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12. März 2023

Lernen, oder gehen

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Unter dem Eindruck des russischen Angriffskriegs in der Ukraine änderte das lettische Parlament (Saeima) im vergangenen Jahr das Einwanderungsgesetz: die neuen Bestimmungen sehen vor dass Personen, die Bürger oder Nichtbürger Lettlands waren und die Staatsbürgerschaft Russlands oder Weißrusslands angenommen haben, bis September 2023 ein Dokument zum Nachweis der Kenntnis der Landessprache Lettlisch vorweisen können müssen. Als Frist wurde der 1. September gesetzt.

Um weiterhin eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zu behalten, müssen Einwohner Lettlands mit einem russischen oder belarussischen Pass bei der Direktion für Staatsbürgerschafts- und Migrationsangelegenheiten (Pilsonības un migrācijas lietu pārvaldē PLMP) einen Nachweis über Kenntnisse der Landessprache mindestens auf dem Niveau A2 (unterste Stufe, Grundkenntnisse) vorlegen. Die Sprachtests werden vom "Staatlichen Zentrum für Bildungsinhalte" (Valsts izglītības satura centra VISC) organisiert. 

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Als das Gesetz verabschiedet wurde, ging man noch davon aus, dass etwa 22.300 Menschen von der neuen Regelung betroffen sein werden. Wer über 75 Jahre alt ist von der Sprachprüfung ausgenommen. Dies berücksichtigend, dazu einige andere Ausnahmen, werden etwa 18.000 Menschen diese Lettisch-Prüfung ablegen müssen, wenn sie weiter mit unbegrenzter Aufenthaltserlaubnis in Lettland leben wollen. "Wir sind uns bewußt, dass das für uns eine riesige Herausforderung wird," meint Liene Voroņenko, Leiterin des VISC, gegenüber der Zeitschrift "IR". In lettischen Zeitungen werden schon Anfragen etwa dieser Art laut: "Meine Frau ist russische Staatsbürgerin - wenn sie die Sprachprüfung nicht besteht, wird sie dann deportiert oder muss ich mich scheiden lassen?" (LA

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Eine von 10.439 Bürgerinnen und Bürgern unterstütze Eingabe an das lettische Parlament, die neuen Sprachregelungen wieder aufzuheben, wurde am 2. Februar mit Mehrheit abgelehnt (siehe auch: manabalss.lv). "Wir sind loyal gegenüber dem Staat Lettland", betonte Olga Petkeviča, eine der Initiatorinnen. Der Gebrauch der russischen Sprache sei einfach ein Mittel zur gegenseitigen Kommunikation, keine Loyalitätserklärung gegenüber Russland oder Putin.

Viele werden sich also zu einer Sprachprüfung anmelden müssen - und dafür auch selbst zahlen. Die zu entrichtende Geführ wird auf 52 Euro beziffert. Immerhin werden kostenfreie Lehrmaterialien bereitgestellt, die genauen Anforderungen für Level A2 sind im Internet einsehbar. Gleichzeitig wird von bereits jetzt existierenden langen Warteschlangen berichtet. Die Anmeldung ist seit dem 1. Februar möglich (siehe VISC), aber Termine werden vom zuständigen PLMÜ oft nur langfristig vergeben. PMLP-Mitarbeiterin Madara Puķe zufolge sind 48 zusätzliche Mitarbeiter und zusätzliche Finanzmittal von 2,3 Millionen Euro nötig, um die Änderungen des Einwanderungsgesetzes umzusetzen.(IR)

Warum haben überhaupt Menschen die russische Staatsbürgerschaft angenommen? "Ja, einige mögen vielleicht auch irgendwann einmal für Putin gestimmt haben", gibt auch Aktivistin Petkeviča zu, "aber was für eine Bedrohung der Staatssicherheit soll heute von alten Leuten ausgehen?"
Die Zeitschrift "IR" zitiert das Beispiel der Irēna Birjukovska aus Daugavpils. Damit ihre Tochter arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen konnte, beschloss sie, sich um ihr Enkelkind zu kümmern. Zu dieser Zeit hatte sie sich auch von ihrem Mann scheiden lassen. „Ich muss die Wohnung bezahlen, aber es gab keine Arbeit, und die Rente war noch in weiter Ferne“, skizziert sie ihre finanzielle Situation. Dies veranlasste ihn, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Durch einen solchen Schritt könnte die Rente (aus Russland) ab dem 55. Lebensjahr bezogen werden. Das ist nun 10 Jahre her. "Ich bin allein, habe keine Arbeit, da sind die Chancen für eine Aufenthaltserlaubnis wohl nicht besonders hoch ..." (IR)

Von Innenminister Māris Kučinskis (AS) waren inzwischen Andeutungen in der Presse zu lesen, die strengen Regelungen vielleicht etwas zu lockern, schon allein wegen begrenzter Kapazität an Arbeitskräften bei der PMLP. Er deutete an, die Behörden könnten vielleicht jeden Einzelfall gesondert behandeln, anstatt stur am 1.September den Schlußstrich zu ziehen (tvnet)

23. April 2013

Lettische Schüler keine Patrioten

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Schulausflüge zu Heldendenkmälern -
offenbar nicht auf dem Lehrplan
Während in Lettlands großen Flüssen die Frühjahrsfluten auf ungewöhnliche Höhen steigen, fühlt sich ein Teil der ethnischen Letten offenbar anderen Bedrohungen ausgesetzt. In den lettischen Medien sind Ergebnisse einer Umfrage der Agentur "SKDS" zitiert die den Titel trägt "Die gute Schule - Wünsche und Wertungen". Die Tageszeitung "Latvijas Avize" fasst es in der provozierenden Frage zusammen: Sollen Kinder in der Schule lernen, ihr Leben für Lettland zu geben?

Lettische Eltern sind sich da offenbar nicht so sicher. Während 25% meinen, die Schule sei für die "patriotische Erziehung" zuständig, wollen 27% das lieber der Entscheidung des einzelnen Schülers und seinen Eltern überlassen wissen. 43% weisen sowohl den Eltern wie der Schule die Verantwortung zu. Sollen Schüler in der Schule lernen, ihr Leben für Lettland zu geben? Darauf antwortet eine klare Mehrheit von 61% der Befragten mit "nein" (nur 17% mit "ja"). SKDS-Chef Arnis Kaktiņš wird mit seiner Interpretation dieser Zahlen zititiert: wer selbst sein Leben für Lettland geben wolle, der wünsche eben auch eine Erziehung seiner Kinder mit eben diesen Zielen. Diese Aussagen würden übereinstimmen mit dem derzeitig sehr niedrigen Vertrauen der Menschen in ihren Staat, und ebenso interessant sei, dass sich die Antworten zwischen Russisch- und Lettischsprachigen kaum unterscheiden.

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Was sollten lettische Schulen in den Vordergrund
stellen - ethische Ideale oder materielle Ziele?
Sollen die Lehrpläne in den Schulen auf eine Beachtung der Interessen des Staates und der Gesellschaft ausgerichtet sein, diese zu ehren sowie Pflichten zu erfüllen? Oder ist es wichtiger dass die Schüler in der Schule lernen die eigenen Interessen zu wahren und Erfolge zu erreichen? 29% sprechen sich für eine Beachtung der gesellschaftlichen Interessen aus, 36% sehen das eigene Kind im Vordergrund. 31% sprechen sich dafür aus beides möglichst auszubalancieren.



Englisch für alle, Russisch für viele
Klar ist auch die Meinung zu den Schulfächern und den Kenntnissen, die in der Schule auf jeden Fall angeboten werden sollten. 80% halten Englisch als Fremdsprache für unverzichtbar, erstaunliche 77% aber auch Sport und Körpertüchtigung. Immerhin 59% finden auch Russisch wichtig (Deutsch liegt bei 35%), nur 1% spricht sich völlig gegen Russischunterricht aus. In lettischsprachigen Familien sprechen sich 47% unbedingt und weitere 41% für "eher dafür" pro Russischunterricht aus.

Beim Thema Geschlechtergleichberechtigung zeigen sich auch diesmal die Lettinnen und Letten als relativ konservativ. 61% sind der Ansicht, dass in der Schule Jungen und Mädchen unterschiedliche Fähigkeiten lernen sollten: Jungen sollten eher sägen und einen Nagel einschlagen lernen, während für Mädchen eher nähen und stricken geeignet sei (keine Angaben machte SKDS dazu, wie die Geschlechter bei den Befragten verteilt gewesen seien).

Kirche und Schule - eher distanziert
Nicht so konservativ beurteilen die Befragten das Thema Religion und Schule: 56,4% betrachten die religiöse Einstellung als eine Frage der Person oder der Familie, worin sich die Schule nicht einzumischen habe. Nur 33% sagen eine christliche Erziehung in der Schule können den Kindern nur gut tun.

Bei den Finanzen sind sich viele wieder einig: nur 7% meinen, die Kosten für Lehrmittel und Bücher sollten völlig von den Eltern getragen werden, während 67% die Kostendeckung als staatliche Aufgabe sehen.

Hier noch die "Hitliste" wichtiger Schulfächer - zusammengenommen die Antworten "sollte unbedingt gelehrt werden" und "sollte eher doch gelehrt werden":
Englisch - 81%
Sport - 78%
Mathematik ("Rechnen ohne Taschenrechner") - 78%
Sichere Nutzung des Internets - 63%
Russisch - 61%
Musik und Gesang - 53%
Schönschreiben - 53%
patriotische Erziehung - 44%
Deutsch - 41%
Spanisch - 19%
skandinavische Sprachen - 19%
alte Sprachen - 17%
Chinesisch - 14% (2% halten es für unverzichtbar)

Wie immer ist interessant nachzulesen, wie die lettische Lesergemeinde in den verschiedenen Internetportalen auf diese Ergebnisse reagiert. "Wir haben es eben in 20 Jahren Unabhängigkeit noch nicht geschafft, unser 'Lettisch-Sein' neu zu begründen und zu festigen," meint ein Leser auf NRA.lv, "weder durch die Sprache, noch durch eine spezielle Lebensweise, gar nicht zu reden von einem eigenen Charakter der Staatlichkeit." Andere meinen, Jugendliche hätten nachweislich Schwierigkeiten Arbeit zu finden ohne Russischkenntnisse, das sei nun mal Realität und auch nicht dadurch zu bekämpfen, wenn man Russisch von den Lehrplänen entferne. Auch mehr Kenntnisse der Ökonomie werden als unverzichtbar für zukünftige Lehrpläne gefordert - diese Notwendigkeit würden schon die vielen Wirtschaftsskandale zeigen. Misstrauisch gegenüber den gesamten Umfrageresultaten zeigen sich auch Leser bei delfi.lv: während die einen das Umfrageinstitut verdächtigen "nur Russen" gefragt zu haben, halten andere die Zahlen für politische Reklame für bestimmte Parteien (im Kommunalwahlkampf). Apollo.lv stellt gleich die ganze Berichterstattung unter die Schlagzeile: War die Schulbildung zu Sowjetzeiten besser? Nur eines scheint angesichts des heiß diskutierten Themas klar zu sein: es ist offenbar viel leichter durch ein paar Thesen Letten untereinander zum Streit zu bewegen als zu konstruktiven Überlegungen zum gemeinsamen Nutzen. Nun kann man ja darüber streiten, ob dies ein Ergebnis der Schulbildung ist ...

