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27. Oktober 2024

Unheilig

Es gibt Wallfahrtsorte in Lettland - mindestens einen. Jedes Jahr zum Maria-Himmelfahrt-Tag im August versammeln sich Tausende Pilger in Aglona, rund 45 km nordöstlich von Daugavpils gelegen.

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In der 1780 fertiggestellten Kirche des 1700-Einwohner-Ortes Aglona befindet sich das Heiligenbild  „Die Gottesmutter Wundertäterin von Aglona”, das nur zu den feierlichen Anlässen während der religiösen Feste hervorgeholt wird und dem Gläubige heilende Kräfte zusprechen. Aglona gilt als "Herz des Katholizismus in Lettland" (Latgale-Travel), Noch zu Sowjetzeiten wurde 1986 hier der 800. aJahrestag des Christentums in Lettland gefeiert.
Kurz vor dem Besuch von Papst Johannes Paul II. in Lettland wurde 1993 der gesamte Vorplatz der Kirche planiert und gepflastert, Bäume abgeholzt und eine als "heilig" geltende Quelle nebenan ganz in Beton eingefasst, auf dass alles für die Massennutzung vorbereitet sei. Der Papst verlieh der Kirche den Titel einer "kleinen Basilika", und 2018 besuchte auch Papst Franziskus den Ort. Und für Gruppen bis zu 53 Personen hält die örtliche katholische Gemeinde jederzeit Übernachtungsmöglichkeiten und Catering bereit. 

Aglona, ein Sehnsuchtsort? 

Zwar ist die Einwohnerzahl der 1995 gegründeten katholischen Diözese Rēzekne-Aglona stark rückläufig (im Jahr 1999 noch 400.000 Menschen, 2022 nur noch 276.000), aber mit 28,7% ist der Anteil der Katholiken konstant und einer der höchsten in Lettland. Die Anzahl der katholischen Priester ist im selben Zeitraum dort sogar von 53 auf 60 gestiegen. Aber die Kirche in Aglona macht inzwischen auch ganz andere Schlagzeilen.

Pāvils Zeiļa, geboren 1945, als Priester ordiniert 1977, ist seit 2005 sogar Ehrenbürger der Stadt Rēzekne. Anfang 2019 wurde Zeiļa jedoch von seinen Aufgaben als Priester der Gemeinden "Unsere lieben Frauen" in Rēzekne, der Mariengemeinde in Dugstigala und der Simon-und-Juda-Gemeinde in Prezma entbunden - aus gesundheitlichen Gründen, wie es hieß.  

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Kurz darauf, am 7. März 2019, erhob die lettische Staatsanwaltschaft Anklage in einem Strafverfahren wegen sexueller Gewalt und Menschenhandel - mit Priester Zeiļa als einem der Verdächtigen. Die ersten Presseberichte waren schon 2018 aufgetaucht: ein Mann in "hilflosem Zustand" sei sexuell missbraucht worden, insgesamt gäbe es drei Verdächtige, darunter der Priester. Auch von "Menschenhandel" war die Rede. Zeiļa verbrachte einige Zeit in Untersuchungshaft, wurde jedoch später gegen eine Kaution von 5.000 Euro freigelassen. Mehr als fünf Jahre später, am 27. September 2024, erging endlich ein Urteil: Zeiļa wurde  zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren und zehn Monaten verurteilt. 

Knast für den Sittenwächter

Hat das Strafverfahren Aufklärung gebracht, was da genau passiert ist?  Anfangs hatten noch Priesterkollegen, so wie Dainis Kašs, Zeiļa in Schutz nehmen wollen. "Gemeindemitglieder rufen mich weinend an und sagen, das ist nicht wahr!" Zeiļa können nicht einmal mit einem Computer umgehen, so Kašs, und habe zu Hause lediglich einen Fernseher. "Ich kenne ihn schon 30 Jahre, und halte ihn für absolut vertrauenswürdig", so Kašs (lsm). Katholische Gläubige schrieben 2018 sogar einen offenen Brief an den damaligen Ministerpräsidenten Kučinskis und seinen Innenminister Kozlovskis in dem sie die Verhaftung des Pfarrers als "Provokation gegenüber Latgale" bezeichneten - Ziel sei es, "ganz Latgale kurz vor dem Pabstbesuch zu erniedrigen" (LA / Jauns) Papst Franziskus wurde Ende September 2018 zu einem Kurzbesuch in Lettland erwartet (vatikannews). Valdis Tēraudkalns, Professor der Theologie an der Universität Lettlands in Riga, sah die Sache gelassener: "Etwas derartiges war doch zu erwarten," sagte er, "warum soll es in Lettland anders sein als in anderen Ländern der Welt? Je offener wir darüber sprechen, desto besser wird es für die Kirche sein." (IR)

Ein Jahr später allerdings berichtete das lettische Fernsehen LTV, der angeklagte Priester halte weiterhin Gottesdienste und nehme auch Gläubigen die Beichte ab. (TvNet) Jānis Bulis, Bischof der Diözese Rēzekne-Aglona, zog sich damals auf die Aussage zurück, Zeiļa sei eben nicht bei der Diözese, sondern der Marianischen Kongregation angestellt (mariani.lv). Kurz darauf bestätigte Bulis aber, Zeiļa sei inzwischen "in Rente" gegangen, also nicht mehr aktiv (delfi).

Im August 2021 erschien in der Zeitschrift "IR" ein Interview mit Pāvils Zeiļa. Ein Kloster in Italien habe die Kaution für seine zwischenzeitliche Freilassung bezahlt, gab er an (IR); die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen bezeichnete er als "Fantasien". 

In Angesicht des Eisbergs

Nun also sechs Jahre und zehn Monate Gefängnis - und noch vier Jahre und sechs Monate "Bewährung unter Aufsicht" oben drauf. Der 79-jährige Pāvils Zeiļa wurde der sexuellen Gewalt (einer Gruppe von Personen) gegen einen geistig behinderten Mann für schuldig befunden. Ein weiterer Angeklagter erhielt neun Jahre und zehn Monate Gefängnis und fünf Jahre Bewährungsaufsicht. Ihm wird sexuelle Gewalt gegen ein weiteres, damals minderjähriges Opfer vorgeworfen. Ein dritter Angeklagter ist inzwischen verstorben. 

