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6. Februar 2015

Mittendrin sein wollen

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Im Gegensatz zum Nachbarland Litauen hat Lettland nicht den Anspruch, schon rein geographisch der Mittelpunkt Europas zu sein (obwohl es auch in dieser Hinsicht eine Variante gibt, die diesen Mittelpunkt in Lettland errechnet). Die Nachbarschaft zu Russland ist wesentlich prägender. So prägend, dass immer wieder die Ansicht aufkommt: "Europa versteht uns nicht!"

Nun soll alles anders werden. Lettland hat für sechs Monate die EU-Ratspräsidentschaft, und viele Lettinnen und Letten merken das zunächst mal daran, dass ein großer Teil der gerade frisch eröffneten Nationalbibliothek nun wieder geschlossen ist: die Räume werden für Konferenzen und Seminare im Rahmen der EU-Präsidentschaft genutzt. "Früher waren Bibliotheken Werkstätten der Wissenschaft - heute sind sie offenbar für Empfänge, Cocktailparties und Hipster mit ihren Smartphones gedacht, dazu kommt eindrucksvolle Architektur" schreibt der Philosoph und Sozialanthropologe Haralds Matulis, zu lesen beim Portal "satori.lv". Sein Resumee: "Zur Zeit eher ein Ort für Designer und Public-Relation-Profis."

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Argumente gegen das "muss-denn-das-sein?": Auszug
aus dem lettischen EU-Präsidentschafts-Werbefilm
Einflussreiche Europäer, oder nur reisende Bürokraten?
Zumindest für die kommenden Wochen wird dieser Eindruck wohl unabänderlich sein. 1140 Beamte und Angestellte sind nach Angaben der lettischen Präsidentschaft mit der Umsetzung dieser sechs Monate direkt beteiligt, dazu kommen etwa 100 Praktikantinnen und Praktikanten. Etwa 1500 verschiedene Konferenzen werden im ersten Halbjahr 2015 in Brüssel stattfinden, zusätzlich etwa 200 in Lettland (alle verschiedenen Arbeitsgruppen zusammengenommen, soll die Gesamtzahl der Zusammenkünfte 427 betragen). Da wird das Präsidentschafts-Logo, das im Sinne der Macher als "Symbol der geschichtlichen Wurzeln und der Anfänge der Zivilisation" fungieren soll, auch schon mal assoziativ zum "Mühlstein der Bürokratie".

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Dem Kostenargument wollte die lettische Regierung gleich zu Beginn begegnen, und rechnete vor: 64.5 Millionen Euro Gewinn werde die EU-Präsidentschaft einbringen, da sie zu gesteigertem Steuereinkommen, positiven Effekten im Tourismus, und gesteigerter Effektivität der staatlichen Angestellten führen (siehe es2015.lv). Ein anderer kritischer Einwand könnte sich darauf beziehen dass Lettland sich durch die EU-Ratspräsidentschaft auch mehr "lettische Farben" bei Entscheidungen erhoffe.
"Blockierter Straßenverkehr in Riga, 100 Millionen Euro Kosten und Illusionen in Bezug auf mehr Einfluß", so skizziert es Astrīda Bomis in einem Kommentar für "Kas Jauns" und fügt ironisch hinzu: "Zeigen wir der EU, dass wir einen Fünfjahresplan auch in sechs Monaten verwirklichen können!". Oder ist es eher Sarkasmus, wenn Bomis ergänzt, dass sich der Aktionsplan der EU gegen die Jugendarbeitslosigkeit bisher ja nur in der Ermöglichung billiger Flugreisen erschöpfe (in die Länder, wo dann lettische Jugendliche doch noch Arbeit finden). In der EU bleibe es wie bisher: große Länder wie Frankreich, Deutschland Großbritannien bestimmen die Richtung, und die Präsidentschafts-Ehre entlaste nur ein wenig die Brüssler Bürokraten ohne diese Systematik zu ändern. Zudem seien damit eben ausdrücklich keine Lösungen der innenpolitischen Probleme verbunden, auch wenn diese mit der EU in Zusammenhang stünden, so die Journalistin.

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Kultur als Prestige-potential
Die lettische EU-Ratspräsi-dentschaft versucht auch, in der ersten Jahreshälfte kulturelle Schwerpunkte in anderen EU-Staaten zu setzen. Im Ergebnis pro Land wird es zahlenmäßig nicht viel sein, aber was im eigenen Land ja vielleicht so wirken könne, "nicht nur für Bürokraten" etwas zu tun, bietet offenbar die Möglichkeit die (vermutete?) gesellschaftliche Elite der betreffenden Länder auch mal zum Konzert oder ins Theater einladen zu können. In Deutschland werden dies Auftritte der SINONIETTA RIGA in Frankfurt, Hamburg und München sein, im Mai wird dann die Oper "Valentina" als Gastspiel in Berlin auf die Opernbühne gebracht - allein diese Aufführung der Lettischen Nationaloper kostet 405.000 Euro (siehe LSM). Durchschnittlich 25.000 Euro lasse sich Lettland jedes Gastspiel-Event kosten, rechneten die lettischen Medien nach (lsm) - sogar in Peking möchte Lettland in dieser Zeit mit einer Ballett-Aufführung präsent sein.
Selga Laizāne, im Präsidentschafts-Sekretariat zuständig für das Kulturprogramm ist überzeugt, dass sich diese Ausgaben auszahlen werden: "Das wird alles zusammen mit den jeweiligen Aussenministerien organisiert, hochrangige Beamte. Es ergibt also einen kulturellen und auch einen politischen Sinn."(lsm)

