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Mittwoch, Juni 11, 2014

Mechmershausen trifft Schnaps

Am Pfingstmontag war in Folge 913 der ARD-Krimireihe "Tatort" im Fernsehen zu sehen. Für viele Krimifans so etwas wie "Pflichtstoff" zum Diskutieren über Spannungsgehalt, Realitätsnähe, Actionszenen und Täterinnen und Täter. In dieser Folge gab es überraschend ein Wiedersehen mit dem estnischen Schauspieler Tambet Tuisk, und zwar ausgerechnet in Konfrontation mit Ritschy Müller als Kommissar Lannert - Kinofans bekannt für die dramtischen Szenen aus dem Film "Poll" (siehe auch Beiträge hier im Blog). Doch ganz so dramatisch wurde es diesmal nicht.
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Die Schauspieler Richy Müller und Tambet Tuisk in einer Szene
der Tatort-Folge "Freigang"

Wer den Gutsverwalter Mechmershausen noch vor Augen hat, wie er den Esten mit dem schlichten Spitznamen "Schnaps" in einer Scheune in die Enge treibt, die dann in Brand gerät - während die junge Oda um ihn bangt - der wurde von Tatort doch ziemlich enttäuscht. Die Story hatte ja angekündigt, dass Tuisk in der Rolle des "Holger Drake" der Hauptverdächtige im neuen Tatort-Mordfall sei, Müller - diesmal in der Rolle eines ermittelnden Kommissars - erneut sein Gegenspieler. Möglicherweise erneut spannende Konfrontationen blieben jedoch aus.

Kaum mehr als 20 Sätze darf der "Hauptverdächtige" Drake in diesem Fall von sich geben - so ist es eben, wenn der Regisseur eigene Ideen hat. Da findet man seine DNA am Tatort - aber die Kommissare müssen dennoch unbedingt erstmal alle internen Strukturen des Überwachungsbetriebs im Knast untersuchen, bevor sie den Fall lösen. Und dann ist Drake (Tuisk) auch schon sehr schnell tot - erschossen vom Sicherheitschef des Gefängnisses - sicherheitshalber. Liebe deutsche Regisseure! Falls ihr uns noch einmal einen estnischen Schauspieler präsentiert (worüber wir uns freuen würden!), dann nutzt doch lieber besser dessen Möglichkeiten.

"Am Tage ihrer Verurteilung haben sie ihrer Frau gedroht: sie würden sie finden, und sie würden sie umbringen!" insistiert der Kommissar. Gespannt wartet man auf die Antwort von Tuisk - denn als "Poll" gedreht wurde, gab er seine Antworten in Interviews nur in Englisch. "Ich habe ihr vergeben, schon vor Jahren. Ich will meine Ruhe." Der ausländische Akzent ist auffällig. Aber statt nun zu überlegen "der Mann ist offenbar Este" (oder auch "Osteuropäer") - da müssen wir sein persönliches Umfeld und seine Vergangenheit mal erforschen - folgt, wie gesagt, erstmal gar nichts. Tuisk bekommt - wie gewünscht - seine Ruhe. Ganze 60 (Film-)Minuten lang - bis Mechmershausen (Lannert), inzwischen als Kommissar incognito ins Gefängnis eingeschleust, ihn dann doch mal näher befragt. In der Zwischenzeit war angeblich "kein Rankommen" an den Verdächtigten. Und, wie gesagt, sein Hintergrund, Herkunft, Familienverhältnisse, frühere Wohnung, Ex-Nachbarn - was in anderen Krimis wie selbstverständlich auch Ermittlungsrichtung ist, oder sich schon aus den Akten ergibt, bleibt hier außen vor.

