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Mittwoch, Dezember 24, 2025

Unfriedlich

Es gibt nur wenige Menschen in Estland, die angesichts eines Krieges im Nachbarland irgend einen "Weihnachtsfrieden" erwarten. Aber es gibt noch einen anderen Bereich, wo es in Estland derzeit "unfriedlich" zugeht.

Nervosität im Tank 

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Es ist der ungewohnte Preiskrieg an den Tankstellen. Denn jahrelang gab es da keine Unterschiede: ob Autobesitzer in Tallinn, Tartu, Narwa oder Otepää nachtanken. Es sah fast so aus wie heimliche Preisabsprachen - alles bis auf den Zehntel-Cent gleich. Und wenn sich mal etwas änderte, war die Suche nach preislichen Alternativen vergeblich: alle passten sich innerhalb kurzer Zeit an. Die zunehmende Umrüstung der Tankstellen auf automatischen Betrieb wurde dafür von den Betreibern als einer der Ursachen angegeben. 

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Doch jetzt ist alles anders. Ausgelöst im September durch die Entscheidung einer einzelnen Firma, einen "Preiskrieg" zu entfachen. Das Unternehmen "Neste" senkte die Preise auf ein Rabattniveau, das bisher nur für treue Kund/innen galt. 

Die kraftstoffvollen Fünf 

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Der estnische Kraftstoffmarkt ist sehr klein – der Verbrauch von Benzin und Dieselkraftstoff macht nur etwa ein halbes Prozent des Gesamtverbrauchs der Europäischen Union aus. Fünf Firmen stehen für etwa 85% des Marktes: "Circle K", "Neste", "Olerex", "Alexela" und "Terminal". 

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"Neste" veröffentlichte im September einen neuen, einheitlichen Benzinpreis, und nun sehen Autofahrer und Autofahrerinnen in Estland bisher Ungewohntes: Preisunterschiede von einer Tankstelle zur nächsten. Der Benzinpreis sank zunächst um bis zu 11 Cent pro Liter, an einigen Stellen sogar noch mehr. Der Durchschnittspreis für 95-Oktan-Benzin sank von 1,62 Euro im August auf 1,44 Euro im Oktober. Bei Diesel ging es runter von 1,47 Euro auf 1,31 Euro. Es gab Tage, an denen Kraftstoff noch billiger war, und einige Unternehmen mussten zugeben, dass sie ihn an manchen Tagen unter Selbstkostenpreis verkauften; es gab Preisunterschiede bis zu 30 Eurocent von einer Woche zur anderen. (err) Nun entscheidet offenbar jede Tankstelle selbst: auch im Dezember hielt der Preiskampf immer noch an - mit Schwankungen bis zu 20 Cent an verschiedenen Tankstellen ein und derselben Marke. Bei "Alexela" soll es schon einen Brief an alle Beschäftigten gegeben haben, der "harte Entscheidungen" ankündigt. (err

Tanktouristen und Bilanzen 

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Hinzu kommt noch ein anderer Effekt: Litauische Fernfahrer tanken mittlerweile in Estland, da die Dieselsteuer in dem nördlichsten baltischen Staat derzeit deutlich niedriger ist: in Litauen liegt der Steuersatz pro Liter derzeit bei 0,520 €, in Estland sind es 0,428 €. Auch wenn die Verbrauchsteuern auf Kraftstoffe in Estland sowohl 2026 als auch 2027 steigen sollen, werden sie voraussichtlich günstiger bleiben als in den unmittelbar südlich gelegenen Nachbarländern. Es stehen Preisunterschiede von bis zu 14 Cent in Aussicht. (err)

Momentan sind die Preise wieder etwas gestiegen - aber der Preiskampf bleibt vorerst. Von "Neste" wird am ehesten angenommen, dem Preisdruck standhalten zu können - denn das Unternehmen verfügt über eine eigene Raffinerie in Finnland. Schwieriger könnte es für drei lokale estnische Unternehmen werden, die ihren Kraftstoff hauptsächlich von der polnischen Firma Orlen aus deren Ölraffinerie in Litauen beziehen. Kurzfristig sind Verbraucherinnen und Verbraucher die Gewinner - allerdings nicht überall: in weniger bevölkerten Regionen, in denen es wenig oder gar keine Konkurrenz gibt, sind die Preise jetzt höher als in dicht besiedelten Gebieten. Längerfristig wird sich das Preisniveau konsolidieren, und die Firmen werden dann versuchen, ihre Verluste auszugleichen. (IR)

Derweil ist der Absatz von Autos in Estland, in Folge verschiedener Steuererhöhungen, zuletzt drastisch gesunken. Ein Minus von 64% im Vergleich zum Vorjahr wurde im November 2025 gemeldet. Für das gesamte Jahr 2025 wurde der Verkauf von 11.872 Neuwagen verzeichnet - davon 24,5% mit Verbrenner-Motoren und 62,6% Hybrid-Fahrzeugen. Der Anteil von Elektro-Autos lag bei 5,5%  (err). 

Dienstag, Dezember 23, 2025

Festtagstrunk

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Was trinken Estinnen und Esten zu Weihnachten? Zumindest auf der Insel Saaremaa ist man überzeugt: wir trinken unser Weihnachtsbier! Und damit nicht genug: der Verein für Volkskultur von Saaremaa setzt sich dafür ein, das Saaremaa-Hausbier sogar in die Liste des immateriellen Kulturerbes Estlands aufzunehmen.

Auf Estlands größter Insel Saaremaa war es einmal Tradition, Weihnachtsbier aus Wasser, Hefe, Hopfen und Malz zu brauen. Aber heutzutage kommt nur noch selten "Selbstgebrautes" auf den Weihnachtstisch. Peeter Laum ist einer der letzten, der diese Tradition am Leben halten möchte, sagt er. Laum, ehemals Chef seiner eigenen Bootwerft, baute auch schon mal Wikingerschiffe nach, oder lädt pensionierte Fischer zu Traditionstreffen ein. 

Tradition und Handwerk

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„Ich kann sagen, dass meine Vorfahren und Großeltern mit denselben Werkzeugen Bier gebraut haben", erzählte Laum der "Aktuellen Kamera" des estnischen Fernsehens. (err
"Ich benutze auch dieselben Geräte," sagt er. Dann füllt er sein Bier in Holzfässer ab. "Es sollte bis Lichtmeß, also dem Ende der Weihnachszeit reichen - wenn man es nicht vorher austrinkt," sagt der Inselbrauer schmunzelnd. (err

Aber mit seinen Bierbrauerrezepten ist er offensichtlich nicht allein. Auf verschiedenen Internetseiten sind entsprechende Anleitungen zu lesen, um "Jõuluõlle" herzustellen. "Selbstgebrautes Bier verbindet Handwerkskunst, Naturverbundenheit und Weihnachtsstimmung" (maarahvapood

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Ein Foto aus estnischen Archiven:
Lieferung von Weihnachtsbier an 
den Nachbarn zum Probieren (folklore.ee)
Als Zutaten werden Zimt, Nelken, Sternanis, Orangenschalen, Ingwer und Honig empfohlen, dazu als "individuelle Note" noch Kräuter aus deinem Garten – zum Beispiel Rosmarin, Thymian oder Zitronenmelisse. Einige Bauern, die ihr Bier besonders reichhaltig brauen wollten, sollen früher auch noch Roggenmehl und Wacholderbeeren hinzu getan haben. Gutes Weihnachtsbier galt in früheren Zeiten, nicht nur auf Saaremaa, als Zeichen des Wohlstands, heißt es.

Nach Mitsommer kommt Weihnachten, wenn wieder Bier gebraut wird - auch so könnte eine estnische Kalenderregel lauten. Auf der Webseite des Estnischen Folklorerats werden Tricks von der Insel Hiiumaa verraten: "Wenn man ein brennendes Streichholz an das Bier halten kann, ist die Gärung beendet." 

