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30. Dezember 2025

Spuren im Schnee

Ich teile hier mal eine Grafik, erstellt offenbar von lettischen Tierfreund/innen, unter dem Label "Zootēka". Die Aktivitäten sind hauptsächlich auf die "sozialen Netzwerke" konzentriert, wie Facebook, Instagram, auch Youtube, Spotify, im lettischen Radio, oder als Übersicht bei Linktr.ee. Ohne Worte (Tiernamen übersetzt), ohne Kommentar! 
Wohl denen, die genug Schnee in der Landschaft haben, dass Spuren so klar erkennbar sind. Das unterste Beispiel möchte wohl niemand nachmachen, oder? 
(auch zum lernen von Tiernamen im Lettischen zu verwenden ...)

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12. August 2025

Schneckentempo

Abseits der wirklich wichtigen Fragen dieser Welt tauchte in diesem Sommer in der lettischen Presse ein Thema auf, das auch schon in den vergangenen Jahren aufkam. Von "Kampf" ist die Rede - diesmal ist nicht Militärisches gemeint. "Lettland kämpft mit vereinten Kräften!" (LVPortals) Objekt des Bemühens ist das Auftauchen von "Spānijas kailgliemezi" - der "spanischen Nacktschnecke", die eigentlich gar nicht aus Spanien kommt - deutsch als Wegschnecke oder Kapuzinerschnecke bekannt (Arion vulgaris). 

Die lettische Presse berichtet über "erhebliche Schäden" in Lettlands Grünanlagen. Und es hat sich sogar schon ein Verein "Bewegung gegen die spanische Nacktschnecke" gegründet. 

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Immer die Spanierinnen ! 

Aber wie sollen nun lettische Gartenfreunde tun? Die Schnecken-Feinde organisieren Sammelaktionen: Gummistiefel, -handschuhe und Eimer - und los geht's! Auch eine Taschenlampe ist wichtig - denn die Schnecken sind meist nachts unterwegs. Und schon werden die sozialen digitalen Netzwerke mit Fotos geflutet, ergänzt mit der Frage: "Kann das weg?" Auch Krähen, Elstern, Amseln, Enten oder Igel könnten ja Schnecken fressen - aber die suchen sich lieber etwas Schmackhafteres, wissen die Schneckenvernichter. "Sie verstecken sich immer unter dem Rhabarber!", berichtet Gartenbesitzerin Valda (lsm)

Auch die lokalen Medien berichten. In Limbaži war eine Gruppe von einigen Dutzend Menschen unterwegs, auch Familien mit Kindern, Rentner und junge Leute, um das Areal rund um die Freilichtbühne zu säubern. "Die Eimer füllten sich schnell", so wird berichtet, und die Teilnehmer/innen seien über die Menge der vorgefundenen Schnecken doch sehr erstaunt gewesen (lsm). Und manche Schneckensucher schwören offenbar darauf, die Schnecken nach dem Einsammeln mit Salz zu bestreuen: "damit sie nicht entkommen können!"

Gefräßig und erfolgreich 

Im Jahr 2009 soll die schleimige Spanierin zum ersten Mal in Lettland gesichtet worden sein. Die Ausbreitung bringen manche damit in Verbindung, dass vermehrt Pflanzensetzlinge aus anderen Ländern eingeführt worden seien. Eigentlich kommt in Lettland auch noch die rote Nackschnecke (Arion rufus) vor, jedoch zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern, dass die "Spanierin" alle anderen Arten verdrängt (und sogar Weinbergschnecken angreifen und fressen).   

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Homo sapiens im Schneckentempo

Sammelleidenschaft 

Krista Kušnere, bei der Gemeinde Saulkrasti für Natur und Umwelt zuständig, lädt Bürgerinnen und Bürger ein, der Gemeinde Schneckenvorkommen zu melden. "Bisher setzen wir Kalk ein, der Eisenphosphat enthält - schädlich für die Schnecke, aber im Boden wird es zu Nährstoffen umgewandelt." (lsm) Und Gemeinden wie Kuldiga stellen Behälter bereit, wo tote Schnecken "entsorgt" werden können. Kleinere Mengen könnten auch einfach dem Kompost zugegeben werden, heißt es - Hauptsache, sie wurden mit heißem Wasser übergossen, so dass auch die Eier abgetötet werden. Eine andere Biologin überrascht mit dem Vorschlag, die "humanste" Art, Schnecken zu töten, sei das einfrieren. (lsm)

Einige andere Gemeinden verwenden auch "Ferramol" (Schneckenkorn) - was aber dann auch andere Schneckenarten treffen kann. Unklar ist noch, ob die Spanische Nacktschnecke in Zukunft offiziell in Lettland als invasive Art eingestuft werden wird - das würde aber bedeuten, dass Landbesitzer/innen die Schnecken unbedingt vernichten müssten, andernfalls könnten Strafen verhängt werden.

Und wie sind die Aussichten? Die Nachkommen der Schnecke schlüpfen im Herbst, sind zunächst klein und winzig, überwintern - und freuen sich dann auf die schmackhaften Sachen im Frühling. 

13. April 2025

Maximal neutral

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Für deutsche Verhältnisse liest sich diese Art der Verkehrskontrolle fast unglaublich: mit Hilfe künstlicher Intelligenz werden durch Videoüberwachung nicht nur Autokennzeichen erfasst, sondern auch Daten zur Registrierung des Fahrzeugs, dazu Angaben zum verwendeten Brennstoff - um dann bezogen auf die gemessene Fahrtgeschwindigkeit mit Hilfe einer Berechnungsformel die Menge schädlicher Emissionen, also der Luftverschutzung, aufzuzeigen. 

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Schmutzfahrzeuge

Wo passiert das? In Liepāja, der lettischen Hafenstadt. Denn die Stadt hat sich eine Reduzierung der CO²-Emissionen bis 2030 um 80% zum Ziel gesetzt (verglichen mit dem Jahr 2006). Und Liepāja hat sich bereits seit 2012 einem "globalen Bürgermeisterpakt" angeschlossen ("Global Covenant of Mayors for Climate & Energy", lettisch "Pilsētu mēru pakts" genannt). Mit dabei sind allerdings in Lettland noch 23 weitere Städte (in Deutschland 91, in Litauen 17. in Estland 8). Bis spätestens 2050 wollen alle diese Städte klimaneutral sein.

In Deutschland engagiert sich zum Beispiel die Stadt Heidelberg besonders für dieses Netzwerk: der Heidelberger Bürgermeister Würzner firmiert als "regionaler Botschafter" für die Idee. Verantwortlich in Liepāja ist Kārlis Beihmanis, der dann Ende 2024 die Eröffnung von "Klima-Monitoringzonen" in seiner Stadt verkündete. (lsm) In Liepāja seien 27.000 PKWs registriert, heißt es, die für 46% aller CO2-Emissionen in der Stadt stünden. "Der Transportsektor in Lettland macht 30% unserer gesamten Treibhausgasemissionen aus. Der Anteil ist in Europa ähnlich, 96,6% dieser Emissionen stammen aus dem Straßenverkehr", sagt Madara Merle, Managerin für Klimaprogramme bei der lettischen Sektion des "World Wide Fund for Nature" (WWF).

Besser messen

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"GaiaHub" nennt sich die Firma, die in Kooperation mit der Stadt Liepāja das Monitoring durchführt. Ein Unternehmen, dominiert, wie es scheint, von "Frauenpower" (mit estnischen Wurzeln). "Messung von Luftverschmutzung in Echtzeit" ist hier angesagt, die mit Hilfe von 5G-Netzen auf zwei Portalen bereitgestellt wird: auf einem "City Dashboard" und dazu auch auf einer öffentliche Plattform, als einfach zugängliche Luftqualitätsinformationen für Bürgerinnen und Bürger. 

Liepāja bezieht sich bei seinen Bemühungen auf die Ankündigung der Europäischen Komission aus dem Jahr 2022, in 100 europäischen Städten schon bis 2030 Klimaneutralität erreichen zu wollen. 377 Städte bewarben sich, aus Lettland wurden zwei aufgenommen: Riga und Liepāja. Ziel: diese 100 Städte (darunter 31 aus Mittel- und Osteuropa) zu Modellstädten für das zu machen, was alle europäischen Städte dann bis 2050 ebenfalls erreichen sollen. 

Alles grün?