Na ja. Wenigstens war diesmal keine "estnische Mafia" oder "russische Kriminelle" im Spiel - im Zusammenhang mit Estland in deutschen Filmen immer auch gern genommen. Dass der Verdächtige offensichtlich kein Deutscher ist, darüber geht diesmal die Handlung einfach hinweg. Am Schluß wird Drake (Tuisk) gezwungen, in vom Wachpersonal verheimlichten Freigang einen weiteren Mordversuch zu begehen - den er mit dem Leben bezahlt. Um diese Story für logisch zu halten muss man wohl ganz fest an das Vorhandensein krimineller Absprachen bis hin zu Gefängnisverwaltung und zuständigen Ministerien glauben ("deutsche Mafia"?). Bleibt wirklich nur zu sagen: gebt Tambet Tuisk bitte nächstes Mal eine richtige Rolle zum Schauspielern! Dann müsste er nicht schon gleich in der ersten Szene wie ein Tiger im Käfig herumlaufen, um dann aber ziemlich belanglose Sätze von sich zu geben. Ungenutzte Potentiale zugunsten eines übermächtigen Drehbuchs und einer offenbar standardmäßig abgearbeiteten Regie.

Mittwoch, Januar 16, 2013

POLL bei ARTE

Angesichts der kürzlich stark angestiegenen Leserzahl des alten Blogbeitrags zum Film POLL (siehe "Untergang in Estland") hier auch für die anderen der Hinweis: der Film läuft heute (16.Januar) 20.15 Uhr bei ARTE. (Wiederholung Samstag nacht, 19.1., 2.35 Uhr)
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Montag, Januar 31, 2011

Halbbaltische Kakophonie oder: Eine Großtante wird mißbraucht ...

Mit dem Verlust des Siedlungszusammenhangs ging die "deutschbaltische Kultur" endgültig unter, wird im Begleitmaterial zum Film POLL geschrieben. Ich frage ehrlich in die Runde: Was war (oder ist) eigentlich die "deutschbaltische Kultur", was macht(e) sie aus, worin unterschied sie sich von der deutschen "Rein-"kultur? Wenn es eine eigene deutschbaltische gab, gibt sie der Film Poll auf jeden Fall nicht wieder bzw. zeichnet eine falsche.

Frank von Auer ist Estländer, also in Estland geboren. Er hat nicht nur Oda Schaefers Tagebuch gelesen („Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren“ ist übrigens sehr wohl im Buchhandel zu erhalten!), das ein völlig anders deutschbaltisches Milieu zeichnet. Unter dem Titel: "Eine Großtante wird mißbraucht" schreibt er wie folgt:

"Oda Schaefer zeichnet nicht unkritisch, aber in warmen Farben das Bild einer deutschbaltischen Gesellschaft, auf der die Vorahnung des Ersten Weltkrieges lastet. Dennoch floss „das Leben auf dem Gut gleichmäßig dahin, sanft und mit kleinen Geräuschen wie ein Bach unter Gras und Farnen“. Der Film entwirft eine andere Szenerie, suggeriert jedoch, er spiegelte die Realität des Lebens im Baltikum, gaukelt über historische Namen wie Oda, Poll oder Kügelgen Authentizität vor. Chris Kraus (ein Großneffe Oda Schaefers) bezeichnet den Film als „historisches Drama“.

Aber mit der Geschichte steht er auf Kriegsfuß: Er verlagert die nationalen und kommunistischen Aufstände der Esten und Letten mit den Strafexpeditionen des russischen Militärs und des deutschbaltischen Selbstschutzes aus den Jahren 1905/1906 (siehe auch: Edzard Schaper in seinem Roman „Der Henker“) in die Vorkriegszeit 1914, die relativ ruhig war. Wie in jeder guten Schnulze sind die Aufständischen von adeligem Gemüt, ermordete Adlige und Pastore eigentlich selber schuld und nur die Strafexpeditionen blutig.

