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Donnerstag, April 18, 2019

Auf ein Wort

Estland macht sich Sorgen. Um die Zukunft? Die neue Regierung? Das auch. Aber die Estinnen und Esten beschäftigen sich offenbar auch mit sehr "estnischen" Fragen. Wir lernen: auch die Eigenschaft "estnisch" an sich ist offenbar noch zu steigern. Gesucht wurde in Estland nämlich kürzlich "das allerestnischte" - oder wie soll man sagen? Das am meisten Estland-typische .... Wort.

"Schande - häbi!" könnte es einem spontan entfahren, angesichts der Merkwürdigkeiten der aktuellen Regierungsbildung. Aber nein, ein Wort mit nur vier gewöhnlichen Buchstaben, das war natürlich gar nicht in der engeren Auswahl. "Jäääär" - kommt mir als nächstes in den Sinn; wahrscheinlich schon viel "estnischer", und mit vierfach-Vokal: eine estnische Band, und, einige Jahre lang ein in Berlin beliebtes estnisches Café (zur Zeit nur noch in den Facebook-Memories existent).

"Tööö" oder "Kuuuurija" schlägt uns der Blog "Auf in den Norden" als herausragende estnische Worte vor (Nachtarbeit, Mondforscher). Nicht ohne zu ergänzen, dass es auch Wörter gäbe im Estnischen, die nur zu beschreiben, aber nicht zu übersetzen seien - aber selbst ein schönes Wort wie "Hauaööõudused" kam beim estnischen Wettbewerb nicht ganz nach vorn.

Sõnajalaõis - die "Farnblüte" soll es jetzt also sein. Das "estnischte", sozusagen (ERR). "Eine fantastische Wahl!" jubelt Rain Kooli (Eesti Rahvusringhääling / Estnischer Rundfunk ERR). In diesem Wort seien ethnisch-mystische Aspekte genauso enthalten wie die Sehnsucht nach Glück. 7000 Stimmen wurden insgesamt abgegeben. Auch eine gesungene Version mit diesem Titel soll es bereits geben. 
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Da irritiert nur eine Mitteilung im "Looduskalender", geschrieben bereits 2010. Dort heißt es:
"In der estnischen Volksüberlieferung ist der Rainfarn, sõnajalaõis, eine magische Blume. Sie blüht nur für sehr kurze Zeit in der Mitsommernach, und soll dem Finder Glück bringen können, sowie die Fähigkeit, die Tiersprache zu verstehen, Unsichtbarkeit, Reichtum und vieles mehr."-
Trösten wir uns, vermutlich ist da nicht "Rainfarn" (
Tanacetum vulgare) gemeint, eine Pflanze die zumindest in Deutschland sehr gewöhnlich und weit verbreitet ist. Wie wir u.a. auf "Kostbare-Natur" nachlesen können, gehört dieser nicht zu den Farnen, sondern zu den Korbblütlern. Früher soll man in Livland Wurmkuren für Pferde mit Rainfarn zubereitet haben, so berichten alte Enzyklopädien. Auch Johannes Brobowski soll übrigens schon den Rainfarn als Übersetzung für "Farnblüte" missverstanden haben - lernen wir beim "Deutschlandfunk" (siehe auch: Planet Lyrik). Vielleicht kommt das daher, wie wir in den Annaberger Annalen nachlesen können, dass es bei Brobowski sogar eine eigene Erzählung mit dem deutschen Titel "Rainfarn" gibt - die von einem Kraut erzählt das unsichtbar macht. 

Wie auch immer: ob nun reale "Sõnajalaõis", oder nur fantasierte - vermutlich werden die Estinnen und Esten auch dieses Jahr zu Mitsommer nicht mit dem schlichten Rainfarn (Harilik soolikarohi) am Wegesrand zufrieden sein. Einige haben schon begonnen damit, im Internet "Fake-Sõnajalaõis" zu posten - also angeblich in der Mitsommernacht gefundene Farnblüten. Für alle, die mehr als nur EIN Wort Estnisch lernen wollen: den Wortschatz zum Mitsommer-Feiern hat bereits der "Eestikultuurist" zusammengetragen. Nehmen wir - als Deutsche - das Ganze mal als Ermutigung, von der schönen Sprache des Estnischen doch mehr als nur "Terviseks" zu lernen (ganz deutsch betont auf der letzten Silbe ...).