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Von Seiten der katholischen Kirche Lettlands gibt es nur spärliche Kommentare. „Bis zu einem endgültigen Urteil des Gerichts verzichtet die Kirche auf weitere Kommentare“, heißt es immer noch. Auch Priesterkollege Dainis Kašs, ebenso wie Zeiļa ein Marianer, gibt keine weiteren Interviews. Zwei bisher nicht benannte Personen kommen ins Spiel: Ieva Leimane-Veldmeijere leitet eine Organisation, die der betroffene behinderte Mann um Hilfe bat. Und dem Anwalt Uldis Lapiņš werden mehrere Versuche vorgeworfen, den Mann von einer Aussage vor Gericht abzuhalten. Leimane-Veldmeijere erklärt den Grund für die Einwilligung, ihren Namen jetzt öffentlich zu nennen, so: "Ich möchte allen Verschwärungsgerüchten und -theorien entgegentreten, die bezüglich dieses Falles im Umlauf sind." Eigene Beschuldigungen habe ihre Organnisation keine erhoben: "Das ist alles Ergebnis polizeilicher Ermittlungsarbeit." Oft wüssten eben Betroffene nicht, wohin sie sich wenden sollten, und da viele Fälle gar nicht zur Anzeige gelangen, sei der Fall des Priesters Zeiļa "nur der sichtbare Teil des Eisbergs". (IR)

Priester Zeiļa wurden Fälle sexueller Gewalt vorgeworfen, beide Male traf er das Opfer im Pfarrbüro in Rēzekne. Er ist aber nicht der einzige und nicht der erste Geistliche in Lettland, dem sexuelle Gewalt vorgeworfen wird. 2023 wurde ein anderer katholischer Priester wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs eines Kindes verhaftet, und ein Geistlicher einer baptistischen Gemeinde wurde wegen Gewalt gegen fünf Mädchen (das jüngste Opfer sieben Jahre alt) zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. (IR)

Ein anderer Fall war 2010 der Fall eines katholischen Pfarrers, der erst zur evangelischen Kirche übertrat und dann im Verdacht des sexuellen Missbrauchs von minderjährigen Waisenhausschülern stand. Die damaligen Untersuchungen endeten 2015 nach dem Tod des Beschuldigten. 

Von kirchlicher Seite wurde angekündigt, dass nunmehr alle Personen in Diensten der Kirche, die mit Kindern umgehen, zur Teilnahme an Seminaren zum Thema Kinderschutz verpflichtet werden sollen. "Fahren sie nicht allein mit einem Kind im Auto oder halten sich in geschlossenen Räumen ohne die Anwesenheit von Erziehungsberechtigten auf", heißt es da, "schützen Sie sich selbst und setzen Sie sich nicht unnötigen Verdächtigungen aus." (IR)

20. Februar 2024

Leerstellen

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Lehrkräfte - woher nehmen?

In Lettland werden zum nächsten Schuljahrsbeginn 200 Lehrerinnen und Lehrer fehlen - zumeist für die Schülfächer Mathematik und Lettisch.

Das durchschnittliche Gehalt für Lehrerinnen und Lehrer in Lettland liegt bei 1500 Euro (brutto), es ist damit eines der niedrigsten in Europa (ähnlich wenig gibt es in Bulgarien, Griechenland, Ungarn, oder Rumänien). In den Bezirken rund um Riga - Bremerinnen und Bremer würden vielleicht "Speckgürtel" dazu sagen - liegt die Entlohnung noch um 200-300 Euro höher. Im Nachbarland Estland streikten im Januar die Lehrerinnen und Lehrer, weil sie auch 2000 Euro (brutto) für zu wenig einschätzten. Im "Pisa-Vorzeigeland" Estland sei ein hoher Prozentsatz der Lehrkräfte (25%) Mitglied einer Gewerkschaft, so berichtete der "Deutschlandfunk".

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Eine landesweite Übersicht aller offenen Stellen
an lettischen Schulen bietet die "skolu vakanču karte"

Lehrer streiken, kleine Schulen schließen

Wie sieht die Stimmung unter Lettlands Pädagog/innen aus? Das zuständige Ministerium in Lettland hat ein neues Gehaltsmodell entwickelt, dass zu Beginn des neuen Schuljahres im September 2024 eingeführt werden soll. Dann sollen die Gehälter nicht einfach dort am höchsten sein, in welcher Gemeinde es die meisten Schülerinnen und Schüler gibt - stattdessen wird geschätzt, wie viele Lehrkräfte für die Umsetzung eines bestimmten Lehrplans benötigt werden. Mehrere Kommunen, die das neue System getestet haben, kommen zu dem Schluss: Ja, die Gehälter werden höher sein. Allerdings: auch die Zusammenlegung kleinerer Schulen ist vorgesehen.

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Damit soll einer durchaus spürbaren Tendenz entgegengewirkt werden, dass viele den Lehrerberuf verlassen. Mit dem Programm "Mācītspēks" wurde ein berufsbegleitender Pädagogikkurs geschaffen, der Fachkräfte aus verschiedenen Bereichen dabei unterstützten will, Lehrer für allgemeinbildende Fächer zu werden. Es war auch schon versucht worden, Studierende der Pädagogik an Schulen einzusetzen - aber viele gaben der hohen Arbeitsbelastung wegen wieder auf.

Etwa 150 kleine Schulen sind in den vergangenen 10 Jahren in Lettland geschlossen (bzw. mit anderen zusammengelegt) worden; aber noch immer schätzen Experten, dass eine weitere Optimierung des Schulsystems 80-120 Millionen Euro einbringen könnte, Geld, das dann zur Erhöhung der Lehrergehälter ausgegeben werden könnte. Andererseits ist auch klar, dass die Schließung kleiner Schulen den Mangel an Lehrkräften nicht beheben wird. (IR)

Lernen wie im Lichtpalast!

"Wir stecken in einem tiefen Loch", sagt Ieva Margarita Ozola, Leiterin der 13. Mittelschule in Riga. Noch lange nach Beginn des Schuljahrs musste nach zwei Lehrkräften für Lettisch gesucht werden, und das Fach Ingenieurswissenschaften muss immer noch ausfallen. (IR) "Schüler und Lehrer sind stolz auf ihre Schule – sie ist wirklich unser Lichtpalast!" so ist es in der Eigenwerbung dieser Schule zu lesen ("Lichtschloss, lett. "Gaismas pils", entsprechend dem legendären Chorlied von Jāzeps Vītols). 

Vielleicht mögen ja die Schülerinnen und Schüler ihre Schulen, wo sie gerade unterrichtet werden. Noch aus Sowjetzeiten stammt die Sitte, die Klassenlehrerin oder den Klassenlehrer am letzten und am ersten Schultag mit Blumen und Geschenken zu überhäufen - wohl wissend, dass damals von ihm oder ihr mehr abhängig war als die Schulbehörde organisieren konnte. Heutzutage wird in Lettland der "Skolotāju diena" (Weltlehrertag) brav an einem Sonntag begangen (erster Sonntag im Oktober); allerdings wird in den Schulen oft schon am Freitag davor etwas organisiert. "Ein wirklich talentierter Lehrer ist oft die erste Inspirationsquelle, ein Vorbild und ein Held, dem jeder Erstklässler nacheifern möchte", so sagte es Präsident Edgars Rinkēvičs aus diesem Anlaß 2023 (lvportal).
Die lettische Bildungsministin Anda Čakša zitierte lieber Winston Churchill, der gesagt haben soll: "Lehrer haben die Art von Macht, von der Premierminister nur träumen können“ (LIZDA)

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Beim Kampagnenportal "Manabalss" ("Meine Stimme") sind zur Zeit viele Aufrufe zu finden rund um das Thema Schule: gleich zwei für den Erhalt kleiner Landschulen (einmal generell, einmal speziell der Mittelschulen), gegen die Umstrukturierung verschiedener Schulen in Jūrmala, Valdemārpils, Mērsrags und Jaunpils, oder auch für ein Verbot von Smartphones an Schulen.Die Gewerkschaft LIZDA (Latvijas Izglītības un zinātnes darbinieku arodbiedrība) betreibt zur Zeit eine Kampagne, welche einen gesetzlich festgelegten Rücktritt einer Regierung für den Fall der Nichteinhaltung von gegenüber der Gewerkschaft gemachten Versprechungen fordert.