Das Leben auf einem baltischen Gutshof wird zur Karikatur: Kein Baron tummelte sich vor dem Dienstpersonal in einer Badeszene, kein Baronssohn wurde sadistisch bestraft und keinem Verwalter bei Tische angedroht, ihm „den Arsch zu versohlen“. Zumindest vor den Kindern und Damen wurde die Form gewahrt. Großtante Oda Schaefer erzählt dafür ein heiteres Beispiel: Als „der braungefleckte Jagdhund“ im Schlaf „bei geschlossenem Maul dumpf bellte oder absonderliche Geräusche und Gerüche von der entgegengesetzten Seite entweichen ließ“, durften „wir Kinder nicht darüber lachen, das wäre unanständig gewesen“. Der Film zeichnet aber ein Milieu, das mit einem baltischen Gutshaus wenig zu tun hat.

Von der Fähigkeit so mancher Deutschbalten zur ironischen Selbstkritik, zum Umgang miteinander auf einer zweiten Ebene, also zum "Pliggern", ist nichts zu spüren. Im Film sind sie durchweg humorlose, wenig sympathische Typen einer morbiden Gesellschaft.

Das Gutshaus stellt Chris Kraus auf Stelzen ins Meer – eine ebenso imposante wie realitätsferne Kulisse. Es hätte keinem Herbststurm getrotzt. Ach, hätte er doch die gewiss nicht geringen Kosten für die Renovierung eines der verfallenden Gutshäuser genutzt!

Die Schauspieler sollen sich des baltischen Idioms bedienen – pflegen jedoch ein merkwürdiges Kauderwelsch, in dem z.B. das G auch vor dunklen Vokalen wie J gesprochen wird (janz statt ganz, jut statt gut). Hätte der Regisseur seine Schauspieler intensiver üben lassen, wäre diese halbbaltische Kakophonie mit ihren falchen Eis zu vermeiden gewesen.

Eine historische Realität spiegelt der Film nicht. Aber muss er das? Ja, weil er selbst diesen Anspruch erhebt, aber den Zuschauer täuscht. Nein, weil alle Einwände aus deutschbaltischer Sicht nur Teilaspekte betreffen, der von einer etwas unbedarften Kritik als Kunstwerk gerühmt wird. So bleibt nur, sich ihn selbst anzusehen: sich über den Missbrauch einer Großtante, historische Fehlinformationen und falsche Milieuschilderungen zu ärgern oder - sich über die eindrucksvollen Bilder und Schauspieler eines filmischen Kunstwerkes zu freuen.

Untergang in Estland

Blaugraue Farben, von allgegenwärtiger Feuchtigkeit abblätternder Putz, notdürftige Stützbalken - auch ein Gebäude kann symbolisch für einen kommenden Untergang stehen. Nur notdürftig aufrechterhaltene Harmonie der Familie, gewaltsame Männer und mühsam das Ansehen wahrende Frauen - diese sommerlichen Tage an der estnischen Küste sind hier weit entfernt von erholsamer Sommerfrische. 1914 wurde in Estland einer der ersten (estnischen) Filme gedreht: "Bärenjagd in Pärnumaa" - ein Sängerfest froh gestimmter Esten gab es im Jahr des Kriegsausbruchs nicht (nach 1910 erst 1923 wieder).

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Edgar Selge, Paula Beer, Jeanette Hain und Chris Kraus
am 28.1. bei der Filmpremiere in Hamburg
2010 ist das Jahr, in dem "Poll" fertiggestellt wurde. Im weitesten Sinne spielt dieser Film ebenfalls in "Pärnumaa" (siehe auch "Westsee"). 14 Jahre war die Nachwuchs-Schauspielerin Paula Beer bei den Dreharbeiten, in etwa dieselbe Zeitspanne brütete der Regisseur über dem Drehbuch bis es zur Realisierung reichte. Keiner der noch bestehenden alten Gutshofsgebäude in Estland reichte ihm für eine Umsetzung, zwei Jahre sei er in verschiedenen Ländern Osteuropas herumgereist auf der Suche nach einem geeigneten Drehort, so Chris Kraus am 28.1. bei der Filmpremiere in Hamburg. Auch die Deutschen, die Estland bereits kennen, müssen sich während dieses Films damit abfinden, dass weder die vielleicht bedeutsamen Kulturleistungen von in Estland als Oberschicht etablierten Deutschen hervorgekramt werden, noch die für den müden Städter attraktiven Landschaften des Naturtourismus.