Gekauft, oder selbst gemacht? 

Wohl bekommt's! Ob es in Estland wirklich an privaten Bierbrauern mangelt? Bei "Postimees" ist noch ein "Weihnachtsbiertest" aus dem Jahr 2021 zu sehen (es testen vorwiegend Frauen). Demnach gibt es viele Sorten im Handel. Was wird hier verkostet? Ob "Jõuluõlle" wirklich auch aus der Dose schmeckt? Und müssen es unbedingt Sorten wie "Apfelsine-Schokolade" oder "Champagner-Ale" sein?  Ein genereller Mangel an Weihnachtsbier kann es also nicht sein, was einen Mensch wie Peeter Laum antreibt. Aber wer selbst braucht - muss nicht in den Laden gehen. 

Dienstag, November 18, 2025

Sprachenkunde

Einer Pressemeldung des ERR zufolge gibt es in Estland mindestens zwei Kindergärten, in denen Võro and Seto gesprochen wird. Kleines Land, viele Sprachen: Estland. Aber aus Sicht dieser Volksgruppen ist es wohl schon ein Erfolg, dass hier von "Sprachen" die Rede ist - nicht etwa von Dialekten. 

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Ja, es gibt eine setoische Sprache; das dokumentiert unter anderem das Seto-Institut (seit 2010). 12.500 Menschen sprechen Seto - sagt "omniglot". Und erst kürzlich wurde der dritte Band einer Buchreihe über Kultur und Sprache der Seto herausgegeben (err). Einerseits stelle diese eine "weltweit geschätzte Kostbarkeiten" dar, so Herausgeber und Sprachwissenschaftler Karl Pajusalu. Unter Jugendlichen sei die Sprache manchmal nur noch als "Geheimsprache" bekannt (err). "Was wir heute so in den Medien hören, ist eine Mischung aus der alten südestnischen Sprache und der heutigen gemeinsamen estnischen Sprache. Die historische südeestnische Sprache, aus der sich die heutigen Sprachen Seto, Võro, Tartu und Mulgi entwickelt haben, trennte sich am frühesten von der westfinnischen Sprachgemeinschaft. Daher ist sie auch die einzigartigste und bedarf besonderer Pflege und Förderung", erklärt er. 

Der Wortschatz der Seto-Sprache sei besonders reichhaltig, meint Pajusalu. Aus Aufführungen von Theaterstücken in Seto-Sprache sei bekannt, dass auch Estinnen und Esten dann eine Übersetzung benötigen. "Jeder Sprecher, der die Seto-Sprache gut beherrscht, kann selbst Wörter bilden, da die Wortbildung in der Seto-Sprache noch lebendig ist, wie es früher in allen finno-ugrischen Sprachen der Fall war“, so Pajusalu. Etwa 20.000 Menschen in Estland hätten sich anlässlich der letzten Volkszählung noch dazu bekannt, Seto zu verstehen und zu sprechen - aber unter den jungen Menschen schreite der Sprachwechsel zur estnischen Schriftsprache immer schneller voran. "Aber auch in Japan sind schon Bücher über Seto geschrieben worden!"

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Also ist es sowohl erstaunlich, wie auch folgerichtig, dass es in Estland offenbar zumindest zwei Kindergärten gibt, in denen Seto gesprochen wird. Der eine befindet sich in Meremäe, ganz an der südöstlichen Grenze Estlands gelegen, der andere in Võru. Wie Võro und Seto" gesprochen. 

Der sprachliche Unterschied ist manchmal "klein, aber fein": als Begrüßung nicht mehr "Tere hommikust", sondern "tere hummogust", und nicht "Läheme sööma" wenn es etwas zu essen gibt, sondern "lähme süümä" (ERR) Und die Kinder lernen auch "sõir" herzustellen - den Seto-Käse (bei dieser Vokabel gibt so manche Übersetzungs-App auf). Unbekannt ist diese Spezialität aber nicht, wie entsprechende Darstellungen zeigen (Heinzelcheese / Baltic Sea Cuisine / tasteatlas); es findet sich dazu auch eine Erläuterung in Võro

Allerdings gibt es auch Berichte, dass Bemühungen, Võro and Seto den Status einer regionalen Amtssprache zu gewähren derzeit auf Eis liegen - es gibt Befürchtungen, dass damit ein Präzidenzfall für Russisch in anderen Gebieten Estlands geschaffen werden könnte (err)

Montag, August 18, 2025

Waldüberwachung

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Einiges Digitales sind wir ja bereits gewöhnt, was Estland betrifft. Aber alle, die sich nicht nur in Tallinn, Tartu oder Pärnu aufhalten, werden schnell einsehen, dass Estland ein Land der Wälder ist. In der Kritik geriet zuletzt allerdings die massive Erhöhung des Holzeinschlags. Von "Kahlschlag für Holzpellets" und "Gefährdung für Estlands Wälder" war da die Rede (Robin Wood). Estlands Regierung wollte dem staatlichen Energieunternehmen 10 Millionen Euro Zuschuss über zwei Jahre zahlen, um in alten Kraftwerken Holz zu verbrennen. Ziel: die Energiekosten im strukturschwachen Nordosten des Landes niedrig halten. 

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Bewaldete Nutzungsziele

Dem stehen zunächst einmal die aktuellen Werbeslogans der Tourismusindusstrie entgegen. Erst kürzlich wurde ein "Waldwanderweg" durch alle drei baltischen Staaten eröffnet. "Endlos scheinende Wälder laden zum Waldbaden und zur Sichtung von Bären, Elchen und Wölfen ein." (Visit Estonia) Endlos scheinend?  Gezielt wird auch in deutschen Zeitungen für "Waldbaden in Estland" geworben (SZ). Und manche virtuelle Beeinflusser bewerben diese Wälder auch deshalb, weil sie vor allem gern günstige Preise und kostenlose Pressereisen in Anspruch nehmen (siehe "Landmeedchen")

Beim Wald zuschlagen

Aber auch für ganz andere Klientel werden "endlose Möglichkeiten" beworben, und damit ist gemeint: Geldverdienen mit Wald. Investieren, und immer dann Geld verdienen, wenn der Baum groß genug und der Holzpreis hoch ist - von Ökologie und dem Erhalt der Natur ist hier keine Rede, und der "Mythos des Waldes" kommt auf diese Weise ganz anders daher. Auf speziellen Webseiten wird um Investor/innen geworben, die "Geld in Wald" anlegen, um dann "Wald zu Geld" zu machen. Die entsprechenden Firmen geben offen zu, auch NATURA2000-Waldflächen mit Naturschutzeinschränkungen gezielt aufzukaufen. 

Statistisch gesehen liegt der Anteil von Waldflächen immer noch bei über 50% der Landesfläche Estlands. Und was unternimmt Estland als Nächstes? Welche Interessen werden bevorzugt? Die einen weisen auf steigende Populationen von Wolf und Bär hin - die Freunde des bewaffneten Waldspaziergangs (Jäger/innen). Die andere - siehe oben - sehen vor allem zu viele Rodungen. Die estnische Regierung startet das Projekt "Digitale Wälder". Slogan: "Forstdaten nahe an die Echtzeit".

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Von der Datenautobahn zum Datenwaldweg? 