Agenda 2030

Viel diskutiert wurde über neu festgesetzte "Qualitätskriterien" für die Lerninhalte an Schulen, genannt "Skola2030".  Es gibt Richtlinien für die Vorschulerziehung wie auch für die Grundschule. Für Lehrer/innen der Grundschule werden Materialien bereit gestellt und Online-Kurse angeboten - vielfach einfach auf Youtube (siehe Beispiel). Hingewiesen wird auch auf die Notwendigkeit eines Rollenwechsels: die Art und Weise, wie Lehrkräfte den Lernprozess anleiten, habe sich geändert. Kinder seien "Forscher und Macher", und Lehrerinnen und Lehrer sollen das Umfeld dazu schaffen, so heißt einer der Leitsätze in den Lehrmaterialien. Und Kinder dürften auch Fehler machen, wird betont - auch daraus entstehe ein Lernprozess. 

Lettische Schulen im Veränderungsprozess. Ob nun Pädagoginnen und Pädagogen eher Umfeldbereiter für selbständiges Kinderlernen sind, oder doch Machtinhaber, auf die selbst Staatschefs neidisch sind - das muss wohl im Trubel der lettischen Schulreformen geklärt werden müssen. Dass Lehrerinnen und Lehrer in Lettland verhältnismäßig schlecht bezahlt werden, daran scheint auf absehbare Zeit wenig zu ändern zu sein.


 

27. Mai 2022

Der Lette ... lebt allein. Aber mit Kind.

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Abb.: Latvijas Universitātes Filozofijas un socioloģijas institūts
Ja, und die Lettin wahrscheinlich sowieso - wenn wir den neuesten amtlichen Statistiken glauben. Wie das neueste statistische Jahrbuch feststellt, gab es im Jahr 2021 amtlich gezählte 503.100 Familien in Lettland. 

Etwas seltsam, wie diese Familien dann statistisch sortiert werden. Erstens: 22.4% der Paare haben keine Kinder (weiteres dazu, auf welcher Grundlage diese Menschen zusammenleben, ist hier nicht zu finden). Aber erstaunliche 45,7% aller Familien bestehen aus Alleinerziehenden mit Kindern! Glauben wir diesen Zahlen, leben in nur 26,7% der lettischen Familien Kinder, die mit beiden Elternteilen zusammenleben. 

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Es gibt auch Versuche, diese Zahlen wissenschaftliche auszuwerten. So ist es zum Beispiel Ģirts Brūders, der feststellt, in Lettland habe sich seit 2011 besonders die Zahl alleinerziehender Mütter stark erhöht (telos.lv). Der Wissenschaftler führt das unter anderem darauf zurück, dass Lettland mit 3,1 auf 1000 Einwohner/innen die höchste Scheidungsrate in ganz Europa aufweise. Das würde zusammenkommen mit der Tatsache, dass zudem 40% aller neugeborenen Kinder außerhalb von Ehen geboren werden (Zahl von 2019). 

Eine weitere These ist hier vielleicht für manche überraschend: auch die hohe Arbeitsmigration innerhalb Europas sei mitverantwortlich für die Situation, meint Brūders. Mehr als ein Viertel aller auf der Suche nach Arbeit ausgewanderten Männer seien zwischen 25 - 44 Jahre alt, und davon wiederum ein Drittel verheiratet. Wen es wundert, dass dies rechnerisch ja nur 8% der Gesamtzahl der ausgewanderten Männer ausmacht - hier wird ein Detail der statistischen Berechnung in Lettland offenbart: Familien, in denen ein Elternteil nicht dauerhaft in Lettland lebt, werden statistisch als Alleinerziehende gezählt. Darüber hinaus gibt es nur in 3-4% aller Familien alleinerziehe Väter.

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Eine generelle Ablehnung der Ehe möchte Brūders jedoch nicht feststellen - dazu habe Lettland eben gleichzeitig auch eine hohe Zahl der Eheschließungen, und bei Umfragen hätten nur 24% der Befragten zwischen 18 und 64 Jahren die Ehe als "veraltete Institution" bezeichnet (und sogar unter denen, die ohne Trauschein zusammenleben, hätten sich 59% dennoch pro Ehe ausgesprochen).

Also: viel Heirat, viel Scheidung, viel Alleinleben in Lettland? Seit 2011 ist es möglich, eine Ehe auch einfach bei einem vereidigten Notar (oder Notarin) zu schließen oder zu scheiden (tm.gov.lv); die Gebühr für das Austellen einer Heiratsurkunde beträgt gegenwärtig offenbar 14 Euro (tm.gov.lv). Im Jahr 2020 entschieden sich mehr als 3000 Paare für eine Scheidung bei einem Notar (tm.gov.lv), insgesamt wurden, den Statistiken zufolge, 5200 Ehen geschieden. Die benötigten Notare lassen sich auch per eigenem Suchportal einfach finden und sind auch per Internet konsultierbar.

1. November 2021

Warten auf 25

"Die pandemischen Zeiten haben die Leute wieder zum Lesen gebracht," so berichten Repräsentantinnen Lettlands von der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Gleichzeitig berichten die Buchverleger/innen von steigenden Umsätzen, nachdem aufgrund geschlossener Buchläden die Nachfrage zunächst auf ein niedriges Niveau gesunken war. 

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Lettische Imagewerbung
für Buchliebhaber/innen:
schüchtern, männlich,
lebensfremd?

Lettland bemüht sich Gastland auf der Frankfurter Buchmesse des Jahres 2025 zu werden - einige lettische Pressestimmen vermeldeten schon Wochen vor dem diesjährigen Messebeginn einen positiven Bescheid der Frankfurter Messeleitung (tvnet). - "Es war uns wichtig, auch in diesem Jahr zu zeigen, dass wir da sind", betont auch Juta Pīrāga von "Latvian Literature” gegenüber der lettischen Presse (lsm). Dabei wird deutlich, dass offenbar viele der Gesprächspartner/innen in Frankfurt zunächst einmal ihr "Beileid wegen der Situation in Lettland" ausgedrückt hätten - schließlich ist inzwischen auch überall in der deutschen Presse von der niedrigen Impfrate und massenhaften Covid-Erkrankungen zu lesen. Das angebliche Lob für das schöne Design des lettischen Messestandes wirkt da doch etwas alibihaft - schon jahrelang grinst hier den Besucher/innen ein offenbar unter Verklemmungen leidender männlicher Typ entgegen ("The Introvert"), ganz nach dem Motto: unsere Sprüche wirken wie Selbsterkenntnis, aber der Typ ist am Ende doch unsympathisch. Für 2025 werden - hoffentlich - kreative lettische Designer/innen noch einmal einen guten Auftrag bekommen ...

Im Aufwind sei auch die Kinder- und Jugendliteratur, erzählt Alīse Nīgale, Chefin des Verlags "Liels un mazs". Hier kommt Lettland gegenwärtig der Überraschungserfolg von Anete Meleces "Kiosk" zu Gute - eine Künstlerin die inzwischen in der Schweiz lebt. Das Buch sei inzwischen bereits in 20 Sprachen übersetzt, heißt es - darunter Koreanisch, Katalanisch, Italienisch, Slowenisch, Kroatisch und Japanisch. International ebenfalls beim Rechteverkauf ziemlich erfolgreich sei der Roman "Mātes piens" von Nora Ikstena (deutsch "Muttermilch"), der es auf Übersetzungen in zwölf Sprachen gebracht habe, und auch "Jelgava 94" von Jānis Joņevs mit zehn Übersetzungen (Erscheinen in Deutsch steht noch bevor), so berichtet Juta Pīrāga (domuzīme). Und es gibt auch Misserfolge: beim Versuch, eine Übersetzung von Anšlavs Ēglītis "Homo novus" ins Englische zu veranlassen mussten die lettischen Literaturagent/innen feststellen dass die Rechte für alles Englischsprachige in diesem Fall schon einer Vereinigung in den USA gehörten - die sich einer Zusammenarbeit verweigerte.