Sonntag, Januar 03, 2010

Vorsätze für 2010

Sollte Estnisch lernen dazu gehören, kann man manchmal dankbar für Produktwerbung mit Untertiteln sein. Vor allem die Wiederholung macht es. Ein nicht mehr ganz aktuelles Video des Getränkeherstellers Saku, bekannt vor allem für's Bier. Und wer schon fortgeschritten ist, kann hiermit sein Vokabular testen.

Charade2003 hat in den Kommentaren bei Youtube gleich alles ins Englische übersetzt.

"Wir sind":...

We are married
We are dog lovers
We are practical
We are in a fight
We are in trouble
We are fathers
We are sons
We are patient
We are homebuilders
We are hot
We are stars
We are brave
We are boys
We are guilty
We are good chefs
We are lovers
But first and foremost...

WE ARE FRIENDS!!!

We share Saku Original with each other which has always been a part of real friends and friendship. Saku Original. A Friends Thing. Above All.

Wichtig ist auch das Nummer-Eins-Schimpfwort: Kurat - Teufel
In dieser "reklaam" kommt es zum Einsatz.


Hier kommen die Zahlen ins Spiel, Ekspress Hotline reklaam:

Freitag, Februar 27, 2009

Saft mit Frühstück

Über die guten und schlechten Seiten eines Übersetzungsprogramms haben wir hier schon diskutiert. Es war aber mein Wunsch für 2009. Ohne es zu wissen, Google übersetzt jetzt tatsächlich. Ich habe mir gleich die erstbeste Nachricht der Postimees als Test genommen.
Helsingisse teel olnud Tallinki reisilaev Superstar seisis täna tehnilise rikke tõttu pea kaks tundi Soome lahel, laevafirma teatel hakkas laev taas liikuma kell 10.30.
Helsingisse peaks laev kõudma kell 11.30.
Tallinki pressiesindaja Luulea Lääne sõnul avastati kell 8.45 laeval tehniline rike, mille kõrvaldamisega tegeles meeskond oma jõududega.
Tallink vabandab reisijate ees ebamugavuste pärast.
Postimees.ee lugeja teatel Superstari mootorid ei töötanud ning laev andis teda ümbritsevas tihedas udus signaali.
Laeval toimuvast saab inglisekeelset otsereportaaži lugeda siit.
Kirjutaja Elver Loho andmetel oli laeval osaliselt ära elekter. Laeval jagati reisijatele tasuta mahla ning hommikusööke.


Was ist passiert? Google übersetzt:
Ein Kreuzfahrtschiff nach Helsinki von Tallink Superstar stand heute aufgrund eines technischen Versagens müssen zwei Stunden auf den Golf von Finnland, laevafirma berichtet das Schiff setzte sich in Bewegung wieder um 10.30 Uhr.


Das Schiff sollte kõudma Helsinki um 11.30 Uhr statt.
Estland Luulea West-Sprecher sagte das Schiff wurde in 8:45 durch technisches Versagen, bei denen die Entfernung des Teams aus eigener Kraft.
Tallink uns für die Unannehmlichkeiten der Passagiere im Vordergrund.
Alert den Leser Postimees.ee Superstars Motoren funktionierte nicht und gab ihm ein Schiff in dichtem Nebel rund um das Signal.
Vorstand otsereportaaži Englisch kannst du hier lesen.
Glasaale Loho Schriftsteller war ein Teil der Strom Bord. Das Schiff wurde an Reisende kostenlos, und der Saft mit Frühstück.


Hier ist das Tool.