6. Februar 2013

Who the hell are „Depardjē“ and „Olands“?

Auf Lettisch muß man ja noch aussprechen Ualands für den zweiten. Wer Rēcs, Rēts, Rētcs oder Rētss sein könnte, mag dem Leser sich schneller eröffnen. In den 90ern gab es eine amerikanische Fernsehserie, die in Lettland „Beverlihilsa“ hieß. Noch ein bißchen einfacher. Und wie steht es mit „Klāra Šūmane-Wīka“?

Wem nicht gleich klar ist, von welchen Personen und Orten hier die Rede ist, möge ein wenig knobeln.

Worum geht es? In der lettischen Sprache werden Eigennamen nicht einfach übernommen, sie werden transkribiert. Die Letten sollen sie anschließend in ihrer Schreibweise so aussprechen können, wie im Original. Das natürlich ist schwer möglich, da es für viele Laute gar keinen lateinischen Buchstaben gibt und man auch erst einmal über Philologen aller Sprachen der Welt verfügen müßte, um die unzähligen Diphthonge zu kennen. Darum heißt die Iron Lady im Lettischen eben „Tečere“ und der frühere französische Präsident ist der mittlere Rand oder eben „Miterands“.

Was hier so lustig daher kommt, hat durchaus auch juristische Folgen. Vor einigen Jahren klagte eine Lettin nach ihrer Hochzeit mit einem Deutschen namens Mentzen vor dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und bekam dort nicht Recht. Den Richtern genügte das Angebot der lettischen Behörden, die Originalschreibweise in ihrem Paß wenigstens in Klammern hinzuzufügen.

Der Autor dieser Zeilen wird in sämtlichen Verträgen – also juristischen Dokumenten – ebenfalls nur im Original genannt. Da er über keinen lettischen Paß verfügt wäre es sonst auch nicht ganz einfach zu beweisen, daß mit einer der eingangs genannten Schreibweisen in einem Dokument tatsächlich er gemeint ist.

Nichtsdestotrotz ist Anlaß für diese neuerliche Erwähnung des Themas ganz gewiß der Umstand, daß man ja meistens wie bei „Rihards Vāgners“ und im Genitiv der „Riharda Vāgnera iela“ noch halbwegs darauf kommt, wer gemeint sein könnte. „Olands“ hingegen stellt nun wirklich auch gegenüber mittleren Rändern eine neue Dimension dar.

Einzige Entschuldigung ist, daß die vielen vom lateinischen Alphabet abgeleiteten Sonderzeichen der slawischen und auch baltischen Sprachen denn auch in der deutschen oder englischen Presse ignoriert werden. Aber wer verlangt, jedweden fremdsprachigen Namen in jedwedem Land richtig auszusprechen?

15. September 2012

Deutsche Sprache, schwere Sprache ...

Neustart nötig?
Die Pflege der deutschen Sprache verlange in Lettland nach einem "Re-Start" - so eine lettische Initiativgruppe, die kürzlich in der Rigaer Zentralbibliothek eine Veranstaltungsreihe eröffnete, die bis zum Ende des Jahres Begegnungen mit Lettinnen und Letten ermöglichen soll, die von erfolgreich angewendeten Deutschkenntnissen erzählen. Tālivaldis Kronbergs, einer der Initiatoren, Gründer und Leiter des Portals "StudentNet", arbeitete zunächst daran, ein Netzwerk gemeinsamer Träger dieser Veranstaltungsreihe zu knüpfen. Ihre Beiträge leisten nun das Goethe-Institut, das Mencendorff-Haus, der Verband der Deutschen in Lettland, die Deutsche Botschaft in Riga, das Institut für Auslandsbeziehungen (IFA), der Verband der Deutschlehrer Lettlands und die Zentralbibliothek der Stadt Riga. Auch die Verlage "Zvaigzne ABC", "Zinātne", "Atēna" und "Nordik/Tapals" haben ihre Unterstützung zugesagt.

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Deutsch - so wie es Mitte der 1990er Jahre an der
Baustelle der Deutschen Botschaft in Riga vermittelt wurde

Wie ist die Ausganglage? Wer als Deutscher die Lage in Lettland seit Wieder-erlangung der Unabhängigkeit länger beobachtet hat, vielleicht auch etwas Lettisch lesen und sprechen kann, um die Diskussionen in Lettland besser nachvollziehen zu können, der wird schon sehr verschiedene Einschätzungen und Beurteilungen zur Lage der deutschen Sprache gehört haben. "Das waren doch früher deutsche Gebiete, da wird sich die deutsche Sprache schon wieder durchsetzen" - eine derartige Äußerung begegnete mir selbst Anfang der 90er Jahre. Fast gleichzeitig gab es Nachkommen von Deutschbalten, die in Lettland offenbar "deutsches Erbe" zu inspizieren geruhten und dabei Äußerungen taten von der Art, die Letten hätten das vormals sorgsam geordnete deutsche Kulturgut nur wenig pfleglich behandelt. Oder es gab deutsche Banker, die eine Diskussion über Lettland mit Zahlen zum lettischen Handelsvolumen und einem Vergleich mit dem Umsatz an den deutschen Börsen einleiteten, und gleichzeitig immer die Funktion "Brücke nach Russland" betonten, statt sich mal näher um lettische Bedürfnisse und Ängste zu kümmern. Aus deutscher Sicht ist eben manchmal scheinbar vieles in Geld aufzuwiegen.

Deutsch-Lettisch außer Mode?
Und natürlich gab es lange Zeit fast keinen Austausch zwischen Letten und Deutschen - gerade die deutsche Seite zögerte den Beginn visafreien Reisens, der eigentlich 1996 schon spruchreif gewesen war, bis 1999 heraus. In dieser Zeit wurde der deutsche Reisemarkt fast ausschließlich von "Heimatreisenden" dominiert, die ihre Reiseziele bitteschön nur mit den alten deutschsprachigen Bezeichnungen benannt haben wollten (wer kennt "Hasenpoth"?) Der freie Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt wurde dem neuen EU-Mitglied Lettland bis Mai 2011 verschlossen - für Deutschland ein selbstverständliches Recht, für Lettland aber die Ursache, dass Arbeitssuchende auf dem internationalen Markt sich eher englischsprachig orientierten (und in englischsprachigen Ländern wiederum eigene Vereinigungen der dort lebenden Menschen gründeten, die ihre Erfahrungen viel intensiver nach Lettland zurückspiegeln).

Auf dem Reisemarkt wurde der erste positive Trend im Jahr 2004 ausgelöst, verursacht teilweise durch geballte deutsche Medien-Berichterstattung zum EU-Beitritt Lettlands, teilweise auch von guten Verkehrsverbindungen vor allem per Schiff. Eine erste Phase, um in Lettland den deutschen Markt ernst zu nehmen, und deutsche Sprachkenntnisse dann auch zu Hause angewandt werden können. In dieser Phase konnte man vielerorts in Deutschland hören: Riga? Lettland? Ja, davon habe ich schon gehört, da will ich irgendwann auch mal hin! Leider hielt der Trend nicht immer an: Billigflieger verleiten zwar zum kurzen Ausprobieren eines Reiseziels, nicht aber zum näheren Kennenlernen - und Städte mit Billigflughafen werden gegenüber den anderen Landesteilen wohl eindeutig bevorteilt. Dazu kam die Wirtschaftskrise - heute stehen einige, in Katalogen und auf Landkarten schon verzeichneten Hotels leer und verbarrikadiert in der Landschaft. Und auf lettischer Seite hat sich abseits des lettischen Fatalismus noch immer kein Gefühl für eine Stammkundschaft entwickelt: wer spontan für die Dienstleistung noch ein paar Lat mehr fordern kann als eigentlich angesagt, der tut es wohl - und glaubt sowieso nicht das Gäste auch wiederkommen. Außerdem herrscht der weitverbreitete Glaube vor, auch die deutschen Gäste mit Englisch ausreichend bewirten zu können (sicher, zum Geld einnehmen reicht es!).

Initiativen, Projekte: wer hilft?
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Einer der Initiatoren
der Veranstaltungs-
reihe zur Rolle der
Deutschen Sprache
in Lettland:
Tālivaldis Kronbergs
Schließlich noch die fehlenden Netzwerke. Soll man es begrüßen oder beklagen, dass man schon ein ziemlich eigensinniger, wundersamer Kauz sein muss, um sich über längere Zeit schwerpunktmäßig mit Lettland zu beschäftigen? Karriereabsichten - wenn es nicht gerade "schnelles Geld verdienen" ist - können es kaum sein. Ernstzunehmende deutschsprachige Medien zu Lettland oder den baltischen Staaten gibt es keine (keine, die über ihre speziellen Zielgruppen hinausgehen). Finanzielle Förderungen für deutsch-lettische Projekte sind einerseits schwer zu finden, andererseits immer nur auf die Dauer von maximal ein bis zwei Jahren ausgelegt. Wohl gibt es fachliche Kooperationen, aber kaum offene Netzwerke, die interdisziplinär für Menschen aller beruflichen und privaten Ebenen ausgelegt sind - oft muss man die Eindruck haben, wer irgendwo das Wort ergreift oder publiziert wird, muss schon besser einen Doktortitel vorweisen (nichts gegen Akademiker - aber oft gilt es dann gleichzeitig als Grund für die Kurzfristigkeit des Interesses der vielbeschäftigten Wissenschaftler mit bekannterem Namen). Schon seit seiner Gründung orientierte sich das Goethe-Institut in Riga eher auf die deutsche Hochkultur als auf Projekte zwischen den Menschen aus beiden Ländern. Etwas mehr als 3.000 Deutsche leben in Lettland - und gelten, wie es kürzlich eine Sendereihe des WDR ziemlich realistisch wiederspiegelte, eher als "wundersame Eigenbrödler" denn als konstruktive deutsch-lettische Aktivisten. Und dann noch der Ansatz des Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforums in Selm aus dem Jahr 2009, deren Teilnehmer/innen gegenüber deutschen Behörden in Lettland einen vermehrten Einsatz zu Gunsten der Deutschen Sprache forderten, aber erst nach längeren Nachdenken auch eine gleiche Wertigkeit des Lettisch-Lernens für Deutsche hinzufügen mochten.

