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2. Januar 2026

Bücher steuern

Zu Beginn eines neuen Jahres ist es immer angebracht, auf Änderungen und Neuerungen hinzuweisen. In Lettland wird unter anderem der Steuersatz für Verlage geändert, die Bücher herausgeben wollen: ab dem 1. Januar 2026 gelten für Medienpublikationen verschiedene Mehrwertsteuersätze: nun wird nach Sprachen getrennt. 

Für Bücher in der Landessprache, also Lettisch (auch Latgallisch und Livisch), gilt ein Steuersatz von 5% - ebenso wie für Publikationen in allen Amtssprachen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), sowie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Im Ergebnis sind dann vor allem Bücher in russischer Sprache betroffen: darauf wird jetzt ein Mehrwertsteuersatz von 21% erhoben (vid.gov.lv / Likumi / Latvijas vēstnesis), ein Steuersatz, den man bisher nur im Fall pornographischer Inhalte kannte. 

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Singen, sprechen, schreiben, lesen 

Rihards Jērums, Inhaber einer Buchhandlung in Riga, sieht diese Neuerungen kritisch: „Meine Buchhandlung verkauft seit den 90er Jahren hauptsächlich Bücher in russischer Sprache, auch Bücher von Emigranten und russischen Oppositionellen. Aber diese neue Regelung, dass wäre ja so, als ob Konzerte mit unterschiedlichen Steuern belegt werden, wenn in verschiedenen Sprachen gesungen wird. Vielleicht sollte man überlegen, ob man die Regelung nicht anfechten kann." (lsm) Jērums befürchtet, dass manche kleine Buchhandlung schließen muss, wenn die Verkaufspreise so stark steigen - und damit der Staat auch nicht die vielleicht erhofften zusätzlichen Steuergelder einnehmen kann. Außerdem gäbe es ja sowieso schon den Trend, Bücher im Internet zu kaufen - dann eben bei irgendwelchen europäischen Online-Shops. 

Zu guten Verkaufserfolgen hätten bisher auch russische Staatsbürger beigetragen, die in EU-Länder, darunter auch nach Lettland, umgezogen seien: „Das sind Menschen, die viel lesen. Es gibt sehr viele von ihnen hier", meint Jērums. Er nennt das Beispiel von Anton Dolin, ein seit 2022 im Exil lebender Filmkritiker, der in Russland zum „ausländischen Agenten” erklärt wurde. "Dank ihm exportieren lettische Händler sehr viele Bücher aus Russland nach Europa. Sie werden gleich palettenweise über Riga verschickt."

Import und Export 

Journalist Viesturs Radovics hatte für das Portal "delfi" recherchiert, ob in Lettland russische Bücher mit Titeln wie "In den Schützengräben des Donbass - der Kreuzzug des Neuen Russland" oder "Das postsowjetische Lettland - ein betrogenes Land" erhältlich sind (delfi). Seit 2022 sei solche Propaganda nach und nach aus den Regalen lettischer Buchhandlungen verschwunden, meint er. Aber noch 2023 habe Lettland Bücher, Zeitschriften, Karten und Ähnliches im Wert von 6,88 Millionen Euro aus Russland importiert - 2022 sogar für 7,55 Millionen Euro. In den Jahren davor sei der Wert importierter Bücher geringer gewesen: 2019 seien es 3,46 Mill. Euro gewesen. Radovics benennt drei große Firmen in Lettland, die größte sei eine GmbH "Kors N" mit 114 Angestellten in 12 Buchläden. In der zweitgrößten Firma in Lettland, "Kniga" ("Polaris"), haben man noch 2015 ein ganzes Regal mit Büchern gesehen, welche die Ukraine als "regiert von Faschisten" bezeichnet hätten. Auch bei Buchhändler Jērums war Radovics zu Besuch: dieser habe im erläutert, er verkaufe zum Beispiel schon lange keine Karten mehr, wo die Krim als russisches Gebiet eingezeichnet sei (delfi). 

Kaufen, ausleihen, online lesen?  

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Auch Bibliotheken in Lettland erwerben weiterhin Bücher, die in Russland herausgegeben sind, stellt Journalistin Inga Šnore für die Fernsehsendung "De facto" fest. "Bibliotheken sollten neutral sein, und gleichzeitig unabhängig", sagt Baiba Īvāne, Mitglied der Lettischen Bibliothekarsvereinigung und Chefbibliothekarin der Bibliothek des Bezirks Salaspils. "Niemand kann uns vorschreiben, was wir einkaufen, und was nicht. Daher kam der Aufruf, möglichst keine Bücher eines Agressorstaates anzukaufen, tatsächlich erst in diesem Jahr", erläutert sie. Einen entsprechenden Aufruf haben inszwischen 200 Bibliotheken in Lettland unterschrieben. "Aber was wir während der Zeit der sowjetischen Besatzung erlebt haben - lange Listen mit verbotenen Büchern, und die Bibliothek als Sprachrohr der Macht - das wollen wir auf keinen Fall," betont Īvāne (lsm). 

Skaidrīte Naumova, Verlegerin beim Verlag "Madris", berichtet von eigenen Versuchen, Bücher sowohl in lettischer als auch in russischer Fassung zu publizieren. "Aber es endete nicht gut," meint sie, "wir konnten diese Bücher nicht zu so einem günstigen Preis anbieten, wie vergleichbare Publikationen aus Russland." (lsm) Unter den bekannteren russischen Autoren gäbe es nur Boris Akunin, dessen Werke inzwischen in Riga gedruckt würden, heißt es. 

Eine ganz andere Frage wäre es ja auch, wenn Verlage Bücher in zwei verschiedenen Sprachen herstellen - bei Gedichten zum Beispiel ist das ja öfters der Fall. Die Frage, welcher Steuersatz dafür dann in Lettland gelten soll, scheint bisher noch nicht entschieden. Und über Bücher in Jiddisch, Belarussisch, Roma oder Walisisch (letztere ist keine offizielle EU-Amtssprache) haben wohl auch noch nicht alle Verantwortlichen im lettischen Finanzministerium nachgedacht. Ebenso noch offen scheint die Frage, was mit Internetportalen passiert, die Inhalte in mehreren Sprachen, darunter Russisch, anbieten. 

Beschlossen im Paket 

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Aus den Reihen der Parteien, die gegenwärtig die lettische Regierung bilden, sind auch kritische Äußerungen zu der neuen Regelung zu vernehmen - die allerdings wohl nicht soweit gehen, sich im Parlament gegen dieses Gesetz auszusprechen. Man habe die Regelung als Ergebnis von Koalitionsabsprachen "im Paket" mit anderen Beschlüssen befürwortet. Für nachträglichen Widerspruch scheint auch der Zusammenhalt der Koalition aus "Jauna Vienotība", "Progressiven" und der "ZZS" als zu wackelig und instabil, und niemand der Regierenden möchte das verschärfen. Zudem stehen für den 3. Oktober diesen Jahres Parlamentswahlen an. 

Naja, es ist ja erst Jahresanfang. Die Gesetzesänderung wurde übrigens zusammen mit Steuererleichterungen beschlossen - so liest es sich insgesamt vielleicht angenehmer? Im Rahmen eines Pilotprojektes wird der Mehrwertsteuersatz auf Brot, Milch, Geflügelfleisch und Eier in Lettland vom 1. Juli 2026 bis zum 30. Juni 2027 auf 12 % gesenkt. Das Landwirtschaftsministerium wird in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium danach die Ergebnisse aufwerten, heißt es. Wir wünschen dann mal "gute Auswertung" und "fröhliches Dazulernen"!