Freitag, Dezember 19, 2008

Mein Wunsch für 2009

Und überhaupt, damit Informationen leichter aus Estland in den deutschsprachigen Raum dringen, wünsche ich mir ein Textübersetzungsprogramm für Estnisch. Vorbild bablefish bei Altavista. Die Englisch-Russische Übersetzung dort hat deutlich an Qualität gewonnen. Solange das nicht auch auf Estnisch-Deutsch geht, werden weiterhin einige englische Übersetzungen aus estnischen Meldungen ins Deutsche übertragen, ein Internetfund, hier das Ergebnis, das jemand gepostet hat. Es geht um die Wahlmöglichkeit per SMS:

Das estnische Parlament wählte letzten Donnerstag auf einer Rechnung, die Estonians ihre Stimmen von ihren jeweiligen Mobiltelefonen würde setzen lassen.
Mit einer starken Geschichte des Seins Technologie-Vorwärts, führte Estland leicht das Maß und Bürger sind jetzt in der Lage, in ihren folgenden parlamentarischen Stimmen 2011 anzurufen.
Um durch Mobiltelefon zu wählen, wird Estonians ein spezieller Span für ihre Hörer herausgegeben die bewegliche Zahlungen sowie das Überprüfen des caller’ im Auge behalten; s-Identität.

Freitag, November 21, 2008

Ein Blog gesichtet

Von mir unbemerkt ist bisher der Blog "tallinnas" geblieben. Der Autor nennt sich nagilum und postet mitunter Ätzendes, wie hier zum Sprachvergleich Englisch mit Estnisch. Es ist ein Auszug einer Kollegenschelte. Es geht um die Behauptung, das Estnische hätte keine Artikel:

mein kollege erklärt nun zuallererst die drei formen des englischen hauptwortes: allgemeine form (gebraucht, wenn man über eine sache im grossen und ganzen redet; "let´s talk about cars"), indefinite form ("he bought a car"; ein auto von vielen) und definite form ("he parked the car" - wir reden von einem spezifischen auto). danach folgt dann die erklärung, dass das estnische keine artikel habe. das ist richtig; im selben satz findet mein kollege dann aber, auf einen tisch zeigend: "die esten sagen einfach nur ´tisch´, nichts weiter, einfach immer nur ´tisch´."
die esten sagen mitnichten nur tisch. ganz im gegenteil: sie deklinieren ihn sogar, den scheisstisch. insgesamt vierzehn mal, wobei in vier dreiergruppen und einer zweiergruppe jedes nomen, jede nummer, jeder namen und jedes adjektiv zuerst nach grundfall, danach nach lokalfall, nach zustandsfall und nach vorhandensein oder nichtvorhandensein gebeugt wird. die esten sagen nicht "der" tisch oder "ein" tisch, weil sie 14 fälle und deswegen keine artikel nötig haben. sogar die teilmenge eines grösseren ganzen ist über einen speziellen fall, den partitiv, geregelt, der einen unbestimmten artikel vollständig ersetzt.



hier der ganze Post: sprachverständnis

Dienstag, Juni 24, 2008

Echte Namen

Auf der Fahrt von Rīga nach kommt man kurz vor Pärnu durch den Ort „Uulu“. Ausländer fühlen sich entweder an Finnland erinnert, was ja auch naheliegend ist, oder aber amüsieren sich über einen Ort mit vier Buchstaben, von denen drei ein U sind.

Aber an Leser, die des Estnischen nicht mächtig sind, ein paar weitere lustige Hinweise auf Ortsnamen, die nicht witzig sind wegen ihrer Buchstabenkombination, sondern wegen ihrer Bedeutung. In Deutschland gibt es unter „echtenamen“ eine Internetseite mit deutschen Beispielen, die weit über Essen, Siegen und Singen hinausgehen.

Unter den kleinen Orten, die in Estland am Straßenrand mit blauen Schildern gekennzeichnet sind, man muß also die Geschwindigkeit nicht auf 50km/h reduzieren, liegen an den Touristenstrecken noch zwei weitere, so „Naistevalla“ auf dem Weg nach Tallinn im Kreis Raplamaa, etwa auf der halben Strecke zwischen Pärnu und Tallinn. Der Name bedeutet soviel wie „Frauengemeinde“. Auf dem Weg von Tallinn nach Narva führt die Landstraße exakt bei einer noch zu erwähnenden Abzweigung durch das Örtchen „Loobu“, wo es auch ein gleichnamiges Rinnsal gibt. Dies ist die Befehlsform des Verbs „loobuma“, und das bedeutet „verzichten“ oder „aufgeben“.