Dass nach den Präsidentschaftswahlen in den USA auch in Lettland eine Diskussion eingesetzt hat, ob die Ziele des "Green Deals" in der EU noch wichtig für Lettland seien, sieht Kārlis Beihmanis in Liepāja mit Sorge. Auch einen Plan zur Umsetzung weiterer Maßnahmen von Klimaschutz und Energie habe seine Stadt schon vorbereitet, meint er, und auch 65km an Radwegen stehen in Liepāja bereits zur Verfügung.
Man habe zwar wahrgenommen, dass zum Beispiel in Berlin Umweltzonen eingerichtet worden seien, die PKWs nur mit spezieller grüner Plakette befahren dürfen. Aber Entscheidungen einer Stadt sollten doch besser auf konkreten Daten basieren, meint Beihmanis - daher habe man sich für die "schlauen Videokameras" entschieden. Das Projekt habe 40.000 Euro gekostet - die von der EU übernommen worden sind. (IR)

26. September 2023

Wiesen, Wald- und Feldesrand

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"Zāle" ist nicht gleich "Zāle" - ließe sich vielleicht auf Lettisch sagen (wer nicht gerade "Nezāle" meint). Gras, oder vielleicht doch Kräuter? In der Mehrzahl verwendet, könnte der Begriff ("zāles") auch auf Medizin hinweisen.

Nur noch auf 0.9% der Landesfläche Lettlands finden sich noch Naturwiesen - aber nur ein Drittel der Bevölkerung ist sich darüber klar, dass solche Wiesen akut gefährdet sind, so eine in diesem Jahr vorgelegte Studie der lettischen Naturschutzstiftung ("Latvijas Dabas fonds" LDF). 18% der Befragten  zeigten sich bei in diesem Zusammenhang durchgeführte Umfragen bereit, Naturwiesen auf dem eigenen Grundstück anzulegen oder zu erhalten, und 14% sammeln sogar Samen auf Naturwiesen um sie auf eigenem Grund auszusäen. (lsm)

Zählt auch die Bekämpfung sogenannter "invasiver Pflanzenarten" dazu, um Naturwiesen zu schützen? 29% antworteten mit "Ja", meinten dabei aber, entsprechend der Fragestellung, nicht nur die Beseitigung von Riesenbärenklau (Sosnovska latvānis / Heracleum sosnowsky), sondern auch zum Beispiel das Ausrotten von Lupinen. Diese seien in Lettland ebenfalls "nicht einheimisch", so heißt es - obwohl sie bereits viele Straßenränder oder das Gelände verlassener Wohnstätten zieren, und mit sehr schönen Blüten erfreuen. Lupinen sind in der Lage, Stickstoff aus der Luft an der Wurzel zu binden und so die Bodenqualität zu verbessern. Der lettische LDF aber ruft regelmäßig auf: "Pflückt so viele Lupinen wie ihr könnt!" (jauns / santa). Einheimische Pflanzen würden auch von Lupinen verdrängt, heißt es. Und die lettische Naturschutzverwaltung hat inzwischen nicht nur eine eigene Webseite eingerichtet, um die Bevölkerung über "invasive Arten" zu informieren (also eigentlich zu warnen), sondern ruft auch dazu auf, das Vorkommen solcher Arten bei den Behörden zu melden. Die Liste der invasiven Pflanzenarten in Lettland weist derzeit 33 Arten auf, darunter auch die "Kartoffelrose" ("Krokainā roze") deren Früchte als "Hagebutten" bekannt sind, und die "Kanadische Goldrute" ("Kanādas zeltgalvīte").

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Ähnliches ist aber auch in Deutschland bekannt. Die "Welt" schreibt süffisant von der "SOKO Lupine", der BUND Bayern ruft zum gemeinsamen "Lupinenstechen" auf  und stellt fest: "Seltene Pflanzen, die gerne auf mageren Standorten wachsen, werden von der Lupine verdrängt." Sogar Wanderer werden hier aufgefordert, "Lupinenblüten abstreifen und damit das Samenbilden zu verhindern".

Inzwischen wird der Erhalt von Naturwiesen auch durch die EU gefördert (LDF) Naturwiesen seien in Lettland schlecht geschützt, heißt es hier in den Projektzielen des LDF. Vieles würde einfach gepflügt oder aufgeforstet und gehe dadurch verloren. 

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Nicht alles, was sich auf lettischen Wiesen findet
(wie hier nahe Mazirbe in Kurland) ist auch
"natürlich" - hier ist es wohl mal wieder ein
"Gartenflüchter" (bunter Eisenhut / Raibā kurpīte)

Was lernen wir daraus? Auch Lettland ist nicht einfach ein "Paradies unzerstörter Natur", wie es vielleicht manchem westeuropäischen Städter vorkommen mag, der zum ersten Mal sich die Zeit nimmt, Lettlands Landschaften zu erkunden. Sowohl die Land- und Forstwirtschaft, wie auch die Lebensweise nähert sich dem an, was wir auch aus Westeuropa kennen. Dem entsprechend gleichen sich auch die Versuche an, etwas "Natürliches" zu erhalten, ebenso die Diskussion darum, was eigentlich "natürlich" ist. 

Kenntnisse über einheimische Pflanzen sind selbstverständlich auch Bestandteil des Schulunterrichts in Lettland. Da finden sich Sätze wie dieser: "Gewöhnlicher Flieder wird in Lettland seit mehr als zwei Jahrhunderten angebaut, sein Ursprung liegt jedoch in Asien." (uzdevumi.lv) Überall finden sich Hinweise, welche "fremden Arten" es in Lettland gäbe. 

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Und wer sorgfältig hinschaut,
findet dann doch manchmal etwas aus
der Artenvielfalt der "lettischen Natur-
wiese" - hier ist es der sogenannte
"Nickende Zweizahn"
(lett. "nokarenais sunītis")

Schwieriger zu finden sind genaue Angaben, was denn unter einer "Naturwiese" in Lettland genau zu verstehen ist. Was wächst dort? Bei der bereits erwähnten LDF-Umfrage wurden am häufigsten roter Mohn (Lauka Magone), Kornblume (Rudzupuķe) und Margeriten (Pīpenes) genannt. Mohn, von "Latvijasdaba" sogar als "Unkraut" bezeichnet, wächst wohl auch auf Brachland, in Kiesgruben oder an Bahnlinien. Die Kornblume, wie der Name schon sagt, gerne zwischen (ungespritztem) Getreide (wenn nicht im eigenen Garten). Die Margerite, zumindest die in Lettland vorkommende Art (Leucanthemum vulgare) ist tatsächlich typisch für Magerrasen - also gerade das, was hier wohl als schützenswert gemeint ist.  Aber selbst die Margerite hat sich inzwischen in Afrika, Indien, China, Australien und Neuseeland ausgebreitet und gilt dort wiederum als "Neophyt" (vom Menschen eingeschleppt, also invasiv). In Lettland gilt sie dagegen auch als "Nationalblume".

Glücklicherweise habe ich schließlich noch die Broschüre "Kas aug dabiskās pļavās?" gefunden, an deren Zusammenstellung auch der LDF beteiligt ist (auch in digitaler Version). Dort sind immerhin 194 verschiedene Arten aufgelistet und mit Illustrationen und Beschreibungen versehen. Hier finde ich auch endlich diejenigen Arten, die mir als "Wessi" in Lettland schon beim ersten Besuch besonders aufgefallen sind: zum Beispiel Wachtelweizen (Birztalas nārbulis), Zichorie (Wegwarte / Parastais cigoriņš) oder Schlüsselblumen (Gaiļbiksīte). 

Tipps für lettische Naturwiesen gibt es inzwischen auch in bewegten Bildern auf Youtube ("Darām pļavu kopā!" - Lettisch mit lettischen Untertiteln). Und uns bleibt zu hoffen, dass die 0,9% in Lettland erhalten bleiben - unabhängig davon, dass vielleicht jeder und jede eine eigene Definition davon hat, was unter "echter lettischer Natur" zu verstehen ist.

21. Januar 2023

Bei Jakob Land unter

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Der Jahresanfang geriet in der lettischen Stadt Jēkabpils aufregend: der winterliche Wärmeeinbruch nach einer Frostperiode brachte Straßen- und Schulschließungen, und nach ausgiebigem Regen ansteigende Fluten der Daugava. Das Eis des bis dahin zugefrorenen Flusses war in in Bewegung geraten, aber am Ufer noch gefroren - also schoben sich die Eisplatten aufeinander und hinderten den Abfluss des Wassers. Weitere Bereiche der Stadt standen unter Wasser. Etwa 50 Menschen mussten für einige Tage ihre Häuser verlassen, sie kamen größtenteils bei Freunden und Verwandten unter. 