Alles neu - macht der Mai? (oder alles bleibt dabei?)
Auch Sicherheitsbedenken gab es auf lettischer Seite. Einige äussern Sorge, es könne wieder zu "Cyberattacken" kommen, also von Hackern absichtlich verursachte Störungen der Internet-Kommunikation. Zu einem aussenpolitischen "Knackpunkt" der internationalen Beziehungen könnte auch der 9.Mai werden - der in Moskau als 70.Jahrestages des Kriegsendes und "Sieg über den Faschismus" gefeiert wird. Der estnische Präsident Ilves und seine litauische Kollegin Grybauskaite sagten ihre Teilnahme bereits lautstark ab, noch bevor die Einladungen richtig versandt waren. Der Lette Andris Bērziņš hält sich in dieser Frage bisher bedeckt - vielleicht auch mit Blick auf die lettische EU-Präsidentschaft - und muss sich derzeit Spekulationen aussetzen, ob der nächste lettische Präsident nicht lieber vom gesamten Volk gewählt werden sollte. Die Wiederwahl (für weitere vier Jahre) wäre zwar möglich, doch dafür können sich bisher nur die "alten Freunde" aus der Bauernpartei (ZZS) erwärmen. Noch 2010 war Bērziņš auf der Liste der ZZS zur Parlamentswahl angetreten (und in Zemgale direkt nach Parteichef Brigmanis auch gewählt), bevor er dann 2011 zum Präsidenten gewählt wurde. Seine Amtszeit endet in wenigen Wochen, für den Sommer steht auch die Präsidentschaftswahl an (= in Lettland bisher eine Wahl durch das Parlament).

Nun, vorerst müssen Lettinnen und Letten wie auch Einwohner Rigas wahrscheinlich die EU-Präsidentschaft wirklich an Verkehrsstaus und Preissteigerungen messen - der Glanz des gelungenen Kulturhauptstadtjahrs ist vorbei. Am Image "mitten in Europa angekommen" bastelt Lettland noch.

17. November 2012

Sind wir schon arm, oder wenigstens noch Patrioten?

Der herannahmende Nationalfeiertag, vermischt mit besinnlich-trüber Novemberstimmung, funktioniert auch jedes Jahr aufs neue ein wenig als Stimmungsbarometer. Wie geht es den Lettinnen und Letten? Wo der eine vielleicht den Tatendrang und Optimismus erstmal auf's neue Jahr verschiebt ("wenn die Sonne wieder höher steht"), üben sich andere im Ablästern in den einschlägigen Internetforen.

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Treffen der Eiropas Latviešu apvienība" (ELA)
im September in London: wenig Interesse der
Landsleute (Bildquelle: www.ela.lv)
Aufsehen erregte so zum Beispiel Aldis Austers, Vorsitzender der lettischen Vereinigungen in Europa (Eiropas Latviešu apvienība), als er über angebliche Gewohnheiten seiner außerhalb Lettlands wohnenden Landsleute schrieb (siehe delfi.lv). Austers hatte eigentlich nur vom Jahrestreffen der Mitgliedsorganisationen seines Verbandes berichten wollen. Zusammen mit dem lettischen Außenministerium bemühen sich die lettischen Gemeinschaften ("Kopienas") darum, mit den aus Lettland meist arbeitssuchend ausgewanderten Landleuten irgendwie im Gespräch zu bleiben. Doch: "Die meisten der zu Zeiten der Wirtschaftskrise ausgewanderten Letten interessieren sich nur wenig für die lettischen Gemeinschaften", beklagte sich Austers, und hatte zudem noch das Pech, dass vielerorts aus der Formulierung "zu Zeiten der Wirtschaftskrise Ausgewanderten ("emigrējuši ekonomiskās krīzes laikā") die Überschrift von den "Wirtschaftsflüchtlingen" ("ekonomiskie emigranti") gemacht wurde. "Was für Wirtschaftsflüchtlinge?" empört sich die Lesergemeinde bei "Delfi.lv". "Wenn hunderttausende Spezialisten auf diskriminierende Art und Weise plötzlich ihren Arbeitsplatz verlieren, dann sind sie nicht Wirtschaftsflüchtlinge, sondern es sind die Kennzeichen eines pathologischen Systems." Oder: "Wenn in Lettland die Korruption nicht so weit verbreitet wäre sähe die Lage anders aus."

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Ironie von Werbestrategien in Riga,
Fundsache aus dem Jahr 2012
Solche Äußerungen zeigen aber, wie schwer es fällt die Verhältnisse im eigenen Land zu denen in anderen Ländern in Beziehung zu setzen. Und man wehrt sich dagegen, dass angeblich die Schlauen schon irgendwie in Lettland überleben, die Dummen und geistig Zurückgebliebenen aber ausreisen würden. - In dieses Bild der unsicheren Selbsteinschätzung paßt eine Äußerung von Präsident Andris Bērziņš, der kürzlich gegenüber lettischen Medien Zweifel an Armutsstatistiken in Lettland geäußert hatte, die über 20% aller Einwohner Lettlands als armutsgefährdet eingestuft hatten. Demgegenüber behauptete der Präsident, es seien noch zu wenig Daten vorhanden um eine solche Einschätzung wirklich abgeben zu können, und erntete damit teilweise heftigen Widerspruch. 425.000 Einwohner Lettlands, so Daten des Sozialministeriums, müssten mit 150 Lat (ca.275 Euro) im Monat auskommen und seien so armutsgefährdet. Bērziņš dagegen meinte auf den unklaren Umfang von Schwarzmarktaktivitäten und "Lohnzahlungen in Briefumschlägen" (in Lettland schon ein "geflügeltes Wort") anspielen zu müssen - und packte damit wohl viele seiner Landleute bei der Ehre, denn wer will sich schon unterstellen lassen nur scheinbar arm zu sein, heimlich aber "Schwarzgeld" zur Verfügung zu haben? Auch die betroffenen Wissenschaftler der lettischen Universität wehrten sich gegen die Unterstellung, die erhobenen Statistiken seien nicht in objektiver Weise erfasst worden: "das ist eine leichtfertige Art, sich vor der Verantwortung zur Problemlösung zu drücken", schrieben die Wissenschaftler in einem offenen Brief an den Präsidenten.
Nach Meinung vieler politischer Beobachter nicht ganz weise hatte sich Präsident Bērziņš schon am 1.September, am Tag des Schulanfangs verhalten, als er scheinbar schlecht gelaunt unwirsch Fotografen androhte handgreiflich zu werden, nur weil ihn diese dabei ablichten wollten wie er seinen Sohn beim ersten Schulgang begleitete.