Da wäre zunächst mal zu klären: Forstdaten?  Ja, es geht zunächst um "Qualität und Zugänglichkeit von Daten". Typisch Estland (E-stonia)? Man könnte sich ja auch andere Ziele setzen: ökologisch intakte Wälder, saubere Umwelt, Schutz gefährdeter Tier- und Pflanzenarten, nachhaltig lebensfähige, erhaltenswerte Natur. Reicht es da, vor allem erst einmal "gute Daten" haben zu wollen? Es klingt wie ein typisches Argument aus der Wissenschaft: wir wissen viel zu wenig (um handeln zu können?), also brauchen wir mehr Geld für die Forschung. "Wir möchten erreichen, dass jede/r in der Lage ist, den aktuellen Zustand unserer Wälder in Echtzeit anzusehen", meint Antti Tooming vom estnischen "Klimaministerium". 

Also Daten zum Beispiel zu Baumhöhen, Holzvorräten und abgestorbenem Bestand – aus Satellitenaufnahmen, Laserscans und der Statistischen Waldinventur. Das Ministerium betont einerseits, der Anteil geschützer Waldflächen habe sich in den vergangenen Jahrzehnten erhöht. "Estland setzt verstärkt auf Cloud-Technologien und KI-gestützte Datenanalyse", notiert auch die "Wirtschafskammer Österreich" und lobt, wie sollte es anders sein, die "digitale Vorreiterrolle Estlands". 

Alt muss weg?  

Andererseits gibt es auch Aussagen wie diese: "Aufgrund des hohen Anteils älterer Wälder ist eine nachhaltige Bewirtschaftung erforderlich, um die Kapazität zur Kohlenstoffbindung zu erhöhen. Außerdem sind ältere Wälder anfälliger für Stürme, Krankheiten und Brände, und ihre Fähigkeit, Kohlenstoff zu binden, ist viel geringer als die von Wäldern in einem optimalen Wachstumsstadium." Da wird dann der Begriff "nachhaltig" zur Vokabel für "immer wieder Bäume rechtzeitig fällen, andauernd". (kliimaministeerium)

Ist Estland also ein Land der Natur? Was passiert in Zukunft mit den estnischen Wäldern? Wer einen Waldspaziergang machen möchte, und unklar ist, was er / sie da riecht, sieht und fühlt, kann dann vermutlich in Zukunft einfach den Laptop oder Tablet starten und .... sich an der Frische der Daten erfreuen. 

Mittwoch, August 06, 2025

Das Schweigen brechen - mit estnischer Ironie

Es ist wohl allgemein bekannt, dass man mit Estinnen und Esten sehr gut zusammen sitzen kann, und auch wenn minutenlang kein Wort gesagt würde, von estnischer Seite wäre wohl zu hören: es war eine schöne Zeit! Da lässt ein Bericht im öffentlich-rechtlichen Nachrichtenportal ERR aufhorchen, dessen Überschrift behauptet: Die Esten - stille Meister der Ironie. Schweigend ironisch? Oder wie jetzt? 

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Humor-Gipfeltreffen

Zitiert wird hier Piret Voolaid, seit 2023 Direktorin des Estnischen Literaturmuseums. Sie sei Teilnehmerin gewesen auf einer "Humorkonferenz" in Polen, an der 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler teilgenommen hätten, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Nun hat man aber offenbar nicht diese 200 gefragt: "Verstehen denn Estinnen und Esten Humor"? 

Veranstalter der Konferenz war die "International Society for Humor Studies (ISHS)". Hier sind auch Estinnen und Esten präsent, Liisi Laineste, ebenfalls vom Estnischen Literaturmuseum, ist Vorstandsmitglied. Litauische Mitglieder sind vereinzelt zu finden, aus Lettland dagegen niemand (kein Humor?). 

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Können Esten dermaßen lauthals
lachen? Vor allem, wenn sie 
solche Lexika-ähnlichen Bücher
lesen? Oder bekam dieser Junge
gerade gesagt: "Lerne das bis morgen
auswendig, als Hausaufgabe ..."
(Illustration ERR zum 
Thema)
Im Konferenzprogramm finden sich "estnisch-polnische Projekte zu Humor im öffentlichen Raum". Ein erstaunlicher Austausch wahrscheinlich, wenn hier ein weitgehend katholisch geprägtes Land mit einem "unreligiös" geprägten anderen Land Wege gemeinsamen Lächelns sucht. Die Litauer (ebenfalls katholisch) sind ebenfalls im Programm der Konferenz präsent und stellen Vita Žibaitytė als populärste weibliche Comedian Litauens vor (hat Estland Ähnliches?). Ein deutscher Beitrag klingt vielsagend: "How to survive with German humor?" Eine weitere deutsche Studie beschäftigt sich sogar mit Russland: "Putins strategischer Gebrauch von Humor". Manche estnische Beiträge wirken eher nüchtern: "historische Narrative und Humor als ein Werkzeug um nationale Traumata in estnisch-russischen Literaturübersetzungen anzusprechen" (ISHS). Aber, wie Piret Voolaid sagt: "Niemand redet so ernst über Humor wie wir Humorwissenschaftler." (ERR)

Sarkasmus, Ironie, dunkler Humor? 

Was aber ist eigentlich estnischer Humor? "Die Esten sind so ein kleines Volk – keiner kennt sie – und deswegen hofft man wenigstens durch Witze aufzufallen". Ein Zitat von "Johanna in Estland", sich berufend auf eine Aussage von estnischer Seite. Auf "Youtube" gibts tatsächlich "ComedyEstonia" (estnisch, natürlich - auch auf eigener Webseite). Todor Ovtcharov behauptet auf RadioFM4, wer in Estland "Prost" sage, gelte schon als geschwätzig. 

Pascal Cabart hat immerhin 10 Witze in Tallinn gesammelt; Nummer 3 geht so: "Warum haben Finnen immer ein Taschentuch dabei? Damit sie sich die Tränen abwischen können, wenn sie auf Esten herabschauen." Bei "Orange smile" heißt es etwas hintergründig: "Die Esten können zu jedem Thema Witze machen, aber die Liebe zur Wahrheit macht ihre Witze nicht immer politisch korrekt." 

Stille Wasser 

Die Frage nach dem estnischen Humor bleibt als vorerst ohne klare Antwort. Nach Ansicht mehrerer estnischer Spielfilme könnte man eher auf "dunklen estnischen Sarkasmus" schließen - aber ist das Bestandteil estnischer Mentalität? Wenig Worte machen - aber wenn, dann mit hintergründigem Humor. Vielleicht. Piret Voolaid meint: "Die Esten sind die Meister des stillen Sarkasmus." Nun gut, Voolaid untersucht vor allem Wortspiele - die können ja auch einfach geschrieben werden, ohne Wortschwall. Die Situation während der Covid-19-Pandemie sei auf estnischer Seite oft unter Verwendung von Wortspielen bewältigt worden. Und "Humorstereotypen" werden auch beobachtet: während Franzosen gegen eine Steuererhöhung auf die Staße gehen und eine Revolution starten, tun es eben Estinnen und Esten durch Tanz und Gesang (untersucht wurden Memes im Internet). 

Außerdem wird im Estnischen Literaturmuseum auch der Humor früherer Zeiten untersucht. Zitat Voolaid: "Die Frage ist nicht, ob es in hundert Jahren noch lustig sein wird, sondern es gibt Aufschluss über das, was in der Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt geschah". (ERR)

Freitag, Mai 09, 2025

irgendwie gut

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Musikalische Lehrstunde

"Es ist sooo gail!" Die estnische Musikerin Kadri Voorand sitzt am Piano und hält Zweige in die Luft, die aussehen wir dürre Nadelhölzer. Das Konzert wird unterbrochen, es werden Zweige im Publikum verteilt. Kadri Voorand singt von der estnischen Natur, von Vater und Mutter, von der Liebe. Auch von estnischen Traditionen und wundervollen Gerüchen, die gerade diese Zweige - frisch entnommen der estnischen Natur - verströmen sollen. Ein ganz besonderes Musikerlebnis - die Konzertgäste zeigen sich bewegt bis irritiert. Schon an vielen Orten in Deutschland ist die estnische Musikerin zusammen mit dem Bassisten Mihkel Mälgand aufgetreten, aber "Musik durch die Nase" wurde wohl noch nie geboten. Wir befinden uns auf der "Baltic Night" im "Zentrum für Kunst" in Bremen, ein Ereignis, aus dessen Anlass erstmals im Rahmen der Messe "Jazzahead" an einem Abend nacheinander estnische, dann lettische und schließlich litauische Musikerinnen und Musiker ihren Auftritt hatten. 