1670 wurden der heute eher beschaulich gelegenen lettischen Stadt Jēkabpils die Stadtrechte verliehen - vom kurländischen Herzog Jakob Kettler - daher der Name (deutsch =  Jakobstadt). Prägend für die Partnerstadt von Melle / NRW ist die Funktion der Stadt als Verkehrsknotenpunkt, sowohl der Straßen wie auch des Bahnverkehrs. Auf der anderen Seite der Daugava liegt Krustpils (Kreutzburg), das in alten Urkunden schon seit 1237 erwähnt wird. Jēkabpils, so wie es heute aussieht, entstand erst 1962 nach dem Bau einer neuen Brücke über die Daugava, die Krustpils mit Jēkabpils verband.

Einige Tage lang stieg nun der Wasserstand der Daugava immer mehr an. Der Schutzdamm hielt den Wassermassen an einige Stellen nicht stand, dort versuchte die Feuerwehr mit Wasserpumpen Wasser aus der Gefahrenzone zu bringen. "Noch nie war der Wasserstand mitten im Winter so hoch", meint Wasserbauexpertin Daina Ieviņa. "Deshalb bricht und verdichtet sich das Eis in schmaleren Untiefen, wie es in der Nähe von Zeļķie, unterhalb von Jēkabpils, geschehen ist. Je niedriger der Wasserstand, desto größer die Eisstaus. Der Regen und die Wärme heben dann das Wasser an und das Eis gerät in Bewegung." Und sie schaut auch voraus: Wenn dann die Wassermassen weiterfließen zum Staudamm, bilde sich dort bei Frost eine neue Eisdecke und könne den Druck im Frühjahr noch verstärken – besonders wenn es dann schnelles Tauwetter geben solte. (IR) Das lettische "Zentrum für Umwelt, Geologie und Meteorologie" (Latvijas Vides, ģeoloģijas un meteoroloģijas centrs) warnt weiter vor schwierigen Wetterverhältnissen bis voraussichtlich März.

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Die größte Flutkatastrophe  ereignete sich in Jēkabpils aber im Jahr 1981. Damals fielen den Fluten über 1000 Rinder und 10.000 Hühner zum Opfer, 700 Häuser wurden überflutet, 800 Menschen evakuiert und mehrere Höfe durch dicke Eisschollen zerstört. (IR) Aktuell hatte am 16. Januar der Wasserstand bei 8,24m über Normalnull gelegen, am 14. Januar sogar bei 8,92 m - nur 5cm weniger als bei der großen Flut des Jahres 1981.

Als Konsequenz aus der Katastrophe damals wurde ein Damm gebaut und bis 1986 verstärkt. In den Jahren 2010 bis 2014 wurde alles noch einmal saniert und ausgebaut und oben mit einer beleuchteten Promenade versehen. Die letzte Ausbauphase war aber gegenwärtig noch nicht ganz beendet. Auch an anderen Stellen in Lettland sollte der Hochwasserschutz noch ausgebaut werden, warnen Experten. So müssten bei Ogre, an der Gauja und an der Lielupe noch mehr Überschwemmungsflächen eingerichtet werden, wo das Wasser gefahrlos über die Ufer treten könnte. 

Inzwischen haben in Jēkabpils Aufräumarbeiten begonnen. Maßnahmen zur weiteren Verstärkung des Damms sollen möglichst noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Präsident Levits lobte bei einem Besuch vor Ort den umsichtigen Umgang der Gemeindeverwaltung mit der Krisensituation und sagte für die notwendigen Baumaßnahmen staatliche Hilfe zu (lsm). Raivis Ragainis, Bürgermeister von Jēkabpils, gab eine notwendige Vereinfachung einger Verwaltungsvorschriften zu Bedenken, um den Hochwasserschutz schnell verbessern zu können. Metereologin Laura Krūmiņa ist sich sicher: "Wir haben es hier auch mit direkten Folgen der menschengemachten Klimaveränderungen zu tun. Wir müssen damit rechnen, dass es weitere Jahre mit instabilen Wintern geben wird." (liepajniekiem)

26. Dezember 2022

Müll-Bilanz

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Erstaunlicherweise ist in Lettland zu pandemischen Zeiten die Gesamtmenge an Haushaltsabfällen erheblich gestiegen - so bilanziert es Journalistin Laura Laķe für die Zeitschrft "IR", und beruft sich dabei auf Zahlen des lettischen Zentrums für Umwelt, Geologie und Meteorologie (Latvijas Vides, Ģeoloģijas un Meteoloģijas Centrs LVGMC). Dem zufolge waren es 2019 insgesamt 840.413 Tonnen Hausmüll, im Jahr 2020 dann 908.960 Tonnen, und 2021 869.285 Tonnen. Wie Statistiken von Eurostat zeigen, wurde noch 2014 in Lettland pro Einwohner 318 kg Hausmüll erzeugt - bis 2019 stieg das auf 437 kg an. Und es muss gleichzeitig gesagt werden, dass dieser Anstieg ja wohl nichts mit einem Anstieg der Bevölkerungszahl zu tun haben kann - eher im Gegenteil.

Anders gesagt: in einer Statistik aller 38 Mitgliedsorganisationen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegt Lettland, gemessen an der durchschnittlichen Hausmüllmenge, den 22. Platz. Somit produziert Lettland etwa doppelt so viel Müll pro Jahr pro Person wie die Menschen in den Ländern mit dem größten Aufkommen an Hausmüll. Und das Abfallaufkommen pro Einwohner in Lettland war auch höher als beispielsweise in den anderen baltischen Staaten oder in Polen. Zudem liegt die Recyclingquote in Lettland nur bei 23% (Zahlen von 2021, Deutschland 68%)

2022 war das Jahr, als Lettland endlich ein Rücknahmesystem für Pfandflaschen einführte. Aber beim Thema Müllvermeidung sei man noch nicht sehr weit gekommen, so urteilen lettische Umweltfachleute. Befragt nach den Gründen, warum sie das Pfandrücknahmesystem nutzen, nannten die meisten (59%) die 10Cent als Motivation, die jede Flasche oder Dose einbringt. Nur 37% nannten "Sorge um die Umwelt" als Auslöser (lsm)

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Als Ziel der Europäischen Union ist festgelegt, in den Mitgliedsstaaten bis 2035 eine Wiederverwertungsquote von 65 % zu erreichen und weniger als 10% des Abfallaufkommens noch auf Deponien lagern zu müssen. Jānis Aizbalts, Direktor beim Abfallverwerter SIA Eco Baltia (Motto: "Finde den Wert in allem"), schätzt die gegenwärtige Wiederverwertungsquote des Abfalls in Lettland optimistisch auf inzwischen 40% - aber er zweifelt an der Fähigkeit der lettischen Gesellschaft, neue Methoden der Aballtrennung schnell zu lernen.(IR) Umfragen zeigen, dass inzwischen 71% der Bevölkerung das neue Pfandrücknahmesystem regelmäßig nutzen. Aber entscheidend sei auch, so Aizbalts, das entscheidende Schritte auf dem Wege der Abfallvermeidung eingeleitet werden. 

Kaspars Zakulis, Chef von "AS Latvijas Zaļais punkts” (Grüner Punkt Lettlands) sieht es so: "Im Jahr 2011 haben nur 34% der Befragten gesagt dass sie Mülltrennung vornehmen, und auch 2020 lag das nur bei 60%" (lsm) "Kunststück!"- möchte man da dazwischenrufen: wenn Lettland erst 2022 eine systematische Flaschenrücknahme einführt - warum sollte es auch vorher jemand erst trennen (und dann zusammen mit dem anderen wegschmeißen?). Zakulis redet auch vom "Vorbild Deutschland", begründet das aber so: "das liegt ja auch schon in der Mentalität dieser Nation. Diese Ordnung, einerseits. Und andererseits war eben Deutschland nach dem 2.Weltkrieg auch total zerstört, da spielten Sekundärmaterialien wie Metall und Glas immer schon eine wichtige Rolle." - Über "lettische Mentalität" sagt Zakulis an dieser Stelle nichts.