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DELFI-Bericht übers Treffen der
Deutschsprachigen
Wird also das Interesse für Deutschland und die deutsche Sprache in Lettland wieder aufblühen? Interessant zu beobachten, dass schon ein einzelner Bericht über die oben erwähnte Veranstaltung im Portal DELFI eine ziemliche Diskussion auslöste. Eine durchaus "bunte" Besucherschar habe sich da in der Rigaer Stadtbibliothek versammelt, konstatiert die Reporterin. Und weiter: Ein deutsches Lied zur Einstimmung - von einem wunderschönen Tag der niemals enden möge, werden als Einstimmung von "einer Dame mit weißer Bluse am dunkelbraunen Klavier 'Riga' und Sängerinnen in Tracht und Spitzensöckchen" dargeboten. Die Motivation der Anwesenden, sich mit Deutschland und deutscher Sprache zu beschäftigen, seien ziemlich unterschiedlich gewesen: einige die wohl gern nach Deutschland auswandern wollten, andere als Historiker mit deutscher Sprache befasst, und wieder andere, die zusammen mit der starken deutschen Anti-Atombewegung solidarische Aktionen gemeinsam planen. "Keine Angst, die Veranstaltung findet in lettischer Sprache statt!" habe Moderator Kronbergs die Anwesenden beruhigt, berichtet DELFI weiter. Während die Vereinigung der Deutschen in Lettland kostenlose Hilfe beim Deutschlernen anbietet, zweifeln andere an Aussagen nur die englische Sprache öffne in der globalisierten Welt alle Türen. Die Stadtbibliothek bietet ihrerseits ihr Sortment an deutschsprachigem Lesestoff an.

Reaktionen und Einschätzungen
Durchaus ungewöhnlich aber, dass allein auf diesen einen Bericht bei DELFI über 200 Leserreaktionen eingehen. Abseits einzelner Meinungen ist hier vielleicht interessant zu erwähnen, was dort viel diskutiert wird, und was gar nicht. Stark vertreten sind zum Bespiel Äußerungen, die in irgendeiner Weise lettische Geschichte thematisieren, und zwar meist in Bezug auf frühere Phasen russischer oder deutscher Vorherrschaft in Lettland ("700 gadu zem vācu jūga bijām.."). Als ob Lettland nicht seit über 20 Jahren unabhängig wäre: für viele steht die Hinwendung zu einer bestimmten Sprache also im Zusammenhang damit, welchen "Einflußbereich" man gestärkt sehen möchte. Manche sehen die deutsche Sprache "in der Sowjetzeit unberechtigterweise zurückgedrängt", andere haben sogar noch die Schimpfworte aus der Zeit der "junglettischen Bewegung" (aus der Zeit vor Erlangung der Unabhängigkeit 1918) parat und meinen eher zynisch, in letzter Zeit habe sich die Zahl der "Kārklu vācieši" auch wieder stark vermehrt (Schimpfwort für Letten, die eine Annäherung an Deutschland befürworteten, oder sogar zu Deutschen werden wollten). Andere Stimmen meinen betonen zu müssen, Deutsche hätten schließlich den Letten die Bibel übersetzt und das Chorsingen beigebracht - "die Engländer dagegen nichts!".
Andere betonen eher ihre Schwierigkeiten mit allzu langen deutschen Worten: "Höchstgeschwindigkeitsbegrenzung, Hubschrauberlandeplatz - das kann doch keiner aussprechen!" Zustimmend reagieren diejenigen, die sowieso meinen, Deutsch könne in Lettland eher mit Russisch als zweiter Fremdsprache, nicht aber mit Englisch als erster konkurrieren. Auf die zunehmenden Anglizismen zielen wohl solche Äußerungen ab: "Selbst die Deutschen sprechen zunehmend Englisch!"  - Und was von Deutschen mitveranstaltete Konferenzen und Seminare in Lettland angeht, wird man eingestehen müssen, dass auch diese - wenn nicht in Lettisch - dann meist in Englisch veranstaltet werden, und sogar deutschsprachige Dokumentationen dazu fehlen: in Deutschland wird so niemand der unbeteiligt war diese Diskussionen in Lettland nachvollziehen können.

Etwas peinlich berührt könnten Deutsche vielleicht regieren, wenn sie all die Letten sehen würden, die ihr Deutsch von den billigen Fernsehserien lernen, die in Lettland lediglich eingesprochen oder mit lettischen Untertiteln gesendet werden (und dann alle angeblich "deutschen" Kanäle aufzählen, aber ARD und ZDF nicht kennen ...). Mir persönlich fehlt bei der ganzen Diskussion ein wenig mehr lettisches Selbstbewußtsein: ja, will denn gar keine ein wenig mehr Kenntnis über lettische Kultur, Mentalität, Geschichte und Politik in die übrige Welt tragen helfen? Aus dem Lettischen in anderen Sprachem kommunizieren können? Es müssen ja nicht gleich alle Übersetzer/innen werden (so viel Sprachtalent hat nicht jeder). Aber es gibt so etwas wie "sich selbst erfüllende Prophezeihungen" - wer für sich selbst nur die Rolle des dienenden, sich anderen unterordnenden, oder irgendwo zur Assimilation vorgesehen Menschen sieht - es könnte sich verwirklichen. Warum können etwas mehr Deutschkenntnisse nicht dazu beitragen, Deutsche und Deutschland zunächst mal etwas besser zu verstehen (und nicht immer nur von Schröder, Merkel und Putin daherzuschwadronieren - alle drei negativ natürlich ...)? Die 200 Wortmeldungen bei DELFI jedenfalls zeigen die Einseitigkeit der Thematik: die Nützlichkeit von Sprachkenntissen generell wird von niemandem bestritten. Viele legen sich aber offenbar, bevor sie damit anfangen, ein fest gezurrtes Weltbild zurecht, das nur noch wenige positive Überraschungen zuläßt. Wird Zusammenarbeit und Austausch zwischen Menschen heute nur noch virtuell gesehen? Lieber 500 Facebook-Freunde in Deutschland, die meine englischen Bruchstücke verstehen, als reale Kommunikation unter Freunden? Schade. Oder liegt der Sinn von "Freunden in Deutschland" allein darin, Letten günstige Gebrauchtwagen (in den 90er Jahren Wunsch Nummer 1) oder Arbeitsplätze in Deutschland (auf Kosten eigener Arbeitslosigkeit?) zu beschaffen? - Aber vielleicht bleibt es ja der gerade begonnen Veranstaltungsreihe vorbehalten, daran ein wenig zu ändern.

28. Februar 2012

Russisch wird nicht Amtssprache

Dies ist das Manuskript zum Artikel in den Baltischen Briefen.
Die Letten haben gesprochen. Sie wollen nicht, daß Russisch zweite Amtssprache wird. Daß dieses Referendum so ausgeht, war vorher nicht nur absehbar, sondern klar. Allein schon wegen des nötigen Quorums. 50% der Wahlberechtigten hätten mit ja stimmen müssen für eine Verfassungsänderung unabhängig von der Wahlbeteiligung. Wäre also nur jeder zweite an die Urnen gegangenen, hätte es einer 100%igen Zustimmung bedurft.
Es ging aber in diesem Referendum eigentlich nicht darum, ob Russisch zweite Amtssprache wird, auch wenn im Osten des Landes, in Lettgallen der Anteil der Russischsprachigen mancherorts so hoch ist, daß sich ein Fremder wundern mag, wieso die Menschen auf dem Amt nicht in ihrer Muttersprache sprechen können, wo im Alltag im Straßenbild diese Sprache allgegenwärtig ist. Es ging eher um eine Provokation.
Der Initiator des Referendums, Wladimir Linderman, ist ein in Lettland lebender und Lettisch sprechender Nichtbürger des Landes. So nennt man die Menschen, die über überhaupt keine Staatsangehörigkeit verfügen, aber ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht in Lettland haben und von diesem Staat mit dem grauen Paß auch über ein offizielles Dokument verfügen, mit dem sie visafrei nach Rußland und in der EU reisen können. Einzig gilt für sie nicht die Niederlassungsfreiheit. Linderman ist als Nationalbolschewist kein unbeschriebenes Blatt in Lettland.

Eine Provokation war das Referendum aus verschiedenen Gründen. Die eigene Sprache ist für die Letten nach 50 Jahren Sowjetherrschaft ein wichtiges Symbol. Damals war ihre Sprache wenigstens in der eigenen Republik zwar auch Amtssprache, im realen Alltag aber kam man vielleicht auf dem Land ohne Russischkenntnisse durch, gewiß aber nicht in der Stadt. Außerdem wurden die Letten durch die Ansiedlungspolitik der Sowjetunion beinahe zur Minderheit im eigenen Land.

Die Verfassung sieht vor, daß ein Referendum stattfinden muß, wenn die Initiatoren Unterschriften dafür von 10% der Wahlberechtigten vorlegen können. Diese Hürde ist nicht besonders hoch, bedenkt man, daß viele Russen Nachfahren von Menschen sind, die bereits vor der Sowjetzeit im Land lebten und deshalb automatisch Staatsbürger und viele weitere sich haben im Laufe der Zeit einbürgern lassen. Bei einer Bevölkerung von 2,2 Millionen ist mindestens ein gutes Drittel russisch. Den Status des Nichtsbürgers haben aber nur etwa 300.000 Menschen. Genug Potential also von Staatsbürgern russischer Nationalität. Eine weitere Provokation bestand nun darin, daß ab der erfolgten Einreichung der Unterschriftenliste beim Wahlamt der Staat die Kosten der Organisation der Abstimmung übernimmt.. Die Letten sollten also auf Kosten des Steuerzahlers über ihre eigene nationale Identität abstimmen. Das wurde von vielen Letten als absurd empfunden.