Naturkalender am Kräuterpiano

Kadri Voorand erzeugt Nachwirkungen. Natürlich lassen uns die dargebotenen wohlriechenden "Zauberpflanzen" keine Ruhe. Nein, wie man vielleicht denken könnte, Wacholder (estn.= "kadakas") ist es diesmal nicht. Kadakas wäre ja auch zum Beispiel auf Hiiumaa in Geschenkpackungen als Seife oder Duschgel erhältlich. Oder als Wacholdersirup aus Saaremaa, nicht zu vergessen die alkoholische Variante, die heutzutage meist nur noch "Gin" (džinn) genannt wird.

Diesmal geht es aber um etwas anderes. Kadri Voorands Ausruf "sooo gail" war nicht einfach als Anbiederung an das deutschsprachige Publikum gemeint, sondern bezieht sich auf den estnischen Pflanzennamen: Sookail (ledum palustre). Der estnische "Looduskalender" (Naturkalender) verknüpft die Informationen zu dieser Pflanze gleich mit einer Warnung: "Wenn man draußen in einem Zelt übernachtet kann man davon ziemliche Kopfschmerzen bekommen und sogar krank werden", so die Warnung. Dem gegenüber steht als Empfehlung: "nur für den Schutz vor Motten geeignet". Der "Sookail" ströme ätherische Öle aus von "schwindelerregenden atemberaubenden Geruch" (maakodu). 

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Wahnsinnig berauschend, oder was?

Wer hat in Deutschland schon einmal "Sumpfporst" gesehen oder gerochen? Die Pflanze wächst bevorzugt in Hochmooren, auf nassen und kalkfreien Torfböden, und wurde früher zur Heilkunde verwendet, heißt es - nun aber wegen giftiger Bestandteile nicht mehr. Ein Relikt der Eiszeit. In Deutschland inzwischen, vor allem im Süden und Westen, nahezu ausgerottet (meint Wikipedia). "Der Inhaltsstoff Ledol hat oral eingenommen eine stark berauschende und narkotische Wirkung mit agressivem Charakter" (similasan). Ist das etwa der Grund, warum es so viele gruselige Geschichten von Menschen gibt, die orientierungslos im Moor herumgeirrt sind – vielleicht haben sie alle Sumpfporst gerochen …?

In Estland wie in Lettland kommt Sumpfporst aber noch derartig häufig vor, dass überall Warnungen zu lesen sind: Die Anwendung in der Naturheilkunde sollte mit ihrem Arzt oder Apotheker abgesprochen werden! Gleichzeitig wird online Abhilfe versprochen: "hierzu beraten Sie unsere Apotheker gerne" (meine-teemischung - 100g Sumpfporst kosten hier 20 Euro). An anderer Stelle kann Ähnliches mit dem englischen Begriff 'Labradortee' erworben werden. In Estland oder Lettland ist "Sumpfporst-Tee" (lettisch:"Purva vaivariņš") bei den verfügbaren Teemischungen relativ leicht zu finden und frei verkäuflich: Rezept: 5 Gramm Blüten und Blätter, in einem Glas mit heißem Wasser aufgießen und 15 bis 20 Minuten ziehen lassen (mammauntetim). So verschreibt es der lettische Arzt Artūrs Tereško als "Phytotherapie" (Kräutermedizin). Das "Estnisches Etymologie-Wörterbuch" (ETY) weist darauf hin, dass Estinnen und Esten in früherer Zeit die Kenntnisse zu dieser Pflanze und der estnischen Bezeichnung dafür eher nicht von den Deutschen, sondern von den Schweden übernommen hätten.

Wie wir in der "Livländischen Gourvernementszeitung", Ausgabe 2.7.1858 bereits nachlesen können, wurde Sumpfporst zur Herstellung von Bier verwendet, bevor im 13. Jahrhundert sich der Gebrauch von Hopfen immer mehr durchsetzte. "Im nördlichen Europa und Schweden war es früher in Gebrauch, dem Malztrank durch Ledum palustre (Sumpfporst, wilder Rosmarin), eine dort gewöhnliche Haidepflanze, Bitterkeit und eine Art von Stärke mitzutheilen." Auch die Wirkung wird beschrieben: das Bier "steige ungewöhnlich nach dem Kopfe", und auch Kopfschmerz, Ekel, und "bei übermäßigem Trinken sogar Wahnsinn" könne auftreten.
Nun ja, in Deutschland wird nur sehr selten jemand einen Strauch "Sumpfporst" von einer Wanderung mitbringen - er wäre wohl auch verboten, da es sich um eine in Deutschland streng geschützte Art handelt. Sogar Portale wie "Mein schöner Garten" geben zu, dass die Pflanze wohl unter dem Torfabbau stark zu leiden hatte. Ist das Biotop erst mal weg, kommt auch der Porst nicht wieder (nur beim Kauf im Gartencenter).

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Porst ins Bier, das rat ich Dir

Es wäre in diesem Zusammenhang aber noch ein weiteres Fachgebiet zu entdecken: die Herstellung von "Grutbier". Die "Brauwelt" berichtet: "Am 1. Februar 2025 feierten Craft Bier-Fans auf der ganzen Welt den 13. International Gruitday. Dieser Tag ist der Feiertag des Grutbieres, eines Bieres gebraut mit Würzkräutern anstelle oder in Ergänzung des Hopfens, so wie es im Mittelalter Brauch war." Bezug genommen wird hier auf lateinische Quellen des Mittelalters, in denen "Grut" gleichbedeutend gewesen sei mit "fermentum, materia, levarentur und pigmentum" - also: Substanzen zur Herstellung von Bier. (Brauwelt) Genauer gesagt: als häufigste Zutaten zum Bier galten damals "Gagel und Porst" (Gagelstrauch und Sumpfporst). Gleichzeitig wird zugegeben: wer damals noch über "Gagel und Porst" hinausgehen wollte, griff auch zu Fliegenpilz, schwarzem Bilsenkraut, Tollkirsche und Stechapfel - alle mit (mindestens) halluzinogenen Eigenschaften. Wir ahnen die Bedeutung eines "Reinheitsgebots", auf dessen verschiedene Traditionen ja besonders das bayrische Bier besonders stolz ist.

Bei "Hopfenhelden" wird nicht ohne Stolz auf heutige Hersteller von "Grutbier" verwiesen, so ungefähr nach dem Motto: hast Du eine Kräuterwiese, kannst Du auch Grutbier brauen. "Porst" wird dabei allerdings nicht erwähnt, denn, wie gesagt: in Deutschland gibt es ihn beinahe nicht mehr, und er steht unter Artenschutz. Dennoch, wer's kräuterhaltig mag: Wohl bekommt's!

Eine Erkenntnis: beim Genuss von estnischer Musik können wir einiges lernen - wenn wir nur richtig hinriechen. Vielleicht nicht "super-geil", aber irgendwie gut.

