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29. Oktober 2024

Mehr als ein 0:1

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Was Sportbegegnungen zwischen Lettland und Deutschland angeht, so sind vor allem Basketball und Eishockey im Gedächtnis deutscher Sportfans: als Deutschland 2023 überraschend Weltmeister im Basketball wurde, gab es im Viertelfinale den "Thriller in Manila", den knappen 81:79 Sieg Deutschlands, mit einem verworfenen Dreier der Letten in letzter Sekunde. Und obwohl im Eishockey meistens Deutschland bei den Länderspielen gegen Lettland die Oberhand behält (eine WM-Begegnung gewann Lettland zuletzt 2012), sind es doch immer Spiele auf Augenhöhe. Als 2023 Deutschland sensationell Eishockey-Viceweltmeister wurde, gewann Lettland - mindestens ebenso sensationell - die Bronzemedaille

Bollwerke und Zwerge

Aber Fußball? Wer alt genug ist, sich zu erinnern, muss vielleicht an "Rumpelfußballer", ein Begriff der um die Jahrtausendwende herum aufkam, denken. Und beim 0:0 im Spiel gegen Lettland bei der EM des Jahres 2004 schien nichts besser geworden zu sein. "Gescheitert am lettischen Bollwerk", so schrieb der "Spiegel" damals. "Blamage" war wohl eine häufig verwendete Vokabel für die Leistung der Deutschen, galt doch Lettland als "Fußball-Zwerg" (sport1). Im Vorfeld des Spiels war Torhüter Oliver Kahn als "Viertel-Lette" bezeichnet worden, was einigermaßen Aufsehen erregte (Kahn: "Meine Großmutter ist Lettin und mein Vater wurde dort geboren“). Teil der lettischen Mannschaft damals: der lettische Rekord-Nationalspieler Astafjevs ebenso wie Stürmer Māris Verpakovskis, von dem es hieß, dass er die deutsche Abwehr "in Angst und Schrecken versetzte". 

Rigas Schule für Europa

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Bankett für die Gäste: die lettische Fußball-Delegation in Frankfurt

Nun spielt also eine lettische Mannschaft aus Riga in der UEFA Europa League - und wer die drei Buchstaben RFS aufzulösen und zu deuten vermag, wird es mit "Rigas Fußball-Schule" übersetzen. Also ein Nachwuchs-Team? Eigentlich nicht. Wichtig vielleicht der Unterschied zwischen "RFS" (Rigaer Fußballschule) und FK RFS (Fußball-Klub Rigaer Fußballschule). Und wer ist Generaldirektor beim lettischen Europaleague-Teilnehmer? Der "alt bekannte" Māris Verpakovskis. "Uns fehlt natürlich noch ein wenig die Erfahrung, in solchem Rahmen und vor solchem Publikum zu spielen", gibt er zu (IR). So ging das erste Spiel in Bukarest mit 1:4 verloren, aber beim Heimspiel gegen Galatasaray aus der Türkei wurde immerhin ein 2:2 Unentschieden erreicht (kicker). Und zu Gast bei Eintracht Frankfurt "nur" 0:1 zu verlieren, erscheint ebenfalls als sehr respektable Leistung. 

Seltene Gelegenheiten

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Schon 15 Jahre ist es her, dass ein lettischer Klub in der UEFA-Europa-League spielen konnte - damals war es FK Ventspils (der inzwischen, nach einigen Skandalen, nicht mehr existiert). 2009 gab es noch eine Aufteilung in Gruppen, und Ventspils spielte unter anderem einmal Unentschieden gegen Hertha BSC.  Der "Kicker" schrieb als Spielbericht: "Viel Krampf, wenig Spektakel: den biederen Letten genügten die Grundtugenden, um indisponierte Berliner in Schach zu halten." Die "BILD" schrieb von "lettischen Nobodys". 

Nach dem Spiel von RFS gegen Frankfurt fallen die Berichte doch etwas anders aus, und es wurde sorgsam registriert, dass 56.600 Zuschauern im Stadion waren (die größte Zuschauermenge, vor der RFS bisher je gespielt hatte), und dass auch 600 Letten dabei waren (RFS).Und, siehe da: auch von einem "lettischen Bollwerk" war wieder die Rede (sportschau). Fünf Millionen Euro habe RFS allein schon für das Erreichen der Europa-League von der UEFA eingenommen, verrät Manager Verpakovskis, und für ein Unentschieden gibt es immerhin noch einmal 150.000 Euro (IR)

Homeground im Winter

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Spezielle Vorbereitungen wird der Rigaer Fußballklub unternehmen müssen, um laut UEFA-Spielplan am 23. Januar 2025 das Europaleague-Spiel gegen Ajax Amsterdam in Riga austragen zu können. Im Stadion Daugava in Riga sei kürzlich aber eine Rasenheizung verlegt worden, die Ende November in Betrieb gehen werde, meint Verpakovskis. Zusätzlich wolle man den Platz rechtzeitig vorher gegen Schnee abdecken (IR). Die UEFA-Regeln schreiben vor, dass gespielt wird, solange die Außentemperatur nicht unter -15 Grad fällt. In der obersten lettischen ersten Fußball-Liga (Virsliga) dauert der Spielbetrieb in der Regel von Mitte März bis Anfang November - aktuell führt Rīgas FS zwei Spieltage vor Schluß die Tabelle mit sechs Punkten Vorsprung an (Kicker).

Was wird passieren, wird Verpakovskis gefragt, wenn trotz aller Mühen ein Fußballspiel in Riga im Januar nicht möglich sein wird? - Wir schauen uns schon nach Möglichkeiten in Tallinn oder Vilnius um, so die Antwort. "Und wenn das nicht geht, spielen wir in einem anderen neutralen Land." Und dann erinnert sich der Ex-Goalgetter doch tatsächlich an die Qualifikationsspiele zur Teilnahme an der Europameisterschaft 2004. "Da haben wir ein Länderspiel in Riga gegen die Türkei Mitte November gehabt. Der Boden war gefroren, das kannten die Türken nicht". Lettland gewann 1:0, das Rückspiel endete 2:2. Torschütze in beiden Spielen: Māris Verpakovskis. (IR)

18. August 2024

Damenschach

Ungewöhnliches passiert im lettischen Schach. Nur allzu gerne möchte man momenan vielleicht lieber an Mikhail Tal erinnern, oder an Dana Reizniece-Ozola, Schachgroßmeisterin und Politikerin, die es schon ins Schachmuseum Löberitz geschafft hat, nachdem sie sich dort auch als Schachspielerin eingebracht hatte. 

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Was das Schachportal "Chessbase" am 13. August berichte, war weniger erfreulich, vielleicht auch im ersten Moment kaum glaubhaft. Gut, den Gegner vielleicht mal durcheinander bringen, wenn er oder sie gerade über den nächsten Zug nachdenkt - damit wäre vielleicht zu rechnen. Andrejs Strebkovs ist Schachspieler, 43 Jahre alt, und als "International Master" (Abkürzung IM) auch kein Unbekannter - dieser Titel wird vom Weltschachbund FIDE für schachliche Leistungen auf Lebenszeit verliehen. "Gens una summus" - "Wir sind eine Familie", so das Motto des Schachbunds. Die Ethikommission des FIDE schloss Strebkovs nun für fünf Jahre von allen Turnieren aus. Vorwurf: sexuelle Belästigung . 

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Erstaunlich, erstaunlich: und wir dachten immer, beim Schach käme man sich eigentlich nicht wirklich nahe? Nun ja, hier wurden "nur" Briefe versandt. Allerdings mit sonderbarem Inhalt: von "obszönen Briefen mit pornografischem Material, sowie benutzen Kondomen" ist da die Rede.
Ein Teil der Begründung für die Sanktionen scheint auch zu sein, dass es bei einem Strafverfahren in Lettland keine Verurteilung gab: nach lettischem Recht stellten die Vorwürfe keine Straftat dar, heißt es. Strebkovs soll an Dutzende von Spielerinnen, einige erst 14 Jahre alt, obszöne Briefe geschickt haben, versandt an deren Wohnungen, Clubs, Universitäten und Turnierorte. Der Beschuldigte aber selbst behauptet: bis auf einen einzigen Fall im Jahr 2021 habe das alles "nichts mit Schach zu tun".