18. November 2025

Grenzüberschreitend

Das estnische Statistikamt schickt Lettland Glückwünsche zum Nationalfeiertag, verbunden mit ein paar Zahlen: 

- In Estland sind 3058 Letten und 2357 Lettinnen registriert
- Es gibt 635 lettisch-estnische Paare in Estland, 38 dieser Ehen wurden 2023 geschlossen
- 6480 Menschen in Estland sprechen Lettisch (2513 als Muttersprache, 3970 als Fremdsprache)
- 180 Lett/innen studieren an estnischen Universitäten
- im Jahr 2024 kamen 151.000 Lett/innen per Flug nach Estland
- 153.000 Lett/innen flogen von Estland nach Lettland
- Estland importierte Eis aus Lettland für 4,3 Mill. Euro
- Estland exportierte Eis nach Lettland im Wert von 1,7 Mill. Euro 
- im Jahr 2024 übernachteten 274.500 lettische Tourist/innen in Estland, während im gleichen Zeitraum 163.000 Est/innen in Lettland übernachteten

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Ergänzend ein paar Zahlen, was Estland hauptsächlich nach Lettland exportiert: 11,5% des Exports machen Milch und Sahne aus, 5,87% sind Holzprodukte, das übrige teilt verteilt sich auf sehr verschiedene Produkte (alles unter 3%). 

28. September 2025

Mal rauf, mal runter

Auch in Lettland wünschen sich die Kundinnen und Kunden stabile Lebensmittelpreise. Schaut man beim offiziellen lettischen Statistikportal nach, dann wird dort für die vergangenen 12 Monate ein Preisanstieg von 4,1% ausgewiesen. Verglichen mit 2021, liegt der Preisanstieg aber bei "sagenhaften" 34,3%! (stat.gov.lv). Und nehmen wir nur Lebensmittel und alkoholfreie Getränke heraus, liegt der Anstieg hier sogar bei 51,3%. (stat.gov.lv). Seit 2021 hat sich diese Entwicklung erheblich beschleunigt. (siehe auch: "Food price monitoring tool")

Mittel zum Leben

Statistisch gesehen lag 2024 das mittlere Monatseinkommen in Lettland bei 1223 Euro - allerdings liegen in Lettland die Geringverdiener und die Gutverdiener sehr weit auseinander, das muss ein realistischer Blick auf die Situation berücksichtigen. "Gering Beschäftigte" werden in der Regel so definiert, dass sie weniger als zwei Drittel des mittleren Brutto-Stundenlohns verdienen: in Lettland sind das 23% (nur in Bulgarien und Rumänien liegt in der EU dieser Anteil noch höher) (IR)

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Einer Statistik aus dem Jahr 2019 zufolge geben Lettinnen und Letten durchschnittlich 23,4% des verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus (bei alleinstehenden Frauen mit Kind sind es 27,7% - sogar mehr als die 22,6% für Miete und Wohnung). (stat.gov.lv)

Reisvergleich 

Obwohl Lettland also die dritthöchste Zahl an Niedriglohnempfängern in der Europäischen Union hat, scheuen sich die Ladenbesitzer nicht, für billige Markenlebensmittel mehr zu verlangen als in den Nachbarländern - so schreibt es Journalistin Ilze Šķietniece in einem Beitrag für die Zeitschrift "IR". 

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Und besonders dort, wo die großen Supermarktketten Läden in allen drei baltischen Staaten, also in Estland, in Lettland und auch in Litauen unterhalten, da lassen sich natürlich Preise vergleichen. Beispiel RIMI: im Moment des Testkaufs kosteten 800 Gramm Langkornreis in Lettland 1,19 Euro - aber in Litauen nur 99 Cent und in Estland sogar nur 39 Cent! (Rimi Estland / Rimi Litauen) Bei "Rimi" in Lettland sind auch Buchweizen, Nudeln, Haferflocken, Milch, Butter und andere Produkte aus dem Niedrigpreissegment die teuersten in den baltischen Staaten.

Im Mai hatten Verarbeiter und Händler im lettischen Wirtschaftsministerium ein Memorandum über den Handel mit Lebensmitteln unterzeichnet. Dort war ein Warenkorb mit Grundnahrungsmitteln und 10 Warengruppen festgelegt worden - in jeder dieser Gruppen sollten Handelsfirmen sich verpflichten, mindestens ein preisgünstiges Produkt anzubieten. Die Theorie: wenn abwechselnd immer andere Produkte günstig angeboten werden, sei die Grundversorgung auch für ärmere Leute gesichert. Soweit die Theorie. 

Unvergleichlich? 

Ökonomen wenden nun ein, die Märkte in den drei Ländern seien eben unterschiedlich, und selbst wenn zum Beispiel alle drei Ladenketten zu "Rimi" gehören, seien es eben drei unterschiedliche Unternehmen, die jeweils für sich kalkulieren. So seien zum Beispiel die Getreideprodukte der Eigenmarke von Rimi in Estland im mittleren Preissegment um 23 % teurer als in Lettland. Und so kostet etwa eine 125g-Packung Basmati-Reis in Lettland 1,35 Euro, in Estland und Litauen aber 60 Cent mehr ("IR"). In der Auflistung von Journalistin Šķietniece findet sich auch die 400g-Packung Buchweizen in Estland für 0,97 Euro, in Litauen 1,48 € und Lettland 1,75 €. Nimmt man aber das gesamte Sortiment und summiert den Durchschnitt alle Produkte, unterscheiden sich die drei Länder nur minimal, schreibt sie. 

Der Marktanteil der drei größten Supermarktketten in Lettland teilt sich wiefolgt auf: Rimi (28%), Maxima (28%) und Lidl (12%) (OECD, 2024 / IR). 

Durchschnittlich 

Nun gibt es immer wieder Lettinnen und Letten, die in den sozialen Netzwerken Fotos von aus lettischer Sicht "unglaublich billigen" Produkten in Schweden, Irland oder Deutschland posten. Auch hier versuchen Ökonomen wieder mit "Durchschnittlichem" zu beruhigen: den Statistiken von "Eurostat", dem Statistische Amt der Europäischen Union zufolge, liegen Lettland und Estland nur wenig über dem europaweiten Durchschnitt des Preisniveaus, Litauen knapp darunter - am teuersten sind Lebensmittel in Norwegen, Dänemark, Island, Luxemburg und der Schweiz, während es in Polen, Tschechien, Bulgarien, Rumänien und der Slowakei sehr günstig ausfällt. Vergleicht man einzelne Warengruppen unter den Lebensmitteln, liegt Estland bei Fisch sehr günstig, Lettland und Litauen aber bei Fleisch. 

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Allerdings: auch das "Bundesinformationszentrum Landwirtschaft" weiß: Deutsche geben vergleichsweise wenig für Lebensmittel aus: nur 11,1% ihres verfügbaren Einkommens.

Einer Umfrage von "IPF Digital" zufolge bestätigen 40% aller Estinnen und Esten sich wegen der steigenden Preise einschränken zu müssen - in Lettland sagten das 35%, in Litauen 32%. Nur 5% aller Befragten in Lettland meinten, das sie die steigenden Preise überhaupt nicht beeinträchtigen (Estland 3%, Litauen 8%). ("IR")

Buchweizen, Nudeln und Co.

"In Lettland greifen die Käufer besonders bei Getreide und Nudeln zu den preisgünstigsten Produkten", meint Ökonom Oļegs Krasnopjorovs, "wenn man das Kilogramm Nudeln für 1 Euro kaufen kann, dann greift selten jemand zu den Produktalternativen für bis zu 8 Euro". Aber hat das zur Folge, dass dann absichtlich die Sonderangebote eher bei anderen Produkte angeboten werden? Gehört das zum lettischen "Marketing-Alltag"? "In Lettland herrscht unzureichender Wettbewerb, und die beiden größten Einzelhandelsketten halten die Preise für die günstigsten Endprodukte hoch", folgert Krasnopjorovs. (IR) Dem lettischen Wirtschaftsministerium zufolge wird an einem Internet-Tool gearbeitet, das Preisvergleiche online vereinfachen soll. 

Dem bereits erwähnten Memorandum zufolge müsste dann jeder lettische Supermarkt mindestens ein sehr günstiges Produkt aus diesen Bereichen anbieten: Brot, Milchprodukte, Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Mehl und Getreideprodukte, Eier, Pflanzenöl. Da diese Angebote ständig wechseln sollen, wäre ein mögliches Ergebnis: wer verschiedene Läden in Reichweite zur Auswahl hat, kann öfter mal reinschauen. Resultat vielleicht: mehr laufen, weniger kaufen. 