Das lettische Parlament brachte nun eine Entscheidung auf den Weg, aus bisher zehn verschiedenen Regionen fünf Abfallverwertungszentren zu entwickeln (lsm). So soll zum Beispiel die Wiederverwertung von Gebrauchtreifen sichergestellt werden, und auch für Textilien und Schuhe soll es neue Regelungen und ggf. spezielle Rücknahmecontainer im ganzen Land geben. 

Aber auch das, was in Deutschland als "Biomüll" verstanden wird, landet bisher in Lettland noch zu bis zu 60% im Haushaltmüll - so bemängelt es eine Untersuchung des staatlichen Rechnungshofs (bnn) Landesweite Stellen, die Biomüll nicht nur entgegennehmen, sondern daraus auch qualitätsgeprüften Kompost herstellen und zugänglich machen, gibt es bisher nicht. 

Ein weiteres Problem ist die gegenwärtige Beliebtheit von leichten Kunstofftragetaschen in Lettland. Einer neuen europaweiten Erhebung zufolge benutzt jeder Lette und jede Lettin pro Jahr 229 solcher leichten Plastiktüten, in denen ja gern so manches Einkaufsgut verschwindet (2018 waren es sogar schon mal 327 !). Nur Litauen hat da mit aktuell 294 Tütchen einen noch höheren Verbrauch. In Deutschland sind es 45 pro Einwohner/in - was multipliziert mit 80 Millionen Menschen allerdings auch wieder einen stattlichen Müllberg verspricht.

Schon seit Jahrzehnten galt in Lettland der Name "Getliņi" als Synonym für den größten lettischen Müllberg. Aber in 5 bis 7 Jahren wird hier Schluss sein müssen, sagen Experten: die 80ha-Deponie nahe des Ortes Ropaži ist voll. Eine Erweiterung ist dann nicht mehr möglich. Auch hier wird geschätzt, dass allein die getrennte Aussortierung von Biomüll eine Volumenersparnis um 40% bringen könnte (lsm).

5. August 2022

Jetzt wird geholzt!

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Angesichts der kurzfristigen Notwendigkeit, ganz dem Gas aus Russland zu entsagen, beschloss nun die lettische Regierung den Holzeinschlag in den lettischen Wäldern zu erhöhen. Das lettische Landwirtschaftsministerium arbeitet an Vorschlägen, die von einem Mehreinschlag (des "grünen Goldes") von einer Million Kubikmetern ausgehen - das würde eine Steigerung um gut 10% ausmachen.

Die lettische Forstverwaltung dagegen ("Valsts meža dienesta" VMD) betont immer wieder das Bestreben, die Wälder nachhaltig zu sichern - es entsteht aber die Frage, für wen das gesichert werden soll: für den Erhalt der Natur? Oder nur für die Sicherstelllung der weiteren Nutzung? Im März hatte der Verein der lettischen Waldbesitzer (Latvijas Meža īpašnieku biedrība LMIB) eine Pressemeldung herausgegeben, in der es heißt: "Die Forstwirtschaft kann die vollständige Unabhängigkeit der Wärmeversorgung von russischem Gas sicherstellen!" (derselbe Verband beteiligte sich auch an einer Kampagne für die Nutzung von Atomenergie in Lettland).

Auch die lettischen Staatsforsten (“Latvijas valsts meži” LVM) scheinen schon bei der Auswahl des Vorsitzenden auf Imagegewinn zu setzen: Pēters Putniņš (was übersetzt Peter Vögelchen heißen würde) wurde kürzlich zum Chef der Lettischen Staatsforsten  gewählt. Die LVM bewirtschaftet 1,62 Millionen Hektar Land in der Republik Lettland. Getragen wird die LVM vom lettischen Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, von der „Lettischen Industrie- und Handelskammer“, vom Baltisches Institut für Corporate Governance und dem Verband der Waldbesitzer. 

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Bisher war die Regel, dass ein Beschluss einen Baum zu fällen dann erfolgen kann, indem der Durchmesser des Stammes in 1,30m Höhe gemessen wird. Bei Espen geschieht das in der Regel nach mindestens 41 Jahren, bei Schwarzerle und Birke nach 71 Jahren, Fichten nach 81 und Kiefern nach 101 Jahren. Die Gesetzesänderung besagt jetzt, dass auch Bäume geschlagen werden können wenn sie das angegebene Alter noch nicht erreicht haben. Jetzt können auch dünnere Bäume gefällt werden: der Durchmesser wird bei Birken auf 25 cm, bei Fichten auf 26 cm und Kiefern auf 30 cm reduziert. Dabei weist das Ministerium darauf hin, dass es diese Bestimmungen zum Durchmesser in Schweden und Finnland gar nicht gäbe, und in Estland sogar noch dünnere Bäume gefällt werden könnten (IR). 

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Bei bisherigen Änderungen an diesen Regeln, zuletzt 2019, hatte noch das lettische Umweltministerium Einspruch erhoben - und empfahl eine genaue Kartierung ökologisch wertvoller Lebensräume. Diese Kartierung wurde auch gemacht - aber jetzt bewußt beiseite geschoben, so etwa nach dem Motto: wir haben Krieg, wir brauchen Holz! 

Als Lösung für die gegenwärtigen Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine auf Lettland schlug Landwirtschaftsminister Kaspars Gerhards jetzt die Erhöhung des Holzeinschlags vor (siehe: mk.gov.lv) - ohne Rücksprache mit Naturschutzverbänden. Das Ministerium rechnete vor, aufgrund der Änderungen 20% mehr Holzhackschnitzel zu produzieren und deren Preis zu senken - Umweltschützer aber kritisieren, dass diese ja sowieso meist in den Export nach Skandinavien gehen würden, die lettischen Verbraucher hätten also nichts davon. 

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Ein neuer Film der lettischen
ornithologischen Gesellschaft
soll den Wert des Waldes als
Lebensraum verdeutlichen

Steigt also der Grad der Abholzungen lettischer Wälder sogar um bis zu 20%, wie es manche voraussagen?

Viesturs Ķerus erinnert sich in einem Beitrag für die lettische ornithologische Gesellschaft (Latvijas Ornitoloģijas biedrība, deren Vorsitzender er ist) an eine ähnliche Diskussion im Jahr 2009; damals habe Kristaps Klauss, Vertreter der lettischen Holzindustrie (Latvijas Kokrūpniecības federācija) gesagt: "Wir brauchen 11 Millionen Kubikmeter Holz im Jahr". "Dieser Satz ist mir in Erinnerung geblieben," meint Ķerus, "denn er bedeutet ja: wir brauchen, also muss der Wald liefern" (LOB).Sich nicht damit zu befassen, was der Wald liefern kann, sei eines der großen Probleme der lettischen Waldwirtschaft, meint Ķerus, und inzwischen sei der Holzeinschlag nun auch schon auf 13 Mill. m³ gestiegen. Seine Voraussage: wenn die nächste Krise kommt, wird es dem Wald weiter an den Kragen gehen. 

Gleichfalls interessant ist zur der Beurteilung der Situation ein Blick auf die Besitzer großer Waldflächen. Klar ist, dass sehr viele lettische Waldbesitzer weniger als 5 ha ihr Eigentum nennen. Ein Blick auf die 20 größten Unternehmen, die in Lettland Wald bewirtschaften, zeigt aber, dass diese 20 Firmen insgesamt über 300.000 ha verfügen (lursoft-blog). Dominierend dabei sind die Schweden: von den 20 größten gehören 5 zur schwedischen "Södra"-Gruppe (die erst 2018 noch einmal viel Wald aufkaufte), und weitere sechs stützen sich auf Kapitalanteile aus Schweden. Drei weitere große Unternehmen kommen aus den Niederlanden, und je eines aus Dänemark und Luxemburg.

8. Mai 2022

Lettland höchster Punkt: verschenkt oder verwaist?

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Landschaft nahe des Gaziņkalns (Foto: Caspari)
Es ist bisher nicht unbedingt üblich, eine "Besteigung" der höhsten Erhebung Lettlands ins touristische Programm aufzunehmen. Das Gebiet um den Gaiziņkalns ist auch weder Nationalparkgebiet noch Staatswald, es ist eigentlich Privateigentum. Allerdings ist es Teil eines Naturparks. Letzten Messungen zufolge liegt die höchste Anhöhe hier 311,94 Meter über dem Meeresspiegel. (IR/ visitmadona) Der Formulierung der Reiseagentur "Lauku Celotajs" zufolge ein "typischer Hügel des Vidzeme Hochlandes".