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Premierenbesucher
Ein Hilfsmittel zum Verständnis, was diesen Film eigentlich ausmacht, ist auch der englische Titel "Poll diaries" (Poll Tagebücher). Die realen Aufzeichnungen der Oda Schäfer - leider soweit ich weiß nicht öffentlich zugänglich - sind der rote Faden, nach dem das Drehbuch auch während der Produktion etliche Male umgeschrieben wurde. Es geht also nicht um das Bemühen, einen Zeitabschnitt (also den Ausbruch des 1.Weltkriegs) aus estnischer oder deutschbaltischer Sicht zu zeigen. Es geht vielmehr um die Absicht des Drehbuchschreibers, die seiner Ansicht nach vorhandenen Lücken in Oda Schäfers Schilderungen mit Leben füllen zu wollen. "Meine ganze Familie ist absolut gegen den Film", bekennt Kraus in einem Interview mit Michael Guillen für "Twitch". Sein früherer Berufswunsch, Historiker zu werden, ist inzwischen vom Rampenlicht erleuchtet. Die Suche nach Fakten und Hintergründen ist von der Lust am Ausmalen von Geschichten, am ins Bild setzen von Träumen und Visionen, und vom Bestreben nach Unterhaltung des Publikums erfüllt - sogar von dem Gefühl der Zufriedenheit, durch gute Teamarbeit sogar große Projekte stemmen zu können. Das werden ihm die Deutschbalten entschuldigen müssen. Bestes Argument: ein guter Film.

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Paula Beer
Nach dem Kinobesuch bleiben zunächst die Eindrücke der sehr gelungenen Dinge vorherrschend. Monumentale Bilder einer untergehenden, rätselhaft verschrobenen Welt. Eine herausragende Figur der Oda, die das große Lob für die Darstellung ihrer Rolle sicher nicht nur an ihr Schauspielcoaching weitergeben sollte, sondern auch an Maske, Szenenbild und Kamera. Chris Kraus drehte mit einem überwiegend weiblichem Team (noch eine Feststellung von Michael Guillen). Das Erstaunliche liegt auch im Spektrum der emotionalen Herausforderungen, die sich Oda stellen muss: manchmal eher einer 14-Jährigen gemäß, manchmal eher eine 40-Jährigen. 

All das setzt der Film auf beeindruckende Weise ins Bild. Vielleicht bestand auch die Befürchtung der Filmemacher darin, die Zuschauer könnten zunächst Zweifel an Oda bekommen, und dann Zweifel an der zugrundeliegenden wahren Geschichte. So hat man es erst gar nicht versucht, im Bezug auf Estland und die Deutschbalten allzu genau zu sein: das "echte" Gut Poll (Põlula) liegt nicht direkt am Meer, und im Film tauchen vielleicht mehr "Anarchisten" auf als es im realen Estland von 1914 wirklich gab. "Die Unruhen in Ägypten eskalieren und drohen vollends in Anarchie umzuschlagen" - ein Satz aus der heutigen Tagesschau. Nein, vielleicht drohte 1905 in der damaligen russischen Ostseeprovinz Estland so etwas wie "Anarchie" - zumindest ein Volksaufstand. Jeder geschichtsinteressierte Deutsche wird Esten auch nach der "Georgnacht" fragen können. - Und gegen Ende des 1.Weltkriegs waren es schon eher "Freiheitskämpfer"- so zumindest die Selbstdefinition. Auch "Waldbruder" ist ja nun wieder ein anderes historisches Stichwort, ebenfalls verbunden mit gegen die herrschende Macht sich in Sümpfen und Wald versteckenden bewaffnet organisierten Menschen. In diesem Sinne musste der Film viele Klippen umschiffen - auf dem Weg zu einer Vision vom Untergang, der vorwiegend symbolische Ausmaße und Erscheinungsformen hat.
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Premierenpublikum in Hamburg

