternberg als "Ideologen der Brutalität". 

Als Nikolaus Robert Maximilian am 10. Januar 1886 geboren, nannte sich der Sohn von Baronness Sophie von Wimpffen und ihres Mannes Baron Leonhard von Ungern-Sternberg später "Nikolai Roman Fjodorowitsch". Nachdem sich die Eltern scheiden ließen, blieb der Sohn bei der Mutter, und lebte nach deren zweiter Ehe mit Baron Hoyningen-Huene auf desse Gut Järvakanki (Järwakand). Schon als Schüler des Nikolaus-Gymnasiums Tallinn (damals Reval) soll er bekannt dafür gewesen sein, niemals irgendwelche Regeln zu akzeptieren: regelmäßig Schulbücher aus dem Fenster zu werfen, um dann, vorbei an seinen hilflosen Lehrern, den Büchern nachzurennen und nicht wieder zurück zu kommen, war da noch eine der harmlosesten Marotten (Wimpfen-Geschichte). Sein Stiefvater erbat dann seine Aufnahme in die Marineakademie St.Petersburg, wo er ebenfalls durch endlose Disziplinlosigkeiten auffiel. Er meldete sich dann freiwillig zur Russischen Armee (James Palmer: der blutige weiße Baron / die-andere-Bibliothek). 

Seit seinem Tod am 17. September 1921 in Nowosibirsk wurde dieser von den meisten eher gefürchtete Mensch schon vielfach zur Figur in Büchern. Mit unterschiedlicher Konotation: als paranoider Narzist, hemmungsloser Antisemit, entfesselter Warlord, heldenhafter Vorläufer des Führers Adolf Hitler, Dschingis Khan für ein halbes Jahr, oder doch eher eine Mischung aus Don Quichote und Iwan dem Schrecklichen? Warum aber will Estland so einer Person nun unbedingt ein Denkmal bauen?

Das beruht offenbar auf einer estnische Vereinigung mit dem Namen "Ungern Khan", sowie die "Sinine Äratus" (Blaues Erwachen), die der Partei EKRE nahesteht. Noch am 1. Dezember meldete der estnische Nachrichtenkanal ERR, die Partei würde die Errichtung eines Denkmals für Roman von Ungern-Sternberg finanziell unterstützen wollen. "Wir haben das Recht, Projekte zu unterstützen, die unseren Werten entsprechen", so Finanzminister und EKRE-Parteichef Martin Helme dazu. Einen Tag später erklärten die Vertreter von "Sinine Äratus" ihren Verzicht auf die Staatsgelder (err) - aber nicht auf das Denkmal. 
Wollen wir wirklich wissen, welcher estnische Bürgermeister (oder Bürgermeisterin) ein solches Denkmal gerne errichtet sehen will? Oder welche Organisationen in Deutschland dazu vielleicht applaudieren würden? Liebes Eestiland, wir hoffen, du bist noch nicht so tief gesunken, dass du solche zwielichtige "Helden" brauchst ...

Freitag, November 29, 2019

Deutschbalten ins Museum?

Viele behaupten ja, die Geschichte der Deutschbalten - also der deutschen Minderheit, Ex-Oberschicht in Estland und Lettland - hätte mit der erzwungen-freiwilligen Aussiedlung "Heim-ins-Reich" 1939/40 geendet. Historisch gesehen ist das sicher richtig - auch wenn es heute noch Personen und Organisationen gibt, die an "deutschbaltisches Erbe" nicht nur erinnern wollen, sondern auch nach Konzepten suchen diese Traditionen heute, von welchem Ort aus auch immer, fortsetzen zu können. Marika Valk, Kunsthistorikerin und Direktorin der Museen in Lihula and Hanila, schlägt nun vor: gründen wir in Estland ein Museum für die Deutschbalten! (err / Lääne Elu)