Vorläufig ist aber von einem "Run" auf Übersetzungen lettischer Literatur ins Deutsche noch sehr wenig zu sehen - eher das Gegenteil. Die aktuellen beiden lettischen Ausschreibungen (2021-2 / 2021/1) für finanzielle Unterstützung für Verlage und Übersetzer/innen förderten insgesamt 76 Projekte. Nur vier (!) davon bezogen sich auf Übersetzungen ins Deutsche - darunter zwei Kinder- bzw. Jugendbücher, eine Lyrik-Übersetzung aus dem Russischen, und nur ein einziger Roman. Dominierend sind dagegen momentan die Nachbarländer: 32 der 76 Projekte (42,1%) beziehen sich auf Übersetzungen ins Estnische, Finnische und Litauische.

Aber vielleicht ist die deutsche Sprache im Frankfurter Messezirkus gar nicht so entscheidend, und schon gar nicht Voraussetzung? Die lettischen Delegierten brachten dieses Jahr auch noch den Ratschlag mit, nicht nur eine gedruckte, sondern auch eine digitale Präsentation vorzubereiten. Vorbereitung für den nächsten Krisenfall? Wer weiß - bis 2025 kann noch viel passieren. 

Analysen der Position Lettlands im internationalen Buchmarkt erwähnen auch gute Aufträge für die Produktion von Büchern, besonders den Druck. Bücher internationaler Autor/innen, gedruckt in Lettland - keine Seltenheit. Als direkte Folge des Lettland-Schwerpunktes auf der Buchmesse London 2018 wurden angeblich im Laufe der drei Folgejahre die Rechte von 248 Werken lettischer Autorinnen und Autoren ins Ausland verkauft, dazu noch eine Steigerung von "Druckserviceleistungen" in Richtung Großbritannien von 350% (tvnet). So mache allein der Buchdruck inzwischen bei den Druckereien in Lettland 80% der Gesamtproduktion aus.

7. Oktober 2021

Frauen an der Wand

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Stellen Sie sich mal vor, Sie machen einen Spaziergang durch Riga. Nein, diesmal nicht durch die Altstadt, sondern zum Beispiel durch die Akas iela in der nördlichen Innenstadt, die keinerlei auffällige Sehenswürdigkeiten bietet und Rigas Gäste daher wohl eher zufällig durchqueren werden. An einer Hauswand ein Wandbild. "Oh," werden Sie vielleicht denken, "wie schön, auch in Riga gibt es immer mehr Platz für die Kunst, und nicht nur staubige Straßen und graue Hauswände." Und falls Sie dann noch Lettisch verstehen, werden sie rechts unten, zusätzlich zur Signatur des Künstlers, von der Stiftung "Kunst braucht Platz" ("māksla vajag telpu") erfahren, und vielleicht denken: "ganz genau - mehr davon!" 

Und wenn Sie dann, inspiriert von Ihrem Besuch in Riga, wieder zu Hause sind, lesen Sie vielleicht (spätestens in diesem Moment!) davon, dass in Riga ein Wandgemälde sehr viel Kritik ausgelöst haben soll. Und Sie stellen mit Überraschung fest: was? Genau dieses?

Nun gut, wir geben zu: auch in Riga sind inzwischen viele Häuserwände mit penetranter Werbung ausgestattet, und die fallen bei jedem Spaziergang viel mehr auf. Ich käme nicht auf die Idee, mit einem Antrag an die Stadtverwaltung könnten diese teilweise dümmlichen Sprüche verboten werden. Das umstrittene Werk war immerhin eine Auftragsarbeit, und nicht das Ergebnis einer Nacht-und-Nebelaktion. 

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Das Kunstwerk trägt den Titel “Veltījums Džemmai Skulmei” (Widmung an Džemma Skulme), eine der bekanntesten lettischen Künstlerinnen und Leitfigur der lettischen Unabhängigkeitsbewegung, die vor zwei Jahren, im Alter von 94 Jahren, verstarb. Grundlage für das Wandbild des Künstlers Kristians Brekte seien Kinderzeichnungen gewesen, so wie sie auch Skulme häufig in ihren Werken verwendet habe - speziell in den beiden Bildern “Atgriešanās” un “Modelis” (lsm). Brekte ergänzt sein Kunstwerk mit einem Satz, der in Leuchtbuchstaben anmontiert ist:  “Mēs esam kā sliekas, kurām jāirdina augsne” ("wir sind wie Regenwürmer, die den Boden lockern müssen")

Die Kritiker jedoch verweisen vor allem darauf, dass die Wand des mit dem Kunstwerk bereicherten Gebäudes zu einer Mittelschule gehöre (Rigas 40.vidusskola). Fast 5.000 Unterstützer/innen unterschrieben eine Forderung, das Gemälde von der Wand wieder zu entfernen (manabalss.lv / jauns.lv / LA). Im Text dieses Aufrufs ist von "kindertraumatischen Texten mit erotischen Elemente" und "Andeutungen von Tod, Sexualität und möglicherweise Satanismus" die Rede. Im lettischen Kinderschutzgesetz sei außerdem festgelegt, dass ein Kind "keinen Zugang zu Materialien haben darf, die grausames Verhalten, Gewalt, Erotik, Pornografie fördern und die geistige Entwicklung des Kindes gefährden." 

Dem widerspricht der lettische Bürgerrechtsbeauftrage (Latvijas Republikas Tiesībsargs) Juris Jansons. Sein Urteil, auf einen Satz verkürzt zusammengefasst: "ein Kunstwerk ist nicht allein deshalb rechtswidrig, nur weil Kinder die darauf dargestellten Zusammenhänge und Assoziationen nicht gänzlich verstehen." Jansons verweist allerdings auch darauf, dass eine endgültige Entscheidung natürlich nur der Stadtrat Riga treffen könne. - Doch die Brekte-Hasser geben keine Ruhe: inzwischen liegt eine Klage gegen ein anderes Brekte-Kunstwerk vor, und wieder lautet die Anklage auf angebliche "Pornographie". (apollo.lv) Katrīna Jaunupe, Leiterin des Projekts "Māksla vajag telpu" bezeichnet diese Vorwürfe als "absurd": "Kunst hat eine ganz andere Aufgabe, sie ist keine Werbung, sie ist kein Merkblatt, das uns etwas lehrt, sie ... hat die Aufgabe, zum Nachdenken anzuregen."

Journalistin Ulrika Jefremova besuchte für das Portal "Apollo.lv" die Schule und gibt Reaktionen der Kinder wieder. Aber auch deren Antworten, ganz kindgemäss, führen nicht zur Beruhigung der Debatte. Antworten auf die Frage, was den Kindern gefalle, lauten etwa "diese Frauen". Oder "ich mag es gerade deshalb, weil es ungewöhnlich ist," zitiert Jefremova einen Schüler der 7.Klasse. 