"Du kannst noch so viele Köpfe aufsägen, du hast keine Ahnung was einen Menschen ausmacht," so der vielsagende Hinweis der "Milla" an ihren Mann, dessen "Labor" die ganze Szenerie des heraufziehenden Unheils beherrscht. Während die Figur des hirnaufschneidenden Arztes (Edgar Selge) im Laufe des Films eher schwächer wird, explodiert plötzlich die Gestalt des eher steifen, wortkargen Hausverwalters Mechmershausen. Auch hier hat der Drehbuchautor wohl den Deutschbalten noch einen weiteren Diskussionsgegenstand absichtlich vorgesetzt - ansonsten hätte in dieser Funktion und Rolle ja auch leicht ebenso ein Este sein können. Auch 1905 hatten sich einige bereits deutschfreundlich assimilierte Esten gegen ihre Gutsherren gewandt. 

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Tambet Tuisk
Die Mehrheit der Zuschauer wird den Kinosaal wahrscheinlich beeindruckt verlassen, so wie ich. Beeindruckt von den Bildern, Landschaften, Stimmungen und Farben, von einer nach ein paar wenigen Längen sich zum Schluß dramatisch entwickelnden Handlung, und guten Schauspielern. Auch die Musik findet sich gut in die Filmstimmung ein. Nicht verstanden habe ich, warum Verleih und Produktionsfirma jegliche nähere Info zu Enno Trebs (in der Rolle des Paul) wegläßt - denn auch diese Rolle wurde konsequent und gut ausgefüllt, und ist nicht ganz unwichtig auch für die Entwicklung der Handlung. Spannend ist aber, dass Regisseur und Drehbuchautor Chris Kraus offenbar für verschiedene potentielle Zuschauergruppen noch kleine Rätsel offen läßt, die entweder zum mehrfachen Filmschauen einladen, oder zum eifrigen Nachfragen bei kundigen Leuten (ersatzweise: Wikipedia). Das fängt an bei einigen vom Original-Esten Tambet Tuisk in Original-Estnisch gesagten Aussprüchen und hört auch bei dem ebenfalls von Tuisk alias "Schnaps" den genauen Zuhörern hingeworfenen Namen "Kügelgen" nicht auf. Schnaps lernt angeblich ausgerechnet in Sibirien von einem Offizier aus Riga Deutsch, um ihn dann zu töten. Solche fein ausgedachten Spitzen gehen allerdings etwas unter im Soundmanagement - sie sind kaum zu verstehen. In estnischen Augen von heute wirkt dagegen in diesem Film vielleicht der unüberhörbare und sichtlich zwanghafte Umgang mit "Hausmusik" eher merkwürdig.

Ich vermute also, es werden noch andere Reaktionen folgen auf diesen Film.

Mehr zum Film "Poll" - Zuschauerreaktionen nach der Premiere in Hamburg, und ein Interview mit dem estnischen Schauspieler Tambet Tuisk ("Schnaps") - werden zu hören sein in der Sendung "Baltische Stunde" vom 15.2.2011.

Sonntag, Januar 23, 2011

Poll - vor dem Kinostart

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Der neue Kinofilm von Chris Kraus nun auch in Aspekte beim ZDF. Wer schon auf den Filmstart wartet, hier weitere Hintergründe zu der Idee, in Estland zu drehen:

Liebe in Zeiten des Untergangs , Aspekte
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Von Siering ist Pathologe, der in einem umgebauten Sägewerk die Schädel der ermordeten Anarchisten zersägt, die ihm die russischen Soldaten überlassen. Er will herauskriegen, wo in diesen Köpfen das Böse sitzt. Abends spielt er im Kreise der Familie Kammermusik - ein kunstsinniger Mensch und seiner 14-jährigen Tochter Oda ein liebevoller Vater. Oda will Schriftstellerin werden. Diese Figur hat ein reales Vorbild: Oda Schaefer, eine Naturlyrikerin und Essayistin, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zu einigem Ansehen kam. Sie war eine Großtante des Regisseurs Chris Kraus. Wegen ihrer linksliberalen Ansichten war sie das schwarze Schaf der Familie. Sie starb 1988.
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Hier der Aspekte Beitrag mit Chris Kraus.