Dem entgegenzusetzen ist freilich das Bauchgefühl eines liberalen Europäers, der sich da fragt, wie kann es nach der Auflösung eines Vielvölkerstaates sein, daß seine nun unabhängigen Teilrepubliken nicht automatisch allen Einwohner die Staatsbürgerschaft zugesteht. Das war 1991 ein Problem, weil man nicht automatisch davon ausgehen konnte, daß diese sich plötzlich in einem fremden Nationalstaat wiederfindenden Russen Lettland gegenüber Loyal sein würden. Und gewiß waren und sind es viele bis heute nicht. Andererseits hat der lettische Staat in 20 Jahren diesen Menschen nur eingeschränkt vermittelt, daß sie in Lettland willkommen sind. Die Letten ziehen gerne Parallelen zu den Türken in Deutschland, die ja schließlich auch keine Schulen in der Muttersprache hätten und auf dem Amt nolens volens auf Deutsch kommunizieren müßten. Dieser Vergleich hinkt aus ganz vielen Gründen, aber im Punkt der Bemühung der Mehrheitsgesellschaft um die Integration der Minderheit gibt es sehr wohl auch Ähnlichkeiten. Ein Lichtblick ist gewiß, daß normalerweise einer einzelnen russischen Person gegenüber der Lette diese Rechnung des großen Ganzen nicht aufmacht und ohne Murren ins Russische wechselt – mit Ausnahme der jüngeren Generation, in der das viele gar nicht können.

Angenommen Russisch wäre zweite Amtssprache, würde sich dann in Lettland viel ändern? Zunächst einmal sicher nicht. Im Geschäftsleben beschweren sich manche Letten schon, daß Arbeitgeber Russischkenntnisse verlangen, damit russische Kunden in ihrer Sprache bedient werden können. Dennoch ist es selbst auf Ämtern völlig normal, daß des Lettischen nicht mächtige Russen in ihrer Sprache empfangen werden. Das mag in den 90ern manchmal noch widerwillig geschehen sein.

Ändern würde sich, daß alle Dokumente auch ins Russische übersetzt werden müßten und daß Russisch als Amtssprache eines EU-Landes automatisch auch Amtssprache der EU würde. Das wiederum würde mehr Geld kosten.

27. Februar 2012

Russisch als 2. Amtssprache in Lettland?

Das Referendum, das in Lettland Russisch als 2. Amtssprache einführen sollte, ist mit großer Mehrheit abgeschmettert worden.
Manche (z. B. Axel Reetz in den "Baltischen Briefen (2/2012)" verweisen auf Beispiele, wo Minderheiten eine eigene Amtssprache offiziell zugestanden wird. Schwedisch in Finnland oder Rätoromanisch in der Schweiz. Hier handelt es sich um Minderheiten, die eine lange, historisch gewachsene Tradition haben.
Seltsamerweise zieht hierzulande niemand einen eigentlich viel näher liegenden Vergleich: Wie wäre es, wenn Türkisch neben Deutsch als zweite Amtssprache eingeführt wird? Schon wenn türkische Politiker ihre Landsleute in Deutschland auffordern, doch bitte die türkische Sprache hoch zu halten, wird das unisono von den Grünen über die SPD bis zu CDU/CSU  als integrationsfeindlich zurück gewiesen. Wer hier in Deutschland lebt und arbeitet, soll Deutsch können. Und das bedeutet eben nicht Assimilation.
Es ist gerade 50 Jahre her, seit unsere türkischen Mitbürger/innen als Arbeitsimmigrant/inn/en nach Deutschland zu kommen begannen. Im selben Zeitraum wuchs aufgrund des Zustroms russischer Immigranten, die faktisch gleichfalls Arbeitsimmigranten waren, der russische Bevölkerungsanteil in Lettland. Mit dem Unterschied, dass die Letten - anders als die Deutschen - bis 1989 im eigenen Land gegenüber den Immigranten benachteiligt waren.
Es gab übrigens zwischen den Weltkriegen in Lettland und vor allem in Estland ein international anerkanntes System von Kulturautonomie für Minderheiten z. B. mit eigenen Schulsystemen und Repräsentanz der Minderheiten im Parlament.
Dieses Konzept diente als Vorbild für die Bonn-Kopenhagener Erklärungen, die 1955 die Anerkennung der jeweiligen dänischen bzw. deutschen Minderheit besiegelte.

21. Februar 2012

Abgestimmt - und was nun?

Klares Ergebnis, aber auch klare Defizite
Wie schon zu erwarten war, ist das Ergebnis der Volksabstimmung vom 18.Februar nicht besonders spannend. Zwar gab es auf der einen Seite offenbar wirklich jene, die Angst zu haben vorgaben, in Lettland würde nur noch Russisch gesprochen werden. Und auf der anderen Seite die anderen, die meinen allein schon die Abstimmung, an der ja nur Staatsbürger/innen teilnehmen konnten, sei wieder ein Beweis für die Benachteiligung der Russen in Lettland.
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Die große orthodoxe Kirche in Riga glänzt seit kurzem
mit neu vergoldeter Kuppel - für die christlich-orthodoxen
Gläubigen war das orthodoxe Weihnachten auch in
diesem Jahr ein normaler Arbeitstag
Allerdings gibt es einige Anzeichen dafür, dass die Integration der russisch-stämmigen in Lettland bisher noch nicht gelungen ist. Dort, wo die einen das Aufeinanderzugehen für vernachlässigbar halten ("ich habe ja im Alltag keine Probleme"), dienen die gegenwärtigen Umstände immer noch als Nährboden für Extremisten auf beiden Seiten.
Ich möchte mich diesen an dieser Stelle keinesfalls anschließen. Zunächst gibt es ein paar Beobachtungen mitzuteilen, nach dem Motto: vorher, nachher. Wer noch unsicher ist, welche Bedeutung das Abstimmungsergebnis für Lettland haben könnte, der könnte sich ja vielleicht an verschiedenen Stellungnahmen dazu orientieren, wie sie erst jetzt, nach Bekanntgabe des Ergebnisses, klar wurden.

Was nun, Herr Ušakovs?
Noch kurz nach den Parlamentswahlen des vergangenen Oktober sahen einige in Ušakovs den Prototyp des lettischen Russen, der als erster eine Brücke zu schlagen in der Lage sein könnte zwischen Letten und Russen der jungen, modern und weltoffen eingestellten Generationen. Dazu galt es einigen Ballast wegzuräumen, der von den bisher die Szene beherrschenden Demagogen auf beiden Seiten (lettische wie russische Nationalisten) hinterlassen wurde. Dazu gehört das Eingeständnis, dass Lettland zweimal widerrechtlich sowjetisch besetzt und der Sowjetunion gewaltsam einverleibt wurde, aber genauso das Eingeständnis, zu konkreten Schritten der Integration in die lettische Gesellschaft bereit zu sein, und nicht allein schon das Lettisch-Lernen und Lettisch-Sprechen als "Schritte zur Assimilation" zu verdammen. Zu all dem schien die Führung der Partei "Saskaņa" und auch Ušakovs (der selbst Lettisch genauso fließend wie Russisch beherrscht) bereit zu sein - Regierungschef Dombrovskis schlug die Koalitionsmöglichkeiten aus, und Neu-Parteigründer und Ex-Präsident Zatlers musste sein zwischenzeitliches Eingehen auf eine Möglichkeit mit den ungeliebten "Russen-Freunden" zu kooperieren mit heftiger Kritik aus dem Lager seiner Anhänger bezahlen.
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Rein werbetechnisch erschien in den Tagen der Volks-
abstimmung im öffentlichen Raum in Riga die Frage
der offiziellen lettischen Facebook-Seite wichtiger zu sein
als aktuelle politische Fragen
Dann kam Ex-Nationalbolschewist Lindermans mit seiner Idee eines Referendums zur Einführung von Russisch als zweiter Amtssprache und nutzte die Empörung im Lager der "Saskaņa"-Anhänger über die ausgeschlagene Regierungsbeteiligung. Heute tun Parteichef Jānis Urbanovičs und Spitzenkandidat Nils Ušakovs so, als wäre nicht nur dieses Referendum von ihnen persönlich initiiert worden, sondern als stünden sie auch kurz vor der Einleitung neuer Referenden - wie etwa zur Entlassung der Regierung (Pressestatement vom 19.2.).Und nicht nur das: Ušakovs behauptet auch, alle 273.347 "Ja"-Stimmen beim Referendum seien auch gleichzeitig so aufzufassen, dass diese damit "die gesamte Regierungspolitik der vergangenen 22 Jahre" für verfehlt erklären wollten (delfi.lv). Pardon, Herr Ušakovs, ich behaupte das Gegenteil: hätten sich die lettisch-orientierten Politiker auch nur ein wenig mehr bemüht, die Meinung und die Bedürfnisse dieser 273.347 Menschen mehr zu berücksichtigen, sie hätten in diesen 22 Jahren FAST JEDE Initiative unterstützt die in Richtung ihrer Interessen gegangen wäre! Geboten wurde ihnen aber nur "Schwarz-weiss": entweder pro-Russisch, oder pro-Lettisch. Ganz (zweite Amtssprache) oder gar nicht (zwangsweise Lettisch sprechen bei jeder Behörde, jedem Arzt, jedem Notfall). Andere, differenzierte Vorschläge gingen bisher unter, auch deshalb, weil sich im lettischen Lager die Einsicht noch nicht durchgesetzt hat, dass der Versuch der Ausgrenzung der russisch-stämmigen in Lettland längst keinen Sinn mehr macht. Das gilt auch für die andere Seite: das trügerische Aufrechterhalten der Hoffnung für die übrigen 200.000 Menschen, die noch keine ernsthaften Versuche zur Erlangung der lettischen Staatsbürgerschaft gemacht haben, sie bekämen in nicht allzu ferner Zeit auf wundersame Weise diese Staatsbürgerschaft geschenkt, ist unredlich.