Derweil machen sich Lettische Gemeinschaften im Ausland wie auch Außenministerium Gedanken, wo Landsleuten geholfen werden kann. Eine der Maßnahmen ist die Schaffung eines Nothilfefonds, der für im Ausland in plötzliche Notlage gekommene Lettinnen und Letten gedacht ist. In den ersten vier Monaten seiner Existenz seien aus diesem Fond bereits für 26 Personen Heimreisetickets nach Lettland gekauft worden, so ein Vertreter des Außenministeriums. Allerdings drängt das Ministerium auf Rückzahlung der Auslagen innerhalb von drei Monaten.
Aldis Austers dagegen bemüht sich eigenen Aussagen zufolge eher, die Landsleute "dort anzusprechen wo sie zu finden sind": im Internet. "Sie nehmen zwar wenig an Aktivitäten der Lettischen Gemeinschaften teil, aber sie nutzen Internetportale wie 'draugiem.lv' oder 'Facebook'," meint Austers. "Daher wollen wir stärker mit diesen Medien auch zusammenarbeiten." Auf Deutsche mag die für Letten im Ausland verwendete Bezeichnung als "Diaspora" ja ein wenig befremdlich klingen, aber manche Vertreter vermeintlicher lettischer Interessen scheinen wahrhaft religiösen Eifer an den Tag zu legen, um "Verstreute" (so die wörtliche Übersetzung im Griechischen) wieder für die Heimat zu sammeln. Wie aber im Ausland für Lettland werben, wenn auch die im Land lebenden verschiedenen (Volks-)Gruppen ein jeweils so unterschiedliches Selbstverständnis haben? Manchem lettisch national Gesinnten scheinen die ausgewanderten Arbeitsemigranten auch vor allem deshalb im eigenen Lande zu fehlen, weil sie die "Frontstellung" gegen eine befürchtete Übermacht des russischen Einflußes aufweichen.
"Lebe, sei glücklich, aber bleibe Lette und sei stolz auf Dein Lettischsein" - so lautet die Parole, die Auders gerne allen Landsleuten ans Herz legen möchte. Rolands Lappuķe, Beauftragter im Außenministerium für die Fragen der Auslandsletten, kündigt die Einstellung neuer Mitarbeiter in der eigenen Behörde an und definiert deren Aufgaben so: "die Hauptaufgabe wird das sein, was ich den 'globalen Letten' nenne, also ein Lette nicht nur in Lettland sondern überall auf der Welt. Jeder, der mit seiner eigenen Hände Werk am Aufbau Lettlands teilhaben möchte, soll dieses tun können."

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Ob die Doppeldeutigkeit der lettischen Facebook-
Kampagne beabsichtigt ist? "Wenn Du Lettland liebst, liebt
Dich Lettland" - oder: nur wenn Du Lettland liebst, ...
Um lettische Aktivitäten im Ausland initiieren zu können bedarf es vor allem finanzieller Unterstützung. Den zahlreichen Internetforen ist aber gleichzeitig vielfacher Neid zu entnehmen: die einen bekommen Geld für eine Veranstaltungen, und schon werfen viele der Landsleute genau diesen Aktiven vor, solche Betrebungen nur eben des Geldes und eines persönlichen Vorteils wegen zu unternehmen. In diesem Licht sind wohl auch Argumentationen wie die Folgende zu sehen: "In Lettland hatte ich Zeit Leute zu treffen und Kaffee trinken zu gehen. Hier muss ich arbeiten." - Aber es gibt auch solche Reaktionen: "Alle meine heutigen Freunde sind Leute von hier, verschiedene Nationalitäten. 'Lettische Gemeinschaften' künstlich wieder formen zu wollen, davon halte ich nichts. Vielleicht brauchen das ja diejenigen, die irgendwo einer schlecht bezahlten Arbeit nachgehen wie Pilze suchen - und gleichzeitig dann mit den Einheimischen nicht kommunizieren können. Ich nicht!" - Wieder andere meinen, ihr "Lettisch-sein" beziehe sich nur auf ihre Herkunft, aber mit diesem "Betrügerstaat" von heute wollten sie nichts mehr zu tun haben (nachzulesen auf delfi.lv).

Die "lettischen Vereinigungen in Europa", denen Aldis Austers vorsteht, wehren sich derweil ihrerseits gegen Finanzmittelkürzungen für Veranstaltungen von Letten im Ausland, und benennen konkrete Zahlen zu den Notwendigkeiten für 2013 aus ihrer Sicht: 60.000 Lat für lettische Sommerlager, 45.000 Lat für lettische Nichtregierungsorganisationen im Ausland, 20.000 Lat für Kulturveranstaltungen der Lettischen Gemeinden, 50.000 Lat für Kinder- und Jugendwettbewerbe, 27.000 Lat für die Teilnahme von Auslandsletten an Sängerfesten, 60.000 Lat für Lettisch-Kurse im Ausland.