An dieser Stelle geht es ab in eine größere Ortschaft mit einem Namen, der in ganz Estland bekannt ist, nämlich „Tapa“. Tapa wiederum ist die Befehlsform des Verbs „tapma“, und das heißt „töten“. Dazu gibt es in Estland eine Anekdote, die auf dem Umstand beruht, daß es vielerorts zu sowjetischen Zeiten Zeitungen gab, die im Titel den Namen der Gemeinde plus den Begriff Kommunist trugen, also habe es der Legende nach „Tapa Kommunist“ gegeben. Und hier kommt ein interessanter grammatikalischer Aspekt des Estnischen zum Tragen. Im Gegensatz zu anderen sprachen, wo auch in einem Befehls- oder Aufforderungssatz das Objekt im Akkusativ steht, also etwa „töte den Kommunisten“, verhält sich dies im Estnischen anders, hier muß es tatsächlich direkt übersetzt heißen: „töte der Kommunist“. Folglich bedeutete „Tapa Kommunist“ nichts anderes als dies.

Nun kolportiert dieses Gerücht weiter, eines Tages habe ein Este die Sowjets über diesen Umstand aufgeklärt, was auf wenig Freude gestoßen sei. Sofort habe man das Blatt umbenannt in „Tapa edasi“. „Edasi“ nunmehr bedeutet so viel wie „vorwärts“. Dieses Wort kennt man auch in Deutschland als Zeitungstitel. Doch im Estnischen bedeutet es eben auch „weiter“. Der Legende nach wurde folglich aus „töte den Kommunisten“ angeblich „töte weiter“.

Ich habe bisher den Wahrheitsgehalt dieses Geschichte nicht erkunden können. Sie wird jedoch eigentlich immer als Legende bezeichnet. Den Touristen erzähle ich das auf der Durchreise immer.

Sonntag, Mai 25, 2008

"Ausgesperrt im eigenen Land" DIE ZEIT

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Originally uploaded by Flasher T
Also, ich weiß nicht. Diese Pauschalisierung. Die Russen. Oder russischsprachig. Oder Esten mit russischer Abstammung usw. . Immer wieder fahren Journalisten nach Estland und versuchen die Lage zu erklären. Ich kenne wahrscheinlich immer die falschen russischsprachigen Bürger Estlands. Hier sind sie beim Spiel Strikeball verwandt mit Dozor. Leicht militärisch eingefärbt aber mit großem Spaß bei der Sache. Sie benutzen abgelegene Plätze und Ruinen. Flasher_T im Foto, Este und russischer Muttersprachler, gibt die taktischen Anweisungen. Das alles ist nicht politisch korrekt. Die "Russen" tragen Bundeswehruniform.
Hey, warum ziehe ich immer andere Rückschlüsse, als zum Beispiel die Reporter von "DIE ZEIT".

Sonntag, März 23, 2008

Integration - Wie geht es weiter?

Keine einfache Antwort. Allein das Wort Integration bräuchte genauere Bestimmung. Es gibt weniger als eine Millionen Esten in Estland. Es gibt über 300 000 Russen und sie sind auch Esten. Das sagt die Statistik.
Nun hat Urve Palo, die zuständige Ministerin, den zukünftigen Rahmen für weitere Einbürgerungen beschrieben. Knapp 116 000 Staatenlose leben in Estland. Etwa 9% der Gesamtbevölkerung. Davon werden ungefähr 5000 jährlich die estnische Staatsbürgerschaft erhalten.

Under the previous integration program which ran from 2000 to 2007 only 5000 people a year became Estonian citizens out of a population of nearly half a million people who are not ethnically Estonian.

At present Estonia has 115,672 stateless residents who represent 9 percent of the population.