Bedarf es da noch Einzelheiten? Dass bei den betroffenen Frauen und Mädchen nicht um Lettinnen geht, sondern, wie anlässlich eines Turniers in Riga, um Betroffene aus Russland, Kasachstan und Indien? Dass es innerhalb von 10 Jahren mindestens 15 Betroffene gegeben haben soll? Dass Strebkovs Historiker ist und sein Auskommen durch Übersetzungen bestreiten soll? (iub) Auch Schach-Privatstunden soll er, lettischen Presseberichten zufolge, noch geben (jauns.lv/ sportacentrs)

Inzwischen äußerte sich die Lettische Staatspolizei dahingehend, dass es bei dem bisherigen Strafverfahren gegen Strebkovs gar nicht um den Inhalt der von ihm versandten Briefe gegangen sei. Im Januar 2023 sei das Verfahren gegen Strebkovs deshalb eingestellt worden, weil Vergehen gegen Minderjähige nicht bekannt gewesen seien und die Anklage lediglich "Rowdytum" (lett. = huligānismus) gelautet habe. Es habe auch keine Anzeige vorgelegen - die Empfängerinnen der merkwürdigen Briefe waren fast immer Frauen und Mädchen die nicht in Lettland lebten. (lsm)

Nun entsteht offenbar eine Diskussion darüber, ob Minderhährige in Lettland überhaupt an Wettkämpfen Erwachsender teilnehmen dürfen - eine seltsame Wendung. Andere wiederum sagen, Schach könne man eben auch auf digitalem Wege spielen, und da komme es manchmal zu Kontakten mit "Erwachsenen mit schändlichen Motivationen". Ein Thema, was offenbar noch nicht zu Ende diskutiert ist.

30. April 2024

Fuß, Hand oder Stock? Sportstadt Riga

Basketball und Eishockey sind in Lettland klar die beliebtesten Sportarten,da müssen wir uns gar nicht unbedingt auf das Jahr 1935 berufen, als Lettland Basketball-Europameister wurde. Bei der Eishockey-WM 2023 gelang mit Platz 3 Lettland erstmals der Sprung in die Medaillenränge.

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So könnte der neue Rigaer Fußballtempel aussehen
Aber Fußball? Wer aus deutscher Sicht ein gutes Gedächtnis hat, erinnert sich vielleicht noch an ein 0:0 der deutschen Elf gegen Lettland im Rahmen der Europameisterschaft 2004. Seitdem hat sich Lettlands Fußballnationalteam nie wieder für eine EM oder WM qualifiziert. Gemäß der FIFA-Weltrangliste rangiert Lettlands Männerteam auf Platz 136 (Litauen 137, Estland 123). Die FIBA-Weltrangliste im Basketball dagegen weist Lettland auf Platz 6 auf (Litauen 10, Deutschland 3).

Endlich ein Fußball-Tempel?

Nun aber fällt der Stadtrat Riga mit einer Entscheidung auf, die vielleicht auch Verwunderung auslöst. Am 2. April wurde entschieden, dem lettischen Fußballverband ein 10 ha-Grundstück für den Bau eines nationalen Fußballstadions bereitzustellen. Die Kosten werden auf (vorläufig) 44 Millionen Euro geschätzt, nach Fertigstellung soll das Stadion 16.000 Sitzplätze bieten. (lsm) Zum Vergleich: das würde in etwa den Stadien in Ingolstadt, Regensburg oder Halle / Saale entsprechen (gegenw. alle 3.Liga). 

Die Begeisterung hält sich teilweise auch bei Fußballfans in Grenzen - denn die Finanzierung eines solch großen Projekts bleibt vorerst unklar. Schließlich sei ja zunächst nur die Möglichkeit geschaffen worden, einen Plan auszuarbeiten, also ein Konzept für ein Stadion vorzulegen. (sportacentrs) Und der Kostenrahmen werde wohl deutlich überschritten werden müssen - da das vorgesehene Baugrundstück auch einige Infrastrukturmaßnahmen erfordert. 

Unterstützung von der UEFA?

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Der erst kürzlich in seinem Amt wiedergewählte LFF-Präsident Vadims Ļašenko hofft auch beim Stadionbau auf Unterstützung von UEFA und FIFA - falls einer Maximalförderung zugestimmt würde, seien 17.6 Millionen Euro zu erwarten, meint er. Da auch von der Stadt Riga - außer dem Grundstück als Bauplatz - keine große Finanzunterstützung zu erwarten sein wird, bleibt die Hoffnung auf Investoren aus der Wirtschaft. Den ersten Entwürfe zufolge, erstellt von der deutschen Architektengruppe "Fiebinger", erfordert der Stadionnaubau eine Fläche von 119.000 m2, davon 66.000 m2 für das Stadion selbst.

2016 hatte der Fußballverband LFF noch darauf gehofft, auf einem Gelände an der Krišjāņa Barona ielā mit einem Stadionbau beginnen zu können. Dazu hätte es aber einer Kreditaufnahme von 10 Millionen Euro bedurft - der damalige Vorstand entschied sich dagegen (sportacentrs). Manche schauen da neidisch auf die litauischen Nachbarn in Vilnius - aber dort ist zwar ein Nationalstadion bereits im Bau, allerdings auch immer wieder von Skandalen und Finanzschwierigkeiten erschüttert (LRT / pstprojektai) Der aktuellen Entscheidung des Stadtrats in Riga war eine Prüfung von insgesamt neun möglichen Standorten für ein neues Stadion vorausgegangen.

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Protest der Kleingärtner

Begleitet wurde der Stadtratsbeschluss "für den Fußball" von Protesten: bisher ist Lucavsala, nur über eine Brücke über die Daugava zugänglich, eher eine "grüne Oase", geprägt von kleinen privaten Gärten. "Wir wollen nicht noch einen zubetonierten Stadtteil!" ist also der Wahlspruch der Protestler vom Nachbarschaftsverein Lucavsala. Das "grüne Licht" des Stadtrats ist allerdings mit einer Bedingung verknüpft: fünf Jahre hat der Fußballverband Zeit, um ein Realisierungskonzept vorzulegen. Aleksejs Čiževskis vom Verein "Daugavkrastu dārzi" sieht es so: "Wir haben ja schon das Stadion Daugava in Riga. Nur, dort sitzen die Zuschauer weit weg vom Spielfeld und haben kein Dach über dem Kopf. Werden es diese Millionenausgaben wert sein, nur für überdachte Sitzplätze?" (lsm) Zur Zeit hat das Stadion Daugava eine Kapazität von 10.000 Plätzen, das Skonto-Stadion fasst 8.000 Zuschauer.

Interessant ist auch, dass ebenfalls auf Lucavsala ein EU-gefördertes Projekt realisiert werden soll "zur Stärkung der ökologischen Vielfalt". Auf 4 Hektar (lucava) soll hier ein entsprechendes Modell-Areal entstehen.

Lettische Fußballgeschichte - britisch inspiriert

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Begründet wurde Fußball in Lettland 1907 von Arbeitern der Fabrik für Metallverarbeitung "Salamander" in Riga, die sich in englischen Eigentum befand. Dort wurde der British Fooball Club (BFC) gegründet, der Unternehmer Herold Hall (1884–1943) wurde deren Trainer. Später gab es auch deutsche, jüdische, polnische und russische Fußballklubs in Riga; der erste lettische Fußballverein nannte sich 1912 "Amatieris". (LFF)

Laut Statistik des lettischen Fuballverbands LFF sind es heute 151 Fußballvereine in Lettland, die Zahl der registrierten Fußballspielenden beläuft sich auf knapp 20.000, und aus Ticketverkäufen wurden im Jahr 2023 insgesamt nur 290.000 Euro Erlös erzielt. Zwar gibt es in Lettland inzwischen auch Frauenfußball (bisher 741 Spielerinnen über 18 Jahren), große sportliche Erfolge sind hier aber noch nicht zu verzeichnen. Der lettische Fußballverband LFF hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 die Zahl von 5.000 aktiven Spielerinnen zu erreichen (siehe: Entwicklungsstrategie 2030). 