Derweil werden einige der obligatorischen Umfragen zum Nationalfeiertag heute publiziert: 74.6% der Einwohner Lettlands fühlen sich als Patrioten ihres Landes, so ist heute in lettischen Medien (siehe "LA") nachzulesen, 13,% lehnen eine solche Haltung für sich ab. Auf die Nachfrage, was denn nach Meinung der Befragten diesen Patriotismus kennzeichne, antworteten 23.8% mit dem Hinweis auf Traditionen und die Wertschätzung des Lettischen, 21,6% nannten Liebe zum Heimatland, 10,2% Arbeitsmoral und Strebsamkeit und 10% das Gefühl der Verbundenheit zum Ort wo man geboren sei. Da für die Umfrage auch soziale Medien im Internet herangezogen wurden, ist aus den Ergebnissen aber nicht definitiv zu schließen dass alle Befragten auch in Lettland momentan ihren Hauptwohnort haben. Derweil interpretierte die Ladenkette "Rimi" die Frage nach dem Lettisch-Sein rein materiell, und kürte die "lettischsten Produkte" (nach Kundenmeinung): Graue Erbsen mit Speck, dunkles Roggenbrot und Kümmelkäse.

21. Februar 2012

Abgestimmt - und was nun?

Klares Ergebnis, aber auch klare Defizite
Wie schon zu erwarten war, ist das Ergebnis der Volksabstimmung vom 18.Februar nicht besonders spannend. Zwar gab es auf der einen Seite offenbar wirklich jene, die Angst zu haben vorgaben, in Lettland würde nur noch Russisch gesprochen werden. Und auf der anderen Seite die anderen, die meinen allein schon die Abstimmung, an der ja nur Staatsbürger/innen teilnehmen konnten, sei wieder ein Beweis für die Benachteiligung der Russen in Lettland.
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Die große orthodoxe Kirche in Riga glänzt seit kurzem
mit neu vergoldeter Kuppel - für die christlich-orthodoxen
Gläubigen war das orthodoxe Weihnachten auch in
diesem Jahr ein normaler Arbeitstag
Allerdings gibt es einige Anzeichen dafür, dass die Integration der russisch-stämmigen in Lettland bisher noch nicht gelungen ist. Dort, wo die einen das Aufeinanderzugehen für vernachlässigbar halten ("ich habe ja im Alltag keine Probleme"), dienen die gegenwärtigen Umstände immer noch als Nährboden für Extremisten auf beiden Seiten.
Ich möchte mich diesen an dieser Stelle keinesfalls anschließen. Zunächst gibt es ein paar Beobachtungen mitzuteilen, nach dem Motto: vorher, nachher. Wer noch unsicher ist, welche Bedeutung das Abstimmungsergebnis für Lettland haben könnte, der könnte sich ja vielleicht an verschiedenen Stellungnahmen dazu orientieren, wie sie erst jetzt, nach Bekanntgabe des Ergebnisses, klar wurden.

Was nun, Herr Ušakovs?
Noch kurz nach den Parlamentswahlen des vergangenen Oktober sahen einige in Ušakovs den Prototyp des lettischen Russen, der als erster eine Brücke zu schlagen in der Lage sein könnte zwischen Letten und Russen der jungen, modern und weltoffen eingestellten Generationen. Dazu galt es einigen Ballast wegzuräumen, der von den bisher die Szene beherrschenden Demagogen auf beiden Seiten (lettische wie russische Nationalisten) hinterlassen wurde. Dazu gehört das Eingeständnis, dass Lettland zweimal widerrechtlich sowjetisch besetzt und der Sowjetunion gewaltsam einverleibt wurde, aber genauso das Eingeständnis, zu konkreten Schritten der Integration in die lettische Gesellschaft bereit zu sein, und nicht allein schon das Lettisch-Lernen und Lettisch-Sprechen als "Schritte zur Assimilation" zu verdammen. Zu all dem schien die Führung der Partei "Saskaņa" und auch Ušakovs (der selbst Lettisch genauso fließend wie Russisch beherrscht) bereit zu sein - Regierungschef Dombrovskis schlug die Koalitionsmöglichkeiten aus, und Neu-Parteigründer und Ex-Präsident Zatlers musste sein zwischenzeitliches Eingehen auf eine Möglichkeit mit den ungeliebten "Russen-Freunden" zu kooperieren mit heftiger Kritik aus dem Lager seiner Anhänger bezahlen.
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Rein werbetechnisch erschien in den Tagen der Volks-
abstimmung im öffentlichen Raum in Riga die Frage
der offiziellen lettischen Facebook-Seite wichtiger zu sein
als aktuelle politische Fragen
Dann kam Ex-Nationalbolschewist Lindermans mit seiner Idee eines Referendums zur Einführung von Russisch als zweiter Amtssprache und nutzte die Empörung im Lager der "Saskaņa"-Anhänger über die ausgeschlagene Regierungsbeteiligung. Heute tun Parteichef Jānis Urbanovičs und Spitzenkandidat Nils Ušakovs so, als wäre nicht nur dieses Referendum von ihnen persönlich initiiert worden, sondern als stünden sie auch kurz vor der Einleitung neuer Referenden - wie etwa zur Entlassung der Regierung (Pressestatement vom 19.2.).Und nicht nur das: Ušakovs behauptet auch, alle 273.347 "Ja"-Stimmen beim Referendum seien auch gleichzeitig so aufzufassen, dass diese damit "die gesamte Regierungspolitik der vergangenen 22 Jahre" für verfehlt erklären wollten (delfi.lv). Pardon, Herr Ušakovs, ich behaupte das Gegenteil: hätten sich die lettisch-orientierten Politiker auch nur ein wenig mehr bemüht, die Meinung und die Bedürfnisse dieser 273.347 Menschen mehr zu berücksichtigen, sie hätten in diesen 22 Jahren FAST JEDE Initiative unterstützt die in Richtung ihrer Interessen gegangen wäre! Geboten wurde ihnen aber nur "Schwarz-weiss": entweder pro-Russisch, oder pro-Lettisch. Ganz (zweite Amtssprache) oder gar nicht (zwangsweise Lettisch sprechen bei jeder Behörde, jedem Arzt, jedem Notfall). Andere, differenzierte Vorschläge gingen bisher unter, auch deshalb, weil sich im lettischen Lager die Einsicht noch nicht durchgesetzt hat, dass der Versuch der Ausgrenzung der russisch-stämmigen in Lettland längst keinen Sinn mehr macht. Das gilt auch für die andere Seite: das trügerische Aufrechterhalten der Hoffnung für die übrigen 200.000 Menschen, die noch keine ernsthaften Versuche zur Erlangung der lettischen Staatsbürgerschaft gemacht haben, sie bekämen in nicht allzu ferner Zeit auf wundersame Weise diese Staatsbürgerschaft geschenkt, ist unredlich.