Gleichzeitig läuft an verschiedenen Schulen das "Immersion" Programm für eine Ausweitung der estnischen Sprache an Schulen der Minderheiten, vor allem an den russischsprachigen. Ich erlaube mir ein längeres englischsprachiges Zitat aus den offiziellen Überlegungen für die Einführung des Programms, Language Immersion Centre:

History of the Immersion Program in Estonia


THE ESTONIAN CONTEXT

Approximately one third of the population of Estonia is of non-Estonian origin, the vast majority of whom do not speak Estonian and are not fully integrated into the mainstream of Estonian political, social and cultural life.

The integration of minorities is a major priority of the Estonian Government. In this regard, fluency in the national language is considered a prerequisite for the political, economic, social and cultural integration of non-Estonians living in Estonia.

With the re-establishment of independence in 1991, Estonian became the official language of the country and the curriculum of Russian-language schools was harmonised with that of Estonian-language schools. The number of hours dedicated to the study of Estonian in Russian-language schools was increased dramatically.

However, current Estonian as a second language teaching strategies have generally not brought about the required returns. In particular, the majority of high school graduates from Russian-language schools do not have sufficient Estonian language skills to be competitive in the job market or to continue their studies in institutions of higher learning.*

Consequently, Russian-speaking parents are increasingly seeking opportunities to help their children become bilingual, but are also concerned that their children maintain their cultural identity. The parents’ preferred model is one where the curriculum is taught partly in Estonian and partly in Russian.**


Und hier konkret,was sich an den Schulen ändert: Major Program Achievements

Es läuft also auf Zweisprachigkeit hinaus. Und hier wäre eine sachliche Diskussion mehr als angebracht. Wirkliche Zweisprachigkeit ist eine Herausforderung für Didakten, Lehrer, Sprachwissenschaftler, Linguisten, Eltern, Schüler. Ich meine, dass das derzeitige Programm die Probleme erkennt. Am Ende entscheidet das Ergebnis. Sind Absolventen russischsprachiger Schulen "wettbewerbsfähig" am estnischen Jobmarkt oder nicht, oder haben sie sogar Vorteile davon?. Jedenfalls nicht solange es Beobachtungen gibt wie hier, "Integrate me".

Samstag, Dezember 08, 2007

„Ehstland“ oder „Ästland“

Wie man dieses Land ausspricht und ob die Sprache nun „Estnisch“ oder „Estisch“ heißt, daß werde ich häufig gefragt. Der Staat, in welchem diese Sprache gesprochen wird, heißt offiziell „Eesti Vabariik“ (Republik Estland) oder auch „Eestimaa“, was die direkte Übersetzung von Estland ist. Auf Estnisch, so heißt diese Sprache, wird das E lang und geschlossen gesprochen, darum halte ich es im Deutschen auch so. Die Aussprache ist jedoch auch eine Frage der deutschen Mundart.

Estnisch ist keine baltische Sprache, wie Lettisch und Litauisch, auch wenn man im Deutschen vom Baltikum spricht, sondern es handelt sich um eine finno-ugrische Sprache, deren nächster Verwandter das Finnische ist. Oft behaupten Esten, man verstünde Finnisch. Sie vergessen dabei, daß sie zu sowjetischen Zeiten via Fernsehen die Sprache erlernt haben. Die Finnen verstehen kein Estnisch, und ich, der ich des Estnischen mächtig bin, verstehe kein Finnisch.

In der Regel schlagen alle immer die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ich erwähne, daß das Estnische 14 Fälle hat, dunkle Erinnerungen an Grammatikstunden kommen hoch. Doch dieser Umstand macht keineswegs den Schwierigkeitsgrad der Sprache aus. Die Endungen der Fälle ersetzen nämlich nur, was im Deutschen Präpositionen leisten: so gibt es den „Mitfall“ und den „Ohnefall“. „Koorega“ bedeutet mit Sahne, „Kooreta“ hingegen ohne.