Lettischer Fußball - ohne Fan-Interesse? 

Das Interesse von Lettinnen und Letten am Fußball liegt bei nur 3,2 von 10 möglichen Punkten, so ergab es eine Umfrage im Jahr 2016. Die Frage nach Freizeitbeschäftigungen ergab Ähnliches: während sich 68% für Kino oder Musikkonzerte interessieren, sogar 57% für Theater oder Oper, äußerten noch 31% Interesse an Eishockeyspielen, 12% an Basketball und nur 8% an Fußball. (LFF)

Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Norstat" zusammen mit dem öffentlich-rechtlichen LSM ergab Folgendes: 16% der befragten Lettinnen und Letten finden ein neues nationales Fußballstadion "unbedingt" wichtig, insgesamt sind 49% "eher dafür".  (lsm)

8. Januar 2024

Ski-Prinzessin

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Gerade in diesem Winter gilt: Lettland ist sowohl schneesicher wie auch frostsicher. Aber nicht in allen Sportarten, die mit Schnee zu tun haben, erwartet die internationale Öffentlichkeit lettische Erfolge. 

Winterträume

Dazu zählen auch die Disziplinen des sogenannten "alpinen Skisports". "Was für eine Art Skifahren gibt es in einem Land, in dem wir einen 311 Meter hohen Hügel als höchsten Gipfel ehren?!" So fragte auch schon  Sportjournalist Jānis Freimanis für die lettische "Sporta Avīze" (infoski). Aber in Zeiten, wo andernorts in immer wärmeren Wintern der Schnee wegschmilzt, verstellt allein schon die Masse der pro Disziplin antretenden Sportlerinnen und Sportler aus erfolgsverwöhnten Skinationen wie Österreich, Schweiz, USA, Frankreich oder Italien den Blick auf überraschende Erfolge kleiner Nationen. - Seit vergangenem Wochenende titelt die lettische Sportpresse stolz: "Dženifera Gērmane erreicht das beste Weltcup-Resultat in der Skisport-Geschichte des unabhängigen Lettland!" (lsm)

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Am 7. Januar 2024 war es Platz 12 beim Weltcup-Slalom in Kranjska Gora - im zweiten Lauf war es sogar die fünftschnellste Zeit (SportaCentrs / Youtube). Mit Startnummer 48. 

"Achtung Establishment!", warnte "Olympics.com" schon vor ein paar Jahren, "die Jugendolympionikin Dzenifera Germane ist eine der vielversprechendsten Nachwuchsskifahrerinnen..."

Der lettische Skiverband jubelte auch schon über ihre Erfolge bei den U14- und U16-Wettbewerben (infoski) und berichtete schon 2017, dass Dženifera die ganze Wintersaison in Österreich verbringt, zusammen mit Mamma Ulla Ģērmane, selbst eine lettische Skisportlerin, die ihre Erfolge in den 1980iger Jahren erreichte. Wir lernen: es gibt auch schon "Kinder-Weltmeisterschaften", und auch die hatte Dženifera schon dreimal gewonnen (Jauns). 

Lettische Ski-Historie

Journalist Freimanis versucht, die neue lettische Leidenschaft für alpine Skisportarten mit einem Zitat des lettischen Schriftstellers Rūdolfs Blaumanis zu begründen: "Der Zaun, den der Verstand errichtet, kann durch Leidenschaft und Enthusiasmus überwunden werden!"(infoski). Und Freimanis kennt die lettische Skisportgeschichte. Bei Olympia 1936 in Garmisch-Partenkirchen starteten drei Lett/innen: Mirdza Martinsone (dreifache lettische Slalommeisterin 1937, 1938, 1940, sowjetlettische Meisterin 1941), Herberts Bērtulsons und Askolds Hermanovskis. Alle drei starteten in der "alpinen Kombination", alle drei wurden diskvalifiziert, bzw. konnten im Slalom wegen schlechter Ergebnisse in der Abfahrt nicht mehr starten und erreichten kein Ergebnis, auf das Lettland stolz sein könnte. Weniger bekannt ist, dass Martinsone sich gleichzeitig journalistisch betätigte und ihr sogar ein Interview mit Adolf Hitler gelang (RTU). 

Folgen wir weiter der historischen Auflistung von Freimanis. 1974 in St.Moritz wurde dann Jānis Ciaguns zum ersten lettischen Skisportler, der an einer Ski-WM teilnahm (Resultat 42.Platz in der Abfahrt, kam beim Slalom nicht ins Ziel / infoski). Ulla Lodziņa, später verheiratete Ģermane, also die Mutter der heutigen Ski-Heldin Dženifera Ģērmane, gelang 1988 der größte lettische Erfolg: bei der Junioren-Weltmeisterschaft im italienischen Madonna di Campiglio gewann sie (als Mitglied des sowjetischen Teams) die Bronzemedaille, kam aber in den Weltcuprennen nie über Platz 38 hinaus. Damals war der genannte Jānis Ciaguns Trainer von Lodziņa-Ģermane - was wohl zeigt, dass vieles in dieser kleinen lettischen Ski-Szene eng zusammenhängt. "Mein Trainer ist immer herumgefahren, um Orte zu finden, wo wir das ganze Jahr Skifahren konnten", erzählt Mama Ulla (infoski). 

Erst 1997 gab es dann mit Jānis Korde den nächsten Ski-Weltcup-Teilnehmer aus Lettland - dessen ausbleibende Erfolge auch damit erklärt wurden, dass er ausschließlich im lettischen Sigulda trainierte. Sein einziger Trainer war sein Vater, Reisekosten musste er selbst bezahlen, und seine Rennski kosteten ihn damals 600 Dollar. Im Interview erzählte Korde damals, er habe im Weltcup-Slalom 69 Tore zu absolvieren gehabt - auf den "Hügeln" von Sigulda könne man aber höchstens 25 aufstellen. (periodika). Zu den Olympischen Spielen Nagano 1998 schickte Lettland dann den Ciaguns-Sohn Ivars, zusammen mit Ilze Ābola (er wurde 34., sie 31. im Riesenslalom). Beide nahmen in den Jahren danach auch an Weltcuprennen teil, mit Platz 27 als Bestresultat für beide. 

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Erst 2010 bei der Olympiade in Vancouver  gab es wieder ähnliche Platzierungen. Lettland entsandte Roberts Rode, Kristaps Zvejnieks un Liene Fimbauere (letztere trainiert von Jānis Korde). Zvejnieks erreichte immerhin einen 37. Platz und nahm auch 2014 in Sotschi (43.) und 2018 in Pyeongchang (35.) teil. An der Ski-WM 2013 und 2015 gab es dann sogar jeweils 11 bzw. 14 Athlet/innen aus Lettland - damals zahlte der Weltverband noch eine kleine Unterstützung an den nationalen Verband dafür. Von diesen jüngeren konnte Lelde Gasūna, in Sigulda geboren, 2014 in Sotschi immerhin einen Platz 30 im Slalom erringen. Ihre Kollegin Agnese Āboltiņa, die in Norwegen trainiert hatte, kam im Super-G auf Platz 31.

Skisport-Familien

"Der alpine Skisport in Lettland ist von Familientraditionen geprägt", schrieb Journalist Freimanis schon 2017. "Einen guten Trainer kann man nicht im Internet finden" - ein Zitat von Lelde Gasūna. (infoski) Von derselben Sportlerin stammt die Aussage, die Kostendeckung pro Saison belaufe sich auf etwa 60.000 Euro - und da seien Reisekosten noch nicht eingerechnet. "Alpiner Skisport ist in Lettland ein Indianer-Sport", so wird "Mama Ulla" zitiert (Google möchte es mit "Sport der amerikanischen Ureinwohner" übersetzen). Familie Ģērmane verbringt schon seit mehreren Jahren die Winter in Österreich. Aber Mama Ulla weiß auch dass es ihrer Tochter jeden Herbst wieder schwer fällt, die Freundinnen und Freunde in Lettland zu verlassen. 