Volksabstimmungen als Anschlag auf die Demokratie?
Eine andere Folge des Referendums ist es nun, dass Vorschläge zur Einschränkung des demokratischen Rechts der Initiierung eines Volksbegehrens / Referendums öffentlich diskutiert werden. So tritt etwa Arnis Cimdars, Chef der staatlichen Wahlkommission, für einen Vorschlag ein, unterschiedlich viele Unterschriften je nach Zielsetzung einer Initiative zur Ansetzung eines Referendums vorzusehen (DIENA 21.2.). Politiker wie Dzintars Ābiķis und Ainars Latkovskis, Vertreter der Regierungspartei "Vienotība", treten für eine Erhöhung der notwendigen Anzahl Unterschriften von derzeit 10.000 auf 100.000 ein - eine Verzehnfachung. Und auch Präsident Andris Bērziņš äußerte sich in der lettischen Fernsehsendung "Panorama" dahingehend, er sehe weitaus "modernere" Regelungen zur Durchführung von Volksabstimmungen bei den Nachbarn in Litauen und Estland.
Andere Überlegungen gehen in Richtung von Änderungen der lettischen Verfassung. Dadurch soll erschwert werden, "Grundbausteine des lettischen Staates" leicht verändern zu können.

Unterdessen wenden sich Repräsentanten derjenigen Gemeinden und Regionen, in denen sich bei der Volksabstimmung eine Mehrheit der Bürger für die Anerkennung von Russisch als Amtssprache ausgesprochen hatten, mit dem Vorschlag an die Regierung, Russisch als "Regionalsprache" anzuerkennen, also in bestimmten Regionen besondere Regelungen einzuführen. Die Liste der Vorschläge beispielsweise von Žanna Kulakova, Vorsitzender des Stadtrats von Daugavpils, reicht von der Finanzierung zusätzlicher Lettisch-Kurse, der Anerkennung des orthodoxen Weihnachten als lettischer Feiertag, bis hin zur Abschaffung von Geldstrafen im Falle der Nichtbeherrschung des Lettischen (TVnet/ LETA). In Daugavpils hatten sich 85,18% der Abstimmungsberechtigten, im Grenzbezirk Zilupe 90,25%, im Bezirk Daugavpils 65,79%, im Bezirk Krāslava 61,39%, in Rēzekne 60,29%, im Bezirk Ludza 59,69% und im Bezirk Dagda 52,52% FÜR Russisch als zweite Amtssprache ausgesprochen.

19. Februar 2012

3 : 1 für "Pret"

Ein "heißer Monat" - so beschreiben viele Letten den Februar 2012, trotz teilweise vorherrschender sibirischer Kälte. 1.092.908 wahlberechtigte lettische Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich an der Volksabstimmung des 18.Februar, das entspricht einer Wahlbeteiligung von 70,73% (vorläufige Ergebnisse). Damit entspricht das Ausmaß der Beteiligung ziemlich genau der ersten Volksabstimmung im wieder unabhängigen Lettland, die 1998 durchgeführt wurde (69,23% Beteiligte). Abstimmungsthema damals: das Staatsbürgerschaftsgesetz. Und auch beim EU-Beitrittsreferendum lag die Beteiligung ganz ähnlich hoch: bei 71,45%.
Auffälliger Unterschied zu damals: diesmal bildeten sich auch vor den lettischen Vertretungen einiger anderer EU-Staaten lange Schlangen von Abstimmungswilligen (72% der offiziell als im Ausland lebenden Letten haben mit abgestimmt - etwa 40.000 Personen). Die höchste prozentuale Beteiligung lag mit 77,1% in Riga.Die höchste Wahlbeteiligung nach 1991 hatten die ersten wieder freien demokratischen Wahlen 1993, als 89,9% der Stimmberechtigten zu den Wahlurnen gingen.
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Lettisch-Kundige sollten in den letzten Tagen und Wochen wohl vor allem ein Wort gelernt haben: "pret" (gegen). Für Lettisch, gegen Änderungen als alleinige Amtsprache. Den vorliegenden Ergebnissen zufolge haben sich 25% für Russisch als zweite Amtssprache ausgesprochen - rund 75% aber dagegen.

Plakatreklame auf den Straßen hatte es zwar nicht gegeben (eine Gruppe Studenten kratzte kurz vor der Wahl noch ein überdimensionales "Pret" aufs Eis der zugefrorenen Daugava). Verschiedene Parteien schalteten Radio- und Fernsehspots, und das staatliche Sprachenzentrum (Latviešu valodas aģentūra) produzierte Werbeclips fürs "pret"-Sagen mit ruhigem Gewissen (Clip1, Clip2, Clip3). Darin wird unter anderem die These vertreten, Lettisch sei "die einigende Sprache". In Lettland lebende Ausländer werden in diesen Clips mit Aussagen herangezogen: "ich lebe sechs Jahre hier. Ihr fahrt ins Ausland - dabei ist hier in Lettland so viel zu tun. Ich höre hier so wenig Lettisch - warum?"

ImageAuf diese Weise sollte offenbar auch an die zahlreichen Arbeitsemigranten appelliert werden, sich am Referendum zu beteiligen. Wenn auch sonst offenbar keine Rückkehrargumente für die Wirtschaftsmigranten gelten - der Erhalt des "einzigen Landes auf der Welt in dem Lettisch die Staatssprache ist" galt als starkes moralisches Argument auf der lettischen Seite. "Du sollst Deinen Staat lieben wie Deine Mutter" - diese Parole sah ich als Schlagwort in einer lettischen Zeitung - da scheinen auch ganz andere Träume oft ungeliebter Regierungspolitiker mit der vorherrschenden Februarstimmung des Jahres 2012 zu verschmelzen.

Ein Referendum benötigt in Lettland um erfolgreich zu sein die Zustimmung mindestens der Hälfte aller Wahlberechtigten (nicht nur aller Teilnehmenden!) - in diesem Fall also 771.350 Stimmen.Dieses Minimalergebnis wurde weit überschritten - bei ca. 261.000 lettischen Staatsbürgern, die Russisch als gleichberechtigte Sprache zu akzeptieren bereit waren. Im östlichen Landesteil Latgale stimmte sogar eine Mehrheit von 55,57% für die Referendumsinitiative (bei allerdings nur 60% Beteiligung).
29% der Einwohner Lettlands geben laut Umfragen Russisch als ihre Muttersprache an, 26,91% bezeichnen sich als ethnische Russen (Zahlen des Lettland-Instituts).

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Sehr viele der nach Abschluß der Volksbefragung von lettischen Fernseh- oder Radiosendern Befragten äußern sich sehr zufrieden über das Ergebnis. Ex-Nationalbolschewik Lindermans hat damit zumindest unter den Letten ein Gemeinschaftsgefühl wiedererweckt, dass seit der Bewegung zur lettischen Unabhängigkeit als im politischen Alltagsstreit untergegangen geglaubt war. Lindermans eigene Hoffnung, mindestens 300.000 Unterstützer zu bekommen, wurden mit dem Abstimmungsergebnis um 30.000 verfehlt. Stolz darauf, dass sich die Letten so deutlich und zahlreich zu einer klaren Stellungnahme zusammengefunden haben, schwingt in vielen Stellungnahmen von in den Medien befragten Menschen mit. Auch die Entlassung des gesamten Parlaments im vergangenen Jahr (ebenfalls durch Volksabstimmung) und anschließende Neuwahl hatte nicht ansatzweise ähnliches verursachen können.

Immer wieder wurde auch vorgebracht, man sei anfangs geschockt gewesen von dem Umstand, 20 Jahre nach der hart wiedererkämpften Unabhängigkeit noch über die scheinbare Selbstverständlichkeit, dass in Lettland Lettisch geredet wird, abstimmen zu müssen. Selbst Präsident Berziņš war offenbar zunächst der Meinung, man könne dieses Referendum - was ja absehbarerweise keine Mehrheit erreichen würde - einfach irgendwie ignorieren. Zum Schluß riefen aber auch alle lettischen Politiker zur Teilnahme auf: von Regierungschef Dombrovskis über Künstler und bekannte Persönlichkeiten bis hin zu Ex-Präsidentin Vīķe-Freiberga. Gleichzeitig betonen viele, im Alltag keinerlei Probleme mit im Lande lebenden Russen zu haben, und äußern ihre Hoffnung, dass durch die Diskussionen rund um dieses Referendum nicht neue Probleme geschaffen werden.
Anfang des Jahres hatte eine Gruppe Parlamentsabgeordnete eine Verfassungsbeschwerde eingereicht mit der Begründung, ein Referendum könne nicht durchgeführt werden, wenn es gegen die bestehende Verfassung gerichtet sei - das Verfassungsgericht stimmte dem aber nicht zu und lehnte es ab, das Referendum mit einer solchen Begründung zu untersagen.

Leicht ironisch schauen die litauischen und estnischen Nachbarn auf ihre baltische Schwester, nicht ohne jeweils zu erklären, Ähnliches sei im eigenen Land völlig unmöglich. Vielfach führen Kommentare anderer ausländischer Medien die erfolgreiche Unterschriftenkampagne die eine Volksabstimmung zwingend notwendig machte auch auf das relativ gute Abschneiden der als Russen-freundlich geltenden Partei "Saskaņa" und deren Nicht-Beteiligung an der neuen lettischen Regierung zurück. Die Führung der "Saskaņa" in Person des Parteichefs Jānis Urbanovičs und des Rigaer Bürgermeisters Nils Ušakovs haben sich beide dahingehend geäussert, sie würden ihren Wählern empfehlen sich für Russisch als zweite Amtssprache in Lettland einzusetzen - eine abgestimmte Position der gesamten Partei gibt es in dieser Frage nicht. Umfragen hatten auch schon im Januar das Unterstützungpotential zur Gleichstellung des Russischen auf 25% der Einwohner geschätzt. 

Eine Vereinigung von 20 verschiedenen Gruppen kultureller Minderheiten in Lettland hatte sich öffentlich ebenso wie beispielsweise die jüdische Gemeinde für Lettisch als einzige Staatssprache ausgesprochen. Der Vorsitzende der jüdischen Organisation Šamir, Rabi Menahem Barkahan, wird mit den Worten zitiert: "Die Staatssprache zu kennen und zu gebrauchen, bedeutet zuerst und zuvorderst das Land zu respektieren wo du lebst - die Kenntnis anderer Sprachen kennzeichnet hingegen den kultivierten Menschen." Die lettische Regierung stellt gegenwärtig staatliche Gelder für Bildungseinrichtungen von acht Minderheitengruppen und -sprachen bereit: Russisch, Polnisch, Häbräisch, Ukrainisch, Estnisch, Litauisch, Roma und Belorussisch.