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Valk, die auch schon beim Aufbau des Museums für moderne Kunst in Tallinn (KUMU) beteiligt war, will ihren eigenen Worten zufolge damit eine bessere Verfügbarkeit des Wissens über die Geschichte der Deutschbalten erreichen - aus estnischer Sicht, so würden es die Deutschbalten selbst wahrscheinlich kommentieren. Während Valk eine "Informationsdatenbank" vorschlägt, "eine Sammlungen mit Informationen über Häuser, Kunstwerke, Bildung, Theater der Deutschbalt/innen, dazu entsprechende Forschungsergebnisse", könnte dieser Vorstoß für manche traditionsgebundenen Funktionäre der deutschbaltischen Verbände auch ein wenig befremdlich wirken. So versuchen doch die meist auf ihren alten Traditionen beharrenden Verbände gern nur immer sich selbst das Zentrum aller deutschbaltischen Bezüge zu Estland hinzustellen: ob nun Herder-Institut Marburg, Carl-Schirren-Gesellschaft und "Nord-Ost-Institut" in Lüneburg, Deutsch-Baltische Gesellschaft (ehemals "Deutsch-Baltische Landsmannschaft") in Darmstadt, oder die immer noch existierende "Estnische Ritterschaft" - vom Brömse- bis zum Baltenhaus sammeln alle fleißig neue "deutschbaltische" Mitstreiter.

Dabei verstehen sich die Mitglieder solcher Organisationen offenbar nicht einfach als "Deutsche", sondern vielmehr als "Angehörige einer Gemeinschaft mit verbindenden Wertvorstellungen" (Zitat "Estnische Ritterschaft"). Allerdings beschränken sich die Aktivitäten solcher Reste alter Strukturen meist auf gelegentliche Reisen in die alten Heimat, Pflege alter Gräber und humanitäre Hilfe.
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Deutschbaltische Archive - bald mit estnischem Standort?

Nun will Frau Valk bereits über ihre Idee mit deutschbaltischen Organisationen (mit welchen genau, das lässt sich aus den Pressemeldungen nicht herauslesen) gesprochen haben. Auch die lettische Presse hat den Vorschlag bereits aufgenommen und weiter verbreitet (Latvijas Avize). Können wir also zukünftig mal einen neuen Blick auf deutschbaltische Kulturgeschichte erwarten, diesmal aus der Sicht der (von Oberschichtgehabe) betroffenen Völker? Das wäre doch mal etwass Neues - und könnte uns vielleicht doch die eine oder andere der verkrusteten Strukturen in Deutschland überflüssig machen. Und auf Konferenzen und Tagungen würden nicht mehr Deutschbalten "über sich selbst" referieren, sondern endlich nur noch richtige Wissenschaftler/innen. Puuh - hoffentlich ist das jetzt nicht wieder eine zu klare Sprache.Auf gehts, Frau Valk!

Mittwoch, Januar 16, 2013

POLL bei ARTE

Angesichts der kürzlich stark angestiegenen Leserzahl des alten Blogbeitrags zum Film POLL (siehe "Untergang in Estland") hier auch für die anderen der Hinweis: der Film läuft heute (16.Januar) 20.15 Uhr bei ARTE. (Wiederholung Samstag nacht, 19.1., 2.35 Uhr)
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Montag, Januar 31, 2011

Halbbaltische Kakophonie oder: Eine Großtante wird mißbraucht ...

Mit dem Verlust des Siedlungszusammenhangs ging die "deutschbaltische Kultur" endgültig unter, wird im Begleitmaterial zum Film POLL geschrieben. Ich frage ehrlich in die Runde: Was war (oder ist) eigentlich die "deutschbaltische Kultur", was macht(e) sie aus, worin unterschied sie sich von der deutschen "Rein-"kultur? Wenn es eine eigene deutschbaltische gab, gibt sie der Film Poll auf jeden Fall nicht wieder bzw. zeichnet eine falsche.

Frank von Auer ist Estländer, also in Estland geboren. Er hat nicht nur Oda Schaefers Tagebuch gelesen („Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren“ ist übrigens sehr wohl im Buchhandel zu erhalten!), das ein völlig anders deutschbaltisches Milieu zeichnet. Unter dem Titel: "Eine Großtante wird mißbraucht" schreibt er wie folgt:

"Oda Schaefer zeichnet nicht unkritisch, aber in warmen Farben das Bild einer deutschbaltischen Gesellschaft, auf der die Vorahnung des Ersten Weltkrieges lastet. Dennoch floss „das Leben auf dem Gut gleichmäßig dahin, sanft und mit kleinen Geräuschen wie ein Bach unter Gras und Farnen“. Der Film entwirft eine andere Szenerie, suggeriert jedoch, er spiegelte die Realität des Lebens im Baltikum, gaukelt über historische Namen wie Oda, Poll oder Kügelgen Authentizität vor. Chris Kraus (ein Großneffe Oda Schaefers) bezeichnet den Film als „historisches Drama“.