Was die estnische Sprache für den Ausländer zu erlernen anstrengend macht, ist ihre Unregelmäßigkeit. Wie ich zu sagen pflege, die Regel ist die Ausnahme und die Ausnahme die Regel. So ist der Anfänger gezwungen, die ersten drei Fälle des Singulars und den zweiten und dritten Fall im Plural zunächst auswendig zu lernen, denn die Wortstämme ändern sich teilweise grundlegend: „vesi, vee, vett“ bedeutet Wasser. Freilich gibt es Flexionsstrukturen, aber auch diese sind so umfangreich, daß sie so dick sind wie ein Wörterbuch.

Aber dies gilt nicht nur für die Substantive, sondern auch für die Verben. Nicht genug damit, daß es zwei Infinitive gibt, deren Verwendung außerdem noch verstanden werden muß, sondern sie heißen „ma“ und „da“ und sollten eigentlich auch so enden. Doch das ist eben nicht immer so. „Minema“ heißt gehen, aber der da-Infinitiv heißt statt „mineda“ leider „minna“. Die Infinitivendung durch ein N ersetzend wird normalerweise die erste Person Singular gebildet. Ich gehe heißt aber statt „minen“ bedauerlicherweise „lähen“, also ein vollständig anderes Wort. Mit „läksin“ statt „minesin“ gilt dies für die Vergangenheit ein zweites Mal.

In der Rechtschreibung wird der unbedarfte Beobachter registrieren, daß die Esten wie die Deutschen über Umlaute verfügen, allerdings gibt es noch einen Vokal, den die deutsche Sprache nicht kennt: das Õ, das O mit der Tilde. Dieser Buchstabe spricht sich ähnlich dem hartem I im Russischen: „Ы“. Gesprochen wird es, für jene, die sich mit Phonetik auskennen: die Lippen in E-Stellung, die Zunge aber in O-Stellung.

Auffällig auf den Straßenschildern sind ebenfalls die vielen Doppelbuchstaben. Die estnische Sprache kennt drei Lautlängen: kurz, lang und ganz lang. Und dies bezieht sich im Unterschied zum Deutschen auch auf Konsonanten. Lange und ganz lange Laute werden mit zwei Buchstaben geschrieben, so daß man diesen Unterschied einfach kennen muß. Die korrekte Aussprache ist nicht ganz unwichtig, was sich am klassischen Beispiel demonstrieren läßt: „sada“ (siehe 100 EEK mit Lydia Koidula) bedeutet 100. „Saada“ hingegen heißt schicken und „saada“ mit ganz langem A wiederum empfangen.

Die Esten kennen auch Palatalisierungen, also Erweichungen, kennzeichnen diese aber im Gegenteil zu anderen Sprachen nicht. Das bei der Hauptstadt „Tallinn“ das doppelte N und L palatalisiert wird, muß man wissen. Ebenso verhält es sich etwa beim S in „poiss“, Junge.
Überhaupt ist Estnisch sehr vokalreich. Das Estnische Institut wirbt mit dem Begriff „hauaööõudused“, der zwar tatsächlich eine Bedeutung hat, aber denn doch eine eher unsinnige: „Haud“ ist das Grab, „öö“ die Nacht und „õudused“ die Schrecken. Mein Lieblingswort hingegen ist „öötöö“, also vier Ö mit einem T in der Mitte. „Öö“ bedeutet wie erwähnt Nacht, „töö“ ist die Arbeit.
Aber neben allen diesen Besonderheiten gibt es weitere. Das Estnische kennt nämlich kein Futurum. Auch im Deutschen sagt selten jemand „morgen werde ich in die Stadt gehen“, die Benutzung des Adverbs der Zeit genügt. Die Esten sind aber darauf angewiesen und verwenden sonst das Verb „hakkama“, was soviel wie beginnen bedeutet.
Außerdem kennen die Esten kein grammatikalisches Geschlecht, weshalb Esten in der Fremdsprache über dritte Personen berichtend oft zwischen er und sie hin und her wechseln, so daß man am Ende geneigt ist zu sagen, das dies ja alles sehr interessant ist, aber war es nun ein Mann oder eine Frau?
Mich verleitet das immer zu einem Scherz – und da haben auch die Esten genug Humor: die Esten haben kein Geschlecht und keine Zukunft.