An der Kunstakademie hatten derweil Studierende und Lehrkräfte ein Plakat zur Unterstützung ihres Kollegen angebracht - auf dem Plakat war Brektes Bild "Lietuvēns" zu sehen. Wenige Tage später fanden sich von dem Plakat nur noch verbrannte Reste (Apollo.lv / Twitter). Inzwischen wurde auch das Wandkunstwerk selbst mit Farbbeuteln verunziert (apollo.lv). Das provoziert andere wiederum zu der (rhetorischen) Frage: Was kommt al nächstes? Bücherverbrennung? "Nun ja," schreibt Journalist Aivars Ozoliņš lakonisch, "im Unterschied zur Wissenschaft, wo es im Krankenhaus enden kann wenn man Gravitation oder Elektrizität ignoriert - passiert eben gar nichts wenn man behauptet, ein bestimmtes Kunstwerk sei schlecht. (IR)

Kristians Brekte ist nicht nur anerkannter Künstler und Bühnenbildner, sondern auch Dozent an der Lettischen Akademie der Künste, inzwischen auch Leiter der Abteilung Malerei. Anlässlich ihres 90.Geburtstags hatte Džemma Skulme noch selbst gesagt: "Kunst kann nie zu viel sein" (Diena)

5. Juli 2021

Kioskgeburtstag

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Winter 1997 - Alltag im Kioskbetrieb

Am 7. Juli 1927, also vor 94 Jahren, wurde in Riga ein kleines Bauwerk eröffnet, das als Symbol des "Art Deco" galt und das immer noch das Stadtbild ziert. Architekt war Aleksandrs Birzenieks, ein echter Rigenser, der 1893 geboren wurde und 1980 in seiner Heimatstadt starb. Birnenieks war unter anderem seit 1931 auch am Bau der Bühnen für das Lettische Sängerfest beteiligt, das damals noch auf dem Platz der Esplanade stattfand. Gemeint ist in diesem Fall nur ein Kiosk - aber der Bau soll immerhin 4000 Lat gekostet haben.

Sechs Jahre nach dem Bau ging der ganz aus Holz gebaute Kiosk, der anfangs grün gestrichen gewesen sein soll, in städtischen Besitz über. Der obere Teil war schon immer für Firmenreklame vorgesehen (LA). Nun wurde inzwischen das Gebäude für 3600 Lat jährlich vermietet. 

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aus der reichhaltigen historischen
Fotosammlung von Gunārs Armans

Der Kiosk an der Ecke Krišjāņa Barona iela / Aspazijas bulvāris überlebte Krieg und Nachkriegszeit. Bis dann Mitte der 1980iger Jahre, als in Riga viele alte Holzgebäude abgerissen wurden, der Kiosk als in schlechtem technischen Zustand befindlich erklärt - und tatsächlich abgerissen wurde. 

Aber bald darauf wurde dieser Abriss als großer Fehler eingesehen - und der Kiosk erstand neu, nun mit einer Eisenkonstruktion als Grundlage. Den neuen Standort hatte der Architekt Jānis Lejnieks vorgeschlagen, Autor auch von "Das Riga das es nie gegeben hat". - Der Kiosk steht nun so, dass er den Fußgängerstrom weniger behindert - gerade diesen Umstand sieht allerdings der inzwischen pensionierte städtische Denkmalschützer Gunārs Armans als Grund für die gegenwärtigen Schwierigkeiten an. Hier einen Kiosk zu betreiben sei eben schwierig, denn hier in der Straßenmitte hasten tagtäglich die Menschen von einer Straßenseite zur anderen, um möglichst die Ampelphase bei Grün einzuhalten (delfi.lv).

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Es ist also eine kleine Sehenswürdigkeit, an der viele in Riga hastig vorbeilaufen. Bis dann eine junge lettische Studentin namens Anete Melece an der Hochschule für Design und Kunst im schweizerischen Luzern sich genau diesen Kiosk als Objekt und Thema für einen Animationsfilm aussuchte - und dieser gleich mal als "bester Schweizer Trickfilm 2014" prämiert wurde. Die Geschichte von Olga, der Kioskverkäuferin, die mitten zwischen den bunten Journalen eigene Träume entwickelt und auf überraschende Weise verwirklicht, brachte auch den Atlantis-Verlag dazu, daraus ein Kinderbuch zu machen, das 2019 in deutscher, inzwischen aber auch in englischer, lettischer und sogar französischer Fassung erschienen ist, und auch beim "Deutschlandfunk" bereits eine besondere Erwähnung fand. "Formidable!" jubelt letemps.ch, und die "New York Times" meint, das Buch erteile eine Lektion: stoppt die allzu perfekten Planungen, lasst die Dinge einfach passieren. Anete Meleces Zeichnungen werden hier sogar mit Bildern von Matisse verglichen.

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Nun hatte also die Kiosk-Geschichte bereits den gesamten Bereich verschiedener großer Sprachen der Welt erobert, plus die Youtube-Nerds. Anete Melece wurde für den Astrid-Lindgren-Memorial-Award nominiert. Aber damit nicht genug: das jüngste Auftragswerk der Deutschen Oper am Rhein heißt ebenfalls "Der Kiosk". Diana Syrse hat komponiert und Andrea Heuser schrieb das Libretto - mit dem gleichnamigen Kinderbuch als Vorbild (Youtube).

Nur den Kiosk aus Riga erkennen wir hier leider nicht wieder! Im Rahmen des Kulturinselfestivals in Düsseldorf erlebte das Stück am 26. Juni seine Premiere im Innenhof des Düsseldorfer Rathauses (siehe auch: Kulturbulletin d. Botschaft Lettlands). Hier kommt "multikultureller Einfluss" voll zum tragen: mit einer aus Mexiko stammenden Komponistin, inszeniert von einer Italienerin, ausgestattet mit Kostümen einer Deutschtürkin, und einer Produktionsleiterin aus dem karnevalistischen Aachen.

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Olga, liebe Olga, warum sieht dein
Kiosk nun wie eine große Sahnetorte
in Kitschirgistan aus?

Das Ergebnis wirkt zumindest so, als ob alle diese Beteiligten die Freiheit hatten, an die Phantasie und Vorstellungskraft von Anete Melece anzuknüpfen - aber vielleicht noch nie in Riga waren. Nun ja, das mag ja die Unterhaltungsqualität einer Kinderoper nicht beeinflussen. Ein wenig wirkt es so, als ob der Rigaer Kiosk (der dieser Tage "Geburtstag" hat, wie gesagt), nun auf einer Ebene wie viele andere Stadtführerlegenden in Riga angekommen ist. Wie etwa die Geschichte vom "Katzenhaus", wie ein lettischer Kaufmann angeblich die Tierfigur mit dem Hinterteil zum .... usw., wir meinen den Rest zu kennen - es gibt aber keine exakten Quellen. 

Wundern Sie sich also nicht, wenn bei einem Rundgang in Riga demnächst Ihr Reiseleiter sagt (so ungefähr): "Und hier rechts sehen Sie den berühmten Kiosk, in dem Olga ihre Weltreise angetreten hat, und von der noch die Kinder in Düsseldorf lernten, was eine Oper ist."

Ob wenigstens der reale Kiosk heute das Buch von Anete Melece im Angebot hat? Fragen Sie doch mal nach!  