Volksabstimmungen als Anschlag auf die Demokratie?
Eine andere Folge des Referendums ist es nun, dass Vorschläge zur Einschränkung des demokratischen Rechts der Initiierung eines Volksbegehrens / Referendums öffentlich diskutiert werden. So tritt etwa Arnis Cimdars, Chef der staatlichen Wahlkommission, für einen Vorschlag ein, unterschiedlich viele Unterschriften je nach Zielsetzung einer Initiative zur Ansetzung eines Referendums vorzusehen (DIENA 21.2.). Politiker wie Dzintars Ābiķis und Ainars Latkovskis, Vertreter der Regierungspartei "Vienotība", treten für eine Erhöhung der notwendigen Anzahl Unterschriften von derzeit 10.000 auf 100.000 ein - eine Verzehnfachung. Und auch Präsident Andris Bērziņš äußerte sich in der lettischen Fernsehsendung "Panorama" dahingehend, er sehe weitaus "modernere" Regelungen zur Durchführung von Volksabstimmungen bei den Nachbarn in Litauen und Estland.
Andere Überlegungen gehen in Richtung von Änderungen der lettischen Verfassung. Dadurch soll erschwert werden, "Grundbausteine des lettischen Staates" leicht verändern zu können.

Unterdessen wenden sich Repräsentanten derjenigen Gemeinden und Regionen, in denen sich bei der Volksabstimmung eine Mehrheit der Bürger für die Anerkennung von Russisch als Amtssprache ausgesprochen hatten, mit dem Vorschlag an die Regierung, Russisch als "Regionalsprache" anzuerkennen, also in bestimmten Regionen besondere Regelungen einzuführen. Die Liste der Vorschläge beispielsweise von Žanna Kulakova, Vorsitzender des Stadtrats von Daugavpils, reicht von der Finanzierung zusätzlicher Lettisch-Kurse, der Anerkennung des orthodoxen Weihnachten als lettischer Feiertag, bis hin zur Abschaffung von Geldstrafen im Falle der Nichtbeherrschung des Lettischen (TVnet/ LETA). In Daugavpils hatten sich 85,18% der Abstimmungsberechtigten, im Grenzbezirk Zilupe 90,25%, im Bezirk Daugavpils 65,79%, im Bezirk Krāslava 61,39%, in Rēzekne 60,29%, im Bezirk Ludza 59,69% und im Bezirk Dagda 52,52% FÜR Russisch als zweite Amtssprache ausgesprochen.

29. September 2011

Neues Face fürs "sejas grāmata"

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Alle in Lettland warten auf die Bildung einer neuen Regierung. Alle? Nein, ein paar Freundinnen und Freunde der virtuellen Welt des Internets machen sich Sorgen, trotz frisch gewählter Regierung könnte Lettland jemand in der großen, weiten Welt da draußen niemand mögen. "Niemand mag Lettland! Warum? Weil Lettland keine Facebook-Seite hat!"

Diese Sorgen macht sich offenbar die Regierung höchst selbst. Wenn also eine regierungsamtlich betriebene Seite in Facebook existieren würde, könnte es vielleicht ganz leicht erreicht werden, dass Tausende von Menschen (Letten wohl möglich auch!) die lettische Regierung mögen. Wie man das erreicht? Das staatliche lettische Institut schreibt einen Wettbewerb aus zum Design und den Inhalten dieser Seite, ergänzt die Bedingungen was auf dieser Seite stehen darf, und verhandelt mit Facebook selbst damit ausnahmsweise mal ein Nutzer auch einen Ländernamen haben kann (was normalerweise so ohne weiteres nicht zulässig ist).  
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Gesagt, getan: Rihards Kalniņš, seines Zeichens zuständig für die PR beim Lettischen Institut, schrieb zusammen mit einer Vertreterin der lettischen Staatskanzlei Anfang September einen Wettbewerb aus. Bis zum 4.Oktober können nun alle, die diese Entwürfe im Internet anschauen, ihre Favoriten wählen (mit dem Facebook-üblichen Kennzeichnen durch "Gefällt mir"). Fünf Entwürfe stehen zur Wahl, der Sieger bekommt einen Sachpreis. Der Aufwand ist nicht unerheblich: Ende August wurde extra zu diesem Zweck ein Treffen von wie es heißt - Medienexperten, Bloggern und "Experten der sozialen Medien" - einberufen, um über wünschenswerten Inhalten und Strukturen einer Facebook-Seite zu beraten. Die Entscheidung über die Entwürfe bewertet eine Jury von 16 Personen. Zanda Šadre, angestellt bei der lettischen Staatskanzlei, erzählte lettischen Journalisten wie die Idee entstand: "Ich habe die englischen BBC-Nachrichten geschaut. Da wurde der griechische Präsident gefragt, welche Länder er als positive Beispiele ansehe, wie man gut aus der Wirtschaftskrise wieder heraus kommen könne. Ich dachte natürlich jetzt würde Lettland genannt, aber er konnte kein Beispiel nennen. Da verstand ich, dass die Art wie die Regierung mit den Menschen kommuniziert geändert werden muss, und so jeder leichter an Informationen kommen könnte."