In Lettland (mit seinen laut neuesten Volkszählungsergebnissen noch knapp 2 Millionen Einwohnern) besitzen gegenwärtig von den 603.125 Menschen, die sich als Russen bezeichnen, 363.921 die lettische Staatsbürgerschaft.
Der Stadtrat Riga, in dem gegenwärtig die "Saskaņa" den Bürgermeister stellt, hatte zuletzt versucht Sympathien auf allen Seiten zu gewinnen: 65.000 Lat (ca. 93.000 Euro) hat der Stadtrat Riga in diesem Jahr bereit gestellt um für insgesamt 1130 interessierte Bürger den kostenlosen Besuch von Lettisch-Kursen zu ermöglichen. Die Teilnahmeplätze waren schnell vergeben - nun wird überlegt, wegen der hohen Nachfrage weiteres Geld für diesen Zweck bereit zu stellen.

Ergebnisse der Volksabstimmung:
Beteiligung
Abstimmungsresultate

21. Januar 2012

Von Sprache und Verständnis

Am Samstag, den 18.Februar 2012 werden alle wahlberechtigten Einwohner Lettlands erneut zu einer Volksabstimmung an die Wahlurnen gerufen werden. Nein - diesmal geht es nicht schon wieder um eine vorzeitige Entlassung des ganzen Parlaments (obwohl manche auch daran sicherlich Vergnügen hätten). Es geht - rein rechtlich gesehen - um die Änderung der Verfassungsparagraphen 4., 18., 21., 101. und 104., und damit um die Forderung nach Einbeziehung der russischen Sprache als gleichberechtigt nutzbarer Sprache auf den Ebenen des Parlaments, der regionalen Selbstverwaltung und der Informationen an Bürgerinnen und Bürger. Bis zum Freitag dieser Woche hatte ein Teil der Politiker und Parteien noch darauf gehofft, die Konfrontation einer Volksabstimmung vielleicht umgehen zu können; aber das lettische Verfassungsgericht wählte nicht diesen scheinbar bequemen Weg, das Referendum kann stattfinden. Nun könnte man fragen: kann das sein - darf das sein? Durch eine öffentliche Abstimmung essentielle Grundsätze der lettischen Verfassung in Frage stellen, die doch erst durch harte und langwierigen Einsatz im Zuge der lettischen Unabhängigkeitsbewegung wieder in Kraft gesetzt werden konnte?

Keine gemeinsame Sprache möglich?
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Es runāju Latviski – tu ari?
Ein Volksbegehren kann von Bürgern in Lettland dann eingeleitet werden, wenn mindestens 10.000 der Wahlberechtigten ihre Unterschrift dazu geben. In den vergangenen Jahren war eher zu beobachten gewesen, dass zwar radikal lettisch-nationalistische und radikal russisch-nationalistische Aktivisten sich gegenseitig zu immer neuen lautstarken Versuchen anstacheln den angeblich großen Rückhalt ihrer Pauschalisierungen und vereinfachten Denkweisen in der Gesellschaft nachweisen zu müssen - aber immer glaubten die eher liberal Eingestellten darauf hoffen zu können dass beide extreme Richtungen eine Randerscheinung bleiben. Unterschriftenaktionen der Nationalisten zum weitergehenden Ausschluß des Russischen aus dem öffentlichen Leben (z.B. Schulunterricht nur in Lettisch) waren zwar immer wortgewaltig und erzeugten die (gewünschte?) Reaktion in Moskau und in der russischen und manchmal in der internationalen Presse, waren aber weit davon entfernt mehrheitsfähig zu sein. Für viele Letten wurde das Zusammenleben mit russischsprachigen Mitmenschen in sofern auch nach der lettischen Unabhängigkeit normal, als dass man sich gegenseitig in Ruhe ließ. 

Warum hätte es also mit dem Versuch, Russisch als zweite offiziell gleichberechtigte Sprache per Volksabstimmung durchzusetzen, anders ausgehen sollen? Vielleicht war es aber die allgemeine Stimmungslage nach den politischen Hängepartien des Jahres 2011, vielleicht auch die wiederholte Nicht-Berücksichtigung der russisch orientierten Parteien bei der Regierungsbildung. Bis gestern haben vielleicht viele Letten gedacht: es wird schon an uns vorüber gehen, uns überhaupt zu einer von russischer Seite vorgetragenen Initiative verhalten zu müssen. Wer wird schon für eine solche Initiative unterschreiben, wenn nur Unterschriften volljähriger lettischer Staatsbürger gezählt werden dürfen? 12.533 Unterstützer gaben im November die Antwort (siehe Blogbeitrag). Nun gut, wenn es schon stattfinden muss, vielleicht könnte man einfach gar nicht hingehen? Wenn die Initiative schon gegen Teile der Verfassung gerichtet ist - vielleicht verbietet das Verfassungsgericht die Abstimmung? Jetzt erst schwenken die Politiker um: Regierungschef, Parlamentspräsidentin und Präsident rufen nun unisono zur Beteiligung am 18.Februar auf.

Wir und die anderen
Dabei erscheint die Atmosphäre zunehmend vergiftet. In Diskussionen wird kaum ein Argument akzeptiert, das "der anderen Seite" nützlich sein könnte. Manchmal scheint die Denkweise der lettischen Seite auch immer noch von Verächtigungen gegenüber "Agenten" und "Verrätern" bestimmt, und von Mißtrauen gegenüber "Wende-Kommunisten" sowieso. 
ImageVom Eingeständnis der Okkupation Lettlands durch die Sowjettruppen schwenkte auch Bürgermeister und Oppositionsführer Ušakovs auf die Unterstützung der Unterschriftenkampagne um – seine Partei „Saskaņas Centrs“ hätte vielleicht in der Gefahr gestanden, die Initiative und damit an Ansehen zu verlieren innerhalb der potentiellen Wählerschaft. Auch nach 20 Jahren Unabhängigkeit, 20 Jahre selbst für die Geschicke des eigenen Landes verantwortlich sein, haben Korruption, soziale Ungleichheit, fehlende angemessen bezahlte Arbeitsplätze und individuelle Extratouren vieler Politiker und Geschäftsleute immer noch kein ausreichendes Vertrauen darin hervorrufen können in den Nutzen demokratischer Instutionen. Viele denken allenfalls in "Notlösungen": wer überlebt, seine Familie ernähren kann und dafür nicht gleich auswandern muss, hat schon viel erreicht. Das Vertrauen, mitbestimmen zu können, gehört zu werden, gerecht behandelt zu werden, gehört bei vielen immer noch nicht dazu - ob russisch oder lettisch sprechend. Und diejenigen, die sich vielleicht materiell selbst einigermaßen absichern konnten - wer von denen zeigt sich dann noch sensibel und gleichzeitig engagiert für die Belange der gesamten Gesellschaft, also nicht nur der eigenen?
Wird eine per Volksentscheid entschiedene Frage der offiziellen "Staatssprache" etwas zum Positiven ändern? Momentan sieht es eher aus wie einer neue Chance zur Verhärtung der Extreme. Auf der einen Seite werden Reden gehalten, nun müssten "alle Letten zusammenstehen" um "Freiheit, Sprache und unsere alten Werte" zu retten (so Nationalistenführer Raivis Dzintars). Und während absehbar ist, dass auf dem Referendumswege keinesfalls eine Mehrheit für Russisch als zweite Amtssprache erreichbar sein wird, reden sich eben andere auch schon wieder für die Beschimpfungen warm, ganz Lettland sei eben undemokratisch. Wie das Klima zwischen den beiden großen Volksgruppen in Lettland nach dem Referendum aussehen könnte, bleibt im Hinblick auf hier notwendige pragmatische Visionen ziemlich unklar.

Lettische Verfassung (engl. Sprachfassung)
Lettische Verfassung (lettischer Text)
Übersicht zu den vorgeschlagenen Änderungen (lettisch)

25. März 2010

Sprache erneut als politische Waffe?

Die Partei Für Vaterland und Freiheit initiiert eine Unterschriftensammlung für ein Referendum, daß künftig in staatlichen Schulen die Unterrichtssprache nur noch Lettisch sein darf. Angesichts eines hohen Anteils russischsprachiger Bevölkerung in Lettland ist das Thema Sprache seit langem ein heißes Eisen und seit der Unabhängigkeit 1991 regelmäßig auch ein politisches Instrument.

Angesichts der schlechten Umfragewerte von Für Vaterland und Freiheit, die um den Wiedereinzug ins Parlament bangen muß, ist diese Referendumsidee nur wahlkampfstrategisch zu verstehen. Aber auch dann ist es ungewöhnlich, weil die aggressive Politik gegen die russische Minderheit von Für Vaterland und Freiheit, die 1993 noch alle Russen am liebsten außer Landes gewiesen hätten und jene des deutschen Joachim Siegerist nicht mehrheitsfähig war. Dieser in Deutschland vorbestrafte Konservative hatte sich der Unabhängigkeitsbewegung angeschlossen, die sich später mit den Nationalisten vereinigten.

Der Initiator, der früherer Justizminister Dzintars Rasnačs ist optimistisch, bis Mai 10.000 Unterschriften zu sammeln und die erforderlichen 10% der Wahlberechtigten bis etwa einen Monat vor den Wahlen im Herbst zu vervollständigen. Das Referendum könnte dann Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres stattfinden.

Ob die Partei mit dieser Strategie erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten. Bereits frühere Regierungen sind mit ihren Sprachgesetzen an Ex-Präsidentin Vaira Vīķe-Freiberga gescheitert. Es gab sogar mal die Idee, Veranstaltungen in anderen als der einzigen offiziellen Staatssprache, als des Lettischen, nur mit Simultanübersetzung stattfinden dürften.

Was aber noch schwerer wiegt ist die öffentliche Meinung. Die Zeiten der scharfen Konflikte sind eigentlich ebenso vorbei wie jene, als viele Forderungen teilweise nachvollziehbar waren oder auch eine kopfschüttelnde Öffentlichkeit in Westeuropa Lettland schwere Vorwürfe machte. Die Sowjetunion hatte beispielsweise im Infrastrukturbereich vorwiegend Russen beschäftigt. Das Ergebnis war, daß es Anfang der 90er Jahre schwierig war, am Kartenschalter des Rigaer Hauptbahnhofes auf Lettisch einen Fahrschein zu erwerbe. Und die staatlichen Kontrolleure, die den Gebrauch der Staatssprache im öffentlichen Raum prüften schafften es mit ihrer Bestrafung von Marktfrauen in ausländische Fernsehberichte. Zwischen 1993 und 2001 gab es eine Mission der OSZE in Riga.