Aber mit der Geschichte steht er auf Kriegsfuß: Er verlagert die nationalen und kommunistischen Aufstände der Esten und Letten mit den Strafexpeditionen des russischen Militärs und des deutschbaltischen Selbstschutzes aus den Jahren 1905/1906 (siehe auch: Edzard Schaper in seinem Roman „Der Henker“) in die Vorkriegszeit 1914, die relativ ruhig war. Wie in jeder guten Schnulze sind die Aufständischen von adeligem Gemüt, ermordete Adlige und Pastore eigentlich selber schuld und nur die Strafexpeditionen blutig.

Das Leben auf einem baltischen Gutshof wird zur Karikatur: Kein Baron tummelte sich vor dem Dienstpersonal in einer Badeszene, kein Baronssohn wurde sadistisch bestraft und keinem Verwalter bei Tische angedroht, ihm „den Arsch zu versohlen“. Zumindest vor den Kindern und Damen wurde die Form gewahrt. Großtante Oda Schaefer erzählt dafür ein heiteres Beispiel: Als „der braungefleckte Jagdhund“ im Schlaf „bei geschlossenem Maul dumpf bellte oder absonderliche Geräusche und Gerüche von der entgegengesetzten Seite entweichen ließ“, durften „wir Kinder nicht darüber lachen, das wäre unanständig gewesen“. Der Film zeichnet aber ein Milieu, das mit einem baltischen Gutshaus wenig zu tun hat.

Von der Fähigkeit so mancher Deutschbalten zur ironischen Selbstkritik, zum Umgang miteinander auf einer zweiten Ebene, also zum "Pliggern", ist nichts zu spüren. Im Film sind sie durchweg humorlose, wenig sympathische Typen einer morbiden Gesellschaft.

Das Gutshaus stellt Chris Kraus auf Stelzen ins Meer – eine ebenso imposante wie realitätsferne Kulisse. Es hätte keinem Herbststurm getrotzt. Ach, hätte er doch die gewiss nicht geringen Kosten für die Renovierung eines der verfallenden Gutshäuser genutzt!

Die Schauspieler sollen sich des baltischen Idioms bedienen – pflegen jedoch ein merkwürdiges Kauderwelsch, in dem z.B. das G auch vor dunklen Vokalen wie J gesprochen wird (janz statt ganz, jut statt gut). Hätte der Regisseur seine Schauspieler intensiver üben lassen, wäre diese halbbaltische Kakophonie mit ihren falchen Eis zu vermeiden gewesen.

Eine historische Realität spiegelt der Film nicht. Aber muss er das? Ja, weil er selbst diesen Anspruch erhebt, aber den Zuschauer täuscht. Nein, weil alle Einwände aus deutschbaltischer Sicht nur Teilaspekte betreffen, der von einer etwas unbedarften Kritik als Kunstwerk gerühmt wird. So bleibt nur, sich ihn selbst anzusehen: sich über den Missbrauch einer Großtante, historische Fehlinformationen und falsche Milieuschilderungen zu ärgern oder - sich über die eindrucksvollen Bilder und Schauspieler eines filmischen Kunstwerkes zu freuen.

Untergang in Estland

Blaugraue Farben, von allgegenwärtiger Feuchtigkeit abblätternder Putz, notdürftige Stützbalken - auch ein Gebäude kann symbolisch für einen kommenden Untergang stehen. Nur notdürftig aufrechterhaltene Harmonie der Familie, gewaltsame Männer und mühsam das Ansehen wahrende Frauen - diese sommerlichen Tage an der estnischen Küste sind hier weit entfernt von erholsamer Sommerfrische. 1914 wurde in Estland einer der ersten (estnischen) Filme gedreht: "Bärenjagd in Pärnumaa" - ein Sängerfest froh gestimmter Esten gab es im Jahr des Kriegsausbruchs nicht (nach 1910 erst 1923 wieder).