14. September 2025

Abends ohne

Seit August 2025 gilt in Lettland eine neue Regelung für den Verkauf von Alkohol. Das lettische Gesundheitsministerium (VM) betont, dass neue zeitliche Beschränkungen ein wirksames Mittel zur Eindämmung des Alkoholkonsums seien. An Werktagen ist jetzt der Verkauf von alkoholhaltigen Getränken ab 20 Uhr verboten, sonntags bereits ab 18 Uhr (Alkoholverkauf nachts ist schon seit 2002 verboten). 

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Schon wenige Tage nach Einführung der neuen Regelung startete eine Unterschriftensammlung auf dem Portal "Meine Stimme" ("manabalss") zur Aufhebung der neuen Bestimmungen. Aber: gleichzeitig sind dort auch Initiativen zu finden, Alkohol nur an Menschen ab 21 Jahren zu verkaufen, und auch einen Aufruf zum Verbot aller Alkoholwerbung in der Öffentlichkeit. Die Parlamentabgeordnete und Ex-Gesundheitsministerin  Ingrīda Circene („Jaunā Vienotība“) wies darauf hin, dass sich die Saeima im Herbst erneut mit diesem Thema befassen und noch strengere Vorschriften einführen könnte (lsm). Ein umstrittenes Thema?

Der Geist aus der Flasche 

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Auch Sozialanthropologin Aivita Putniņa hält das Thema für "sehr sensitiv". Es gäbe in Lettland eine starke Lobby für den Alkoholverkauf, meint sie (lsm) In Lettland liegt der Alkoholkonsum pro Einwohner/in, einschließlich der Tourist/innen allerdings, bei statistisch über 12 Litern pro Person, wobei dies besonders durch einen großen Anteil an Spirituosen erreicht wird. Pēteris Apinis, Arzt, Ex-Gesundheitsminister und langjähriger Vorsitzender der lettischen Ärztvereinigung weist auf mehrere Misstände in Lettland hin: wenn das Sozialamt sich in zunehmender Zahl um Kinder kümmern müsse, deren Eltern nicht mehr dazu in der Lage seien, dann sei in 90% der Fälle Alkoholkonsum der Grund (delfi). Und auch bei den Todesfällen durch Ertrinken sei zu 60-80% Alkohol im Spiel (arstubiedriba / SPKC)

Seit 2020 läuft ein Projekt der Weltgesundheitsorganisation WHO mit speziellem Fokus auf die drei baltischen Staaten; hiermit sollen die gesundheitlichen Auswirkungen von Alkoholkonsum (u.a. geringere Lebenserwartung) untersucht werden. Auch hier ist von "eingeschränkter Zugänglichkeit" die Rede. Und davon, dass es in Litauen gelang, den Konsum von Alkohol etwas zu verringern - nun liegt Lettland an der europäischen Spitze (lsm)

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siehe auch: SPKC

Gewohnheiten 

Sind schon Auswirkungen der neuen Regeln zu erkennen? Liegt es jetzt vielleicht nahe, Wodka, Branntwein und Konsorten einfach online im Internet zu kaufen? "Superalko" liefert per Kurier fünf Tage die Woche, montags bis freitags. "Alcoma" nimmt nur bis 17 Uhr Aufträge an, liefert aber bis 22 Uhr aus und liefert ab Bestellwert von 30 Euro kostenfrei.
"Drinksdrinks" sichert zu, abends auch noch bis 19:30 Uhr zu liefern, allerdings nur an Kunden mit Mindestalter 20 Jahre. Die "Vynoteka" allerdings macht ihre Läden nur noch bis 17 Uhr auf, während auf der Webseite von "Alkolats" immer noch Öffnungszeiten bis 22 Uhr angekündigt sind. 

Das Wetter und die Hamster 

In den großen Supermärkten sei der Verkauf von Alkohol nur leicht zurückgegangen, berichten Vertreterinnen der Ladenketten "Rimi", "Elvi" und "Maxima" im lettischen Fernsehen (lsm). Vermutet wird aber auch, dass der relativ kühle Sommer den Getränkekonsum nicht gerade gefördert hat. Ein Vergleich mit dem August des vergangenen Jahres habe ergeben, dass der Verkauf von nichtalkoholischen Geränken tatsächlich um 24% gestiegen sei. Allerdings sei auch zu beobachten, dass Kunden nun offenbar "Vorräte" anlegen, und dadurch auch der Verkauf von Alkohol im August in manchen Läden sogar leicht gestiegen sei. 

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Arzt Pēteris Apinis jedenfalls gehen die Änderungen beim Alkoholverkauf nicht weit genug - er hält auch eine Angleichung der Besteuerung mit den Nachbarländern, einschließlich Polen und Finnland für nötig. Und auch der Verkauf an Tankstellen sollte (wie es auch in Litauen der Fall ist) ganz untersagt werden (delfi).

Landleben und Landläden 

"Auf dem Lande sind die Verhältnisse für die Ladenbesitzer anders," berichtet  Raimonds Okmanis, Vorsitzender und Miteigentümer eines Netzwerks kleinerer Läden, die unter dem Label "LaTS" als GmbH betrieben werden. 270 kleinere Unternehmen mit über 700 Läden haben sich hier zwecks gemeinsamem Marketing und durchaus auch Kostenersparnis zusammengeschlossen - die meisten dieser Läden befinden sich in Lettland auf dem Lande. Täglich würden in solchen Geschäften 120 bis 200 Einkäufe getätigt, jeder im Durchschnitt im Wert von acht Euro, und ein Drittel des Umsatzes entfalle auf den Verkauf von Alkohol, erzählt Okmanis. "Von allen, die Alkohol kaufen, tätigen 40 % ihre Einkäufe direkt am Abend nach 18 Uhr, und das sind dann meist Männer, wenn sie aus der Stadt von der Arbeit nach Hause kommen". Bei verkürzten Verkaufszeiten würden diese dann ihren Einkauf wohl schon in der Stadt erledigen, vermutet Okmanis. Und noch etwas: "Nutznießer werden dann wohl die Tankstellen sein", meint er. (IR)

Das lettische Gesundheitsministerium beabsichtigt, bis zum 31. Oktober 2026 die Auswirkungen der neuen Beschränkungen zu evaluieren und dem Parlament zu berichten.

6. Juni 2025

Rote Früchtchen

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Lettlands Erdbeerhauptstadt 

Frühjahrszeit - Erdbeerzeit! Auch in Lettland sind Erdbeeren beliebt. Inzwischen gibt es 377 Betriebe, die auf insgesamt 365 ha Erdbeeren anbauen (andere Quellen sprechen auch von bis zu 5oo ha). Ein Drittel der Erdbeerbauern haben nur bis zu einem Hektar Fläche, die drei größten sind "Sprogas" in Alūksne, "Ūziņi" in Dobele, und vor allem "Mālpils ZemeNes" (IR)

"Erdbeeranbau - keine Arbeit, sondern unsere Lebensart" behauptet ausgerechnet "Mālpils ZemeNesder größte "Erdbeergigant" in Mālpils, einem Städtchen mit nur knapp 2.000 Einwohner/innen und stark rückläufiger Bevölkerungszahl. Der Ort bemüht sich offenbar um die Pflege von Mythen und Sagen. Zur Herkunft des Ortsnamens gibt es zwei Lager: die einen leiten es von der früheren deutschen Bezeichnung her: Lemburg (Lehm = māl, Burg = pils). Andere erkennen eher den Namen eines Stammeshäutlings der in alter Zeit hier siedelnden Liven: "Lembit" + "urga" (= "virsaiša upīte", "Flüsschen des Häuptlings"). 