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Und jedes Mal nach der Rückkehr nach Lettland müssen dort einige Test und Prüfungen in der Schule bestanden werden. Und die Mutter verheimlicht auch nicht, dass die Beziehungen zum Lettischen Skiverband nicht immer die besten waren und schließt nicht einmal aus, dass ihre Tochter vielleicht auch mal gezwungen sein könnte, unter der Flagge eines anderen Landes zu starten. Ob nun, nach der "historischen Platzierung" für Lettland, alles anders wird? Vorerst war es nur der Erfolg in einem einzigen Rennen.

Nachtrag: am 16. Januar 24 folgte mit Platz 8 beim Nachtslalom in Flachau / Östereich gleich der nächste Rekord

27. Oktober 2023

Einer von uns?

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Manchmal ist es ein Rätsel, warum über Lettland in deutschen Medien berichtet wird, und warum dann wieder so lang gar nichts mehr kommt. Hier ein neues Beispiel für überraschend begründetes Interesse: das Bremer Regionalfernsehen stellte plötzlich einen Letten gleich mal als "Bremer" vor, und machte eine (Bremische) Heldengeschichte daraus.

Anfang August 2023 ist der Lette Kristaps Vekša BMX-Weltmeister geworden (siehe "sportacentrs") - eine Sportart, die ja vor allem Māris Štrombergs erheblich mitgeprägt hat.

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Laut Radio-Bremen-Schlagzeile kam der lettische BMX-Star aber "Aus Grohn in die Weltspitze". Wenn schon Lette, dann aber doch wohl mit deutscher (oder bremischer) "Entwicklungshilfe" an die Weltspitze gekommen!? Aus dieser Perspektive ist es dann offenbar berichtenswert - ob die Darstellung nun stimmt, oder auch nicht.

Nun ja, ich nehme an, Vekša wird sich gefreut haben, dass ausgerechnet mal über ihn berichtet wird. Mehr Info zu Vekša und seinen Aktivitäten finden wir dann auf "Veksatraining.de". Dort klar zu erkennen ist ein Kurzsteckbrief: Heimatstadt - Saldus, Lettland. Wohnort - Vechta, Deutschland. Seit wenn betreibt er BMX? Mit fünf Jahren fing er an, also im Jahr 1999. Warum? Weil es in Lettland 500 m von seinem Wohnort eine Rennstrecke gab, und sein Vater ihn hinbrachte. Das verleitet zur Gegenfrage: Wie viele BMX-Rennstrecken gibt es eigentlich in Deutschland? 

Das Portal "rad-net" schreibt: "... in den Neunzigerjahren ließen die deutschen Erfolge nach und das Interesse am BMX schlief etwas ein. Als BMX Race 2008 olympisch wurde, war leider kein Deutscher dabei." (woher sollen Deutsche also Štrombergs kennen?) Das Portal listet immerhin elf deutsche Rennstrecken für "BMX-Racing" auf, darunter auch Bremen. Zudem gäbe es in Stuttgart eine "Super-Cross"-Strecke. 

In Lettland wurde 1988 die erste BMX-Strecke bei Valmiera gebaut. Das erste, inoffizielle BMX-Rennen fand schon 1987 statt - und wo? In Saldus (enciklopēdija). 1989 gab es auch bereits den ersten internationalen Wettbewerb, damals mit Teilnehmern aus Norwegen, Dänemark, Schweden und den Niederlanden. Auch ein BMX-Verband wurde gegründet, erstaunlicherweise soll Lettland bereits 1989 in den internationalen Verband aufgenommen worden sein (dann aber wohl noch als "Sowjet-Lettland"). Aus alten Fahrradrahmen und Reserveteilen habe man sich damals die ersten BMX-Räder zusammengeschraubt, heißt es.

Zurück zu Kristaps Vekša. Die Bremer sind nicht ie ersten, die über ihn berichten - zumindest in Uetersen war er auch schon aktiv (NDR). Gute Werbung für weitere Jobs als BMX-Trainer sollte das eigentlich sein. Radio Bremen hat inzwischen die "mutige" Schlagzeile abgeändert (neue Fassung: "so trainiert ein Weltmeister in Bremen-Grohn") Und nächste Woche findet in Bremen eine mehrtägige Kulturveranstaltung mit Gästen aus Riga / Lettland statt (ja, es ist immer noch Bremens Partnerstadt!). Radio Bremen wird doch sicher berichten, hoffen wir - auch wenn kein (schnelleingebürgerter) Weltmeister dabei ist?

19. Juli 2022

Neuer Trend: Jugendlich-europäisch

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Wenn es um Europafragen in Lettland geht, stellt sich eigentlich die "Europäische Bewegung" (Eiropas kustība Latvijā) dafür zur Verfügung. Als Befürworter/innen der Europäischen Idee" lassen sie sich gerne bezeichnen, und sie waren, bald nach ihrer Gründung 1997, sicher eine wichtige Lobbygruppe für den EU-Beitritt Lettlands 2004. 

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International ist man vernetzt mit "European Movement", in Deutschland mit der "Europa Union". Letzterer ist wiederum auch ein Jugendverband angeschlossen, die "Jungen Europäischen Föderalisten" (JEF). Im Gegensatz zur "Union of European Federalists" mit Sitz in Brüssel unterhält JEF Deutschland in Lettland eigene Kontakte, Partner ist hier "Klubs Maja" ("Haus"), wo nach eigenen Worten "junge Menschen Veranstaltungen, Seminare, Vorträge, Konferenzen, Camps, Wettbewerbe, thematische Teeabende und andere Veranstaltungen organisieren." 

Etwas kompliziert also, diese europäische Vernetzung. Zumindest aber scheint das Angebot ausreichend, wer sich in Sachen Europa in Lettland engagieren möchte. Warum also gründen lettische Jugendliche noch weitere europäisch orientierte Vereine? 

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Ernests Barons zum Beispiel war fünf Jahre alt, als seine Eltern sich entschlossen nach Norwegen zu ziehen. Als sich seine Eltern einige Jahre später entschieden, wieder zurück nach Lettland zu gehen, entschied Ernests sich in Norwegen zu bleiben - zusammen mit seiner Schwester. "Ich hatte schon einmal das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit verloren, ich wollte das nicht noch mal erleben," erzählt er im Interview mit der Zeitschrift "IR". Aber dennoch pflegte Ernests seine lettischen Wurzeln, sang in Norwegen in einem lettischen Chor, und nahm 2019 im badischen Freiburg an einem Seminar für junge Führungskräfte teil (Jauno līderu skola). Dort trafen sich Lettinnen und Letten aus verschiedenen Ländern Europas; nur drei Monate später gründeten 13 von ihnen in Oslo die "Eiropas Jaunieši (EJ)" (Jugendliche Europas). "Dreizehn von uns waren in Oslo dabei, aber insgesamt haben noch ungefähr 60 Leute die Veranstaltung online verfolgt", erklärt Ernests. 

Ziel des neuen Vereins sei es, Neuankömmlingen aus Lettland bei der Eingewöhnung in ihr neues Land zu helfen. „Wenn jemand nach Norwegen zieht, können wir helfen, angefangen mit Ratschlägen, wo man "Kāruma"-Snacks kaufen kann, bis hin zu Möglichkeiten, eine Wohnung zu finden", meint Ernests. (IR) Wer zwischen 18 und 30 Jahren alt ist, darf Mitglied werden - so legt es die Vereinssatzung fest. Wer allerdings 35 Jahre und älter ist, darf kein Vorstandsamt mehr annehmen. 