44ha ist das "Gipfelgrundstück" groß, aber das lettische Recht, das besondere Naturgebiete vor Zerstückelung schützen soll erlaubt es normalerweise nicht, einfach nur das Gipfelstück vom Rest  abzutrennen - und so gab es bisher vier verschiedene Personen mit Besitzrecht. Es durfte also nichts ohne die Zustimmung aller vier geschehen - eine komplizierte Sachlage. Davon unabhängig gibt es Überlegungen, nur den direkten Gipfel als staatlichen Besitz zu nutzen, dort, wo auch ein neuer Aussichtsturm errichtet werden muss (der alte Turm wurde 2012 abgerissen, Pläne für einen Neubau wurden bisher nicht realisiert).

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Die Nachkommen des früheren Grundeigentümers, der tatsächlich "Gaiziņš" mit Nachnamen hieß, flüchteten 1944 vor der heranrückenden Roten Armee und leben heute in den USA. Aber nun gibt es erneut eine Veränderung: Am 20. Oktober 2021 starb mit Inese Apele die Haupterbin (älteste Tochter). Von ihr wurde der Ausspruch zitiert: "Auf dem Berg muss immer die lettische Flagge wehen!" (lvportals) Daher kam für sie auch kein Verkauf an private Interessenten in Frage. Ihr Großvater Jēkabs hatte das Land am "Gaiziņš" vor mehr als hundert Jahren gekauft. Und ihr Vater Leopold habe ihr mit auf den Weg gegeben: "Der Berg darf nie verkauft oder verpachtet werden, er muss frei bleiben." (jauns)

Es hat also die Bereitschaft gegeben, das Land dem lettischen Staat zu überlassen - schon seit Jahren gab es Gespräche und Verhandlungen zu dem Thema (zum Beispiel 2016 mit dem damaligen Umweltminister Kaspars Gerhards / VARAM). Bisher gab es aber kein konkretes Ergebnis. Jurijs Šeflers, russischer Milliardär und Eigentümer von "Latvijas Balzams" (die inzwischen "Amber Latvijas Balzams" heißt und zur Amber Bevarage Group gehört), hatte schon mal zwei Millionen Euro für das Grundstück geboten. Šeflers hatte von dem in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Gunārs Ķirsons ("Lido") nahe des Gaiziņkalns ein Grundstück mit exklusivem Landhaus übernommen. Die Antwort auf das Angebot soll angblich gewesen sein: "Denken Sie eher mal über 20 Millionen nach." (lvportals)

Matīss Kukainis, Anwalt der Familie, beschreibt die Situation so: Inese hatte weder Mann noch Kinder, gemeinsame Eigentümer sind jetzt die Brüder und die Schwester. Es gibt Pläne, die Anhöhe entweder dem Staat oder der Gemeinde zu schenken, insgesamt etwa ein Hektar."(apollo) Dennoch erscheint es schwierig, dies zu realisieren - es gibt noch andere Kosten zu bedenken, die auf einen Eigentümer zukommen würden. "Diese Auflagen könnten sehr teuer werden," meint Daiga Vilkaste, Direktorin beim

Agris Lungevičs hingegen, Vertreter des Bezirks Madona zu der das Gebiet um den Gaizinkalns gehört, erklärt sich bereit Gespräche aufzunehmen und mögliche Finanzierungen zu suchen. Allerdings seien Gemeinde und Bezirk bei den bisherigen Verhandlungen außen vor gelassen worden. (apollo) "Wir sehen das als mögliche Infrastrukturprojekte", sagt Lungevičs, sowohl was die notwendige Asphaltierung der Zufahrtsstraße als auch den Aussichtsturm angeht." 

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Die Legende vom sagenhaften
"Tālava" - auch heute noch in
Lettland vielfach präsent

Schon Inese Apeles Vater, der 2010 in New York starb und auch dort begraben ist, hatte sich auf den Grabstein schreiben lassen: "Gaiziņkalna dzimtas dēls" ("Sohn des Geschlechts vom Gaiziņkalns"). Er hatte sich, nach Aussagen seiner Tochter Inese, auch auf der Spitze eines neuen Aussichtsturms die Skulptur des "Trompeters von Talava" (Tālavas taurētājs) gewünscht, eine lettische Sagenfigur eines Helden, der vor herannahenden Feinden warnt (eine Variante eines solchen Denkmals steht in Ruijena). Tālava (Tholowa, Tuolowa), das sagenhafte Land im Osten des heutigen Lettland, vor Ankunft der deutschen Kreuzritter soll es Heimat der Lettgallen gewesen sein. In der alten Livländischen Chronik wird dieses Gebiet auch "terra Lettorum" (Land der Letten) genannt. Rūdolfs Blaumanis schrieb 1902 eine Ballade zu diesem Thema, und allein schon deshalb ist diese Geschichte in Lettland weit verbreitet.

Bisher war Inese Apele die einzige der vier Geschwister (der vier Erben) gewesen, die aus den USA zurück nach Lettland kam und versuchte die Fragen rund um den "Gaiziņš" zu lösen. Der eine Bruder sei Priester in den USA gewesen, der andere Lehrer, erzählt sie, und die Schwester arbeitete im Gesundheitswesen. - Angeblich soll unter den Lett/innen im US-Exil in New York die Geschichte erzählt worden sein: der höchste Berg Lettlands ist ungefähr doch hoch wie ein Haus mit vier Stockwerken (Kārlis Streips / Brīvā Latvija).
Die Restaurierung der Einrichtungen auf dem estnischen Munamägi, der gleichzeitig die höchste Erhebung der baltischen Staaten ist und einen schönen Aussichtsturm für Gäste bereithält, habe 640.000 Euro gekostet, heißt es (lvportals). Ob nun jemand in Lettland ähnliche Beträge aufbringen kann, oder doch eher ein Verkauf ansteht, scheint gegenwärtig völlig unklar.

21. April 2022

Kein Schuss mehr

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Fotos: VARAM

Eine schöne Schlagzeile in besorgniserregenden Zeiten: es darf kein Schuss mehr fallen! Gemeint ist hier Lynx lynx, oder, wie es lettisch heißt: "der eurasische Luchs". Die lettische Regierung beschloss jetzt, Luchse in die Liste besonders geschützter Tierarten aufzunehmen - damit dürfen Luchse jetzt in Lettland nicht mehr bejagt werden. (lsm / LA / nra)

Bisher stand die Tierart auf einer Liste "geschützter Tierarten zur eingeschränkten Verwendung" (verrückte Bezeichnung sowieso!). Mit der Unterschutzstellung setzt nun auch Lettland Emfehlungen um, die schon mit der Richtlinie des Europarats 1992 formuliert wurden ("Flora, Fauna, Habitat" - Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanze). 

Auch der Lettische Staatliche Rechnungshof hatte die Neuregelung empfohlen. Hier wurde vor allem angemerkt, dass die Datenquellen zur Bestandserhebung oft zweifelhaft gewesen seien, daher nicht auszuschließen sei, dass eine "Abschussnotwendigkeit" herbeimanipuliert werden könne. Kritik an dem Regierungsbeschluss kam von den Jadgvereinigungen. "Das ist doch ein rein juristischer Beschluss, das hat doch nichts zu tun mit der Luchspopulation," meint Janis Baumanis vom lettischen Jägerverband (Latvijas mednieku savienība), "und wenn wir nicht jagen, gehen uns viele Informationen über den Luchs verloren." (lsm)

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Auf dem Portal "Manabalss" ("Meine Stimme") wurden über 12.000 Stimmen gegen die Jagd auf den Luchs abgegeben. Einer der Initiatoren ist Jānis Vinters. "Luchsjagd ist nutzlos, ungerechtfertigt, und dient nur einer kleinen Interessengruppe, die zudem einen Jagdkonkurrenten loswerden wollen", meint er. (pietiek) Schätzungen gingen davon aus, dass gegenwärtig in Lettland etwa 1400 Luchse leben - aber Vinters hält diese Zahlen für weit übertrieben: "Es gibt auch gar keine effektive Kontrollinstanz für die Jäger und den Jagdverband" meint er und fügt hinzu: "In Lettland war es sogar erlaubt, Luchsweibchen mit Jungen zu töten".

Von nun an gibt es nur noch in zwei von 23 EU-Mitgliedsstaaten Luchsjagd: in Schweden und Finnland.