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Edgar Selge, Paula Beer, Jeanette Hain und Chris Kraus
am 28.1. bei der Filmpremiere in Hamburg
2010 ist das Jahr, in dem "Poll" fertiggestellt wurde. Im weitesten Sinne spielt dieser Film ebenfalls in "Pärnumaa" (siehe auch "Westsee"). 14 Jahre war die Nachwuchs-Schauspielerin Paula Beer bei den Dreharbeiten, in etwa dieselbe Zeitspanne brütete der Regisseur über dem Drehbuch bis es zur Realisierung reichte. Keiner der noch bestehenden alten Gutshofsgebäude in Estland reichte ihm für eine Umsetzung, zwei Jahre sei er in verschiedenen Ländern Osteuropas herumgereist auf der Suche nach einem geeigneten Drehort, so Chris Kraus am 28.1. bei der Filmpremiere in Hamburg. Auch die Deutschen, die Estland bereits kennen, müssen sich während dieses Films damit abfinden, dass weder die vielleicht bedeutsamen Kulturleistungen von in Estland als Oberschicht etablierten Deutschen hervorgekramt werden, noch die für den müden Städter attraktiven Landschaften des Naturtourismus.

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Premierenbesucher
Ein Hilfsmittel zum Verständnis, was diesen Film eigentlich ausmacht, ist auch der englische Titel "Poll diaries" (Poll Tagebücher). Die realen Aufzeichnungen der Oda Schäfer - leider soweit ich weiß nicht öffentlich zugänglich - sind der rote Faden, nach dem das Drehbuch auch während der Produktion etliche Male umgeschrieben wurde. Es geht also nicht um das Bemühen, einen Zeitabschnitt (also den Ausbruch des 1.Weltkriegs) aus estnischer oder deutschbaltischer Sicht zu zeigen. Es geht vielmehr um die Absicht des Drehbuchschreibers, die seiner Ansicht nach vorhandenen Lücken in Oda Schäfers Schilderungen mit Leben füllen zu wollen. "Meine ganze Familie ist absolut gegen den Film", bekennt Kraus in einem Interview mit Michael Guillen für "Twitch". Sein früherer Berufswunsch, Historiker zu werden, ist inzwischen vom Rampenlicht erleuchtet. Die Suche nach Fakten und Hintergründen ist von der Lust am Ausmalen von Geschichten, am ins Bild setzen von Träumen und Visionen, und vom Bestreben nach Unterhaltung des Publikums erfüllt - sogar von dem Gefühl der Zufriedenheit, durch gute Teamarbeit sogar große Projekte stemmen zu können. Das werden ihm die Deutschbalten entschuldigen müssen. Bestes Argument: ein guter Film.

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Paula Beer
Nach dem Kinobesuch bleiben zunächst die Eindrücke der sehr gelungenen Dinge vorherrschend. Monumentale Bilder einer untergehenden, rätselhaft verschrobenen Welt. Eine herausragende Figur der Oda, die das große Lob für die Darstellung ihrer Rolle sicher nicht nur an ihr Schauspielcoaching weitergeben sollte, sondern auch an Maske, Szenenbild und Kamera. Chris Kraus drehte mit einem überwiegend weiblichem Team (noch eine Feststellung von Michael Guillen). Das Erstaunliche liegt auch im Spektrum der emotionalen Herausforderungen, die sich Oda stellen muss: manchmal eher einer 14-Jährigen gemäß, manchmal eher eine 40-Jährigen. 