Großes deutsches Kino - ZDF

Die Webseite Poll Ein Film von Chris Kraus

Aus Unterdrückern wurden Unterdrückte (nach 1918). Gemeint sind die Deutschbalten. Naja. Das steht auf der Filmwebseite mit den Hintergrundinformationen:

Deutsche, Balten, Russen
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Nach Ende des Krieges wurden die deutschbaltischen Grundbesitzer, die nicht in den Wirren der bolschewistischen Interimsregierung umgekommen waren, von den neu gegründeten Nationalstaaten Estland und Lettland weitgehend enteignet, verarmten zum Teil dramatisch und spielten keine politische Rolle mehr. Die Herrschaftsverhältnisse hatten sich verkehrt, aus den Unterdrückern waren Unterdrückte geworden. Zahlreiche Deutschbalten wanderten aus. Die letzten 90.000 ihrer Landsleute wurden kurz nach Ausbruch des 2. Weltkrieges im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes, der die baltischen Länder bis 1991 zu einem Teil der Sowjetunion werden ließ, in den deutsch besetzten Teil Polens umgesiedelt. Von dort vertrieb sie 1945 die einmarschierende Rote Armee. Mit dem Verlust des Siedlungszusammenhangs ging die deutschbaltische Kultur endgültig unter. Der Großteil der überlebenden Flüchtlinge ließ sich in allen Teilen Westdeutschlands nieder, viele wanderten nach Kanada und Schweden aus. In Lettland und Estland leben heute nur noch ca. 300 Menschen, die sich selbst als Deutschbalten bezeichnen.
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Die armen Deutschbalten, ja, dann aber bitte auch erwähnen, dass 1939, um Platz für die deutschbaltischen Umsiedler zu machen, nicht wenige Polen und Juden aus ihren Häusern vertrieben wurden. Was ist aus denen geworden?
Nebenbei wird im Überblick auch die Kulturautonomie der Minderheiten und die deutschen Schulen der Zwischenkriegszeit unterschlagen. Typisch für Unterdrückte, gell?

Update:
Noch eine positive Filmkritik:
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Nicht wenige Filme wollen große Geschichten erzählen. Allein den wenigsten gelingt dieses Kunststück. Poll gehört zweifelsfrei dazu. Bereits die Bildsprache stellt den dafür notwendigen Mut unter Beweis. Die Kamera von Daniela Knapp scheut nicht das Monumentale, wenn sie entfesselt über das Anwesen der von Sierings kreist und so den bröckelnden Glanz dieser Aristokratenfamilie im Lichte einer untergehenden Sonne einfängt. Das sind Kinobilder, wie man sie im deutschen Film leider viel zu selten findet – gemacht für eine große Leinwand.

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aus Marcus kleine Filmseite
Poll - Die Buddenbrooks vom Baltikum

Samstag, Oktober 02, 2010

Poll - Der Film

Nun läuft er auf den Film-Festivals. Toronto war gerade, und ein Kommentar auf Youtube sieht ihn schon bei den Oscar-Nominierungen. Eine große Kulisse wurde für den Film aufgebaut. Chris Kraus mit seinem neuen Projekt. Englisch: "The Poll Diaries". Er handelt von 1914, eine 14-Jährige in Umbruchszeiten. Als Deutsche, Esten und Russen noch eine Rolle spielten.

Der Schauspieler am Ende ist derselbe von "Wait for me". Das Video, das wir neulich vorgestellt haben.