Noch mehr "baltische Kiosk-Vielfalt" gibt hier

19. November 2020

Ein magischer Ort

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Lettland, das ist Kristaps Porziņģis! Das sagen wahrscheinlich die Basketfallsfans in den USA. Lettland, das ist Jugendstil! Das hören wir vielleicht von Bildungsreisenden aus Deutschland. Lettland, das ist Jūrmala! Auch der lettische Badeort nahe Riga hat viele Stammgäste. Die Tourismuswerbung versuchte es schon auf sehr verschiedene Weise: "Lettland, das Land das singt", "Lettland, am besten langsam genießen", oder auch "Sounds like Latvia". Was ist Lettland wirklich? Ein Mysterium? 

Ja, ganz genau! Ein Mysterium! Nun gibt es in Riga so einen Ort namens "Mystero", wo gleich zwei Dinge vereint werden sollen: Illusionstheater und Museum. Am 7. November 2020 wurde im Gebäude der Vienības gatve 30, wo lange Jahre ein Kino und zuletzt die Zeugen Jehovas zuhause waren, Eröffnung gefeiert. Ab sofort sind im Rigaer Stadtteil Torņkalns, nicht weit vom Arkadija-Park, sowohl Kindervorstellungen ("Brīnumdari" / "Wunder") mit Gästen aus Italien und Belgien zu erleben, aber auch allerlei Seltsamkeiten aus dem Bereich des Unglaublichen und Sonderbaren zu sehen (Preview).

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Zusammengestellt und konzipiert haben es Enrico and Dace Pezzoli - nicht schwer zu erraten, ein Italiener (aus Turin) und eine Lettin. Enrico war schon bisher Schauspieler und Theaterdirektor, aber auch professioneller Magier. Im Alter von 8 Jahren machte er seine erste Bühnenerfahrung, und arbeitete schon mit in Italien bekannten Künstlern wie Antonio Fava, Anna Bolens and Eugenio Allegri zusammen. Eine Zeitlang waren es Inszenierungen nach Art des Mittelalters, dann wieder Commediadell’Arte, es folgte ein Studium an der Universität Bologna. Sein "Terra di Nessuno" überlebte allerdings nicht lange, und 1997 zog er nach Lettland.
Nun kommt auch seine Frau Dace mit ins Bild, ehemals Lehrerin, und zuvor nur mit kleinen Tricks auf Parties im Bekanntenkreis aufgefallen. Kennengelernt haben sollen sich die beiden in Deutschland (Latvia.eu). Nun treten beide gemeinsam auf und schaffen zum Beispiel magische Seifenblasen - mit der “Underwater Bubble Show” (“Zemūdens burbuļu šovs”, siehe Video) tourten die beiden mehrfach durch die USA (jauns / Triblive), insgesamt durch (bisher) 79 Länder. 

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Der Start des neuen "Mystero" wurde allerdings durch die Corona-Krise erschwert, denn als Mitte März in den USA der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, waren die beiden Pezzolis gerade auf Tournee und mussten diese, mit vielen Turbulenzen, innerhalb von drei Tagen abbrechen. Der Neustart in Riga konnte nun nur mit neuen Krediten und zusätzlichen Sponsoren gelingen. (LTV)

Das Haus ist auch für Gruppenbesichtigungen offen, 2021 soll auch noch eine "Schule des Illusionismus" ihre Arbeit aufnehmen. "Wenn die Aufführung in Lettland gelingt, dann ist der Rest der Welt kein Problem!" so sagt es Dace Pezzoli, und lächelt dabei (Latvia.eu).

17. Juli 2016

Schlechtere Bildung durch Lohnerhöhung?

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Fürs neue Schuljahr, das im September beginnen wird, stellt die lettische Regierung einen völlig überarbeiteten, neuen Besoldungsplan für die Pädagoginnen und Pädagogen des Landes vor. Damit verbunden wird die Minimalbesoldung für Lehrerinnen und Lehrer von 420 auf 680 Euro steigen. Allerdings gibt es hier eine Hintertür für die Regierung, die natürlich immer noch über knappe Finanzmittel klagt: die Erhöhungen fallen, je nach dem in welcher Art Einrichtung man arbeitet, sehr unterschiedlich aus, und die vorgesehenen Strukturänderungen lassen noch viele Fragezeichen offen.

Vom 1. September an sollen die Beschäftigten in den allgemeinen Bildungseinrichtungen, Berufsschulen und Grundschulen die Erhöhung erhalten - in den Kindergärten jedoch steigt der Mindestlohn zunächst nur bis 620 Euro und soll dann erst ein Jahr später angehoben werden. Auch für Angestellte der Hochschulen und Colleges in Lettland soll der Lohn steigen, allerdings erst innerhalb von drei Jahren. Insgesamt sind es viele detaillierte Einzelbestimmungen, die - um das zukünftige System der Pädagogenlöhne wirklich zu verstehen - ein intensives Studium der vielen Einzelbestimmungen erfordern. So wird der konkrete zu erwartende Bruttolohn sowohl von der Schülerzahl pro Klasse abhängig gemacht (je mehr Schüler, desto höher der Lohn), als auch von "Qualitätszuschlägen", die aus dem Budget der zuständigen Gemeinden kommen sollen. Die mittlere durchschnittliche Entlohnung für Lehrer in Lettland soll danach dann bei 829 Euro (brutto) liegen (siehe Bildungsministerium).

Offenbar wird in Zukunft die Entlohnung besonders der Beschäftigten in Kindergärten davon auch davon abhängen, ob sich die Einrichtung in einer ärmeren oder einer wohlhabenderen Gemeinde befindet. Der jetzige Regierungsbeschluß sieht vor, es den Gemeinden freizustellen den Lohnaufschlag zu zahlen oder nicht. Eine Taktik, deren Hintergedanken der zuständige Minister Šadurskis offen zugibt: "Nächstes Jahr sind Gemeinderatswahlen - und den Gemeindebürgermeister möchte ich sehen, der so mutig ist das vor den Wählern abzulehnen!" (lsm)

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Die Gemeinden aber halten sich bisher mit entsprechenden Beschlüssen dazu zurück. Die 110 Gemeinden und 9 Städte Lettlands erhielten inzwischen alle einen Brief der lettischen Gewerkschaft für Bildung und Wissenschaft (Latvijas izglītības un zinātnes darbinieku arodbiedrība - LIZDA); darin versucht die Gewerkschaft ihren Standpunkt zu erläutern: eigentlich sei man für die Sicherstellung sämtlicher Einrichtungen aus staatlichen Mitteln, jedoch lasse der Regierungsbeschluss vom 5. Juli nun leider viele Möglichkeiten der Ungleichheit offen. Man habe außerdem Verständnis für die Bemühungen vieler Gemeinden um die Bildungseinrichtungen, wo deren Unterhalt bis zu 50% des Gemeindehaushalts ausmachen können. Allerdings sind nur 54% der Beschäftigten im Bildungsbereich Gewerkschaftsmitglieder - und vielleicht hoffen die einen noch auf schlichte Fortsetzung alter Lehrmethoden mit erhöhten Lohnansprüchen, während andere längst aus dem pädagogischen Bereich in andere Berufe "geflohen" sind, auch ins Ausland.