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Eine der Vereinsaktivitäten gab sich sportlich: es wurde der "Olimpiskais Lāčplēsis" verliehen, 2021 durchgeführt in Norwegen, Dänemark und Deutschland (2022 in Schweden statt Norwegen, 2019 auch Italien). Beworben weitgehend auf Instagram und Facebook und mit Hilfe des lettischsprachigen Portals "Latviesi.com", finanziell unterstützt vom lettischen Kulturministerium und anderen lettischen Fördergeldern. So eine Art "Spiel ohne Grenzen" (wer erinnert sich noch?) auf lettisch. Lieder singen am Lagerfeuer ist natürlich ebenfalls unverzichtbar. Eine andere Wiederentdeckung: es wird "tautasbumba" gespielt ("Völkerball"), ein Spiel das in Deutschland eher in der Kritik steht (Deutschlandfunk).

Längst hat auch das lettische Aussenministerium mit Elita Gavele eine "Beauftragte für Diasporafragen" ernannt, die gerne den Gedankenaustausch mit den EJ-Jugendlichen aufnimmt (lvportals). Gavele zeigte sich erfreut, dass die Jugendlichen ihre Veranstaltungsteilnehmer/innen auch auf die Möglichkeiten hinweisen an den Parlamentswahlen im Oktober teilzunehmen. Auch die lettische "Stiftung für soziale Integration" (Sabiedrības integrācijas fonds SIF) förderte, neben der "Bärentöterolympiade", inzwischen "Diaspora"-Projekte in 20 verschiedenen Ländern (delfi)

10. Juni 2021

Brasilianisches Niveau

Als Lettland das Fußball-Länderspiel gegen Deutschland mit 1:7 verlor, scherzten noch manche: "Nun seid ihr genauso gut wie Brazilien!" (ein Hinweis auf das deutsche 7:1 gegen die Seleção im Rahmen der WM 2014). Kurz danach erweist es sich, dass die UEFA eine gewisse Höflichkeit an den Tag legte, um lettische Fußballskandale erst einige Tage danach offiziell zu verkünden. 

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Am 9. Juni 2021 entschied der Europäische Fußballverband UEFA den Verein FK Ventspils von allen Spielen des Europacups für die nächsten sieben Jahre - also bis 2028 - auszuschließen. Der Vorwurf: Korruption, Bestechung und Beeinflussung von Spielen und Ergebnissen und damit Verstoß gegen die Statuten der UEFA. Darüber hinaus beschloss die UEFA, Nikolajs Djakins, Manager des FK Ventspils, für 4 Jahre von jeglichen Tätigkeiten in Zusammenhang mit offiziellen Fußballspielen auszuschließen - aus denselben Gründen. Und damit nicht genug: Adlans Šišhanovs, Ex-Präsident des FK Ventspils, wird lebenslang von jeglicher Tätigkeit als Funktionär ausgeschlossen, noch dazu wird die FIFA gebeten, diesen Bann auf weltweite Tätigkeiten auszudehnen (bnn-news). 

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Auch der russische Schiedsrichter Sergei Lapochkin wurde bestraft, da er über den Versuch der Beeinflußung des Europa-League-Spiels vom 26. Juli 2018, an dem der FK Ventspils beteiligt war, der UEFA nicht berichtet habe. Der lettische Fußballverband LFF bestätigte seinerseits, die UEFA während der Untersuchungen vollständig und vorbehaltlos unterstützt zu haben. "Das ist ein schwarzer Tag für den lettischen Fußball," kommentierte LFF-Präsident Vadims Ļašenko. "Noch trauriger ist es für die echten Fußballfans in Ventspils, denn dies ist einer der bekannteren Bestandteile der lettischen Fußballfamilie und der Geschichte des lettischen Fußballs." 

In der obersten lettischen Fußball-Liga der Männer, die aus neun Mannschaften besteht, belegt der FK Ventspils gegenwärtig Platz 8. Da der FK Ventpils eine Aktiengesellschaft ist, wurde Adlans Šišhanovs 2018 auch von der Aktionärsversammlung 2018 zum Präsidenten ernannt. (FB). Am 11.April 2021 wurde dann bekannt, dass Šišhanovs den FK Ventspils verlässt (Sportacentrs) und auch seine Eigentumsanteile verkaufen will. Er hoffe, so Šišhanovs damals, dass es bei dem Klub "noch wahre Fans" gäbe, und nicht nur solche die "mit Lügen und mit Schreibmaschine arbeiten". Im August hatte er sich schon einmal über das lettische Innenministerium beklagt, das dem aus der russischen Republik Inguschetien stammenden Šišhanovs die Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis in Lettland verweigert habe (delfi). Vor seinem Engagement in Lettland war Šišhanovs Eigentümer von "Dacia Chișinău" in Moldawien; der Club gewann einmal die Meisterschaft Moldawiens, wurde dann aber des Steuerbetrugs angeklagt und löste sich 2017 auf (delfi).
Auch beim deutschen Klub "Carl Zeiss Jena" soll Šišhanovs vor einigen Jahren schon mal ein Angebot der finanziellen Unterstützung unterbreitet haben (pravda / transfermarkt / netstudien)

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Die beiden lettischen Sportjournalisten Uldis Strautmanis ("Delfi") und Agris Suveizda (Sportacentrs.com) haben sich durch die umfangreichen Anklageunterlagen der UEFA gearbeitet und berichten, dass es um vier Spiele aus den Jahren 2018 und 2019 gehe, Gegner waren "Luftëtari" aus Albanien, Bordeaux aus Frankreich, "Teuta" aus Albanien und "Gżira United" aus Malta.Dabei soll der deutlichste Versuch der Einflußnahme durch Šišhanovs beim Spiel gegen Bordeaux nachweisbar gewesen sein (sportacentrs); Šišhanovs soll dabei 100.000 Euro für einen Sieg seiner Mannschaft angeboten haben (delfi). 

Die beiden eifrigen lettischen Journalisten haben außerdem auch genau benannt, wer gegenwärtig die Eigentümer der "Fußball Klub Ventspils GmbH" (SIA "Futbola kluba Ventspils") sind: 50,09% der Anteile gehören einer "SIA Ventspils futbola sabiedrība" (Ventspils Fußballgesellschaft GmbH), Eigentümer von 34,31% ist die Firma "VK Tranzīts", ebenfalls eine GmbH, 11,23% der Anteile sind im Besitz der Stadt Ventspils, 2,5% der Firma "AS Kālija parks" und die verbleibenden 1,88 % gehören der Aktiengesellschaft "Ventspils tirdzniecības osta" ("Handelshafen Ventpils"). 

Ja, da fragten sich doch die deutschen Reporter bei der Kommentierung des Spiels gegen Lettland, warum Fußball dort nicht so beliebt ist ...

30. Mai 2021

Nichtlandung = Nichtflagge

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Außenminister Rinkēvičs und Rigas
Bürger Staķis höchstselbst sahen
sich zum Flaggentausch veranlasst

Ein Flugzeug wurde zur Landung in Diktatorshome gezwungen - und mindestens zwei der 126 Passagiere kamen statt Landung am Zielflughafen in Vilnius im Folterknast an (während andere Passagiere im Flieger sitzen bleiben konnten, wo sich ja angeblich eine Bombe befand).

Nun kann Wladimir Makej, Außenminister von Lukashenkos Gnaden, endlich wieder die Alleinherrschaft über die staatlich gelenkten Medien ausüben: "staatlicher Vandalismus" ist, seiner Aussage nach, nicht etwa die Kampfjet-Zwangslandung, sondern der Flaggenwechsel in Riga gewesen (Sport1). Leider wolle nicht jeder auf die Argumente aus Lukashenko-Kreisen hören, bedauert Makej, und sieht seinerseits die "Unabhängigkeit von Belarus" vom Westen bedroht. Lukashenko selbst sieht "Neonazis" am Werk, deshalb habe er "hart durchgegriffen" (belta.by).

Bei allen Spekulationen, warum nun Lukashenko die ganze Aktion gerade jetzt durchzog, fehlt wohl das Argument "wegen der geklauten Eishockey-WM". Lukashenko ist ja ausgewiesener Eishockey-Fan, und schließlich hängen auch die Flaggen der Teilnehmerländer nicht irgendwo, sondern vor dem Hotel, wo alle Mannschaften - also auch die von Belarus - untergebracht sind. Nach dem öffentlichen "Flaggenwechsel" vom 24. Mai klagte Lukashenko übrigens wegen "schüren von nationalem Hass" (lsm): Die Vokabeln, mit denen auch im Westen argumentiert wird, kennt er offenbar - nur erscheinen sie umgedreht, nur für jene mit Sinn erfüllt, die an die Seinsberechtigung von brutalen Diktatoren glauben.