Donnerstag, April 10, 2025

Bildung jetzt auch künstlich

ImageAn Schulen in Estland soll es in Zukunft mehr künstliche Intelligenz geben - aber nein, das bedeutet nicht das Lehrerinnen und Lehrer nun durch Roboter oder Plastikpöppel ersetzt werden sollen. Vor einigen Wochen kündigte Präsident Alar Karis den "TI-Hüpe" (den "KI-Sprung") an, und mit dieser Initiative, benannt nach dem "Tiigri-Hüpe" ("Tigersprung"), der symbolisch die Digitalisierung Estlands einleitete, soll mehr künstliche Intelligenz in den Schulen nutzbar gemacht werden. Die estnische Regierung hat dazu ein Partnerschaftsabkommen mit "OpenAI" abgeschlossen, der Firma die auch "ChatGPT" entwickelte. (Estonian World Review / Forbes)
 

Nur die klügsten

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"Wir werden nicht diejenigen sein, die künstliche Intelligenz am meisten nutzen, aber am klügsten", so lässt sich Präsident Karis zitieren. Und Linnar Viik, einer der Initiatoren des "TI-Hüpe", meint: "Künstliche Intelligenz wird uns nicht die Jobs der Zukunft ersetzen, sondern diese Jobs werden Menschen einnehmen, die KI klug nutzen können." 
In einer ersten Projektphase erhalten am 1. September 2025 20.000 Schüler an Hoschulen (Klassen 10–11) und 3.000 Lehrer Zugang zu KI-basierten Lernanwendungen. Danach soll das Programm dann auf Berufsschulen und neue Schüler der 10. Klasse erweitert werden und letztendlich weitere 38.000 Schüler und 2.000 Lehrer im Jahr 2026 erreichen. (ti-hupe.ee)
 

KI zum Sonderpreis

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Programme wie "ChatGPT Edu" sollen dann in Estland eingesetzt werden. Dazu berichten Portale wie "decoder", "cointelegraph" oder "Unidigital", dass die US-Firma auch bei deutschen Hochschulen schon angeklopft und "Bildungsrabatte" angekündigt habe; als Alternative stünde aber auch "HAWKI" (datenschutzkonform) zur Verfügung. 
Auch die Uni Göttingen nutzt KI-Programme, weist aber auch auf Schwierigkeiten hin: es gebe keine Garantie, dass von einer KI generierten Texte auch stimmen, denn die KI "lerne" auch aus Falschinformationen. 
 
Workshops zur Weiterbildung von Lehrkräften an Schulen oder Universitäten bietet in Estland eine "Eesti Haridustehnoloogide Liit" EHTL (Union der estnischen Bildungstechnologen) an (750 Euro pro Kurs). Dabei gilt als "Bildungtechnologe", wer "Mitarbeiter einer Bildungseinrichtung ist, die ein modernes Verständnis für Lernen und Kompetenz in der digitalen Technologie hat." Schon 120 Schulen hätten sich für solche Workshops angemeldet, heißt es (err). Gut ausgebildete Menschen auf diesem Gebiet wurden auch schon mal als "Geheimwaffe des estnischen Bildungswesens" angesehen. 
 

Künstlich, aber gesteuert

"Die Sorge ist, ob das, was die Schüler gegenwärtig mit KI tun, tatsächlich nützlich ist, ob sie ihnen hilft, zu lernen", meint Diana Veskimägi, Vorsitzende der EHTL. Ilona Tragel dagegen, Professorin für Estnische Sprache an der Universität Tartu, sorgt sich eher darum dass die bisherigen KI-Trainingsprogramme eher mit englischer Sprache entwickelt worden seien. "Wenn Schülerinnen und Schüler häufig großen Mengen an Text ausgesetzt sind, die in Estnisch zu sein scheinen, aber tatsächlich den englischen Satzstrukturen folgen - und, noch schlimmer, nur dem englischsprachigen Weltwissen - dann kann es problematisch werden", meint sie. (err)
 
Und auch die estnische Behörde für Cybersicherheit ("Information System Authority" RIA) möchte noch ein Wörtchen mitreden. "Wenn es keine klaren Richtlinien gibt, dann laden Studierende alles Mögliche, also Schuldokumente, persönliche Daten, auch etwas von zu Hause in diese Systeme hoch - daher sollten die Schulen und Hochschulen auch eigene Sicherheitssysteme entwickeln," sagt RIA-Repräsentant Lauri Tankler. (ERR)

Montag, März 03, 2025

Ausgeskeipt

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Es gab Zeiten, da hing das Telefon noch an einer Schnur, oder es war in Telefonzellen zu finden. Und in Estland gab es Zeiten, als öffentliche Telefone nur scheinbar zufällig mal funktionierten. Aber noch bevor diese kleinen Geräte in unseren Alltag Einzug hielten, die heute nahezu jeder und jede täglich mit sich herumträgt, wurde Skype erfunden.

Das war 2003. Für Estland war es noch die schwierige Übergangszeit: warum müssen diese kleinen baltischen Länder unabhängige Staaten sein? Auf der europäischen Bühne schienen noch nicht alle verstanden haben, warum das für Estland unverzichtbar ist. Und Estland war noch kein Mitglied von EU und NATO, einige brachen noch auf zu trügerischen Billigjobs in Irland oder England, oder ins scheinbare Traumland USA. 

Drei Einhörner

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Es ist tatsächlich wahr, dass einer der drei IT-Entwickler, der "Skype" mit erfand, mit Nachnamen "Tallinn" hieß: Ahti Heinla, Priit Kasesalu und Jaan Tallinn. Offenbar haben alle drei versucht, ihr durch den Verkauf von "Skype" verdientes Geld wieder zu investieren: Ahti Heinla ist an den "Starship"-Robotern beteiligt, die in Tallinn an vielen Stellen die Pakete ausliefern. Priit Kasesalu hat auch "Kosmonaut", das erste kommerzielle Computerspiel in Estland mit entwickelt, und arbeitet heute bei Ambient Sound Investment. Über Jaan Tallinn heißt es, er sei zu einem der bekanntesten estnischen Expoerten zu "künstlicher Intelligenz" (KI) geworden und nun führender Investor und Anwalt für KI-Sicherheit. Außerdem sei er Anhänger von Kryptowährungen und halte einen großen Teil seines Vermögens in Bitcoin. Er hat unter anderem in "DeepMind" investiert, das inzwischen zu "GoogleDeepMind" geworden ist. (investinestonia)

Von der Öffentlichkeit vergessen scheint inzwischen, dass es mit Toivo Annus noch einen weiteren Beteiligten an der Skype-Erfolgsgeschichte gab. Er starb 2020 im Alter von nur 48 Jahren (estonianworld). Microsoft hatte den Web-Anruf-Pionier "Skype" 2011 für 8,5 Milliarden Dollar (rund 8,2 Milliarden Euro) gekauft.

Steigendes Selbstbewußtsein

Estland hat inzwischen den Minderwertigkeitskomplex, als kleine Nation keinen Einfluss in der Welt zu haben, abgelegt - das schrieb im vergangenen Jahr Journalistin und Schriftstellerin Airika Harrik. Vor 20, 30 Jahren hätten sich die Esten als kleine, arme Menschen gesehen, die durch die Winde der Geschichte herumgeworfen würden; inzwischen aber beschäftigten sie sich auf globale Politik. Sie zitiert Alar Kilp, Dozent für vergleichende Politik an der Universität von Tartu, mit der Aussage: "Bis 2020 wurde eine Art Erfolgsgeschichte nach Möglichkeit hervorgehoben - ob ein olympischer Sieg, Skype, Arvo Pärt oder jemand anderes". Nach Ansicht von Kilp könnte es jedoch sein, dass Estinnen und Esten inzwischen als Nation ein gewisses Maß an Selbstvertrauen erreicht haben: "Erfolge sind die Norm, und es besteht keine Notwendigkeit, jeden Sieg so laut wie möglich hinauszutrompeten." (err)