Einige Gemeinden wehren sich aber bereits dagegen, dass der Unterhalt der Kindergärten nun vielleicht ganz auf ihre Kosten erfolgen soll. "Wir in Daugavpils gibt es vier Kindergärten für Kinder mit geistigen und körperlichen Behinderungen, hierhin kommen aber Kinder aus der gesamten Region", erzählt Zane Isajeva, stellvertretende Leiterin einer dortigen Einrichtung, im Interview (lsm). "Wir müssten dann die Einrichtung bezahlen, die Materialien, Verpflegung - gar nicht zu reden von den Lohnkosten für die Pädagogen!" Die Gesamtausgaben für diesen Bereich werden in Daugavpils auf 840.000 Euro berechnet, dieses Jahr kämen 200.000 Euro dazu, die im Gemeindehaushalt bisher nicht vorgesehen sind.

Diese Diskussionen werden wohl in Lettland momentan keine Sommerpause haben.

28. November 2015

Die Katzen und der heiße Brei

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Lange Warte-schlangen soll es gegeben haben, als die Bank von Lettland in dieser Woche die erste Münze aus der Reihe "Märchen Lettlands" herausgab. Die "fünf Katzen" bildeten den Auftakt zu einer Reihe, in der fünf Münzen zu lettischen Märchen herausgegeben werden sollen.
Die fertige Münze stellt dabei eine echte "baltische" Ko-Produktion dar: die Herstellung über nahm die litauische "UAB Lietuvos monetų kalykla".
Gestaltet wurde die Münze von der lettischen Designerin Anita Paegle, die auch Kinderbücher schon illustriert hat, und deren Gestaltungsentwurf für die "Schaukel-Münze" (Šūpuļa monēta) zur "schönsten lettischen Münze des Jahres 2013" gewählt wurde.

Gibt es überhaupt lettische Märchen? Was vielleicht wie eine dumme Frage klingt, wird zu einer ernsthaften Recherche, wenn es um die Quellen und Ursprünge geht. Klar, die Gebrüder Grimm haben viel gesammelt, aber lettische Märchen?
Die fünf lettischen Katzen - Muri, Ņuri, Inci, Minci un Punci - sind eines der Lieblingsmärchen, die lettischen Kindern vor dem Schlafengehen vorgelesen werden. Obwohl der Text sehr kurz ist, kommt dabei deutlich ein erzieherisches Ziel zum Ausdruck:  nur mit Einfallsreichtum, Eigeninitiative und Fleiß kommt man im Leben weiter - übersetzt in Märchentext: die fünf Katzen müssen schon selbst Holz suchen, um den Ofen heizen zu können, auf dem sie dann ihren Brei kochen, und dann satt und zufrieden ins Bett gehen können.

Aufgeschrieben hat die Geschichte Alberts Kronenbergs (1887-1958); sein bekanntestes Kinderbuch "Mazais ganiņš un viņa brīnišķīgais ceļojums" ("der kleine Hirte und seine wundersame Reise") erschien 1931. Eine animierte Version der "fünf Katzen" hält die Webseite "pasakas.net" bereit, viele der Märchen wurden auch Vorlage für Aufführungen des Theaters und Puppentheaters.
Deutsche Übersetzungen der "fünf Katzen" finden sich entweder in den Märchenbüchern des Diedrich-Verlags (Erstausgabe 1924, Ausgabe zuletzt von 1989), oder die DDR-Ausgaben aus dem Aufbau-Verlag (zuletzt neu aufgelegt 1990), in beiden Fällen zusammengestellt von Ojārs Ambainis.

Die neue Münze ist ab sofort im Handel, in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, zunächst zum Ausgabepreis von 39 Euro.

10. Juli 2015

Papi am Pranger

Steuersünder legen ihr Geld gerne in der Schweiz an - das ist spätestens seit dem Aufkauf von illegal erzeugten Datenlisten bekannt, die von den zuständigen Ämtern in Deutschland aufgekauft wurden, um die betreffenden Personen zur korrekten Steuerzahlungen auffordern zu können. Allein 24.000 Menschen sahen sich im Jahr 2013 zu einer "freiwilligen Selbstanzeige" veranlasst, 2014 waren es noch mehr - um befürchteten Strafzahlungen möglichst zuvorzukommen. Ab Januar 2015 wurden zudem die entsprechenden gesetztlichen Bestimmungen erheblich verschärft. Öffentlich diskutiert wurden vor allem die Fälle, wenn - eigentlich illegal, da die Ämter solche persönlichen Angaben nicht herausgeben dürfen - doch prominente Namen sich in der Presse wiederfanden, so etwa Uli Hoeneß oder Alice Schwarzer. Inzwischen wollen sogar die Schweizer Behörden selbst Daten von deutschen Steuersündern ins Internet stellen, wenn sie auf anderem Wege nicht erreichbar sind.

Schulden am Kind
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Solche Verfahren scheinen auch in Lettland der Trend zu sein - Ämter stellen private Daten ins Internet. Momentan erzeugt Aufsehen, was eine lettische Behörde unternommen hat, die seit 2004 für die Garantie der Unterhaltszahlungen zuständig ist (Uzturlīdzekļu garantiju fonds - UGF). Seit dem 1.Juli 2015 steht dort eine Liste von Personen öffentlich im Internet, die mit Unterhaltszahlungen im Rückstand ist - vorab genehmigt durch Beschluß des lettischen Parlaments (lsm). "Eine Maßnahme zum Schutz der Kinder", so die Behörde."Im Laufe von 11 Jahren haben die Zahlungsrückstände insgesamt 140 Millionen Euro erreicht", sagt Edgars Līcītis, Direktor der UGF. 90 Euro zahlt die UGF für Kinder bis zu 7 Jahren monatlich, für ältere bis zur Volljährigkeit 108 Euro. Man hoffe noch immer, dieses Geld von den säumigen Vätern (in seltenen Fällen auch Müttern) zurückzubekommen, und die Gesellschaft habe ein Recht zu erfahren, was der Staat inzwischen finanzieren müsse. Härtefälle würden natürlich berücksichtigt, aber es sei zu vermuten, dass viele ihre wahren Einnahmen verheimlichen.

Schulden am Staat
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So finden sich nun Name, Nachname, Geburtsjahr und erster Teil der Personennummer auf öffentlich einsehbarer Liste. Die typischen Zahlungsverweigerer seien Männer bis 40 Jahren, die offiziell angeben, monatlich weniger als 100 Euro zu verdienen, so die Behörde.
Ganze  29.561 Personen sollen es sein, die gegenwärtig ihren Ex-Frauen, Ex-Männern bzw. Kindern ganz oder teilweise Unterhalt schuldig sind.Öffentlich einsehbar sind nun aber nur etwa 1700 davon, 122 davon Frauen. Ausgenommen von der Veröffentlichung sind Betroffene mit körperlichen Beeinträchtigungen, Arbeitsunfähige und alle diejenigen, deren ehemalige Ehepartner der Veröffentlichung nicht zugestimmt haben. Es hätten auch schon einige bei der Behörde angerufen und gefragt, was sie tun können um von der veröffentlichten Liste gelöscht zu werden, berichtet Linda Sparāne, Chefin der juristischen Abteilung der UGF.