11. April 2021

Flaschenlösung in Sicht

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2004 trat Lettland der Europäischen Union bei. Das sollte unter anderem den "freien Handel" fördern - also möglichst gleiche Bedingungen für alle EU-Mitglieder für den Warenverkehr, auch offenen Marktzugang zu allen Ländern. Das bedeutet: seitdem ist auch der Warenstrom von Importwaren nach Lettland erheblich angestiegen. Während in Lettland der Holzeinschlag in den Wäldern immer noch etwa 30% des Exports ausmacht, können wohl die meisten deutschen Verbraucher/innen immer noch nicht die Frage beantworten, ob sie jemals in Deutschland schon ein Produkt aus Lettland gekauft haben.

Im Lebensmittelbereich importiert Lettland vor allem Getränke aus Deutschland: an der Spitze Weine (48 %), gefolgt von Spirituosen (44 %) (Agrartotal). Nur 7,3% der lettischen Exporte gehen nach Deutschland (LIAA) - im Jahr 2003 war der Prozentsatz noch doppelt so hoch (uni-koblenz)

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Zuletzt war Litauen mit einem neuen Rücknahmesystem
vergleichsweise erfolgreich

Was allerdings immer noch in Lettland fehlt: es gibt bei den Getränken bisher weder Pfand noch Rücknahme-system. "Zu teuer" behauptete die Unternehmer-seite, und die lettische Regierung ließ die Zustände jahrelang unangetastet. Wer sich da fragt, warum denn die Lettinnen und Letten offenbar wenig Sorgen um ihre im Moment noch üppig vorhandene schöne Natur machen, der wird die Ergebnisse einer Umfrage aus dem Jahr 2018 aufmerksam registriert haben: 84,5% der Befragten sprachen sich für die Einführung eines Pfandrücknahmesystems in Lettland aus. (zalabriviba).Schon 2017 hatte eine Petition auf der Plattform "Manabalss" (Meine Stimme) 12.000 Unterstützer/innen für ein Pfandsystem gefunden (siehe auch Blogbeitrag).

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Ab Februar 2022 soll nun tatsächlich eine neue Rücknahmeregelung in Kraft treten - ein Thema, was nun bereits seit 20 Jahren diskutiert wird, wie "Manabalss" richtig anmerkt. Besonders die junge Generation habe auf die Einführung eines Pfandsystems gedrängt, musste auch Wirtschaftsminister Jānis Vitenbergs zugeben (itiesibas).
Wie aus vielen anderen Ländern schon bekannt, sollen dann die Verbraucher/innen die Pfandgebühr, gesondert ausgewiesen, zusätzlich auf den Kaufpreis zahlen, und bei Rückgabe der Flaschen im Laden angerechnet bekommen. Gelten soll es sowohl für Glas- wie auch Plastikflaschen, ebenso für Dosen. Im Ergebnis soll es dann in ganz Lettland 1500 Pfandannahmepunkte geben, davon 700 mit Automaten ausgerüstet (lsm). Zuständig wird in Lettland eine GmbH namens "Depozīta iepakojuma operators" (DIO) sein. Geschätzt 30 Millionen Euro wird das Projekt kosten, finanziert von vier großen Getränkeherstellern ("Aldaris", “Cido grupa”, “Coca-Cola Latvija” und “Cēsu alus”). Pro Einheit / Flasche soll zunächst 10 EuroCent Pfand berechnet werden.

Wer diese Rücknahmeautomaten liefern darf wurde öffentlich ausgeschrieben. Fünf Hersteller hatten sich beworben. Angeblich ist vertraglich festgelegt, dass durch das Rücknahmesystem erzielte Gewinne wieder in das System investiert werden müssen. Das neue Gesetz legt fest, dass in größeren Ortschaften alle Läden mit mehr als 300m² Verkaufsfläche auch Pfandrücknahmestellen anbieten müssen, auf dem Lande alle Läden größer als 60m². Falls mehr als 36.000 Verpackungseinheiten pro Jahr entgegen genommen werden, empfiehlt der Betreiber einen Automat (dio.lv). Die Händler/innen bekommen dann für ihre Aufwendungen 1,53 Cent pro Verpackungseinheit bei manueller Entgegennahme erstattet, Automatenbetreiber bekommen 1,79 Cent pro Stück.

Kürzlich fiel die Entscheidung zu den Automaten (lettisch "Taromāts" genannt): es wird die norwegische TOMRA sein, die in Lettland ihre Automaten aufstellen wird (siehe Pressemitteilung). Die Firma habe über 35 Jahre Erfahrung und bisher bereits über 84.000 Automaten in Betrieb, heißt es. Damit hat sich das Argument der Praxiserfahrung gegen andere Vorschläge durchgesetzt, die auch schon Tetrapaks, Batterien und Sektflaschen gleichzeitig der Wiederverwertung zuführen wollten (SIA Wingo Deposit).

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Diese Klarstellung sollten auch lettische Getränkehersteller wie die Brauerei "Valmiermuižas alus" beruhigen, die auf eine rasche Entscheidung gedrängt hatten, um die eigene Produktion entsprechend umstellen zu können. Brauereichef Aigars Ruņģis betonte, er sie soweit "lettischer Patriot" dass ihm daran gelegen sei, wenn Flaschen mehrfach genutzt und nicht einfach weggeschmissen werden (lsm)

Auch in Deutschland verrichten offenbar bereits 30.000 TOMRA-Pfandautomaten ihren Dienst (ecoreporter). Die Firma bemüht sich außerdem um einen Markteinstieg in China und Indien. Seit 2016 stehen TOMRA-Automaten auch in Litauen und führten, eigenen Angaben der Firma zufolge, zu einer Rückführungsquote von 91,9% (Tomra). In Litauen liegt der Pfandbetrag ebenfalls bei 10 Cent. "Wir mussten den Verbraucher/innen in Litauen nur erklären, dass sie ihre Pfandobjekte nicht in den Automat werfen sollen," meint TOMRA-Manager Thomas Morgenstern in einem Interview, "sie sollen es einfach sanft auf das Laufband legen." (delfi.lt) Und wenn nun Lettland ebenfalls das 10-Cent-Pfandsystem einführe, dann läge für TOMRA als nächster Schritt eine Harmonisierung der Rücknahmesysteme in allen drei baltischen Staaten nahe.

Gefragt nach weiteren Zukunftsaussichten, weist Morgenstern auch auf das stark zunehmende Online-Shopping hin: "In London macht der Online-Einkauf jetzt bereits 20% aus," weiß der TOMRA-Manager, "diese Leute werden wahrscheinlich nicht zum Supermarkt kommen, um die Flaschen zurückzugeben."

29. Dezember 2020

Diana mit Schuss

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Es begann am 23. Januar 2016 im kleinen kurländischen Städtchen Skrunda. An diesem Datum soll die erste Veranstaltung stattgefunden haben, die als "Damenjagd" bezeichnet werden kann. "Dāmas medī, kungi dzen", das soll damals das Motto gewesen sein (die Damen jagen, die Herren sind als Treiber eingesetzt).

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Lettlands "erste
Jägerin": Linda
Dombrovska

Das Logo des europäischen Jagdverband ("European Federation for Hunting and Conservation" FACE - the "Voice of European Hunters") scheint ja eher dafür zu stehen, dass es vor allem Jägermänner gibt - Jägerinnen eher weniger. Doch in Lettland steht ein Name für die große Ausnahme: Linda Dombrovska. Sie ist Vorsitzende von "Lady Hunt", der "Frauenabteilung" im lettischen Jagdverband ("Latvijas Mednieku asociācija" LATMA), und vertritt bei FACE gleich alle drei baltischen Jagdverbände - als einzige Frau im Club der FACE-Vizes. Dombrovska zufolge gibt es etwa 25.000 Jäger in Lettland - darunter nur sehr wenige Frauen, geschätzt etwa 1%. Doch es gibt 760 registrierte Waffenbesitzerinnen in Lettland, rechnet "Lady Hunt" vor; warum sind darunter nicht noch mehr Jägerinnen?

Dabei haben sich die Jagdlustigen unter den lettische Frauen längst einige Jagd-Argumente zurecht gelegt. Ob denn die Jagdausübung die Frauen weniger feminin mache, werden sie gefragt. (cic.wildlife) Nein, im Gegenteil, lautet natürlich die Antwort. Wenn Frauen dabei sind, seien der Wald und die Jagd noch schöner, so sähen es auch die Männer. Außerdem wird Jägerfrauen auch noch eine andere Rolle zugedacht: für die Verbesserung des Images der Jagd in der Öffentlichkeit. 