Aufgefrischte Vergangenheit 

Der ehemalige Gutsherr Gustav Wilhelm von Taube (1715-1775) soll hier am Ort sehr streng mit den leibeigenen Bauern umgegangen sein (geschildert in der Lokalzeitung "Mālpils Vēstis"): um Teiche auszuheben, mussten alle, auch Frauen mit kleinen Kindern, mitarbeiten - und der Gutsherr habe mit einsatzbereiter Peitsche immer daneben gestanden. Da solche Verhältnisse manche an Sträflingsarbeit in Sibirien erinnerten, seien die Gutsgewässer auch "sibirische Teiche" genannt worden. Das Ergebnis wird heute von "Latvia Travel" als "romantischer Schlosspark im Barock-Stil mit Spazierwegen" beworben. 

Nachdem das eigentliche Gutshaus 1905 niedergebrannt worden war (nur einige Mauern blieben erhalten), wurde es im klassizistischen Stil nach Plänen des bekannten Architekten Wilhelm Bockslaff umgestaltet und wieder aufgebaut. Heute findet sich hier ein 2008 neu eingeweihtes und für 3 Millionen Euro zum Hotel ausgebautes Gutshaus ("Mālpils muiža"), das E-Bikes und Boote verleiht und sich anbietet, Hochzeiten und andere Familienfeiern dort auszurichten (building). Millionär Aldis Plaude schenkte das fertige Hotel 2008 seiner Tochter - die gleichzeitig Angestellte in Papas Immobilenunternehmen "Vestabalt" ist. "50km von Riga entfernt - das ist nah genug um hier mal für ein fantastisches Abendessen hinzufahren", hoffte die neue Chefin bei der Eröffnung (apollo). Von ursprünglich einmal 38 zum Gutshof gehörenden Gebäuden sind heute noch 18 erhalten. 

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Erdbeer-Fest in Mālpils

Auch Käse wird in Mālpils hergestellt (Mālpils siers). Aber die  Mālpils-Erdbeerbauern steigen in den Wettbewerb um das "schönste Haus am Platze" ein und ernennen sich jetzt selbst zum "Zemeņu muiža" ("Erdbeerhof"). "Alles rund um die Erdbeere ist uns heilig", heißt es auf der Webseite. 

Anbauflächen wachsen 

Denn die Aussichten sind gut. Ginta und Andris Apsītis, Eigentümer von "Mālpils ZemeNes", arbeiten jetzt schon 30 Jahre mit Erdbeeren. Am Anfang habe man auch Getreide und Schweinezucht ausprobiert, heißt es, aber "Früchte bringen den meisten Gewinn" ("IR"). Nun wurde ein altes Schulgebäude im Ortsteil Sidgunda zum "Erdbeerzentrum" gemacht (ok, auch Quitten werden noch geerntet), und die Anbaufläche ist auf über 25ha angewachsen. Alle Erdbeeren wachsen auf offenem Feld - das macht es manchmal schwierig, mit Konkurrenzprodukten vor allem aus Polen und Griechenland mitzuhalten, berichten die Betreiber. Für 2025 zum Beispiel hieß es, viel Niederschlag habe einige Felder der Erdbeerbauern überschwemmt, so berichtet Agronom Guntars Dzērve der lettischen Presse (LA).

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In Mālpils werden die ersten eigenen Erdbeeren rund um den 15. Juni erwartet. 150-200 Tonnen erntet der Betrieb des Ehepaars Apsītis pro Jahr. Erdbeeren werden in Lettland meist frisch gekauft, berichten sie. Erdbeer-Marmelade werde seltener gekauft, eher würden Verbraucher/innen die Beeren für den Winter einfrieren. "Letten sind große Erdbeerliebhaber!" freut sich der Firmenchef - die Nachfrage sei viel größer als das Angebot, daher werde auch so viel importiert. Die Pflanzen werden auch aus Deutschland gekauft, die meist angebauten Sorten seien Āzija, Sonsation oder Malvīne. 

Fehlende Arbeitskraft 

Eine immer wiederkehrende Schwierigkeit ist offenbar die Anwerbung von genügend Erntehelfern und anderen Mitarbeiter/innen - denn die Ernte dauere nur zwei Monate, aber alle suchen natürlich nach stabilen Einkünften das ganze Jahr über. Daher habe man auch schon in der Ukraine und in Kasachstan um Arbeitskräfte geworben. Gegenwärtig seien etwa die Hälfte der Arbeiter/innen Einheimische, die andere - dafür wird der Begriff verwendet, der in Deutschland inzwischen nur noch ungern angewandt wird: "viesstrādnieki" (Gastarbeiter). 

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Bei "Augusta Zemenes", ebenfalls mit Sitz in Lettlands "Erdbeerhauptstadt" Mālpils, wird vor allem auf Werbung auf digitalem Wege gesetzt - mit selbstgedrehten Videos regelmäßig via "Facebook" und "Tiktok". (IR) Guntars Dzērve und seine Frau Iveta können inzwischen auf acht Jahre Erfahrung mit Erdbeeranbau zurückblicken. Beide haben auch ein Theraapiezentrum mit Pferden aufgebaut (Zirgu asistētas mācīšanās un terapijas centrs). Und so kommt es, dass sogar Touren "mit Pferden und Erdbeeren" angeboten werden. Dauer: 90 Minuten. "Wir lernen die Sprache der Pferde", heißt es hier, und als Zugabe gibt es "Geheimnisse der Erdbeerschule". 

Tagsüber um die 20 Grad, aber nachts nicht unter 10 Grad - dass seien ideale Bedingungen für den Erdbeeranbau in Lettland, so Guntars Dzērve. Er baut gerne die Sorten Favori, Murano und Aurora Karima an, die Setzlinge kommen immer im Frühjahr aus Deutschland und den Niederlanden. "Die Pflanzen überwintern hier nicht, das funktioniert nicht", meint er. 

Plan A, B und C 

Von 25 Arbeiterinnen und Arbeitern beim Erdbeerbauern "Lubeco" in Ārlava (zwischen Roja und Talsi) stammen 90% aus dem Ausland, aus Usbekistan und sogar aus Indien (IR) Und auch hier sind als zweite Frucht Quitten (lettisch "Cidonija") zu finden. Eigentlich wollten die Eigentümer auch hier nur einheimische Kräfte beschäftigen. "Aber dann hatten wir 4 ha, alles rot, und keinen der es erntet", berichten sie. (IR) Rumba, Sonata, Falco, Parlando und Opera sind hier die bevorzugten Erdbeersorten. Wie bei vielen anderen Betrieben auch, wird inzwischen nicht mehr auf offenen Feldern, sondern unter Plastikfolien angebaut (Tunnel). So können schon Ende Mai die ersten lettischen Erdbeeren verkauft werden. 2024 habe man die ersten eigenen Erdbeeren für 10 Euro pro Kilo verkaufen können. "Lubeco"-Dhef Dzintars Silgals konnte seine Erdbeeren auch schon in den lettischen Läden der "Lidl"-Kette platzieren. Er hatte es erst in der Forstwirtschaft, dann als IT-Spezialist bei "Samsung Baltic" versucht. Der Erdbeerbetrieb biete ihm aber nun die Möglichkeit, immer mit der Familie zusammen zu sein, meint er. 

"Und man braucht immer auch Plan B und Plan C für dieses Business," sagt er. Auch die Produktion von Säften und Sirup wird ins Auge gefasst, und auf abgeernteten Erdbeerfeldern wachsen hier Wassermelonen. "Wir werden dann sehen, was sich am meisten auszahlt", meint er. Seit 2020 hat sich in Lettland der durchschnittliche Verkaufspreis für das Kilo Erdbeeren fast verdoppelt. 

31. März 2025

Schaum im Mund

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Zucker, Eischnee, Fruchtmus und Gelantine - was ist das? Mäusepeck? Krembo? Marshmellow? (Wikipedia) Oder sollten wir uns erst einmal darum kümmern, wie eigentlich der "echte Eibisch" aussieht? Diese Malvenart kommt jedenfalls in Lettland so gut wie gar nicht vor (Latvijasdaba)

Süße Kindheit

Was Lettland betrifft, geht es hier um "Zefīrs". Nein, Kefir ist hier nicht gemeint. "Zefīrs, das sind süße Kindheitserinnerungen!" schwärmt das Portal "Padegas". "Ein Genuss, in Lettland geschaffen!" meint die Supermarktkette RIMI und führt an, die Rezepte und die Herstellungsverfahren seien in den 1970iger Jahren in Lettland entwickelt worden. 