All das setzt der Film auf beeindruckende Weise ins Bild. Vielleicht bestand auch die Befürchtung der Filmemacher darin, die Zuschauer könnten zunächst Zweifel an Oda bekommen, und dann Zweifel an der zugrundeliegenden wahren Geschichte. So hat man es erst gar nicht versucht, im Bezug auf Estland und die Deutschbalten allzu genau zu sein: das "echte" Gut Poll (Põlula) liegt nicht direkt am Meer, und im Film tauchen vielleicht mehr "Anarchisten" auf als es im realen Estland von 1914 wirklich gab. "Die Unruhen in Ägypten eskalieren und drohen vollends in Anarchie umzuschlagen" - ein Satz aus der heutigen Tagesschau. Nein, vielleicht drohte 1905 in der damaligen russischen Ostseeprovinz Estland so etwas wie "Anarchie" - zumindest ein Volksaufstand. Jeder geschichtsinteressierte Deutsche wird Esten auch nach der "Georgnacht" fragen können. - Und gegen Ende des 1.Weltkriegs waren es schon eher "Freiheitskämpfer"- so zumindest die Selbstdefinition. Auch "Waldbruder" ist ja nun wieder ein anderes historisches Stichwort, ebenfalls verbunden mit gegen die herrschende Macht sich in Sümpfen und Wald versteckenden bewaffnet organisierten Menschen. In diesem Sinne musste der Film viele Klippen umschiffen - auf dem Weg zu einer Vision vom Untergang, der vorwiegend symbolische Ausmaße und Erscheinungsformen hat.
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Premierenpublikum in Hamburg

"Du kannst noch so viele Köpfe aufsägen, du hast keine Ahnung was einen Menschen ausmacht," so der vielsagende Hinweis der "Milla" an ihren Mann, dessen "Labor" die ganze Szenerie des heraufziehenden Unheils beherrscht. Während die Figur des hirnaufschneidenden Arztes (Edgar Selge) im Laufe des Films eher schwächer wird, explodiert plötzlich die Gestalt des eher steifen, wortkargen Hausverwalters Mechmershausen. Auch hier hat der Drehbuchautor wohl den Deutschbalten noch einen weiteren Diskussionsgegenstand absichtlich vorgesetzt - ansonsten hätte in dieser Funktion und Rolle ja auch leicht ebenso ein Este sein können. Auch 1905 hatten sich einige bereits deutschfreundlich assimilierte Esten gegen ihre Gutsherren gewandt. 

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Tambet Tuisk
Die Mehrheit der Zuschauer wird den Kinosaal wahrscheinlich beeindruckt verlassen, so wie ich. Beeindruckt von den Bildern, Landschaften, Stimmungen und Farben, von einer nach ein paar wenigen Längen sich zum Schluß dramatisch entwickelnden Handlung, und guten Schauspielern. Auch die Musik findet sich gut in die Filmstimmung ein. Nicht verstanden habe ich, warum Verleih und Produktionsfirma jegliche nähere Info zu Enno Trebs (in der Rolle des Paul) wegläßt - denn auch diese Rolle wurde konsequent und gut ausgefüllt, und ist nicht ganz unwichtig auch für die Entwicklung der Handlung. Spannend ist aber, dass Regisseur und Drehbuchautor Chris Kraus offenbar für verschiedene potentielle Zuschauergruppen noch kleine Rätsel offen läßt, die entweder zum mehrfachen Filmschauen einladen, oder zum eifrigen Nachfragen bei kundigen Leuten (ersatzweise: Wikipedia). Das fängt an bei einigen vom Original-Esten Tambet Tuisk in Original-Estnisch gesagten Aussprüchen und hört auch bei dem ebenfalls von Tuisk alias "Schnaps" den genauen Zuhörern hingeworfenen Namen "Kügelgen" nicht auf. Schnaps lernt angeblich ausgerechnet in Sibirien von einem Offizier aus Riga Deutsch, um ihn dann zu töten. Solche fein ausgedachten Spitzen gehen allerdings etwas unter im Soundmanagement - sie sind kaum zu verstehen. In estnischen Augen von heute wirkt dagegen in diesem Film vielleicht der unüberhörbare und sichtlich zwanghafte Umgang mit "Hausmusik" eher merkwürdig.

Ich vermute also, es werden noch andere Reaktionen folgen auf diesen Film.

Mehr zum Film "Poll" - Zuschauerreaktionen nach der Premiere in Hamburg, und ein Interview mit dem estnischen Schauspieler Tambet Tuisk ("Schnaps") - werden zu hören sein in der Sendung "Baltische Stunde" vom 15.2.2011.