"Als wir dann doch um 21.25 Uhr in Vilnius landeten, wurden wir dort mit Applaus und einer Rede der Regierungschefin Simonaityte empfangen," zeigt sich Jānis Zviedris, einer der lettischen Reisenden auf dem Weg von Athen nach Vilnius beeindruckt. "Aber RYANAIR hat auch uns, den gestressten Passagieren, in Vilnius kein Hotel oder sowas angeboten; eine kurze Entschuldigung, das war alles." (IR)

Die lettische Öffentlichkeit scheint verunsichert und beunruhigt. Laut schimpfen die einen auf diejenigen im Westen, die "von Mördern Gas beziehen". Die internationalen Eishockey-Funktionäre dagegen scheinen sich einig: als Flaggentausch-Gegner entpuppte sich Rene Fasel, Chef des Internationalen Eishockeyverbandes. Er verwies auf die vorangegangenen Diskussionen mit der lettischen Regierung, als es um die Verlegung der WM von Belarus nach Riga ging: man habe zugesichert, dass belarussische Team zu schützen, und das Ereignis nicht politisch zu verwerten (lsm). Und der NZZ verriet Fasel, dessen Amtszeit nach 27 Jahren jetzt endet: "Es ist richtig, dass ich ein Freund der Russen bin." Da scheint es konsequent, wenn er nun sogar forderte, den Rigaer Flaggentausch wieder rückgängig zu machen (nau.ch). Der schweizer Tagesanzeiger prognostiziert als nächsten Arbeitsort für Fasel sogar: Moskau oder Peking. Und auch der deutsche Verbandspräsident Reindl hat offenbar noch Sorgen zum seine weitere (internationale) Karreie, und schloss sich Fasels Flaggenwünschen an (FAZ)

Rigas Bürgermeister Mārtiņš Staķis, der als einziger seiner lettischen Amtskolleg/innen gegenwärtig nicht im Kommunalwahlkampf steckt, empfiehlt Lukashenko dagegen den Menschenrechtsgerichtshof in Den Haag, wenn er weitere Fragen habe. Lukashenko hatte seinerseits alle lettischen Botschaftsmitarbeiter/innen bereits des Landes verwiesen (Tagesschau) - und die deutsche Botschaft in Minsk bemühte sich promt um Solidarität mit den lettischen Kolleg/innen.

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Übrigens wurden inzwischen noch zwei weitere Flaggen vor dem Eishockey-Mannschaftshotel ausgetauscht: statt der Flagge Russlands ist nun die des Olymischen Komitees zu sehen. Māris Riekstiņš, lettischer Botschafter in Moskau, erklärt das so: "Das ist die Flagge des russischen olympischen Komittees, unter der ja in vielen Wettbewerben gegenwärtig die Athleten aus Russland antreten." (lsm) Vitaly Milonov, Vertreter von “Einiges Russland”, wird daraufhin mit der Aussage zitiert, Russland solle nun solange nur noch von der "sowetlettischen SSR" reden, bis die neuerliche Flaggenaktion rückgängig gemacht werde. Allerdings ist auch auf der Webseite der IIHF nur die olympische Variante zu sehen. 

Und als Reaktion auf die Stellungnahme Fasels entschied Bürgermeister Staķis nun, auch die IIHF-Flagge gegen die Flagge der Stadt Riga auszutauschen (lsm). 

Hitziges Klima in Riga also. Wir möchten uns dennoch der offenbar populären Rechthaberei nicht anschließen - und bauen den Flaggenmast vor unseren Privathäusern wieder ab. Ob es ausreichen wird, Demokratie und Selbstbestimmung eine erfolgreiche Zukunft zu wünschen? Eigentlich geht es ja "nur um Sport" - aber es bleibt die Hoffnung, dass auch ein friedliches Zusammenleben der Völker und Nationen weiter möglich sein wird.

19. Mai 2021

Heimisches Eis

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Am Freitag den 21. Mai beginnt in Riga die Eishockey-Weltmeisterschaft - ein Event, dessen Durchführung dem belarussischen Diktator Lukashenko aus den Händen genommen wurde, und bei dem das Team aus Russland in speziellen Trikots mit Olymiasymbol auflaufen wird. Zuletzt meldete auch die russische TASS als einzige mögliche Bedrohung für diese WM .... Covid19. Im Vorjahr musste das Turnier, erstmals seit dem 2. Weltkrieg, ausfallen.

An zwei Orten sollen die Matches stattfinden: in der "Arena Riga" und im "Olympischen Sportzentrum". Alle Spieler, die in Riga ankommen, müssen zunächst drei Tage lang in Einzel-Quarantäne. Danach dieselbe Prozedur weitere drei Tage lang für jede Mannschaft (gemeinsam). Von Riga werden die Spieler also so gut wie nichts sehen: bleib in Deiner Bubble - das ist die Devise. Noch drei Tage vor Beginn des Turniers sah sich die lettische Regierung nicht imstande darüber zu entscheiden, ob es bis zum 5. Juni vielleicht doch auch Spiele mit Zuschauern geben kann (NRA).

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Und wie sehen es die Rigenser/innen? Die lettische Eishockeymannschaft trainierte doch tatsächlich mit Hilfe der "Zoom"-Plattform - das kennen inzwischen viele ähnlich. Von "Metallzäunen und Polizeieskorten" schreibt das Portal "Jauns.lv". Das "Olympische Sportzentrum", wo sonst Schwimmbecken, Sporthallen, Tennisplätze und sogar einen Volleyballplatz mit Sandboden für die Öffentlichkeit bereit stehen, sind seit dem 9. November (wegen Covid19) für die allgemeine Nutzung geschlossen. Wo sonst bis zu 4.000 Tagesbesucher/innen sich austoben können - das wird jetzt exklusiv für gut bezahlte Elitesportler geöffnet. "Schade, dass die besten Fans der Welt uns nicht werden antreiben können!" sagt da auch Kaspars Daugaviņš, einer der besten lettischen Eishockeyspieler, in einem Interview mit "Sportazinas". 

Es ist wie NATO-Gipfel und Eishockey-WM zusammen - wenn wir nur die Austragungsstätten betrachten: 2006 fand in der "Arena Riga" schon einmal eine Eishockey-WM statt, im gleichen Jahr lud Lettland zum NATO-Spitzentreffen in das "Olympische Sportzentrum" ein (Bericht NATO-Gipfel / Vorbericht NATO-Gipfel / Bericht WM2006).

Und wie steht es diesmal um die sportlichen Chancen aus lettischer Sicht? "Wir müssen spielen wie eine Familie", meint Torhüter Elvis Merzļikins (lsm / sportazinas). Aber nein, bevor uns nun Bilder in den Sinn kommen von Brettspielen mit Mama und Papa - Merzļikins Aussage hat einen anderen Hintergrund: seine Frau Aleksandra erwartet ihr erstes Kind. Fürs Nationalteam wird der junge Nachwuchstorwart, der bei den Columbus Blue Jackets in den USA spielt, diesmal gar nicht auflaufen.

Übrigens: sollten die Russen gewinnen, wird statt der Nationalhymne in Riga das Pianokonzert Nr. 1 von Tchaikovsky gespielt werden. Zunächst gibts aber auf jeden Fall eine Partie Deutschland-Lettland: am Dienstag den 1. Juni ab 19.15 Uhr. Vorerst alles ohne Zuschauer - auch hier regiert vorerst noch ein zu hoher Inzidenzwert.

9. Februar 2021

Eis bereiten in Riga

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Als vor etwa einem Jahr das Maskottchen der Eishockey-WM 2021 vorgestellt wurde, war wohl niemand klar, welche Symbolik es inzwischen darstellt: ein zwar wild entschlossener, aber einsamer Eishockeyspieler, allein auf einer kleinen Eisscholle, umgeben von riesiger Leere (und natürlich ohne Zuschauer). 