Ende ohne Schrecken

Auch in der deutschsprachigen Presse findet das "Ende von Skype" breiten Widerhall. Während die einen dieses Ende "überraschend" finden (Kleine Zeitung) oder sogar titeln "Skype stirbt" (Computerwoche), analysieren andere die Gründe für das Aus und konzentieren sich auf praktische Tipps für Nutzerinnen und Nutzer: "Skype verlor insbesondere während der Corona-Pandemie Marktanteile an Konkurrenten wie Zoom oder WhatsApp. Microsoft Teams hat sich inzwischen allerdings als einer der führenden Anbieter im Markt für Kollaborationssoftware etabliert und spielt eine zentrale Rolle in der Unternehmenskommunikation." (ZDF)

Nico Ernst schreibt für "Heise.de" in einer Analyse: Was damals fehlte, war "das eine Programm – damals noch nicht 'App' genannt – das Sprache, Chat, Screensharing und Dateiübertragung vereinte. Und das einfach nur funktionierte. Das war Skype." Und weiter: "Den Sprung aufs Smartphone hat Skype aber schlecht hinbekommen, sondern WhatsApp, Signal und Co. waren dort allgegenwärtig." Resumee: der Pionier tritt ab. Und: "Mal sehen, wie lange 'skypen' noch im Duden steht."

Freitag, Februar 28, 2025

Das Steuer, die Steuer

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Lange war es ein umstrittenes Thema in Estland: zum 1. Januar 2025 wurde eine Kraftfahrzeugssteuer eingeführt - als eines der letzten Länder in Europa, wie es heißt. Für alle registrierten Fahrzeugbesitzer bedeutet das zweimal zahlen: eine Gebühr für die Registrierung, und einen Beitrag pro Jahr.

In Estland fahren, so hieß es bisher, die ältesten Autos in der ganzen Europäischen Union (zusammen mit Griechenland). Und pro Neuwagen seien es bisher 141g CO2-Ausstoß pro Kilometer gewesen - gegenüber 110g im EU-Durchschnitt. (ARTE) Manche bezeichneten Estland bisher als "Autofahrerparadies" ("Die Presse")

Immerhin kamen für eine Petition gegen das neue Gesetz 70.000 Unterschriften zusammen - konnten das In-Kraft-Treten aber nicht verhindern. 

Estlands Autoverkäufer profitierten kurzfristig, und wunderten sich: viele wollten noch schnell Ende 2024 ein Auto kaufen, aber tatsächlich gekauft wurden nicht die kleinen Modelle, sondern große CO2-Schleudern, die gerade vom neuen Gesetz am meisten betroffen waren (ARTE). 

Rettungsfahrzeuge, Fahrzeuge für den diplomatischen Dienst, oder Militärfahrzeuge sind in Estland von der Kraftfahrzeugssteuer befreit. Aber Ülle Madise, die in Estland als "Õiguskantsler" so eine Art "Ombudsfrau" in Verfassungsfragen darstellt, fordert noch weitere Nachbesserungen und Ausnahmeregelungen. "Wenn an einem bestimmten Datum im Kalenderjahr ein Auto registriert wird," erläutert sie, "muss die Kraftfahrzeugsteuer für die verbleibenden Tage dieses Jahres gezahlt werden. Wenn aber das Fahrzeug schon am ersten Tag des Jahres kaputt geht, oder gestohlen wird, ist beispielsweise die volle Jahressteuer noch erforderlich, obwohl das steuerpflichtige Vermögen nicht mehr vorhanden ist. Sollte nun eine Person es sich leisten können, ein neues Auto zu kaufen, dann muss sowohl für den Vermögenswert, den das alte Auto hatte, wie auch für das neue Steuer gezahlt werden. Auch die Registrierungsgebühr kann nicht erstattet werden." (err)

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Eine Steuerberechnung für jeden einzelnen Nutzungstag scheint nicht möglich, aber eine Verbesserung wäre es schon, so Madise, wenn die Steuer vielleicht vierteljährlich berechnet werden könnte. Und auch an Fahrzeuge die von Behinderten genutzt werden, sowie an kinderreiche Familien sollte vielleicht noch gedacht werden, meint die Expertin.

Im vergangenen Jahr gab es Berichte, denen zufolge etwa 200.000 Autos zwar in Estland registriert, aber offenbar nicht mehr in Benutzung seien. Die Hauptstadt Tallinn habe 2024 mit etwa 500 Autos zu tun gehabt, die irgendwo in schrottreifem Zustand stehen gelassen worden waren (err).

Gemäß Zahlen des estnischen Statistikamtes wurden im Dezember 2024 7046 PKWs in Estland registriert - doppelt so viel wie im Dezember des Vorjahres. Im gesamten Jahr 2024 wurden 50424 PKWs in Estland gekauft, darunter 25746 Neuwagen. Das bedeutete insgesamt eine Steigerung um 7%, bei Neuwagen um 12%. (err

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Zum Verkehrsaufkommen in Estland einige Zahlen im Vergleich: an der A2 Anschlußstelle Hannover-Ost werden pro Tag etwa 85.000 PKW gezählt, dazu Schwerlastverkehr von ca. 20.000 Fahrzeugen. Am Frankfurter Kreuz waren es 120.000 PKWs (+ 20.000 LKWs). In Aurich / Ostfriesland waren es ca. 18.500 PKWs (+950 LKWs), und in Freiberg /Sachsen 13.500 PKWs (+750 LKWs). Alle Zahlen bezogen auf das Jahr 2022 (Bast) Auf dem Kölner Ring sollen auch schon 170.000 PKWs pro Tag gezählt worden sein (Wikipedia) Europaweit stiegen die CO₂-Emissionen im Personenverkehr von 1990 bis 2019 um 33,5%. (europarl)
 

Montag, Januar 20, 2025

Aber bitte mit Sahne!

Manchen mag es ja als gute Regel gelten, von fremden Sprachen jeden Tag ein neues Wort zu lernen. Also nehmen wir uns auch mal wieder etwas Estnisches vor: Vastlakukkel. Die Bäckereien Estlands melden bereits seit Jahresanfang unruhige Kundinnen und Kunden, denn bald beginnt die Jahreszeit für diese Köstlichkeit - so meldet es die estnische Presse. (err)

Süße Jahreszeiten

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Doch was ist das? Kommt uns dies nicht irgendwie bekannt vor? Zumindest wer nur die Abbildung sieht, könnte sich an verschiedenes erinnern, das auch in deutschen Landen bekannt ist: ein "Berliner" mit Sahne? Oder vielleicht ein "Berliner Pfannkuchen"? Ein Krapfen? Ein Kräppel oder Puffel? 

Irgendwo scheint es auch mal die Bezeichnung "Faschingskrapfen" oder "Fastnachtsküchle" gegeben zu haben - und da sind wir dann offenbar auf der richtigen Spur.  

Und es gibt auch Spuren nach Skandinavien: "semla" (Schwedisch), "fastlagsbulle" (finnlandschwedisch), oder "laskiaispulla" (finnisch). Teilweise mit Füllung, teilweise mit heißer Milch serviert, heißt es.

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"Shrove croissants" in Tallinn

Fasten, oder schlemmen? 

Und eben das estnische "vastlakukkel". Das estnische Wikipedia meint dazu: "traditionelles Gebäck, das in Skandinavien, Island, Finnland und den baltischen Ländern am Neujahrstag vor dem Fasten hergestellt wird. In Estland sind diese Brötchen vor allem als Neujahrsessen bekannt." Hinzugefügt wird hier, dieses Gebäck sei vor allem in Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark, Island, den Färöer-Inseln, Estland, Lettland, Litauen und "einigen Regionen Deutschlands" bekannt. Ok, vielleicht ist das estnische Selbstbewußtsein ja in diesem Fall ähnlich hoch wie beim Marzipan - von dem ja auch behauptet wird, es sei in Tallinn erfunden worden (siehe Jaan Kross: "Marts Brot"), und nicht etwa in Lübeck. Also: etwas sehr estnisches .... und irgendwo in Deutschland auch noch. 