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Nur die übliche Parteiendenkweise, wenn die Wählerzustimmung zurückgeht? (= Kommunikation mit unseren Wählern muss verbessert werden). Ich muss da auch unwillkürlich an die kürzlich erfolgte Schließung der "Baltikum"- Fremdenverkehrszentrale in Deutschland denken. Wäre die lettische Regierungsstrategie eine pure Erfolgsgeschichte, so müsste ja die Schließung auch ein Erfolg sein (die Gründe wurden übrigens immer noch nicht öffentlich bekannt gegeben, aber vermutlich spielen zwei Dinge eine große Rolle: die Finanzen, und Streit um das Konzept). Nun fangen lettische Regierungsmitglieder also an sich zu beklagen, dass niemand im Ausland etwas von Lettland kennt (trotz Zuwachs an Billigtouristen, offenbar). Unbezahlte lettische Nachwuchskräfte (der "Sieger" bekommt einen Sachpreis, wie gesagt) sollen es nun richten. Den Aussagen von Frau Šadre zufolge war es Ministerpräsident Dombrovskis höchst selbst, der den Brief an Facebook schrieb (hat Mr. D denn selbst eine Facebook-Seite? Ja, er hat! Die Infos, die draufstehen, sind kopiert von Wikipedia, und er hat momentan 51 "Freunde"!). Lettland wäre nach Aussagen der Staatskanzlei das weltweit erste Land mit eigener Facebook-Seite. 
Hoffentlich kommt keine Anfrage zurück. Von Facebook an Mr. D. "Sind Sie noch befugt, für die lettische Regierung und ihre Facebook-Seite zu entscheiden?" Und hoffentlich findet jemand eine Antwort - sonst muss mit dem Slogan gerechnet werden: "Dream the impossible - like Latvia, even if it has strange governments ..."
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29. Januar 2010

Mühsames Rechnen im Lettischen Institut

ImageDie lettische Regierung verbreitet momentan eine Menge Rechnereien. Schon vor einigen Monaten wurde ja das "Lettische Institut" (Latvijas institūts), dass bisher manchmal ein eher exotisches Dasein zu führen schien, für die Verbreitung von Regierungsinformation eingespannt und entsprechend umstrukturiert. Bei der Gründung des Instituts am 29.September 1998 war man eher um das Image Lettlands im Ausland bemüht. Wer kennt Lettland überhaupt? Wie unterscheidet sich Lettland von den Nachbarländern? Möchte Lettland unter dem Stichwort "Baltikum" firmieren, oder lieber eigene Schlagzeilen machen? Auch das Knüpfen eines "Kontaktnetzes im Ausland" wurde als Ziel angesehen damals. 

ImageMit Beschluss des Ministerkabinetts vom 22.Oktober 2004 wurde dann die bisherige "GmbH" zu einer staatlichen Agentur umgewandelt.
Nun werden bevorzugt ausländische Journalisten mit dem versorgt, was die lettische Regierung für richtig oder imagefördernd hält. Und das bei erheblich reduzierten Bezügen: das Budget für 2009 musste eine Kürzung von 245.071 Lats auf 116.928 Lats hinnehmen. Gleichsam radikal ging man mit dem Personal um: waren es im Jahr 2008 noch 14 Angestellte, im Januar 2009 noch 12, so verzeichnete die ehemals stolze Staatsagentur ab Juni 2009 noch ganz 4 (in Worten: vier) Mitarbeiter/innen. Gleichzeitig habe man die Mietkosten um 71% senken können, heisst es auf der hauseigenen Webseite. Unglaublich? In Deutschland unvorstellbar? Ob dies nicht auch dem "lettischen Image" schadet? Protest ist nirgendwo zu lesen. Vielleicht wäre der Kommentar: "in Lettland ist das eben so" zu erwarten, oder "bei anderen Einrichtungen ist es auch nicht anders."

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Die Pläne für das laufende Jahr und die nächste Zukunft lesen sich ähnlich. Materialien in Fremdsprachen neu erstellen? Völlig gestrichen (von 90 auf Null). Unterstützung für internationale Kulturereignisse: gestrichen. Arbeiten an einem "cooperative design", an der Imageverbesserung Lettland, am Ziel "Markenzeichen Lettland": eingestellt. Beratung für einheimische und ausländische Interessenten: mehr als halbiert (von 1000 auf 400 - klar, wenn auch kein Personal mehr dafür da ist...). Organisation von Veranstaltungen, die Lettland bekannt machen sollen? Ebenfalls halbiert (von 11 auf 5 pro Jahr). Kontaktnetz im Ausland? Keine Rede mehr davon (sind nicht genug Letten als Arbeitsemigranten unterwegs? Erledigt sich diese Arbeit also von selbst?).