Update 4. November

Die Frage stand irgendwie im Raum: Wie kommt Chris Kraus an diese Geschichte, ausgerechnet in Estland. Die OÖN klärt uns endlich auf.
Chris Kraus („Vier Minuten“) inszenierte mit einer sensationellen 14-jährigen Entdeckung, der Berlinerin Paula Beer, in der zentralen Rolle. Eine Trophäe bei der heutigen Verleihung der Marc’Aurelio Awards ist durchaus möglich.

„Diesen Film“, sagt Kraus, „wollte ich schon ewig machen. Ende der achtziger Jahre bin ich, als Literatur-Student, auf einen Band der Lyrikerin Oda Schaefer gestoßen. Ich war sehr beeindruckt – und dann stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass sie meine Großtante war. Ihr Mädchenname war Oda Kraus. Sie lebte in Berlin und hatte in ihrer Kindheit Ferien in der baltischen Heimat ihres Vaters verbracht. 1993 war ich zufällig in Estland und stieß auf das echte Gut Poll, wo sie gewesen war. Es war unbeschädigt, stand aber mitten in einer durch die Zeit zerstörten Gegend. Ich dachte: Hier muss ich was machen! Meine Großtante sollte das Rollenmodell für die Hauptfigur sein.


Poll“: Estland 1914 und eine besondere Liebe

Oh-Gott, sowas haben wir schon lange nicht mehr über das Baltikum gehabt, Spiegel-Online:
Das ist, so wie sie Chris Kraus aufdonnert, eine keineswegs in jedem Detail neue oder überraschende, aber eine fast immer packende Grusel- und Herzschmerzgeschichte. Gut, der Regisseur kleistert seinen Film mit Musik zu, er neigt zu geschmacksunsicherem Bombast, die Leidenschaft allerdings, die er an den Tag legt, wirkt nahezu erlösend: Hier weiß einer genau, dass und was er zu erzählen hat - und der Teufel soll ihn holen, wenn er nicht den ganzen Kinosaal zum Heulen bringt. Dieses Projekt ist Kraus und seiner Hauptdarstellerin Paula Beer in Hof tadellos gelungen.


Kuradi Kurat, aber auch!

Und noch ein Rückblick auf das Festival in Kanada, in Toronto:
Vor 1.300 Zuschauern im altehrwürdigen Elgin-Theatre wurden der Regisseur und die drei Hauptdarsteller Paula Beer, Edgar Selge und Tambet Tuisk begeistert gefeiert.

Kino-Zeit

Sonntag, Juli 19, 2009

"Poll" - Chris Kraus dreht einen neuen Film

In Estland. Die Story:
"Poll" spielt im Sommer 1914, der Umbruchzeit kurz vor Ausbruch des Krieges. Auf dem Gut Poll in Estland, am Rande der europäischen Zivilisation, verliebt sich die 14-jährige Oda in den jungen estnischen Anarchisten Schnaps. Sie versteckt den Verletzten vor den Kosaken, die auf dem Gut stationiert sind, und vor ihrer Familie: ihrem Vater Ebbo, dessen Leidenschaft dem Sezieren von Gehirnen gilt, seiner zweiter Frau, der in eine Affäre mit Verwalter Mechmershausen verstrickten Milla, und vor Cousin Paul. Im Laufe des Sommers steigt die innere Temperatur der Menschen auf Poll. Ohne Bewusstsein von der äußeren Bedrohung ihrer Welt steuern die Gutsbwohner auf ihre eigene Katastrophe zu.

aus Medienhandbuch

EPL hat bereits berichtet und auch einige Blicke auf den Drehort ermöglicht:
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Foto: Mihkel Maripuu

Auf den Trailer müssen wir noch warten.

Und tatsächlich gibt es auch ein echtes Poll, wird hier aber nicht identisch sein.

Update-Posts 2011:
Poll - Vor dem Kinostart

Eindrücke von der Filmpremiere in Hamburg

Oktober 2010:
Poll- Der Film