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Ein "Vastlakukkel" wird, gemäß der estnischen Beschreibung, aus Hefeteig plus evtl. Schlagsahne, Kardamom, Marzipan, Mandelbrösel oder Vanillecreme hergestellt. Dazu wird uns erklärt, dass die strenge Einhaltung der Fastenzeit "nach der Reformation verschwunden sei" (offenbar gilt das für Estland). Heute seien diese "Neujahrskuchen" von Januar bis Ostern in vielen Lebensmittelgeschäften und Konditoreien in Estland zu haben.

Geht weg, wie warme ...

Durchschnittlich 100 Stück Vastlakukkel, am Wochenende bis zu 200 verkauft derzeit die Bäckerei "La Boulangerie" in Tallinn, verrät der Eigentümer (ERR) - obwohl der Slogan gerade dieser Bäckerei eher "ein Stück Frankreich in Estland" ist. Und Kenneth Karjana, Eigentümer der Bäckerei "Karjase Saia" sagt, er würde dieses Gebäck "die ganze kalte Jahreszeit durch" herstellen (dort angegeboten als "Shrove Croissants"). Ob man nun den Stückpreis von 4-5 Euro akzeptabel findet, ist wohl den Genießerinnen und Genießern zu überlassen. Der Bäcker selbst scheint Sorge zu haben, ein Preis von über 5 Euro könne "sich eine estnische Familie nicht mehr leisten". (ERR)

In einem früheren Beitrag ist bei ERR dann allerdings doch zu lesen, die Esten hätten diese Tradition wahrscheinlich doch eher von den Deutschen übernommen, die zu früheren Zeiten im Lande gewohnt hätten. So wird wohl die Behauptung von "nach der Reformation verschwunden" eher zu "mit dem Ende der deutschen Vorherrschaft verändert". Professorin Reet Bender, Expertin für deutsche Sprache und Kultur, führt das auf Rezepte aus dem 18. Jahrhundert zurück, wo es als "heiße Wecken" in Estland verkauft worden sei. Die Deutschbalten hätten es früher sogar gern mit Rosinen und sogar Rosenwasser gebacken. Die Sahne sei dann in den 1920iger und 1930iger Jahren dazugekommen, denn Estland, als Agrarland, habe damals ausreichend viel davon produziert, und man habe es dann zu vielen Speisen hinzugenommen. Heute sei es ja manchmal auch ein Massenprodukt, so Bender, aber zu Hause könne es natürlich jeder und jede gern so üppig wie gewünscht herstellen.

Frisch empfohlen

Auch einige "Influencer" und Blogger haben das Gebäck schon entdeckt. Beim "Schneehörnchen" heißt es "auf zum Semlor essen"; die estnische Variante wird erwähnt, das Rezept ist wohl eher schwedisch. "Nordic Estonia" präsentiert "Vastlapäev" mit dem zugehörigen Gebäck, versteigt sich aber beim Blick aufs Nachbarland Lettland darauf, dasselbe würde dort "vēja kūkas" ("Windkuchen") heißen - nun ja, da sind wir doch eher beim Windbeutel, Elair, oder Blätterteig (ich kenne es aus Riga mit der Bezeichnung "Vēcrīga", Rezept hier). Die Sahne kommt hier nicht drauf, sondern hinein. 
"Estoniancuisine" klärt uns darüber auf, dass es in Estland zwei Fraktionen gäbe: die einen meinen, es gehöre ausschließlich Schagsahne auf den Vastlakukkel, aber die anderen wollen auch Marmalade drauf haben. Und eine Regel: lieber ein frisch gebackener Vastlakukkel am Morgen, als zehn alte pro Tag. Wie auch immer: nicht nur zur Fastenzeit ...

Mittwoch, Dezember 18, 2024

Bauen für die Skyline

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 "Himmelskratzer" heißen sie auf Englisch, im Deutschen werden die Wolken gekratzt, der estnische Begriff "Pilvelõhkuja" scheint sogar eine "Sprengung" der Wolken zu beabsichtigen.

"Wolkenkratzer, die das Stadtbild sichtbar prägen, finden sich eher in den Skylines wirtschaftlich prosperierender Großstädte", so schreibt es zumindest das estnische Wikipedia, und weist zusätzlich darauf hin, dass Gebäude in Tallinn von einer Höhe über 45m als "Hochhäuser" und höher als 124m als "Wolkenkratzer" bezeichnet werden. Warum gerade 124 Meter? Nun, die Oleviste-Kirche (Olaikirche) in Tallinn ist, inklusive Turm, 123,7 Meter hoch. Auch das 2007 fertig gestellte "Swissôtel Tallinn" erreicht nur 117 Meter (der Fernsehturm von Tallinn ist mit 314 Metern allerdings höher).

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Hochhäuser als Symbole

Und noch einmal Wikipedia: "Heutzutage sind Wolkenkratzer häufig an Orten zu finden, an denen Land knapp und teuer ist, beispielsweise im Zentrum von Großstädten. Wenn der Eigentümer die Etagen des Gebäudes vermietet, kann er pro Grundstückseinheit unter dem Gebäude ein sehr hohes Einkommen erzielen." 

Nun will Tallinn wieder hoch hinaus. Welche Symbolik dabei Leitfaden ist, bleibt vorerst unbekannt. Aber bis 2035 sollen drei weitere Male die Wolken "gesprengt" werden. Das Stichwort dazu heißt "Maakri" - ein Teil der Innenstadt in Tallinn, wo auch schon in den vergangenen Jahrzehnten moderne Gebäude errichtet wurden. 

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Geschichte und Gegenwartsmix

Maakri ist stolz auf seine Geschichte: es seien Keramikfragmente gefunden worden, so teilt uns "Maakri-Hub" mit, die von menschlichen Aktivitäten an diesem Ort schon in der Zeit zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr. künden würden. Und im 15. und 16. Jahrhundert seien an dieser Stelle Gebäude errichtet worden, ab dem 18. Jahrhundert war der Stadtteil unter der Bezeichnung "Kivisilla" bekannt. Auf alten deutschen Landkarten ist unter anderem die "Maker Straße" zu erkennen. 

Und weiter erfahren wir, dass rund um die Maakri-Straße alles bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts alles aus Kopfsteinpflasterstraßen bestand, später aus asphaltierten Gehwegen. In den 1980iger und 1990iger Jahren sei aber vieles abgerissen worden was hier stand - auch eine der Grundlagen für die gegenwärtigen Planungen. 

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Wie Pilze aus der Maakri-Straße ...

Es gibt aber auch noch denkmalgeschützte Gebäude in der Maakri-Straße, und so entstand in der letzten Zeit eine sehr "kontrastreiche" Bebauung, allein schon was die Gebäudehöhen angeht. Nun wurden die Gewinner eines Architekturwettbewerbs bekannt gegeben zur weiteren Entwicklung dieses Stadtteils. Hier ist unter anderem interessant, dass sämtliche Wettbewerbsunterlagen ausschließlich in estnischer Sprache eingereicht werden mussten, und auch Englisch nicht zugelassen war. 