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Auffällig wäre vielleicht zunächst der hohe Zuckergehalt. Aber "Zefīr-Fans" ("zefīrmīļi") gibt es offenbar viele. Ein Beitrag in der NRA versucht es so darzustellen, dass sogar die lettische Vereinigung der Diatärzte Zefīrs als "wertigen Snack" empfehlen würde. "Immerhin enthalte es kein Fett", heißt es. Ähnliches behauptet die Firma "Laima", einer der Hersteller, in der eigenen Produktwerbung. Als Quelle für diese Behauptung muss vielleicht eine sehr allgemeine Aussage in der Zeitschrift "Uztura ieteikumi" ("Ernährungsberatung", ein Blatt finanziert von der Diätärztevereinigung) herhalten; hier werden Ratschläge für in Behandlung befindliche Tumorpatienten gegeben (die Patienten benötigen dann zusätzliche Energie und Eiweiß). 

Es gibt aber auch Warnungen vor Zefīrs. Anna Junga, Autorin des Blogs "Nutrition", weist vor allem darauf hin, dass 100g Zefīrs meist 70g Zucker enthalten ("ein völlig ungesunder Snack"). 

Pektin, Agar, oder was?

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"Den Zefīrs, den wir in Lettland kennen, anderswo auf der Welt zu finden, ist fast unmöglich" (Zitat RIMI). Hier werden die Inhaltstoffe einfach in anderer Reihenfolge beschrieben: vor allem "30% Apfelmus" sei enthalten. Das ist tatsächlich, bei dieser Variante, ein kleiner Unterschied in der Herstellung: das im Apfelmus enthaltene Pektin bringt die mit Eischnee und Zucker geschlagene Masse tatsächlich auch ohne Zugabe von Gelantine in eine einigermaßen feste Form. 

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Die Zeitung "Dienas bizness" bot im Jahr 2013 einen Besuch in einer "Zefīr-Fabrik". Hier wird als Bestandteil nicht Gelantine, sondern Agar angegeben, das aus Algen gewonnen wird. Hier ist nachzulesen, dass in Lettland jedes Jahr 500-600 Tonnen Zefīrs hergestellt wird, davon 200 Tonnen für den Export! Rita Vornokova verkündet dabei für den Marktführer "Laima", dass die Zefīr-Produktion sich eigentlich immer nur erhöht habe, und allein in Estland pro Halbjahr 46 Tonnen Zefīr-Leckereien vernascht würden, und sogar in Deutschland hätten pro Halbjahr 37 Tonnen Zefīr-Spezialitäten die Leckermäuler erreicht. "Laima", seit 2015 zum norwegischen Konzern "Orkla" gehörend, begann in den 1970iger Jahren, Zefīrs zu produzieren. Ein nicht ganz lettisches Produkt in diesem Fall, denn den für die Herstellung notwendigen Agar importiert "Laima" aus Estland. 

Sanfte Winde, schöne Blumen

Der Name "Zephir" sei von dem gleichnamigen griechischen Gottheit entlehnt worden, heißt es. Ein Gott des "milden" Westwindes, und die entsprechend "luftige" Süßigkeit werde "in Ländern der ehemaligen Sowjetunion produziert", so ist es bei Wikipedia nachzulesen. Also wird Ähnliches wohl auch in der Ukraine oder Russland zu finden sein - in Litauen heißt das Produkt "Zefyras", aber als Produktionsort wird meist "Lettland" angegeben. 

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Wo wurde der erste "Zefīrs" hergestellt? Spuren führen zum russischen "Pastila" - charakterisiert als "effiziente Verwendung überschüssiger Apfelernte" (Wikipedia), und wegen eines entsprechenden "Pastila-Museums" eng mit der Stadt Kolomna verknüpft. Eine andere Spur führt zum "Pestil", und zu ganz anderen Ländern: Armenien, Anatolien, Iran, Libanon oder Syrien. Wieder andere weisen auch auf "Vogelmilch"-Produkte aus Polen hin (in Lettland "putna piens" genannt).
In Sigulda können Interessierte für 3 Stunde und 45 Euro an einer "Zefīr-Meisterklasse" teilnehmen (siehe auch: Siguldas zefīrs). Wer Zefīrs online bestellen möchte, findet ein eigenes lettisches Zefīrs-Bestellportal.

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Und auch Rezepte zum "Zefīrs-Selbermachen" gibt es immer wieder, wie auch erst kürzlich beim lettischen Fernsehen LSM. "Wie die Zefīrs-Meisterin Anita in Daugavpils essbare Rosen, Tulpen und Peonien herstellt", so die Schlagzeile. Jahrelang habe sie an dem besten Rezept herumprobiert, so heißt es hier, um als Endprodukt schöne Blumen formen zu können. Und sie sei auf dem Weg, Zefīrs auch mal ganz ohne Zucker herstellen zu wollen, sagt die Meisterin. Es könne viel schief gehen, warnt Anita: die Masse könne anbrennen, zu fest werden, oder falsche Farbtöne annehmen. Aber ob selbst gemacht, oder aus der Fabrik: aktuell ist in Lettland der "Zefīrs" nicht aus den Süßwarenregalen wegzudenken.

6. März 2025

Dänisch einkaufen

Vor einiger Zeit schien sich der Wettbewerb der Lebensmittel-Ketten in Lettland vor allem bei der Wahl zwischen "Rimi" oder "Maxima" zu entscheiden. “Maxima Latvija” gibt es schon seit dem Jahr 2000, und ist im Besitz der litauischen Unternehmergruppe “Vilniaus prekyba” - die Werbung lautet hier: eine Million m² Verkaufsfläche, 2500 Läden in sechs Ländern (gegenwärtig 173 in Lettland), 7,8 Milliarden Euro Gesamtumsatz. Und auch das litauische "Aibė", 1999 gegrünet, hat inzwischen über 500 Läden in Lettland eröffnet. 

Ketten und Netzwerke

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"LaTS", die Bezeichnung angelehnt  an die ehemalige lettische Währung, ist lettisch organisiert - von der lettischen Händlervereinigung ("Latvijas tirgotāju savienība"), die seit 2007 besteht. Wer hier die Marken-Nutzungsrechte von "Lats" erwirbt, wird gleichzeitig Mitglied der Händervereinigung. Hier sind gegenwärtig 270 Firmen mit insgesamt 700 Handelsplätzen zusammengeschlossen - das kann auch ein Café, eine Tankstelle oder ein Stand auf dem Wochenmarkt sein.
Und es gibt auch noch "Citro", erst 2019 gegründet, eine kleine Kette geführt von der lettischen "SIA Latvian Retail Management", mit 70 Läden.

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"Lidl Latvija” gibt es seit 2016, nachdem einige Versuche auf dem lettischen Einzelhandelsmarkt Fuß zu fassen zuvor gescheitert waren. Schnelles Wachstum wurde u.a. auch durch die Pandemiefolgen gebremst, gegenwärtig unterhält "Lidl" in Lettland 34 Läden (18 davon in Riga).