So tritt denn Linda Dombrovska auch schon mal in lettischen Kochshows im Fernsehen auf - und liefert gerne die Art von Sprüchen, die sich die lettische Presse offenbar erhofft hatte: "Wenn Hirsche Sex wollen, dann sprtzen sie sich mit Duftstoffen ein." - Und es passt gut zusammen, dass Dombrovska selbst auch für die Berichterstattung über die Jagd zuständig ist: als Autorin für "Latvijas Mediji", Herausgeber der einflussreichen "Latvijas Avize", der Zeitschrift "Medības" (Die Jagd) und einiger weiterer Magazine. 

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"Lady Hunt" wurde als Abteilung des lettischen Jägerverbands LATMA am 8.April 2016 gegründet. Warum eine englischer Name? Zum Knüpfen internationaler Kontakte, wird offen zugegeben. Mal zur "Lady Hunt" nach Lettland fahren? Hoffentlich gibts da keine Missverständnisse. Inzwischen gibt es immerhin regelmäßige Treffen von Jägerinnen aus Polen, Litauen und Lettland. Ein Abstecher zu Dombrovskas Redaktionsschreibtisch scheint dabei selbstverständlicher Bestandteil des Programms zu sein. Und beim alljährigen "Jagdfestival Minhauzens" (Münchhausen) sind die Damen selbstverständlich auch dabei. 

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Ungemach naht allerdings von Seiten einiger anderer Naturfreunde - vor allem der Lettische Ornithologenverband beklagt sich darüber, dass Lärm und Störungen von Jäger*innen den Bestand seltener Tierarten wie Schwarzstorch und Seeadler bedrohen. Wenigstens in Naturreservaten solle daher die Jagd völlig untersagt sein, so meint zum Beispiel Viesturs Ķerus von der Lettischen Ornithologischen Gesellschaft (Latvijas Ornitoloģijas biedrība LOB). Einige Jagdverbände würden eine flächendeckenede Jagd in Lettland allein damit rechtfertigen, die Afrikanische Schweinepest bekämpfen zu müssen. Haralds Barviks, Vorsitzender des Jagdverbands LATMA, wird der Ausspruch zugeschrieben, auf jagdfeindliche Naturschützer gemünzt: "das sind Clowns, die nichts wissen, nichts lesen und nicht zuhören" (Ķerus

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Wenn es darum geht, bei der Fahrt zur
Jagd gesehen zu werden, dann markiert
auch der lettische Jägersmann noch
gern den "wilden Wolf" (so meint zumindest
die Werbung ... )

Die LOB-Aktiven haben solche Vorwürfe allerdings längst mit Vorschlägen zum "nachhaltigen Jagen" beantwortet (siehe auch: "Putni dabā"). Hierbei geht es um Rücksichtnahme auf seltene Vogelarten, Verzicht auf bleihaltige Munition und staatlich abgestimmte Jagdkonzepte - eigentlich sehr einfache Grundregeln. Und es gibt dafür sogar einen Partner: die Zeitschrift "Medības. Makšķerēšana. Daba" (Jagd, Angeln, Natur), sozusagen das "Konkurrenzblatt" zu den Erzeugnissen vom Redaktionsschreibtisch der Linda Dombrovska. Und als weiteren Kooperationspartner der Zeitschrift werden wir hier darauf aufmerksam gemacht, dass es in Lettland tatsächlich noch eine weitere große "Jägervereinigung" gibt: "Latvijas Mednieku savienība" (LMS), der lettische Jägerverband. 9.000 Mitglieder gäbe es hier, informiert die entsprechende Webseite. 

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Doch lieber zurück zum traditionellen
"Jägerwitz"?
(Quelle: LVM)

Warum gibt es nun offenbar "solche und solche"? "Gegenwärtig arbeiten wir parallel", gibt LATMA-Chef Barvik zu, "und das ist auch eine gute Lösung" (LA-Video). Dabei schätzt er die Mitgliederzahl bei LATMA auf 3.500 ein - also nicht einmal die Hälfte der konkurrierenden LMS. Dabei waren doch bei der Gründung 2011 in Sigulda viele LMS-Abteilungen mal dafür angetreten, "alle Jäger zu vereinigen" (Latforin)

Das lettische Landwirtschaftministerium arbeitete derweil vor einigen Monaten noch an Plänen, die Gebühren für aktive Jäger*innen erheblich zu erhöhen: von gegenwärtig 14 Euro für eine Jahreskarte auf 40 Euro, und pro Jagd von 1,40 Euro auf 10 Euro. "Das würde die Zahl der aktiven Jagdausübenden wohl erheblich verringern", meint Jānis Baumanis, Chef der LMS (lsm). Und, wie immer und überall, es erklingt die allgegenwärtige "Jägerklage": "zuviel Tiere zerstören den Wald". Auch in Lettland ist an dieser Stelle nicht etwa von Wölfen oder Bären die Rede, sondern von Rehen, Hirschen und Wildschweinen. Nächstes Argument: aufgrund der zunehmend milderen Winter würden zu viele Tiere überleben, und demzufolge Unfälle im Straßenverkehr verursachen. 

Und was gibt's Neues beim Jagerverband zum Jahresbeginn? Pandemien oder Masken, wen kümmert das: am 1. Januar beginnt die Luchsjagd!  80 Tiere dürfen bis Ende März 2021 geschossen werden (latma) - na, dann: auf zum fröhlichen Blattschuss!

8. Mai 2020

Home-watching

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Was macht Lettlands Ex-Präsidentin Vaira Vīke-Freiberga in Zeiten der "pašizolācija"? Sie meditiert, verriet sie lettischen Medien. - Ähnliche Momente könnte auch die Tätigkeit beinhalten, die schon seit 2012 von Naturfreund*innen und professionellen Biologen in Lettland organisiert wird, genauer gesagt von den Ornitholog*innen. "Putnu vērošana" (Vogelbeobachtung) ist bequem von zu Hause aus möglich, und ja, es läuft 24 Stunden am Tag, pausenlos (sofern es keine technischen Probleme gibt).

Bevor jemand fragt: ja, für die gefiederten Zeitgenoss*innen, jedenfalls für diese ausgesuchten Nester, ist der Datenschutz aufgehoben. Tag für Tag können Interessierte Menschen den Vogelmamas und Vogalpapas beim Eier bebrüten zusehen - und, worauf natürlich die meisten warten: beim Füttern und der Aufzucht der Küken. Auch wenn es da gelegentlichen "Shitstorm" gibt, jedenfalls dann, wenn parallel Chatrooms angeboten werden. Nein, es ist nicht jedermanns Sache, wenn lebende Fische, Küken aus anderen Nestern, kleine Häschen oder ähnliches live verfüttert werden. Und bei einigen Vogelarten, wie etwa beim Schreiadler, ist es üblich das nur das größere Küken überlebt - und zwar deshalb, weil seine Mama das Kleinere nicht füttert, und schließlich meist sogar höchstpersönlich aus dem Nest wirft. Da wird schon mal gefragt: "Warum hackt das größere Küken das kleinere grundlos?". Und wenn mal einen ganzen Tag von den Vogeleltern kein Futter rangeschafft wird verlangen doch tatsächlich einige, es solle jemand schleunigst zum Nest fahren und helfen.

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Sieben Prinzipien haben die lettischen Ornithologen auf ihrer Webseite veröffentlicht, darunter auch den Grundsatz, dass alle Vogelarten gleich viel wert sind. "Aber Milda und Raimis, die beiden Vogeleltern aus dem Nest bei Durbe, wurden schon im vergangenen Jahr zu so etwas wie unsere erfolgreichsten 'Influencer' ", bekennt Jānis Ķuze (Diena). Auch international wissen inzwischen sehr viele, die dauerhaft oder kurzzeitig dem Vogelgeschehen in Lettland zuschauen, wie "Durbertvilla" aussieht.

Neun verschiedene Beobachtungskameras bietet allein schon die Seite "Dabasdati.lv" an, das geht vom Seeadlerpärchen über Uhu, Schwarzstorch, Schreiadler, Fischadler bis hin zum Schwarzmilan. Allerdings muss dabei in Kauf genommen werden, dass manche Brutplätze eben nicht in jedem Jahr erfolgreich genutzt werden: so ist jetzt schon im zweiten Jahr Papa Uhu allein im Nest und ruft klagend nach einer Freundin, ohne dass ihn jemand erhört. Folgen zu starken Holzeinschlags im Wald? Werden Vogelbruten durch Kahlschlag im Wald verhindert, oder sogar zerstört? Fragen, die Vogelfreund*innen umtreiben.