Bestes Beispiel für die Beruhigung der Gemüter bildete eine Novelle des Bildungsgesetzes 2004, nach der auch an russischen Schulen der muttersprachliche Unterricht auf 40% beschränkt wurde. Man befürchtete am traditionellen Schuljahresbeginn, dem 1. September, Ausschreitungen zwischen lettischen und russischen Schülern – doch es nichts geschah.

Bezüglich der neuen Ideen von Für Vaterland und Freiheit erklärte die Rektorin der Rīnužu Mittelschule in Riga, Viktorija Verhouska, gegenüber der Zeitung Neatkarīgā, daß die Schüler keine Schwierigkeiten hätten auf Lettisch zu lernen, da Kinder sich Sprachen schnell aneigneten. Aber alle Fächer ausschließlich auf Russisch zu unterrichten, erlaubte es dem Nachwuchs nicht mehr, in einer Umgebung der Traditionen ihrer Nationalität aufzuwachsen und die eigene Muttersprache ordentlich zu erlernen.

Der Rektor des Rigaer Klassischen Gymnasium, Roman Alijev, fügt hinzu, daß vor allem die Ausbildung der Lehrkräfte verbessert werden müßte, da mitunter die Schüler im bilingualen Unterricht besser Lettisch sprächen als die Lehrer. Genau darin besteht das Hauptproblem. Ein großer Teil des Lehrkörpers hat noch zu Sowjetzeiten studiert und beherrscht deshalb die Staatssprache nicht hinreichend.

Der Chef der Kontrolle des Staatssprachenzentrums, Antons Kursītis, ist der Ansicht, daß 20 Jahre nach Verabschiedung des Sprachgesetzes die fehlenden Sprachkenntnisse nicht lettischer Lehrer eher auf fehlenden Willen handele und weist auf die Gefahr hin, daß die Schüler durch ein schlechtes Sprachniveau ihrer Lehrer Lettisch ebenfalls fehlerhaft erlernten. Der Inspektor gibt außerdem zu bedenken, daß nur in russischen Schulen Strafen wegen Nichtverwendung der Staatssprache vorgekommen seien, nicht aber in estnischen, litauischen und polnischen Schulen. Russisch Schulen, so sein Urteil, trügen dazu bei, eine gespaltene Gesellschaft zu erhalten.

Nach Angaben der Behörde gibt es keine regelmäßigen und flächendeckenden Kotrollen. Der Unterricht werdehospitiert, wenn eine Beschwerden über eine konkrete Lehrkraft vorliege. Die Strafe für fehlerhaftes Lettisch beträgt 25 bis 50 Lat. Im Falle einer Bestrafung besucht der Inspektor ein halbes Jahr nach der ersten Kontrolle die Schule erneut und der Verstoß wird im Wiederholungsfalle mit 100 Lat geahndet.

Daß die Bildungsreform von 2004 sich behauptet hat, sieht die Behörde durch die Ergebnisse der zentralisierten “Abiturs” bestätigt. Einstweilen haben die Schüler ethnischer Minderheiten ein Examen in Lettisch, während die Letten selbst in Lettisch und Literatur geprüft werden. In zwei Jahren sollen diese Prüfungen vereinheitlicht werden, das Sprachniveau also gleich sein.

Schon heute belegen die Ergebnisse der Schüler in den Naturwissenschaften allerdings bei den Minderheiten bessere Kenntnisse. Seit 2007 werden die Fragen für die zentrale Prüfungen nur noch auf Lettisch ausgegeben, wobei die Schüler bei der Beantwortung die Sprache auswählen dürfen. 60% entscheiden sich für Lettisch.

24. März 2010

Das vermeintliche EU Babel

In den 90er Jahren wollte die Bevölkerung des Baltikums so gut leben wie die Westeuropäer. Trotzdem gab es erhebliche Zweifel in der Gesellschaft, ob nach der endlich errungenen Unabhängigkeit gleich wieder der Weg in eine Union gesucht werden müsse. Einfache Menschen verstanden oft nicht, daß der Begriff Union bei den Sowjets und in Europa nicht identisch zu verstehen ist. Gurkenkrümmung und Schließung der beiden Zuckerfabriken in Lettland schienen dem zu widersprechen. So viel zum Mißtrauen gegenüber Brüssel.
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Als jüngst für Estland und Lettland, und eben nur für diese beiden Länder, Brüsseler Informationsmaterial auch auf Russisch erschien, schrillten die Alarmglocken. Nicht alle Sprachen der EU-Länder sind tägliche Verkehrssprachen, aber doch offizielle Sprachen. Für die Übersetzung aller Dokumente in diese Sprachen gibt es einen speziellen bürokratischen Apparat. Aber auch wenn Russisch viele Einwohner und auch Staatsbürger in Estland und Lettland ihre Muttersprache nennen, ist sie keine offizielle Sprache der EU.

In Lettland wurden gleich wieder die Gastarbeiter, besonders die Türken in Deutschland und Österreich vorgeschoben, deren Bevölkerungsanteil in aller Regel bei weitem überschätzt wird. Auf Türkisch sei das Material ebenfalls nicht erschienen und auch nicht auf Katalonisch oder Baskisch.

Brüssel beeilte sich mit einer Entschuldigung.

Tatjana Ždanok, die zu Hause der Russenpartei Für die Rechte des Menschen in einem integrierten Lettland angehört, sitzt im EU-Parlament bei Europas Freier Allianz. Sie war 1991 gegen den Zerfall der Sowjetunion und sagt heute, daß in Lettland 40% und in Estland 30% der Bevölkerung Russen seinen. Dies sei Grund genug, dieser Sprache den Status der offiziellen Landessprache zuzugestehen.

Beide Kritiker wandten sich mit ihrer Ansicht an die zuständige EU-Kommissarin Viviane Reding.

Die Sprachthematik ist nach wie vor in Estland und Lettland hochaktuell. Seit der Unabhängigkeit hat sich die Situation ins Gegenteil verkehrt. Früher sprachen eigentlich alle Balten, insbesondere in Lettland, Russisch mehr oder weniger gezwungenermaßen wie ihre zweite Muttersprache, während die zugewanderten Russen weder im öffentlichen Leben dazu gezwungen, noch von der Obrigkeit dazu ermuntert wurden, die Sprache der Sowjetrepublik zu lernen, in der sie lebten. Heute lernen die jungen Russen bereits in der Schule die Landessprache, Russisch rückte aber hinter westlichen Fremdsprachen bei jungen Esten und Letten in den Hintergrund.

Kürzlich diskutierten die Eltern von Schülern einer elitären Mittelschule in Riga über die zweite Fremdsprache für ihre Sprößlinge. Es kam zu erhitzten Debatten zwischen Deutsch und Russisch. Richtig ist, daß auf dem Arbeitsmarkt, in der freien Wirtschaft Russisch verlangt wird. Die Bedeutung des Russischen ist also weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft zu unterschätzen.
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Ein Kommentar sei dem Autor dieser Zeilen erlaubt. Sprachkenntnisse sind immer ein Vorteil. Die Zugänglichkeit von Informationen in mehreren Sprachen ebenfalls. Daß die EU eine Broschüre ins Russische übersetzt, kann bei der Integration auch jenes Teils der russischen Bevölkerung, der eben Estnisch und Lettisch nicht beherrscht, nicht schaden. Und in diesem Sinne würde die Übersetzung ins Türkische, einem Land, das immerhin EU-Beitrittskandidat ist, ebenfalls nicht schaden. Arabisch, Chinesisch, Hindu – warum nicht. Mit Spanisch und Portugiesisch werden andere große Ökonomien außerhalb Europas bereits abgedeckt. Letztlich ist die Übersetzung in Sprachen der G20 Staaten, um einfach ein Beispiel zu nehmen, eher eine Frage der Finanzierung, nicht der Nützlichkeit.

23. August 2009

Wichtigste Frage gelöst: Wie werde ich Lette?

Diese Frage bewegt viele Menschen: wie werde ich Lette? Es ist zu vermuten, dass die eindringliche Verbindlichkeit dieser Frage selbst gestandene Lettinnen und Letten verunsichern kann: warum bin ich Lette? Was unterscheidet mich von anderen Menschen, die keine Letten sind? ImageOder welche Sprüche und Behauptungen sind über die Letten im Umlauf, die aber - genauer besehen - gar nicht anders ausfallen als bei anderen Menschen auch?

Sie merken: es geht hier nicht um die Fragen der Staatsbürgerschaft. Wohl aber geht es um alle Varianten von möglichen Antworten auf die Frage: was muss ich tun, um zum Letten zu werden? Inklusive der Antwort: das ist nicht möglich.

DAS es möglich ist, daran möchte Ruedi (lett. "Rūdi" - von einigen Letten auch "Rūdplesis" genannt) keinen Zweifel lassen. Als Schweizer, in Lettland lebend, macht er daraus ein Kunstprojekt. "Jede Woche einen Schritt weiter, auf dem Weg Lette zu werden" -Image mit diesem künstlerischen Anspruch dokumentiert RUEDI sein Projekt per Blog, Twitter und Video in drei Sprachen: lettisch (natürlich!), Deutsch und Englisch.

Schritt 1 (da hätten wir drauf kommen können!): Anfrage beim "Lettischen Institut" in Riga. Dessen Leiter Ojārs Kalniņš empfiehlt Ruedi: Auf jeden Fall musst Du lernen Pilze sammeln zu gehen! Labi, könnte man (lettisch) denken: Pilze sammeln aber auch andere Leute als nur Letten? "Es ist ja nur ein erster Schritt", mag sich Ruedi vielleicht denken, und fügt hinzu: "Schickt mir Vorschläge und Ideen! Was muss ich tun, um Lette zu werden?". Lette sein, und KEINE Pilze zu sammeln, na gut, das wäre jedenfalls wenig typisch.


Zweiter Schritt: eine Straßenumfrage. "Was muss ich tun, um Lette zu werden?" - "Es braucht Mut für einen Ausländer, hier in Lettland zu leben. Hier gibt es nicht die hohen Rentenansprüche, wie in Westeuropa," so antwortet eine Frau auf dem Blumenmarkt in Riga. "Und du musst Rosen kaufen, die hier in Lettland gewachsen sind, nicht solche aus Holland!" Und eine Lebensmittelverkäuferin ergänzt: "Sie sollten eine Zeitlang in Lettland leben. Dann werden Sie mit der Zeit merken, ob Sie dann immer noch zum Letten werden wollen!" Und nach einer Weile ergänzt sie: "wenn Sie hier leben, werden Sie mit der Zeit ganz von selbst zum Letten werden. Sie essen lettisches Essen, gewöhnen sich an die Traditionen: Sie müssten mal lettische Schweinerippchen mit Sauerkraut versuchen!"