Samstag, März 28, 2009

Estland - in alten Büchern

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Tallinn - Estonia
Originally uploaded by Jens-Olaf
Hat jemand am Wochenende Langeweile? Mein Tipp:
Open Library. Hier können alte Bücher über Estland gelesen und gedruckt werden.
Dort habe ich gestern eine Quelle entdeckt: Das Foto oben stammt aus dem Besitz einer deutschbaltischen Familie, die 1939 Estland verlassen hat.
Das Bild mit den Segelbooten vor Tallinn muss vor 1922 entstanden sein. Es taucht im Buch "New masters of the Baltic" von Arthur Brown Ruhl auf, 1921 New York. Auf Seite 62-63. Auch deutschsprachige Publikationen gibt es.

Kulturbestrebungen des estnischen Volkes während eines Menschenalters (1869-1900)
Erinnerungen.
by Heinrich Rosenthal
Published in 1912, Cordes & Schenk (Reval)
Man braucht nur auf die Pfeile rechts klicken, und die Seiten werden automatisch weitergeblättert.


Das Besondere bei Rosenthal ist, dass seine Familie estnische Wurzeln hat, er sich später aber in deutschen Gesellschaftskreisen bewegt. Zweisprachig um die Jahrhundertwende. Aus dem Vorwort:

Übersetzungen aus dem Estnischen in andere Sprachen existieren noch nicht. Meinen deutschen Heimatgenossen aber möchte ich das Werk besonders empfehlen. Sie leben mit den Esten auf einer Scholle und dürfen den Bestrebungen der letzteren nicht fern stehen. Sie dürfen die Erscheinungen des estnischen Lebens nicht ignorieren. Das könnte nur zu ihrem Schaden gereichen. - Allerdings werden sich die deutschen Leser vom nationalen Chauvinismus emanzipieren müssen.

Sonntag, Juni 08, 2008

Was bleibt?

Deutsche Namen, Spuren der deutsche Sprache in Estland. Vor dem 2. Weltkrieg gab es noch viele deutsche Institutionen, die ein Teil des Staates ausmachten,ein Teil, der nun nicht mehr existiert. Giustino fragt wiederholt nach den Hinterlassenschaften der Deutschbalten und: Erkennen junge Deutsche zu Besuch in Estland noch die alten Verbindungen?
Allerdings stellt sich für mich die Frage, inwieweit der deutsche Anteil wirklich vergleichbar mit dem "Mutterland" war. Nehmen wir diese Schülerin des Deutschen Privat-Mädchengymnasiums von Frl. Joh. Rahwing in "Reval" im Jahr 1920.
Eigentlich ist sie russische Muttersprachlerin, ihre Zensuren sind dort nicht so gut, etwa gleich mit Estnisch. Deutsch: befriedigend. Und sie ist "nicht musikalisch", damit fällt sie durch alle Reihen. Vielleicht hatte sie strenge Lehrer.
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Allein die Ausbildung an einem "deutschen" Gymnasium in Estland damals zeigt schon Unterschiede zum Deutschen Reich, Weimarer Republik.

Update:
Ein Buch, dass ich selbst noch lesen möchte, hier eine deutschsprachige Rezension zu Spohr Readman, Kristina: Germany and the
Baltic Problem after the Cold War. The Development
of a New Ostpolitik, 1989-2000.

Auszug:
Das „baltische Problem“ war im
Rahmen der Ostpolitik der Bundesrepublik
Deutschland in den 1990er Jahren zweitran-
gig. Ihr ging es zunächst um die deutsche
Einheit, dann um den Abzug der Westgrup-
pe der Roten Armee sowie schließlich um
die Sicherung der eigenen Grenzen durch
die Aufnahme der unmittelbaren östlichen
Nachbarstaaten in die NATO. Da all diese
Fragen ohne Moskaus Einverständnis nicht
zu lösen waren, hat sich Helmut Kohl zeit
seiner Kanzlerschaft hauptsächlich um seine
„Männerfreundschaften“ im Kreml geküm-
mert und das Baltikum ignoriert. Es blieb vor
allem Außenminister Hans-Dietrich Genscher
überlassen, den „moralischen“ Part zu geben
und an die historischen Verpflichtungen
Deutschlands aufgrund des 23. August 1939
gerade im Baltikum zu erinnern. Sein Nach-
folger Klaus Kinkel wiederum war ein zu
schwaches Gegengewicht zum Kanzler, um
auf dem Gebiet der Ostpolitik eigene Akzente
zu setzen. Immerhin jedoch war es Kinkel,
der den Erweiterungsprozess der EU unter
Einschluss Estlands, Lettlands und Litauens
vorantrieb.