Seit Mitte Januar (IIHF) ist nun klar, dass Lettland die Eishockey-WM allein austragen soll (oder darf?). Aber wer erlebt hat, wie schwierig kürzlich die Austragung der Handball-WM war, als einige deutsche Spitzenspieler entschieden, doch lieber zu Hause zu bleiben, der schaut sich sicher mit ähnlicher Verwunderung an, wie deutsch-englische Fußballduelle derzeit in Ungarn ausgetragen werden (müssen). 2020 war ja nicht nur das "Corona-Jahr", sondern auch das Jahr der andauernden Massenproteste gegen den selbst ernannten Wahlgewinner Lukashenko in Belarus, und die ließen Lettlands Eishockey-Partnerschaft mit Minsk nicht mehr als opportun erscheinen. 

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Public viewing auf dem Domplatz:
ein Foto aus dem Mai 2006, als Lettland
schon einmal Austragungsort einer
Eishockey-WM war.

Der Igel ist nicht nur klug und schlagfertig, sondern kämpft auch immer bis ganz zum Schluß - so schrieben es die Funktionäre des internationalen Verbands IIHF zur Beschreibung der Fähigkeiten sowohl ihres Symbol-Igels wie auch der Teams von Belarus und Lettland. Wenn aber Regeln und Rahmenbedinungen gleichzeitig geändert werden - wie genau wird es aussehen, wenn am 21. Mai die WM mit dem Spiel Lettland-Kanada eröffnet werden wird? 

Lettlands Regierungschef Krišjanis Kariņš hat inzwischen im lettischen Fernsehen eine Eishockey-WM "in einer Blase" angekündigt. Aigars Kalvītis, Ex-Regierungschef und inzwischen Boss des lettischen Eishockeyverbands, macht die Zuschauerfrage aber abhängig "von der epidemologischen Situation" - eine mit der IIHF übereinstimmende Wortwahl. Die Kosten der Veranstaltung sind bisher auf 12 Millionen Euro geschätzt, davon allein zwei Millionen für Corona-Schutzmaßnahmen. Der lettische Staat habe sich bereit erklärt, die Einrichtung der zweiten Sportarena des "Olympia-Zentrums Elektrum" für die Durchführung zu finanzieren, so sei eine Eigenbeteiligung Lettlands von etwa 3 Millionen Euro zu erwarten. Alle übrigen Kosten trage aber der internationale Verband IIHF - so stellen es zumindest die lettischen Verbandsfunktionäre dar (lsm)

Eine spezielle Anmerkung zum Geschehen machte auch der lettische Außenminister Edgars Rinkēvičs: "selbstverständlich" könnte das Nationalteam aus Belarus frei einreisen nach Lettland - gleiches gelte aber nicht für Personen aus der Lukashenko-Administration, gegen die Lettland inzwischen Einreiseverbote verhängt habe. Dazu zählt auch der Chef des Eishockeyverbands Dmitrij Baskov, dem Gewaltanwendung gegen Demonstranten vorgeworfen wird (sportazinas / lsm ). "Beim Töten gerne zugeschaut" so beschrieb es die deutsche TAZ.

Interessant ist auch die Aussage der lettischen Organisator/innen, alle Teams in einem einzigen Hotel unterbringen zu wollen. 1200 Personen rund um die 16 teilnehmenden Mannschaften werden in Riga erwartet - welches Hotel hier den Zuschlag bekommt, dazu wurde bisher noch nichts bekannt. Als "eines der größten Ereignisse des Jahres 2021 in Lettland" bezeichnet Ilga Šuplinska das Event, Ministerin für Wissenschaft und Bildung (lsm), die auch für Sport zuständig ist. Nach ihren Worten seien "Milliarden Zuschauer an den Fernsehbildschirmen", also "gute Werbung für Lettland" zu erwarten. "Für unseren Staat ist das eine Prestigefrage", fügt auch Hockey-Verbandschef Kalvitis hinzu (lsm). Eine Entscheidung, ob es auch Zuschauer in den Stadien geben könne, sei aber nicht vor Mitte April zu erwarten.

5. Oktober 2018

Erst Irland, dann Weltspitze

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Sanita Pušpure
Der Name Sanita Pušpure ist vor allem in der Welt des Rudersports bekannt. Ihre erste Medaille gewann sie bereits 2003 bei den U23-Weltmeisterschaften. Eigentlich ist die 1981 geborene Lettin für kaum etwas anderes öffentlich bekannt als für ihre Rudererfolge. Doch seit dem 16. September 2018 ist es ein wenig anders: dank Sanita Pušpure wurden die Ruder-Weltmeisterschaften 2018 im bulgarischen Plowdiw die erfolgreichsten überhaupt, für ... Irland. Der bisherigen Weltmeisterin Jeannine Gmelin aus der Schweiz blieb im Einerrennen der Frauen nur der zweite Platz (20min).

Eine Lettin in Irland - keine Seltenheit. Tausende hat es ja auf der Suche nach Arbeit dorthin gezogen. Sanita Mikilpe-Mikgelbe, so der Mädchenname der Sportlerin, begann im Alter von 15 Jahren mit dem Rudern.Zunächst in Majori / Jūrmala, dann am Sportgymnasium Murjāņi.

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Ruderin Sanita mit Familie
Eigentlich sollte es dann ein Trainingsaufenthalt in den USA werden - doch Sanita traf ihre große Liebe, Kaspars. Neue Perspektiven waren notwendig. "2006 beschlossen wir unsere finanzielle Situation etwas aufzubessern und in Irland Arbeit zu suchen," berichtet Sanita der lettischen Presse. "Anfangs dachten wir, nur für ein Jahr. Aber als dann unsere Kinder in Irland geboren wurden, haben sich auch die Pläne geändert." (sporto)

Angeblich war es Zufall, dass Sanita nach der Geburt der beiden Kinder Daniela und Patriks plötzlich den irischen Ruderclub an der Islandbridge entdeckte, und wieder mit dem regelmäßigen Training begann. Die Familie zog um nach Cork, wo ein Ruder-Trainingszentrum in der Nähe war. Doch ein gutes Rennboot kostet so um die 6000 Euro. Bei den "Old Collegians" hatte ein Clubveteran ein Boot gekauft, und erlaubte Sanita es zu benutzen. Nun war auch der Entschluß gefallen, nur noch im Einer zu starten. Auch die lettische Trainerin Elita Krūmiņa wurde zur Unterstützung zweitweise nach Irland geholt - denn im Gegensatz zu Lettland sind im Winter in Irland nicht alle Flüsse und Seen zugefroren.

2009 zum ersten Mal irische Meisterin im Einer, startete Sanita Pušpure ab 2010 für Irland, 2011 nach dem Erwerb der irischen Staatsbürgerschaft auch bei internationalen Meisterschaften. 2014 und 2016 gewann sie bei den Europameisterschaften jeweils Bronze.

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Und nun - im Alter von 36 Jahren endlich an der Weltspitze angekommen.  Gefeiert wird die Ruderin von der Presse in beiden Ländern (Irish Examiner, RTE, Irish Times, Sporta Ziņas, Lsm). Die lettische Sportpresse konnte sich allerdings nicht verkneifen, auf einen Fehler der irischen Sportministerin Ross hinzuweisen, die in einer Pressemitteilung Frau "Dominant Puspure" zum Sieg gratuliert hatte - und damit offenbar einer Schlagzeile der irischen Presse gefolgt und die Siegerin mit einem falschen Vornamen versehen hatte (sportacentrs). - Ein wenig Neid ist also vorhanden. Die Schlagzeile "eigentlich kennen wir unsere Sanita doch besser" war unschwer herauszulesen (youtube).