Erste Erkenntnis beim Thema Essen: die Antworten verschiedener Generationen unterscheiden sich. Während eine ältere Verkäuferin noch glaubt, ein "Amerikaner" werde sich nie an lettische Gerichte gewöhnen, antwortet ein junges Pärchen auf dieselbe Frage: "Geh zu McDonalds. Oder kauf Dir eine Tiefkühlpizza, fahr nach Hause und mach sie Dir in der Mikrowelle warm. Dann bist Du ein typischer Lette!"

Ruedis Blog



Erklärung von Ojars Kalnins, Direktor des Lettischen Instituts, zum Kunstprojekt von Ruedi (engl.)

19. August 2009

Partnertreffen mit Polizeibetreuuung

Lettland in der Krise - wie kann deutsch-lettische Partnerschaft helfen? Diese Fragestellung tauchte auch beim 3.Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum vom 12.-16.8. 2009 in Selm-Bork (Nordrhein-Westfalen) immer wieder auf. Ein Treffen, zum großen Teil finanziert durch Gelder der Europäischen Union, das auf ungewöhnlichem Terrain stattfand: auf dem Trainingsgelände der nordrhein-westfälischen Polizei (= NRW-Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten d. P.). ImageDa die zahlreich angereisten lettischen Gäste hier ja nicht "zur Abhärtung" über Trainingsparcours gescheucht wurden, konnte man die Annehmlichkeiten dieser sorgfältig umzäunten und für 700 Polizeianwärter großräumig ausgelegten Anlage genießen und hier, auf gut bewachter Dienstreise, die Sorgen des Alltags in Lettland zu vergessen versuchen.

Krisenstimmung
775 Millionen Euro musste Lettland Ende vergangenen Jahres zur Rettung der maroden PAREX-Bank einsetzen. Damit war die Krise da - daran erinnerte nochmals Ilgvars Kļava, Botschafter Lettlands in Deutschland, in einem Gastvortrag in Selm. Weitere 1,2 Milliarden Euro wurden zur Stabilisierung der Bankgeschäfte eingesetzt - etwa ein Fünftel des gesamten Staatshaushalts. Auch in Estland und Litauen gab es ähnliche Schwierigkeiten, aber keine Bankpleite wie Parex - hier liegt der Unterschied für Lettland, meinte Kļava. Seit 2004 konnte Lettland mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum um die 10% rechnen, für 2008 ist nun ein Rückgang um 18% vorausgesagt. "Ähnlich große wirtschaftliche Schwerigkeiten hatten wir nur kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion," sagt Kļava, "nun liegt dies wie eine schwere Last auf den Schultern aller Einwohner Lettlands."

Drastisch zurückgehende Steuereinnahmen, Sparzwang in den öffentlichen Haushalten, steigende Arbeitslosigkeit, Schwierigkeiten in fast allen öffentlich subventionierten Sektoren - so auch bei der Polizei, dem Gesundheitswesen, den Schulen und Hochschulen. ImageWo Lehrern bis zu 40% ihres Lohnes kurzfristig gekürzt werden, ganze Kranken- häuser von Schließung bedroht sind, und die Schließung der lettischen Polizeiakademie bereits beschlossene Sache zu sein scheint - was können deutsch-lettische Städtepartnerschaften daran ändern?

Nein, Resolutionen an die zuständigen Regierungen suchte man auf dem Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum vergebens. Auch Elmar Brok, Vorsitzender der Europaunion und Abgeordneter im Europaparlament, wurde eher wie ein "Freund der Familie" empfangen, und beantwortetet Fragen nach mehr Bürgerbeteiligung professionell mit einem schlichten "Wenden Sie sich an mein Büro". Auch das abendlich auf dem Polizeisportplatz abgebrannte Feuerwerk hätten sich manche der Teilnehmer auch lieber direkt in praktisch angewandte Hilfsmaßnahmen umgewandelt gewünscht.

Sorgen hier und dort
Deutlicher vernehmbar war da die vorsichtige Anfrage von deutscher Seite, ob nicht doch wieder eine vermehrte Berechtigung bestünde, Aktionen humanitärer Hilfe neu aufzulegen. Vorsichtig deshalb, weil viele sowohl auf der öffentlichen wie
persönlichen Ebene mit ihren Partnern inzwischen dahingehend überein gekommen sind, dass nur Aktionen mit gegenseitigem Wert wirklich einen Sinn haben. Wer sich allzu leicht selbst als "Retter Lettlands" ausruft, Geld oder Dinge aus 2.Hand sammelt, um sie dann in aufwändigen Transportaktionen und selbstverständlich mit Pressebegleitung nach Nordosten zu transportieren, der könnte auch übersehen, wie bessere Wirkung vor Ort auch mit einfacheren und vor allem lokalen Mitteln erreicht werden könnte.

Insbesondere die aktiven Partnerschaften des Kreises Gütersloh und der Gemeinden Willich (NRW) und Handewitt (Schleswig-Holstein) bildeten den Kern dieser Diskussion, denn sie konnten die bereits aus langjähriger Zusammenarbeit persönlich bekannten Personen aus Lettland nach Selm einladen (weitere auf deutscher Seite durch Teilnehmer vertretene Städte und Gemeinden z.B. Bremen, Bordesholm, Bodenteich, Darmstadt, Dülmen, Halle, Harsewinkel, Melle, Köln).
Image So entwickelte sich eine erstaunlich offene Diskussion, die auch die auf lettischer Seite vor- handenen latenten Ängste nicht unter den Tisch kehrte: werden nicht unsere (lettischen) besten Kräfte angesichts der Lohneinbußen unserem Land wieder vermehrt den Rücken kehren? Sogar den Jugendaustausch und auch Studierende in Deutschland begleiten oft solche Befürchtungen: wenn unsere Kinder erstmal sich an das Leben in Deutschland gewöhnt haben, werden sie auch zurückkehren und das aufbauen helfen, was hier (in Lettland) so dringend notwendig ist?

Deutsch anbefohlen - Lettisch bei Seite gelassen
Deutsch nimmt ab - Russisch nimmt zu. Auf dem Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum waren Zahlen zu hören: 2008 lernten noch 13% der Schülerinnen und Schüler in Lettland Deutsch - etwa 236.000 Lernende sind das, knapp über 500 Lehrende. An dem Motto "Deutsch hat Zukunft" arbeiteten sich in einem Arbeitskreis des Partnerschaftsforums deutsche und lettische Gäste gemeinsam ab. Englisch miteinander zu reden, das scheint vielen (Deutschen) hier nach eigenem Bekunden nur ein gruseliges Gefühl auszulösen. Verwunderlich allerdings, dass gleichzeitig niemand auch nur den Finger heben wollte um Lettischkenntnisse und die Förderung von Lettischkursen in Deutschland zu bestärken. Da gingen selbst einige der geladenen Polit-Referenten gleich mehrere Schritte weiter - die Notwendigkeit gleichberechtigter und wechselseitiger Maßnahmen betonend.

Gut angelegtes Geld
Insgesamt läßt sich berichten, dass die 30.000 Euro, die seitens der EU als Unterstützung für dieses Vernetzungstreffen deutsch-lettischer Partnerschaftsinitiativen bereit stellte, sicherlich gut angelegt waren. Immerhin sind ähnliche Bemühungen, zu einem Erfahrungsaustausch zwischen verschiedenen Menschen und Gruppierungen mit deutsch-lettischem Hintergrund zu kommen, bereits über 10 Jahre her (1997 in Düsseldorf, 1993 in Bonn-Annaberg). ImageOb diejenigen, die sich in Selm-Bork unter vorzüglicher Polizei- betreuung trafen, in der Lage sein werden, dieses Netz weiter zu knüpfen, das muss allerdings abgewartet werden. Es gibt bisher weder eine gemeinsame Basis der Zusammenarbeit (Satzung oder Verein), noch demokratisch strukturierte Regeln der Vernetzung und Beschlußfassung.

Wer repräsentiert hier eigentlich wen (und mit welchem Ziel)? Diese Frage musste allzu oft undiskutiert im Raum stehen bleiben. So blieb vorerst jeder bei seiner persönlichen Zielsetzung: für die einen ist das Deutsch-Lettische Partnerschaftsforum ein wenig Ersatz (Spielwiese?) für allzu zögerliche Bürgermeister innerhalb bestehender Gemeindepartnerschaften, für die anderen schlichtweg Mittel zur eigenen Öffentlichkeitsarbeit (mit Tendenz zum Zimmern an persönlichen "Denkmälern"). Und trotz jahrelanger Bekanntschaften sowohl unter den deutschen wie den lettischen Teilnehmern erscheint die beliebteste Form der gemeinsamen Beschlußfassung bisher noch die reine Akklamation zu sein: per bürgermeisterlicher Verkündung wurde das nächste (dann vierte) Deutsch-Lettische Partnerschaftsforum für Ende August 2010 im lettischen Salacgriva angekündigt.

Weitere Infos:
Eindrücke vom Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum in Selm-Bork 2009

Informationen des Deutsch-Lettischen Freundeskreises Willich

Partnerschaft der Kreise Gütersloh (D) und Valmiera (LV)

LAFP Selm

12. Mai 2009

Die Letten und die Krise

Das Thema “Wirtschaftskrise” ist schon seit Monaten das wichtigste Thema der lettischen und ausländischen Medien. Obwohl die Krise Lettland besonders hart getroffen hat, verlieren die Letten auch nicht in den schwierigen Zeiten ihren Mut, Humor und Kreativität und schöpfen neue Kräfte in ihrer eigenen Kultur und Sprache.
Sie fangen mit dem symbolischen Träger der Krise an – mit der Sprache – und verwandeln das Fremdwort “Krīze” (Deutsch “Krise”, gr.-lat. Herkunft), das in vielen Sprachen ähnlich klingt, in ein neues lettisches Wort: dižķibele. Obwohl das Neuwort am Anfang mit Skepsis angenommen wurde, ist es jetzt in aller Munde. Ins deutsche übersetzt bedeutet dižķibele “Großpech”, dabei ist “dižs“ ein erhabenes Wort für „groß“ das normalerweise in der Poesie verwendet wird.