Koordiniert wurde die Ausschreibung vom Unternehmen "Capital Mill", ein 2008 gegründetes Unternehmen, das Dienstleistung zur Entwicklung von Immobilien anbietet. Die prämierten Entwürfe mit der Bezeichnung "Trinity" stammen vom Architekturbüro "Molumba". Drei separate Hochhäuser sollen gebaut werden: mit offen zugänglichen Zwischengeschossen. Das höchste der drei neuen Bauwerke innerhalb des Maakri-Komplexes erreicht 30 Stockwerke und damit über 100 m Höhe (structurae). Den Wettbewerbsvorgaben zufolge muss fast die Hälfte des Quartiers in einen landschaftlich gestalteten Stadtpark umgewandelt werden, von dem die Entwickler hoffen, dass er zum Herzstück des Gebietes wird. (err)

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Es wird geschätzt, dass der gesamte Planungsprozess etwa 10 Jahre dauern könnte. Spätestens dann wird sich also die Skyline der Stadt Tallinn wieder weithin sichtbar verändern.

Donnerstag, November 07, 2024

Oben ohne

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Es gibt ja manchmal eine Diskussion darüber, wie dieses in Estland und den baltischen Nachbarn beliebte und bekannte Verkehrsmittel deutsch übersetzt werden sollte: Oberleitungs-Bus, O-Bus, oder doch lieber Trolleybus? Als im Juli 1965 in Tallinn der Betrieb von elektrisch betriebenen Bussen samt Oberleitungen eröffnet wurde, gab es sie in Vilnius (seit 1956) und Riga (seit 1947) schon lange. (tlt)

Wer jemals in überfüllten Trolleybussen unterwegs war, den wird vielleicht auch nicht verwundern, dass die Betreibergesellschaft "Tallinna Linnatransport TLT" ganz offiziell 8 Passagiere Aufnahmekapazität pro Quadratmeter Busfläche berechnete. Reisebuchautor Klaus Schameitat ist offenbar ein Fan der Tallinner Oberleitungs-Gefährte, denn er hat eine umfangreiche Infoseite dazu, illustriert mit zahlreichen eigenen Fotos, ins Internet gestellt.

Ab jetzt, oder sehr bald: Akutrolle

Ab dem 1. November wurden die 4 bisherigen Trolleybuslinien in Tallinn eingestellt; auf diesen Strecken werden jetzt - vorübergehend, wie es heißt - herkömmliche Busse eingesetzt (err). Dies bedeutete aber nicht die Abschaffung der Trolleybusse, so Bürgermeister Mihhail Kõlvart (tallinn.ee). "Wir wollen ein möglichst breites Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln bereitzustellen, um den Bedürfnissen der Stadtbewohner gerecht zu werden“, so Kõlvart. Ziel sei es, den öffentlichen Nahverkehr bis 2035 emmissionfrei zu betreiben.

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Ab 2026 sollen also 40 neue batteriebetriebene Busse auf den bisherigen Linien eingesetzt werden - estnisch "Akutrolle" genannt. (tallinn.ee) Die bisher eingesetzten Fahrzeuge hätten ihre maximale Nutzungsdauer erreicht, 38 ausrangierte Trolleybusse der Marke Solaris Trollino sollen jetzt im Rahmen einer Auktion verkauft werden. Die Gesamtkosten dieses fünf bis sechs Jahre dauernden Umstellungsprojektes werden auf 40 bis 50 Millionen Euro veranschlagt.

Im Stadtzentrum werde nun das unnötig gewordene Oberleitungsnetz abgebaut, während in der Mustamäe- und der Sõprus-Straße eine für die neuen Trolleys geeignete Ladeinfrastruktur gebaut werden soll - die Busse sollen mindestens 25km mit einer Aufladung fahren können.  

Trauer, oder Vorfreude? 

Inzischen gibt es Reaktionen von Trolleybusfans. Videoclips mit der Bezeichnung "Trolleybus auf seiner letzten Fahrt in Tallinn" gibt es gleich mehrere auf den gängigen Portalen (Youtube1 / Youtube2 / instagram) zu finden. Andere schreiben von einer "Trolleybus Renaissance". 

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Trolleybus-Oberleitungsnetz in Tallinn
Zu Spitzenzeiten betrieb Tallinn schon einmal neun Linien mit Trolleybussen - einige wurden inzwischen auf reguläre Busse umgestellt.

Ob sich auch die Bezeichnungen für die neuen akkubetriebenen Gefährte in Tallinn ändern wird? Oder wird sich vielleicht die Bezeichnung "Akutrolle" auch im Englischen und Deutschen durchsetzen?

Beim baltischen Nachbar in Vilnius spielen Trolleybusse offenbar auch in Zukunft noch eine größere Rolle als in Tallinn. Gerade erst wurden für Vilnius 73 neue Fahrzeuge angeschafft (siehe auch: Youtube), und am internationalen "Tag ohne Auto" (gelegentlich auch "Mobilitätswoche" genannt) fahren in Vilnius "Retro-Trolleybusse" als Attraktion. Den Vergleich mit Riga hingegen scheut Kaido Padar, Chef von TLT, nicht: immerhin sei der Fahrpreis pro km in der estnischen Hauptstadt rund 30% günstiger als beim lettischen Nachbarn (err).

Freitag, November 01, 2024

10 Minuten gegen die 22

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Es gibt Tage, wo niemand danach fragt, ob nun Reformationstag, Halloween oder Allerheiligen gefeiert wird. So ein Tag brach am Donnerstag dieser Woche in Estland an: "Jätku leiba" ("mehr Brot", oder auch "möge das Brot ausreichen") war das Motto. Nein, hier geht es nicht um Bäcker und Backstuben, sondern um die von der estnischen Regierung geplante allgemeine Erhöhung der Mehrwertsteuer: ab 2025 soll diese 24% (bisher 22%) betragen und auf nahezu alle Dienstleistungen angewandt werden (vatcalc).

"Nur Norwegen und Dänemark noch höhere Mehrwertsteuersätze", klagt der estnische Hotel- und Restaurantverband. 360 Restaurants, Cafés und Hotels schlossen sich am 31.10. dem Protest an und legten für die Zeit zwischen 12:30 und 12:40 Uhr die Arbeit nieder (es wurden keine Kundinnen und Kunden bedient). "Statt den Export anzukurbeln und die Wirtschaft zu fördern, erhöht der Staat einfach die Steuern, ohne in die wirtschaftliche Erholung zu investieren", so Protestkoordinatorin Killu Maid. Auch der Tourismus habe sich noch nicht vollständig von den pandemischen Zeiten erholt. (ERR)

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Die estnische Regierung, allen voran Regierungschef Kristen Michal, benennt ganz offen, warum die Steuern erhöht werden. Eine "Verteidigungssteuer" aus drei Elementen soll es geben: Anhebung des Mehrwertsteuersatzes um 2 Prozentpunkte ab 1. Juli 2025, eine zusätzliche Steuer von 2 Prozent auf das steuerpflichtige Einkommen natürlicher Personen ab 2026, und eine Steuer von 2 Prozent auf Unternehmensgewinne. (ERR). Das Verteidigungsministerium hatte einen zusätzlichen Finanzbedarf von 1,6 Milliarden Euro angemeldet. Alle Ministerien werden aufgefordert, in den nächsten drei Jahren jeweils 10% ihres Budgets einzusparen. Laut Michal sollen nur Renten, innere Sicherheit, Polizei und Lehrpersonal von den Kürzungen ausgenommen werden.

Verantwortliche Stellen im Nachbarland Lettland verkünden, dass dort keine Erhöhung der Mehrwertsteuer geplant sei (sehr wohl aber die Steuern auf Alkohol, Treibstoff, Tabak und Glücksspiel). Die Protestaktion des Gastgewerbes fand aber dennoch gleichzeitig in allen drei baltischen Ländern statt - die Gastronomie werde in diesen Ländern ähnlich wie in Estland höher besteuert als anderswo in Europa, und Aufgrund des Anstiegs der Rohstoff- und Arbeitskosten machen sie sich auch Sorgen um die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der Dienstleistungen.(ERR / Postimees)