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Und auch die niederländische "Spar" hat die Fühler längst nach Lettland ausgestreckt: “SPAR Latvija”, oft nach dem Franchise-Prinzip  arbeitend, ist seit 2021 im Besitz einer lettischen Lizenz. Als im August 2022 der erste lettische "Spar-Markt" in Saldus eröffnet wurde, verkündete die Firmenleitung, innerhalb von fünf Jahren 500 Läden in Lettland betreiben zu wollen - inzwischen gibt es 25 (sieben davon in Riga). 2023 waren 23 Läden zu "Spar" gewechselt, die zuvor “ELVI Latvija” angeschlossen waren. Aber auch "Elvi", im Jahr 2000 als Franchise-Unternehmen gegründet, unterhält derzeit noch 80 Läden in Lettland (nur 7 davon in Riga) und wirbt mit besonderer "lettischer Atmosphäre".  (Liste aller Supermarktketten)

Flaggenwechsel 

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Wie gesagt: es gab mal Zeiten, da waren vor allem "Rimi" und "Maxima" überall in Lettland präsent. Aber wer dann glaubte, wenn ich "nicht bei Maxima" kaufe, dann kaufe ich "lettisch", lag schon immer falsch. 1997 eröffnete der erste "Rimi" in Lettland, aber schon seit 2007 war die schwedische "ICA-Gruppe" alleiniger Besitzer von "Rimi Latvija". - Seit Anfang März 2025 nun aber nicht mehr: ICA verkauft sein gesamtes "baltisches" Segment für 1,3 Milliarden Euro an die dänische "Salling Group" - und fällt durch exklusive Wortwahl auf: nun wird nicht mehr "investiert", sondern "divestiert". Da schlagen wir besser nicht im Wörterbuch nach (denn dort steht "divest" auch für etwas rauben oder stehlen), sondern im Handbuch für Betriebswirtschaftslehre (= Kapitalfreisetzung durch Veräußerung von Vermögensgegenständen). Laut Wikipedia auch „Beendigung oder Aufhebung einer Investition“. (lsm)

Man wolle sich nun mehr auf den schwedischen Markt konzentrieren, so eine ICA-Pressemitteilung. "Rimi Baltic" hatte zuletzt 11.000 Angestellte und 314 Läden in allen drei baltischen Staaten (135 in Lettland). Im Gegensatz zum bisherigen schwedischen Besitzer betonen die neuen dänischen Eigentümer, ihr Unternehmen konzentriere sich schon lange auch auf das Geschäft außerhalb des eigenen Landes Dänemark. Zu "Salling" (bis 2018 noch "Dansk Supermarked A/S") gehören unter anderem auch "Starbucks" und der Discounter "Netto" (seit 1990 auch in Deutschland). 2019 hatte die Salling-Gruppe ihrerseits verkündet, sich aus Schweden zurückzuziehen (Lebensmittelzeitung). 

Wird es günstiger? 

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Bei Lebensmitteln sei längst "europäisches Niveau" erreicht, stellte Ende 2024 eine Analyse des lettischen Radio fest, und fragte nach Gründen für teilweise "astronomisch hohe" Lebenmittelpreise (lsm). Die Redaktion hatte einen Einkaufskorb für Vergleichskäufe zusammengestellt, bestehend aus Mehl, Toastbrot, Milch, Zucker, Hühnerfilet, Eier, Äpfel, Kartoffeln und Orangensaft.

"Rimi" selbst schreibt: "71% der Käuferinnen und Käufer nutzen beim Einkauf Sonderangebote" - ein bekannter Markenname oder das Design der Verpackung dagegen seinen weniger wichtig. Sogar ob ein Produkt aus Lettland stamme oder nicht, sei von geringer Bedeutung. In einer anderen Umfrage sagen 40%, wenn es um Einsparungen gehe, würden sie es zuerst beim Lebensmitteleinkauf versuchen. 

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"Latvijas Radio" verglich die Preise bei "Rimi", "Maxima" und "Lidl", und befragte zudem auch Lettinnen und Letten in verschiedenen anderen EU-Ländern. Es wird auch darauf hingeweisen, dass Menschen in drei EU-Ländern 20-25% ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben: Bulgarien, Rumänien und auch Lettland (in anderen EU-Ländern unter 15%). 

Beim Blick auf die Kassenzettel der drei getesteten Anbieter muss vielleicht hinzugefeügt werden, dass für das Jahr 2024 "Maxima" wie auch "Rimi" Gewinne bilanzierten, während "Lidl Latvia" 14,8 Millionen Euro Verluste verbuchte. Die langfristige Strategie von "Lidl" sei es, den niedrigsten Preis mit der besten Qualität für einen täglichen Warenkorb an Lebensmitteln zu bieten, heißt es. Eine Sprecherin von "Rimi" wies darauf hin, dass dort 700 Produkte unter dem Label "wahrscheinlich den niedrigsten Preis auf dem Markt" angeboten würden, eine Preislage, die jede Woche neu überprüft werde. (lsm)

Für Deutschland wurde zwar festgestellt, dass für den festgesetzten Warenkorb etwas mehr Geld bezahlt werden muss - aber der durchschnittliche Einkommensunterschied beider Länder sei auch enorm: wer mit Mindestlohn arbeiten muss, verdiene in Deutschland etwa 2000 Euro monatlich, in Lettland aber nur 700 Euro, so heißt es. 

Regionale Verhältnisse

Eine Kommission des lettischen Parlament macht sich derweil Sorgen um den Anteil einheimischer, also lettischer Produkte im Lebensmittelsortiment.  Eine Studie des lettischen Wirtschaftsministeriums weist für Brot einen (lettischen) Eigenanteil von 80% und bei Fleisch von 60% aus. Bei "Rimi" liege der Anteil lokaler Produkte bei insgesamt 30-40%, bei "Maxima" allerdings nur bei 20-30%. Jānis Šolks vom Verband der lettischen Milcherzeuger weist darauf hin, dass bei einem so einfachen Produkt wie pasteurisierter Milch der Eigenanteil von Milch aus Lettland nur bei 50% liege - die andere Hälfte stamme aus Estland und Litauen. (lsm)

Iveta Liniņa, Professorin an der Hochule Turiba in Riga, weist darauf hin, dass die geopolitische Lage wohl die "ICA-Gruppe" dazu bewegt habe, "Rimi" zu verkaufen. Schließlich habe auch die schwedische "Södra" erst kürzlich beschlossen, ihren gesamten Besitz an lettischen Waldflächen zu veräußern. ("IR") "So wie es aussieht, wollen sich die Schweden vielleicht auch auf Distanz zur östlichen Grenze der EU bringen", vermutet die Ökonomin. Es sei aber auch ein Kaufkraftrückgang in Lettland zu beobachten. (lsm)

Zudem habe sich die Hoffnung auf ein starkes Wirtschaftswachstum in den baltischen Staaten vorerst zerschlagen, meint Henriks Danusēvičs, Präsident der lettischen Händlervereinigung. Zudem habe der Markteinstieg von "Lidl" einen Teil des Marktes weggenommen. Dass aber insgesamt die schwedischen Investitionen in Lettland nicht zurückgegangen sind, bestätigt auch Laura Štrovalde, Chefin der lettischen Investitionsagengtur (Latvijas Investīciju un attīstības aģentūras LIAA): "Von insgesamt 25,8 Milliarden Euro an Investitionen halten schwedische Unternehmen gegenwärtig einen Anteil von 30,5%", berichtet sie. (lsm)

17. Februar 2025

Bienenfrei

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Ein Land wo Milch und Honig fließt - eigentlich keine große Utopie. Kühe und Bienen - dort, wo die Landschaft noch nicht komplett gewinnbringend und Ressourcen verbrauchend durchgetaktet ist, eigentlich keine besondere Erwähnung wert.
Gut, heutzutage haben sich einige Menschen ausgedacht, keine Milch mehr konsumieren zu wollen - und ob jeder Haushalt ein Glas Honig im Regal stehen hat, ist vielleicht auch unsicher. Bei der Nützlichkeit der Bienen dagegen scheinen sich die meisten einig zu sein. 