ImageDas Einzige, was gesteigert werden soll, ist die Zahl der Empfänger für "informative Monatsübersichten" (gegenwärtig 250), sowie die Anzahl der "für die ausländischen Medien vorzubereitenden Materialien" (80, statt vorher nur 7). Wie das dann aussieht, kann jede/r dieser Empfänger/innen jetzt schon erleben. Es sieht aus - kurz und unverblümt gesagt - wie schlichte Regierungspropaganda. 
Die Schwerpunktthemen haben sich offenbar gewandelt, das scheint klar zu sein. Nicht mehr das genaue Aussehen der verschiedenen Muster selbst gestrickter lettischer Handschuhe, oder die großartigen internationalen Erfolge lettischer Chöre stehen im Vordergrund, sondern schlichte Zahlen. Offenbar geht es jetzt darum den Eindruck zu vermeiden, Lettland sei "ein Pleiteland".
Das zu erwartende Haushaltsdefizit für 2009 würde nun auf etwa 6,8% geschätzt, schreibt nun das Lettische institut. Mit den internationalen Kreditgebern sei vereinbart worden dieses Defizit nicht auf über 10% ansteigen zu lassen. War in der EU nicht mal von 3% die Rede (Maastricht-Kriterien)? Das steht hier im folgenden Satz: 2011 soll das Defizit weiter fallen. Wer es nicht glaubt, der kann in einer zweiten Mitteilung dieser Woche dazu noch die rosigen Versprechungen des EU-Währungskommissars Alumnia, des lettischen Finanzministers Repše, und Regierungschef Dombrovskis nachlesen. Und als ob das nicht ausreichte, kommt als dritte Meldung des Lettischen Instituts auch noch eine Spezial-message des obersten Sattlers - des Präsidenten. "Als ich 2009 am Weltwirtschaftsforum in Davos teilnahm", schreibt dieser, "gab es viele Skeptiker die daran zweifelten dass Lettland eine Erholung der Wirtschaft erreichen könnte. Das Jahr 2010 wird zeigen, dass diese Skeptiker unrecht haben." Hier wird präsidial abgesegnet, dass 2014 die Maastricht-Kriterien erreicht werden sollen. Gleichzeitig werden die Reformen des Gesundheitswesens, der öffentlichen Verwaltung und des lettischen Bildungswesens als "erledigt im Jahr 2009" abgehakt. Und - ach ja - der private Inlandsverbrauch werde ansteigen, auch ohne "auf Kredite gestützten Konsum". 

Ob da die lettischen Wähler und Wählerinnen mit ihrem Präsidenten wohl einer Meinung sind?
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Vom lettischen Institut erfährt der interessier- te Lettland-Freund dazu nichts. Oder die Verfasser dieser Nachrichten wirklich glauben, die geneigten "Journalisten aus dem Ausland" würde solche Meldungen eins zu eins wiedergeben, und auch keine lettischsprachigen Zeitungen lesen können (wo ein weitaus größeres Meinungsspektrum anzutreffen ist, und auch mal eine Stimme aus der parlamentarischen Opposition).
Warum gerade der Präsident, der in Lettland ja im Gegensatz zu Litauen gar keine so entscheidende Rolle in der Politik zu spielen hat, zu verkünden hat, der Export von Holz habe sich ja schließlich 2009 sogar um 50% gesteigert (klar, die vermehrte Abholzung war sogar staatlich initiiert worden!), bleibt unklar. Soll hierdurch Glaubwürdigkeit erreicht werden? Ich für meinen Teil frage dann doch zum Vergleich mal lieber meine Freunde und Bekannten in Lettland, wie es ihnen denn wirklich geht. Und wenn deren Aussagen weiterhin zu sehr von dem abweichen, was da alles so in staatlichem Auftrag und in globalem Englisch verkündet wird .... - liebes Lettisches Institut, vielen Dank für die Mühe.

Bei "Baltic Reports" war schon im Oktober 2009 nachzulesen, was dem Lettischen Institut noch drohen könnte, wenn die finanziellen Vorgaben - ganz entgegen den jetzt offiziell verbreiteten Texten - weiter so schlecht bleiben wie jetzt: die komplette Schließung.

23. August 2009

Wichtigste Frage gelöst: Wie werde ich Lette?

Diese Frage bewegt viele Menschen: wie werde ich Lette? Es ist zu vermuten, dass die eindringliche Verbindlichkeit dieser Frage selbst gestandene Lettinnen und Letten verunsichern kann: warum bin ich Lette? Was unterscheidet mich von anderen Menschen, die keine Letten sind? ImageOder welche Sprüche und Behauptungen sind über die Letten im Umlauf, die aber - genauer besehen - gar nicht anders ausfallen als bei anderen Menschen auch?

Sie merken: es geht hier nicht um die Fragen der Staatsbürgerschaft. Wohl aber geht es um alle Varianten von möglichen Antworten auf die Frage: was muss ich tun, um zum Letten zu werden? Inklusive der Antwort: das ist nicht möglich.

DAS es möglich ist, daran möchte Ruedi (lett. "Rūdi" - von einigen Letten auch "Rūdplesis" genannt) keinen Zweifel lassen. Als Schweizer, in Lettland lebend, macht er daraus ein Kunstprojekt. "Jede Woche einen Schritt weiter, auf dem Weg Lette zu werden" -Image mit diesem künstlerischen Anspruch dokumentiert RUEDI sein Projekt per Blog, Twitter und Video in drei Sprachen: lettisch (natürlich!), Deutsch und Englisch.