Tja, zehn Jahre Irland - und die Irinnen und Iren kennen immer noch nicht deinen Namen - so sollte die Botschaft wohl heißen. Jedenfalls ein ganz neues Gefühl für Lettland - eine Lettin gewinnt, aber im Medaillenspiegel hilft es nichts. Im Rudern muss ja ein Alter von 36 Jahren auch noch nicht unbedingt das Ende sein. Gewinnen in Grün, oder in Bordeaux-Rot, Ruderin Sanita sagte es so: "Die unsichtbaren Kräfte in meinem Boot, das sind mein Mann und meine Kinder!"

16. September 2018

Baiba grollt

Für einen kurzen Moment drangen kürzlich Details lettischer Innenpolitik an die internationale Öffentlichkeit: erstaunlicherweise auf den Sportseiten. Die Internationale Biathlon-Union (IBU), die sich auch gern "die Biathlon-Familie" nennt, suchte eine/n neue/n Vorsitzende/n. Da gleichzeitig die Frage, wie in Zukunft gegen Doping vorgegangen werden soll, und die eventuelle Wiederzulassung Russlands im Raum standen, erwuchs der Wahlprozess zum tagelangen Thema der Sportberichterstattung.
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Vielleicht ist es logisch, dass in einem Verband, wo der Vorsitzende wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten musste, auch bei der Neuwahl nicht alles glatt gehen kann. Ungewöhnlich vielleicht auch, dass es neben Olle Dahlin, der zuvor jahrelang schon im alten Vorstand tätig war, nur noch eine weitere Kandidatin gab: die Lettin Baiba Broka. So kam vor allem sie in das Schlaglicht der Presseberichterstattung.

Die Kandidatin

Geboren 1975 in Madona im Osten Lettlands, war die studierte Juristin Baiba Broka eigentlich schon öfters Kandidatin: 2009 für einen Sitz im Europaparlament, 2013 und 2017 als Bürgermeisterin von Riga. 2014 trat sie vom Amt der lettischen Justizministerin zurück, weil weder das Verfassungsschutz-büro (Satversmes aizsardzības birojs SAB) noch die lettische Sicherheitspolizei (Drošības policija DP) ihr die Erlaubnis zur Einsicht in geheime Staatssachen erteilen wollten - unabhängig von ihrer politischen Arbeit, wie es hieß. Aus denselben Gründen musste sie ihr Vorstandsamt beim lettischen Luftfahrtverband ("Latvijas gaisa satiksme" LGS) aufgeben.

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doppelte Baiba: beim Namen
Baiba Broka gilt es, genau
hinzusehen: diese nette
junge Dame ist Theater-
schauspielerin
"Nur Baiba kann man es nicht erzählen?" Es erscheint unwahrscheinlich. Aber von Brokas Ankündigung, wegen dieser Vorgänge den Europäische Gerichtshof für Menschenrechte anrufen zu wollen, ist seitdem auch nichts mehr zu hören gewesen. Nur wenige Wochen vor ihrem Rücktritt war Baiba Broka zur Präsidentin des lettischen Biathlonverbands gewählt worden. Von einer Kandidatur zu den im Herbst 2014 stattfindenden Parlamentswahlen nahm Broka damals Abstand. Aber die existierenden Regelungen in Lettland sehen nun mal nicht vor, dass SAB und DP ihre Entscheidungen öffentlich begründen müssen. - Die gegenwärtige Diskussion in Deutschland zeigt ja den umgekehrten Fall: hier geraten gerade die Begründungen für das Vorgehen eines Verfassungsschutzpräsidenten in den Fokus der Öffentlichkeit. (siehe Die Zeit u.a.)

Im März 2014 hatte es schon einen weiteren Minister der "Nationalen Vereinigung" (VL-TB/LNNK) erwischt: Umweltminister Einārs Cilinskis hatte darauf bestanden am Gedenkmarsch für die lettischen SS-Verbände am 16. März teilnehmen zu müssen - während die damalige Regierungschefin Straujuma vorher klar angekündigt hatte: mit mir nicht! Wer teilnimmt, muss gehen. Auch Broka hatte 2013 an diesem Marsch teilgenommen - ward 2014 dort aber nicht mehr gesehen.

Seitdem saß Broka bei der IBU vier Jahre lang im Rechtsausschuss des Verbandes.Die Wahl zur IBU-Vorsitzenden verlor sie mit 12:39 Stimmen klar.

Russland: "best enemy" oder "best friend"?

Nun grollt Baiba Broka. "Diese Wahl war eine der schmutzigsten Kampagnen die es im Sport je gegeben hat!" behauptet die Möchtegern-Präsidentin. "Mich hat sogar ein Journalist aus Deutschland angerufen und befragt," berichtet Armands Puče, Fernsehmoderator bei "Delfi-TV" (12.9.18). "Ich habe natürlich nicht geantwortet. Ich bin Lette, ich bin für unsere," betont der angeblich Bedrängte. 

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"Baiba Broka gilt als Russland-freundlich", hatte auch ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt behauptet, und das Wahlergebnis als "Klatsche für die von Russland stark protegierte Kandidatin" bezeichnet. Ein Blick in die deutschsprachige Presse bringt einen erstaunlichen Mix an Themen zu Tage: "Broka muss sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, die ihren angeblichen nationalistischen politischen Hintergrund und ihre angebliche Russland-Freundlichkeit angehen," notiert Claus Dieterle in einem Kommentar für die FAZ. Thomas Kistner bezeichnete Broka im Deutschlandfunk als "obskure Quereinsteigerin". Und die Süddeutsche Zeitung berichtet, wie auch einige andere deutsche Medien, Broka's Partei verteidige die SS-Gedenkmärsche in Riga. Die norwegische Presse zitierte den deutschen Biathlon-Erfolgstrainer Wolfgang Pichler mit den Worten: "Es macht mich traurig, dass sie einer rechtradikalen Organisation angehört die sich mit billigem Populismus auf der Grundlage 'Lettland den Letten' profiliert."

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der neue IBU-Vorstand ohne Baiba: die lettische Kandidatin fiel durch

Unwählbar - mit wechselnder Begründung 

 

"Charmant, aber letztlich zu unerfahren", urteilte die "Sportschau". "Broka vertraute auf ihren Charme und referierte emotional ihre Herkunft und ihre Liebe zum Sport."
Was haben wir da also erlebt? Auch im Rückblick erscheint das Geschehen reichlich unsortiert: SS-Gedenkmärsche, und gleichzeitig "Russland-freundlich"? Auch das ZDF (Nils Kaben) bezeichnete Broka's Partei als "rechtpopulistisch". "Präsidentschaftskandidatin" Broka kam im ZDF auch selbst mit einem Statement zu Wort, Kaben bilanziert aber: "die Lettin Baiba Broka war durch sehr zweifelhafte rechtspopulistische Statements auch für die Deutschen unwählbar geworden." (ZDF 9.9.18)

Schaut man in die lettischen Medien ist zuerst auffällig, dass dort nirgendwo von der Kritik an den SS-Aufmärschen die Rede ist - die "schmutzige Kampagne" (Broka) wird ganz aufs für oder gegen Russland fokussiert. Allerdings ist aus lettischer Sicht genauso klar: Broka eine angebliche Unterstützung Russlands zu unterstellen, nützt am meisten ... Russland. Dieser Teil der verschiedenen Interessenlagen scheint schon mal gut gelungen zu sein - fast alle Westmedien haben es übernommen, ohne mehr als Gerüchte erwähnen zu können. Broka ist zurück in der lettischen Innenpolitik, und hier schadet ihr ein Vorwurf der "Kumpanei mit Russland" wesentlich mehr als das Thema "SS-Aufmärsche".

In vier Jahren könne sie ja nochmals kandidieren, signalisierte Broka gegenüber der lettischen Presse (NRA). Schon bei ihrer Kandidatur zum Rigaer Bürgermeisteramt wurden ihre Qualitäten als Juristin gelobt, aber fehlende Erfahrung bemängelt (diena). Manche hatten Broka 2013 auch noch mit einer beliebten Theaterschauspielerin gleichen Namens verwechselt. Bei der IBU wird 2022, in Riga 2021 wieder gewählt - mal sehen, ob und in welcher Rolle wir die sportliche Baiba dann wiedersehen.