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Nun kam in den vergangenen Monaten auch in Lettland die Frage auf, ob das denn überhaupt Honig ist, was in den Supermarktregalen zum Verkauf steht. 20 Honigproben wurden getestet, davon erreichten weniger als ein Drittel (nur 14 von 20) die allgemeinen Qualitätsstandards. "Was dort auf den Verpackungen als Inhalt ausgewiesen wird, ist das überhaupt Honig?" fragt sich auch Baiba Tikuma vom lettischen Imkerverband (Latvijas Biškopības biedrība LBB). 3300 Imkerinnen und Imker haben sich im 1994 neu gegründeten LBB vereinigt, laut Selbstaussage sind das zwei Drittel aller Imkerbetriebe in Lettland. ("IR")

Der Imkerverband beruft sich auf Kontrollen des lettischen Lebensmittel- und Veterinärdienstes ("Pārtikas un veterinārais dienests"), ausgelöst durch neue Untersuchungsmethoden des estnischen Labors "Celvia" (siehe auch: ZM). Die zuständige lettische Behörde versucht sich hier an einer grundlegenden Definition: "Honig ist eine natürliche, süße Substanz, die von Bienen (Apis mellifera) aus dem Nektar von Pflanzen gewonnen wird." Viel Aufsehen erregte eine Untersuchung von Honig in deutschen Supermärkten, wo ebenfalls die meisten Proben als "nicht echt" eingestuft wurden (Bienenjournal, NDR, ZDF, SWR, Verbraucherzentrale)

Honig nicht gleich Honig? 

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Schon 2023 waren Studien im Auftrag der Europäischen Kommission veröffentlicht worden, denen zufolge der Verdacht aufkam, vielen Honigsorten werde unzulässigerweise einfach Sirup beigemischt. Grundlage der neuerlichen Tests war offenbar das Interesse des estnischen Honivermarkters "Nordmel", Honig nach Japan zu exportieren. "Celvia" hatte in Zusammenarbeit mit Hunderten von freiwilligen estnischen Imker/innen eine Datenbank für estnischem Honig erstellt.

 „Die DNA-Analyse erkennt alle Arten von Pflanzen, Bakterien, Pilzen und Insekten, mit denen Honigbienen und Honig in Kontakt kommen", erklärt "Celvia"-Repräsentant Kaarel Krjutškov. "Die DNA -Sequenzen von Hunderten und Tausenden von Arten beschreiben die Zusammensetzung von Nektarpflanzen und ermöglichen unter anderem die Überwachung von Bienenpathogenen und Parasiten. Gleichzeitig hilft das DNA-Profil dabei, die Authentizität und den Ursprung des Produkts zu identifizieren, da die Pflanzen den geografischen Bereich der Biene zeigen“.  

Unlauterer Wettbewerb?

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Lettische Imkerinnen und Imker fordern nun eine einheitliche Regelung für alle Länder der Europäischen Union: erstens die Anerkennung der DNA-Testmethode, und zweitens soll alles, was dort als nicht natürlich identifiziert ist, nur noch als "künstlicher Honig" verkauft werden dürfen (PVD).  

Allerdings gibt es auch auf dem lettischen Honigmarkt Tendenzen, die ungewöhnlich wirken. In Lettland gibt es fast 5000 Honigerzeuger (siehe LBB), da möchten manche gern durch besondere Angebote auffallen: Honig mit Johannnisbeer- oder Himbeer-Zugabe, oder "Schokoladenhonig" sind da nur Beispiele. Ein Beerenanteil von 30% pro Glasinhalt scheint ziemlich üblich - und sogar Beeren vom Schneeballstrauch oder vom Chinesischen Limonenbaum (lettisch "Citronliāna") können sich im Honigglas wiederfinden (z.B. meduspils). Zwar gilt wohl das Argument "alles auf Grundlage des Naturprodukts", aber dem könnte zum Beispiel entgegen gehalten werden, dass zum Beispiel Schokolade ja nicht mit in Lettland hergestellten Rohstoffen hergestellt wird. 

Stolz auf die eigene Ernte

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Der Imkerverband empfiehlt die Kennzeichnung regionaler (lettischer) Produkte mit “Ievākts Latvijā” (sinngemäß: "geerntet in Lettland"). Damit sei garantiert, dass keine Zweitvermarkter am Werk waren, es sich nicht um ein Mischprodukt handle, und der Honig "nicht aus der Ukraine, China, oder anderen Ländern" komme. (Meduspils)

Gemäß Umfragen der Agentur SKDS geben 68% der Verbraucherinnen und Verbraucher in Lettland an, Honig als Zusatz zu Getränken wie Tee, Kaffee, Wasser etc. zu verwenden. 26% nutzen Honig als Bestandteil der Essenszubereitung, so dieselbe Umfrage. 

Um Honig im öffentlichen Bewußtsein präsent zu halten, baut das lettische Honig-Marketing unter anderem auf das "Honigfrühstück" ("Eiropas medus brokastis") - eine Kamapgne, die 2007 in Slowenien zuerst durchgeführt wurde. Seit 2013 besuchen auch in Lettland Imkerinnen und Imker Schulen und verteilen Honig-Kostproben (Sala, Talsi, Vecsaule, Daugavpils, Taurupe, Valmiera, Priekule, Staļģene, und viele andere). In Deutschland berichtete zwar das "Bienenjournal", mitmachende Schulen gab es jedoch bisher nicht. 

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Eine andere lettische Inititave versucht, bestimmte Orte zu "Bienenbotschaften"("Bišu vēstniecības") zu erklären. Diesem Konzept hat sich das Hotel "Janne" in Riga angeschlossen. Ein kleines 3-Sterne-Hotel im Ortsteil Āgenskalns, das auf dem Dach eigene Bienenstöcke ("Bienenhäuser") betreibt. "In Āgenskalns sind Linden weit verbreitet, die die Hauptnektarquelle für Jannes-Bienen darstellen", heißt es hier.

Kundenfragen und Zunftsvisionen

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Um aber mit billigen Massenprodukten konkurrieren zu können, zählt auch die Ästhetik. "Manchmal bildet sich etwas weißer Schaum auf dem Honig im Glas", gibt Imkerin Baiba Tikuma zu, "und in Internetforen wird dann gefragt: Ist das gefährlich?" Verbraucherinnen und Verbraucher mögen es eben gern transparent und sauber. ("IR") In diesem Fall sind es aber nur Luftbläschen - die sich vor allem dann bilden, wenn wenig Wasser im Honig vorhanden ist – also eher ein Qualitätsmerkmal.

Laut lettischem Amt für Statistik ist die Honigproduktion in Lettland stark angestiegen: waren es 2013 noch 1555 Tonnen, so waren es 2023 schon 2319 Tonnen. Der Verbrauch jedoch geht zurück: gegenwärtig sind es pro Jahr und Einwohner/in noch 710 Gramm - fast 100g weniger als vier Jahre zuvor ("IR"). In Deutschland dagegen deckt heimischer Honig nur 30% des Bedarfs. Imkerin Baiba Tikuma hat einen interessanten Vorschlag für die Zukunft in Lettland: "Bei uns hat doch jeder seinen eigenen Zahnarzt, jeder und jede den eigenen Friseur. Warum nicht auch den eigenen Imker oder Imkerin? Das ist doch genauso eine Frage der Gesundheit!" ("IR")

27. Dezember 2024

Wer dreht am Rad?

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Ein Riese für alle

Es sollte eine der größten Attraktionen der Stadt Riga werden: bei gutem Wetter sollte es möglich werden, von hier aus das Meer (die Ostsee) zu sehen. 10 Millionen Euro soll es gekostet haben und ist heute für alle, die von Rigas Altstadt aus über die Daugava auf die andere Flußseite blicken, unübersehbar. Am Rande dessen, was früher "Siegespark" ("Uzvaras parks") hieß, steht nun Rigas 65m hohes "Panorama-Rad".
Über den Bauherrn und Eigentümer hieß es anfangs nur, es sei eine Firma "RPR operator”, die in Litauen registriert sei. (lsm / LA) Deren Repräsentant Dimitrijs Uspenskis vertritt die Betreibergesellschaft auch gegenüber der Presse. 

Inzwischen ist "RPR Operators" auch als Unternehmen in Lettland registriert und wurde ursprünglich von Dmitrijs Uspenskis gegründet. Doch nun ist der eigentliche Nutznießer der in Russland geborene Geschäftsmann Rustam Gilfanov, der seit März 2022 die Anteilsmehrheit des Unternehmens übernahm. Über "Racoonstruction Holding Limited", ein in Malta registriertes Unternehmen, besitzt er 55 % der Kapitalanteile von RPR Operator, während die anderen Eigentümer das Unternehmen "Panoramica" (Dimitrijs Uspenskis, Darja Uspenska und Anatolys Predkel) sind.