Schritt 1 (da hätten wir drauf kommen können!): Anfrage beim "Lettischen Institut" in Riga. Dessen Leiter Ojārs Kalniņš empfiehlt Ruedi: Auf jeden Fall musst Du lernen Pilze sammeln zu gehen! Labi, könnte man (lettisch) denken: Pilze sammeln aber auch andere Leute als nur Letten? "Es ist ja nur ein erster Schritt", mag sich Ruedi vielleicht denken, und fügt hinzu: "Schickt mir Vorschläge und Ideen! Was muss ich tun, um Lette zu werden?". Lette sein, und KEINE Pilze zu sammeln, na gut, das wäre jedenfalls wenig typisch.


Zweiter Schritt: eine Straßenumfrage. "Was muss ich tun, um Lette zu werden?" - "Es braucht Mut für einen Ausländer, hier in Lettland zu leben. Hier gibt es nicht die hohen Rentenansprüche, wie in Westeuropa," so antwortet eine Frau auf dem Blumenmarkt in Riga. "Und du musst Rosen kaufen, die hier in Lettland gewachsen sind, nicht solche aus Holland!" Und eine Lebensmittelverkäuferin ergänzt: "Sie sollten eine Zeitlang in Lettland leben. Dann werden Sie mit der Zeit merken, ob Sie dann immer noch zum Letten werden wollen!" Und nach einer Weile ergänzt sie: "wenn Sie hier leben, werden Sie mit der Zeit ganz von selbst zum Letten werden. Sie essen lettisches Essen, gewöhnen sich an die Traditionen: Sie müssten mal lettische Schweinerippchen mit Sauerkraut versuchen!"

Erste Erkenntnis beim Thema Essen: die Antworten verschiedener Generationen unterscheiden sich. Während eine ältere Verkäuferin noch glaubt, ein "Amerikaner" werde sich nie an lettische Gerichte gewöhnen, antwortet ein junges Pärchen auf dieselbe Frage: "Geh zu McDonalds. Oder kauf Dir eine Tiefkühlpizza, fahr nach Hause und mach sie Dir in der Mikrowelle warm. Dann bist Du ein typischer Lette!"

Ruedis Blog



Erklärung von Ojars Kalnins, Direktor des Lettischen Instituts, zum Kunstprojekt von Ruedi (engl.)

8. Februar 2009

Wie sind die Letten?

ImageWie die Letten wirklich sind, kann man am besten sehen, wenn man mit ihnen zusammenlebt, -arbeitet und -feiert, ihre Sprache spricht, Bücher liest und Lieder singt. Das Nebeneinanderleben bringt nichts – davon kann man nur erfahren, was man selbst ist und wo die Grenze zwischen dem Fremden und dem Eigenen verläuft.

Deswegen möchte ich in einer Zusammenstellung ein paar Einblicke in der Seele der Letten geben, und was die Letten über sich selbst denken:

Der Lette sieht alles, aber überall nur das Schlechte.
Der Lette jault über sein schlechtes Leben und wartet, bis alles von alleine besser wird.
Der Lette ist nicht traurig, wenn es ihm schlecht geht, Hauptsache – dem Nachbarn geht es nicht besser.
Der Lette fühlt sich immer gut da, wo er gerade nicht ist.
Der Lette respektiert andere Meinungen, wenn sie mit seinem eigenen Standpunkt übereinstimmen.
Ein typischer Lette streitet sich nicht über den Geschmack. Nur dann, wenn der andere blöd ist.
Ein Lette ist gegen Bestechung, besonders, wenn das Schmiergeld ein anderer bekommt.
Der Lette feiert gerne Geburtstage von anderen Letten.
Auch in schlechten Zeiten singt der Lette gerne – zumindest die erste Strophe kennt er immer.
Der Lette ist sehr einfühlsam und kommunikativ, besonders im Internet.
Der Lette ist nicht gierig, er mag einfach die Gerechtigkeit.
Der Lette gibt sehr gute Ratschläge um die Nachbarkinder zu erziehen.
Der Lette braucht das Gleiche wie der Nachbar ... und noch ein bisschen mehr.
Der Lette mag gutes Essen. Die Lieblingsspeise des Letten sind ein anderer Lette, Sauerkraut und Kartoffelsalat.
Der Lette ist stolz darauf, dass er keine Serien guckt, aber er kennt sich gut darin aus.
Um seine Zugehörigkeit zu den anderen Letten zu spüren, geht der Lette ab und zu aus. Gewöhnlich wird da auch Bier verkauft.

Die Letten sind doch ein ganz nettes Volk, nicht wahr? Dass der Lette gerne über sich nachdenkt, beweist das im Sommer 2008 erschienene Buch von Ilmārs Šlāpins über den Mittleren Letten (Ilmārs Šlāpins, Anekdotes par vidējo latvieti un Raini, ¼ Satori, 2008). Jahre lang hat er seine Anekdoten über den Mittleren Letten in der Zeitschrift „Rigas laiks“ veröffentlicht. Ein Beispiel aus seinem Buch:
„Der Mittlere Lette lebt nur einmal in seinem Leben. Dabei ohne Unterbrechung”.

Ich könnte hier nur folgendes dazufügen:

Der Lette denkt gerne über sich selbst nach.
Der Lette lacht gerne über sich selbst.
Der Lette ist stolz ein Lette zu sein. Besonders im Ausland.

P.S.: Das alles gilt natürlich auch für die Lettin.

11. September 2007

Fotosession: Lettland vor zwanzig Jahren und heute

Aleks ein Journalist hat den Hinweis auf dieses Fotoprojekt geliefert. Lettland 1987 in Fotos festgehalten und heute, zwanzig Jahre später. Außerdem stellt er die Frage, wo Lettland heute stehe. Nicht skandinavienorientiert wie Estland, nicht so wie das katholische Litauen und Polen. Ein Land,das nach Selbstdefinition suche, oder wie ein Kommentar meint, beschäftigt mit der Bewältigung des Alltags. Die Fotos sprechen für sich.