Nachtrag zu einem Kommentar. Hier ein Beispiel für die Übergänge zwischen Esten und Deutschen im 19. Jahrhundert.
Die Familie Poom lässt ihre Tochter konfirmieren. Sie suchen bewusst den Kontakt mit deutschen Kreisen, hier über die Kirche. Dadurch werden sie umbenannt zu Bohm.
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Montag, Januar 30, 2006

Estland auf dem Lande in den 30ern

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Estonian countryside 30ies
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Dieses Bild zeigt, warum es diese gewisse Vorkriegsnostalgie gibt. Klar, hier posieren sie für das Foto, aber später erinnern sich Baltendeutsche und Esten gemeinsam nostalgisch an das Vergangene.(Tatsächlich, in dieser Aufnahme posieren sie gemeinsam)

Donnerstag, November 24, 2005

Erinnerungsbilder eines Baltendeutschen

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Tallinn St. Olai Estonia
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Das sind die Photoerinnerungen eines Baltendeutschen. Sie zeigen eine vergangene Idylle. Die Bilder wurden in Gotenhafen in der Adolf-Hitlerstrasse entwickelt. Das ist fast der Beleg , dass die Photos 1939 oder 1940 ins Album kamen. Und zwar dort, wo die Baltendeutschen im besetzten Polen, dem "Warthegau" angesiedelt wurden. Gerade hatten sie die alte Heimat verloren, manche hatten sie bewusst aufgegeben, und dann waren sie in der neuen gar nicht richtig angekommen. Es sei denn, man war überzeugt, dass das richtig war, was mit Polen gerade geschehen war.
Wie brutal der Übergang von den Umsiedlerschiffen aus Estland in den Alltag des 3.Reiches war, zeigt das Faltblatt.
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In dem bekannten verdrehten Deutsch der damaligen Zeit steht am Ende des Blattes:
Deutsche Volksgenossen! Der Opfergang deutscher Menschen ist Erfüllung geworden! Großdeutschland ist erstanden! Die Feierstunde am 9. November soll die geschlossene Gemeinschaft aller Deutschen bekunden. Darum, deutsche Volksgenossen, ist es eure Pflicht, an dieser ersten Veranstaltung nach unserer Heimkehr ins Reich teilzunehmen.

Randbemerkung: 1944 fanden sich viele Baltendeutsche in den Flüchtlingstrecks vor der Roten Armee wieder. Das Ende der 700jährigen Geschichte der Deutschen im Baltikum zog sich in die Länge. Die letzte Etappe ging dann endgültig nach Westen.

Montag, September 19, 2005

Ein Gutshof in den 30ern

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Deutschbaltische Gutshöfe sind ein beliebtes Tourismusziel im Baltikum. Palms ist ein Paradebeispiel. Je mehr von den verbliebenen in einen frisch renovierten Zustand versetzt werden, desto mehr prägen sie die Erinnerungen an vergangene Zeiten. Aber das häufig aufgeräumte Äußere ist nicht unbedingt das genaue Abbild der Vergangenheit. Das Foto zeigt die Nebengebäude eines Gutshofes in Haarjumaa, der auch von Esten bewohnt wurde. Das Hauptgebäude war aus Holz und ging während der Sowjetzeit verloren.
ImageDie Esten der Umgebung lebten in diesem Dorf am Meer

Montag, Mai 30, 2005

"Wir benötigen Verfechter, um den ganzen Inhalt eines Portals in den Deutschen zu übersetzen."

Alles klar ?
Worum geht es: Um die Erhaltung und Darstellung der alten baltischen Gutshöfe, früher häufig von Adelsfamilien deutscher Abstammung bewohnt. Der alten Bausubstanz droht vielerorts der Abriss, wenn nicht bald etwas geschieht. Daher und aus reinem historischen Interesse suchen Enthusiasten Unterstützung und augenscheinlich Übersetzungshilfe für die deutschsprachige Webseite.