Im Jahr 2014 zahlte die UGF an 19.092 Personen eine Beihilfe zu Gunsten der unter ihrer Obhut lebenden Kinder, nur 156 Neuträge wurden abgelehnt (siehe Jahresbericht), in 525 Fällen konnte die Zahlung eingestellt werden, weil das verantwortliche Elternteil selbst die Zahlungen übernahm. 29.650 Kinder profitierten davon.
Im lettischen Fernsehen (Panorama) werden Frauen interviewt, deren Männer die Alimente verweigern. "Soll er doch mal seine Verantwortung anerkennen!", meint Santa, eine Betroffene, Mutter von drei Kindern. "Aber die Veröffentlichung wird nicht ändern, gar nichts", meint sie. "Vielleicht zahlt er für seine zwei Autos, vielleicht für die Wohnung - aber Schulden gegenüber dem Staat? Niemals!"

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Ungeteilte Freude an Kindern - hier in Riga - am besten
in ungeteilten Familien
Schuldner im Netz
Doch dem neu geschaffenen öffentlichen Pranger droht Widerstand. Juris Jansons, vom Parlament bestellter Ombudsmann für Bürger- und Menschenrechte, verglich die Idee der Veröffentlichung der Zahlungsrückständigen mit der Wiedereinführung eines mittelalterlichen Schandfpahls. Das neue Verfahren widerspreche Paragraph 96 der lettischen Verfassung, welcher die Unverletzbarkeit der Privatsphäre festlege. Jansons kündigte an, Protest beim lettischen Verfassungsgericht einlegen zu wollen. Dabei bezweifele er auch die Effektivität dieser "Geldeintreibung": die Schuldner seien zumeist mittellos, und das Risiko ins soziale Abseits zu rutschen, sei in Lettland, mit sehr niedrigen Löhnen in vielen Bereichen, eben riesengroß.Jansons weist auch auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte hin, der ebenfalls für den Schutz des Privatlebens eintritt.

Noch hat es keine Fälle in sozialen Netzwerken gegeben, wo die nun öffentlich zugänglichen Daten säumiger Zahler ausgenutzt würden. Noch ist nicht abzusehen, ob die neu geschaffene Regelung auf Dauer Bestand haben wird.

23. Juni 2015

Mitsommerkinder

Mit den lettischen Ligo-Feiern sind ja so einige unverzichtbare Bräuche verbunden: frisch gebrautes Bier trinken, Blumen- und Eichenlaubkränze winden, selbst gemachten Kümmelkäse essen, übers Feuer springen oder die Farnblüte suchen. Was aber hat es mit dem Gerücht auf sich, dass Mitsommer "alles erlaubt" sei? Ähnliches ist im deutschen Karneval bekannt - die eine, unangenehme Seite davon ist hinterher an der steigenden Zahl der Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluß abzulesen.
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Und wie sieht es eigentlich neun Monate später aus? Ein Bericht im lettischen Portal "Delfi", der sich auf Zahlen des lettischen Statistikamts beruft, rechnet nach: es gab durchaus schon Jahre, in denen eine abrupt steigende Zahl an Neugeborenen im darauffolgenden März als "Spätfolgen" zu verzeichnen waren. In den Jahren 1960 bis 1995 soll es immer mehr März-Geborene in Lettland gegeben haben, ab 1996 schwächte sich diese Tendenz wieder ab (zu Gunsten der Sommer-Geborenen). 2009 und 2010 war es dann wie früher: die meisten Kinder wurden im März geboren. Im Jahr 2015 wären es 1853 März-Kinder.

Das Nachwuchs-Thema nimmt auch die Zeitschrift "IR" auf und stellt fest, dass 2014 erstmals seit langem wieder eine positive Statistik bei den Neugeborenen in Lettland zu verzeichnen ist. Die Nachwuchszahl im vergangenen Jahr überstieg die Sterbezahl um 240. 21.746 Babies waren es insgesamt, die absolut höchte Zahl der vergangenen fünf Jahre. Die Kindersterblichkeit lag dabei bei 3,8 pro 1000 Neugeborenen (1995 = 18,8).

2. Februar 2014

Die Bilderbuch-Oma

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Margarita Stāraste im Interview
des lettischen Fernsehens LTV
Für nahezu alle lettischen Kinder der vergangenen Jahrzehnte ist "Zīļuks" eine bekannte und vielfach präsente Figur: als Kinderbuch-Figur, im Fernsehen, als Puppentheater, als Trickfilm. Das kleine Eichelmännchen ist eine der Symbolfiguren der lettischen Kinderbuchtradition. Kinderbuchautorin Margarita Stāraste wird heute sagenhafte 100 Jahre alt. Am 2.Februar 1914 als Margarita Barvika in Vladimir (Russland) als Tochter lettischer Eltern geboren, studierte sie 1933 bis 1941 an der lettischen Kunstakademie in Riga, unter anderem beim lettischen Altmeister Vilhelms Purvītis. Der Vater Jānis Barviks war Agronom, soll aber selbst Interesse am Zeichnen gehabt haben und so konnte auch das Talent seiner Tochter sich entwickeln. 1952 konnte Margarita an der Grafik-Abteilung der Lettischen Kundakademie ihren Abschluß machen, aber bereits seit 1937 nahm sie an Ausstellungen teil. Seit 1942 fing Margarita an Kinderbücher zu illustrieren, bis heute hat sie 20 selbst geschrieben und 40 mit illustriert. 1964 wurde Stāraste Mitglied der lettischen Künstlervereinigung, seit 1991 auch der Schriftstellerverbands.

Image„Saulīte”, „Pelēkais namiņš”, „Pasakaini sniegi snieg”, „Rūķu dēlēns Knīpucis ”, „Pasaka par miedziņu”, „Zili brīnumi zaļā dārzā”, „Saulīte”, „Laimes sēkliņa”, „Lācīša Rūcīša raibā diena”, „Kas notiek Dižmežā” - von den vielen eigenen Kinderbuchtiteln ist "Zīļuks", geschrieben 1961, einer der populärsten. In ihren Büchern leben die Bäume und hören zu, es gibt lebende Möhren und Kohlköpfe, unterhalten sich Bären, Hasen und andere Waldtiere; aber die Märchenhelfen weinen und streiten auch, oder vertragen sich wieder - ganz so wie es jedem Menschenkind passieren kann. 
International vielfach übersetzt, schaffte es eine Filmfassung auch schon zur "Berlinale" - auch Regisseurin Dace Rīdūze ließ sich gerne mit der Aussage zitieren, sie lese auch ihren eigenen Kindern noch gerne die Geschichten von Margarita Stāraste vor.

1941 bis 1969 war Margarita Stāraste mit dem Holzbildhauer Kārlis Stārasts verheiratet - obwohl sie mit ihm nur bis 1950 zusammenlebte; aus dieser Ehe entstammt Tochter Lilita. 1993 heirate sie ihren Jugendfreund Gerrit Bordevik, einen Niederländer den sie schon 1937 kennengelernt hatte und lebte bis bis zum Tod ihres Mannes im Jahr 2000 in den Niederlanden. In vielen Familien in Lettland wächst nun bereits die fünfte Generation der Stārastes-Fans heran. "Ich schreibe doch vor allem für lettische Kinder!" sagte die Autorin kürzlich, befragt nach den Gründen warum sie nach Lettland zurückkehrte. Manchen mögen ihre Zeichnungen recht einfach und schlicht vorkommen, aber vielen sind sie eben aus der Kindheit bekannt und entsprechend beliebt. Viele der Bücher werden immer noch in neuen Ausgaben herausgegeben, und die Zeiten sind modern genug, um sich die Geschichten der "lettischen Märchenoma" inzwischen auch schon im Internet vorlesen lassen zu können (zum Beispiel hier).