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Wer wollte, konnte sich auch zu Home-Office-Zeiten
an erfolgreich überstandenen Schwierigkeiten der
Vogelbrut in Lettland "erwärmen" (Aufnahme vom
30.März 2020)
Manchen scheint es auch verwunderlich, dass gerade Lettland sich die relativ teure Ausstattung von Brutnestern mit Beobachtungstechnik leisten kann. Dem kann entgegen gehalten werden, dass es immer wieder erfolgreiche Spendenaufrufe gab, und sogar inzwischen "Fanshops" T-Shirts und andere Accessoires verkaufen - und das Publikum ist ja alles andere als auf Lettland beschränkt.

Jānis Ķuze, einer der verantwortlichen Organisatoren der "Online-Vogelschau", hofft auf einen Kompromiss zwischen Wirtschafts- und Naturschutz-Interessen in Lettland. "Wir sind dabei, die schon im Westen gemachten Fehler zu wiederholen", stellt er bedauernd fest. "Seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit ist die Waldbewirtschaftung weitgehend industrialisiert worden. Es wird verlangt, dass die Wälder leichter zugänglich werden, überall werden Wege angelegt. Daher nehmen die Störungen des Tierlebens massiv zu, zum Beispiel für den Schwarzstorch." (Diena)

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Es ist klar, dass die Erlöse für verkauftes Holz in Lettland um ein vielfaches höher liegen, als Ausgleichszahlungen für den Nestschutz seltener Vogelarten. Aber vielleicht hilft die internationale Aufmerksamkeit auch dabei, das Bewußtsein für die immer noch reichhaltige Artenvielfalt der lettische Natur wach zu halten. Der Schreiadler mag als Beispiel dienen: in Lettland leben und brüten allein die Hälfte aller Schreiadlerpärchen Europas und ein Fünftel der Weltpopulation. Dennoch mussten die lettischen Ornithologen in den vergangenen 20 Jahren einen Rückgang um 15% verzeichnen.

Lettische "Nist-watch"-Möglichkeiten:

Seeadler / Schreiadler / Schwarzstorch / Uhu / Schwarzmilan / Fischadler / Habicht

Naturwebcams Estland

20. Mai 2019

Kein Weg zurück

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Lettland findet keine Weg aus dem Müll - so scheint es. Auch 15 Jahre nach dem Beitritt zur Europäischen Union hat Lettland immer noch kein Rücknahme-System für Plastik-flaschen. Egal wie eifrig auch "Cūkmens" (Blog1  / Blog2) umherzog, mahnte und bat - die zuständigen Politiker/innen erhörten es nicht. Ob es daran lag, dass die Posten der Umweltminister in letzter Zeit meist eher nach Parteiproporz als nach dem Grad des Engagements für die Umwelt vergeben wurden?

Die Einführung von Rücknahmesystemen in Estland und Litauen haben sowohl die Häufigkeit illegaler Müllentsorgung (im Wald, am Straßenrand etc.) verringert, wie auch die Recyclingquote erheblich erhöht - das geben zumindest die lettischen Umweltaktivisten zu. Gegenwärtig landen vielfach Glas-, Plastik- und Aluminium-Verpackungen irgendwo in der Natur. Zwar rühmen sich die Lett/innen regelmäßig der im Frühjahr mit großer Beteiligung durchgeführten Aufräumaktionen (lett. = "talkas") - aber das hier teilweise 80% des aufgefundenen Mülls aus PET-Flaschen besteht, ist Anlaß zur Frustration. Bereits über 12.000 Unterzeichner/innen konnte eine auf dem Portal "manabalss" ("Meine Stimme") gestartete Petition für die Einführung eines Rücknahmesystems sammeln - nun befasst sich inzwischen auch das Parlament damit. Aber weiterhin sind von der Poltik nur pauschale Ausflüchte zu hören: ineffetiv und zu teuer seien solche Rücknahmesysteme (also wird alles weiterhin "effektiv" in der Natur hinterlassen). Schließlich seien ja bereits Container zur Abfalltrennung vorhanden - wenn sie nur besser genutzt würden.
Noch vor einem Jahr sprach sich der damalige Landwirtschaftsminister Janis Dūklavs strikt gegen die Einführung eines Rücknahmesystems aus - er wurde dafür scharf kritisiert und eines Interessenkonfliktes verdächtigt, da er ja gleichzeitig Miteigentümer der "Piebalga"-Brauerei sei (lsm).

Gegner sind angeblich vor allem die Händler - während die Plastik-Produzenten sich teilweise dafür aussprechen, allerdings auch eine finanzielle Unterstützung durch die EU verlangen (bnn). Angeblich seien landesweit 3000 Anlagen zur Rücknahme von Flaschen nötig - und Investititionen von 78 Millionen Euro (Baltic Times), so behauptet es die Industrie. Um Wettbewerbsnachteile zu vermeiden, könne es nicht sein die Rücknahmesysteme nur in einigen ausgewählten Läden stehen zu haben.

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Und dann bleibt ja auch die Frage: was geschieht mit den wieder eingesammelten Flaschen? Wenn damit nur eine Verbrennungsanlage befeuert würde, würde Lettland die in der EU angestrebten Recyclingquoten weit verfehlen, so mahnen die Umweltschützer/innen der "Zaļā brīvība” ("Grüne Freiheit") in einem offenen Brief an die lettischen Umweltbehörden. 2016 konnten nur 25,2% des Hausmülls in Lettland einem Recycling zugeführt werden (Litauen 48,0%, Deutschland 67,1%), und Lettland sei der einzige EU-Mitgliedsstaat, der sogar verlange die EU solle Müllverbrennung mitfinanzieren. Bisher sei das System der lettischen Müllverwertung nur "ein Geschäft, das seine Mission vergessen hat und dem es nur um Gewinnmaximierung geht" (Zaļa brīļvība).

89% der Einwohner Lettlands sprechen sich für die Einführung eines Rücknahmesystems aus, so eine Umfrage der Agentur SKDS. Unter dem Eindruck schärferer EU-Gesetze gegen Einwegplastik diskutierte das lettische Parlament am 28. Oktober 2018 in erster Lesung einen Gesetzentwurf, dem zufolge ab 2020 ein Rücknahmesystem kommen soll; per Preisaufschlag soll das System finanziert werden. Gleichzeitig werden kostenlose Plastiktüten aus den Supermärkten verbannt.

Aus Estland gab es auch schon mal den Vorschlag, ein gemeinsames Rücknahme- und Verwertungssystem mit Lettland aufbauen zu wollen - schließlich seien eine Vielzahl der Flaschen in beiden Ländern in Gebrauch (und verursachten auch Probleme). Diese Gespräche fanden allerdings noch vor den Wahlen in Estland statt - heute sind es sogar in beiden Ländern andere Verantwortliche (baltic-course).

Immerhin gibt es in Lettland schon 3000 Abgabestellen für Altbatterien (siehe: "Zaļais punkts"). Schon seit 2003 gibt es "Pet Baltija", eine Firma die das Polyethylenterephthalat der gebrauchten Plastikflaschen zu Flocken verarbeitet. Interessant ist vielleicht, dass lettische Hersteller solcher Plastikflocken wie "NordicPlast" bereits heute auch auf ("Rohstoff"-)lieferungen aus Litauen und Estland zurückgreifen. Umgekehrt wird per Container in Lettland eingesammeltes gebrauchtes Glas heute in Litauen und der Ukraine weiterverarbeitet (recycleriga). Und wer global denken gelernt hat, wird schnell feststellen dass ein großer Anteil des bisher für eine Wiederverwertung vorgesehenen Plastiks einfach nach China exportiert wurde - dies wurde dort nun gestoppt (angeblich aus Vorsorge für die Umwelt). Leicht auszumalen, welche neuen Wege nun gesucht werden: die scheinbar leichteste Lösung - "nur schnell weg damit!" - also Verbrennung? Aber auch Recycling kann nur dann sinnvoll sein, wenn Abfallvermeidung die Strategien ergänzt. Diese Diskussion wird auch in Lettland weiter anhalten - auch nach der Einführung von Rücknameautomaten.