Nach Geldquellen wird nicht gefragt

Mitte Dezember wurden die letzten Bauarbeiten am neuen Riesenrad beendet, nun soll noch eine Sicherheitsprüfung folgen bevor alles der Öffentlichkeit übergeben werden soll. Aber Fragen nach dem Investor bei RPR, der dieses Projekt jetzt finanziere, werden nicht so gerne beantwortet - so ein Bericht in der lettischen Zeitschrift "IR".
Rustams Gilfanovs, 1983 in der Gegend des russischen Perm geboren, ist auch schon der lettischen Sicherheitspolizei bekannt: seine befristete Aufenthaltserlaubnis wurde nur wegen seinen Investitionen in die lettische Wirtschaft verlängert. ("IR") Bekannt ist über ihn, dass er Studienabschlüsse in Rechtswissenschaften an der Staatlichen Universität Udmurtien vorweisen kann, und zusammen mit anderen Geschäftspartnern früher schon mal mit "Lucky Labs" in der Glückspielbranche (Software) tätig war, auch in der Ukraine. Nach dem von Russland in der Ostukraine  begonnenen Krieg habe Gilfanovs dann bis 2018 auf der Sanktionsliste der Ukraine gestanden, berichtet "IR". Laut lettischem Unternehmensregister ist aber seit 2022 als ständiger Wohnsitz Lettland angegeben; als russischer Staatsbürger taucht er nun nicht mehr auf, denn inzwischen ist er Bürger eines Karibikstaates geworden: der Föderation des Inselstaats St. Kitts und Nevis. Diversen Internetseiten zufolge lässt sich diese Staatsbürgerschaft gegen Zahlung einer gewissen Geldsumme erwerben. (IR / lsm)

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so stellen sich die Erbauer den Ausblick vom
neuen Riesenrad auf Riga vor

2019 erhielt die Firma "RPR Operators" die Baugenehmigung für das Riesenrad, als einzige Bewerberin auf eine entsprechende Ausschreibung. Im Oktober 2019 wurde ein Vertrag mit 30 Jahren Laufzeit abgeschlossen, die gesetzlich maximal mögliche Dauer. Zu dieser Zeit war das Bürgermeisteramt gerade von Nils Ušakovs auf Oļegs Burovs (GKR) übergegangen, der das Projekt mit den Worten bewarb: "Wollt ihr Pārdaugava entwickeln, dann müsst ihr dafür stimmen." Und Vladimirs Ozoliņš, Chef des Immobiliendezernats der Stadtverwaltung meint: "Wir hoffen, dass dieses Riesenrad 30 Jahre hält." Einige Medien berichten, nach Ablauf der 30 Jahre Vertragslaufzeit gehe die Anlage in das Eigentum der Stadt Riga über (Jauns / LTV).

Recherchen der Zeitschrift "IR" zufolge hatte RPR bis Anfang 2024 Schulden in Höhe von 300.000 Euro angehäuft. "Die Stadt Riga hat keine Möglichkeiten zu überprüfen, aus welchen Quellen das Geld eines Invetors stammt," meint Vladimirs Ozoliņš. "Wir überprüfen ihre Bankkonten nicht", sagt er und fügt hinzu, 2019, als über das Projekt entschieden worden sei, seien bezüglich des Unternehmens keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden.

Neue Skyline

Der Vertrag sah vor, dass die Bauarbeiten innerhalb von drei Jahren abgeschlossen sein sollten - aber durch die Pandemie traten Verzögerungen ein, das Bauamt prüfte die Unterlagen fast ein Jahr lang. "Wir sind ja kein Land mit vielen solchen Riesenrädern, die Bauverwaltung hatte wenig Erfahrung mit solcher Art Ingenieursarbeiten," sagte Ozoliņš, nicht ohne einen Vergleich zu wagen mit dem Eiffelturm in Paris.

Lange wurde überlegt, welchen Effekt das neue Bauwerk auf die Stadtsilhouette am linken Daugavaufer haben würde, und wie man es für einen möglichst positiven Eindruck ausrichten müsste. Anfang 2023 begannen dann die Bauarbeiten. Aber eigentlich hat der Boden dort seine Tücken - durch die in der Nähe fließende Mārupīte bleibt der Boden schlickhaltig. Der Bau wurde durch 122 Pfähle stabilisiert, die Hälfte davon bis zu 30m tief im Boden verankert. Auf diese Weise soll das 65m hohe Riesenrad auch starken Windböen trotzen können. 1200 m³ Beton wurden verbaut. 

"Weltweit ist unsere Anlage eher mittelgroß," meint RPR-Vertreter Dimitrijs Uspenskis, "denn London, Las Vegas oder in Skandinavien sind andere Maßstäbe gesetzt worden. Aber unser Riesenrad ist groß im Verhältnis zu unserer Stadt“. Es gibt 30 beheizte Kabinen mit jeweils acht Sitzplätzen. Splittergeschütztes Spezialglas wurde aus Spanien geliefert. "Wir hoffen, dass auch diese Bauweise zu einem Exportprodukt werden kann," erläutert Uspenskis, "anderswo in Europa sind ja Riesenräder in Betrieb, die aus den 1970iger und 1980iger Jahren stammen." (IR)

Die Rigaer Variante ist von der Architektengruppe A.I.D.E. entworfen worden, unter Leitung von Jānis Rinkevičs. Monteure kamen auch aus den Niederlanden und Polen, die Aufsicht hatte der deutsche TÜV Rheinland. 

Vergnügungsaussichten

Eine Fahrt im "Panorama-Rad" soll zukünftig 15 Minuten dauern, und so 10 - 12 Euro kosten - allerdings je nach Saison unterschiedlich. Um die 25 Angestellte wird es benötigen, das Rad jeden Tag, Sommer wie Winter, in Betrieb zu halten. "Wir wollen einen Platz schaffen, wo sich Menschen mit der ganzen Familie mehrere Stunden aufhalten können", sagt Uspenskis. Und er betont auch, dass die Stadt Riga hier keine Steuergelder für ein Projekt ausgeben musste - aber von den Betreibern jährlich 24.500 Euro Miete einnimmt. Mindestens alle sechs Jahre soll die Höhe dieser Miete überprüft werden - von zertifizierten Gutachter/innen.

Haben die Planungsbehörden den richtigen Standort gewählt? Es gibt durchaus Menschen, die ganz in der Nähe wohnen - bisher sind von den Bewohner/innen dort nur Sorgen um mögliche Geräuschbelastung und zunehmenden Straßenverkehr zu vernehmen. Anfangs waren auch andere Standorte, wie zum Beispiel an der Esplanāde nahe der großen orthodoxen Auferstehungskirche geprüft, aber wieder verworfen worden. "Beachtet muss vorallem die Erreichbarkeit, denn dieser Ort wird täglich von Hunderten Menschen besucht werden," meint Stadtplaner Viesturs Celmiņš. Er macht sich Sorgen, dass wegen fehlender Parkmöglichkeiten die Besucher/innen dann überall die Straßen in der Nähe zuparken könnten. 

Es wird aber sicher Leute geben, die ungeduldig auf die Eröffnung warten. Umfragen ergaben, dass 62% der lettischen Bevölkerung das Riesenrad "bestimmt" oder "wahrscheinlich" nutzen würden (TV3 "ganz bestimmt nicht" antworteten 11%). Andere fragen sich, ob die Tatsache, dass der Investor möglichweise auf einer Ukraine-Sanktionsliste zu finden ist, das fast fertiggestellte Projekt doch noch verhindern kann. Der aktuelle Rigaer Bürgermeister Vilnis Ķirsis sagte kürzlich in einem Interview: "Die Stadt Riga hat mit diesem Bauvorhaben nichts zu tun." (LA) Die Stadt sei keine Ermittlungsbehörde (jauns).